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Full text of "Sexualpathologie ein Lehrbuch für Ärzte und Studierende"

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Sexualpathol.. 




Magnus Hirschfeld 



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Sexualpathologie 

Ein Lehrbuch 

für Ärzte und Studierende 

Von 

Dr« med. Magnus Hirschield 

Sp«ziftUurzt fttr ii«rvdt« «ad ptychitche Leid«A In Berlia- 



Zweiter Teil 



BONN 1918 
A* Marcus & E.Webers Verlag 

Dr. iur. Albert Ahn 

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Sexuelle Zwischenstufen 



Das männliche Weib und .der weibUche Mann 



Von 



Dr. Maj[nus ]^rschfeld 

Sanität«rat in Berlin 



Mit zwanzig Photographien auf sieben Tafeln 



BONN 1918 

A. Marcus 8i E.Webers Verlag 
Dr. iur. Albert Ahn 




Nachdruck Tcibotea. 

ADc Beohie, iMBondeis diB der Olmvetsung in fremde SpnulMii, vorb^lteo. 
Oopyij^it by Varont k £. Webers Yerli« in Bonn 1918. 



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DiMkt 0ltoWMI*ntoBMbdnMtanlO.fli.b.n..Lelpslg. 



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Inhaltsverzeichnis 

S«ito 

8tes Kapitel. JBemapJuroditisBins 1 

Die Trennung der Gpschlpchtpr — T^ntcrschicd mflnnlicher und weib- 
licher Keim/ollen in D a u und D e w e k u n p - - Samen und Ei als S y m - 
b 0 1 von Mann und Weib — Isogameten in Empfängnis- und Angrüfs- 
stellun? — Urgeschleehtssellen — Das interstitielle Laboratorhim — 
A n d r i 1 und Gynäzin — Die "Wanderung der Geschlochlsdrüsen — 
Ektopie und Kryptorchismus — Die tubulären Ausfuhrorgane (MüUer- 
sche, WoUfsehe und Thiersche Gänge) — Verdoppelnng ▼on Geb&r- 
mutter and Scheide - Die Urogi-nital v o r b r Q c k u n k — Die Er- 
schließt! ntr dfs Wtibts — Äußere Opschhchtsdiff- renzierung — 
Weibliche Quer- und männliche L ä n g s entwicklung — Glanduläre. 
tubulXre und koniiqtate Geschlechts werk zeuge — Heitnaphroditische 
Bitdungsezzesse und -defekte — Vergleichende Tabelle 
der u n gp?rhlechÜichen, Tnfinnlichen, weiblichen und zwitterhaften 
Genitalformation — Ist Zwitterbildung zentral oder peripher bedingt? — 
Meehnnlflche, trophisehe und psychische Erklärungen des Hermaphroditis- 
mns — TTermapbmdiÜsrhp Grschwister — Das dfponerative ATainfiit — 
. Alle GeschlLchtsvermi^cluin^'tn beruhen auf Funktionsstörungen 
im polyglandulären System — Befunde an den Nebennieren — Ein 
Ehemann und angeblicher Vater dreier Kinder stellt sich nseh 
seinem Tode als F r a u Imraus — Vorstufen des Hermai'hroditismns — 
Beim Manne Kryptorchismus und Hypospadie — • Beim Weibe Klitoris- 
hyperplasie und titerash y p o platte — IHlnnHches Mtdehen nüt 
t* bo r entwirklune der äußeren und TJ n t e r enhvickluns? der inneren GsiU- 
talien (Bild) — IrrtOmliclicGeschlechlsbestimmung — Eier- 
stöcke hinter männlicher und Hoden hinter weiblicher Fassade — Men- 
struation aus dem Penis Menschen unbestimmbaren Geschlechta — 
Eine als Frau lebende Person nut nachgewiesenen Samenzellen — 
Krankenschwester heiratet eine von ihr gepflegte Patientin, deren männ- 
liches Geschlecht sie entdeckt — Hennaphroditismus und Militär- 
untaugliehkeit — Spermasekretion bei iuBerUch weiblicher Genital- 
uni Knrporbe^-cliaffcnheit — Aus rines Mannes ■Nfadcheniahron und aus 
eines Mädchens Mannesiahren — Zwei Schwestern werden Brtider — 
Drei hemtvaphroditische Geschwister — Geschlechtsberichtigung im drit- 
ten Lebenssiebentel — Bertha wünscht alsBerthold getauft und eingesegnet 
zu werden — Ein Dir nptmädchen, die sich dreimal als K r i r tr s f r c i - 
willige meldete, wird vom Garnisonarzl dem Verfasser überwiesen und 
als mftnnUeh festgestellt — Ein flUsehlicberweise als Spion flstsenonunenes 
Mädchen wird Soldat — Scheu der Eltern vor der Geschlechtsberichtigung 
ihrer Kinder — Ein Vater schlägt seine Tochter, dir- in Wirklichkeit- 
ein Sohn ist, wegen ihres jungenhaften Benehmens — Ein Arzt be- 
handelt di» bMnuiph]tHililisdie& Oesehteehtsorgane eines Neugeborenen mit 



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VI 



Inbaltfrencicbiiii 



Bleiwasscrumschlägen — Anmeldung eines Neugeborenen beim Standesamt 
als Kind zweifelhaften Geschlechts — Anfänglich richtig und 
spftter falseb bestimmtes Geschlecht Schicksale des Zwitteis Elisabeth 
Wilhelm Moll — Ein als Mann berichtigtes Mädchen wird in ein Weib 
zurückverwandelt, weil sie sich in einen Mann verliebt hat, den sie hniralet — 
Schwangere Soldaten und Matrosen — Sind Hermaphroditen gebär- 
f Ihic? ^ Zeucungsf fthige Hermaphroditen «ISn Gatte und Vater, 
der bis zu seinem 23. Jahre als Frau lebte — Personen, die ihr Leben ohne 
Kenntnis ihres wahren Geschlechts verbringen — V e r - 
breitung des Zwittertmns — Hermaphroditen, die eine Geschlechtsberich- 
tisung ablehnen — Unaulänflichkeit der bisherigen Btntei- 
I II n g e n des Hermaphroditismus — Der neutrale und duale Herm- 
aphroditismus — Künstliche Hermaphrodisierung — T)\p zwittrige 
Pu bertätsdrüse (Steinacb) — J>ie Zwitterdrüse als Grundursache 
aller Arten von IcArpeiiichem und seelischem Zwittotum — Menstruierende 
Mftnn<»r — Der Hodeneierstock Pestis) — Verkehr von Zwit- 
tern mit Personen b(>i<lfrli:'i Geschlechts — Anprbürhr wechsflseitige 
Befruchtung von Ehegatten — Selbst befnichtung — Unbefleckte Empfäng- 
nis — Naebweia von Sperma und Menstruation ba der gleichen 
Person — Beweisen menstruelle BluturiRen weibliches Geschlecht? — 
Morphologisches und funktionelles Zwif fortiim — Eierstocks- 
hoden in Leistenbrüchen — Nachweis männlicher und weiblicher 
Keimaellen bei Augusta Persdotter — Hodengeschwulst im Eietstodc 
(Adenoma tubuläre testiculare ovarii) — Rückgang der männlichen 
SexualcharaMere durch operntive Entfernnns einer testikulären Eierstocks- 
geschwulst — Vermischung oder Verwischung der Geschlechts- 
untersdiiede — Verschiedene Formen der ZititteffdrQse — Die vier 
Hauptgruppen der Geschlechtsuh( rgänge — Unhaltbare Unter- 
scheidung von echtem und falschem Hermaphroditismiis — Ein- 
seitiges und doppelseitiges Zwittertum — S u p r a Position \md 
Jux ta Position männlicher und weiblieh^ Geschlechtsorgane — Ver- 
doppelung der ittfieren Sdiamidle. 

Zweites Kapitel. Androgynie 93 

Die Hermaphrodiiendarstellungen antiker Ktknstler — Diskongruens 

ist nicht immer Disharmonie — Enge und weite Fassung des 
Zwittfirbegriffes — Hypopln^tische, metaplastische 
und aktivierte Androgynie — Endokrine Zusammenhänge — Propter 
andrinum vir id est, quod est — Propter gynaecinum mulier 
id est. quod est — Die von Steinach experimentell bewirkte Ver- 
männlichunp. V erweiblich unjy und Zwittriekeit — Dje 
geschlechtsspczifische Beschaffenheit der Gonaden — Männ- 
ti<^e und weibliche Krotisierung — Antagonismus der Sexual- 
hormone — Tabellarische Gegenüberstellung der G o s r h 1 e c h t s - 
typen: Mann, Weib, weihlicher Mann, männlichrs Woih fM., W., wM., 
mW.) — Unterschiede in Körpergröße, Knochenbau, Schädel, Becken, Ge- 
lenken, Muskulatur, Händen, Handschrift, Mimik, Gestik, Gang, GruB» Fett- 
LTi u ! > Haut, Kreuzbeingröbchen, Ausdünstung, Haarkleid, Mildidrfisen, 
Kehlkopf, Stimme, Atmiinp — Weihlichrr arcus und männlicher anpu- 
lus — Geschlechtliche Verschiedenheiten der inneren Organe — Über- 
gewicht der Brust Organe beim Manne und Bauch organe beim Wefiie — 
Differenzen in der Zusammensef/ n ] Blutes — Die Vasomotoren 
femininer Minner — Oesehlediis c h a r a k t e r der innersekreto- 



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Seite 

rischen Drusen (SehilddrOse« Hypophyse, Zirbd, Nebenniamn, Thymus, 

Pankreas und Ej)itl!r>lkÖrperchen) — Die größi'H' Häufigkeit drr Hasedow- 
schen KrankJieil beim Weibe und Addisonsclien Krankheit beimManne — 
Hypophysenverändemng durch die Schwangerschal t — iGeachlechts- 
eigentOmlichkeiten der Gehirnstruktur — Stärkere Entwicklung des 
M u s k e 1 z e n t r u m s boim Manne und Sprac Ii Zentrums beim 
Weibe — Die größere ^ervemnasse des weiblicbea ilückeumarka — Ver- 
idiiedenheit der Oef flhlsbetonunK und Gescbmacksrichtung — 
Farbenblindheit zehnmal häufiger bei Männern als bei Krauen — 
Die weibliche Labilität — (IpmfUsbfWP^ungen und Mienenspiel der 
Andrugyneu — Überempfindlichkeit femininer- Männer . 
und' Untereiftpf indlichkeit viriler Frauen — Männliche 
H y s t e ro n e u r a 8 1 h e n i e als Folge der femininen Konstitution (gut- 
achtliches Beispiel) - > Paraüplismii^ /.witschen „femininen E i n s c h 1 ä r o n" 
beim Mauue qiid „eingesprengten" ilieislocksyeweben, sowie „virilen 
Binschllf en** Weibe und eingesprengten Hodensdilen im 
im Eierstock — Unbegrcnztr Mannisfaltiffkcit androgyner Varianten — 
fiesonders häufige Kombinationen androgyner Einzelerscheinungen — Über 
das VerhäKnis genitaler körperlicher, seelischer und psychosexueller Ge- 
schlechtsatypien — Diagnostische Bedeutung des Geschlechts- 
gefühls und Geschlechtswilleng — Irrtümlicher Homosexualitätsverdacht — 
Der androgyne Drang — Außeuproiektiouen des endokrm be- 
dingten Feminismus und MascuUsmus — Obergewicht der sexuel- 
len Psyche über das Somageschl e cht — Androgyne Wun sch- 
und Phantasievorstellungen — Flarthaß femininer Männer und Brust- 
haß viriler Frauen — ' Der androgyne W a ii n — Beispiel eines an 
seine WeibbrOstigkeit iixierten Mannes mit charakteristischen 

Biiefst^en. 

Drittes Kapitel. TrauiSTestttlsiiiiis 139 

Definition des IVansvesUtismus — Der psychologische Kern dieser 
Krscheinunp — Ver- oder IJ in kleidungstrieb — Geschlechtliche Ver- 
hüllung oder Eni hüllung — Einfluß der Gewandung auf Stimmung und 
Leistungsfähigkeit der Transveetiten — Abgrenzung des 
Transvestitismus von der Homosexualität — Metatropische Trans- 
vestiten — Zu beiden Gesclilechtern neigende Transvesliton - A u t o - 
monosezueile Transvestiten — Gestellungspflictitige in 
FrauenkleidOTi — Ein Oberingmieur mit' 16 Korsetts — Oberlehrer 
Klara — B e k 1 e m m u n g s und Depressionszustände bei gewaltsamer 
Unterdrückung des tiiinsvcstilischcn DranRes — Femininer Mann, 
welcher seine Gatün um ihre Schwangerschalt und Eotbinduug be- 
neidet — Der Transvestitismus und die Bestimmungen über gT(4)en Unfug 
und Erregung öffentlichen Ä r p e i ti i s s e s — Drang vieler Transvestiten 
in andersgesclüechtücber Tracht spazieren zu gehjen — Ein Damen- 
schneider, der adne Mmännliehe Existenz^ als Verkleidung betrachtet — 
Ein anderer Damenschneider mit Menstruationsäquivalenten — 
Verhältnis des männlichen zum weüiliclien ,,Tch" — Der Mann als 
Frcundi.n semer i'rau — Häufige Kombination von Androgyniei 
Transvestitismus, Homosexualität und Hysteroneurasthenie — Transvesti- 
tismus und Militärtauglichkeit — Ein transvestitischer Haupt- 
mann — Ausführlicher Bericht einer Frau Aber den Transvestitismus ihres 
Mannes — Urlauber lu Fraueukieidung — Frauen als Soldaten — 
NotwendigkeU der Befragung') edes Patienten nach seinem Geschlechto- 



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VTTT Inhaltsrerzdclmis 

leben — Neigung zu weiblichen Handarbeiten — TransvestiÜsmuf 
und Beruf — Der Trommler und 'der Pfeifer einer Kompagnie verheiraten 
sich — Ein Mädchen, die an Sf^elle ihres Bruders ins Feld wiU 

Uniformliebe trans\-estitischer Frauen — Sehnsucht der Transvpstilen, 
sich in der Tracht des andern Geschlechts Photographie ren zu lassen — 
Die Neigung, Zwischenstufentrachten zu zeichnen — Trans- 
vestiten, die Gravidität Tort&uschen — Transvestitentrftume — 
Übergang vom androgynen zum transvcstilischen Drang — Nannrn^ 
transvestitismus — Frauen mit männlichen 'inl Männer mit weib- 
lichen Pseudonymen — Seibslmeldungen von i ransvestiten bei der 
Polizei unter Beibringun« eines ärztlichen Zeugnisses — Thinsvestitis- 
mus und Spionageverdacht — Partieller und kompletter 
Transvestitismus - Weibliche Unterkleidung unter männlicher 
Oberkleiduug und umgekehrt — Einzebae Kleidungsstücke, die beim 
Manne einenr femininen «ier Weibe einen maskulinen Einschlag vert- 
raten — Männer, die sich in Frauentracht und Frauen, die sich in Mrinnpr- 
tracht töten — Behandlung des Transvestitismus — Organ- 
therapie — SoU der Arzt den 1 ransvestiten die ünokleidung raten 
oder widerraten? — Die Bhefrage — Vererbung des Tkans- 

vestitismus. 

Viertes Kapitel. HomosexnalitSt 179 

Ableitung der konträren Sexualität vom männüchen Feminismus 

und weiblichen Virilismus — Ursprung und Bedeutung des Wortes „homo- 
sexual" — P 1 a 1 0 n als Quelle des Begriffes U r a n i s m u s — Das kon- 
stitutionell Wurzelhafte und charakterologisch Triebhafte 
als Kennzddien echter Homosexualität ^ Pseudohomossxaelle Akte 
(aus Not, Gefälligkeit und Eigennutz) — Das Wesen der Bisexuali- 
tät — Die pubische Bisexual itätsperiode — Differential- 
diagnose zwischen Heterosexualilät, Homosexualität und Bisexuaiitat 
bei Jugendliehen ^ liehe m Gesehwisterpaaren ~ Er- 
scheinungsformen männlicher und weiblicher Bisexualität — Tar- 
d i V e und periodische Homosexualität — Die n e tr a t i v e Seite der 
Homosexualität — Das Ausbleiben der heterosexuellen Affini- 
tät — Die seelische Fesselung an des gMehe GeseUeeht — Die 
intersexuelle Konstitution — Das BewuBtwerden der 
Triebinversion — NervenstSrungen durch erzwungene hetero- 
sexuelle Betätigung — Homosexuelle Ehefrauen — Heirats- 
grttnde honxwsxadler Männer und Frauen — Braute tandsleiden 
urnischer Personen — Mysogynie und Androphobie — Das urnische Kind — 
Die Anhänglichkeit urnischer Söhne an die Mutter und urnischer 
Töchter an den Vater — Die gleichgeschlechtliche Gebundenheit — 
Homosexuelle SchOIer als Sexualziel betMosexueller Kameraden IMe Ein- 
stellung des Sexualzentrums auf das adäquate Geschlechts- 
z i e 1 — Die Eifersucht dpr Homosexuellen — Wesens änderung 
Homosexueller in Gesellschait ihrer Typen — Ästhetische Objek- 
tivierung homoerotischer Strömungen — Das Traumleben der 
Homosexuellen — Diagnostische Verwertung des Schamgefühls — 
Der sexuelle Treppen rt^f lex — F e h 1 e r h a f t p Einteilung der Homosexuel- 
len in Aktive und Passive — Die vier HaupKormen homosexueller 
Betätigung — Die manuelle, orale und femorale Veik^nform — 
Die Anrl ?i- zwischen weiblichem Ins t rum e n t a 1 - und männlichttn 
Analverkehr — Die AniUnctio — Stereotypie der Verkdusweise — 



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r n t c r (Lr 0 c k b a r k e i t i!e? konträrsexuellrri Triebes — Die Er- 
ziehang umischer Kinder — nr'deiitiinjr der Kiu d e r s p.i e 1 e -r— Die 
Reifezeit homosexüellej Knaben und Älädciien — Die Einteilung homp- 
aexueUer Männer und Frauen in die zwei H^uptgnippen der Ferainlneri^n 
und Virileren - - I ie r e I a l i v e Konstanz des anziehenden Typus — 
Kinteilung der Homosexuellen in E j, Ii e b o p ti i I c und AndroRjiile — 
Nebengruppen der Fadopliilen und Gerontophilen — Homo- 
sexueller Fetischismus — Hrnnosesttelle mit stabilerem und 
1 n b i 1 e r e m Ner\'pnsystem Verbälfnis der psycho p athischen 
zur intersexuellen Konstitution — Die Homosexualität als 
Vorbeugungsmittel der Degeneration — Die erbliche Belastung 
2uni Uranismus — Die urnische n%i Hjei. .-r Vrnische Ge- 
schwister — Pathologische A n a t omi'c -«^er Geschlechtsdrüsen 
Homosexueller — Die UnmöRlichkeit, die Homosexualität auf p s y c h i - 
^ Schern Wege zu beseitigen. — Dürfen Homosexuelle heiraten — Aus- ; v 
.sichten einer .op er aktiven Pehandlung < — Obhekiive Heihings- . . 
be^firf.iiffkei.t luid'SHbjektiyes HeUuii8Bl>e;dtt^rf ni> ( : . 

Fünftes Kapitel. Metatroiilsiiliid ' . < • ^ * t ^ 

Der Mann als -der werbende, keimst reu«nde,*dii Fnttt' aßrder ifJ •« 

wartende und e m f a n k c n d e Teil Männliche Aggression und 
weibliche Anlockung - Wirkung des Andrins auf das Muskel- 
gewebe und der Einfluß des Gynäzins auf die Fettbildunff — Der 
normale Tropismus und der M e t a tropisnms oder die Aggressions- 
inversion - Dir fiiib zu leiten und zu leiden — - T.cidlust, 
Leid sucht und Leiden s c h a f t — Der feminine Masochismus des 
Mannes und der virile Sadismus des Weibes — Beziehungen des Meta- 
fropismus zur konträren Sexualcmpfindung — Das tnasochistlKhc Weib 
und der sadistische Mann ais Tri^^b slciirerungen, der masochistlsclie 
Mann und das sadistische Weib als Triebumkehrungen — Ersatz 
persönlicher Ternuni (Sadismus und Masochismus) durch sacb^yiche — 
Einwendungen - gegen die Bezeichnung A I g o 1 a g n i e (Schmerzlüstem- 
heit" T'ünstellunp aller Sinnesorgane des metatropischen Mannes auf 
massivere Irritamente — P a s s i o p Ji i 1 i e der Neurotlker — Kontrast 
zwisriien sozialer Stellung und sexuellen Neigungen — Mitleid 
als Lustquelle — Freude der Hyperaktiv islen und Hyperpassi- 
V i s t e n an grausamen Vorgängen aller Art — Kisenschaften. die ä^n Meta- 
Iroplslen am Weibe objektiv anziehen — Vorliebe für starke Frauen — 
Neigung zum Alteren Weibe — Metatropismus md Prostttution — Die 
Rolle der M a 9 8 e u r i n — K 1 e i dun gs s y m b o ' t Us Metatropisten — 
Schuhwerk und Pelzwerk — Was wünscht der Metatropist selber 
zu sein? — Erniedrigung im Stand (Servilismus) — Erniedrigung im 
Alter (infantiler Metatropismus)— Emiedrteung im Oeschlidit (trant> 
vestitischer Metatropismus) — Erniedrigung zum Tier (zoomi- 
m i s c h e r Mt tntropismus) — Erniedrigung zur Sache (i m p e r s o n e 1 1 e r 
Metatropismus) — Metatropische Verkehrs formen — Anbahnung — 
Schriftwechsel, Wortwechsel ~ Verlangen nach strenger Erziehung, 
nach erniedrigenden Arbeiten, naeh FrtM'heitsberaubunj? (1, i g a - 
t i o n s metatropismus^, nach Tritten und Schlägen ;;F 1 a g e 1 1 a n t i s - 
luus) — Pikazismus — Kopro - und l' r o lagnie — Sukkubis- 
inus — Verkappter Hetatropbnms — Der tiefe Sinn der Worte Passion 
und Leidenschaft rr- Visueller MetatrorismTis Pip mrta tro- 
pische Frau — VorUeiie der Metatropistin für den femininen Männer- 



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Inhattcverzeiciuut- 



fyp — Cit^nrv ^r\r)A — Was wünscht tü» raetatropische Frau selber m 
•ein ? — Oer weibliche Inkubismus und andere Verkehrslormen meta- 
fabutellMr Imieii Metatropiniiiis beterosezudis und homo- 
sexualia — Erotisch betonte S«Ib9tquälereien — Bvoade secueller 
Spfbstverstümmelung — Beziehungen zw ischen religiöser 
und sexueller Passiophilie — Abtötung des Meisches als Fleischeslust — 
Die ftUf emeine Bedevtang der EMsioidiilie — UelatrointteDb riefe. 



1. 
II. 
IIL 
IV. 

V. 
VI. 

va 



Verzeichnis der Tafeln 

Vorstufe zum Hermaphrodltismus 20 — 21 

Geschlechtsberichtigung im 14. Lebensjahr M — 65 

Gescblechtabenchtigung im 1. Lebensjahr 68— 69 

Hetaplaetisehe Androfrnie 104— 10& 

Feminismus beiai Manne • 144 — 145 

Virilisraua beim Weibe 170—171 

Metatropismus 240—241 



•'»r : 



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L KAPITEL 

Hermaphroditismus 

Die Trennunt der GeseUiehtar » Untendiled männlicher und weiblicher Keim- 
zellen in Bau und Dewe^ung — Samen und Ei als Symbol von Mann und 
Weib — iBogameten in Empfängnis- und AngiiffssteUung — Urseschlecbtszellen 

— Dm iBterstitiell«l4ibcrraloTiinB— -Andr in lind G 7 nA sin-- DitW an- 
der ung der Geschlechtsdrüsen — Ektopie und Kryptorchismus — Die tubulären 
Ausftihrorgane (MüUersche, Wölfische und Thiersche Gänge) — Verdoppelung 
von Gebärmutter und Scheide — Die Un^enitalv er brückung — Die Er- 
schliefiung des WaSbes — Aa0er« GesehleehtnSffexenrieiung — Weililidie 
Quer> und männ]idie L t n g a entwicklung — Glandnlif^ tolmlftxe und konjugale 
GeschlecWs Werkzeuge — Hermaphroditische Bildung« e x z e s s e und - defekte 

— Vergleichende Tabelle der ungeschlechtlichen, männlichen, weiblichen 
und switterhaften Genitalfoimation — Ist Zwitterbildung zentral oder peripher 
bedingt? — llechanische, trophische und psychische Erklärungen des Hmnaphroditis- 
TTius — Hermaphroditische Geschwister — Das degenerative Moment — Alle 
Geschlechlsvermiscbungen beruhen auf Funktionsstörungen im polyglandu- 
liren System — Befunde an den Nebennieren — Ein Ehemann Smd angeblidier 
Vater f!reier Kinder stellt sich nach seinem Tode als F r a u heraus — Vor- 
stufen des Henrnr^rnditismus — Beim Manne Kn'Ptorchismus und Hypospadie — 
Beim Weibe Klitoris h v p e r plasie und Uterus h y p o plasie — lilännliches Mädchen 
ndt überentwiddunt der äulteren und UnterenttrieUung der inneren Genitalien 
(Bild) — Irrtümliche Geschlechtsbestimmung — Eierstöcke hintw 
männlicher und Hoden hinter weiblicher Fassade — Mf^nstniation aus dem Penis — 
Menschen unbestimmbaren Geschlechts — i:.ine als rau lebende Person mit 
nadisewieaenen Samenzellen — Kiankenachweeter heiratet dne von ihr te> 
pflegte Patientin, deren männliches Geschlecht sie cntdcclct — Hermaphroditism-js und 
Militäruntauglichkeit — Spermasekrelion bei äußerlicti weiblicher Genital- 
und Körperbeschaffenheit — Aus eines Mannes Mädchenjahren und aus eines Mäd- 
ehene MannealahTCQ — Zwei Sehwastarn werden Brüder Drei ham- 

aphrofütj'^rhe flpsrh'^vi'^trr - - fTPschlechtsberichtigunp i^n dritten Lpbens?;i^bpntpl — 
Bertha wünscht als ßerthoid ge'mift und eingesegnet zu werden — Ein Dienstmädchen, 
dxü sich dreimal als Kriegsfreiwillige meldete, wird vom Gamisonarzt dem 
Vcfbtaaer Oberwiesen und als männlich feeigeatellt — Ein flllaehUchenv-eÜM als Spion 
fest^rnommpnes MäHrhen wird Soldat — • Scheu der Eltern vor der Geschlechtsberichti- 
gung ihrer Kinder — Ein Vater schlägt seine Tochter, die in Wirklichkeit ein 
Sohn ist, wegen ihres jungenhaften Benehmens — Ein Arzt behandelt die herma- 
phioditiaehen Geschlechtsorgane eines Neugeborenen mit Bleiwasserumschlägen ^ 
Anmeldung eines Neugeborenen hpim Standesamt als Kind zweifelhaften Ge- 
schlechte — Anfänglich richtig und später falsch bestimmtes Geschlech t — 
Schidnale des Zwitla» Elisabeth V^ilhehn MoU — Ein alz Mann berichtigtes Mädchen 
wird in ein Weib zurflckverwandelt, weil sie mb in einen Mann verliebt hat, den ale 
beiratet — Schwangere Soldaten und Hatroara Sind Hermaphroditen gabftr- 
Hirtchfeld, Sexulpatbologie. n. 1 



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2 I. Kapitel: Itomaphroditisinus 

fähig? — Zeugungsfähipp Hermaphroditen — Ein Gatlo und Vater, der bis 
zu seinem 29^ Jahre als Frau leble — Personen, die ihr Leben ohne Kenntnis 
ihres wahren Oesehleehts Terbringen Yerbreitiing des Zwittertuins 

— Hermaihroditon.. dio eine Geschlechtsberichügung ablehnen — Unzulän?- 
liclikeit der bisherisren K i n t c i 1 u n g f n des HornnaphrodiUsmus — Der neu- 
trale und duale Herroaphrodilismus — künstliche HenjaaphrodisieiTing — 
Die zwittrige PubertttsdrOse (Steinach) — IHe ZwitterdrOae als Grund- 
ursache aller Arten von körperlichem und seelischem Zwittcrtum — Menstruierende 
Männer — Der II o d e n e 1 e r s t o c k n v o t c s t i s) — Verkehr von Zwittern mit 
Personen beiderlei Geschlechts — Angebliche, wechselseilige Befruchtung 
von Ehegatten — Selbs-tbefruditung — UnbefleciEte Empfängnis — Nachweis von 
Sperma und Menstruation bei der ?leichrn Person — Beweisen menstruelle 
riu(unpcn weibliches Gesohlrcht? — Morphologisches und funktionelles 
Zwitterlum — Kierstockshoden in Leistenbrüchen — Nadiweis männlicher 
und weiblicher Kdmadkn bei Angusta Fersdotter — Hodengesch wulst im Eier- 
stock 'Adenoma tübubre te^ticulare ovarii) — Rilcktiang der männlichen 
Sexualchiiraktere durch operative Entferauiig einer testikulären Eierstocksgeschwulst 

— Vermischung oder Verwischung der Gescblecbtsunterschiede — Ver- 
schiedene Formen der Zwitterdrüse — ' Die vier Hanptgruppen der 6e« 
schlechtsHberrThnge — Unhaltbare rnltrscbeidun? von echt c'm und fal- 
schem Hermaphroditismus — Einseitiges und doppelseitiges Zwitier- 
tum — S u p r a Position und J uxt a Position männlicher und weiblicher Geschlechts- 
organe — Verdoppelung der ftuBeren.Schamteile. 

Die menschliehe Bhitwieklnngr erzielt im Gegensatz zu vielen 
zwitterhaft gelSildeten und einffescilleehtlich sich fortpflan- 
zenden Lebewesen zwei getrennte Gescbleohter: die in körper- 
licher und seelischer Beschaffenheit mannigfach voneinander unter- 
schiedenen Geschlecblsgruppen der Männer nnd Frauen. Beide 
sind aus der Verschmelzung zweier Keimzellen entstÄnden, einer 
männlichen und weiblicln n Gramet/e, der Samen - und der Eizelle. 
Männlich pflegen wir Menschen zu nennen, in deren Körper auf 
einer bestimmten Stufe der Entwicklnng Samenzellen reifen; 
weiblich solche, die Eizellen hervorbringen. Die Zahl der Eier, 
.welche in einem Weibe zwischen Pubertät und Klimakterium keimen 
und den Eierstock verlassen, beträgt mehrere Hunderte, die Menge 
der Samenzellen, welche in einem Manne entstehen und abgestofien 
werden« belauft sich auf viele Hunderte von Millionen. Im Ver- 
gleich zu dieser ungeheuren Anzahl ist es ein verhältnismäfiig 
seltenes Vorkonminis, fast könnte man sagen ein, Ausnahmefall, 
wenn zwei der unendlich vielen Keimzellen sich begegnen und ver- 
biridpTi, um ein neues Loben zu hrq-ründen, als die gemeinsame 
Frucht von Vater und Mutter mit den ererbten EigenKehaften beider, 
aus der dann wieder in nahezu der einen Hälfte der Fälle ein 
männliches Wesen, ein Sohn, in der anderen ein Mädchen, eine 
Tochter, wird. 

Die männlicbe und weibliche Eeimaellc, jede für sich eine 
einzige vom Eltemorganismus abgesiMiltete Eörperzelle, zeigen sehr 
bedeutsame Verschiedenheiten. Si^on ihr' üm fang ist ungemein 



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L Kapitel: Hermaphroditismus 



3 



verBchieden. IHe Eizellen and weitem die größten, die 
Samenzellen die kle inerten imteor altem Zellenarten des Organis- 
mus. Aneh in ihrer Form nnteirselieiden sie sich sehr. Die Eizelle 

ißt kugelrund. Sie enthält einen bläschenfönnigien, TOn Chromatin- 
strängen durchsetzten Eikern. In ihm sieht man eine matte Scheibe, 
dem Keimflwk. Um (hu Eikern ist das an« Dottprkömchen be- 
stehende Eiplasma gelagert. Am Plasniarande tindet sich als 
Eihülle ein hellerer Hof, die Zona pellucida. Wie ganz anders 
sind die Samenzellen gestaltet. Ursprünglich zeigen sie als Hoden- 
zellen oder Spermideu genau so wie die Eizelle noch ganz das Aus- 
beben gewöbnlieber tieriscber Zdlen mit konzentrischem Kern, 
Plasma und Hof. Verlassen sie aber ibie Ursprungsstelle, wandeln 
sie sieb dergestalt umv daß aus dem Zellkern der fast ganz ans kom- 
paktem Chromatin bestehende Kopfabschnitt des SamenfSdebens 
wird, an den sich der plasma tische Teil, dünn in die Länge gezogen, 
als sehlängelnder Schwanzabschnitt anschließt. Treffend unter- 
gchridt't auf Grund dieser Beschaffenheit Schaudinn den Kopf- 
ab.-Heliiiitt der Samenzelle als lokomotorischen Kern von dem 
trophischen Kern der weiblichen Zelle. Mit dieser BenetuQuug 
wird sehen dem dritten waä vierten wicbtigsen Unterschied Becbnung 
geirairen, der neben GröBe und Form zwisehen Ei« und Samen* 
zelle best^t, ihrer Loslosung xmA Fortbewegung. 

Die Ablösung eines Eies erfolgt beim Menschen der Will- 
kür entzogen, periodisch, durchschnittlich dreizehnmal in 
einem Jahre, im ganzen Frauenleben drei- bis vierhundert mal. Die 
Abstoßung des Samens aber ist nicht an die Zeit gebunden, sie unter- 
liegt der Willkür in hohem Grade und findet im aktiven Vorgehen 
statt, iieiiicii treten, wenn Willkürliche Ejakiiia,tionen unter- 
bteiben, aneh nn willkürliehe Samenabgäuge — FoUatifmen — 
anf, aber sie bilden für den gesehlechtsreifen Mann nicht' eine Norm, 
wie für die Frau' die mit der monatlichen Bogel verbundene Ovu- 
lation. Die Eiabstoßung steht demnach auch nicht wie die Samen- 
absonderung mit der Begattung in unmittelbarem Zusammenhang. 
Die Abtrennung des Eies vom weiblichen Körper vollzieht sich ganz 
unabhängig von dem Gest^hlechtsverkehr und sehr zum Unter- 
schied von der Samenabstoiiung unmerklich und ohae orgastische 
Lust. 

In hohem Maße weicht endlich auch die Weiterbewegung 
der Keimzellen, nachdem sie die Eibläschen mid SamenblSschen ver- 
lassen haben, voneinander 'ab. Hat in einem Eibläschen des Eier- 
stocks der Innendmok des Liquor folliculi einen so hohen Grad er- 
reicht, daß die gedehnte nulle platzt, was bei dem jeweils reifenden 
Ei 28 Tage zu dauern pflog-t, so wird es herausgeschleudert und ge- 
lanjrt dureli Aspiration auf das einschichtige Flimmerepithel der 
Tube. Durch die Flimmerströmung gebärmutterwärts getrieben, 

1* 



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I. Kapitel: Hennaphroditismus 



madil 66 zunächst in einer Tabenanalraehtniiff, die wir Ampulle 
nennen, halt. In diesem "Warteranm harrt pinijre Tntrp passiv 
AfT Dincre. flio da "koTrimrii sollen. Tritt Befruclitung' durrli Ein- 
dringen einer mannlicbon Keimzelle ein, so tragpen die bcdiwingendcn 
Flimmerhärchen das befruchtete Ei weiter, bis es sich in den blut- 
strotzenden weichen Schleimhautteppich am. Gebärmuttergnind ein- 
bettet und einnistet. Bleibt es aber nnbefirnebtet, so geht das Ei, 
ebenso wie der sich immer wieder emeaerode Brutapparat, in der 
G ebämutter. zugronde. B^de yerlassen dann imTerriehteterweise 
durdi den Muttermund den Köri)er des Weibes* 

Ganz anders verhalten sich die aktiv vom Manne ans den 
Samenbläsehen g-eschle ml orten Samenzellen. Hat, wie wir sahen, 
bei der Ppriorlo ioweils nur eine einzige Eizelle den Eierstock ver- 
lasben, so sjud m einem Kubikzentimeter Samen von Lode nicht 
weniger als 60 Millionen Samenzelleu, und dementsprechend in 
einem ergiebigeren Ejakulat von 5 ccm 300 Millionen männlicher 
Keime ermittelt worden. Fast alle ffihren mit ihrem achlangelndeii 
GeiBelfaden rndernde Bewegmigen. ans; die Samenelemente 
mancher Tierformen bewegen sich sogar kriechend fort. In s e 1 b - 
ständiger Iiokomotion durchdringen sie den Muttermund und 
bahnen sich, vom Ei vermutlich ehemotaktis^'h angezogen, im 
Dunkel dnrch den Ut^^rus urul die enpre Tuhenostie ihren Weg, bis 
sie die harrend ruhende weibliche Kjcimzclle gefunden haben. Diese 
wird umschwärmt, aber nur einer einzigen Spermie, nämlich der, 
welche vermöge irgendeiner Tüchtigkeit vor den übrigen einen Vor- 
sprang gewinnt, sendet die Bindenschicht des £äs einen plasmar 
tischen SVirtsatz entgegen» den Empfängnishügel, in den sich der 
Kopf der Samenzelle einbohrt Gleichzeitig hebt sich von der Ober- 
fläche des Eiplasmas eine festere Membran ab, wodurch es den 
anderen Samen füdehen unmöglich gemacht wird, sich mit dem Ei 
zu verbinden. Millionen von ihnen gehen dann unverriohteter Sache 
zugrunde. 

Wenn wir in den vereinigten Keiiiizellen den primären mann- 
weiblichen Grundstock erblicken, um den sich durch Zellteilung das 
übrige Weib und der übrige Mann gruppieren, so tritt uns in dem 
Verhalten der mfinnlichen zu der weiblichen Uraelle bereits sehr 
vieles entgegen, was später körperlich und seelisch den ganzen Mann 
und das ganze Weib hennaeichnen; im Ei die erwartende, lockende» 
empfangende, aufnehmende, passive Wesenheit, im Samen die 
suchende, anpTreifende', mot/>risehe und aktive Wesenheit. 

Wie sehr der aktive und passive Drang als primärer Jb^aktor 
die Form beeinflußt, lehren jene tierischen Protisten, bei denen sich 
zwei herumschwärmende Keimzellen von völlig gleicher Gestalt, 
sogeuannte Isogameten» dnrch Kopulation verschmielzen, um aiis 
ttch ein neues drittes zu etczeugen. Ohne irgendwelche Formuntar* 



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5 



schiede bewegen sie sich anfangs duroheinander« Selbst mit den 

Bchärfsten Vergrößerungrsgläsern ist nichts zu entdecken, was als 
männlich oder weihlich giedentet werden könnte. Eines Tages aber 
heften sich einige von ihnen auf einer festen Unterlage an, ziehen 
die G«ißelfäden, mit denen sie sich bewegen, in ihren plasmatißchen 
Körper ein. Lediglich durch diese Empfangsstellung kennzeichnen 
aie sich als weih liehe Qametem, cHe nun anf die übrigen sieh frei 
bewegendefa eine starke Annehongskraft ansüben. Hnnderte dieser 
unruhig vibrierenden Gameten, die wir nnn als die männlichen 
m betrachten haben, umdrängen nnd nmwerben die ruhende Ei- 
seile. Nur eine dringt in sie hinein und vollzieht die Befruchtung. 

Auch die menschliche Ei- nnd Samenzelle sind 
ursprünglich Isogameten. Sie entwickeln sich aus den 
Zellen des KeluiepitheiB, dessen Anlage bei beiden Geschlechtem 
völlig gleichgeartet ist. Niemand vermag ioi Anfang diesen Zellen 
anzusehen^ ob sie später einmal üreier oder ürsamenzellen 
liefem werden» 

Von dieser wie überhaupt Yon der ganzen nrsprungliehen ein - 

heitlichcn Urania ge der Gkscblechtsorgane und ihr^ allmäb" 
liehen AuseinandenmtwioUnng nach der männlichen oder weib- 
lichen Scit(\ mii!*«en wir uns ein recht klares Bild machen. Denn, 
nur so können wir die EntsteiiinifT und das Wesen der Geschlcohts- 
unterschiede verstehen und die Iiier zahlreich vorkommenden 
schwächereu und stärkeren Abweichungen von der Norm begreifen. 

Das Kelmepitbel» von dem wir ausgehen, ist zunächst 
niehts weiter, als eine sieiEdich erhebliehe Verdieknng des Epithels 
der hinteren Wand der Leibeshöhle. Die Stellen, an denen wir diese 
VorwSlbungen in der fünften Fötalwoche erblicken, befinden sidi 
rechts nnd links vor der Wirbelsäule, in der Höhe der U r n i er en; 
an diese im Embryonallcbon stark entwickelten Ausscheidungs- 
organe, welche später durrh dir» bleil>€nden Nieren abgelöst werden, 
lagern sich die embryonalen Geschlechtsdrüsen an. Die 
Urnieren, weiche von hinten viel tiefer in die Bauchhöhle hinein- 
ragen wie die Keimdrüsen, erstrecken sich bis an die seitliche Bauch- 
wand, wo sie Ansfühmngsgänge naeh nnten entsenden, die als 
„Umierengänge" oder „Wolffsehe Gänge*', aneh wohl als „primäre 
Harnleiter" hezeiehnet werden. Ehe wir nns dem Sehicksal dieser 
Ausführungsgänge, die beim Manne später zum Sameuetrang wer- 
den, während sie beim Weibe als Gartnersche Gänge em mdimen- 
tärfs T)asein fristen, im einzelnen zuwenden, ist es nötig, über das 
Keimepithel selbst noch einiges zn sng^en. 

Durch starke Zellenwncherung entwickelt es sich zu einer sich 
wulstartig in die Bauchhölile hinein wölbenden Drüse, dem Wal- 
deyerschen Keimepithel wulst. Die Urgeschlechtszelien fallen 
in dieser Erhebung sohoo frühseitiff doreh ihre Gxöfie, ihren be- 



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6 



L Kapitel: ^miapluoditiniHif 



deutenden Protoplasmagelialt und die stärkeren dnomatinreiehen 
Kerne auf. In ihrem Wachstum stetig TOTansdireitend, läßt die 
Keimdrüse in der sechsten EmbryonolrnKshe ihren Geschlechts^ 
eharakter erkennen, indem sich die ürgesehleehtsveUen im Hoden 
zu unregelmäßig gewundenen Strängen ordnen, während sie vax 
Eierstock im ^etrennieu Haufen Zöschen den kleineren Zellen 
des Keimepithels liegen. 

Den zwischen den S<'imenl<:anälchen und Eizellen liegenden 
Zellen schenkte man lange Zeit k < i ti e Beachtung. Man hielt sie 
für Bindegcwebszellcn, einige Antoreu glaubten auch, daß sie Nähr- 
stoffe, namentlich Fett, für die Keimaellen lieferten. Nach Franz 
Leydig, der sie 1850 zuerst genauer beschrieb^), nannte man sie 
Leydigtsche Zellen. Je mehr man sieh aber mit dem mikroekopiseheii 
Bau und dem wechselnden Verhalten dieser interstitiellen, 
durehfichnittlieh 20 p großen Zellen hesehäftigte, um so dentlioher 
erkannte! man, daß es sich hier doch um bedeutend mehr ala um 
einfaches Stützgewebe oder Nährgewebe handelte. So wart 
schon R e i n k e der 1896 kristalloide Bildungen in den Zwischen- 
' Zellen des menschlichen Hodens beschrieb, die Frage auf, oh diese 
nicht möglicherweise mit dem Geschlechtstrieb in Zusammen- 
hang ständen. Der verstärkte Geschlechtstrieb der Tuberkulösen, 
meinte er, sei vielleicht darauf zurückzuführen, daß die inter- 
stitielle EjL'istallbildimg, wie er nachgewiesen hat, in den Ge- 
echlechtsdrSsen dieser Kranken besonders reichlich ist 

Seit etwa 10 Jahren wissen wir nun, dank der experimentellen 
Untersuchungsreih*mi von Stein ach und anderen, daß diese 
Zwischenzellem in den Geeehteohtsdrüsen eine Art chemisches Labo- 
ratorium bilden, in denen die sexuellen Hormone bereitet werden r 
beim Manne das Andrin und beim Weibe das G-ynäzin, Stoffe^ 

, welche f Ii die Entwicklung der sekundären männlichen und weib- 
lichen Geschlechtscharaktere und auch des Geschlechtstriebs von 

I größter Bedeutung sind. Weil die Zeichen der Beife von ihnen ab- 
hängig sind, hat Stein ach vorgeschlagen, diese Zellen Puber- 
tät s z e 1 1 e n 711 Tiennen und ihre Gesamtheit als Pubertäts- 
drüse von der Keimdrüse zu unterscheiden, die beide eng mit- 
einander verbunden die Goiiadeu bilden. Ich nehme den physio- 
logischen Ausdruck Pubertätsdr üs-e au, ohne zu verkennen, daß die 
Bezeichnungen der beiden Komponenten der Geschlechtsdrüse als 
generativet und innensekiietoriscber Amteil in nuancher Buchung 
zweckmäßiger wären. 



^) Zur Anatomie der näimlidien Gesebleditsorsane und AnaldrQsen der Säuge- 
tiere in der Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie. Leipzig 1850. 

Reinke, Beitrag zur Histologie des Hensclien. Aich. f. inikrosk. Anat 47. 

1896. 



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I. KapUel: HennaiAfOditisinus 



Da die Pubertätedrüse für die primären G«Sßlileeht6oharak^ 

tere, dem Hauptgfegenstand dieses Kapitels, nur von nntergeordneter 
Bedeutung*, für die sekundären Geschlechtsmerkmale aber von um 
so größerer Wichtigkeit ist, gredonke ich auf ric utkI die von ihr 
ausgeliriuk'ji Wirknnprcn erst im nächsten Kni)itel näher einzugehen, 
in dem von der Androgynie — den Xoriuabweichnngen der 
M.kimdären, in der Pubertätszeit sich bildenden Geschlechtsunter- 
schiede — die Rede ist. 

Für das VierBtändnis der hermaphroditlBChen Anomfilieii 
ist dagegen noch ein anderer, die Oefichlechtsdrüfien betreffender 
üntrascfaied von hobem Belang, ihre bei Mann und Weib erheblioh 
Tonbänder abweichende Lageverändernng, der sogenannte 
Deszensus der Ovarien und Testikel. Wir erwähnten, dafi ur- 
Bpronglich bei beiden Ge^hleehiem die Geschlechtsdrüsen nebw 
der Wirbelsäule in der Lendenregion belegen sind. Durch das 
Bauchfell sind sie mit den benachbarten Urnieren verbunden, die 
ihrerseits durcli ein derbe« Band an die lA'isten iure gen d g-eknüpft 
sind. Es ist das L e i s t e n b a n fL das beim Manne unter dem Namen 
Gubern,Tcnliun Hnnferi, beim Wt-ibe als Ligamentmu rotunduni oder 
teres nie ii bekannt ist Indem dieses Band im embryonalen Leben 
viel langsamer wachst als die sich an ihm voraberschiebenden Nach- 
hazgebilde, bleiben auch die Geechlechtsdrüsen verhältnismäßig 
tiefer nnteoi in der Leibeshöhle liegen. Soi befinden sieh die Elier- 
stScke im dritten Monat bereits im großen Becken neben dem Mus- 
culus psoas; im sechsten Honst stehen sie in der Höhe der Fundus 
uteri, senken sich dann nocli mehr in das kleine Becken, nähern sich 
aber nicht dem Leistenkanal, sondern bleiben im breiten Hutter- 
band rechts imd links von der Gebänmiftor liegen. 

Ganz anders verhalten sich die Hoden. Bei ihrem De^^z^nmis 
kann man zwei Perioden unterscheiden. In der ersten verhalten sie 
sieh wie die Ovarien. Im dritten Monat liegen Hoden und Eier- 
stöcke an derselben Stelle iui großen Becken; im sechsten Monat 
dagegen finden wir die Hoden an der Innenseite d^ Baiuchwand - 
bereits dicht über dem Leistenring. Im achten Monat tritt der 
Hoden in^dieeen ein und im neunten durch ihn hindurch in die an- 
längs eng aneinander gelagerten, später gans zusammemrachsendeii 
Geschlechtswülste, in welche sich vorher schon mit dem Bauchfell 
die Muskel- und Faszienschichten der Bauch wand ausgestülpt hatten. 
So entstehen die beiden Skrotalbörsen, die, durch die Hodensack- 
naht (rfipbe) vereinigrt, das Skrotum bilden. Sind die Hoden in 
diese Sackt^isehen hprabg'e wandert, so wächst der Loistfnikanai zu, 
so daß normalerweise die Testikel in einem abji^eÄchnürten Peri- 
tonealfortsatz Hegten. Sehr liäufig .iedoch bleibt dieser Verschluß 
des Leisten kanals aus. Daun besteht die Kouunuiükation mit der 
Bauchhöhle weiter. Eine Folge hiervon ist der Leistenbruch, 



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das HindnnsfafioIilfiikfeiL von DaznMchlingen ana dem Abdominal- in 
den Skiotalaack. 

Tritt die nonnale Herabimndening der männlichen Qeaehleehts- 
drüfien ni^t ein, ao sprechen wir von Kry ptorch ismus, wan- 
dern dagegen die weiblichen Geschlechtsdrüsen zn weit nach unten, 
bezeichnen wir dies als Eierstockshemie oder labi;il(> Tilktopie der 
Ovarien. Ee bedarf wohl kRnm. der Erwähnung, daß die in das 
Skrotnni herabg-Ieitenden Hoden di« in unmittelbarer Verl)iii(Iunj? 
mit ihnen stehenden Nebenhoden, ebenso wie den an diesen sich 
anschließenden Samenstrang mit sich nach nnten ziehen. 

Wir kommen damit zu der zweiten Gruppe der primären 
Geschlechtsorgane, dem Kanal system, welches bei bdden Ge- 
sehlechtetn die Keime und beim Weibe auch die Früchte fortleitet 
nnd anfbewahrt Sie geben ans den Wolf f sehen nnd Müll er- 
sehen Gängen hervor. Den Wolffeehen Gfmg lernten wir bereits 
firiiher als den Ansführongsgaiig der sich in der dritten Föl^ülwoche 
bildenden Umieren kennen. Einen ähnlichen Ansfühmngsgang be- 
sitzt auch die Keimdrüse selbst. Kr verläuft dicht nebeTi dem 
Wolf fachen Gang, ganz diesem parallel nach abwärts und wird nach 
seinem Entdecker, dem berühmten Berliner Physiologen Johannes 
Müller, der Müllersche Gang genannt. Die linken imd rechten 
Wolffschen nnd Müllerschen Gänge nähern sieh, schräg nach nnten 
ziehend, und vereinigen sich schließlich in der Mittellinie des 
Beckens zn einem gemeinsamen nnpaanen Hoblstrang, den man aneb. 
als T'lT'i er sehen Genitalstrang bezeichnet findet. Sein nnteres, 
sieh im Sinus nrogenitalis ein wenig vorwölbendes Ende beifit 
HfUlerscher Hügel. 

Vom Urnierengang unterscheidet sich der Müllersche Gang 
durch eine dickere Wandung und feinere Lichtung. Auch steht das 
obere Ende des Müllerschen Ganges nicht mit der KeimdriLse so 
unmittelbar in Verbindung, wie der Wolffsche Gang mit dnr Ur- 
niere, sondern mündet in unmittelbarer Nachbarschaft der Keim- 
drüse frei in einem mit Flimmerepithel ausgekleideten Trichter in 
die Bauchhöhle. 

Der Wolffsche und der Müllersche Gang sind die gemeinsame 
einheitliche Ausgangsform, aus der sich durch Stäxkewachstum 
einiger und Bückbildung anderer Partien die tnbnl&reti Organe 
des männlichen nnd weiblichen Geschlecbtsappa- 
rates entwickeln. 

Wenn die sexuelle Differenzierung deir Geschlechtsdrüsen 
abgeschlossen ist, gestalten sich in der zweiten Hälfte des dritten 
Ernbryonalmonats die Müllerschen Gänge weiter, doch nur beim 
weiblichen Gesehleeht, während sie beim männlieheu vev- 
künmiern. Aus dem Flimmertrichter am abdominalen Ende wird 
der Tubentrichter; der sich anschneidende Teil des Müller- 



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Bchen Ganges wird zur Tube. Der nnpaare G«6chl6chta6trang, 

in dem die MüUcrschen Gänge verschmelzen, wird in seinem 
oberen Abschnitt /nm Uterus, in seinem imtrren zur Vagina, 
Gell t?«^ ritlich kommt es auch vor, daß diese Verschmelzung ganz oder 
teilwtjise ausbleibt. Dann entstehen die dopi^elte oder zweihömige 
Gebärmutter, die doppelte Scheide und ähnliche Hemmungsbildungen 
(Utems daplex, didelphys, bieomSs, inßadifonais usw.), ganz selten 
unterbleibt auch die Entwieklniifir «iee Tbieraohen GeecMeebts- 
Strangs ginzlieb, woraus sieb dann «in ▼ölÜgetr Mangel des ütems 
XAiohysteiie) ergibt. 

Beim männlichen Geschlecht verkümmert der Müllerache Gang; 
nnr kleine Reste läßt er zurück. Es sind dies an Fieinem ursprünß-lich 
abdominnlen die ungestioltf' Hyd?itide dos Hodens (Appendix 
testis Morgagni), ein kleines lappeniörmiges Gebilde am oberen 
Ende des Hodens, das bisweilen eine trichterförmige Einziehung 
zeigt Das Endstück des Müllerschen Ganges finden wir in jenem 
Ubeinen Hoblraom der Prostata wieder, den man Utrienlns mas- 
enlinns genannt bat 

Einige Zeit, nachdem sich dergestalt beim Weibe die M ü 1 1 e r- 
fichen Gänge vorwärts und beim Manne rückwärts gebildet 
haben, vollzieht sich an den Wolf fischen Gängen das Umgekehrte, 
sie bilden sich beim Weibe zurück und beim Manne weiter. 
Vorher entsteht jedoeh die Urogenitalverbrückung. Die der Keim- 
drüse benachbarten Teile der Umiere verbinden sich durch ein 
Elanalnetz mit den aus Samenzellen bestehenden Köhrchen der Bhpen 
und den entsprechenden Eifollikelzellen der Ovarien. Beim Manne 
entwii^elt eich aas diesem Teile der Urjuero die Epididymis» der 
Kebenhode; beim Weibe bleiben von diesen Teüra der ümiere 
nur Beste übrig, das Epoophoron oder Bosenmüllersches Organ, auch 
Parovarium genannt; anch die in den Hilus ovarii hineinwuchemden 
Markstränge stammen ans der Urniero. Aus den unteren oder Ur- 
niereuteili'ii der Urnierf werden ]>ei beiden Geschlechtern schließlich 
nur verkümmerte, fuiiktioiibuntähige Organe; es sind dies beim 
Manne die Vasa aberrantia des Nebenhodens, sowie die Paradidymis, 
aooh Giraldös Organ oder corps innomin^ benannt, ein kleines ans 
blinden Elanälehen bestehendes Kdrperehen am unteren Ende des 
Samenstrangs, nnd beim Weibe das Paroophoron, ein ans Kanalchen 
und Glotoeruli zusammengesetztes Knötchen etwa in der Mitte des 
breiten Mntterbandes. 

Was wird nun aus dem der Umiere sich anschließenden Wolff- 
fichen oder l'rnierengangt Beim Manne entwickelt sich aus ihm der 
vom Nebenhoden ausgehende canalis epididymidis, sowie das Vas 
deferens, beim Weibe dagegen verschwinden die Wolf f sehen Kanäle 
bis auf die gelegentlich einmal in der ütemswand nachweisbaren 
Gartaersohen oder Malpighischen Ginge. 



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ft 

f. Ktpittl: HMBiuiliroditiaiiiiis 



Noch auf swei beacliteii»weTte G«sclileditsimt«r8chiede ist hier 
hinzTiiveuai. Beim weiblichen G«Behlecht sind die MiUIeESchen 
Gänge unten durch ein Häuti^hen verschlo^n, das Hymen. Eft 
bewacht den Eintritt in die Pforte, durch welche später die mäim- 
]ie)ien Keimzellen einströmen, wm sicli den W^p' 7ait Eizelle zu 
bahnen. Erst dur^-'h den erstm Or'=r!i]rf ht>vr'rk(']ir ^\ \^<\ da« Hymen 
grespreng-t und der weibliche Geschlecht^p parat erschlossen. 
Die Gesehlechtsorgrane des Mannes erleiden durch den ersten Ver- 
kehr keine entsprechende Veränderung. Sitte und Sprache tragen 
diesem Umstände Bechnung. Die Defloration ist ein Eingriff, dep 
das Leiten des WeSiheB ia zwei Absehnitte t^t; ans der Jnngfran 
wird die jnage Fran. Aneh die in fast allen Sinrachen Torhonden» 
Boppelbmennimg des W^bes als Fr&olein and Fran» für die es beim 
Mann kein Seitenstück gibt, hängt letzten Bndes nielit sowohl mit 
der Eheschließung, als mit der Entjungrfemn|r zusammen. 

Der andere wichtige Geschlechtsuntersehied liegt im Sinns nro- 
genitalis und in dem Verhalten der Harnröhre zum männlichen und 
weiblichen Gesclilechtskanal. Beim Manne njimlich münden erstens 
der Umii r( n^^ang und das später aus ihm herv orgehende Vas defe- 
rens, zweitt ns aber auch das rudimentäre Ende des Miillerschen 
Ganges, und drittens die HaxDroIire in einem gemeinsamen 
Sana! ans, der sidi als einheitlicher Weg für Harn und Samen 
dnreh den ganzen Penis bis znr Fossa navienlaris fortsetzt Beim 
Weibe dagegen miindet die knize Harnröhre ganz selbständig über 
dem Scheidenkansl in den vom Sinns nrogenitalis abetaimuendeii 
Vorhof der Scheide (vestibulum vaginae). 

Damit sind wir nun bereits zu der dritten Gmppe der 
primären Geschlechtscharaktere gelangt, den äußeren Scham- 
teilen. Aueh sie sind zunächst Hei beiden Geschlechtern (ranz <rl(M"fh 
beschaffen. Anfangs bis zum Ende des ersten Embryonaimonats 
sehen wir zwischen den unteren Gliedmaßen am Ende des ßumpfes 
nichts als eine gemeinschaftliclie Ausgangsöffnung für das Darni- 
nnd Hamrohr, die sogenannte Kloake. Im Beginn des zweiten Fötal- 
monats wölbt sich dann etwas oberhalb der Kloake ein kleiner Haut- 
hngel vor, der Geschlechtshöeker oder Phallns, das erste 
änBerlich siehtliehe Gesehleehtszeichen. Von ihm zieht abwörtB» 
naeh der Kloake zu, eine schmale Vertiefung, die als Geschleehts- 
rinne bezeichnet wird. Die Seitenwände dieser Rinne nennen wir 
Geschleclitsrcänder oder auch Geschlechtsfalten. Diese wiedemm 
sind von einem Hantwall umgieben, d^^n Geschleclitswülsten, die von 
unten ausgehend die Rinne bogen füiuuir auf beiden Seiten umgreifen 
und nach oben bis zu dem Geschlechtshöcker reichen, neben dem sie 
nabelwärts verstreichen. 

Währenddem sich diese indifferente Grundform bildet, ist in 
der Kloake selbst eine weeentliehe Veränderung eingetreten, indem 



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1. Kanitfll: HeitiuiDluoditisintia 



11 



sich ÜLne urspränglioih einh e i 1 1 i c h e Öffnung in zwei Aufgänge 
verwandelt hat, von deinen daa eine die nach rückwärts gelegene 
Afteröffnnng, das andere die sicli mehr nach vorwärts vcrschiehendp 
Blasenöffniing ist. Diese Scheidung ist dadurch bewirkt worden, 
daß die innere Trennungswand zwischen Barm- und Hamrokr nach 
außen vorwächst. Die so entstehende schmale äußere Hautbrücke 
wird breiter und bildet den Damm, welcher den analen Ausgang 
des Darmkanal» immer weiter nach hinten drängt, während das 
Otifieinm vrogenitale nach vorne' an die Geechlechtsrinne zn liegen 
konmit. 

Von der achten Bnilbryonalw>oche ah heginnt eich nun diese ein- 
heitliehe TJranlage an differenzieren ; erst von diesem Zeitpunkt ah 
können wir angeben^ welchem Geeohleehte die IVocht ▼oraofisioht- 
lich angehören wird. 

Beim weihliohen Geschlecht ist die Veränderung eine ver- 
hältnismäßig geringe. Sie besteht in der Hauptsache in einer 
Behnung der eirihryonaleTi Anlag-e in der Richtung" von hinten nach 
vorne, wodurch eine sagittal gestellte Tasche — das bereits erwähnte 
Vestibulum vaginae — entsteht. Aus den sie uiugrenzenden Ge- 
schlechtsrändera oder -falten werden die kleinen Schamlippen, die 
nach dem Geschleohtahöcker zu in einem Bändchen (Frenulum) zu- 
eammenlanfen. Der Höcker eelhet wSchat wenig. Wir finden ^in 
in der Klitoris oder dem weiblichen Gliede wieder, in dessen Innern 
sich, wie im Penis, Schwellkörper bilden. Auch eine Eiehel mit 
Vorhautduplikatnr — die Glans clitoridis — setzt sich ab. Die Ge- 
schlechtswülste, in die sich viel Fett a.hlnß'ert, werden in ihrem 
vorderen Teile zimi Möns veneria, in ihren Seitenteilen zu den 
großen Schamlippen, während der hmlere Teil in den Damm über- 
geht, der beim Weibe eine verhältnismäßig nur kleine Hautbrücke 
zwischen After und Schamspalte ist. 

Wird somit )>ei der weibliehen Differenzierung", um mit Richard 
W e i ß e n b e r g zu reden, die gemeinsame Anlage „dorsoventral aus- 
einandergezogen", so geschieht beim Manne die Fortentwicklxmg 
wesentlich in der Längslinie des Körpers; dementsprechend wird 
aus dem kleinen GeschleehtshScker der schon hei der GebipHi ziem? 
lieh snsehnliche und nach der Reife noch viel stärker in die Lange 
wachsende Penis. In ihn hinein verlängert sich weit über den Sinus 
UPOgenitalis binr?us der Urethralkanal bis an die Kuppe der Glans. 
Nach Fleischmanns Auffassung: schiebt sich dabei das primäre Ori- 
ficium urogenitale von der Pliailusbasis an die Penisspitze vor, wo 
wir es als Orificiiim urethrae (oder Fossa navicularis) wiederfinden. 
Auch die Getichlechtswülsto ziehen sich beim Manne in die Länge. 
Wähnend sie sieh heim Weibe, wie wir eahen, nnr mit Fett wattieren» 
sind sie heim Manne hestimmt, die aus der Bauchhöhle hernieder- 



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12 



I. Kapitd: Hermaphroditismus 



kommenden Geschlechtsdrüsen aafzanehiDeii. Dadozdi werden sie 
ZQ den Skrotaltefidieii, die in der graflen Mdmahl der Ffille nieht 
voneinander getrennt bleiben, eondeni in der Mittellinie sasammen- 
waebsen. So bildet eieb ana ibnen der im Septnm aoroti verbnndene 
einbeitlicbe Bebälier der Testikel, Hodensack. 

Veranschanlichen wir uns die geeebildert^ drei Gruppen der 
primären GkeehleehtBcharaktere — die glandulären, tubu- 
lären und externen — in ihrcTn W r r fl e g a n g- , so verliprt das 
früher so dunkle, vielen förmlich unheimliche Gebiet des liemja- 
phroditismns bald alles Mysteriöse und Merk\rnrdige und erscheint 
verhaitnismii liip' einfach. Seine Erklämng lautet wie folgt: Jedem 
Wesen, ob männlich oder weiblich, liegt dieselbe Urform zugrunde. 

. Vieles, was bei dem einen Geschlecht weiterwäohst, bleibt bei dem « 
anderen xorüek nnd nmgekehrt Darauf berobt der ünteraehied 
swisehen Mann nnd Weib. Nnn kommt ee aber vor, dafl das, wies 

' bei dem einen Gesdileoht snizmiebmen pflegt, aosnahmsweise bei ihm 
zurückbleibt und was ansonsten zurückbleibt, zunimmt. Dies trifft 
bald diese, bald jene Hegion der einheitlichen Grundform. Da die 
Anzahl der in Betracht kommenden analogen Gescbleclits„teile" 
recht ansehnlich ist, entstehen infolpredessen sehr viele Kombi- 
ijalioiien. Sie v. orden noch dadurf^h vermehrt, daß irrcgulärerweise 
die entsprechenden Anlagen beidtM»eits nebeneinander zur Entwick- 
lung oder Verküimnerung gelangen. Auf diesem genitalen 
Plus oder Minus in der Ausbildung beruht der 
Hermapbroditismns. Der besser en Übersichtlichkeit halber 
seien in der folgenden Tabelle nochmals korz die homologen Bil- 
dungen gegenübergestellt (siehe S. 14 nnd 15). 

Früher glaubte man, daß die mangelhafte Bifferenziemng der 
Geechleehtsorgane eine mechanische rein örtlich periphere Ent- 
wicklungsstörung sei, eine recht naive Vorstellung, wenn man be- 
rücksichtigt, wie komplizierte innere Strukturverhältnisse hier in 
der Mehrzahl der Fälle vorliegen. Schon Rudolph Virehow wies 
daher diese Anschaiuing zurück, indem er ausführte, daß zima Unter- 
schied von vielen Mißbildungen, die man auf mechanische Hem- 
mungen in der normalen FÖtalentwickhmg zurückführen könne, die 
Zwittarbildung ihrer ganzen isaiur nach nur von zentralen 
Einflüssen ab hängig sein könne, welche für die Geschlcchts- 
bestinimnng maßgebend seien. Allerdings dürfte er dab^ sehwer- 
lich an innersekretorische Einwirkungen gedacht haben, ein m 
seinen Lebzeiten noch imerforschtes Gebiet, eher wohl an trophisehe 
Ursaehen im allgemeinen. Auch Ton Neugebauer meint noch in 
seinem großen Werke: „Aller Wahrscheinlichkeit nach spielen unter 
den Ursachen des Scheinzwittcrtums nutritive Verhältnisse die 
Hauptsache, im ZusamiTinnhaug mit der Anordnuns" der arteriellen 
Blutgefäße." Wir können unserem leider zu früh verstorbenen 



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I. Kainid: Hennapiiroditiann» 1$ 



Freonde hierin nicht folgeiii ebensowenig, wenn er auch der 

psyohiRohpTi TWinfhifa^iimp' in dor Entwiokhing" eine Bedeutung 
zumiüt. Von ihr bis zum „Versebon", von dem früher so viele, und 
zwar nicht bloß „weise Frauen", fabelten, wenn vom Zwittertnm 
die Rede war, ist nur ein kleiner Schritt. Anch die mit erstaunlicher 
Häufigkeit von sämtlichen Arten körperlicher und seelischer Zwit- 
ter, Ton Hermaphroditen und Androgynen ebeiiBOWohl wie von' 
HozDOflexnellen, Transveetiien und Metatropisten vorgebraohte Er- 
klämag, ilire Matter habe sieh, als eie mit ihnen eehwanger ging, 
ein Kind «ntgegengeeetiten Gesehlechts gewünaebt, ist nicht mehr 
wie ein nnerwiesener Glaube. Immerhin ist hier zu erinnern, daß 
sich tibertripbone Skepsis in der Wissenschaft schon ebenso häufig 
als fehlerhaft erwiesen hat, wie Leichtgläubigkeit und acheinbarer 
Aberglauben. 

Als feststehend kann .iedenfalls arigesehen werden, daß die 
Heredität bei der Entstehung hermaphroditischer Bildungen ein 
sehr wesentlicher Faktor ist. Das lehrt zunächst die Tatsache, daß 
dieee Anomalien unverhältnismäßig oft bei Geschwistern und unter 
nahen Verwandten yorkonunen. Neogebaner hat hier&ber eine 
eigene Arbeit yeröf feutlieht: „Über Vererbung yon Hypospadie nnd 
Scheinzwittertum"*), und aneh in seinem Hauptwerke^) hat er zahl- 
reiche Fälle Ton Flseadohermiaphroditismus unter Geschwistern an- 
geführt. In meiner selbst beobachteten Hermaphroditen-Kasuistik 
befinden sich ebenfalls unter 24 Zwittern 6nial Geschwister. Meine 
letzte, weiter unleu l)e^-i:hrit^])eiie Beobachtung betrifft drei als 
Schwestern aufgewachsene Brüder mit hermaphroditischer Bildung. 
Taruffi^) erwähnt sogar eine Beobachtung von 5 Schwestern, von 
denen „Tier im Pnbertfttsalter Mfinner wurden". 

Auch der Umstand, daü behr häuf ig der Hermaphroditismua mit 
anderweitigen körperliehen und seeliadhen Störungen endogener 
Natur Tergeaellaehaitet ist, beweist, daß es sieh hier um nichts 
weniger als einen ortliehen Oenitaldef ekt bandelt, sondern vielmehr 

um die Teilerscheinimg eines degenra-ativen Zustandsbildes. Zwar 
sind, wie meine Kasuistik zeigt, dieee Begleiterscheinungen nieht 

dnrchfräTiprie' vorhanden, doch gehen wir wohl nirlit fehl, w«nn wir 
auiK lirnen, daß an und für sich pphon piner so hochgradiproT! S^exunl- 
störuug ein degenerativer Charakter iiuiewohnt. Den eigentlichen 
Ursprung dieser Genital ab weichungen aber haben wir in Funk- 
tionsstörungen des polyglandulären Systems zu suchen. 



*) Monatwehr. f. Geb. it. Gyn. Bd. 15. R a 1902l 

*) Neugebauer, loc. cit. S. 689, Abschnitt LXVIII: Männliches oder weib- 
liches Scheinr^ftertum bei mehrena Oesduristem mit teilweise intOmUcber Oe- 
achlechtsbesümmu ng. 

«) Taruffi« louni. de ht Soe.<]ned. dTEmul Voe. V. p. IM. 



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I. Kapitel: HeniiBiduodhisimis 



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16 



L Kapitel: Hennapbroditisnius 



Doch sind hier kaineewegs die Gesohleehtsdritoeii- ausflcblkBlioh be- 
teiligt; das erkennen wir daran, daß dort, wo die Gonaden fehlen, 
sei ee von Gebnrt an, sei ea infolge eines Eingriffs in Mherem oder 
spaterem Lebensalter, also bei Kastraten, Mikrorebisten (EJa- 

nnchoiden) nnd Kryptorchisten der tubuläre und externe Qe- 
schleoht^^apparat oft im starken Gegensatz zu den sekundären Ge- 
schlecbtscharakteren nur Terhältnisraäßigr w^nipr verändert ist. Auch 
fand Steinaeh, daß, wenn er Tiere, denen er vorher die eigenen 
Geschlechtsdrüsen exstirpiert hatte, dnrch Einsetzen der entgegen- 
gesetzten Gonaden feminierte oder ma^kiiiierte, die somatischen und 
psychischen GescbleeblaehanLktere eine sehr boobgradige, die 
primären aber nnr eine ganz geringfügige Verfindening erfnbren. 

Neben der Hypopbyse, von der wir eehon im ersten Teil «as- 
ffibrten, wie oft Veranderongen ibrer Struktur mit aoloben der 
Genitalien verbunden sind, dürften hier vor allem die Neben- 
nieren von Bedeutung sein. So fand Job, Fibiger*^) bei drei 
von ihm sezierten Pseudohermaphroditen eine ganz beträchtliche 
Hyperplasie der Nebenniere. In einem Falle waren die Nebennieren 
8 cm breit, 5 cm hoch und 3 cm dick, ihr Gewicht w^r 20 bis 30 g; 
an der Kapsel der linken Nebenniere befand sich noch eine akzesso- 
rische Nebenniere. Es handelte sich hier um einen 47iährigen 
Gaitemraf seher, der drei 'Elnder batte. Ob sie allerdings wirldidh 
von ibm stammten; ist mebr wie f raglicb. Zn seinen Lebzeiten 
hatte niemand an seiner Zugehörigkeit zum m&nn- 
liehen Geschlecht gezweifelt. Nach seinem Tode — er 
starb, an einer Lungenentzündung — ergab sich folgender Befand: 
Blonder, ^rrnnmelierter Vollbart, Mammae von männlichem Typus, 
zierlicher Korper bau; bei der militärischen Musterung wurde er für 
untauglich befunden, die. äußeren Genitalien ers^diienen atrophisch; 
der ziemlich kleine Peui^ zeigte eine Hypospadie zweiten Grades; 
das Skrotum hatte oben ebenfalls einen Spalt Es war leer. Da» 
Glied hatte drei Corpora cavemosa. Die Prostata war gut ent> 
Wiekelt. Im Prostatateil ^der Urethra mündet eine 
Scheide, die 7V2 cm lang ist. An diese Vagina schloß sieh 
ein Uterus an, 5V2 cm lang, mit Vaginalportion und Mutter- 
mund. In den Uteras mündeten 10 cm lange Tuben mit Morgagni- 
scher Hydatide. Unter dem abdominalen Ende der Tuben befanden 
sich jederseits deutliche Parovarien und Ovarien; in den Ovarien 
sind weder Corpora lutea, noch aberrentia, noch Zysten nachweis- 
bar. Dagegen fand sich in der Bindenschicht eines Eierstocks ein 
unzweifelhafter Follikel; niemals Menstruation. Beekea 
männlieh, Kehlkopf weiblioh, jedoch männlioher Typus in der Ter- 



Beiträge zur Kenntnis des weiblichen Seheinzvitteitunw in Viichovs Aich. L 
paUiol. Anat. Bd. 181. 190& 



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17 



kuöclieriiTig' der Cartilng-o fliyreoidea; der rTc^f^lilechtstrieb 
männlich und sehr stark. Selbst während der letzten Krank- 
heit verlangte er noch oft den Koitns von seiner Frau, mit der er 
19 Jahre verheiratet war. Die Frau beöclmlciigte ihn sogar, mit 
anderen Frauen intime Beziehungen gepflogen zu haben. Jedoch 
gab sie so» dafi ihi« drei Kinder Ton anderen Mfinnem, mit denen 
sie im Verkehr stand, herrühren könnten. Wae sieh beim Manne 
aus dem Memhrom ergoß, konnte nicht mehr festgestellt werden. 
Ich vermute Prostatasaft. Der Gatte selbst war von seiner Männ- 
lichkeit überzeugt, erst nach seinein Ableben soll scme eigene Muttor 
der Srhwiej3:ertocbter mitgeteilt haben, ihr Sohn sei nach ilirer 
Meinung- überhaupt kein Mann gewesen. Die postmortale Unter- 
suchung des Arztes bestätigte zum irr( iUea Erstaunen, ja zum Ent- 
setzen der Witwe, die Vermutung der Mutter. 

Wie in diesem Fell» der so zeeht ein Beispiel gibt für die oft 
so iiberans seltsamen Lebenssehieksale der Hennaphioditen, fand 
Fibiger «neh bei seinen beiden anderen Sektionen von Zinttem 
eine nngewöhnliche Ausbildung der Nebennieren. Auch Mar- 
chand beobachtete in seinem Falle eine kolossale Hyperplasie 
beider Nebennieren und eine sehr große akzessorische Nebenniere im 
Ligamentum latum. Ähnliche Angaben finden sich noch wiederholt 
in der Literatur; dieses Zusammentreffen zwischen Veränderungen 
an den Nebennieren uiul dem Genitalapparat kann nicht als Zufalls- 

« befund angesehen werden, w^nn mau die relative Seltenheit von 
Seheinzwitteraektionen in Betracht zieht nnd berOekeiehtigt» daß 
man dabei aieherlieh in früheren Zeiten den Nebennieren oft nicht 
genügende Bea<^tung gewidmet hat. 

In einem gewissen. Widerspruch mit der Lehre von dem Einf lui2 
der inneren Sekretion 'steht die Anschauung Hai bans, daß alle 
Geschlechtscharaktere im Ei, zum mindesten im befruchteten, bereits 
angelegt seien. Er unterscheidet demnach männliche, weibliche und 
hermaphroditische Eier. „Das hermaphroditische Ei besitzt von 
vornherein den doppelten Geschlechtsimpuls und von einem späteren 
f ormativen ElnfloiS derEleimdrüse anf das Übrige Genitale USnne 
keine Bede eein^.** Dieser Widenproeh scheint mir jedoch kdn 

f absoluter zn sein, denn es ^pfire sehr wohl denkbar, daß der doppdte 
Geechlechtsimpula im hennaphroditisehen Ei sich zunächst in einem 
doppelgeschlechtlichen Chemismus endokriner Organe äußerte, 
welcher dann erst seinerseits das latente Zwittertum zutage fördert. 
Im übrigen werden wir zu einer völligen Lösung der letzten Gründe 
dieser Erscheinung s<')i\v* rlich eher gelangen, als bis wir mit Sicher- 
heit wisiäeii, wovon es abiiangig iöt, daü bei der Befruchtung diu? eine 
Hai, nnd zwar in nahezu der einen HKlfte der IWle Knaben, das 



7) Neug«bftn«r, loc. dL 66. 
H.liselifeld, Stnal^MlIwlogto. IL 2 



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18 



I. Kapitel: Hennapbroditumin ' 



andere Mal Mädchen geboren werden. Dieeee Geheiinnie zu lüften 
Bind wir yorderhand, so viele eich auch echon daran Tereiichten, noch 
weit entfernt. 

Bis wir so weit sind, werden wir nns^an ^e möglichst genaue 
ErfofFBchung, Schilderung und Sichtung der Einzelfälle ssu halten 
haben. Auch hier — vor allem bei einer scharfen Einteilung 
des Hennaphroditismue — begegnen uns noch genug Schwierig- 
keiten. Bevor wir uns diesen zuwenden» seien aber noch kurz einige 
Störungen erwähnt, die wir gewissermaßen als Vorstufen des 
Hermaphroditismtis arizTisohon haben, es sind dies heim Manne 
vor allem der Kryptoicliisirms Tiiid dio Hypospadie» beim Weibe die 
Klitorishypertrophie und Uterusatrophie. 

Vorstufen des Hermapliroditisiiius« 

tTber die Bedentniijjr niid die patholog:ische Anatomie des Krypt- 
orchismus simplex und duplex habcu wir uus bereits iu dem Kapitel 
jjnfantilismus** (vgl. Bd. I, S. 38) geäußert. Die Hauptsache ist, 
daß der kryptorche Boden nicht nur» wie sein Name besagt, im 
Bauch oder Seitenkanal verborgen ist, sondern aueh im Bau und in 
der Beschaffenheit der Gewebe wesentlieh vom mmnaleni Hoden ab- 
weicht. Ifdi halte es für wahrscheinlich, daß diese abweichende 
Struktur, welche auch infolge geringeren Volumens seine Schwer- 
kraft vermindert, der primäre Grund ist, daß er nicht so tief nach 
unten sinkt, wie der normale Testikel. Als Vorstufe de>^ Henna- 
phroditismus können wir ihn ans verschiedenen Griinden b«"zeichnen: 
Einmal ist er in Verbindung mit der Hypospadia peuisscrotal is eine 
der allerhiiufigsten Teilerscheinungen des ausgebildeten männ- 
lichen Scheinzwittertums; de« weiteren ist die Herabwanderung der 
Gesehkchtsdrfisen aus der Leibeshdhle in die Gesohleehtswnlste ein 
spezifisch männlicher Gesehlechtsoharakter. Demzufolge stellt der 
ausbleibende Deszensus einen erhebUehenllfangel von männ- 
lichem Geschlechtsimpuls dar. Dies tritt auch darin zutage, daß in 
Verbindung mit ihm oft feminine, noch häufiger allerdings infantile 
Züge auftreten, was auf innersekretorisch wirksame Hormondefekte 
schließen läßt. Ob diese von der Geschlechtsdrüse allein ihren Aus- 
gang nehmen, oder ob eine gemeinsame Störung im inneren Chemis- 
mus der penitnleu, somatischen und psychischen Atypie zugrunde 
liegt, ist noch nicht sicher. 

Ganz rdmlich wie bei dem Kryptorchismus liegt es bei der 

Hy posp ;i (1 i e. Schon vor vielen Jahren wies ich auf Grund 
eigener iieobaphlungen darant' hin, wie oft selbst bei leichten Grarlf^n 
der Hypospadie andere Anz/eichen vorkommjen, die auf ein inuf r 
sekretorisches Manko hindeuten, schwacher Bart» hohe Stimme, 



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L Kapitel: H«iiiiaiilutoditi9inn8 



* 

19 



kleines Glied, ^jCheueB, namentlich auch weibensoheues Wesen, Er- 
echeinungen, die eieli auch nach operativer Beseitigung des örtlichen 

Übels nicht b-cssem. Dies spricht dafür, daß auch hier nicht etwa, 
wie man früher meinte, peripher mechanische, sondern lediglich 
zentrfile Eiuflüssc in Frage kommen. Auch der Umstand, daß die 
Hypospadie in hohem Maße eine familiäre Erkrankung ist, deutet 
darauf hin. 

Wir wollen aJs besonders augenfälliges Beispiel Linwards Fall anführen (der 
unter dem Titel „The hereditary transmission oi hypospadias and its transmission by 
indireet atavimi'* im Lancet Yom 10. April ISSi enchien). Da heifit es: Zu Begiim 
des 19. Jahrhunderts heiratete ein Hypospade, dessen Vater und Großvater auch Hypo- 
spaden waren, pin junges Mädchen, mit äcm er in keiner Weise verwandt war. Alle 
drei dieser Ehe entspringenden Söhne waren Hypospaden. Der älteste dieser drei 
Sohne erzeuste in seiner Ehe vier Sdhne, eftmffleh Hypospaden; zwei dieser vier 
Söhne heirateten: der erste von ihnen hatte zwei Söhne, darunter einen Hypospaden. 
der zweite einen Sohn, der ebenfalls Hypospade war. Die beiden anderen Brüder 
waren tnvrerheiratet. Einer der drei Brüder aus der vierten Generation staib kindvlo«, 
der dritte Bruder hatte zwei Söhne, Hypospaden. Koch merkwürdiger aber ist folgende 
Tatsache: Einer der eben genannten Hypospaden starb nach der Geburt des dritten 
Sohnes. 18 Monate nach seinem Tode heiratete die Witwe einen normal gebauten 
Mann und gebar demsdben vier Söhne; sämtlich HTPoapaden. Zwd wieder von 
diesen vier Hypospaden ,,had hypospadias in their tunis". Einer von ihnen hatte 
vier Söhne: der älteste war Hypospade die jOnger^ did waren nonnal gebaut 

Entwicklnngsgesohichtlich beruhen die leiehteren Orade dar 
Hypospadie, ebenso -wie der viel selteneren Epifipadie, anf einer 
nian^lnden Bnrchbmehfienergie, infolge derer der vorwacheende 

Urethralkanal, bevor er das an der Spitze der Glans penis befind- 
liche Ziel erreicht» nach oben oder unten abbiegt. Die stärkeren 
Grade der Hypospadie stellen sich nicht als Loch, sondern als eine 
Kinne an der Unterseite des Gliedes dar, die sich häufig von der 
"Wurzel bis zur S^iitze erstreckt uud dadurch verursacht wird, daß 
die embryonalen Geöchlechtsränder nicht zum normalen Verschluß 
gelangen. Ben gleichen Vorgang an den G^schleehtswületen nennt 
man Skrotal-, weniger präzise, namentlich dann, wenn die Binne 
nicht den Damm erreicht, Perinealepalt. ^BetriiFf t die Spaltbildanir 
Geechlechtdiöcker und Geschlechtswülste zugleich, so bezeichnen wir 
diese beim mämiHohenHermaplm>ditismQB sehr häufig vorkommende 
Entwicklungshemnmng als Hypospadia penlacrotalis. 

Handelt es sich bei dem E[ryptorchism<Da nnd der Hypospadie, 
wie bei dem männlichen Zwittertom überhaupt im wesentlichen um 
ein Bildungsminns, m haben wir es hei den Vorstufen des 
weiblichenHermaphroditismus und in diesem selbst bald 
mehr mit einem Entwicklnngsplns und Hyperplasien, bald mehr 
mit Defekten nnd Hypoplasien zu tun. — An ei'ster Stelle steht 
hier die Klitorishypiartrophie, die man in geringerer oder 
fltärkerer Anadehnnng (bis Fingerdicke nnd -länge ist sie beobachtet) 

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20 



L Kapitel: Hfitnmpiiiodttinmis 



bei 'sonst relativ normaler Genitalbeschaffenheit finden kann. In 
dieser Defoimitat dokumentiert sieh ein mannlicher Entwick- 
längs drang. Tatsaehlieh pflegen'* anck Frauen mit groBer Klitoris 
tjit eine tiefe Stimme imd sohwaeke Broste zn kaben, am Körper 
reie^ck behaart zn sein tmd nnsonsten viel männliche Zü^n auf- 
zuweisen» die bis zn einem anf Frauen oder sehr feminine Männer 
gerichteten Geschlechtsempf Inden pplipn l-rinn, ^ Seltener verbinden 
9}oh mit der Klitorishypertropbie anderweitige angeboronf GcnitaJ- 
anoiiialien, wie ein volIständiVor oder teilweuser Scheidendefekt, 
totale oder partielle Verwaetisung der großen Schamlippen oder 
Ovariiilektopie, ein Hcrabwandem der weiblichen Geschlechtsdrüsen 
in die Labia majora. Hier haben wir es mit einem Vorgang^ zu tun, 
der beim Weibe dem enteprickt, 'waa beim Manne der Kkyptorchis- 
mus ansmaekt, einen niekt den» eigenen, sondern in der 
Begel nur dem anderen (s^esckleckt snkommliekren 
Impuls; doek ist die Ektopie der Eierstoeke viel seltener» als ihr 
mannliokes Seitenstück. 

Ilm so häufiger finden wir aber beim Weibe als Entwicklungs- 
defekt den üternsrndiTnPTitaT!Tis m seinen verschiedenen Ab- 
stufim^en. Neben den Doppclbildnnfjen, auf die wir bereits oben 
bei Besprechung der Müllerpiebori Gränge iiinwiesen, verdient tier vor 
allem die Uterushypoplasie unsere Aufmerksamkeit. Man unter- 
scheidet den Uterus foetalis von 2 bis 4 cm Sondenlänge vom Uterus 
infautilis, dessen Sondenlänge 4 bis 7 cm* beträgt Beim fötalen. 
Uterus feklen die Menses stets, beim infantilen käufig, oder treten 
eist sebr spät, oft nack dem 20. Jakre, ein. Die Gesekleektsdrösra 
zeigen dementspreekend eine mekr oder weniger mangelkafte Ent- 
wieklnng; aber auch der ganze übrige Körper laßt bei kongenitaler 
Hypoplssie dieser Organe infantile Einschläge erkennen, neben 
denen sich nicht selten, aber auch im Bereich der sekundären Ge- 
scklechtscharaktere, männliche Anklänge vorfinden. 

Auch bei einer anderen Anomalie der weiblichen Genitalien 
habe ich diese Mischung v o n 1 n f a 1 1 1 i l i s m u s u n d V 1 r i 1 i s - 
mus nicht selten beobachtet, nämiicli bei der einseitigen oder doppel- 
seitigen Überentwicklung der kleinen Schamlippen. 
Ich halte es für völlig irrtümlich, diese Abweichung von der Norm 
mit Onanie in Zusammenkang zu bringen; diese siek anek noek in 
neueren Seznalsckrift^ Torfindende Angabe trifft ebensowenig zn, 
wie die Bekanptong, daß die Klitoris, der Penis, das Skrotum oder 
andere Teile des Genitalapparates — das Hymen natorlick ana- 
genommen durch Selbstbefriedigung Veränderungen erleiden; be- 
sonders von unförmigen Vergrößerungen ist die Bede. Ob ver- 
längerte kleine Labien auch ohne fi/>Tistige körperliche oder seelische 
Abweichungen von der Norm vorkommen, ist noch nicht klargestellt, 
wennschon nicht im wahrscheinlich. Wird doch berichtet, daß sie 



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Heriuaphr<Mlit!s4'lie Vorstufe Tafel I. 

1 2 8 




Der Fall ist eingehend im Text Seite 21 u. ff. beschrieben. Die oberen Aufnahmen 
stellen die Patientin in ihrer früheren weiblichen und jetzigen männ- 
lichen Tracht dar. Man beachte den Gesichtsausdruck, welcher gut die Verschieden- 
heit der Stimmung wiedergibt Das untere Bild zeigt ihre äußeren Geschlechtsorgane, 
deren Hauptmerkmal äußere Überentwickelung (Hyperplasie) und innere 

Unterentwickelung (Hypoplasie) ist. 



HirBchfol«!, SoNualputholojfic. 11. 



(;( 

A. Marcus Jt K. Wobera Verlage, Bonn. 



L Kapitel: Hemtapluoditisiitu« 21 



bei pini^en Völkerstämmen die Begel ist, wie dies die Bezeichnung 
„HottentottoDschürze" lehrt. — In ^incr prf'wisscn ontwipklungs- 
geschichtlichen Verwandtschaft zu den eben genannt* ii Hyperplasien 
der embryonalen Geschlechtsfalten steht auch ein anderer Bildungrs- 
exzei^, dem wir beim juLämiiichen Geschlecht sehr häuiig begegnen, 
die Phimose. Wir weiden diese» keinen hennapbxoditischen 
Charakter tragende Anomalie, wie nooh einige andei« im Beieich der 
mannliohen nnd weiblichen Genitalien liegende jedoch besser dort 
behandeln, wo von den Störungen der Geschlechtefnnktionen die 
Bede ist. An dieser Stelle sei, ehe wir auf die Schilderung des eigent- 
lichen Herrn aphroditismus ül>erg"ehen, wenigstens ein Beispiel der 
Vorstufen des Hermaphroditi&mus angeführt, das zugleich kenn- 
zeichnet, welchen äußeren Dissonanzen diskougruente Persoaea 
dietei^r Art aiisg'esetzt sind. 

Frühjahr 1B17 suchte mich die jetzt 27iährige Amanda B. auf, die ich be- 
reits seit mehreren Jahren beobachten konnte. Die Person leidet unter dem z^angs- 
mäßigen Drang, Männeddeidung tragen zu müssen, da sie trotz ihrer Erziehung ab 
Mäiichen sich in ihrem ganzen Wesen als Mann fühlt. Diesen ihren Bedürfnissen ent- 
apreciiend, befürwortete ich vor mehreren Jahren, dafi dem Patienten die Erlaubnis 
0»wi]ut woden sollte, dmemd MinneiUddimg tragen zu dOilen* Der Antrag wuide 
smehmigi, Amanda B. lebte seitdem als Mann im Berufe Postbeamten. 

Der Grund seines crnfcutcn Kommens ist der, daß pf, vorzugsweise durch di--" 
strenge Personalkontrolle, wie sie der Krieg in versctuedeuster Hinsicht, infolge der 
Lebeasmitidkaileidisteii, polizeilidien Meldungen und Eintragungen, hftuftgar FrOfung 
der Ausweispapiere, mit sich bringt, sich weitgehend gehemmt fühlt, und diese Be- 
achränlning soiner persönlichen' Freiheit ilin seelisch überaus bedrückt sowie seine 
Arbeitslust und Arbeitsfähigkeit in hohem Maße herabsetzt. Alle diese Hemmnisse im 
Ldben äet Amanda B. wOrden sofoiC vsnneidbar werden, wenn neben der Erlaiibois» 
die Kleidung des anderen Geschlechts tragen zu dürfen, auch einer Namensände- 
rung im Standesregister oder wenigstens in seinen Ausweispapieren stattgegeben 
werden könnte. Ich habe nun, dem Wunsche des Patienten gemäß, ihn wiederum seit 
raebreren Monaten, in Gt-memschaft mit meinem Kollegen H o d a n n , auf das ge- 
naueste untersucht und beobachtet; wir kamen zu folgendem Ergebnis: Amanda B. ist 
am 7. April 1880 zu St. als uneheliches, jedoch später legitimiertes Kind des Babn- 
•rbeitos Alazander B. und 8«inw Sh^u Knma Asboren. Belxefis dar geseUecht- - 
liehen Zugehöxidceit bestanden ba. der Geburt keine Zw^el, daa IQnd «uida unter 
weiblichem Namen eingetragen. 

Jedoch sollen sich schon in früher Kindheit die Leute über den Patienten auf- 
sebalten babea, daB er ,ßo was lungenhafles an sich habe" — er selbst glaubt dias 
an sich seit dem 7. L- brns ahre bewußt empfunden zu haben, im Gegensatz zu den 
Mädchen, mit denen er, da angebUch keine Jungen in der Nachbarschaft waren, spielte. 
Für Puppen oder Kochen hat er sich nie uileressiert, dagegen gern „FanüUe" gespielt, 
wobei ihm stets die Bolle des Vaters zufiel Er war dabei „sehr wfld~. 

Die Bemerkungen anderer über sein abweichendes Wesen lösten bei ihm keinerlei 
unangenehme Gefühle aus, im Gegenteil, er empfand sie als willkommene Be- 
stätigung des von ihm Empfundenen. Nach seiner Einsegnung, wohl 
auch schon vorher, fühlte Patient sich sehr einsam. Er lebte unbefriedigt im Hause 
der MuUer. Mit 17 Jahren sollte er Buchführung lernen, da ihm aber das Rechnen 
nicht zusagte, gab er diese Beschäftigung nach einem halben Jahite wieder auf, lernte 
dann xdt 19 Jaloen die Bhimenbfaiderei, da bieib«, wie er Blanbt^ mehr „nUnultebe 
AMt" KU leisten sä. In diesem BemÜB blieb er bu zum KrieBsausbmeh; tut der 



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2^ 1 Kapitel: Hennaphroditismus 



Un vaTidiimg seiner Tracht ist «r im Postbetrieb Wig, in dem. et sieh beruflich sehr 

befriedigt fühlt. 

D«r Triebr die Kleidung des anderen Geachtechts m tragen, trat bereits in dar 
Kindhvt bewußt zutage; bei der K c n f i r m a t i o n gab es Auseinander» 
Setzungen in der Familie, weil sich Patient weigerte, lange 
Kleider anzuziehen. Er fühlte sich als Junge und wollte sich demgemäß 
tragen. Nach der Einsegnung machte sich in der weiblichen Kleidung starkes Unbe- 
hagen bemerkbar, das erst \tich, als dem Patienten nüt 24 Jahren dia Erlaubnis 2um 
Tragen männlicher KU idung erteilt wtirdp. 

Das fiewufitsein der Männlichkeit ist stark ausgeprägt und wird mit Sicberlxeit 
vartrelen. Aiaüi nuehf Patient in Iflanerklddung» wie aich tm dem beigefügten BSlda 
ergibt, duxdiaus keinen auffälligoi Eindrudc. 

Bezüglich dos körpprlichen nnd seelischrn Bpfundes konnten "wir folsendcs fest- 
stellen : Die äußeren Geschlechtsteile machen einen mehr weibüchen Ein- 
druck. Urettiralmündung und Vaginahnündung sehr klein und eng. Von der 
V KUtorfs geht eine im erigierten Zustand S^s cm lange Hautfalte aus, die sieh nach 
rechts nur durch nincn flachen Sulkus getrennt, in die rechte kleine Scliamlippc fort- 
setzt. Dieses Gebilde wird alle 4 — 5 Tage gleich einem erigierten Penis 
steif, gleichzeitig tritt starke Libido auf, eine Abschw^ eilung erfolgt unter 
ruckartigen Bewegungen und Lustempfindungen. Die inneren 
Geschlechtsteile sind weiblich, jedoch besteht in allen Teilen eine hoch- 
gradige Hypoplasie, die es begreiflich erscheinen läßt, daß im ganzen Ge- 
baren des Patienten so gar keine femininen Charaktere zum Ausdruck kommen. 
Itan fühlt rektal einen kleinen hypi^lastischen retroflektierten Uterus, der gegen den 
Douglas frei beweglich ist Adnexe sind nach keiner Richtung hin süt Sicherheit ab- 
zugrenzen. 

Das Becken weist folgende Maße auf: Distantia iliaca 25,9, Distantia sin- 

nata 23,0, Distantia trochanter. 30,0. Dagegen die Akromialbreite 28,9. Die geringer» 
Breite der Dist spin. gegenüber der Dist. iliaca ist als weibliches Merkmal zu deuten, 
während an die männlichen Maße der geringe tntersciücd der Schulter- zur HQft- 
brdte erinnert ;2H,y-^m,0). 

Die Haut ist von guter Turgeszenz, ihre Farbe nach der v. Luschansehen Farben- 
tafe! 3. Das Fettpolster ist mA^ entwickelt. Der Knoch/fflobau ist krSftig» die grot» 
Kraft der Extremitäten gut. 

Die Behaarung ist kräftig, in der Schamgegend dem sonstigen körperlichen 
Befund mtapsechend nacb weiblidiem Typus mit der QuerCslte des Möns veneris ab- 
schneidend. Der sonstige Körper wenig behaart, Achsdluuure und Kopfhaare schwarz,, 
schlicht. 

Die Brüste erscheinen, was das Fettpolster und die Mammillä anbetrifft, zwar 
weiblich, jedodi ist keine Spur von Drüsenpolster zu fühlen. Die Pdrtio* 
rales sind gut entwickelt. Der Kehlkopf sprinjrt nicht vor, ist aber kräftig ent- 
wickelt. Das Organ klingt beim Sprechen mehr männlich als weiblich. Di» 
Stimme eine Singstimme Uder Frauenlage. 

Der Thorax ist gut gewftlbt, die inneren Organe zeigen keine Besonderheiten. 
Patient imponiert als durchaxis gesunder Mensch, ist auch früher nicht krank ge- 
wesen, abgesehen von einer diphtheritischen Infektion im 18. Lebensjahre. Psy- 
chischer Befund: Der Patient ist psychisch, im Gegensatz zu semer in 
vielen Stücken überwiegend weiblich anmutenden Erscheinung, ausgesprochen 
viril. Die Männli-hkeit des Patienten zeigt sich unter anderem darin, daß er, soweit 
er Dinge inteliektuell «rfaßt hat, sie mit Konsequenz und Beständigkeit durchführt. 
Die AffdcQage ist, obwohl Patient, wie er zugibt, wohl hin und wieder depcess^en. 
Anwandlungen nadunigeben in Versuchung kommt, eine gleichmäßige, es besteht 
keinerlei Launenha^tir^kcit Er besitzt einen starken Willen, im Beruf etwas 
zu erreichen, vcrbundtia mit dier Überzeugung, dazu die Fähigkeiten zu haben. Ebenso 
ist bei völligem Fehlen einer Anlehnungsbedürftigkeit die Selbständigkeit sone» 



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I. Kapitel: Eermairfuoditisinua * 



23 



Wesens und der Wille, diese t^eibstandigkeit geltend zu luachen, stark ausgeprägt 
Patient lehnt fOr sidi jeden Sdunudc al^ Hebt ilin aber, wie eine gewisse Weichheit 
und ScbmU'ßsanikeil, bei spinen Liebesobjpktpn; raucht täglich 6 — 1 Zigarren, 
trinkt mäßig. Der Tascheninhalt besteht aus Streichhölzern, Zigarrenetui, Messer, 
Notizbuch. Geschlechtstrieb : B. hat sich als Kind nicht viel Gedanken <iber 
SeschleehtUdie Dinge gemacht, trutzdem die Anregung dazu nahelag, da die Mutter 
Hebamme war. Hfirte wohl mit 10 — ^11 Jahren von „schweren Geburten", ließ sich 
dadurch aber zu keinerlei Fragen hinleiten. Pubertät setzte mit ungefähr IS Jahren 
ein, eine Blutung hat nie stattgefunden, dagegen trat ndt 15—16 Jahren 
er^tionsartiges Anschwellen der genitalen Mißbildung auf. Gleichzeitig verspurts 
er einen Trieb, der ausschließlich auf das weibliche Geschlecht 
gerichtet war, und es heute noch isL 

Mit 18 Jshrw setste ein gewisser Stimmwechsel ein; die Stimme wurde meik-' 
lieh tieler. Schon mit \i — 15 Jahren zeiptc sich ein leichter Flaum der Oh^ppe, je- 
doch ist ein stärkerer Bartwuchs bis heute nicht auf!.'etielen. 

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß im Falle von A. B. eine gewisse Dis- 
kongrueuz der körperlichen und seelischen Geschlechtsmerkmale vorliegt S«nem 
ganzen Veifaalten und Auftreten entsprechend ist er mehr dcmmännlichen Ge- 
schlechte zuzurechnen. Aus diesem Gninde scheint uns der W\insch 
des Patienten Berechtigung zu haben, bei seiner bereits gestatteten Lel>ens- 
«eise als Kfann auch seinen Namen au s Amanda in Amandus ändern 
zu dürfen, wenn man die anfangs erwähnten Schwierigkdten betOcksichtigt, die 
sich in das Leben des Patienten dauernd einschieben. 



Irrtümliclie Ueschleclitebestimmuug. 

Findet sieh bei einem Neugeborenen eine Hypo^adie mitKrypt- 
orchismus vor, m kann es recht schwierig" sein, die unmittelbar 
nach der Greburt auftauchende Schicksalsfrage: Knabe oder 
Mädchen, mit einer die Eltern vollkommen beruhigenden Be- 
stinnnthcit zu beantworten. Da die erste Diag^nosie sich Icdig-lieh auf 
die äußerlich sichtbaren Werkzeug^e der spüt^^ren Konjugation stützt, 
w ird man bei dem Anblick eines Spaltes zunächst au eine Vagina 
denken nnd in dem anfangs nnr kleinen, oft noeh dazu voik den Ge- 
sehlechtswülsten bedeckten Fhallns eher eine Klitorifi als einen Penis 
za sehen geneigt sein. Die Hebamme nnd anch der Arzt sind 
bestrebt, schnell das entscheidende Urteil abzugeben aus begreif- 
licher Bücksicht auf den Seelenzustand der Antwort heischenden 
Wüclinerin. Auf die.se Weise sind eine Anzahl irrtümlicher 
Geschlecht sbestimmnngen zustande gekommen, die sich 
später als recht verhängnisvoll herausgestellt haben. Benn es ist 
k-eineswegs selten vorgekommen, daß im Grunde des für eine Scheide 
gehaltenen Spalts ein Samenleiter mündete, der von einem krypt- 
oiehen odor nachträglich deszendierten Hoden seinen Ausgang 
nahm, so daß an dem männliehen Qesehlecht der als Weib lebenden 
Person nicht der geringste Zweifel l^tand. Haben dooh solche Indi> 
' viduen verschiedentlich selbst Kinder gezeugt. (Vgl. Seite 76 meiner 
ITaflniwtlk.) 



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24 



I. Kapitel: HennaidiioditiBniiis 



Nicht ganz so oft, aber inunerhin noch häufig genug, hat sich 
aber auch das Gegenteil ereignet. Der siemlich ansehnliche Phallus 
wurde, als man ihn suerst wahmahmc, nicht für eine Klitoris» son- 
dem für ein männliches Gesohlcclitsglied gehalten; in dem von 
der PhallnsbasiB ansgehenden Schlitz sah man keine Vagina, sondern 
eine Hypospadia scrotalis. In Wirklichkeit al>er fülirte diese Öffnung? 
in einen Scheideiiknnal, in dessen ohf rem Gewölhe sich ein Mutter- 
mund befand, welcher zum üterus, zu Tuben und Ovarien führte. 
Ich erwähnte bereits ein solches Weib, das als Gatte und angeblicher 
Vater verstarb, ohne daß ihm jemals lieflenk-en über seine an- 
scheinend männliche Geschlechtszugehörigkeit aufgestiegen waren. 
Auch Arnold Heymanns^ Fall eines 17jährigen Gymnasiasten, 
der ans einem regelrecht Ton der Harnröhre dnichaogenen Penis 
mcnstroierte, gehört hierher. Der Katheter ffihzte geradeaus in die 
Blase, an der hinteren Hamrohrenwand entlang gleitend, aber, auch 
in eine Scheide, über welcher man vom Rektum ans einen Uterus 
mit Adnexen fühlen konnte, hingegen keine Prostata. Der junge 
Mann wollte die Blutungen aud d*em Penis beseitigt haben und 
Professor Znckerkandl expti?*pierto ihm ?ms diesem Grnnde die weib- 
liehen Organe; ob er hierzu befugt war, bleibe dahingestellt, uns 
interessiert hier besonders, daß er beim Bauchschnitt Uterus und die 
rechten Adnexe normal befand, links eine langgestreckte Tube, aber 
kein Ovar, statt dessen ein haselnuügrußes Gebilde an der inneren 
Mündung des Leistenkanals^ das keine Spur von weiblichen Keim- 
zellen aufwies, dagegen fibrin{i6eB Gewebe mit zahlreichen Spindel- 
aeUen, wie man sie im Ovasiatstnanai findet Bas rechte Ovar war 
normal mit Graff sehen Follilceln und einem frischen Corpus 
luteum. Der Geschlechtstrieb dieses Patienten war aber trotz Eier- 
stöcke auf weibliche Personen gerichtet, er glich darin also einer 
homosexuellen Frau, wodurch sein Wnnseh, den Penis zu be- 
halten, die Blntnngen aber zn verlieren, verständ- 
lich wird. 

"NTeben den eben angeführten Befunden, aus denen hervorgeht, 
daß sich hinter nahezu gleicher äußerer Genit;)ll)rs< liaf fenheit Hoden 
oder Ovarien verberp:* n können, liegt noch eine dritte Möglichkeit 
vor und auch sie gehört nicht zu den Ausnahmen. Sie besteht darin, 
dafi die Geschlechtsdrüse, die sich hinter der zweifel- 
haften Fassade aufhält, gleichfalls zweifelhaft ist 
Entweder ist sie dann rudimentär und in ihrem Gowebe so geartet, 
dafi weder in vivo, noch poet mortem festgestellt werden konnte, ob 
die Person männlich oder weiblich war, oder sie ist dies beides zu- 
gleich, indem sie deutlich nebeneinander männliches nnd weihliches 



^) Wien. klin. Rundschau 190& Nr. 26: Heterotfpischer Eennwhroditismus 

femininus extemus. 



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L Kapitel: Heimaphioditiamus 



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Gesolilfyht'^drüsengewebe zeigt. In beiden Fällen sind wir 
berechtigt, zu sagen, d.aß es sich hier um einen Meu« 
Bchen neutrin 8 generis handelt. 

Ans diesen kurzen Bemerkungen erhellt schon, daß wir mit der 
alten Einteilung von Klebs in Hermaphroditismus masculinus und 
ffimininiis nicht aiisieielieii, da der ebenso wichtige und hfinfige 
HiermaphroditüniTiB nentralis (oder inoertoa) kerne Berücksichtigung 
lindeft. Schon Yirchov hatte einst gesagt» man würde nicht nm- 
hin können, zuzugestehen, dafi bei einer gewisf>en Anzahl von Henna- 
phroditen überhaupt keine ausgeprägte Geschlechtsdrüse yor- 
banden ist, und der größte HermaphroditenforscTipr, v. "N'eno'o'hjmor, 
bemerkt: , ."Wiederholt habe ich den Statistikern und Juristen vor- 
gelinlteu, daß wirklich ein Individuum neutraler Art existiert, ein 
Individuum neutrius generis. Man kann sich dabei anstellen wie 
man will, so wird man eben doch nicht mit Sicherheit sagen können, 
es ist eine Frau, oder es ist ein Mann. Steht nun dief Tatsache fest, 
dafi es homines neutrius generis gibt 'und daß wir in yielen Fällen 
trotz Mikroskops anfierstande sind, das Geschlecht zu ent* 
scheiden, so würde sich als lo^^iscLf Konsequenz ergehen, im Standes- 
smte in der Metrik eine Rubrik einzuführen: „Geschlecht 
zweifelhaft". NenfTphniipr hält diese Forderung all^^r(liTi£rs nicht 
fiir praktisch durchführb.ir, vrpil die Fltcrn wissen wollen, ob das 
Kind eine Knabe oder ein Aiadehen ist und ob sie das Kind als Knabe 
oder als Mädchen erziehen sollen. 

Aber nicht nur die Einteilung dea Hennaphroditismus In minn- 
lieh und weiblich, sondern auch die andere allgemein verbreitete, in 
HeTmaphroditismus yerus und f alsus, wahres und Sehein- 
swittertum hat der fortgeschrittenen wiaeenechaftlichen Erkenntnis 
und Forschung nicht standhalten können. Bevor ich aber zu dieser 
und weiteren theoretisch und praktisch bedeutsamen Fragen dieses 
Gebietes kritisch Stellung nehme, empfiehlt es sich, zunächst einmal 
einen Überblick über die von mir selbst beobachteten Fälle von 
Htrmaphroditismus zu geben. Auä dieser lebendigen Quelle schöp- 
fend, gewinnt der Leser am ehesten Klaxheit und kommt dadurch in 
die Laipe, einer Mensdiengruppe in ihren eigenartige Schicksalen 
gerecht zu werden, die — man möge mir dies Wortspiel verzeihen — 
mehr noch wie unter eigenen Büdungsfehlem, unter Fehlem in der 
Bildung anderer gelitten hat. 

Der erste der von mir beobachteten und veröffentlichten Fälle betrifft die jetzt 
öti Jaiins alte Friederike S. ^) Als ich sie kennen lernte, war sie ^ Jahre alt. Sie wurde 
fan FrOhiabr 1861 auf einem Dorf in Bayern geboren. Die Eltern, welche sieh mit 
Landwirtschaft h r~rh'";'ti;zen, k-ben noch, sind über 70 Jahre alt und gesund. Sie sind 
nicht blutsvei wandt, die Mutter ist 2 Jahre äUer, als der Vater, beide sind sitten- 



*) Dieser Fall wurde zuerst von mir in der ,Jülonats9chrifl fOr Hamkrankheiten 
md seziMile Hygiene", % Jahivang 190fi^ Heft 1 besehrieben. 



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1. Kaidtel: Hennaphroditismus 



strenge, sehr fromme und biedere Leute und führen eine glückliche Ehe. Friederike 
hat zwei Geschwister, die verheiratet sind, Kmder haben ^ind stets kräftig und jresund 
gewesen sein sollen. In ihrer engereu und weiteren Familie sind ihr keine Fälle von 
geiBtiseii Stdnmgeo, mangelbaiter Körperentwiekltms, Brach, Kropf j Inea, AUcohoUfimnuif 
Tuberkulose bekannt, auch kamen in der Verwandtschaft keine Sdbstmoide vor. Eine 
Belastung im degenerativen Sinne ist nicht nachweisbar. 

Friederike lernte rechtzeitig gehen und sprechen. Die erste und zweite Zahnung 
veiiief normal; sie litt weder an Kopfscbinerzen, nodi an Kiftinplen, Bettnässen oder 
anderen Störungen. Von den Eltern, die niemals mit ihr über geschlechtliche Verhält- 
nisse sprachen, wurde sie streng, man kann sogar sappn prlide, erzogen. Besonders 
wundert sie sich, daß die Mutter sie niemals „aacti dem Unwohlsein ge- 
fragt hat". Sie zog im allflemeiaen Knabenspiele vor, Uetteita gern aitf 
Bäume, lernte aber auch alle Handarbeiten. In der Schule machte sie gute Fort- 
schritte; große Vorliebe hatte sie für Naturwissenschaften und Geouraphiof. Im 
IB. Lebensjahr zeigten sich die Pubes, die Brüste blieben völlig unver- 
ändert, Menses traten nicht eitf, im 17. Jahr veränderte sich die Stimme, bn Be- 
ginne der zwanziger kamen Barthaare an Oberlippe und Kinn, welche sie anfangs mit 
der Schere, später mit dem Rfisiormesscr cnirenite. Ziemlich früh, ihrer Erinnerung 
nach schon vor der Reife, begann sie durch Friktionen an der „Klitoris" zu maslur- 
bieren; sie hat diese Abmipulationen, aUerdinss vieüladi mit monatelangen Unter- 
Iweeboncen, bis in die jetsige Zeit fortgesetzt. 

Status praesens, a) Geistige Eigenschaften: Die Patientin 
macht einen ernsten, ruhigen Eindruck, sie lacht wenig, ist sehr schamhaft, miß- 
tiattiseh und ängstlidi. Anderseits liegt aber auch viel LiebenswOrdlglceit und Gut- 
mAt^keit in ihrem Wesen^ Sie gibt an, daß sie ziemlich leicht heftig wird xmd 
— wenn sie verletzt ist — sehr rachsüchtig sein kann. .'\bersläubisch ist sie gar 
nicht, sie kann sich „ordentlich aufregen", wenn ihre Mitarbeiterinnen vom Traum- 
deutoft und Kartenlegräi sprechen. Familiensinn ist nur in geringem Grade vortumden» 
ein Kind möchte sie nicht besitzen. Sie ist sehr opferwillig und könnte 
für eine Freundin „ihren ganzen Verdienst hingeben". Sie trinkt und r.iucht 
gern und kann 4 haU)e Liter „Echtes" oder eine Flasche Wein gut vertragen, ihre 
Melligenz ist bedeutend, sie besitzt eine für ihren Stand umfangreidhe Bildung. Das 
Gedächtnis ist gut, sie beobachtet und prüft scharf. Sie interes^ert sich für Altertümer, 
auch für Kriege imd Politik, in der Zeitung fesseln sie am meisten die Selbst- 
morde. Für die Mode hat sie gar kein Interesse, sie liest gern wissenschaftliche 
Werice, niemals Romane. Sie kann kodien, versteht HauS' und Randazfodten, doch 
gibt sie männlichen Beschäftigungen den Vorzug. Sie besitzt 
einen Revolver und scharfe Patronen, schießt gern, kann auch reiten und rudern. 
Sie wäre am liebsten Kunstreiterin geworden, sie zeichnet häufig Damenköpfe, auch 
hätte sie gern als Soldat gedient, sie liebt aber das Militär nur im Ausmarsch- 
a n z u fr , nicht im ..Sonntagsstaat", In ihrer Kleidung zieht sie einfache, anliegende 
Gewänder vor, am ant'enohmsten ist ihr die englische Facon (Reitkleid), sie hat Ab- 
neigung gegen Schmuck, Vorliebe für hohe Kragen und Herrenhüte, doch 
trägt sie, um weiblicher auszusehen, einen grofien Federhut, ein Samtband um 
den Hals, das den Adamsapfel verdeckt, Bluse mit Broschß, Korsett 
mit Brusteinlage und Tournüre. Auf Maskenbällen ist sie zu ihrer ^'roßen Freude 
einige Male als Manu gegangen. Ohrringe, die sie ebenfalls früher ge- 
tragen hat, sind ihr veihafit, ebenso Armbänder, Fächer, FarfQms. Puder ui^ Sdiminke. 
"Wegen ihres bescheidenen, liebenswürdigen Charakters ist sie überall wohl gelitten, 
doch sind ihr größere Gesellschaften unangenehm, am liebsten ist sie zu zweien. 
Ihre Schriftzüge sind groß, fest und sicher. 

b) Der Geschlechtstrieb. Die ersten geschlechtUdien R^pmgen traten 
im 19. Lebensjahr auf. Die Richtung des Geschlechtstriebes war immer dieselbe, und 
zwar wandte sie sich von Anfang an dem weiblichen Geschlecht zu. Die Liebes- 
träume bezogen sich st^ts auf das Weib, sie träumte, daß sie ein Mädchen küßte und 



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an sich drückte, wobei Erektionen der „Klitoris" eintraten. Dieselben bemerkte sie 
auch schon Irüh beim Berühren oder Umarmen ihrer Schulfieundinnen. Dem 
Ifanne gegenüber besteht in sexueller Hinalcht Gleichgültigkeit, vor dem Koitus 
mit ihm Widerwillen. Vier Heiratsanträge, welche ihr im Laufe der Jahre ge- 
macht wurden, lehnte sie ab, zweimal gab sie dem Verlangen von Männern, welche 
mit ihr kolMbitieren wonten, nacih, fttldte ^ßtSä alter oadk dem Jniet femora** voise- 
nommenen AU sehr unbefriedigt Auf die Vmt», was aie am Ifanne abstößt, ant» 
wertete sie: ...es ist kein Reiz da". 

Ihre ^'elgung erstreckt sich besonders auf 18 — ^24jährige Mädchen mit vollen 
BrOaten -und runden Armen, und zwar mehr sanftmütigci ond gebildete Personen. Eine 
^ jfroße Vorliebe hat sie für schöne Hände. Zweimal hatte sie ein Freundscliaflshündnis 
von längerer Dauer, jedesmal etwa 3 Jahre, sie war sehr eifersüchtig, bezeichnet aber 
diese Jahre als die glücklichste Zeit ihres Lebens. Die Art ihres Begehrens ist männ- 
lich aktivisch, die Stärke ihres Geschlechtstriebes groß, nach dem Verkehr mit einer 
Flau fühlt sie sich erfrischt und gesundheitlich gefördert. Sie Kar der Meinung, 
dafi sie homosexuell veranlagt sei. Wenn die Gelegenheit zum sexuellen 
Teikdir mit dnem Weibe lanfe fehlte, gtitf sie zur SelbstbdHedigung. Sie fahlte «di • 
oft sehr unglückUch, litt an LebensQberdruß, kaufte sich daher einen Revolver, hat 
aber keinen Selbstmordversuch «remacht Am liebsten wäre sie „als Mann 
gebore n", angekämpft gegen ihre Natur hat sie nicht, weil sie 
es für aussichtslos hielt Trotz sehr veligiflser Enäebuns hat sie ihren 
Glauben verloren, weil „in der Bibel steht, Ihr sollt Euch vermehren und sie niclit an 
emen Gott glauben kann, der so unvollkommene Geschöpfe geschaffen habe, wie sie 
eines sei". 

e) Körperlicher Bafund : I^enthi ist 1,72 m g r o fi , wiegt 156 Pfd., ihr» 
Knochen sind stark, die Körperkonturen nicht abgerundet, sondern eckig, Oberarm 
und Oberschenkel abgeflacht, Fettpolster sehr gerinn, Muskeln abgesetzt \md kräftig, 
sie hebt mit. einer Hand l^/^ Zentner, trägt 2 Zentner auf dem Rücken, mich selbst 
(ßb Kilo) hob sie ziemifeh Ideht empor, Hftnde und Fflfle sind rtoB, besonders die 
H.lnde ungewöhnlich kräftig, dag Fleisch fühlt sich fest an, sie turnt gern, tanzt auch 
gern „als Herr", ihre Schritte sind ziemUch kurz, ihr Gang ist gerad«, doch di-eht sie 
sich etwas in den Hüften, schon als Kind konnte sie „wie ein Bube" pfeifen. 
Der Kehlkopf ragt sehr stark hervor, was durch ein Samtband sehr ge» 
schickt veiborRGH wird. Die Stimme ist tief und rauh, Halsumfang 37 cm, die Länge 
Halses beträgt, von der Incisura thyreoidea bis zum Manubrium stemi 10 cm. IHe 
Sehldsselbeine ragen totv Tbofaxomfang über den Hamülft gemessen, bei der In- 
spiration 98, in Exspirationsstdhmg 91 cm. Der AtmungstTPus abdominal. Der 
Warzenhof hat einen Durchmesser von l^/j cm, ist ein wenig umhaart. Mamma- 
gewebe nicht nachweisbar. Auf der linken Seite befindet sich, genau in 
der Mitte der 28 an langen Yerbindunfslinie, weiche von der Brustwarze bis zum 
Nabel gezogen werden würde, eine kleine überzählige Brustwarze. Die Hüftbreite ist 
bedeutend schmäler die Schuiterbreite; der Scliulterumfang beträgt — > unter dem 
,jUtromlon" genonunen — 106 cm, der HOftumiang dagegen, am oberen Endpunkt der 
Rima pudendi gemessen, 98 cm, zieht man nur die Vorderseite in Betracht, so ist die 
Schulter vom Akromion zum Akromion .50 cm, die Hüfte in der Mitte zwischen Nabel und 
Symphyse von einem Oberschenkel zum anderen 44 cm breit DasBeckenselbst 
hat einen völlig mftnnlichen Charakter. 

Der Schädel ist kräftig, die hohe Stirn wird durch die nach unten gekämmte 
Haarfrisur um ein wesentliches verkürzt; das Kopfhaar reicht jetzt aufgelöst bis zur 
Milte der Schulterblätter und ist nicht sehr dicht, bis zum 20. Jahr wurde es in zwei 
Zöpfen getrsgen, welche damals bis zur Taille rächten. Jetzt wird e» in moderner 
Damenfrisur getragen. Der Bartwuchs ist sehr stark; der Bart wird an 
der Oberlippe und am Kinn täglich rasiert, die Superzilien sind ziemüch stark. Der 
Qoaiehtsausdruck ist im ganzen männlich, besonders die Nasen- und 
Utmdpartt^, die ZQga grob, nur der BUdc ist innig, mehr wettdich, ihre Brannten 



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I. Kapitel: Hermaphrodiüsmus 



aasten, de h&tte dnw „verliebten mde", in der Wange befmden ndi tide GrOfachen, 

die Ohren sind zierlich, die Ohrläppchen von kleinen Löchern durchbohrt 

Dii» Haut ist ziomlich zart und fast unbehaart, nur am Unterarm und Unter- 
schenkel beiludet sieb, ein leichter Flaum. Die Schambehaarung trägt mehr weiblichen 
Typue; nur bd genauem ffinaeben bemerkt man Smtren des fOr If ftnner eharakte- 
listischcn Haarstrich? zwischen ^^a^pl und Symphyse. Die Schmerzempfindlichkat 
der Haut ist groß. Patientin will immer gesimd gewesen sein« so daß sie noch nie- 
mals einen Arzt konsultiert hat. 

d) Die Geschlechtsteile: Die äußeren Geeefalechtsteile aeiffen auf 
oberflächlichen Anblick eine weibliche Form. Man sieht zwei stark 
entwickelte große Labien, welche sich nach dem Damm zu verbreitern, ziemlich 
reichlich behaart sind und an der Innenseite prominente Talgdrüsen aufweisen. Die 
hintere Kommissar der großen Labien grenzt sich nach oben zu scharf ab, wäh- 
rend die Labien nach dem Danune zu ineinander übergehen. Der letztere ist ziemlich 
lang und ist an seinem analen Ende mit Hämorrhoidalknoten besetzt. In der 
oberen Schamlippe ist ein hühnereigroßes, hodenartiges Ge- 
bilde deutlich palpabel. Von demselben geht ein Strang aus, der sich wie 
ein „Vas dcferens" anfühlt. Kremasterreflex nachweisbar. Die Unke Scham- 
lippe ist leer, doch gelingt es, von der Unterleibshöhle aus durch den linken Leisten- 
kanal ein hodenartiges Gebilde von der Größe eines Taubeneies herabzudrOcken. 'Es 
wird augegeben, daß bei dem GesohlecihtsTeikehr mit Weibern, welcher teils nach Art 
des normalen Koitus, teils als Kunnilingus vorgenommen wird, iin Orgasmus ein 
schleimigea Sekret „etwa ein Fingerhut toU" entleert wird, welches 
aus dmr aadexen Ofliimig He der Harn hervorquillt Dasselbe geschehe bd da 
Maaturbatioo. Das Ejakulat wurde von dem Privatdozenten der Berliner Universität^ 
Herrn Dr. H. F r i e d e n t h a 1 mikroskopisch unl<^: -i;rht. Es fanden aich darin sehr 
zahlreiche völlig normale Spermatozoen. 

In dem zwischen den großen Lidnen befindlichen Spalt treten die staik ^t- 
wid,elten Schleimhäute der kleinen Labien zutage. Oben bilden sie ein weithervor- 
ragendes Präputium, nach dessen Zurückstreifen erst die undurchbohrte Klitoris sicht- 
bar ist. Diese ist von Smegma bedeckt, zeigt deuthch eine .Glans^ einen Sulcus coro- 
nariue, ist in der Ruhe 4, in statu erectionia 7 cm lans. An der Spitn findet sidi ein 
seichtes Grübchen, welches sich nach unten in einer Furche fortsetzt, die in den 
schmalen Scheidcnspalt übergeht. 

6 cm unterhalb der Penisspitze mündet in diese Rinne der Urethralkanal, 
Hymen ist nicht yorbanden, in die Scheide kann weder mit dem Finger, nodi mit 
einer Sonde eingedrungen werden, da diese Manipulationen mit zu großen Schmerzen 
verknüpft sind, .und in Chloroformnarkose nicht untersucht werden konnte. Zieht 
man die kleinen Labien weit auseinander, so scheint es, als ob die blutigrote Scheide 
in einer Hefe von 8 cm bKnd endigt. Bei der rektoabdominalen Untersuchung fand 
ich nichts, was als Uterus, Tube oder Ovarien gedeutet werden konnte, dagegen einen 
walnußgroßen Körper, der nach Form und Lage den Eindruck einer Prostata 
hervorrief. 

C Epikrise : Bei der 40jährigen Friederike Schmidt, die seit itirer Geburt ais 
Weib lebt, zeigt sich ein absolut männlicher, stark auf das Weib gerichtete O e> 
schlechtstrieb, Her sich in seiner Richtung niemals verändert hat. Ihre geistigen ' 
Eigenschalten und Neigungen sind von Jugend an überwiegend männlich, trotzdem sie 
im Laxife der Jahre mancherlei weibliche Gewohnheiten angenommen 
hat Die sekundären Geschlechtscharaktere sind fast ausnahmslos rein männlich, nur 
die Scham- und Kopfbehaarung zeigt weiblichen Typus, doch 
besteht daneben reichlicher Bartwuchs. Kehlkopf, Brüste, Becken sind ab< 
solut viriL Menses waren nie vorhanden. 

Was die primären Geschlechtscharaktere anlangt, so läßt sich, entsprechend dem 
Geschlechtstrieb und den Geschkchlszeichen zweiter Ordnung, ein hodenartiger 
Keimstock nachweisen, von dem ein Samens trangartiges Gebilde 



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L Kapitel: Ileimaiiliraditi«mns 29 



ausgeht; im linken Leistenkanal steckt ein atrophischer Keimslock unbestimmten Cba- 
rnktpr«! Der Gf schlrchtshöcker nimmt eine Mittelstufe zwischen Penis 
und Klitoris cm. Gruße und kleine Schamlippen sind vorhanden, welche eine 
kuxxe, bUnd endigende Scheide beBienzen. Im übrigen sind «eibliche Organe, vor 
allem ein Uterus, nicht nachweisbar, dagegen scheint eine Prostata vorhanden zu sein. 

Da die Untersudiung des Sexualsekrets z w e i f e 1 1 o s Spermatozoen er- 
ff<d)en hat, so UM eidi mit Beetimmihflit sagen, daB es sidi hier um eiiie ifrUtanSdi« 
Geschlechtsbestimmung (erreur de sexe) handelt, indem die als Weib lebende Friede- 
rike Schmidt in Wirklichkeit männlichen Geschlechtes ist, die 
Kinder zu zeugen sehr wohl imstande ist Der Irrtum wird dadurch verständlich, daß 
wahrscJieinlidi bis zur Pubertit ^ammUsdÜsa KryptoidiiamuB bestand, so daB di« 
leeren großen und kleinen Schamlippen oder richtiger Geschlechlsfalten und Wülste 
in Verbindung mit dem hyposradäischen, sehr kleinen Membrum in der Tat den ab- 
soluten Eindruck weiblicher Geschlechtsteile hervorriefen, zumal 
jft die bei der Gebort noch TÖlKf indifforsnten edrandären und terUftren GeaeMeGlits- 
Cbaraktere für die Diagnose nicht in Betracht kommen konnten. 

Meinen Vorschlag, ihre Metrik zu ändern und als Mann weiter zu leben, lehnte 
die Patientin ab, da ^e das mit dieser Umänderung verknüpfte Aulsehen scheute und 
filiditele, die ihr angendmi fewuidene fsaehlfUiehe Stellnng m 'verlieren. 

In den 12 Jahren seit dieser Schilderung hatte ich Gelegenheit 
jSlaiieii einige Mala die Fätiantiii SB flebeiL In den ersten Jalirea 
war sie sehr zufneden. Sie hatte aieli in ein Weib Yerliebt oder 
vielmehr ein Weib batte sieh !n eie ^verliebt, und da eie diese Neigtmff 
in hobem Grade erwiderte, verbanden sie sich und zogen zusammen. 
Dieses Weib war eine Masseurin, die von der Befriedigung maso- 
ohisfi'=^c>ipr Männer lebte. Selbst wohl etwas sadistisch vorniilagi, 
jedenfalls mit vielen männlichen Eigenschaften wie Kraft, Ge- 
schäftssinn, Herrschsucht versehen — in Zeitungsanzeigen bezeich- 
nete sie sich als „sehr energische Masseurin" — spielte sie völlig 
die Kolle des Hausherrn, während Friederike die Wirtschaft führte 
nnd Uberbanpt die SteUnng der Fran im Hanse einnabm. Eines 
Ta^es aber heiratete itire Frenndin einen ihrer Knnden, wie sie saipto 
einen wirklichen Mann, nicht ans Liebe, sondern um äußerer 
Vorteile willen. Unsere Patientin war darüber seelisch tief be- 
troffen. Ich sah sie in dieser Zeit sehr häufig. Hochgradigste Er- 
regningszustände wechselten mit starken Depressionen und Selbst- 
mordgedanken, so daß man zeitweise den Eindruck einer klimak- 
terischen Psychose in voller Ausbildung hatte. Nach einigen Jahren 
klang dieser Zustand ab; jetzt ist sie wieder ziemlich ruhig, nur an 
die Episode mit ihrer Frenndin darf man nieht rOhxiea. Sie emlihrt 
sieh selüeehi nnd vettt als Wisehenäherin. Den Gedanken; sieh 
jemals auf ihr wirkliches Geschlecht überschreiben zn lassen, hat 
sie völlig aufgegeben. Nur im Beginn des Krieges erwog sie noch 
einmal emstlich ihre Umwandlung, dn pio sich g-r^rn als „Kriegs- 
freiwilliger" gemeldet hätte, ließ aber den aus vaterländischer Be- 
gteisterung geborenen Gedanken nach kurzer Zeit doch wieder fallen. 

Besteht in diesem Fall an der Diagnose: irrtümliche Ge- 
ächlechtsbestimmung auf Grund von Pseudoherma* 



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I. Kapitel: Hermaphroditismus 



phroditismus masenliniis nieht der geringste Zweifel, so 
liegen die Verhältnisse in dem folgenden Fall^*), den man nur als 
Sexus incertus bezeichnen kann» ungleich yerwidEelter. 

A. Yorge schichte: Fnmz K. wurde 1878 «Ii iOngstes Kind eines Fürsten 

in Wcstpreußon geljoreii und als Knabe petauft. Der Vater starb in hohem Alter 
an imbekaiinler Krankheit, die Mutter in. ihrem -40. Lebensjaiire, angeblich an Gehirn- 
erweichung. Der Vater halte mit 31 Jahren die damals 22iährige Mutter geheiratet, ^ 
und entsliiuiiilen der ISSUmfen Ehe aufler Franz nodi 2 Söhne und eine Toeht». 
Die beiden älteren Brüder starben zwischen ihrem 20. und 30. Jahre, der eine an 
Magenbluten, der andere an unbekannter Krankheit Die Eltern imd Großeltern waren 
nicht blutsverwandt. Abgesehen von der angeblichen progressiven Paralyse der 
Mutter aifid weder bei den VocCahten noch bei den Seitenverwandten Fälle von 
Geisteskrankheiten, körperlichen Abnormitäten, Alkoholismus, T.ues, Tuberkulose oder 
anderen Leiden beobachtet worden, von denen man annimmt, daß sie zur Degeneration 
einer Familie führen. 

Soviel unser Patient weiß, befinden sich in seiner Verwandtschailt keinerlei ge- 
schlechtlich absonderliche Fe rsönüchkeiten, auch nicht auffallend weibliches Aussehen 
männlicher oder maunüciies Aussehen weibhcher Familienmitglieder. Er selbst 
ähnelt in hohem Grade seiner Mutter. 

Die Kindheit des P. bot wenig Besonderes; auBer leichten Klndeitrenkheiten 
war er stets vollkommen gesund, so daß nie ärztliche Hilfe in Anspruch genommeit 
zu werden brauchte. Er war auch nicht ängstlich oder schreckhaft, fühlte sich aber 
mehr zu Mädchen hingezogen, mied die wilden Knabenspide und erkannte 
froh, daB er „an'ders wai-, ala andere Kinder^'. 

Ahfangs im Elternhause erEOgen, kam er mit 12 Jahren in die Stadtschule und 
Terbrachte von die s* r Zeit ab nup^ mehr die Ferien bei den Eltern. Diese sowohl wie 
die älteren Geschwister wußten von seiner zwilterliaften Beschaffenheit, vermieden 
es aber, But ihm darüber zu sprechoo. Im 1& Jahre madite sidi die Gefldüeehtsreüe 
bemericbar, es traten die Puhes auf, gleichzeitig wuchsen die Brüste starkj 
während ein deutlicher Stimmwechsel nicht beobachtet wurde. Ein schwacher 
Bartflaum über der Oberlippe machte sich zuerst im 20. Jahre bemerkbar. 
Nach beendeter Schulzeit lernte P. Kaufmann. Hit 19 Jahren stellte er sieh frei- 
willig zum Miütär, um nicht bei der .'\ushebung in Anwesenheit der anderen Rekruten 
untersucht zu werden. Der Militärarzt erklärte ihn für dauernd untauglich. 
£r nahm dann Stellungen als Buchhalter an, die er stets lange und zu großer Zu- 
friedenheit seiner Vorgesetzten inne hatte. Augenblicklich hat er einen Vertrauens- 
poeten inne, auf dem jährlich mehrere hunderttausend Mark duich seine Bände geheiL 

B. Status praesens, a) Körperlicher Zustand. Patient suchte 
mich auf behufs Ausstellung eines Gcsundheitsal'r ^^frs, welches seitens einer Behörde 
von ihm erfordert wurde. JCs tiatte Ilm große Überwinduni; gekostet, sich zu 
dnem Arzte zu begeben, und war schliefilkh sdne Wdil auf nddi gefallen, ^ er 
erfahren hatte, daß ich Personen seiner Art, die er als ^'ebeweaen letder KIssae" 
bezeichnete, besonderes Interesse entgegenbrächte. 

Das Auffallendste beim ersten Eindruck war, daß es fast unmöglich schien, 
aber das Alter der sich ▼erstellenden Person ein Urteil zu 
fällen. Man konnte ihn ebensogut fttr 17, wie für 40 Jahre halten. Er erzählte 
mir, daß er sehr häufig, wenn er Besucher seiner Firma herumzuführen und ihn^n 
Auskaufte zu erteilen hätte, von diesen während der Unterhaltung gefragt \sürde; 
„wie alt ^nd Sie denn «Ifentlieh?" worauf «r dann hpmonroll zu antworten pflege: 



Diesw Fall wurde von nur iuerst in der „Monatsschrift für Hankrankheiten 

und sexuelle Hygiene" (herausgegeben von Dr. med. Karl RieB, Stuttgart, Verlag von 
Malende, Leipzig), II. Jahrgang, Heft 5, veröffenÜichL 



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I. Kapitel: UennaphrodiUsmus 



31 



,yf dureb" oder „17 gevesen". Sein Alter veAerge er, damit die Leate ihm nicht 
zum Heiraten zureden. 

Patient trägt einen Anztip, der in keiner Weise von der bei Herren üblichen 
Tracht abweicht Sein heilblondes Haupthaar ist kurz, struppig, ungeacheitelt 
In seinem zarten hübschen Gesicht findet sich ein SDftrlicher, f laelisf avbener 
Schnurrbart. 

Nachdem der jetzt 32 Jahre alte, 1,09 m große und 148 Pfd. schwr-ro F K sich 
entkleidet hat, zeigt sich ein prachtvoller Mseiblicher Koni er. Der Brust- 
mnftuDff ist 90, der Hflftenumfang 98 cm. Die Mammae treten als zwei 
pralle volle Halbkugeln hervor. Die Brustwarzen sind ziemlieh groB 
tind von einem rosa pefärbten Warz» nhof umK^bi n, dessen Durchmesser 5 cm beträpt; 
in demselben sind einige Montgomerysche Knötchen deutlich sichtbar. Bei der Pal- 
valion fohlt man unter der Haut der Brüste ein Gewebe, das vom weiblichen Mamma- 
Cewebe nicht zu «mtnaeheiden ist. 

Die Tlaut ist sehr zart, rein und vollkonmien glatl. Die Kr rperlinien sind 
abgerundet, namentlich die Schuller-, Oberarm-, Hüft- und Oberschenkolkoiiluren 
absolut feminin. Die Hände sind weich und zierlich (Haudschuhnuimner 7), die Füße 
Idein. Das Fteiseh fühlt sich teigig und schwellend an, die Muskulatur ist 
flchwach entwickelt. 

Die Schritte sind klein und kurz, doch find.'l beim Gehen kein Drehen in den 
Schultern und Hüften statt Patient kann nicht pfeifen. Es besteht keine Neigung 
stt kr&ftiger Ifuskelt&tiidc^ Turnen, gymnastischen Spielen, ab«r auch nicht zum 
Tan?., dagegen zum Wandern und Radfahren. Der Atnmngstypus ist kostal Der 
Kehlkopf tritt am äußeren Halse nicht hervor; die Stimmlage i=^t mitfei; wie Patient 
angibt, ist sie durch Übung tiefer geworden. Die Sprache ist einfach, nicht geziert; 
Neigung in Fistelstimme zu sprechen ist nicht vt^ianden, ehw das Gegenteil. 

Der Genchtsausdruck ist weder ausgesprochen männlich noch weiblich, jeden« 
falls aber mehr weiblich als miinnlich. Die schöner, blauen Au^'en hal'en einen 
ruhigen, sanften, leicht melancholischen Ausdruck. Patient fühlt sich außer seiner 
Anonnalit&t ToIIkommen gesund. Es bestehen keinerlei Störungen des Nenrens^stems, 
auch keine Migräne und Neurasthenie. Patient hat bisher niemals ärztlichen 
Bei stand nötiir gehabt. Die Untersuchung der Lungen, d< r Zirkulalioosorgane, des 
Verdauungsaprarates sowie die Analyse des Harns enfeb. n vl IIis,' iz v-^unde Verhältnisse. 

b) Genitalapparat: Bei dem ersten .iVnbhck der Genitaüen kann man sich 
des Erstaunens nicht erwehren, was die Eltern und die Hebamme wohl veranlaßt 

haben mag, in diesem Falle einen Knaben zu diagnostizieren. Man muß jedoch be- 
rücksichtigen, daß die genitale Formation neugeborener Individuen viel leichter zu 
einem Zweifei und Irrtum in der Gescblechtsbestimmung Anlaß geben kann, wie die 
dsfimerle pos^ubische Gestaltung. Bei den Neugeborenen komnMNK die sdEundftren 
Gesdüechtszeichen außer Betracht, die charakteristischen Pubes sind nicht vorhanden; 
die tinmittelbar post partum fest aneinanderffepreßlen, die .Nymphen überdecki n ien 
grofien Labien sehen einem kryptorchistischen Skrotum, bei dem die Raphe ein 
gesunken ist, zum Verwechseln fthnlich. Findet sich nun oberhalb dieser Bildung 
^ deutlich hervorstehender Bürzel, so wird der Laie leicht zu der Diagnose „Mann" 
komroon, da er in einem wenn auch noch so kleinen Membrum virile das entscheidende 
Zeichen der Männlichkeit sieht und über das weibliche Anaiogon des Geschicchts- 
bOekers gewdbidich nicht genügend unterrichtet isL 

Die makroskopische und nukroskopisefae Untersuchung ergab bei K. folgenden 
BeAind: 

Die Schambehaarun? ist typisch weiblich. Es sind zwei (nit 
entwickelte Labia majora vorhanden. In die rechte Schanilippe läßt sich ein 
Uflinea^ taubeneigroBes, in die linke ein faaselnuBgroßes Ge- 
bilde vom Leistenkanal aus nach unten drflcken. Die Berührung derselben 
ist mit Schmerzen verbunden. £s ist unmögüch, bei der Palpation zu beurteilen, ob 



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32 I* Kapitel: Hennapbrodiüsmus • 



es sich bei diesen Organen um Hoden, Eierstöcke (oder iiin Ovotestes) handelt Beim 
Herunterziehen scheint es, als ob diese Gebilde mit einem bindegewebigen, runden 
Strang von geringem Durchmesser in Verbindung standen, der sich weder wie ein 
Vas deferens, noch wie eine Fallopische Tube anfOhlt 

Zentralwärts von den groSen sind die kleinen Schamlippen sidifbar, 
die ca. 4 cm lang sind und durch eine reichliche Anzahl von Sclil^imhautfaJlen auf- 
fallen. Streift man sie nach oben auseinander, so erblickt man einen Bürzel, der 
2 cm breit und 1 cm l«Bf ist In der gescMechtlichra Erregung soll deisslb« 
etwa ^/^ cm brnter und ein wenig länger werden. Dieser stumpfe Höcker zeigt keine 
Mündung eines inneren Kanals, da!?P!?en an seiner •Oberfläche eine nach unten ver- 
laufende flache Rinne, an deren vaginalem Ende die Urethra mOndet Die unterhalb 
deimlben gelegene hymcnlose Öffnung der Seheide ist fOr eine bleialiftdidK0 Send» 
durchgängig. In einer Tiefe von 14 em stößt diese Sonde auf den Grund des 
h&utigen Kanals, der keinerlei Vorwölbungen und Öffnungen zeigt, welche idmi id« 
Portio und Muttermund ansprechen könnte. ' 

Die digitale Uhtereudning per Taginam ist nicht möglich. Per uium fttUt 
man kune Prostata. Rektoabdonoinal ist keine Resistenz palpabel, die als 
T'terus gedeutet werden könnte. Die Monatsrcgel \var nie vorhanden, auch keine 
vikariierenden Mena^ oder menstruelle A(iuivalente. Patient gibt an, dafi sich bei 
dem mdbt durch Mastnxbslicn herbeigefflhrten Orgasmus etwa 2 Gramm weifi- 
lichen Schleims «nilecnen, welche er für Samenflüssigkeit hält Die zu zwei 
verschiedenen Malen vorgenommene mikroskopische Untersuchung des Ejakulats ergab 
in bezug auf Samenfädchen ein negatives Resultat Kollege Dr. M. Zondek, 
wddier ^e Untnsuchung ausfOhrte, berichtete mir: „Ich habe die sehldmige, gmu 
aussdiende Flüssigkeit sofort nach Empfang frisch untersucht einige Trockenpräpa- 
rate gemacht und dieselben nach einiger Zeit gefärbt. Es zeigten sich beide Male 
Plattenepithelien, sehr groß mit verhältnismäßig kleinem, zentral gelegenem runden 
Kern, femer BakteiiM, smccpbe Hassen, geronnener Schleim. Sperma,tozQeft 
waren nicht Torhanden." 

c) Der Geschlechtstrieb. Im Gegensatz zu der bisexuellen Mischun« 
der somatischen Geschlechtsmerknirilo zeigt der Gf'srhlechtstrieb kpinf» Spur von Bi- 
sexuaiitat, ist vielmehr — wie bei einem normalen Weibe — ausschließlich 
auf den Hann^geiiehtet 

Nach der Geschlechtsreife, die im 15. Lebensjahre eintrat, trat immer deutlicher 
ein lebhaftes sexuelles Intcrossf für märmliche Personen hervor: !i5r Mädchen und 
Frauen bestand niemals auch uur die geringste sexuelle Neigung. Der Gedanke, mit 
einem Weibe gesdilecht&di zu TeAehren, ist ihm „widerwftitig**. •PoHutionstrftunk» 
hatten stets Berührungen mit Personen männlichen (Patient safrt „desselben") Ge- 
schlechts zum Inhalt. Auf dem Theater fesselten ihn Herren mehr wie Damen. 
Patient fühlt sich von kräftigen, recht männlichen Typen angezogen; zarte, weibliche, 
namenflich auch die meisten Homosexuellen lassen ihn kalt; uniformierte 
StÄnde, besonders Soldaten, bevorzugt er. 

Es ist ihm außertDrdentlich peinlich, wenn jennand seines absonderlichen Baue» 
gewahr wird. Vor allem meidet er deshalb auch die virileren Homosexuellen, die 
sich am ehesten zum Veikehr mit ihm bereit finden, wdl die meisten von ihnen, wenn 
sie den Mangel des Membrum virile wahmdiment entt&nsdit sind, einige sogar „^nikl 
grob" geworden seien. 

Die Art seines Begehrens ist weiblich passivisch. Er möchte sukkubus, der Qe- 
Uebte soü inkubus sein. Der Geschlechtstrieb ist stark, ein Akt könnt« 
bisher aber nur selten (immer mit Männern) ausgeführt werden Fr fühlt sicli 
daher unbefriedigt und unglücklich: wünscht daß, wenn dies möglich wäre, seine 
Natur geändert würde. Wenn andere Männer und Frauen das geschlechtliche Thema 
berdhren, kann er ^h dnes Neidgefühles nicht erwdnen. 

Er hat Kinder gern; er vermehrt täfrlirh in der Familie seines Chefs und es 
macht ihm besondere Freude, mit dessen Kindern, die ihn sehr heb haben, zu spieleik 



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I. Kapitel: Uermaphroditismus 



33 



und zu musineren, der Wunsch, ein eigenes Kind m btettxsn, iit aber sar nicht vor« 
handm. 

d) Geistige Eigenschaften. Es überwietrcn die männlichen 
Charakterzüge Von seinem Gemüt sa?t Pafipnt. dnß es weder hart noch weich 
sei, „ein undefinierbares Gemisch . Starke Affekterregbarkeit ist nicht 
ToHuuBdea; TMnen fUeBen fast nie; er kann dageeen leleht zornig werden. Ihsgtßz, 
auibllendc SeUisfsuchl sind wenig ausgesprochen, jedoch starkes Mißtrauen. 

Patient ist weder laimenhaft^ noch besitzt er Hang zum Aberglauben und sa^ 
von seiner ReUgioritat, sie sei gleich null. Er hat ziemUdi stailcen ¥^en, kdm 
Furchtsamkeit und^ ist von sittlichem Emst und großer Ordnungsliebe. Er Hebt geistige 
und körperliche Arbeit, ist in bezut' auf seine Lebensbedürfnisse anspruchslos; 
raucht nur viel, und zwar starke Zigarren, kann auch viel Alkohol 
yertragen. & besitzt «in gutes Gediditni^ hat viel gdesen und gelernt tihd ist 
Ton umfa^nder Bildung. In erster Linie interessiert ihn Politik; 
er ist ein großer Verehrer von Bismarck. Musik hebt er sehr. Er spielt sehr gut 
Klavier. Aus Plastik macht er sich nichts. Dagegen beschäftigt er sich gern mit 
BlumeniiDege. 

Es besteht nicht der i^eringste Drang, in Kleidern des 

weiblichen Geschlechtes zu ?ehen. Er hat weder Neisnmg für Schmuck, 
noch für Parfüms, Puder u. d^L Er liebt einfache Gewandungen, hohe Kragen; doch 
spiden die Kleidungssofgen luine Rolle in mänea Gedanken. lütng lOr weibUehe 
Handarbeiten, Kochen, Putzen ist nicht vorhanden. Seine Schriftzüge sind groß 
imd sicher und erwecken swöifeUos den Kiminick, daß sie von einem Manne 
herrühren. 

Sein Orundtemperament ist heiter, doch bat sein Humor oft etwas Saikastisehes, 

namentlich wenn er über seine Person s"hprzt. So schrieb er mir einmal in einer 
von kaustischem Witz erfüllten Schilderung ausführUch, „^as er bereits im Geiste 
über sich nach seinem Ableben in der Morgenpost las". 

C, Epikrise. Die Gesehleehtsdiagnose Iftfit sieh bei dem 

32 jährigen, seit seiner Geburt als. Mann lebenden Franz K. 
intra ritam nicht stellen, ja es erscheint sofrar fraglich, ob es 
post mortem möglich sein wird, zu entscheiden, ob diese 
Person ein Hann oder ein Weib gewesen ist 

Als Mann, wie die Behörden und seine Umgebung annehmen, kann er wissen- 
schaftlicherseits bei der überwiegenden Anzahl weiWichcr Geschlechtscharaktere, dem 
Mangel m&nnlicher Keimzellen und dem ausgesprochen weibUchen Geschlechtstrieb 
nicht angesehen werden. Auch nicht als homosexaeller Hann, unter' 'welehe Kategorie 
er sich zu rubrizieren geneigt ist. 

Aber auch dem weiblichen Gcschlechte können wir ihn nicht zuzählen d;i er 
nicht nur niemals menstruiert hat, sondern auch zahlreiche Geschlechtscharajitere 
zweitor und diitter Ordnung boitst, wek^ eine weit ttber das weibliche Stadium 
hinau?'^ hnnde, männliche Entwicklxmg auhveisen. Auch für ungeschlechtlich kann 
man ihn nicht erklären, da Geschlechtsstigmata in großer Fülle Toxhand^ sind, und 
der Geschlechtstrieb in ToUkomroener Ausbildung besteht 

Ebensowenig ist er sber doppelgeschledhUidi, da ans der Amenorrböe und 
Azoospermie hervorgeht, daB weder ndnnUche nodi weibliehe Fortpflanzungszellen 

produziert werden. 

Die nachweisbaren iveimstöcke machen bei der Palpation den Eindruck rudi- 
mentärer Gebilde, jedenfalls nicht normaler Ovarien oder Testes. Aus der 
fehlenden äußeren Sekretion kann man folgern, daß weder forlpflanzungsfähiper Same 
noch Eier in ihnen vorhanden sind. Aus der inneren Sekretion, deren Folgeerschei« 
nungen in den wobliehen und weibiBelMa QsiehleehtsefaanJrterBtt sutan tiittü kann 
man aber schliefien, daß die Gescblechtsdrflsen sowohl mlnnlidies wie wdbliches 
Pubertätsgewebe enthalten dürften. 

Birachf«ld, Seznalputhelogie. IL 3 



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84 



Der Patient, der sich erst nach ^oßem Widerstreben zu den wiederholten TJnter- 
suchimgen entschlossen hatte« war nicht wenig enttäuscht» als ich ihm die Antwort 
schuldig bleiben nmBte, ob er demi auB dmilfich ein Mann oder ein Weib sei, ibn 
also wie er in dw ihm eigentOmltchen Art meinte^ «anf die Sektion ver« 
tröstete". 

Für die sexuelle Psychologie und Physiologie ist der Fall in verschiedener üm- 
sidtt beachtenswert; einmal zeigt er, dafi ein Tollkommen determinierter Geaehleehta» 

trieb bei gänzlichem Mangel von Fortpflanziingszellen bestehen kann. 

Femer sehen wir, im Gegensatz zu der Frfahning, wie man sie bei femininen 
Homosexuellen so oft macht, trotz ganz weihlichem Geschlecbtscmpfinden ausge- 
, sproehene Antipathie gegen weiUidie Gewohnheiten (Abndgung gegen weibUdie 

Tracht und Beschäftigung, Vorliebe für Tabak, Alkohol usw.), eigentümlich ist auch, 
daß die sekundären und tertiären Geschlechtscharaktere in nahezu umgekehrtem Ver- 
hältnis zueinander stehen, indem auf somatischem Gebiet etwa zu 75 Proz. weibliche 
und 2tt S6 Fron, männliche, auf peychbehem etwa zu 7b Proz. mftnnllcbe und zu 

26 Proz. weibliche Gescidechtszeichen miteinander verbunden sind. 

Auffallend ist endlich auch so hochgradig?*' G y n ä k o m a s t i e und 
weibliche Beckenbildung bei gleichzeitigem Vorhandensein 
▼ on Bart und männlicher Stimme. 

Für die forensische Medizin bietet der Fall sowohl ein strafrechtliches wie ein 
zivilrechtliches Interesse. Strafrechtlich insoweit, als er die Fratre nahelept, ob diese 
(Person, welche als ]Vlann lebt und als solcher getauft ist, sich im Sinne des § 17& 
R.SiGJB. vergeht, wenn sie, wie wiederholt geschehen, mit einem Manne in geacUecfat- 
liche Beziehung tritt, weiter auch, ob der noimalt^ od* r hümo>exuclle Mann sich Strafbar 
macht, wenn er mit einer derartigen Person eine Imitntio coitus vollzieht. 

Ziviirechtlich zeigt der Fall recht deutlich, daß in bezug auf den Ilermaphrodi- 
tismus unser neues Bflrgerliebea Gesetzbudi keinen Fortachritt, sondern ^en ROck- 
schritt vollzoir, als es die vernünftigen Bestimmungen des alten preußischen Land- 
rechts über die Zwitter gjinzlich eliminierte, mit der apodiktischen Begründung, es 
gäbe keine Personen unbestimmten oder unbestimmbaren Geschlechtes. 

Unseres Erachtow hat man unter die Peraonen zwitterhaften und zwttfelbaften 
Geschlechtes nicht nur solche zu rechnen, die RleichzoitiR Ovarien und Testes besitzen, 
sondern auch solche, die keines von beiden besitzen, mit anderen Worten : rieht 
nur solche, die sowohl &iann als Weib sind, sondern auch 
solche, die weder Mann noeh Weib sind. 

Im Laufe der letzten 12 .fahre habe ich Franz K. zwar nicht so ofÜ wie Friederike 
S., aber immerhin eini^re Male zu sehen Gelegenheit gehabt. Sein körperlicher und 
psychischer Status hat während dieser Zeit auch nicht die geringste Veianderung dar- 
geboten. Er madite heute mit 40 Jahren dnen dienso juvenilen und indüferenzierten 
Eindruck, \\ie damals als ich ihn zuerst sah. Bcniflich hat r r v riter gute Fortschritte 
gemacht. Er nimmt jetzt in einer großen Süddeutschen Verwaltung einen leitenden 
Posten ein und füllt ihn, wie mir berichtet wurde, vortrefflich aus. 

Es folgen mm drei weitere Fälle von HcrmaphToditiantas, in 
denen auf raein Gutachten hin eine B ( r i <• Ii t igong der Ge- 
schleclitszugehörigkeit im Staiulesrogister erfolge. Die 
äußere Veranlassung" war in den drei Fällen die gleiche. Es handelte 
sich scheinbar um junge Mädchen, die sieh um das 
zwanzigste Jahr herum sehr stark mit allen An- 
zeichen der Eifersucht in andere Mädchen verliebt 
hatten. Man mußte daher zunächst an homosexuelle Neigungen 
denken» Da . die Paare sich sehr gern geheiratet haben würden, 
glaubten sie zunächst vor sdhier nnanflosliohen Konflikten zn stehea 



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L Kapitel: Hennapbioditiflonis 



35 



und waren von Doppplsclbstrnord nicht weit entfernt. Bemerkens- 
wert ist es, daB die wirklichen Frauen, die Hermaphroditen bereits 
ehe sie deren Körperbeschaffenheit genauer kannten, als völlig 
männlich empfanden. Für die Differentialdiagnose Hermaphroditis- 
mna oder H(»n<»sexaalität Bind die Eälle Ton gnmdlegender Be- 
dratimg. 

In dem ersten der Fälle trog eieli der Vorgang folgender^afien 

rn. T. war an einer Lungenentzündung erkrankt. Eine schwedische 
Krankenschwester pflegte sie. Die Pflegerin saj^e, wie sie mir 
später selbst mitteilte, zu ihrer Kollegin: „Ich pflege jetzt eine 
reizende junge Dame; ich habe aber ganz die Empfindung, einen 
jnnpen Mann zu pflogren; ihre Stimme imd ihr Woson haben es mir 
angelau: ich bin darüber sehr verwundert, da ich doch sonst alles 
gleichgeseblechtliehe direkt TerabBehene." Wibrend der Bekon- 
TalesKenz verliebte sich die Krankenechweeter immer mehr in ibre 
Ptitientin. Trotzdem diese ibr gestand, daß sie bereits mit Männern 
geschlechtlichen Verkehr gepflogen hatte und tatsächlich eine 
kohabitationsfähige Vagina besaß, wuchs die Über- 
2eugT3ng' in ihr immer mehr und mehr, daß die Freundin ein Mann 
sei. Sie sandte sie nun zu mir und erstattete ich mit Dr. Burchard 
das folgende Oiitacliten: 

Die Prokurist in Elisabeth T., geboren den 17. August IBSß, hat sich an uns mit 
der Bilte gewandt, auf Onind unserer langjfthiigen BescAiifligung mit sexualwisBai- 
Mliiftlichen Fragen ein sachverständiges Gutachten Ober ihre wahre Geschlechtt- 
rugehörigkeit abzugeben, da infolge einer Reihe körperlicher und seelischer Besonder- 
heiten, die sie an sich wahrgenommen hat, erhebliche Zweifel bei ihr darüber 
entstanden sind, ob sie tatsSehlteh dem weibtiehen Gesehleebte sugebArt Nadi etn- 
gehender BeobaclituriR und wiedorhoUen Untersuchungen der E. T. haben wir uns 
ein klares, eindeutiges Lrteü über diese Frage gebildet und geben unser Gutachten 
darüber im fotgendeu ab. . . 

Die Entwicklung der T. in Kinderiahren nahm in gesundbeitlieher Beziehung 
einen normalen und pünsfisen Verlauf; doch merkte sie selbst schon mit 6 Jahren, 
da£ sie von andern Mädchen in körperlicher und seelischer Hinsiebt versctueden war. 
Die Spiele und Besehtftigungen der Mftdchen boten ihr kdnerlel lateieise, dagegen 
tittlte und tollte sie gern mit Knaben. Es wurde häufig gesagt, daB' tin Junge «n 
ihr verdorben sei. In der Schule lernte sie gut und zeigte besonderes Interesse für 
Schreiben, Rechnen und Naturkunde. Mit 13 Jahren hatte sie Stimm- 
weehsel; gleichzeitig trat Bartwuchs und Körperbehaarung 
auf. Die Menstruation stellte sich nicht ein und hat sich 
auch bis heute nicht »gezeigt; ebensowenig machte sich ein 
Auschs^ellen der Brüste bemerkbar. 

In dem yon Ihr gewAhUen kaufmlnnisehwi Berufe erwies riidi B. T. sdir 
tüchtig und brnchte es zur Prokuristin. Ihre Neigungen und flewohnhciten blieben 
die des männlichen Geschlechts. Sie Interessiert sich für Politik und wissen- 
ichaftllche Fragen, namentlich Mathematik und Naturwissenschaften, und 
treibt mit Vorliebe Sport, besonders Reilen und Radfahren, doch läßt ihr Beruf, in 
dem sie völlig aufgeht, ihr wenig Zeit m Neitenbesohäftiguagen. Häusüche weibUche 
Albeilen sind ihr zuwider. 

Befund: Elisabeth T« isl ?on Heiner Figur und kräftigem Körperbau. Die 
Körperlänge betrftgt 148 cm, das Gewicht kaum 1 Ztr. Die Körperhaltung. 

3» 



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36 



ist stramm und gerade, die \fiiskxila(ur kräftig entwickelt und fest Brust uad Becken- 
gOrtel sind von annähernd gleicher Breite. Die Brust ist flach, die* Brust^ 
wars«a sind ▼on vOlliff mtnnlielier Bildun« mit kleinem, m&BIff 
piffmentiertem Warzenhofe ohne irgendeinen Ansatz von weiblichem Drüsengewebe. 
Die Atmung zeigt deutlich abdominalen, männhchen Typus. Der Adanisapfel tritt 
etwas hervor. Hände und FOße sind klein, aber kräftig und sehnig gebaut Da» 
Haupthaar istt weich, nicht sehr hmg und vom etwas späilieh. In Frauentraebt 
iltE. T. genötigt, eine Perücke zu tragen. 

Es bestellt starker Barlwuchs, der repelmäßigcs Rasieren erforderlich 
macht Am Kö rp-er sind Arme und Beine, namentlich auf den Innenseiten, stark 
behaart Die Schambehaarung ist von vorwiegend wcibli ehern 
Typus, doch verläuft sie wie beim Mann^ in der Mediallinie des Bauches zum 
Nabel hin. 

Die nibere üntenuebung der Geedileebteonane ergibl folgenden Befand: Der 
Gesehleebtsböcker (Penis) ist von etwa 3 cm Länge, undurchbrochen, erektil. 
Glans und Praeputiura sind von münnlichem Typus. Die Gcschk-chlsrinne verläuft 
medial Die Genitalschleimhaut ist stark gerötet Eine Untersuchung pervaginam 
ist leicht möglich. Ete sind Reste des Hymens ftlblhar. Die Sdieide ist Icurz. 
Man tastet den Muttermund und einen rudimentären, walnußgroßen Uteruskörper. 
Keimdrüsen sind p^r va^rinnm nicht fühlbar. Die kleinen Labien sind äußerst klein, 
die großen sehr liait. lieim Orgasmus soll aus der Geschlechlsrinne nach Angabe der 
Unteisuditen dn rdchlidier ErgöB einer schleimig -rnfkUngen FlttssiAeit erfolgen. 

Krankhafte Erscheinungen bietet der körrerliche Befund nirhl. Tr'^h 'sondefe 
liegen keine nachweislichen Zeichen von Degeneration und keine Störungen der ner- 
vösen Funktionen vor. Der Gesichtsausdruek der E. T. ist ernst und wenig 
veränderiieh. ihre Bewegungen sind kurz, rasch und bestimmt Die Stimme ist 
tief und einfach. Beim Gehen macht sie» feste und rasche, aber kurze Schritte 
und bewegt den Körper dabei in etwas femininer Art die aber den Eindruck des An- 
gewöhnten, Gezwimgenen macht Der Handschlag ist kräftlff und. fest 
Das Wesen der T. zeigt eine gleichmäßige Ruhe und einen gemessenen Ernst Obwohl 
sie ihrer Antrabe nach mehr ?it trüber Stimmun« nfiu't und das T,<ben nicht leicht 
nimmt, laüt sie sich in keiner Weise von seehschen Schwankungen beherrschen und 
anterdrQekt jede Äu0erong exaltierter oder sentimentale ArtJ Sie ist reserviert, bleibl 
auch in lebhafter T^nterhaltunR streng sadilicb und beschrftnkt sieb in ihren Aus« 
fOhrungen auf das Notwendigste. 

Wir erwähnten bereits, daß ihre Neigungen und Gewohnheiten 
durchaus die des' m&nnliehen Geschlechts sind. In aaUzeichen 
Explorationen konnten wir uns davon überzeugen, daß der Kreis ihrer Interessen ein 
für ihre Erziehung ungewöhnlich weiter ist daß ihre Urteile und Schlüsse zwar vor- 
sichtig nnd zurfldchältend, im Amdmdi aber doch durchdacht und bestimmt ist 
bl ihren Handlungen bekundet sie groBe Entsefaiedenheit, Konsequenz und Energie. 

Die geschlechtlichen Neigungen der T. sind völlitr rn ä n n - 
liehe. Sie iflhlt sich in sexueller Hinsiebt ausschließlich zu Personen weiblichen 
Gesehleehls Ungetoira, mit denen sie den Bdsehlaf in voUkwnmen normaler Weis» 
vollzieht, was ihrer KGrperbeschaffenheit nach durchaus mSglich ist. Der Penis be- 
fähigt sie, in erigiertem Zustande durch Einführung in die Yafrina und Vollzi hnng 
, des Koitus ihre weibliche Partnerin sexuell zu befriedigen, ilucit isi es durchaus luciit 
amSMchlossen, daB die beim Orgasmus entleerte Flflssigkeit wenn sie auch nicht in 
normaler Weise aus dem Penis, beziehungsweise der ihn durchbrechenden Harnrühre, 
sondern aus der Geschlechtsrinne unterhalb des Gliedes entleert wird, an den Ort 
IbMnr Beslimmung gelangt, daB EL T. mithin sls Ifann zeugungsfähig ist 

Rein physisch ist auch der sexuelle Verkehr per vaginaro mit einem Manne 
möglich, und K T. hat sich einige Male zu einem solchen Verkehr verstanden aus 
Motiven der Dankbarkeit und freundechaftlichen Sympathie, sowie in Unklarheit Ober 
ibr wahies Geschlecht; den aUfemeiti veibrät^en Anschauungen und Qewobnbciteii 



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L Xaiillcl: HennaiAroditimitts 



37 



falfcnd. T ra G e g n s a t z zu dem für E T v n II i ^ normalen Ge- 
schlechtsverkehr mit dem Weibe gewährten ihr diese ihrer 
Natur widersprechenden Akte nicht die geringste Bezuttlle 
Befriedigung und hinterließen naturgem&B nur Ab»pAnnunf 
and Unbehagen. 

Gutachten: Es liegt hei der £. T. zweifellos ein Fall von irrtOmlicher Ge- 
fclileehtsbestiimnung (erreiir de so») vor. Die Fenisteiiz der GeseUeehtirimie, eine 
totale Hypospadia peniscrotalis täuscht eine Vagina vor, die in VerUndung mit den 
nach weiblichem Typus gebildeten Geschlechtswulsten und dem rudimentäien Utenil- 
körper den Anschein weiblicher äufierer Genitalorgane erweckt , ^ 

Dea BM der Geeehleehteteile tdgte walunebeinlieh bd der Gelnut ein nedi 
weit ausgesprocheneres weibliches Gepräge, da der infantile Penis 
damals noch weit leichter in seiner mangelhaften Entwickhmg eine Klitoris vortäuschen 
koüflle. , , 

NeiMD dem Genitalbefand entspricht aneh die Entwicklung d» sekundären Ge- 
schlechlscharaktere, die in .^^h5n^^!^?kpit von der spezifischen inneren Sekretion der 
SeimdrOsen steht und demnach sezognomisch für die GesclUechtssugehörigkeit 
4tt Geseiüechtsdrasen und damit fflr die des Individuums ist, dem mtnnlicheii 
Eabitus. 

Die wesentlichsten sekundären Gesell lechlscharaktere des weiblichen Geschlechts : 
Ifenstruation, Bnistenwicklung, femininer Fettansatz und weibliche Behaarung (langes 
Haupthaar und Mblende Körpeibduarung) finden sidi bei B. T. auch nicht einmsi 
angedeutet, während sich ihre männlichen Gegenstfleke: Stinunwechsd, KörpeibeluutT 
mog und Bartwuchs mit der Pubertät einstellten. 

In Übereinstimmung mit der Entwicklung der sekundären körperlichen Sexualität 
In mSiinHeher Bichtuig tragen die peyehisehen Anlagen der E. T. aus g espro c hen 
männliches Gcprlißc. Das Übcnxiegen des Intellekts über das frofilhl, die Entschieden- 
heit im Urteil und Handeln, die starke Ausprägung der Willenstätigkeit in Konsequenz 
nnd Energie zeigen dieses ebenso wie das männliche Auftreten imd Gäiaren, die 
männlichen Gewirfmheiten und Neigungen, von denen wir uns bei EL T. in jeder Be- 
siehung überzeugen konnten. 

Endlich steht auch der völlig männliche Geschlechtstrieb, der nur inoi normalen 
Koitus nnt einer Frau seine voHb Befriedigims findet, im EinUanff mit der an9> • 
geiprochen minnlichen GesamtpersönlidikeiL 

Unser Gutachten geht demnach dahin- 

1. Es liegt bei der £. T. ein Fall irrtümlicher Geschlechtsbestimmung, bedingt 
durdi ehie parüelle Umbildung der äuBeren Goütalien im weOblieiien 

Sinne, vor. 

2. Das wahre Geschlecht der E. T. ist, wie eine genauere Untersuchung der 
Genitalien und der Befund der sekundären Geschlechtscharaktere einwand- 
frei ergibt, in Übereinstimmung mit ihrer GesamtpefsOnliehkeit und ihrem 
Geschlechtstrieb das mä^m'-clip 

8» Die entsprechende Berichtigung in den Standesregisteni ist daher ge- 
boten. Der Yomame EUsabeth siali nadi dem Wunsche der E. T. in Erhsid 
umgewandelt werden. 

Auf dieses Outaehten traf naeh eini^pen Monaten vom Amts- 
«erielit die Mitteilung ein, daß dem Antragr auf .6 eBch'lechts- 

um BoliTeibung stattgegeben sei. Noch an dmaelben Tage 
fand die Verlobung T.s mit seiner ehemaligen Krankenpflegerin oad 

bald darauf die Hochzeit beider in Schweden statt. Trotzdem die • 
Gattin fast doppelt sovip] wiegt, wie ihr jetzij^erMann, sind beide ein 
i*hr glückliches Paar geworden. Das ehemalige Fräulein Elisabeth 
£uilt sowohl ihren Platz als Ehemann, wie als sehr tüchtiger selbstän- 



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88 



I. Kapitel: HermaphrocUtisiniu 



diger Gesehäftsmann zu höchster Zufiiedeulieit seiner Frau ans. Zu- 
letzt besuchten mich beide wegen seiner Musterung. Trotz der Be- 
Btimmung in der D.A.Mdf. Anlage lU, Nr. 58, war T. Är feld- 
dienstfäliiir erklärt worden. Auf sein Ersuehen erstatte ich das 
folgende Gutaditen: 

IMer Bezugnahme auf main frOhttres Gutaditfln vom 27. NovMniber 1B15 be- 
scheinige ich, daß der jetzt 33 Jahre alte Kaufmann Erhard T- infolge irrtümlicher 
Geschlechtsbeslimmung bis z'i sr-inem 29. Jahre als Mädchen gelebt hat. Er führte 
lu8 dahin den I^amen Elisabeth T. Vor 3 Jahren erfolgte auf mein eingehendes 
Gutaehten die Umschreihung zum mftnnlieheii Oesehleebt. 

Trotz des t)berwi^eDs der ndtimlichen Geschlechtscharaktcre, namentlich des 
VorhnTidpnHcins männlichen Samens, tind eines männlichen Geschlechtstriebs — T. 
ist seit seiner Limwaadlung- verheiratet — bestehen auch jetzt noch weibliche 
0«aeIileehf sseiehen, die -<^enbar havptaldiHeb bri seiner Gebuit am. dar 
intflmlichen Geschlechtsbestimmung führten, und von denen jetzt noch namenfliclk 
eines von entscheidendem Einfluß auf die Lebensfflbrung .1.« ist. 

Diese Geschlechtszeichen sind: 

a) Die Hoden liegen in keinem Skrotum« sondern innerhalb der Leibeshöhle an 
der ElentoefcssteOa 

b) Es ist eine ziemlich tiefe Scheide vorhanden, die es ermöglichte, daß T. 
in seiner Mädchenzeit w&brend mehrerer Jahre regelrechten Verkeiir mit 
einem Manne hatte. 

c> Vor allem ist das Glied nicht von einer Harnröhre durch- 
bohrt, vielmehr mündet der Hamröhrenkanal, wie bei einer Frau, oberhalb 
der Schcidcnöffnun?. Infolgedessen kann T. nicht wie ein 
Mann austreten, sondern muß wie eine Frau urinieren. 

Die Erfahrung zeigt, daB diese abweichende Art der BedOrEnisVOTieh^ 
tung in männlicher Umgebung sehr auffällt und den Betreffenden bald zur 
Zielscheibe von Bemerkungen macht, dio geeignet sind, ihn seeUsch tief zu 
deprimieren. , 

- Im Zusammenhanf mit seiner zwitterhaften Besehafifenheit und s«ner 

Erziehung als Mädchen und Frau während eines Zeitraums von 29 Jahren, hat die 
nn nn liehe Entwicklung T.s sowohl in körperlicher als seelischer Hinsicht im allgemeinen 
stark gelitten. T. ist mit 32 Jahren nur 1,47 m groß, wiegt nur 46 kg, hat sehr 
aelnraeli entwfcltelte Muskulatur, Icidne Eztremititen, ist im allgemeinen zart und 
wenig widerstandsfähig und auch in bezug auf sein Nervensystem sehr sensitiv. 
TMp zusammenfassende Diagnose lautet:. > 
Erhard T. leidet 

L an emer eriiebliehen IfiObildung der Gesdilechtsorgane, wdehe andauernd 

Beschwerden verursacht, und zwar an einer Z witterl)ildung im Sinno 
der Nummer 58, Anlage lü der D. A. Mdf.; 
IL speziell an der Unfähigkeit, wie ein Mann zu urinieren; 
m. an allgemeiner Köipersehwadie; er ist bei 89 Jahren 1,47 m grofi und 
90 Pfund schwer. 

Wir berühren hier einen Punkt, der für die männlichen Herma- 
phroditen «aak nach ihrer ümsehreibang von nicht zn unterschätzen- 
der Bedeutung ist: die Unmöglichkeit nach Männerart die Hamblaee 
SU entl^ren. In fast allen Fällen kommt der Urin bei iJinen ans der 
mehr oder cniger mdimentären Seheide, in deren vorderen Wan- 
dung der Harnleiter zu münden pfifft. Daher kann der männlicha 
Zwitter seine kleinen Bedürfnisse nnr nach Franenart Yerriehten, er 



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I. Kapitel: Hennaphrodiüsmus 



39 



ist, wenn beispielsweise die Soldaten zu diesem Zwecke auf Märschen 
li;ilt macbcn, nicht in <ler Lajire, sein MiMubruni einfach ans dem 
Bosenschlitz herauszuziehen, sondern muß erst den Tornister ab- 
sehnallen, die Belnkleidar abknöpfen, und aieb dann wie ein Weib 
mederhocken. Daß er dadnrch aJfibald ffir die spotüustigen Eame- 
laden eine Zielscheibe Ton Seberzen wird, die, wenn sie ancb harm- 
los gemeint, doch für ihn yerletzend nnd erbitternd Bind» liegt anf 
der Hand. Die Spottlust steigert sich bei der reprelmfifligen Oenital- 
nntersuchancr, die beim Militär zwecks Feststellung von Geschlechts- 
krankbeiten vorgenommen wird und vor allem hei dem sremeinsamPTi 
nackten Baden. Auch die mit anderen vorpoTiomraene Musterung 
ist für diese Leute, wie iiliri^jens auch für die Eunuchoiden, peinlich 
nnd bei ihrer seelisclien Empfindsamkeit L'^^eiqmct, weitgehende Ver- 
stiiiiiuungen hervorzurufen. Nach allem konuut die Ausbildung der 
Hermaphroditen, sei es für den Garnison- oder Felddienst, kaum in 
Frage, wohl aber können die meisten von ibnen als arbeitsverwen- 
dnagsfälkig im Burean oder im Beruf erachtet werden, doch müssen 
de dann Yon jedem Dienst, der mit Entblößungen vor anderen ver- 
bunden ist, befreit werdrai. Man sollte dies eigentlich für selbsU 
▼«rständlich halten, doch teilte mir erst \or kurzem ein Herma- 
phrodit, dessen TTmschreibung zum männliclien Gesehlecht ich ver- 
anlnf3t hatte, und der kurz darauf als gamisondienstfähig eingezogen 
wurde, mit, wie sehr er seelisch darunter litte, daß seinem inf^fänditren 
Bitten, vom Baden und der Geuitaluntersnchuiig' in Gemeinschaft 
mit den anderen befreit zu werden, nicht Folge gegeben würde. Erst 
als ich mich auf dringendes Firsucben seiner Angehörigen mit der 
zuständigen militärärztlichen Stelle iu Verbindung setzte, erfolgte 
Bemednr. 

Die nächste Beobachtung ist von ganz bebouderer Wichtig- 
keit, weil bei ibr der Abgang von Samenflüssigkeit mit vollkommen 
männlichen Spermatosoen ans einer weibliehen Harnröhre bei nor- 
malen weiblichen Oenitalien nachgewiesen werden konnte. Ancb 
diese Person kam zu nur, weil sie sich in ein Mädchen verliebt hatte. 
Als ihre Eltern sie mit einem Offizier, der um sie angehalten hatte, 
rerloben wollten, war sie mit diesem Mädchen auf nnd davon- 
gegangen. Alles Nähere ergibt das folgende Qntachten 

Frt. Erna M., peboren am 11* Mai 1891 zu H., suchte uns vor etwa fünf Wochen 
auf, da das Gefühl einer ausgesprochrn männlichen Pt rsönlichkeit hinsichtlich ihrer 
Naixusgea, Empfindungen und Anschauunsen in ihr Zweifel an ihrer Zugehörigkeit 
nun weibüchen Geschlecht erweckt hatte; besonderen Ausdruck fand dieser von ihr 
als Widerspruch zwischen Sein und Schein empfundene Zustand in dem fast un- 
widerstehlich p n Prange, ganz als Mann leben zu können. Frl. M. 
ersuchte uns auf Hat ihres Anwalts im Einverständnis mit ihrer Mutter, ein sachverst&n- 
<Kget QutaditeB fiber eto abzugeben, durch das ihre dgenarüge Lage gdJärt werden 
könnte. Wir haben seitdem FrL M. fortlaufend beobachtet, sie wiederholt eingehend unter- 
sucht und eq>loiier(, bei ihren 4QgdiAfigen Erkundigungen Ober ihr Vorleben, ihr WesoK 



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40 



L Kapitel: üeriuiihroditismtis 



und ihre Lebonsgeuohnheiten eingezogen und geben, nachdem wir auf Grund der Er- 
mittlungen und unserer eigenen 'Wahrnehmungen 7m Hnem einwandfreien EesuUat 
und abschließenden Urteil gelangt sind, unser Gutachten im folgenden ab. 

Vorgeschichte: Vaiw und Mutter des Frl. IL waren rechter Cousin 
und Cousine. Bei ihrer Geburt war der Vater, ein hoher Staatsbeamter, 55 Jahre 
alt, 30 Jahre älter als die Mutter. Sie ist das jüngste von fünf Geschwistern, 8 Jahre 
nach dem nächstjüngsten Bruder geboren; die vier älteren Getchirister folgten sich 
in Zwischenräumiin von je zwei Jahren. Ein Vetter der Eltern erschoß nch w hr« nd 
dor Pubertätsjahre aus gekränktem Ehrßciz; die Schwester der Mutter und verschied' n»^ 
Verwandte 2. und 3. Grades, die das 30. Lebensjahr überschritten haben, sind un- 
verheiratet Ifii übrigen Uegt eine eriUidie Belastung, insbesondere in psydiiacher 
oder nervöser Hinsicht, nicht vor. Die körperliche und geistige Entwicklung des 
Frl. M. verlief ohne Störungen, doch machten sich bei ihr von fröhrster JuKcnd an 
charakteristische Eigenarten des männlichen Geschlechts 
bemerkbar, die uns von der Mutter in den folgenden antehauliehen Mitteilungen ge- 
scddldert werden: 

„kleine Tochter Erna zeigte schon im Altervon drei Jahren knnbon- 
hafie Neigungen, die sich von Jahr zu Jahr steigerten. Sie spielte ruemals 
mil Puppen, nur mit Zinnsoldaten, Kanonen und Festungi Se eridetterte Blume, 
Oberspranp große Gräben, war mit allen Kutschern, die Liefenmgen für 
tmser Haus hatten, befreundet, wurde von ihnen &vl ihre Pferde gesetzt und weite 
Strecken nutgenommen. Alljährlich, zur Zeit des Blankenbui^cr Schützenfestes, kam 
ein Hippodrom nach dort; darauf freute Erna sich schon das ganze Jahr. Schon als 
Kind von \'ipr Jahren jagte sie mit solcher Unerschrocken heil auf 
ihrem Pferde einher, daß alle Zuschauer bravo riefen, und mir der Besitzer 
eiklftrts, sie. wäre eine gd)orene Reiterin. Ihr grdfiter Wunsch war von 
jeher, ein Junge zu sein. Oft trug sie tagelang die Anzüge ihries älteren 
Bruders, was ihr den Zorn ihrer Großmutter eintnig. Radfahren, Rodeln, Tumpn 
(obwohl ihr letzteres ihrer Augen wegen verboten war). Schwimmen, Rudern usw. 
waren ihn Passion, und sie leistete darin Hervorragendes. Als sie ftlter wurde, haBte 
sie schön garnierte Hüte und Kleider; ich hnh" d-i manchen Är}?er mit ihr gehabt, 
denn sie zog die schönen Sachen nicht an. Je älter sie wurde, um so 
mehr trat das Männliche, Bestimmte in ihrem Wesen hervor. Sie erregte viel Auf- 
sehen, dadurch und Anstoß. Man fand meine Tochter unweiblich, ihr oft schroffes 
Wesen unangenehm. Trotz aller Miilhe und Ermahnungen vermoclile ich sie nicht 
liebenswürdiger und verbindlicher zu machen. Ich litt darunter; es tat mir leid, daß 
man äe schaif beurteOte. Sie war aueh so^wenig graziös, so rekelhaft, jede Eitel- 
keit war ihr fremd, sie gab sich inomer 'gerade, wie sie war. Handarbeiten 
haßte sie, d. h. weibliche; in männlichen Handfertigkeiten 
zeigte sie sich dagegen sehr geschickt Sie reparierte elektrische 
Klingeln, Uhren, fertigte Motallaibeiten u. dgl. an. Als die Zdt kam, daB sie Bälle 
besuchen sollte, erklärte sie sich mit großer Bestimmtheit dagegen, was mir von selten 
meiner älteren Kinder und Anverwandten viel Arger eintrug. Herren waren liir voll- 
kommen gleichgültig, doch für einige Damen hatte sie im Laufe der Zeit kleine 
Schwärmereien, hu den zwei letzten Jahren nahm ihr männliches Wesen derart Ober> 
band, daß ich fast verzweifelte und mit großer Sorge an die Zukunft meiner Tochter 
dachte. Die beständigen Vorwürfe, die man mir meiner Tochter wegen machte, ^rden 
mir immer unerträglicher und waren auch nnt ein Grund, daB ich von Blankenburg 
lortzog. Auch erregte sie hier in unserer Pension Aufsehen und Anstoß." 

Mit diesen Ausführungen der Mutter decken sich im wesentlichen die Angaben, 
welche FrL M. selbst uns über ihren Entwicklungsgang macht. Sie wurde bis zum 
12. Jahre zu Hause erztwen, kami dann in die „Kaiserin-Augusta^Stiftung^ zu Potsdam 
und von dort in eine andere Pension zur Vorbereitung auf das Abiturium. Sic lernte 
spielend und bekundete besonderes Interesse für Geschichte, Anatomie, Physik, Lite- 
ratur und Mathematik. In beiden Pensionen fanden vielfach körperliche Liebkosungen 



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L Kaitttel: Hermaphfodiüamu» 41 



der Mädchen untereinander statt, von denen sich Frl M. trotz vielfacher VerfOhrung 
fem Melt Dagegen verliebte sie eich seit Ihrem 19. Lebensiahre 
wiederholt in weibliche Personen, ohne daß es zu geschlechtlicher Be- 
tätigung kam. Diese Neigungen waren oberflächlicher Art. bis FrL M. im ver- 
gan^eaeu Jahre eine heftige Liebe zu einer Freundin iaßte, von der 
sie auch heute_noch völlig beherreeht wird. Be kam jetet auch zu 
schlechtlicher Betätigung, Bei der Frl. M- sich vollkommen als Mann fühlt und, so- 
weit es ihre köiperliche Bescbaifenheit zuläflt, einen dem oorauüen Beischlaf mös- 
Kcbst fthnlichen Akt vollziehi Es kommt dabei ihrer Angabe nach au 
einer Erektion der Klitoris und beim Orgasmus zum ErguA 
einer schleimig-milchijren Flüssigkeit aus der Harnröhre. 
Die erotischen Träume bezogen sich von jeher ausschließlich auf weibliche 
Pencneo. Daa männliche Geschlecht «ddte im Seniallebai des Frl. H. niemals — 
weder im Wadim» noch im Trftimien — irgendeine Rolle. 

Sehr rri^li'.ire Erscheinungen bepleilcten die körperliche Geschlechtsreife. Zu- 
nächst blieb das wesentlichste Symptom der weiblichen Sexualität aus; es stellte 
sich keine Menstrnation ein, von der Frl M. auch bis beut» völlig frei 
gdilieben ist Auch irgendwelche periodische Beschwerden oder auffällige Erschei- 
nungen, die ein gewisses Äquivalent der Menstruation darstellen könnten, traten nicht 
auf. Dagegen überraschte FrL M. mit Ii Jahren ihre Angehörigen dadurch« daß 
Sich Stimmwechsel bei ihr einstellte. Bald darauf sproBte an Lippen 
und Kinn auch Bartflaum, der Frl. M. nötigte, sich regelmäßig zu rasieren, bis sie die 
Haare in einem kosmetischen Institut entfernen ließ Mit fortschreitendem Alter ge- 
wann das Bedürfnis, in jeder Beziehung ab Mann zu leben, sich männlich zu kleiden, 
irflimtichen Besdiftftigiinsen hu Beruf und Sport naehaigirihen und minnliehes Be- 
nehmen reißen zu dQrfen, immer mehr an Intensität Die TtnmSjrMchVpit, diesem 
Drange folgen zu köimeo« verstimmte FrL M. tiefj ließ sie ernst und verschlossen 
werden. 

Kö rperliclier Befund: FrL IL ist eine 1,71 m gioSe, grazil gdbante Person, 

Ton brünetter HautfarlK, kräftigem Knochenbau, mäßig entwickeltet} 
aber recht straffer Muskulatur und sehr gerincrem Fettpolster. 
Die Rörperlinien sind weich und weiblich, wenn schon die eckig hervortretenden Schul- 
-iem, der Ansatz der Arme und die sftulenförmlg schlanken, gnaden Bdne sidi mdir 
dem männlichen Typus nähern. Auch fallen die Beckenschaufeln, obwohl die Hüften 
ziemhch stark hervortreten, steiler ab, als man es beim weiblichen Geschlecht normaler- 
weise zu linden pflegt. Das Haupthaar ist straff und schlicht, der 
Adamsairfel tritt etwas hervor, die Stimme ist tief. Demgegenüber sind die 
Brüste stark entwickelt, die Iliinde und Füße, Knöchel und Handgelenk zierlich und 
feminin, die Köiper- und speziell die Scbambehaarung ausgesprochen weiblich. Die 
sekundären kSipeittehen Geschleditachaxaktere entsprechen demnach Torwiegaid dem 
waihliehan Habitus. 

Die äußeren Geschlechtsteile zeigen normal weibliche 
Entwicklung. Die Scheide, mit unverletztem Hymen, die — 
ziemlich großen — Schamlippen, Klitoris, Praeputium clitoridis, Hamröhrenöffnimg 
zeigMi wsdter nach ihrer Beschaffenheit, noch nach ihrer Lage iigendwddie Ab- 
weichungen von den normal weiblichen Verhflltnissen. Bei einer vaginalen T'nter- 
Buchung, die außer von uns auch von dem Gynäkologen Dr. Robert Müllerheim 
ausgeffOhrt wurde, konnte man dnen antefleklierten, hypoplastischen Uterus- 
kflrper von Fflaummgröße mit einer kleinen Portio uteri im oberen Scheidengewölbe, 
deren quergespaltener Muttermund etwas nach vcn steht, fühlen; Eierstocke bzw. 
-entsprechende drüsige Gebilde ließen sich nicht mit Sicherheit nachweisen. 

Rechts vom Uterus konstatiert man-^ein kidnes, festes Gebilde, dessen Verbin- 
'dnns mit dem Uterus sich wegen der Schwierigkeit der Untersuchung nicht genau fest- 
stellen lädt. Bei der rektalen Untersuchung fanden sieb gewisse Resistenzen, die 



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42 



I. Xapitd: HermaphndHisiin» 



aber nicht mit Sicherheit als Prostata oder Samenbläscheu angesprochen werdea 
konnten. 

Soweit es sich bei den körperlichen Geschlechtscharakteren um den Autdruck der 
psychischen Persönlichkeit handelt, zeigen sie absolut männlichen Typus. Der Blick 
ist fest und ruhig, der Gesichtsausdruck ernst, bestimmt und entschlossen. Die Be- 
wegungen sind entsdüeden und energisch, die Sehritte groB und fest Der Hftnde' 
druck ist kräftig. Die kräftigen SchriftzQge zeigen einen durch- 
aus männlichen Charakter. Die Sprache ist ruhig, laut und tief. Auf 
beiden Augen besteht mäßige Kurzsichtigkeit Im übrigen sind irgendwelche krank- 
hafte Eneheinungen bei den kSrperliehai UntenuebUDgen nidit lestiuatellen. Ins- 
besondere liegen keine Entarturg3ze:chen und keine SlöruniTcn der nervöSCtt Funk- 
tionen vor Aiirh der Befund der inneren Organe entspricht der Norm. 

Psychischer Befund: Das seelische Verhalten des Frl. M. ist, wie wir in 
langer, grOndtteber Beobachtung feststellen konnten, ein gleichmäßig rolüges. Der 
Druck, der erklärlicherweise infolpn ihrer ci'*."n,Trtigen Lage auf ihr lastet, .InCert sich 
in durchaus angemessener, normaler Weise. Sie ist frei von Exaltationen und Stim- 
mungsschwankungen nicht unterworfen, zeigt eine ungeiwungene Selbstbeherrsehuns 
und männlich gefaßtes Wesen. Ihr. Handeln ist zielbewußt und be- 
kundet Energie und Willensstärke. Sie ist ernst, wohl etwas ver- 
schlossen, sachlich und frei von jeder Phantasterei, ihre intellektuelle Begabung ist 
reich und vidsdUg; sie ist logisch in ihren Schlössen, fefit neue EindrOcte raseh und. 
leicht auf, verarbeitet sie gründlich und übermscht oft durch originelle Firffilln und 
treffende Bemerkungen. Sie hat weitgehendes Interesse für alle 
Fragen des geistigen Lebens, wissenschailliche, künstlerische und poli- 
tische Probleme, ist stetig und ausdauernd in geistiger Arbeit Alles in allem ist sie 
eine nüchterne, aber doch vielseitige und produktive \nt\ir. 

Von ihren Lebensgewohnheiten wäre noch zu erwähnen, daß sie ein großes 
Interesse für Sport bat und rieh auf den vsTschisdsnsten OebietMi desselben mit 
Eifer und Erfolg betAtigi Sie reitet, schwimmt, radelt, rodelt, läuft Schlittschuh und 
boxt. Alle weiblichen Bosch äftipunsen sind ihr verhaßt; eine 
ganz besondere Abneigung hat sie gegen weiblichen Putz und Sciunuck. Sie verträgt 
Alkohol gut und raucht gern, am liebsten Zigarren. Alles in allem 
zeigt ihre Persönlichkeit das Bild einer stark ausgesprochenen männr 
liehen Individualität. 

Beobachtungsverlauf: Wir glaubten zunächst, es bei FrL M. mit einer 
weiblichen homosexuell emplindenden Transvestitin zu tun zu haben, die außerdem 
gewisse gynandrische Fr5^heinungen bot. 

Drei Momente aber machten den Fall zu einem besonders eigenartigen: das 
völlige Fehlen aller Menstruationsersc^einungen, der Stimmweehsd und endlidt guiz 
besonders der angebliche Erguß eines schleimig-milchigen Sekrets beim Oigasmns aus 
der Harnröhre. 

Dieser letzte Umstand konnte von so fundamentaler Bedeutung für die Beurtei- 
lung der ganzen Sachlage sein, daß er dne grflndliche Prüfung mit Notwendigkeit er- 
forderte und eine Untersuchung des in Frage kommenden Sekrets auf seine 
physiologische Beschaffenheit hin unerläßlich erscheinen 
ließ. Wir forderten deshalb zunächst Frl. M. auf, uns die betreffende Flüssigkeit 
zwecks Untersuchung cur Verfügung zu stellen. Das geseluih, und die mikroskopische 
Untersuchung ergab das Vcrhnnrlnnscin von Spermatozoon. Wir konnten uns natür- 
lich bei diesem Resultat nicht beruliigen und veranlaßten FrL M. gelegentlich eines 
Besuchs in der Sprechstunde, den Erguß des Sekrets nochmals durdi Mastuibation 
hervorzurufen. 

Aus Grtlnden Felbstver.«;trindlicliLT Dezenz, sowie auch in Anbetracht der sehr 
glaublichen und begreiflichen Erklärung des Frl. M., es könne in Gegenwart einer 
anderen, unbet^igten Pmon nicht zum Orgasmus kommen, mußten wir sie allein 
im Zimmer lassen. Das Kiskulat, das sie uns nach etwa 10 Hinuten übenab, zeigte 



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L Xapitd: Hennapbroditismus 



4S 



Körpertemperatur und enthielt nach der etw& 2 Stunden flpätv vorgenommenen Unter- 
suchung noch lebende Spermatozoon. 

Nnomdir hatte eine Annahme, der wir bisher sehr skeptisch gegenüberstanden, 
so sehr an Wahrsoheinlicbkeit gewonnen, daß dne telsle, aitadieid»de FestatdlnaK 
des Befundes unter Wahrung aller iisend iwffglkhffl Kftwt^Wi zum AuaschloB ieder 

Täuschung gemacht werden mußte. 

Nach reiflicher Überlegung gingen wir zu diesem Zwecke in folgender Weise vor. 
Wir baten dne Reihe ihrer Voibfldun? nach besonders seeisneter Kollegen, die Gynä- 
kologen Dr. Stabe.l und Dr. Robert Mülle rheim, den Biologen Dr. R. Weißen- 
berg, Assistenzarzt am anatomisch-biologischen Institut von Geheimrat Prot 
Dr. Hertwig, sowie Dr. Iwan Bloch, zur KontroEe des Vorgangs und Sicher- 
•Idlanff des Befundes dem Versuche bdsuwohnen. 

Nachdem sich nun Fri. M. völlig mtUeidet hatte, und von Dr. Stabel und den 
beiden Unterzeichneten durch eingehende Inspektion feslgeslelll war, daC sie an ihrem 
Körper nichts verborgen hatte, wurde aie^ nachdem wir ihr ein gereinigtes Reagenz- 
es ZOT VerfOgung gestellt hatten, in einem Zimmer, das sie bis dshin nicht betreten 
hatte, ohne ein Stück ilirer Kleidung dngeacblossen. Nadk nahezu 15 Minuten rief 
sie uns wieder herein. Das Rf>agenzgla3 enthielt etwa 1*^/. ccm einer milchig- 
schleimigen Flüssigkeit, auf dem Fußboden befanden sich vor dem Sessel, auf dem 
ii» ifsesaen hatte» einige cfaankteiistiseh Terlaufende Smitsfle^ 

FrL H. nukdite ^en etwas anregten Bndruek; ihr Pnls zeigte eine Beschleu- 
nigung von 116 Schlägen in der Minn'.r' In ihrem Wesen war eine gewisse n r-i^l- 
heit und Verstimmung, wie sie nach masturbatorischcn Akten gewöhnlich einzutreten 
pflegt, trotz ihrer Selbstbeherrschung unverkennbar. Die Klitoris war gerötet, an der 
Qunrohre lisBen sich Spuren der FlOssigkeit feststeHen. Die Untersuchuiur des 
Sekrets — denn um ein solches konnte es sich nunmehr doch zweifellos nur han- 
dein — ergab charakteristischen Spermageruch und im mikro- 
skopischen Bilde das Vorhandensein lebender menschlicher 
Spermatozöen von zum Teil lebhafter Beweglichkeit Sonstige 
charakteristische Formelemente fehlten, womit auch jeder freilich an und für sich 
schon gänzlich unwahrscheinliche Verdacht, die Flüssigkeit hätte irgendwie in einer 
Söiperöffnung, Mund, Nase, After oder Scheide bereit gehalten sein können, schwand. 
Es sd auch noch besoiüders erwähnt, daß nach der von Dr. Weiflenberg vorgenommenen 
Untersuchung es sich zweifellos um einwandfreies Sperma und nicht etwa mir um 
nne Spermatozoen enthaltende Flüssigkeit handelte. 

Somit war nach der übereinstimmenden Überzeugung aller anwesenden Sach- 
veratittdigen der einwandfreie und lückenlose Beweis erlmebt, daB Frl. M. aus ihrer 
Harnröhre Sperma, zeugungsfähige männliche Keimstoffe ejakuliert hatt^ nnthin im 
Besitze Ton Spermatozoen produzierenden Drüsen ist. 

War der Beweis schon durch die angewandte Versuchskontrolle gesichert, so 
seUossso zum Db«fhiB noch slle Begleitumstände jede Möglichkeit einer Täuschung 
aus. Wir erinnern nur an die charakteristischen Spritzflecke auf dem Fufiboden, die 
PnW)eschleuni?rung und das Verhalten unmittelbar post actum. 

G Uta eilten: Nachdem somit in einwandfreier Weise nachgewiesen ist, daß 
FrL M. aus ihren Genitalien Sperma, zeugungsfähigen männlichen Keimstoff, entleert, 
kSnnen wir uns in unsenn Outadrten kurz fessen. 

PaC sich Keimdrüsen und Prostata durch die Untersuchung nicht mit Sicherheit 
feststeil II ließen, bleibt dieser Tatsache gegenüber ohne Bedeutimg. Wo Sperma ge- 
bildet wird, muß auch Hodengewebe vorhanden sein, und es ist eine Frage von nur 
insseDsehaftlicher, nicht aber praktischer Bedeutung, auf welchem Wege ihr Sekret 
helTTi Or^-smus in die Harnröhre gelangt. Frl. M, ist demnach nicht, wie i^ir an- 
fangs annalimen, eine weibüche homosexuelle Transvestitin; sie ist entsprechend ihrer 
gesamten Persönlichkeit ein Mann mit m&nnlichen Keimdrüsen und 
Zeuglingsstoffen, mit normal männlichem Gsschlecbtssmp* 



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44 



finden, abor mit völlig weiblichen äußeren Genitalien und 
vorwiegend weiblichem körperlichen HabiiUB. 
Uaser Gutaditea geht demnach dahin: 

1. Es liegt bei der p. IL ein Fall von irrtümlicher Geschlechts- 
bestimmunf? vor. Sie ist, da sie männliche Keimsloffe pro- 
duziert, eine Person männlichen Geschlechts. 

2. Die Umwandhin« der ffcsefaleehUieben Zucehörigkeit der p. M. in ihr -«thies, 

männliches Geschleclit und die entsprechende Umschreibung im Standes- 
rpjTister ist unbedingt geboten, da ihre Gesamtpersönlichkeit eine aus- 
gesprochen männliche ist, und im besonderen noch deshalb, weil sie 
seugongaffthiff ist. 

Naohdem Fräuloin Erna M. sich mit Znstuumung der Behörde 
auf Grund dieses Gutachtens in einen Herrn Ernst M. veiwaiKLelt 
hatte, heiratete sie alsbald ihxe Freundin. Biese war über die Be- 
schaffenheit seines Eöipen, yor allem fiber den gändiehen Mangel 
eines Membrom, nntemehtet Wäre dies verabs&nmt worden, hfttte 
die Gültiflrk^t der Ehe spater aus 1333 und 1334 B. Gr, B. an- 
gefochten werden können. Die kinderlos gebliebene ESie» welche leb, 
seit 8 Jahren verfolget habe, hat sich im Gegensatz zn dem vorher- 
gehenden Fall nicht besonders glücklich gestaltet- Der infolge 
völliger Bartlosigkeit immer noch sehr weiblich aussehende Gatte 
steht völlig unter der ITorrschaft seiner strengen Gemahlin. Zum 
Kriegsdienst wurde er infolge seines iiemiaphroditischen Baus und 
eines schweren Netzhautleidens nicht herangezogen- Der letzte 
Gruud, der ihn zu mir führte, war recht eigenartig. In seiner Familie 
gab es eine sehr alte Stiftung, aus der die männlichen Nachkommen 
in einem bestimmten Alter eine gröBero Summe ausgesablt erhalten 
sollten. Man verweigerte ibm nun diesen Betrag, weil er nicht als 
Knabe, scmdem als Mädchen zur Welt gekommen sei. Es bedurfte 
wieder eines fachmännisehen Urteils, nach dessen Kenntnisnahme 
sich die Behörde zugunsten unseres Patienten entschied. 

Der nächste Fall betrifft einen als Mädchen verkannten Mann, 
der unter dem Namen N. O. Body (nohody = niemand) und dem 
Titel: „Aus eines Mannes Mädchenjahren"") vor einigen Jahren 
seine aufsehenerregende und in der Tat recht lehrreiche Lehens- 
heschreibung veröffentlicht hat, Sie stand, bevor sie sich zu mir 
flüchtete, unmittelbar vor dem Selbstmord, den sie in Gremeinsam- 
keit mit ihrer damaligen Freundini und späteren Gattin, einer ver- 
heirateten Frau, beabsichtigto^ Mein Uber sie exstattetee Gnta^ten, 
das ihre Verehelichung eimoglichte, lautete: 

Anamnese: Die am 20. Mai 1885 gdborene Anna Laabs enocht ndch um 

Begutachtung ihrer Geschlechtszugehörigkeit, da ihr begründete Zweifel gekommen 
sind, ob sie, wie bei der Geburt anfc'enomtncn, tatsächlich dem weiblichen 
G e s c h i e c Ii 1 2ugerechnet werden muU. In bezug auf ihre Abstammung ist zu er- 



Brgd)i«Eken im Verlag von Oustav Rieeke ^4acbfolCM). Beriin; -mit Voiwort . 
von Rudolf Premier vnd Nadiwoit Ton Magnus Himehfeld. 



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I. Kapitel: Hcrmaphroditismus 



45 



wfthnen, daB soweit ibr bekaimt, Alnoniiitäteii bei den VorMiren niebt zu vmeicbnai 
sind, abgesehen von einem doppelten Lelstenbnieh beim Vater, welcbcr, bei ihrer 
Geburt ^6 Jahre alt, bis zum 58», Jahre pesund war und im 63. Lebensjahre an Knochen* 
tuberkulöse starb. Die Mutter, eine gesunde, kräftige Frau, lebt noch. 

Verwandten eben kamen in der FamDie der Mutter wiederholt vor; Mwobl 
die Eltern als auch die Großeltern mütterlicherseits waren Cousin und Cousine. 
Es sollen auch bereits vor diesen ähnlifbf^ Ebebündnisse in der mOtterlicben FarriHe 
vorgekommen sein. Der Altersunterschied zwischen Vater und Mutler betrug 6 Jaiire. 
Anna, die keinem ihrer EUera fibnMi sieht, ist das jfiuiste Kind. Von fünf Ge- 
schwistern sind zwei in jugendlichem Alter vcrstorbtn, eine Schwester und ein 
Bruder sind gesund und voUkommen normal; die Schwester, welche vor ihr 
geboren wurde, ist in ihrem Wesen ebenfalls sehr mtnnlieb. 

Aus ihrer Kindheit ist zu bemeiken, daß sie rechtzeitig gehen und sprechen lernte 
und weder an Krämpfen noch an irgendwelchen nervösen oder sonstigen Krankheiten 
litt. Sie war als £ind sehr wild, zog es vor, trotzdem es ilir verboten wurde, 
mit fiBsben zu spielen und beteiligte 8i<Ä nüt YoiUebe an Waldstreif erden, BaufereieQ, 
Schneeballwerfen usw., während sie es energisch zurückwies, mit Puppen zu spielen. 
Bei den ,,Theaterspiclcn", die imter den Kindern Sitte waren, übernahm sie stets 
die Männer rolle. Sie fühlte schon damals innerlich, wenn auch unbestimmt, 
daB sie anders war als die Hidchen, mit denen sie die bfihere TOchtenebnla besudito. 
Auch' äußerlich sah sie mehr knabenhaft aus und litt schon damals unter diesbezüg- 
Uchen Bemerkungen und Neckereien ihrer Mitschüleriimen. Sie galt in der Schule 
als die befähigste Schalerin, hatte besondere Vorliebe für Geschichte, Geographie und 
Raebnen, wifarend ihr der Handarbeitsunterricht in hohem Maße zu-' 
wider war, so daß sie ^it Fnuse und in der Schule deshalb vielfach gescholten mirdp. 

Im 13. Lebensjahre traten die ersten Zeichen der Geschlechtsreife ein. Mit 14 
hatte si« Stimmwecbsel. Bald darauf zeigte sidi ein leichter Butflautn, det 
sie SLlir imglücklich machte, da er zu vielen Spöttereien Anlaß gab. Die Brüste W- 
änderten sich nicht, auch trat keine Menstruation ein, dagegen konnte sie wahrnehmen, 
daß bald nach der Reife dann und wann nachts verbunden mit wollüstigen 
Trftumen eine klebrige Flfisstgkeit aus den Geschlechtsteilen unwüMr^ 
lieh sieb entleerte. 

Gepenwärliger Zustand: Die zu begutachtende Persönlichkeit ist 1,61 m 
groß, die Figur ist schlank, die Breite der Hüften mit 81 cm wesentlich geringer 
als die Sehulterbreite. Die Kttrperiinien idnd eckig- kontuzierL Fettansatz 
ETiriT, Muskulatur fest, die Iland ist kräftigr und relativ proß, die Füße lan? und 
sciimal. Es besteht Neigung zu krältifrer Muskeltätigkeil und körperlich anstrengender 
Arbeit. Schon als Kind liebte sie Garten- und Feldarbeit, lernte später gut reiten, 
fahren^^ rudern und schyrinomen. Im Turnunterricht, den sie wie ihre gesamte Aus- 
bildung in einer Mädchenschule empfing, liebte sie besonders die Spring-, Lauf- vini 
Reckübungen, während sie den mehr zur Ausbildung der Anmut und Grazie 
dienenden 3plelen weniger Gesebmaek abgewann, deren Aus- 
führung bei ihren Kameradinnen zu beobachten, sie aber mit groBer Freude erfüllte. 
Ihre Schritte sind groß, fest und schnell mit mhiger Rumpfhaltung. Ein Drehen und 
Wiegen in Hüften und ."^chultern findet nicht statt, so dsß die männliche Gang- 
art viellaeh auffallend bemerkt wurde. Die Hautfwribe ist braunlieb bell 
Körperbehaarung ist vorhanden, wenn auch schwach, besonders an den Beinen. Das 
Haupthaar ist ziemlich hart und dicht, wird zur Zeit nach Frauenart getragen, reicht 
aber aufgelöst nur bis zur Sciiuller. Der liaitwuclit» ist zur Zeil ziemlich stark, so 
daß er mehrere Male in der Woche entfernt werden muß, was in der Weise geschieht, 
daß Laabs teils die einzelnen TTaare auszieht, tei!?; vorsirhlicr mit einem Streichholz 
abbrennt Die SchmerzempfindUchkeit ist nicht groß, auch die Reaktionsfähigkeit der 
Blutgel&finerven ist idcht bedeutend, so daB ErrGten vm9 Eiblassoi wttai sind. Dfe- 
Obren sind relativ groß, der Blick ruhig. Das Auge kurzsichtig, und zwar 6,6 D. Von 
dem Gesiehtsausdruek Iftfit sich schwer sagen, ob er mehr mUnnlich oder weibUeh ist» 



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L Kapitel: HermaphrodiUsmus 



l^amenllich von Frauen ist ofl das Männliche desselben bemerkt worden, so daB es 
s. B. vorgdcommen ist, dafi wenn Frauen in Gegenwart anderer Frauen sich unip 
zogen, sie sie speziell baten, sich zurückzuziehen, weil sie sich, trotz sonstiger Sym- 
pathie mit ihr, durch ihre Anwesenheit geniert fühlten. Der Atmungstypus 
ist ausgesprochen abdominal, also mAnnlieb. 

Der Kehlkopf tritt in mÄnnlicher Weise bttVOr. Die Stimme ist tief und laut, 
80 daß sie völlig \aril wirkt; durch Bemühungen kann sie dieselbe künstlich um etwa 
eine Oktave erhöhen. Die Gesangsstimme ist ebenfalls tief und umfaßt Baßtfine. Im 
fllnriffen ist Laaba vfllUf fesund, auch in bezuf auf dai NarvensyaleiBy mir b^atditi, 
wohl in Zusammenhang nüt dkni aus ihrer Natur aich Mvebenden MsKadien Koa- 
Xlikten, ofl Schlaflosigkeit. 

In bezug auf die geistigen Inligenschalten und Fähigkeiten ist zu bemerken, daß 
der Grnndzuff ihres Charakters ain eBarffiaehar ist Sie ist einer- 
seits begeisterungsflhig, andererseits besteht keine Neigung zu Gemütsaffekten, vie 
Weinen. Es ist ausgeprägter Familiensinn vorbanden, so daß der lebhafte Wunsch 
besteht, sich als Mann ein Heim und eine Familie zu gründen. Unter Stinummgen 
leidet sie nicht. Ihr Wesen ist ziemlich ^gleichmäßig, ihr Wille stark und ausdauernd. 
Furchtsamkeit ist nicht vorhanden. Die Bildung, welche sie im wesentlichen auto- 
didaktisch erwarb, ist über ihr Alter hinaus gründlich. Sie hat ein starkes Bestreben, 
dieselbe zu erweitem und zu Tertiefen. Gedlditnis und AnfioaerksamlEelt, sowie Beob> 
achtungsgabe sind über den Durchschnitt gut und scharf, Neigung zur Schauspiel- 
kxmst ist nicht vorhanden, dagegen lebhaftes Tnterp9?f für abstrakte 
Aufgaben, Volkswirtschaft, Politik. Kroitvoiie r^iaturen wie Napoleon 
und Bismarck interessiersn sie aus der Geschichte am meisten. Aibeiten fllr das 
Gemeinwohl sind ihr för ihre eigene Person am svinpallii';chslt;ii. Sie liest viel wissen- 
schaftliche Werke, besonders nationalökonomische. Die Kleidung ist ihr 
gleichgültig. Jeder Schnouck erscheint ihr Ifisti?, sie zieht dunklere Farben vor 
und Iiat Abneigung gegen Parfüms, wallende Gcwanduof, sowie überhaupt 
Toilettenpopenstände, die einrn mehr weiblichen Charakter Irapen. Die Schriftzüge 
sind ebenfalls männlich, stark ausgeschrieben, und wenn auch nicht sehr fe.st, so doch 
in kein« Weise den Eindtoek hervorrufend, als ob sie von einer Dame herrührten. 

Geschlechtsorgane und Geschlechtstrieb: Die Geschlechtsteile, 
welche außer von dem Unterzeichneten u. a. von Dr. med, G. Merzbach zu Berlin 
und Dr. med. I. Bloch zu Charlottenburg inspiziert wurden, zeigen nach überein- 
stimmender Diagnose zur Zmi einen duiiehaijs männlichen Typus. Es ist ein männ- 
liches Glied vorhanden, welches im erschla^ten Zustande ca. 4 cm lang ist und ca. 
8 cm im Durchmesser hat, während es im erigierten Zustande dreimal 
so lang und doppelt so breit ist. Der Penis ist nicht von einer Harnröhre durch- 
bohrt, dagegen geht von der Spitze der Eichel analwftrts eine Rinne, wek^e nach unten 
ziehend den ITod^nbr-haMer in zwei seitliche Hälften teilt. Etwa i-n Mitlclininkl der 
Rinne, wälirend ihres Hodenverlaufes, befindet sich die Öffnung der Harnröhre, durch 
die man in die Harnblase mit einem Bougie gelangen kann. In der linken Hodcn- 
saekh&Ute ist ein Hode nachzuweisen, welcher etwas verkleinert ist, während in der 
rechten Hälfte kein Hode zu fühlen ist. so daß hier die Vermutung nahe liegt, daß 
derselbe einen Teil des Leistenbruchinhaltes rechterseits bildet. Es ist nämlich auf 
beiden Seiten der Leistenkanal offen, so daB ein doppelter Leistenbruch vorliest, 
welcher seit dem Jahre 1900 durch ein Doppelbruchband zurückgehalten wird. 
Nach der Analogie ähnlicher Fälle wäre eine penaue Untersuchung des BruchinhaUes, 
die natürlich nur operativ vorgenommen werden könnte, für die genaue Feststellung 
der Keimdrüsen sdtr wesentlich. 

In die Urethra müssen auch die Samen ausstoßenden Kanäle münden, was 
daraus hervorgeht, daß das Ejakulat, welches durch Automasturbation gewonnen 
wurde, wie Dr. Merzbach sorgfältig beobachtete, aus der Harnröhrenöffnung hervor- 
quoll t)ber die Beschaffenheit desselben äußert sich Kollege Merzbach wie folit: 
«fPaa Sjakulat zeigt an Fart>^ Geruch und Reaktion die Beschaffenheit der Speima- 



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47 



flOni^ii Seine Uenge betrug ungefähr tan Drittel Teelöffel und gerinnt in der ym- 
her leicht angeirännten Glasscfaale zu einer Gallerte, die mit physiologiaeher Kochsalz- 
lösoDg verdünnt, zur Untersuchting gelangt. Es finden sich keine Sperma- 
tozoen und auch keine Fragmente derselben, ebenso keine Prostatakhslalle vor. 
Die Ptastata ist per anum nielit palpabel und ehi Druck im Proalalateil des Rdrtum 
förd. ip auch kein Sfkret zutage. Die .Aspermie erklärt sifh wohl aus der VcrkOmni' 
rung des linken palpablcn Hodens und aus dem vermutlichen Fehlen des rechten 
Bodens, der auch möglicherweise als Bauchhoden unpalpabel sein kann. 

IKe astflo geadileehtlichen Regungen traten im 25«. Lebensjahre auf. Sie 
varen spontan und instinktiv auf das Weib gerichtet. Libidinöse 
Tiiume bezogen eich auf den Verkehr mit Frauen. Auf der Straße, der Böhne usw. 
wurde das Auge iinwillkttrlidb mehr tob Frauen angezogen. L. teiK mit, dafi schOne 
Frauenkörper, etwa im Bade, stets ihre Bewundenmg erregten, daß si» 1 r anfangs 
plaubte, dieses Interesse spi ein rein ästhetisches. Frst ganz allmählich wurde es ihr 
klar» dafi diese Anziehung auf den Geschlechtstrieb zurückzuführen seL Andererseits 
bestand eine seiir ausgesproehene aexuelle Abnelgumr gegen den Hann. Der Gedanke, 
mit ihm Rcschlechtlicli zu verkehren, ruft in ihr starken Ekel hervor. 

Sie hat mehrere Heiratsanträge, welche ihr eine gute wirtschaftliche- 
Versorgung geboten hatten, wegen ihrer geschlechtlichen Abneigung zurückgewiesen; 
all sie 17 Jahre alt war, nachte ihr ein adir reicher Mann ein«! Hdrataantrag, sp&ter 
ein Jurist und 1905 ein Postbeamter, alle wies sie al^ weil es ihr tmmOglieh eisdüen, 
mit einem Manne geschlechtlich zu verkehren. ' 

Der Gcichleditstriflh seB»C fat stark. Sie ist flberzeugt, daß sie auf die Dauer 
ihn aiefat behertsehen kann; sie fühlt sich nach dem geschlechtlichen Verkehr mit 
«ner weiblichen Person Rckräfligt und befriedigt. Der Typus, welcher sie besonderg 
anzieht, sind voilentwickelte ^Frauen zniachen 20 und 30 Jahren, und zwar ist dies 
seit dem Srwachen des Gesdüechfstri^s stets unTerftndeit. Namentlidi sind es 
Brünetten mit ausgesprochen weiblichen Figuren, während Frauen, die männlichen 
Typus haben, Bartanflu? oder liefe Stimme besitzen, sie ahstoBen. Kine schöne 
weibliche Altstimme oder Mezzosopran wirken erogen. Vor 
ftUem li^ sie bei der Frau das weiche hingelimde Wesen. 

Ein geschlechtlicher Verkrhr mit einrr Frau fand zuerst vor zwei .Tahren statt, 
und zwar war das Begehren und die Betätigung eine aktive. Seitdem hat sie wieder- 
holt den Koitus in einer der normalen ähnliehen Art vollzogen. Als höchstes 
Ideal steht ihr eine dauernde eheliche Verbinduni? Tor Augen. 
Sie beabsichtigt nach Umänderung ihrer Metrik mit einer ' 
Dame die Ehe einzugehen, mit der sie sich als verlobt betrachtet. 

Konflikte erwuchs«! ihr insofern, als, während Me eine tteamtete Steihmg 
mehrere Jahre zu großer Zufriedenheit ihrer Chefs versehen hatte, plötzlich das Ge- 
rücht ents'^ndr „Anna Laabs ist ein verkleideter Mann." Vorher hafte sie sich schon 
einmal Zyankali besorgt, um mit ihrer Freundin aus dem Leben zu scheiden, weil 
ihr die Schwierigkeiten, dieselbe zu heiraten, unaberwindlich 
schienen. 

Epikrise: Es kann nach allem nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, dafi 
es sich bei Anna Laabs um einen Fall von irrtflmJicher Geschlechtsbestimmung handdL 
Sowohl der Genitalbefund als die sekundären Geschlochtscharaktere, sowie der Ge- 
schlechtstrieb stellen es in ihrer Oesamlheit sicher, daß Laabs in Wirk iclikeit .Mann 
ist. Nach der ganzen Sachlage erscheint es daher dringend geboten, daß so rasch wie 
mSglidL die zu Öet Umändoung ihres Personenstandes nötigen behördlicben Maß- 
Bshmen geiroffett werden. 

Gleich nach seiner Umschreibung heiratete TTerr Laabs — sein 
wirklicher Name ist natürlich ebensowenig Laabs wie Nobody — 
seine Freundin; ihre erste Ehe war geschieden worden, wnlirend er 
seine Geschlechtsbericiitigung betrieb. Dabei war vou dem G^riclit 



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I. Kapitel: Hennaphroditisrous 



die Frage erwogen worden, ob liiclit der Beischlaf mit einer Person, 
die zwar für ein Weib gehalten wurde, in Wirklichkeit aber ein 
Mann war, als Ehebruch zu erachten sei. Der Ehemann hatte diese 
Vxäge aufgeworfon, als er mit Büelcsielit auf einen voa ihm be- 
firanflrenen Ehebruch als allein echuldiger Teil angesehen werden 
' sollte; er gab als Omnd seiner TJnizene das Verhältnis seiner Frau 
,mit ihrer Freundin an. Bald nachdem Laabs unter Überwindung so 
groBer Schwierigkeiten scinr rinttin heimgeführt hatte, traf ihn ein 
■neuer Sehicksalsschlag. Sie starb nach dreimonatiger Ehe an einer 
1(1711 crPTientzündiing'. Nun entstand ein nener Prozeß. Die Fapiilio 
der ziemlich wohlhaijenden Frau focht die Oi^lti^?keit der Ehe und 
die Erbberechtigung des Gatteu an, weil er kein Mann, zum min- 
desten kein richtiger Ehemann gewesen sei. Sie drangen jedoch 
nicht mit ihrer Ansieht und Absicht dnreh. Wie ich höre, lebt 
Laabs, der seit Jahren eine Beamtenstelle bekleidet, bereifs längere 
Zeit in einer zweiten glfieUiehen Ehe. 

Ich habe oben bereits auf die verhältnismäßige Häufigkeit 
hermaphroditiftoher Geschwister hingewiesen. War es in dem eben 
;rc schilderten Fall der Anna L. nicht möglich zu ermitteln, ob die 
Schwester nur äußerlich stark männlich oder ebenfalls von herma- 
phroditischer Beschaffenheit war, so konnle diese Feststellung bei 
den in dem numiiehr folgenden Gutachten geschilderten Ge- 
sehwistem mit um so größerer Sicherheit vorgenommen werden. 

Zum Zwecke der Feststellung des Geschlechts und der Abänderung ihrer Ge- 
sehleditnug^Origkeh sitehien tons Mitt« Juli 1911 in Besleituiig ihrer Utero di» 

IGjährige Charlotte L. und die l-J-jährij?e Gertrud L., aus Insterburtr KebOrlif?, auf. 
I^ach wiederholter genauer Untersuchung und eingehender Ananmese erat&lteten wir 
das folgende Gutachten. 

Vorgeschichte: Anna Louise Charlotte L. wurde als zweites Kfaid — das 

erste war ein völlig normaler Knabe — am 14. Mai 1895 geboren, ihre Schwester 
Gertrud Meta Hilde am 18. August 1897. Bei beiden bemerkte die Mutter kurz nach 
der Geburt eine Abnormität der Geschlechtsteile, über die sie aber von der 
Hebamme mit der Versieherunf beruhigt wurde, das würde 
mit der Zoit verwachson und dann der normal'' wfiblirho 7\istand her- 
gestellt werden. Als Gertrud später an einem schweren Darmleiden erkrankte, 
machten die Eltern den Arzt gleichzeitig auf die angeborene Mißbildung der Geni- 
talien aufmerksamL Er untersuchte beide Kinder, kam aber hinsichtlich des wahren 
Gescbleclits m keiner hpstimmt^n Entscheidung. So kam es, daß boi de Ztt&&flhtt 
als M&dchen erzogen wurden und die Mädchenschule besuchten. ^ 

Wlhrend der Sebukeit traten nun bei beiden Kindern Ersdieinungen auf, die 
ihre ZuffehArigkeit zum weiblichen Geschleehto sehr zweifelhaft erscheinen Uefien 
und Anlaß zu fortwährenden Belästigungen und Vfrhfthnunpen von 
Seiten der Mitschülerinnen gaben. Nachdem Charlotte mit 8 Jahren ein» 
schwere Lungenentzündung durchgnnaebt hatte, deren Folgen noch heute nicht völlig 
überwunden sind, bekam sie im zehnten T^ebensiahre plötzlich eine 
tiefe männliche Stimmp, die bei ihrem ersten Auftreten als eine von'^ber- 
gehende Heiserkeit aufgciaßl und behandelt wurde, bald jedoch als eine nicht io-ank- 
hsfte, natflriiche Rrsdieinung der begüinenden Mannbukeit sich erwies. Bei der- 
jfingemt Schwester Oetlnid stellt» sieb diese tiefe Stimme schon im 8id)enien Lebens— 



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I. K&pitel: Hennaphraditisinus 



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iahre ein, kurz vor Begtam des Schulbesuches. Sie wurde in der Schule viel ge-' 
hänselt, z. B. voinLehrer,3r«nanQbär" genannt, was ihr viel Kummer ver- 
orstcbte. Wegen ihrer tiefen Stimme wurde Charlotle nach Untersuchung durch den 
SdnkBt ton der Teilnahme «m Qesenguntonkbt befreit, ebenio Gertrud. 

GMehzdi^ mit der StirannrerlBderanff machte rität dne stärkere Ent> 

wictlung der Geschlechtsteile bemerkbar, die mit starkem Haar- 
loichs am Möns venoris f^inherging. Damals schon fiel Gertrud dem Ar/t, dpr sie zu- 
fillig in einem Badeorte sah, derart aul, daß er ihre Mutter ausfragte; dann auch eine 
kUiperfiehe ÜnterauAmig vornahm, ohne da» wiikUdie Gesddedit genau iestsiurtetten. 
Dies geschah erst von Seiten eines Professors, den beide Kinder zwecks elektrolytischer 
En'fcrnurif zahlreicher Barthaare konsultierten, nachdem sich bpi r'harlotte mit 
12, bei Gertrud mit 10 Jahren ein starker Bartwuchs eingestellt 
lulle, lledi der UntetBadinng der Geschlechtsteile etkllrte der Professor, dafi bdde 
Mädchen Knaben seien, und er schlug schon damals eine Abänderung der Goschlcchts- 
rugphö'jpkcit vor. Diese Mitteilung rief jedoch bei den Kindern eine Rroße ^iieder- 
geschkgenlicit und Melancholie hervor, daß man auf Anraten einer zweiten ärztlichen 
inleiiat heaehlofi, sie Toilftiifig nodi als Middien leben seq laaeen. Dteser mehrere 
lab-p durch^Tcf'lhrtc Versuch erwies sich abor auf die Dauer als unmöglich, da dpr 
männliche Habitus bei bfiden Kindern immer deuth'cher hf'r.'nri rat und so viele Mn- 
»nnfthmlichkeiten im Geioige hatte, daß sie jetzt selbst zu der Ericenntnis der x^otr 
irmdidrait der Umwandhing ihrer Oeeehleehtsngefafliigfcdt gekommen sind. Der 
Bartwuchs ist nämlich inzwischen derart stark erworden. daß die Kinder schon heute 
ton der Mutter täglich. sehr scharf rasiert werden müssen. Trotzdem 
f&Uen sie in der Öffentlichkeit unangenehm auf, werden überall mit neugierigen Blicken, 
•nttdlendem AnsloBen tmd Ftflafem der Leute beliatlgt, können es nieht 
wagen, in Gegenwart anderer 711 sprechen, weil ihre Stimme sofort 
größtes Aufsehen erregt. Der Zustand ist allmählich unerträglich geworden, „jede 
Freude am Leben den Kindern vergällt, jedes unbefangene Auftreten Ui der Offent- 
Kddcelt ihnen immOglioh gemaohf*» ao dafi sie jetit seibat den etnricen Wunsch haben, 
baldmöglichst Knabrn 7ii Tverden, al'^ welche sie sich jetzt auch in Jeder Bpzichung 
fohlen. Die Mutter der Kinder macht noch die bemerkenswerte Angabe, daß eine 
Schwester ihres Gatten absolut viril und eine ausgesprochene Männerfeindin seL Auch 
aoQ eine Cotisine üer Kinder, Toehter ihrer Sohweater, eine 
ganz ähnliche Anomalie der Geschlechtsteile haben. 

Tat?»ächlicher Befund: Öie am 19. Juli 1911 vorgenommene Unter- 
suchung des Status praesens ergibt bei beiden Kindern das Folgende: / 

Sowohl Chaiiotte «te audi Gertmd L. madiaD beim ersten Anblidc den Eindruck 
absoluter Männliehkeii Im einz^en wird dieser virile Habitus und weiter die Zu- 
fehöriskeit beider zum mftnnlidien Geschlecht durch folgende Befunde aicher er- 
itiesen: 

"L Verhältnis der Schulter zur Hüftbreite, Charlotte : Z9 cm SchuUerbreite, 30 cm 
HttlDnite.. Gertivd: S6 cm Sehulterbreite, 38 cm H<^tbreite. 

Dieses Überwiegen der Sehulitfbreite über die Hüftbreite ist ein ausschließlich 

männlicher CrP^chiechtscharakter, auch die übrigen Konturen lassen jede weiMiche 
Äundung vermissen und zeigen vollkommen männlichen Typus. 

2. Behaarung. Das ungeschnittene Haupthaar reicht bei Charlotte bis zur Brust- 
iriri>el8ftuld, hei Gertmd bis cor Höh« des Sehnlteihlaites, bei beiden also nur so 
weit, wie es den ausgesprochenen männlichen Kopfhaaren entspricht. Sodann ist 
bei beiden der starke Bartwuchs an Oberlippe, Wangen und Kinn sehr auffällig, der 
trot2 des Rasierens sofort in die Augen fällt. Femer haben beide an den Unter- 
lehenkoln sehr reiehliehe Behaarung, was ebenfalls dn iypisdt m&nn- 
ücher Geschlechtscharakter ist. Endlich zeigt auch die Schambehaarung durchaus 
männlichen Habitus, der sich auch durch eine nach dem Nabel zu sich erstreckende 
IJaariinie bekundet. 

Hfrsehf eld, Soamatpathologie» II. 4 




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50 I. Kapitel: HermaphroditismuB 

3. Stumne. Die SUiniiie iat aildi bei leisem Stn^echcn bei beiden Kindern sehr 
tief und rauh, eine ans?e<5prochene MSnnerptimmp. Ihr entspricht deutlich die Ent- 
wicklung des Kehlicopfes, der stärker vorspringt als bei weibii^en Personen. 

4. Bxfiste. Auch diese zeigen bei beiden Bändern männlichen HabLtna» sind 
, flach und wenig ausgebildet. Bei Charlotte sind links zwei überzählige sehr klein« 

Brastwarzen unter der eigentlichen Mammilla zu sehen (sog. „Polytelie"). 

6. BeschaHenheit der Geschlechtsteile. Sowohl bei Charlotte als aucii bei 
Galrad Ist «n typisches mIaaVehss GQlsd vorirnnden, das bd eisterer 4^/, cm, bei 
letzterer 5 cm Länse hsi Die fridier als Scheide angesehene Öffnung erweist sich 
bei beiden als eine ausgesprochen t? Hypospadia pcniscrotalis. Hoden ließen sich nicht 
mit Bestimmtheit palpieren, ea ist bei beiden ein Zustand von Kryptorchismus vor- 
handen. FQr die Existenz der Hoden spricht aber die Tktsadie. daB Gertnid wieder- 
holt den Abganeeiner klebrigen Flüssigkeit beobachtet hat. Vor allem 
ist von irgendwelchen weiblichen Cliaraktcren an den Genitalien nicht das Geringste 
nachweisbar, weder Teile der äußeren noch der inneren weiblichen Geschlechtsteile. 
Iisendwelche Spurra der Menstruation haben ne nie gezdgL 

6. Psychisches Verhalten. Auch das gegenwärtige Seelenleben 
ist durchaus das von Knaben gleichen Altors. Sie interessieren sich 
ausschMeßlich für männliche Beschäftigungen und Spiele, fühlen sich zu männlichen 
Berufen hingezogen. So will die Altere jetzt Kaufmann werden. Beide Kinder 
äußerten aneh bereits den W^msch, Soldat zu werden. Auch ihr Geschlechtstrieb, 
soweit davon schon jetzt die Hed« sein kann, zeigt eine Inklination zum wdblichen 
\md nicht zum männlichen Geschlecht 

Ergeh n is: Ans der Voiteschichte der Kinder und ans der von uns vorgenom- 
menen Untersuchung, ^e in allen wesentlichen Teilen übereinstimmen, so daß An- 
amnese und Untersuchungsbefund sich vorkommen decken, ergibt sich niil J^icherheit, 
daß sowohl Charlotte als auch Gertrud L. männlichen Ge- 
schlechts sind, und zwar handelt es sich um einen ausgesprochenen Fall von 
sog. ,JPseudohermaphroditismus raasculinus" bei überwiegend mfinnlichem 
Habitus, also eine Kntwicklunffsstörung bei einem in allen Teilen männlichen Tndi- 
vidmun ohne Beimischung wesentUcber weiblicher Geschtechtscharaktere. So muß 
die Gesehledktszuffehörigkett beider Kinder als eindeutig m&nnlich bestimmt 
werden. Es liegt im individueDen Interesse der Kinder und im soaalen Interesse, daB 
eine Umwandlung der beiden als Mädchen Erzogenen so bald wie möglich vorgenommen 
wird, da die Inkongruenz zwischen dem künstlich anerzogenen 
und dem wirklichen Gesehleehte immer größer wird und zu 
schweren Ärgernissen Veranlassung gibt, die auf die Dauer eine gedeih- 
liche Entwicklung und Tvebensführung der Kinder, sowie die 
Ausübung eines Berufes unmöglich machen, vor allem aber 
auch den Eltern und den Kindern dauernd so schwere seelische 
Leiden auferlegen, daß es bisher nur dem ärztlichen Zuspruchs 
gelungen ist, sie vor verzweifelten Schritten tu bewahren. 
Was die Namensänderung betrifft, so geht der Wunsch der Eitern dahin, daß Anna 
Louise Chsrlotte in Lud^, Gertrud in Gerhard umgeschrieben wird. 

Die Behörden trogen natürlieli der in diesem Outachten ge- 
asogenen SehluBfoIgerung Bechnnng. ÄuBerlich vollzog sieb die 
Umwaadlnng, wie übrigims auch in den meiBten anderen Fällen so, 

daß die Umkleidunc in Verbindiuig mit der Änderung der Haar« 
tracht in meiner Woliiuiiig voigenommön wurde. Die Kinder be- 
traten diesell)e als Seliwcstem und verließen sie als Brüder. Wenn 
Diöglieh, empfiehlt es vsich auch, um dem Gorede der Nachbarschaft 
aus dem Wege zu gehen, gleichzeitig einen Ortswechsel oder wenig- 
Hteus Wohnungswechsel eintreten zu lassen. Ich verlegte deshalb 



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L Kapitel: UemuiphrodiUsmus 



51 



«die üniTrandluDg meist in die Nabe eines QuartalsiermiiiB. Ludwig 
und Gertrud P. kamen von mii* aus in Pension zu dem mir be- 
freundett'ii Pfarrer B. in V., welcher sj<*h fler Kinder mit großer 
Liebe und Sorgfalt annalmi. Sie wurden dort konfirmiert und ent- 
"wickeiten sieh zu höchst fleißigen, braven und tüchtigen Menschen. 

Auch ein Fall von drei hermaphroditischen Ge- 
schwistern befindet sich in meiner Kasuistik« Bisher wurde 
allerdings erst die Umschreibung des ältesten Kindes veranlaßt Mit 
der Geschlechtsberiohtigiing der beiden jüngeren wollen die Eltern 
noch warten, bis sie sich überzeugt haben, ob und wie sich der be- 
deutsame Schritt in dem einen Falle bewährt hat. 

Im Laufe des Sommers 1917 suchte mich die zur Zeit 19iähnge K a r o Ii n e 
E h r m a n n , die Tochter des Eisenwarenfabrikanten Friedrich Ehnnann aus Perlin, 
auf, mit der Bitte, sie zu untersuchen, da sie der sicheren Überzeugung sei, daii sie 
nidit dem weiblichen, sondern dem mAnnlicheit Qesdileeht -zusdiAre. Idi hebe K. B« 
längere Zeit, zusammen mit meinem Kollegen H o d a n n , beobachtet und körperUch 
wie psychisch untersucht Wir kamen bezüglich des Zustandes der Patientin zu 
diesem Ergebnis: 

Bei ihrer Geburt bestanden im HinWielf auf die Geschlechtszugehörigkeit der 
Patientin offenbar keine Zweifel. Sie wurde unter weiblichem Vornamen in das 
Standesregister eingetragen. Jedoch soll sie nach eigenen Angaben bereits in der 
Kindheit ein auffallend knabenlmfte» Aussehen aufgewiesen haben, so dafi sie dadmch 
auffiel und daraufdcutende Bemeikungen des öfteren laut wurden. Sie war sidi 
schon früh bewußt, anders zu sein als ihre Altersgefährtinnen; sie hielt sich meist 
allein, spielte im übrigen mit den Mädchen vorzugswei^ Laufen, Versteck- 
und Ballspiele. Wie sie Ton jeher fOi" körperlidie Betätigunir udd Ausarbeftong 
im Freien mehr Sinn hatte als für Arbeit im Zimmer. 

Sie ward im Hause der Eitern erzogen, in der Schule wies sie bei stärkerem 
Interesse für Deutsch, Geschichte und Erdkunde durchschnittliche Leistungen auL 
Später ging sie auf eine Berliner Handelsschule, um Stenographie und Sdirdbmasehine 
sehreibcn zu lernen, und nahm dann eine Bureaustelle an. 

In der Familie, aus der Karoline stammt, sind die gleichen 
Erscheinungen wie die, die bei der Patientin beobachtet 
-wurden, noch an den beiden Schwestern der Patientin zu ver- 
zeichnen. Der Bruder ist gesund. Die Eltern sind Cousin und Cou- 
sine ^-). Außer im Falle der beiden Schwestern ist Patienün in der Familie mchts 
ym irgendwelchen Anomalien, ernsteren KranJcheitsfAllen, ind>esondere nichts Ton 
Jisychischen Krankheiten beknnnt. 

Patientin selbst i?t angeblich immer gesund gewesen. Ihre Vorgeschichte weist 
auch keine Anhaltspunkte dafür auf, daß sie an iryendwelchen Verstimmungen 
seelischer Natur, an wechselnder Aff^lage, Ängstlichkeit, froher au Kinderfehlem 
gelitten habe. 

Die Pubertät trat angeblich mit dem 13». Jahre ein. Von geschlechtlichen 
Dingen erfuhr sie huiener Zdt zum erstenmal aus der Zeitung und einem popixlär- 
ärztlichen Buche. Vom IB. Jahre ab hat sie in unregehnäßigen Abständen onaniert 
Angeblich will sie bereits im 12. Jahre Stimmwechselerscheinungen 
«ndBartwttchs bemerkt haben. Eine Menstruation ist niemals 
eingetreten, desgleichen keine ihr analogen psychischen Eischeiaungen. Der 
« Geschlechtstrieb war von j^r ausscbliefilich auf das weibliehe 



Es ist ein höchst beachtenswertes Mon^nt, wie b&ufig in der Vorgeschichte 
unserer Hermaphro^tan ^e Angabe: JBXbem: Cousin und Cousine" wiededtehrt 

4* 



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I. Kapitel: Uernutphroditiamus 



Geschlecht gerichtet, seine Richtung ist unyeriiuleTt dieselbe gebtisben. 
Obermftfiig staifc 00116014 er nicht entwickelt zu sein, Patientin scheut sich offenbar, 

^artbcr Angaben zu wy^*liff»- Jedenfalls hat sie den Koitus noch nicht vollzogen. Ist 
jedoch nach ihren Angaben vOllig sicher, daß sie ihrem Wesen nach 
m&nnlich ist Erotische Träume bezogen sich' ausschlieBlich auf das Weib.- 
äußert daher nachdrücklich den Wunsch, daB ihr Name im Standesregister geändert 
wird und sie die Erlaubni? erhält, männliche Kleidung tragen und ihre Lebensweise 
nach männlicher Art einnchten zu dürfen, da sie dies als ihrer Veranlagung und 
ihrem Triebleben entsprechend als einzig ihr gemäB empfindet Sie vtrlritt diese n 
WniMeh mit Zielsieberheit und Bestimmtheit 

Körperliche Untersuchling: K. E. ist mit 20 Jahren 147 cm groß und 
wiegt 45,2 kg. Die Statur macht auch in weiblicher Kleidung einen durchaus 
männlichen EindrucL Die Haut ist fest \md straff gespannt, der Teint nicht gans 
rein, Hautfarbe nach der Vk Luschanschön Skala 3 bzw. etwas dunkler, im übrigen 
ebenso wie die Schleimhaut gut durchblutet. Fettpolster mäßig, dagegen äußerst 
kräftige und gut in Gruppen abgesetzte Muskulatur. Der Knochenbau ist 
8^ kräftig, in seinen Proportionen ausgesprochen viril Dieses spricht sich rot 
allem in dem Verhältnis der größerm Aehselbreite mr Udaeorea Hflft- 
breite aus: Akromlalbieitft 86^0 cn^ IHstaat iliaea 96^ Distiat epinata 25,0 en^ 
Oistant trochant. 28^ cm. 

Die Brüste sind durchaus männlich geformt, die Warzen nach männlichem 
Typus rudimmt&r. DrOsenkörper sind nicht zu fühlen, 'Der Kehlkopf springt 
TOT und ist hiit TO tasten. Stimme mbmlldL Behaarung seist «uagesmochen 
minnlichen Typus. Das Haupthaar, das Patient als Mädchen lang trug; reidxt 
bis zu den oberen Lendenwiibeln. Der Bartwuchs ist kräftig, Patientin entfernte 
bisher die Haare durch Ausziehen. Die Schambehaarung zeigt in ihrem Über- 
gang hl die KOsperbebaarang, in der Beschaffeohät dee Einzelbaares und der Anord- 
nung der Haargruppen männlichenTypus. Es reicht, winn auch schütterer als 
auf dem Möns pubis rautenförmig längs der Linea alba bis zum Nabel hinauf. Die 
Extremitätenbehaarung ist ebenfalls in ihrer Stärke und Ausbreitung, sowie 
in der Natur äst Wnselhaare, dmehcus dem ntitnaHchen Typus enlsprechmd. 

Dia inneren Organe sind gesund, das Nervensystem zeigt Iceine B«- 
sooderiieiten. 

Geschlechtsorgane: Von vorn, bei geschlossener Bcinhaltung gesehen, 
macht die Regio pubis, abgesehen von der Haarverleilung, einen weiblichen 
EindrucL Bei auseinandergehaltenen Beinen jedoch gewinnt man exn völlig anderes 
Bild. An der Stelle der Klitoris zeigt sich, fast TöIMg von der starken Behaarung 
überdockt, ein cm b.n^'er r"ni^rihnlicher Körper, rf.'?,-a von der Stärke des 

rechten Daumens der untersuchten Person. Die beiderseits von 
diesem Körper abwärts ziehenden Wülste gleichen hypotrophischen großen Labien; 
ein beweglicher oder unbeweglicher Körper ist in diesoi Wflisten nieht zu fdlilen. 
Medialwärts dieser großen Labien finden sich beiderseits die kleinen Labien, welche 
kulissenartig als zwei dünne Fallen den stark geröteten Vorhof der Urethral- und 
YaglnalOffnmig umgeben. Die ganze Gegend erscheint mit feiner Schleimhaut über- 
zogen und sieht blutig rot aus. Die Urethralöffnnng befindet sieh ab gana 
kl'^iner stecknadelkopfgroßer Punkt mit Schlitz an der Stelle, wo sich normalerweise 
die weibliche ürcthralöffnung befindet Durch einen hier unschwer einzuführAndcn 
Katheter entleert sich Urin. Von dieser Schlitzöffnung der Urethra zitlii zu der Spitze 
der Glans, clitoridis eine seichte Rinne bis dicht unter die Spitze des Gliedes, wdches 
rächt durchbrochen ist. Dicht unter der Hrethral Öffnung befindet sich noch ein 
kleines Loch, das in einen ca. 5 cm langen Biindsack führt, welcher an seinem Grund 
keinerlei Öflinmg nooh Bihabenheit erkennen läfit. Von dem zuletzt erwähnten Loch 
tfätreckt sich der Damm 8 em zmn Anus hin; von einem Hymen findet sieh 
Iceine Spur. 



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1 



L Eapilel: HennphioditiBnniB 5S 



Die inneren G e s c h lechtvor k a n e können nur vom Anus anp hima 
nuell untersucht werden, und auch diese Untersuchung ist nur möglich, nachdem die 
Därme gründlich entleert sind. Nach wiederholten Untersuchungen ergab sich mit 
Sicherheit der lolB^nde Bebmdt dee von Geheimiat Wilhelm AI ezand«r Freund 
Jn Dr. S e e 1 i g s KUaik wie foW fpstgestellt wurde: 

Zwischen der absolut miinnlich geformten Blase und dem Rektuin, in dar Hitte 
etwa 1 cm über den beiden Enden des Vaginalschlauches, mit diesem aber olme Ver- 
libkdung, fflhlt nian einen Körper, der Größe und Form einer Saubohne hat Er be- 
findet sich 5 cm über dem AnTi? und macht den Eindruck eines ütriculue proetaticas. 
Eine eigentliche Gebärmutter ist nicht vorhanden. Nach beiden Seiten von diesem 
medial gelegenen knopfartigen Gebilde sUhen Stitngci die sich wie Bindfaden an- 
fühlen und hart am Oa Üevra unter der linea airaala intenia in «pindell&Ridst DrOaea 
enden, die sich wie kleine Hoden ausnehmen. 

Psychischer Beiund: In pathologischer Hinsiebt zeigt die Psyche keiner- 
lei Anomalien: K. Ist ehs atiOer^ nildger Ifenach von sMctomlttger AtfekOage. Da 
der sexuelle Trieb nicht übnrmäßig stark ist, verleiht er dem psychischen Rüde keine 
ausgesprochene Prägung. Immerhin ist wichtig, daß zweifelsfreie Rückwirkimgen der 
Triebrichtung auf das psychische Geschehen in der Sphäre deaUnterbewuB- 
ien in Form sexueller Trftume, die ausschließlich das Weib 
als Gewinnziel aufweisen, zu verzriclmen sind, daß dieses Triebleben selbst 
«iudeutig männlich ist, daß demzufolge die ihm entspiincenden Willensmotive klar 
Ibra nUnnliAe Natur daiUeten. 

Intelligenz, Melk- und Orientierungsfähigkeit seifen keinerlei Defekte. Gegen- 
über weiblichen Personen besteht starkes SchamgefOhl. E. bestand darauf, daS sich 
die Schwestern während der Untersuchung auä dem Zimmer entfernten, ll&nnem 
■gegenOber aohlmt sich Patient nicht 

Zusammenfassung: Für die männliche Geschlcchtszugehö- 
ri g k e i t der Patientin sprechen eindeutifr die Statur, der Knochen- 
bau, die Behaarung, die Stimme, die männliche Form der 
BrOste, daaVerbftltnia der Scbulter- snr Beekenbrelte. Seii- 
iisch die gesamte T ri eb ri c h t u n g , sowie die S e xu al sp h a. r e des 
Unterbewußtseins. Auch im körperlichen Genitalbefund überwiegt der 
iBlBBliehe Habitn«: Der extenie Geschlechtshöcker ist mehr penis- wie 
klitorisartig, intern befindet sich ein mehr prostate- als uterua« 
förmiges Gebilde. Der Finger stößt auf zwei mehrhoden - als eierstock- 
ahnliche Drüsen. Die Blase ist männlich. Ein Hymen fehlt, de^leichen Men- 
almatien. An Stelle der Sehdde liegt nur ön oiger BKndkanal. Ein aktiver 
mftnnliclM r Koitus ist mit diesen Organen möglich, dagegen 
ist die McM^iichkeit «uageacilioaaen, aieb wie ein Weib koba* 
bitiereu zu lassen. 

Znaammenfaaaend tat atao bei JL & anf minnliebet Ge- 
schlecht zu erkennen. Aus diesem Grunde wird unscrcrscifs der Antra? der 
Patientin, ihr Geschlecht im Standesregister aus weiblich in männlich, ihren Vor- 
Baaen ans KarciHne In lad indem, männliche Kleidung tragen und eine männliche 
Labenaweiae iobnn zn dflrfeq, dringlicbat befOrwortet 

IdL wiU diesm Geseliwisteni mmsk einige weitere, ähnliche FSUe 
TOB intümlieher GeiBchlechtabeetimmümg anfügen, in denen sieh 
ebenfalls die Notwendigkeit der Geschleditsnniflchieibnng in der- 
selben Zeit» nämlieh in dem für die Entwicklung des Menschen so 

bedentsampTi dritten Lebenssiebentel ergab. 

Trot2d€fm ich mir bewußt bin, daß diejenigen Leser, wekbe die 
Kasuistik mehr überfliegen als studieren, die Häufung der Fälle 
leicht eintönig empfinden werden, habe ich mich doch aus verschie- 



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54 



I. Kapitel: HeniMpbroditisinus 



denen Gesichtsptinkten entselilofleen, meine einzelnen Fälle von Ge- 
Bohleohtsbericlitig^nng möglich g<enau zn bringen, und zwar niolit 
nnr, weil ^e meines Erachtens als dokumentarisches Material vod 

liöchstem Werte sind, sondern weil sie neb-en großen Üb<»reinstim- 
mungen stets auch ebenso prroße Verschiedenheiton aufweisen und 
vor allem, weil sie d i e ii n e n t b e h r 1 i c h e G r u n d 1 a e für das 
Verständnis aller Abweichungen v o m G e s c Ii 1 e c h t s - 
typus bilden. Zunächst zwei Fälle, die dem letstbeschriebenen inso- 
fern verwandt sind, weil den Personen neben der sexuellen Anomalie 
ein sehr nntersetater, fast zwerghafter Körperbau und andere Pro- 
portionsanomalien eigen waren, , die anf Normabweichiingen im 
innersekretorischen System sehlisiOen lassen (vgl. Tafel ID. 

Im FrfHijahr 1916 sueiite micb Ftau Martha D., Ehefhni des in RuBUmd im Felde 

stehenden Landwehrmanns Karl D., mit ihrem einzigen Kinde Bertha T>. auf, die 
damals 14 Jahre alt war. Die Mutter war vom nationalen Frauendienst an mich 
\(iesen, weil einer leitenden Dame die tiefe Stimme und die Bartstoppeln 
des liädehene «ufeefallen waren. leb habe mich dann ro^irere Monate mit dem 

körperlichen und seelischen Zustand der Bertha D. beschäftigt und stellte folgendes fest : 
Bertha D. ist von katholischen Eltern, 4 Jahre vor der Ehe geboren. Bei ihrer 
Geburt zweilelle niemand an dem weiblichen Gesctilccbt des Kindes. Als Bertha 
4 Jahre alt war, zogen die Eltern nach! F. Sie besuchte hier die Mädehensehnle bit- 
zur ersten Klasse und ^vu^de mit 13 Jahren als Mädchen konfirmiert. Sie lernte 
darauf die Wäscheschneidcrci. Schon auf der Schule fiel ihre tiefe Stimme auf, s i e 
wurde von den anderen Kindern deswegen geneckt, beispielsweise 
oft „alter Brummbfti'V „Mftnnerbart", „Junge" gerufen, was ihr das Leben verleidete 
und sie oft in Trimen ausbrechen ließ. Trotzdem kam ihr nicht der Gedanke, daß 
sie lieber e-n Knabe sein möchte. Selbst als ich ihr nach der ersten Untersuchung 
mitteilte, daß sie eigentlich ein Knabe sei, und sie fragte, ob sie nicht vorziehen 
wQrde, als solchei* zu leben, strftubte sie sieh sehr. ^b,s worden dann di« 
Leute sagen," meinte sie; auch übcn^oa: damals noch das Gefnhl. ein Mädchen 
zu sein. — Als aber der Bartwuchs immer stärker wurde und tägliches Rasieren er- 
forderte, kam sie allmählich doch zu der Überzeugung, daß es für sie vorteilhafter sein 
wOrde, Mftnnerkleidung zu tragen -und einen Tnannlyrihen Tomamen anzulegen, um< 
nicht mehr kränkenden und sie beschämenden Bemerkungen ausgesetzt ?.u sein. Er- 
schwert wurde dieser Schritt dadurch, daß der Vater sich im Felde befand imd die 
Mutter unterleibskrank (Gebärmuttervorfall) ist, außerdem die Mittellosigkeit so hoch- 
gradig war, da9 die sur UmUeidung ^rd«rlichen Mittdl nldit zur Yeifögung standen. 
Daher sab ich zunächst das folgende Vorgutachten ab, das an den Truppenkomman- 
danten f?inR: ,,VorbebaMl!ch ai.'?fi5hrlicher Begründung gebe ich mein Sachverständigen- 
Gutachten dahin ab, daß das am .... 19 . . geborene Kind des Malers und jetzigen- 
Landwehrmanns Karl D. und Frau Martha, geb. Q., weldies bei der standMamtKehea 
Anmeldung den Xamen Bertha erhielt, nicht weiblichen, sondern männlichen' 
Geschlechts ist. Es ist daher unbedingt erforderlich, dnO cinr Umschreibung des 
Namens (statt Bertha D. in Berthold D.) erfolgt und daß das Kind Kleidung, 
Baaraehnlftt und Lebensweise nach der raftnnliehen Riditung umändert. Damit un- 
nötiges Aufsehen vermieden wird, ist auch ein 'Wohnungswechsel geboten. 
Da Frau D. selbst unterleibslcidend und sehr schwach ist, kann sie allein ohne An- 
wesenheit und Hilfe ihres Mannes die zur Geschlechtsberichtigung er- 
foidttlieben Schritte nicht unternehmen." Herr D. ohisll darauf Uriaub. 'Durch' 
Wohltätigkeil (Hilfsstelle des Nationalen Frauendienstes für Bekleidung) konnten die 
erforderlichen Kleidtmgsstücke beschafft werden imd wurde dann während der Beurlau- 
bung des Mannes der Wohnungswechsel in Verbindung mit der Lmkleidung und Ab- 



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6reschlechtsberichti^ung im 14. Lebensjahr 

5 



6 



Tafel U. 




Beschreibung des Falles findet sich im Text, Seite öi bis 57. Bei der wiederholt 
Kemeinsam mit dem Gynäkologen Prof. W. .\. Freund vorgenommenen Exploration 
waren weder männliche noch weibliche Geschlechtsdrüsen, auch nicht l'terus 
oder Prostata auffindbar. Geschlechtstrieb fehlt. Somatisch und psychisch über- 
wiegen stark die männlichen (Jeschlechtscharaktere. Diagnose : Hermaphroditismus 
n e u t r a 1 i s. Geschlechtsumschreibung aus praktisch en Gründen geboten. 



Birsohfeld, Sexual]jaU)ologie, H-M 



A, IkliircuB ^ K. Webers Yerlaj;, Bouq, 



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55 



Sndertinsr rh-s Hanr.'^hnitts — bddrs fand in meiner Wolmunp; stalt — vor- 
genommen. Da nun noch die Umschreibung im Standesregister und die gewünschte 
kiittfaliehe Umtmifuiis «iissteht, aei nun folgeite featfettelli, 

I Die ftttSeren Geschleehtsorgane: 

Wie aus dem beigefilgtent Bilde ersiehtUeb, machen die Gesehteehtsergane, wemi 

D. sich f-ntklf iflet, zunächst einen völlig weiblichen Eintlnick. Man sielit nichts von 
einem Penis, auch nichts von einem Hodensaclc. Die üppige Scharabehaarung zeigt 
allerdings mehr virilen Charakter. Ganz anders aber gestaltet sich das Bild, wenn 
man D. mit gespreizten Beinen tintersucht. Da zeigt sich ein Gebilde, das äußerlich 
riel mehr einem Penis als einer Klitoris gleicht. Die Glans i?t von einem Corpus 
penis durch den deutlichen Sulcus coronahus geschieden. Die Mutter gibt an, dafi 
dieses G^de in den ersten Monaten nach der Gdsurt nur ein kleines ,^08Pchen" 
gewesen sei, das dann erst später gröBer und immer grOfier geworden wäre. 

Die Eichf'!spit;^e erscheint durchbohrt, sieht man aber jicnaucr nach, so mcrkt- 
nian doch ^^ie Fossa navicularis nicht unmittelbar in die Harnröhre übergehen, son- 
dern in eine seichte Rinne verlaufen, die sich an der ganzen Unterseite des Penis herab- 
zieht und schließlich in einem Spalt endet, der sich scheidenartig vertieft D. 
gibt an, daß der Höcker sich oft von selbst steift, Gcschlechtsemijfindunjzcn worden 
dadurch nicht ausgelöst. Der Urin entleert sich aus dem Spalt. D. kann nur sitzend« 
nicht stdiend im Strahl Wasser lassen. Man sieht auf dem Bilde deutlich, wie zwd 
nach unten konvergierende Wülste den taschenförmigen Spalt umgeben. Diese Wülste 
sind leer. Sie entsprechen den großen Labien, entwickhinfscpsrhichtlich aber auch 
den beiden Skrotalhäiften. Auch die kleinen Labien sind als zwei feine Falten neigen 
und itber der Xlüorls andeutungsweise Toriianden. Mens veneris ist sdiwaeh ent- 
wi^elt. Blutungen sind niemals ▼orgdcommen. (Vgl. Tafel II.) 

IT. Die inneren Geschlechtsorgane: 

Die interne Untersuchung nahm ich in Gemeinschaft mit Geheimrat Prof. 
Dr. W. Freund und dem Frauenarzt Dr. Seelig vor. D. hatte sich für die Lntersuchung 
durch Enfleerung von Darm und Blase vorbereitet. Ich gehe das Diktat des Gehehnrafs 
Freund bei der bimanueUen Untersuchimg per anum wieder : „Ich fühle an der vorderen 
Bf^krnwand, beginnend in der Höhe des Arcus nubis, eine kleinfingerlange, fleischige, 
stranglürmige Hervorragung, die von imten etwas schräg nach links aufsteigt, sich 
nach oben veijOngt und aHmählich snfbdrL Am rechten Beekenrande unter der Linea 
arcuata ist eine flache, dem Knochen anliegende Erhcbunü zu konsfaticien. Druck 
auf diese Stelle soll empfindlich sein, doch zeigt das Gesicht bei stärkerer Belastung 
keine auf Schmerz hindeutende Verzemxng. Die Untersuchung mit dem harten 
Katheter führt durch die etwa 3 cm tiefe Scheide an den Anfangsteil dieses derben, 
fleischigen Oi^ana, das an der Vorderwand des Beckens wie ein kleiner Finger ge-, 
legen ist. In der linken Beckenseite ist nicht das geringste von einem derben 
Katheter zu fOhlen.*' t 

Mit dem wdehen Katheter gelangte Dr. SeeUg nicht' ohne Schwierigkeiten schließ- 
lich in die Hlnse. Die Ürethralmündung befindet sich ganz am Ende der vaginalen 
Tasche, dicht unter dem derben, kleinfingerförmigen Körper. Sie zeigt nicht die ge- 
wOlmUche schlitzförmige Beschaffenheit der Hamröhrenmündimg, sondern eigentüm- 
lich gewulstete und gefaltete Riiider. 

HL Kj^rperliche Oesehleehtscharaktere: 

a) Gestalt. D. ist mit 15 Jahren 1,<6 m groß und wiegt 50 kg. Er hat eine 
untersetzte, stämmige Figur. Die Muskeba sind kräftig. Das Fleisch fühlt sich hart 
und fest an. Die Armkraft ist bedeutender ais die der Beine (viriles Zeichen). D. hat 
deutliche X-Beine. Die Wade ist viril abgesetzt. Füße und Hände tioA rdattv klein. 
Kopfform ist ebenso wie der Gesichtsausdruck männlich. Stirn ausgesprochen mas- 
kttUn, dagegen Kinn ienmün. Die Kaute in der Kreuzbeingegend ist schmal (viriler 
Ttpvs). Die Nates ersdi^en qoehr feminin. 



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56 



I. Kapitel: HenaaiduDditismuB 



b) Beeken. Dieses wichtige Gaachlechtsmerknial zeigt keinen ausgesprochen 
virilen, aber auch keinen femininen Typus. Als weibliches Becken muß es al!p-mein 
zu klein bezeichnet werden; Freund nannte es >4nfanti£" und Munentschieden". Die 
BeekenmaBe sind: BjpmM 23Vt> cristae 26, Conjucata 16> 

c) B e h aarung; Im 12. Jahre trat starker Bartwuchs auf; trotz „Enthaarungs- 
pasten" wurde er immer stärker. In dem gleichen Alter entwickelten sich die Scham- 
haare, die nach dem Nabel zu längs der Linea alba in einem Haarstrich aus- 
laufen. Ober- und Ifateisdmnkel sind sieiidieh staA; biliaiii; audi um den Bniii- 
warzenhof finden sich Haare. Das Haupthaar reicht aulidABl Ine zun witemi 
Skapularrknd- Das Einzelhaar ist dunkel und spröde. 

d) DLeMammen zeigen völlig m&nnliches Verhalten. Von einem Brustdrüsen- 
körper findet sieh keine Spur. 

e) Der Kahlkopf ist ebenfalls viril gebaut Die tiefe sonore Stimme ent- 
sprechend der Stäike ui^ Lftnge der' Stimmbänder, war das erste Zeichen, das ihrer 
Umgebung auffiel. , 

IV. Seelische Geschlechtscharaktere: 

lOer findet sich eine innige Vennisehung minnlicher und wdbOeber Zflge. D. 

ist von weicher Gemütsart, ihre Stimmung ist gleichmftBigj an und für sich ist sie 
mehr lustig, nur beunmhipt md betrübt über ihr ungewisses Schicksal. Sie ist still, 
pänktUch, sparsam, zuverlässig und mutige Ihr Wille ist stark zu nennen. Sie 
möchte sehr gern Soldat werden und wie ihr Vator in den Krieg zidien. 
Aus diesem Grunde vrürde sie sieh gern operieren lassen, damit ne nach Mfinnerart 
liamen kann und unter den Kameraden, falls sie eingezogen werden sollte, nicht auf- 
f&llt ^Trotzdem hat sie aber kein ausgesprochenes Empfinden, ein 
Mann su sein. Sie hat die Schneiderei eriemt, wUrde aber lieber Kflrsdmer 
werden. Sie fühlt sich auch zur Hauswirtschaft hingezogen; namentlich mag sie 
„Reinemachen" gem. Im Trinken und Rauchen ist sie (im Gegensatz zum Vater) 
sehr mäßig. Sie liebt einfache Kleidung, und h&lt sich sehr eigen. So lange sie 
llldehenkkider trug, eifclArte sie, sie bevOTsuge für sich die weiUiche Klcidnag; seit- 
dem sie männliche Kleidung trägt, sagt sie, rie ginge Ueber als longa. Sie ist musi- 
kalisrh Thr° Intelligenz entspricht ihrem Alter. Auf die Frage, was sie vom Kriege 
denkt, antwortet sie: ,JDer iüieg ist eine fürchterliche Menschenschlächterei; Schuld 
bat England." Sie ist fromm und gebt regobnifiig zur Bdehte. 

T. Oeaeblechtstrieb: 

Geschlechtliche Regungen und Neigungen sind nicht vorhanden. Sie weiB nicht 
anzugeben, welches Geschlecht ihr sympathischer ist Auf die Frage: ob sie später 
lieber einen Mann oder eine Frau heiraten möchte, entgegnet sie in der ersten Zeit: 
einen Mann. Jetzt wdfi sie darüber keine Ausikanft m geben. Lvandwddie mastur- 
batorische Akte werden vollkommen in Abrede .gestellt Die Mutler sagt: ,«Sie ist noch 
sehr unschuldig." 

VI. Abstammung und Kindheit: 

Da man in Fällen ähnlicher Art dem degenerativen Faktor eine Be - 
deutung zugeschrieben hat, sei darauf hingewiesen, daß D.8 Vater in 
frflheien Jahren als Maurer sehr viel alkoholische Getränke zu sich ge- 
nommen hat. Die Mutter, welche einen sehr blutarmen und schwächlichen Eindruck 
macht, gibt an, „unterleibskrank" zu sein. Bertha ist die einzige Über- 
lebende von 11 Gescbwistern; 10 verstaiben kldn an ,Jiebensschiriche'*. 
Dagegen sind die Geschwister der Mutter — ebenfalls sieben an der Zahl — Tflllic 
gpsiind; auch der Vater hat fünf gec^inf^p Geschwister, 3 Brüder, die wie er an der 
Front sind imd zwei Schwestern. Von Kinderkrankheiten hat Bertha nur zweimal 
Dipbtheritis durehfl«Diadit, Mit einem Jahre lernte sie gdben und sprechen. SUt war 
^s Kind sehr ängstlieb und scheu. An Kinderfehlem litt sie nicht. Sie bevorzugt« 
weibliche Kinderspiele, vor allem auch Puppenspiele und weibliche Handarbeiten wie 
Sticken und StrickeiL In der Schule war sie gut; besonders beanlagt war sie für 



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L Kapitel: Hermaphroditismua 



57 



Rehmen imd Gesehicbte. ^6 ainst gwn, besondwi Kixdieii- und Mit neuetw Zdt 
auch KrieRslieder. Der SM mmwecliad trat Bdt 19 Iahten da; gkiehzdtig wudneii 
ibr die Bart- und Scha mhaa re. 

Zusammenfassung. 

JL Yollkommen minnlieh geartet riaAi Bartwudit, KdrpeAefaaanmg, 
Fiflwä» Stiinme, in negativer Bezi^ung besonders die BrQste. 

Mehr männlich sind : 'l'enis. Gesichtsausdnirk, Becken, Bewegungen. 

Von männlichen Geschlechtszeichen sind nicht nachweisbar: Testes, Skrotum, 
FMMlata, Qakidatfon. 

B. Weiblich geartet sintl: Die Labia majora. 
Mehr weiblich sind : Harnröhre und Scheide. 

Von weibUchen Geschlechtszeichen sind nicht nachweisbar: Ovarien, Uterus, 
Mben, Menstruation. 

C. Alle übrigen k ö rperlicheii und seelischen Geschlechts- 
merkmale sindgemiseht 

O. Überhanpt nicht vorhanden, also weder ni>nnlicii noeh «dUieh, ist der 
Geschlechtstrieb. Audi fdilt bisher eb deotUeh nianUdies oder weüilidies Ge- 
•eidechtsbewußtsein. 

Welche Folgerungen sind hinsichtlich der Geschlechtszugehörigkeit aus diesen 
PMndssen sni stehen? 

Ein generativer Geschlechlsdrüsenanteil ist weder organisch noch funktionell 
feststellbar. Dagegen muß entsprechend dem Prlvalicr'^n männlicher Geschlechts- 
charaktere der innere Chemismus überwiegend manuiich sein. Es muB eine 
Bitnnliche Pubert&tsdrttse mit männlicher in'nensekretion 
arfTPTiniT. men werden. Da weibliche Geschlechtszeichen demgegenüber völlig 
zurücktreten, ist die bisherige Bertha IX dem männlichen Geschlecht zuzuzählen. 
Dementsprechend ist ihr GeseUeeht im Standesregister in männlich, fta Name Bertha, 
ihrem Wunsche gemäß, in Berthold umzuschreiben. Kleidung, Haartracht und Aus- 
weispapiere sind entsprechend abzuändern. Ihr Verlangen, nochmals als 
Knabe getauft und eingesegnet zu werden, erscheint begründet. 

Die Behörde entsprach aiieli der in. dem letzten Gutachten auf- 
£feetellten Forderung. Muß diese Lösiing vom praktischen Ge- 
aiehtspunkt bei den zur Zeit herrschenden Anschauung^en als die rich- 
tige erscheinen, so wollen wir tob doch sieht verholen, daß sie, 
tfaeore tisch genommen» den Tatsachen insofern nicht Bech- 
Bung trägt, als mangels auffindbarer Geschlechtsdrüsen im vor- 
liegenden Fall weder das männliche noch das weibliche Geschlecht 
als völlig- sichergestellt gelten kann. 

Aüch in dem folerenden Fall konnten bei wiederholten Unter- 
suchungen mit iUisifrAinchneten Fachärzten weder Testes und 
Prostata, nochOvariuni und Uterus nachgewiesen werden. Praktisch 
bietet er das höchste Interesse, weil er die Frage nahelegt, ob nicht 
in vielen E&llen, in denen Franen sich zum Kriegsdienste drängten, 
Stonmgen der inneren Sekretion vorgelegen haben mogem, beispiel»- 
weifie bei der Jungfrau von Orleans, von deren überaus enger Seheide 
in alten Codices wiederholt die Rede ist. 

Im Frühjahr 1917 suchte noich die jetzt 21jähnRe Karola Hefner auf. Sie 
hatte sich, da sie der sicheren Überzeugung ist, daß sie dem männlichen Geschleciit 
anfdiftrt und dsn brennendsn Wunseh hat, Scidat sn waidsn, jelsl» majoienii ts- 
worden, zum Militär gemeldet, nachdem eine diesbezügliche Meldung, die bereits zu 
£zi«88be£ina abgegeben wurde» abschiflgig beschieden worden war., Von dem untar- 



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58 



I. Kapitel: Hemiaphroditismus 



suehenden Henn Garnitonarst mr de zwe^ BpenalinEffiehflr Bccuiaehtimr 

an mich gewiesen worden. 

Ich habe längere Zeit hindurch in Gemeinschaft mit nnoinera KoUepen Hodann 
Karola H. beobaditet. Wir kamen bezüglicli ihres körperlichen und seelischen Zu- 
standes ta folgendem Ersdniia: 

K. H. ist am 4 6. 96 in Neukölhi als das dritte Kind des Schuhmachers Paul II. 
und seiner Ehefrau Anna geb. Müller geboren. Die Greburt soll normal verlaufen sein, 
betreffs der geschlechtlichen Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht bestanden damal» 
j keine Zweifel. Jedoch schon in'frOher Kindh^eit sollen eich die Leute Uber 
sie aufgehalten haben, da sie einen nabenhaftcn Charakter zur Schau trup. 
Der Patirntin war das Gerede der Leute sehr unangenehm, doch begann sie sich sehr 
bald der Berechtigung dieser Redereien bewußt zu werden; sie will schon seit der 
Kindheit «bie tiefe Stimme gehabt haben; sie frag steh auch adion danuils mit dem 
sicheren Gefühl: „Ich hin kein Mädchen." Ob «;ie ein Junge sei, ist ihr jedf>ch d-mrila 
hoch nicht vöIHk klar gewesen, sie hat angeblich nur verspürt, „daß etwas nicht in' 
Ordnung sei". Dementsprechend blieb sie viel für sich; wenn sie mit anderen 
KIndem spielte» waren es stets Jungen. Sie fühlte lieb aber diesen gegenflber durch, 
ihre Kleidung bnliirdert und empfand infolgedessen oft eine Zurücksetzung. Dies- 
steigerte ihre Zurückgezogenheit in späteren Jahren. In der Schule kam ihr die Klar- 
heit darüber, daß ihre Entwicklung eine völlig knabenhafte sei. Sie hat nie einen- 
Xnix gemacht, stets nach Knabenart mit dem Kopf grad^ und aich leicht verw 
beugt. Sie hat in dieser Zeit mit großer Begeisterung an allen Knabenprflgelcif n teil- 
genommen und zumeist tlber die Gespielen den Sieg davongetragen. Viel Gedanken 
Ober ihre Knabenhaftigkeit machte sie sieh nicht. Gelegentlich einer Magenunter« 
Buchung fragte sie einmal nebenbei einen Arzt. Sie empfand das Auftreten nAnnlicher 
.Merkmale im Laufe der Entwicklung als Selbstverständlichkeiten, überhaupt ist die- 
schon sehr frtih auftretende Sicherheit über ihre Geschlecbts- 
zugehörigkeit bemerkenswert, was bei derartigen Fällen in dieser Eindeuti^eit 
keineswegs immer zu beobachten ist Nach der Konfirmation ging K. H. für drei Jahre 
als Hausmädchen zu den Wirtsleutcn ihrer Eltern in Dienst, die über ihrf n Zustand 
unterrichtet waren. Man wunderte sich jedoch in dieser Zeit oft über iiire auffallende 
Geschicklichkeit bei männlichen Arbeiten, wie beim Klempnern und Tischlern. Die 
Hausarbeit naschte sie „so hin", fQfalte sich aber selir unbefriedigt davon; nach 
3 Jahren verließ sie den Dienst, um von da ab bis jetzt ohniD besonderen Beruf im 
Hause ihrer Eltern zu leben. Anfang des Krieges meldete sie sich zum. 
MiHtir, da ne durdi die Auskunft einer Hebamme, die sie mit 17 Jahren koa- 
aultiert hatte, in ihrer Sidierheit, männlich zu sein, nur nodi bestärkt worden war« 
um „raus zu kommen", und weil es sie der verständnislosen häuslichen rmgrbunjf 
gegenüber drängte, ihre Männlichkeit zu beweisen, ihr Wunsch nach männ- 
licher Tätigkeit und demzufolge nach einer Umwandlung, was Namensfahrung„ 
Kleidung und Lehen^^weise anbetrifft, ist auBerord entlieh rege und wird nüt 
starkem^ zielbewußtem Willen vertreten. 

Bezüglich des körperlichen und seelischen Befundes, unter besonderer Bertlck« 
sichtigung der sexuellen Merkmale, konnten wir folgendes feststellen: 

I. Äußere Geschlechtsteile: Bei geschlossenen B^en macht die Scham- 

gcgend einen weiblichen Eindruck, abgesehen von der Sdmmbehaarung, die stark ent- 
wickelt ist und nicht nbsolu» mit der Querfalte des Möns veneris abschneidet, wie es 
dem rein «eiblichen i ypus entsprechen würde, sondern diese Falte überschreitet und, 
wenn auch spärlich, in Dreiecksform längs der Linea alba hinaufzi^t. 

Bei gespreizten Beinen dagegen gewinnt man ein völlig anderes Bild. An Stelki- 
der Klitoris zeigt sich ein rieht völlig abhebbarer, infolge einer tiefen Hypospadie an 
der Unterlage weitgehend iixierter Penis, der in nicht erigiertem Zustand b,7 cm l^ng 
ist Die Glans penis, der Sutcus glandis und das Pneputium sind nonnal auagd^Uet 
An der Stelle, wo sich normalerweise beim Manne die Harnröhren Öffnung befindet, 
zeigt sich entsprechend der Fossa naviculahs eine punktförmige Einziehung, von der 



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1. Kapitel: Hermaphroditismus 



tns kein Gau« In die Tiefe fflhrt, äagegm veiiftuft olierfUfilükh längs der ünteneite 

des Penis ein nässender rötlicher Schleimhautstreifen, der an der 
üe&tf'n Stelle der Radix penis auf das hierher verlästerte Orificivim urethrae trifft. 

Aul beiden Seiten des Scbleimhautstreifens sind entsprechend den großen Labien 
der Weiber eUmic geftdtete, pismentterte, aber leere SkrotalwOlste sidifbar, dSe normale 
Behaarung aufweisen. Sie lungreifen nach Art der großen Labien die Hadix pcnis, 
jHoch Triebt vollständig. Das Skrotum ist in der Raphe gespalten, die Skrolalsäcke 
sind leer. Eine Tunica vaginalis läßt sich mit Sicherheit nicht palpieren. 

Der äußere Leistenring ist beiderseits voHkommen geschlossen und somit für 
den Finger undurchgängig. Der Damm ist normal gebildet, ebenso der After. Men- 
struation ist nie vorerekommen, desgleichen keine ihr entsprechenden 
psychischen Erscheinungen. Der Harn kanXL von K. H. nur im Sitzen, nach Art der 
Weiba; gelassen werden. Er entlenrt sich ans dem beschrid>enengprifieium Urethra» 
atemmn. • ' 

II. Innere Gesch1echlsc-i?nne: Die interne Untersuchung per anum, 
die mit Stabsarzt Dr. S t a b e 1 vorgenommen wurde, ergab lolgendcn Befund : Man 
fühlt längs der vorderen Bektalwand keine Spur von Uteras, desgläcfaen nichts» wv 
mit Sicherheit auf Tuben und Ovarien zu schließen berechtigte; Hnks am Rektum 
fühlt man 3 kleine, mit Schleimhaut bedeckte Knötchen harter Konsistenz, die näher 
zu identifizieren nicht gelingt Hoden, Samenblasen oder Ductus deferentes nicht 
faststollbsr« desgleichen keine normale PMStata. 

m. Körperbefund im allgemeinen: K. IL ist jetzt mit Sl JahteH' 

134,7 cm groß (angeblich seit dem 9. Jahre nicht mehr pewachaen). 
Sie wiegt 80 Pfund. Die ganze Statur macht einen durchaus männlichen Eindruck. 
Die Haut ist fest, straff gespannt und an den meisten Stellen aufbdlend stark pig- 
menticrt. Nach der Ilautfarbcntafel von v. I.uschan ergeben sich für die Stimhanti 
Nr. 21, Innenseite des Unterarmes Nr. 7, Bauchdecken Nr.. 10—12 als Werte. Das 
Fettpolster ist mäßig entwickelt Die Muskulatur ist sehr kräftig, die 
ein»dnen Mudcdgruroeii setiea sieh deutlieh ab. Der Knodienbatt ist krftfUg. Der 
Koiif wie der Gessehtsausdrack ist ausgesprochen viiil. 

Das Becken zeigt einen virilen Charakter. Die Distanlia iliaca mißt 21,5, die 
Distantia spinata ebenfalls 21,5; die Distantia trochanteiica 26,5 gegen 30,2 Akromial- 
hreite, was wiederum ^ ausgesprochen minnliches Zeichen ist, da bei Weibern die- 
Hüftbreite grSfler za sdn pflegt als die Schulteibreite. IHe GonjUgata* externa er- 
reicht 17,5. 

Die Behaarung: Das Kopfhaar ist schwarz, fettig und strähnig, reicht bis 
zur Mitte der Lendenwirbelsäulc. Die Oberlippe zeigt etwas Flaumhaar, das Gesicht 
ist rasiert, die Brauen sind gut entwickelt, schwar& Die Arme zeigen männlichen 
Behaarungstypns in auspesprochener Weise. Die Achselhaare sind schwach 
entwickelt Die Scbamhaare sind oben bescbridaen. Die Behaarung der Beine zeigt 
ebenfalls m&nnhchen Typus. 

Die BrOste shnd ausgesproeh«! mtnnlich, die Warzoi in mftnididier Weise- 

atrophisch, keinerlei Drüsenkürper zu ffihten; dagegen Starke Entwicklung der Pekto- 
lales, darüber mäßif; starkes Fettpolster. 

Der Kehlkopf springt nicht vor, jedoclx besteht m&nnlich-tie:f e Stimme. Pal- 
jwliiMi »aigt widtrstandsfähiga Knorpelmassen. , 

Q^esamteindruck: Der Thorax M gnt gewölbt, die honeren Organ^e ohne' 

Besonderheiten, abgesehen von der 9c^i'r!drüse, deren rechter Lappen etwas ver- 
größert erscheint. Dies läßt auf Anomalien im System der innersekretorischen« 
Drüsen — vielleicht im Zusanomenhang mit der Anomalie der GesehleditsdrOsen — 
.schließen, was auch in der abnorm dunkel f ölen Haut, sowie in basedowoiden 
Symptomen zum Ausdruck gelangt, wie dem Exophthalmus, den maximal weiten» 
Pupillen und dem positiven Stellwagschen Syroptonv d^ sich beobachten lassen. 



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^ . I. Kapitel: Hermaphrodiüsmua 



DesffUiehen läBt das gehemmte Wachstum sowie die Pro- 
portionen der Arme sa den Beinmassen (Anne imverhäUDismäDlK lang^ 
auf Normabweichungen im System der innersekretorisciien 
Drüsen schließen. 

Abgesehen yon diesen Anomalien und den Ifinrfldimgtn im Bereich der Oenttal- 
eigaae macht der Körper einen durchaus männlichen Eindruck. Auch die Be 
wegungen sind durchaus männliche, desgleichen läBt der kräftige Händedruck auf 
männUche Geschiechtszugehörigkeit erkennen^ Patient ist uisprOnglich Links- 
h&nder, aber gewohnheHsmUUg veitgehend cor Reehtshtndigkeit enogen woxden. 

IV. Psychischer Befund: Das Ergebnis der körpsHiehea Untefsnebniig 
Hird durch den seelischen Status in jeder Hinsicht bestätigt. 

Die Psyche ist so ausgesprochen männlich, wie man es selten in Faiien ruciii 
ganz eindeutiger GeschlechtdwsUmmnngi findet Auffallend dabei Ist, wie bereits er- 
wähnt, dafi schon In früher Jugend bei der Patientin keine wesentlichen Zweifel an 
ihrer Geschiechtszugehörigkeit bestanden und alles, was andere Patienten m ähnlicher 
Lage peinlich oder wenigstens auffallend finden, ihr nur wohltuende und ihre Sicher- 
heit stiikende Bestitigungea des von ihr lingst Geglaubten oder Oewufiten bedeuteten. 

Der Wille ist zielsicher und stark. Patientin hat trotz der hSuslichcn 
Widerstände ihre Angelegenheiten selbst in die Hand genommen und entschlossen, 
ihren Willen unter allen Umständen durchzusetzen. Auch ihre Meldung zum 
Heeresdienst ist ein Indizium fflr diese durehave viril su 
wertende Entschlossenheit, desgleichen die Angabe, daß sie in einem 
Liebesverhältnis niemals zu einem Menschen neigen würde, der ihr etwas TOrschreiben 
woUte : Sie müsse der,4iefin^Hau8e" sein und bieiljen. 

Insgesamt zeigt die Psyche keinerlei Anomalien. Auch keine, wie cbentells 
bereits angedeutet, periodenmäßigen Reizerscheinungen, wie sie im arRcmpinrn 
die Menstniationola^p 6er Weiber ^■^ii begleiten pflegen. Sie ist rin ■ — wolü mil durch 
das Milieu und ihre erzwungene Zuruckgezogenheit — * stiller, aber ireundlicher Mensch. 
Im Verkehr mit Kameraden bestimmt und krindsfolls e fiHfihti|^f*g «heiMTffgT Im Gegen- 
teil zeigt sie rin auffallend scharfes Urteil und zeichnet sich durch eine recht he- 
merkensveertu Iiilcllifenz sowie selbständiges Denken in jeder Umsicht aus, wenn sie 
aucii m liircn ächuiluis Lungen iLcine Erioige auizuweisen halte.. Vieiieichi ist dies 
wesentlich durch die äußere Lage unter If tddien, in der sie sieh nicht wohl und 
zugehörig fühl-^n konnte, zu erklären,. Bezeichnend für ihre panzc Konstitution ist 
auch, daß sie im freundschaftlichen Verkehr nur mit männlichen Freunden, veikelirl. 
^as Gequatsche mit die Weiber interessiert mich uicht, sagt 
pie im unveifUscMen Beztinv Volkston. 

Sie hat eine Abneigung gef^en Schmuck, liebt, da sie zu ihrem Leidwesen noch 
gezw\mgen ist, Frauenkleidung zu tragen, eng anliegende xind einfache Kleider. Der 
Tascheninhalt besteht zumeist aus Geld, Messer und Feuerzeug. Sie rauchigem« 
trinkt sehr wenig. Abenteuerlust bestellt nicht, jedoch ein nwt TJntemehmungsgeisL 
Jedenfalls keinerlei depressiv zu deutende Erscheinungen ; ist sich ihrer Sache in 
jeder Hinsicht sicher, macht sich um die Zukunft keinerlei Sorge. Ihre Antworten er- 
folgen prompt. Wenn es ihr nicht glückt, Soldat zu werden, so 
will sie Jockey werden, weil sie nach ihrem Körperbau und dem leichten 
Gewicht, verbunden mit stailcer lludculatur und Widerstandsffthigkflit, dasn eahr 
geeignet erscheint. 

V. Geschlechtstrieb: Den Beginn der geschlechtlichen Reife verlegt Patien- 
tin ins 12. Lebensjahr. Menstruation war nie voihand«D, dagegen Folhitionen unter 

Erektion des Gliedes nach erotischen Träumen. Bartwuchs seit dem 18. Jahr. Be- ^ 
dauert, daß sie sich, da sie als Frau leben muß noch keinen Bart kann stehen lassen. 
Dem weiblichen Geschlecht gegenüber früher belangen — was sich aber angeblich nur 
auf die Behinderung faifolge der üifieren Verhältnisse surOekfOhren liBt, da sie aeübet 
Kleider trage. Im übrigen verfügt sie über reges sexuelles Bedürfnis ynd ist ^mw^i - 
wegs von sexueller Schüchternheit oder Hypochondrie heimgesucht 



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61 



Der Trieb war stets mit seinem BewuBlwerden niiTerändert 

aufdas^eiMich - Geschlecht gerichtet Geschlechts verkehr hat 

d«mentsprrchend stattgefunden. 

ZusammeofassuDg: Es handelt sich um einen Fall von Heimaphroditif* 
um» he r rorgi nif en dmtih ^e hochgradige Hypospaditf und beldenätigeii KrTvtordüs- 

Bm nut Sdcundäratrophie der Geschlechtsdrüsen. 

FQr die männliche Geschlechtszugehörigkoit sprechen ein- 
d«iUg die seelische Beschaffenheit der Patientin, der Körperbau, der Typua der Be- 
InsniDg (Bartwnebs, Fttbec Extremftftienbehaaruns), die Bitlst% die Bei^enUldoiis, 
i» iit der Bewegung, dte S&BnaäiBämg, det tistk «itwidtelte Geschlechtstrieb. 

für einp weibliche fTrschlpclitszugehörigkeit ließen sich 
allenfalls die Haariänge der Patientin anführen, sowie das Hinaufreichen der Skrotal- 
wQlste über die Badis penis. Die Art des Urinierens ist mechanisch durch die Hypo- 
«ifie bedingt und nicht als Qiafskteristikum zu werten. 

Nicht nachweisbar sind Testes, Samcnblasen, Samenleiter, ebensowenig aber sind 
irgendwelche Anzeichen für das Vorhandensein der inneren weiblichen Genitalien vor- 
handen. Dagegen soU Erektionsf&higkeit und Eiakulationsfähigkeit bestehen. 

Zusammenfassoid Ufit sich also sagen» da£ bd E. H. dn eindeutiges Torwiegen 
männlicher Geschlechtscharaktere voriiegt und dsB infolgedessen auf männ- 
liches Geschlecht zu erkennen ist. 

Aus diesem Qrunde ist der Antrag der Patientin zu unterstutzen, daß im Namen- 
ngWer Karola in Karl ungewandelt wird, daB de die Erlaubnis erhftit, Mftnnes- 
klddung zu tragen und ihre Lebensweise der männlichen entsprechend einzurichten, 
achlieBUch, daß nach Maßgabe der zirsfrindign Stellen ihre Meldung zum 
Heeres di en st berücksichtigt wird, da nichts dagegen spricht, 
M sie den im Heeresdienst gestellten Erfordernissen nicht 
gewachsen sein könnte. 

Allerdings wäre es wünschen^rwert. daß sie im Falle ihrer Einstellung von der 
gememsciialtiichen Genitaluntersuchung befreit bliebe, damit gegenüber den Kame- 
nden der Patientin im Hinbli«^ auf ihre etwas sbweiehende Kflmerbescbaffenheit 
kdiie Iteannelindiddceiten entstehen. 

Wie bereehtiirt dieser Hinweis ist, seigt das Schicksal des folgen* 
den Hennaphxodiien, der knize Zeit nach seiner GescUechtsberich- 
tignng Soldat wurde. Dai man jedooh weder beim Baden, noch bei 
körperlichen Untersnchungen anf seine Anomalie die geringste 
Röcksicht nahm, verfiel er durch diose crröhliohe Verletzung spines 
Schamgefülils in ein*? tiefe DcproFßion, die ihn dem Selbstmord nahe 
brachte. Der Fall ist auch not h in weiterer Beziehung sehr beachtens- 
wert. Die Pers<^)n hatte nainlifli aus freien Stücken ihre TJmkleidung 
als Dame vorgenonmien, sieh die Haare kurz schneiden lassen mid 
die ihr verhaßte Praucntraeht verbrannt. Die Eltern erklärten sich 
schließlich wohl oder übel damit einverstanden, nicht so die Behörde, 
ihie üngelegenheiten wurden noeh vermehrt, als der von der Polizei 
um seine Meinung ersuchte Kreisarzt den eigenmächtigen Schritt 
der B. für nicht berechtigt erklärte. Wie sehr war doch in dieser 
Hinsicht das alte preußische Landrecht aus Friederizianischer Zeit 
dem jetzt gültigen Gesetz oder richtiger der jetzigen Gesetzlosigkeit 
überlegen. 

In dem neuen BürgTrlichen Gresetzbuch für das Dcut^sche Kelch, 
welches am 1. Januar 1900 in Kraft getreten ist, sind nämlich die 



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Bestuomimgeii in Wegfall gekommen, wekhe sieh im alten all- 
gemeinen Landreeht für die Preafiiflehen Staaten (das eeit 1. Juni 
1794 Qültigkeit hatte) über Personen zweifelhaften GeaohleehtB be- 
fanden. 

Die ^§ 1^23 des alten preiifiisehen Landrechts lauteten: 
^ 19. Wenn Zwitter geboren weiden^ so bestimmen die ElterUt sm 

wclehom Geschlecht sie erzogen weiden sollen. 
4 20. Jedoch steht einem solchen Menschen nach zurückgrolecrtem 

18. Jahre die Wahl frei» zn welchem Geschlecht er sich halten 

wolle. 

^ 21. Nach dieser Wahl werden seine Rechte künftig beurteilt. 
^ 22. Sind aber Rechte eines Britten von dem Geschlecht eines ver- 
meintlichen Zwitters abhängig, kann ersterer auf ünter- 
anchnng durch Baehverständige beantragen. 
% 28. Der Befand der Saehverständigen entscheidet anoh gegen die 
Wahl des Zwitters nnd seiner Eltern. 
Dieser Abschnitt wnrde im neuen Bürgerlichen Gesetzbnch 
gänzlich eliminiert mit der Begründnng, daß die Annahme der 
Existenz menschlicher Zwitter sich wissenschaftlich als ein Irrtum 
erwiesen hätte. Knnm drei Jahre waren nach dorn Fortfall dieser 
Bestimmungen vcr^;?njüren, als zum ersten Male auch i'nr don Men- 
schen mit absoluter Sicherheit Fälle echten Zwittertums, also 
Hoden- und Eiei^tocksgewebe bei ein und derselben Person fest- 
gestellt wurden. 

Der Unterzeichnete ist aufgefordert worden« tlber die Gescblechtszugehö- 
ligkeit des am 8. ISL 1899 zu Berlm geborenen Kindes des Restaurateura Max Bitter 

vnd seiner Ehefrau Ursula, ein Gutachten abzugeben. Veranlaßt wurde dieses Gut- 
achten dadurch, daß die bis zum 5. 3. d. J. als Mädchen lebende Margarete Hitter 
über ihre Zurechnung zum weiblichen Geschlecht immer 
niedergedrackter wurde. Sie Terliefi seit bald 12 Monaten 
nichimslirdasHaus, fühlt« sieh tief u ngl ücklich und war ent- 
schlossen, „aus dem Leben zu scheid on". wenn es ihr nicht endlich 
gestattet würde, als Mann weiterzuleben. Ganz besonders hatte sich dieses Verlangen 
▼erst&Tkt, seit sie im Toiivm Sommer auf einer Eriiotuntsreise im Riesengebirge 
vorübergehend an der böhmischen Grenis festi^iQOimen wurde, weil man sie fälsch- 
licherweise für einen Spion in Frauenkleidung hielt. Schließlich gaben die 
Eltern dem stürmischen Drängen ihres Kindes nach; sie legte männliche Kleidung an, 
tteß äch die langen Haare absdmeiden und nach männlicher Art stutzen und Ter> 
tauschte ihren Vornamen Margarete mit Max. Der junge Ititter fühlte sieh wie JVt^ 
wandelt, war mit einem Schlage, wie die Mutter sich ausdrückte, „ein ganz 
anderer Mensch"« und alles wäre in bester Ordnung gewesen, wenn nun nicht 
noch die Einwilligung der Behörde und die Umschreibung im standesamtlichen R^ister 
erforderlich gewesen wäre. Es wurde zu diesem Zweck von der l! i^r ng in Pcladam 
ein kreisärztliches Attest gefordert. Dieses lautete nun aber d itm, r. C der weibliche 
Anteil an der Geschlechtsbildung überwiege, die Beckenbildung sei eine weibliche, auch 
der Gesiehtsausdrudc und ebenso die Sprache seien weiblicher Natur« dicl^ grofien weib- 
lichen Schamlippen seien vorhanden, nur münde die Harnröhre in der Scheide, die 
Schamhaare umgeben die Geschlechtsteile kreisförmig. Die Klitoris sei zwar ziemlich 
.groß und erinnere an einen Penis; auch befände sich in der rechten Schanüipp« i^n 



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I. Kapitel: Uermaphrodiüämus 



63 



Verachieblichcs Gebilde, welches ala Hbde ansesprochen werden könnte. Brüste seien 
nicbl vorhanden. Da mithin, im ganzen genommen, die» weibliche Gesohkditsbildung 
im Übergewicht sei, sähe sich der Kreisarzt mcht in der Lage, zu entscheiden, ob 
Frftulflin R. bereditigt ad, in Zukunft einen m&nnliehen Namen m fahren. R. gibt 
an, daß er bei der Untersuchung nach seinen seelischen Neigungen und Eigenschaften, 
sowie nach seinen sexuellen Empfindungen nicht gefragt worden wäre. Das 
kreisärztliche Attest stand im Widerspruch mit einem vorher von Saniiatsrat Dr. S c h. , 
in Qiailoilanbunr auegestellten, das kun und bOndig lautete: 

„Frftttlein Maiirarete Rittet, geb. 8. 12. 99, wurde heute ärztlich untersucht 
Ich konstafierle, daß sio m^innlichen Geschlechts ist. Der rechte Hoden ist entwickelt 
in dem zur Hälfte vorhandenen Hodensack. Das mäimliche Glied ist vollständig ent- 
iviekelt. Die Blasenölfoun« ist am Damm und tftüsdii SdieidenAHnunc tot. läne 
Gebärmutter ist nicht vorhanden. Idk besdkeinige bienmt, daß das angebliche 
Frilulc'in Ritter ein Mann ist." 

Um die durch die beiden Altestu uichl. beseitigten Zweifel, Widersprüche und 
Badenkan zu Maen, wurde ich nun mit Rfksksicfat auf die spezielle Erfahrung, dk ich 
im Laufe vieler Jahre auf dorn vorliotrenden Gebiet gesammelt habe, au^eiordert, audi 
meine Sachverständigenmeinujig zu äußern. \ 

Zu diesem Zweck seien, um über die Geschlechtszugehöhgkeit des Expioranten 
ein aünddiefiende^ Urteil zu fällen, zunächst die Gesehlecbtsleil^ dann di« tthrigen 

Vurporliclien Geschlechtsmerkmale, dann auch der Geschlechtstridi und die dbrigen 
seelischen Geschlecht.scharaktere einer Prüfung unterzogen. 

Über die Abstammung R.s ist zu bemerken, daß sie von gesunden Eltern 
stammt; eins mir bekannte Schwester von 3i hiaeiä lebt und ist gesund, zwri Ge- 
schwister starben. Er wurde in Steifilage geboren. Es war eine schwere Ent- 
bindung, wie überhaupt von den vier Entbindungen der Frau R. drei 
■abnorme Lage zeigte«, nur das älteste Kind wurde in Kopflage geboren, das 
zweite befand sich in Quer-, das dritte in SteiB-, das vierte in FÖfilage. Die Mutter 
der Muller hallu 13 Kinder. Frau R. erinni'rl sich, daß sich nacli der Geburt des 
Kindts der .Arzt und die Hebamme besprachen und dann entschieden, das Kind sei 
ein Mädchen, wenn auch niciil völlig normal gebaut So wurde denn das Kind als 
Mädchen aui^ezogen, besuchte bis zum 15. Jahr die Mädchenschule und wurde auch 
als Mädchen in der Kaiser-Wilhelm-Gedächlniskirche konfirmiert. Kinderkrankheiten 
machte sie nicht durch, nur schielte sie, was eine Augeuopeiation erforderlich 
. maebte, nnd hatte vom lOi bis 18. Jahr viel Kopfsehmerzen. Das Kind entwickdte 
sich gesundheitlich gut, kam jedoch im Laufe des letzten Jahres, wo es wegen seines 
seehsrhen Zwiespalts niclil mehr das Haus verließ, sehr herunter. Seitdem er „um- 
gewandelt" ist und weiß, dal3 er nicht mehr auffäili, macht er tägUch weite Spazier- 
gänge und hat sich schon gut eniolL Die erste und zweite Zahnung gingen normal 
vonstalten. 

Die eingehende Lntersuchunf crfribf zur Zeit folgenden Befund: 

. a) Geschlechtsorgane: Es findet sich bei R. ein Geschlechtshöcker von 
dar GrOBe und Dicke eines mittleren Daumens. Derselbe zeigt eine deutlich abgesetzte 

Eichel; über dem Sulcus coronarius bemerkt man eine schnittartige Furche. Dieses 
GUed ist nicht durchbohrt, zeigt aber in der Mitte der unteren Fläclie eine offene 
Rinne, die von der Kichelspitze nach dem. Damm zu zwischen den beiden Scham- 
wnisten verläuft Das Glied ist erektil, abends im Bett wird es oft fest und hart Die 
Hamröhrenrinne mündet in einer Mulde, in welcher sie unmittelbar in die Ilarrrühie 
Obergeht. Von den beiden Wülsten, deren Haut qucrgerunzelt und behaart ist, , 
ist der Unke leer, der rechte zeigt ein bewegUches Gebilde von der l'orm und Grüße 
eines Hodens. Bei der Rektahmtersuchung ist kein Körper, der als Uterus oder 
Prostata gedeutet werden könnte, fühlbar. 

Der Ausscheidun???eruch des. Genitalapparates ist männlich, der 
Behaarungstypuü dagegen triangulär. 



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64 



I. Kapitel: Hermaphroditismus 



b) Die flbriffen körperlichen Getebleehtsme rkmal e zeige» 

ein vollkommen männliches Gcprflge. R. i^t 1 .f^P m groß, wiegt 120 Pfd., Muskeln 
sind kräftig, er konnte mit Leichtigkeit 12 Klimmzüge niachen, das Heiecb 
fühlt sich fest an, Fettpolster ist gering, die Schritte sind groQ und fest Seit früher 
Jugend pfeift er sem. Die Haut zeigt nemUch liel Aknepusteln. Das Haupthaar steht 
dicht und fühlt sich hart an T'nterarm und Bein sind stark behaart, 
Seit kurzem wird aucli ein Bartflaum sichtbar. Die Gefäßerregbar- 
keit ist gering. Er errötet sehr selten. Schmerzen werden gut vertragen. H&nde und 
FOBe sind ▼eAUtnisniifiig groß, so daß er männliche Schuh - und Hand- 
schuhnuramern (il ,G und 7^/,) trägt. Seine Handschrift ist sehr deutlich, zeigt 
kräf{;":e Abstriche und wurde von einem über den Fall ununterricbteten Schreihfwrh- 
verstandigen mann lieh genannt. Er ist rechtshändig. 

Die Hotten sind im längsten Dviehmesser etwas weniger breit wie din 
Schultern. Die Bni^^te sind platf . Brustwarzen klein; es besteht keine Spur eines 
weiblichen Brustdrüsenkörpers. Ohren sind mittelgroß, Blick ist fest» 
das Auge ist ein wenig träumerisch. Hinsichtlich des Gerndis besteht eine Ab- 
neigung gegen ParfOma, hinsichtlich des Geschmacks eine YorUebe für staric 
gewfirzte Speisen. Den Gesichtsausdruck zeigt die beigefügte Photographie. Ich 
halte ihn im Gegensatz zu der Auffassung des Kreisarztes mehr für mannlich ai» 
weiblich, doch lehrt die Erfahrung, daß in dieser Hinsicht die Auffa^ningen vidfaeh 
divergieren. Der Kehlkopf tritt am Halse deutlich hervor. Die Stimme ist tiefer wm 
ißt weibliche, wenn auch etwas höher wie der männliche DurchschriU 

c) Die geistigen Eigenschaften zeigen in Übereinstimmung mit dena 
körperlichen Befund ein ganz männliches Verhalten. Schon als Kind wollte 
„Grete" nichts von Ifädehenspiden, Soeben, Pappen, Handaibeiteai Isiasen. Sie be- 
vorzugte Knabenspiele, wünschte sich vor allem Eisenbahnen, Sol- 
daten, Pferd und Wapf n Putz -^.piblichen Zierat und Schmuck mochte sie 
nicht leiden; die Mutter erzahlt, „daß sie furchtbar viel Wäsche (Unteriaillen, weib- 
liehe Hemden) aerriaaen hat^; auch das Kornett ging immer raaeb Mkaput", er gab 
•nichts auf seine weiblichen Kleid nr, ?nh nicht in den Sri' r '1 und 
ließ andere das Nötige besorgen, jetzt, seitdem er „Mann" ist, kauft er sich 
alles selbst, ist eitel geworden und hält sich so adrett und sauber, wie er es als^ 
Mädchen nicht xuwege brachte. Seine Ihteieaaen nahmen eine gans männliche Eni« 
Wicklung. . fn der Schule war er sehr fleißig und gewissenhaft, saß immer in der 
ersten Reihe ; seine Licblingsfächer in der Schule waren Turnen, Rechnen, Schreiben, 
Naturkunde und Geographie. Für die Wirtschalt hatte er nichts übhg, dagegen lernte 
er ^rOh Billard und Karten spielen, fiel Rollachuh und intere^erte sieh sehr für 
Sport, besonders Rennsport. Schon „als Mädchen von 15 Jahren" 
setzte er auf Pferde, die nach seiner Meinung gewinnen würden. 
Sein Gemüt ist gleichmaßig nihig, er ist verschwiegen, neigt nicht zur Geschwätzigkeit, 
ist aber etwaa mUttrauiadi und prfliend. Er ist sparsam, pünktUdi» wahrheitsliebend' 
und ordentlich. Sein Wille ist stark, er interessiert sich für wissenschaftliche Bücher, 
liest fleißig Zeitungen, verfolgt die Zeitereignisse. Er raucht gern. Im Trinken ist er 
mäßig. R., der die Handelsschule besucht, möchte gern einen kaufmännischen Beruf 
ergreifen; am liebsten Buchhalter oder Korrespondent. Er würde auch gern 
Soldat werden und hfttte auch kein Bedenken in den Krieg zu gehen. ' 
Das einzige, was ihm unangenehm wäre, ist der Umstand, daß er nicht wie andere 
Soldaten austreten könnte, da er infolge der Mündung seiner Harnröhre nur sitzend 
oder hockend Wasser lassen könne; dies müßte den Kameraden auffalten. Er bevor" 
zugt in Farbr und Schnitt nicht auffallende Kleidung. Sein Taacheninhalt besteht au» 
Brieftasche, Feuerzeug und Taschentuch. 

d) Eine sezuell-e Betätigung mit einer zweiten Person hat bei dem im 
17. Jahre befindliehen R. noch nicht stattgefunden, doch wurden getegentüch ona- 
nislische Manipulationen an dem Geschlechtshöcker vorgenommen, bei denen unter 
Vorstellung der Umarmung eines Mädchens ein Orgasmus, aber keine Ejakulation einr> 



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I. Kapitel: Hennaiihroditismua 



65 



IraL Die seelischen Liebesempf in düngen sind deutlich aui das 
veibliehe Oesehleeht g «richte,! Namentlich xa 18- bis SGlfAbilm Hld- 
chen, die, wie er sagt, ^dne schlanke Usiirt dflrlkhe Hftlldfl und Füße, ein hübsches 
Gesicht, hObsche Au?en und vor allem Qppiges, dtmkelbraunes Haal*" haben, fühlt er 
sich binsezogeiL Er möchte gern ihre Bekanntschaft machen und fühlt sich in ihrer 
GcsallBehafl wobL Tor Hamtem schämt er sidi weniger als vor l^rauen. Es ist sein 
Wunsch, sich später einmal zu verheiraten und ein glfickliches 
Eheleben zuführen. Sein Sexualtriebseigtimübrigen keiner- 
leiAbweichung von der Norm und völlig das Verhalten, wie es 
einem Jflngling seines Alters entspriehi 
Wir gelangen zu folgendem SehhiB : 

a) Die Geschlerhlsorgane R.s sind überwiegend männlich; er 
besitzt ein männliches Glied« einen Hoden, keine Gebärmutter, keine Eierstöcke und 
Idne Sdielde. 

b) Die übrigen körperlichen Geschlechtsmerkmale sind 
männlich; vor allem zeigen Körperbehaarunp und Kehlkopf in posithrer« Bnist- 
und Beckenbildung in negativer Beziehung den virilen Typus. 

t) Dss Gr'eschleehttempf ii|dea und der Geoddeehtstrid) ist mftnn- 
lieh; R iQhlt sich geschlechtlich subjektiv als Mann tmd sieht ffie ofagektive Er- 
llnzung seiner Persönlichkeit im Weibe. 

d}Die übrigen seelischen Geschlechtsmerkmale sind männ- 
Hek. Ton Kindheit an bevorzugte er die Sinele und Gewdhnheifen, Beruf und vor 
allem die Tracht m&nnlicher Personen, während er Kleidung, Geschmacksrichtung 
osd Lebensfühninir weihlicher Personen für seine eigene Person ablehnte. 

Hiemach kann es auch nicht mehr dem geringsten Zweifel unterliegen, daß bei 
der froheren Margarete Ritter eine irrtOnUehe Gesehteditsbestinmiimg vorliegt deren 
schleunige Berichtigung im Standesregister ebensoscSir vom Standpunkt der 
Wissenseh ait, als dem der MenschÜcbkeit gefordert verdm nouB. 

Li Tieler "Rf zit Imng ein Seitenstück zu dem leztgescliilderten ist 
der folgende Fall, der namentlich auf peychologischem Gebiet viel 

BeächtenswertfÄ bietet. Bezeichnend ist, wie der Vater, ein Haupt- 
lehrer, sich bemüht, s^'iner Tofhter, die in WirididLkeit ein Sohn 
ist, das jungenhafte Beueiuueu auszutreiben. 

Milte Mai 191G suchte mich Frau Emma Z. aus Berlin mit ihrer 15ial>ri(?en 
Nichte Maria Margarete (bisheriger Rufname Gretchen) auf, die seil einiger 
Zeit bei ihr zn Besuch wdlte. Sie sei, wie sie mir nüttdUe, von der Mutter des 

Kindes schriftlich ersucht worden, durch ärztliche Untersuchung feststellen zu lassen, 
ob ihr Kind ein Knabe oder Mädchen sei. Bis vor einem Tahre hätte sie niemals 
Zweifel gebab^ daß Margarete ein Mädchen sei; Arzt und iiebamme hätten es ja auch 
bd der Geburt als eoiehes angegeben. Vor JahxesMst etwa h&tte ^e aber d as K i n d 
:Tr. Schlaf aufgedeckt gefunden und dabei zu ihrem Schreck eine Entdeckung 
f.'eni irht — vermutlich handelte es sich um nächtliche Erektion — die in ihr Bedenken 
erweciLi hätten, die sie seitdem nicht mehr verlassen hätten. Margarete gab bald 
dmnif der Mutter an, daS sie gdegentliefa „SteUitfceiten*' an ihrem Körper wahr- 
genommen hätte; man crxiflrte ihr, daß es sich da wohl um einen Bruch handelte; 
bti dieser Annahme hätte man sie bisher belassen. Dementsprechend habe man ihr 
eesagl, daß sie wegen der Wahl eines Berufs ärztlich untersucht werden sollte. Herr 
S&mtitsrat Dr. Alesch in Berlin, zu dem sich die Tante zun&clist begab, gab der 
Meinung Ausdruck, daß nach dem Bau r!'-^ nmifrrlien. Margarete wohl ein anormaler 
Knabe sein dürfte, hielt es aber für ratsam, einen Arzt zu Rate zu ziehen, der sich 
speziell mit solchen Fällen beschäftigt hätte. Er wies sie deshalb an mich. Wie die 
Tante berichtet, seheut der Vater, welcher Hauptlehrer in einer 
kleinen schlesischen Ortschaft ist» sehr das Aulsehen, den 
Hiraehfald, SemiBlpBthoiogie. H. 5 



^ I. Kapitel: Hanpaphroditiamus ^ 

f in ptwaiger Geschlechtswechsel des Kindes in den ihm nahe- 
stehenden Kreisen verursachen könne. Aus diesem Grunde hätte er 
die Ängeleseahcit zur Erledigung nach hier überwiesen. Die Mutter schreibt, daß sie 
es nieht hatte Ober sich bringen können» znerat mit. dem Kindä davon ax spredien« 
daß es möglicherweise kein Mädchen sei. Die Erziehung, die ganz auf die eines 
M&dchess zugeschnitten gewesen sei, hätte ihr ott genug Schwierigkeiten gemacht, 
wail das Kind so iungenhait gewesen sei; sie werde froh sein, „wenn rie ilite Natur 
niebt mehr tu Terleugnen braucht". In der Schilderung, die die Tante von Gretchen 
«ntwirft, heißt es: „Sie ist ein gutmütiger Kerl"; sie hat wenig Lust, zu den 
Eltern zurückzukehren. Bei uns kann sie mehr ihren Ndgungen nachgeben. Wir 
sind Besitzer rines Lmrasfuhrwesens, und es ist ihre fröBte Freude, meinem Manne 
behilflich zu sein. Da sie eine große Tierfreundin ist und eine spezielle Vorliebe für 
Pferdf hat, findet sie hier immer Anrecun? sich zu botätipen. Als sie erst weniu*? 
läge hei uns war und wir keine Ahnung von ihrer Korperbeschaifenheit halten, sagte 
mein Mann sdiersend zu ihr: „Hidel, es ist schade, daB dn kein Jungs feist, du 
müßtest Inspektor bei mir werdatu" Sie hatte auch immer den Wunsch, die Land- 
wirtschaft zu lernen. 

Status praesens: Maria Margarete Z. wurde am 27. 5. 1900 zu Sch. als 
S-'^nd des Hauptlehrers Paul Z. und seiner Ehefrau Therese, geb. L., geboren und am 
5. 2. 1910 katholisch getauft. Bei ihrer Geburt war der Vater 37, die Mutter 35 Jahre. 
Beide Eltern leben noch und sind gesund. Die 4 Geschwister, die vor ihr geboren 
wurden, waren Knaben. Daher wünschte sich die Mutter vor ihrer Geburl ein Mädchen, 
nadi ihr wurden nodi S Ifidehen seboren. Sie gibt an, dafi sie kdrperiich und geistig 
mehr der Mutter ähnlich sei, an der sie auch mehr hängt, als an dem sirengeren 
Vater. Dieser hat sie wegen ihres cifrcntömlichcn Wesens und manj^elhaflen Lernens 
oft heftig geschlagen. l£rbliche Belastung ist nicht nachgewiesen, die Lebens- 
weise der Eltern war auch in jeder Blähung mißig; namentüch Ist wsdnr Alkoholis- 
mus, Lucs, noch soDSt ein die Heredit&t im ungCMcen Sinne beeinflussender In- 
stand vorhanden. 

Margarete wuchs im Eltemhause auf, an Kinderkrankheiten und Kinderfehlem 
litt sie kaum. bezflgKdi der Kinderspiele bevorzugte sie Pferde- und Sol- 
datenspiele, war aber auch Mädchenspielen, wie Kochen und Puppen, nicht ab- 
geneigt; aus Handarbeilen machte sie sich weniger, am liebsten waren ihr Kreis- 
spiele, Greifen, Verstecken. Bis in die Reifezeit kam ihr nicht der Gedanke anders 
zu sein als andere Mädchen, immerhin fielen öfter Bemerkungen von Erwachsenen, 
daß an ihr eigentlich ein Junge verdorben sei. Die Frage, ob sie Soldat 
werden möchte, bejaht sie lebhaft unter dem Hinzufügen, »Ava 
Uebstsn Kavallerist". 

Gegra die Mftdchenkleider bestand kein auMdlendw WidmriUen, sie hatte sogar 
»Jiflbsdito Staat" ganz gern, auch war Vorlii^ lOr sflße I^MiBCn vorhanden. Dir 
Wesen war gleichmäßig, ruhig; keinesfalls hätte man sie als nervöses Kind bezeichnen 
können. Sie ist weder eitel, noch ehrgeizig, weder redseUg, noch neugierig. Ihr Ge- 
dächtnis ist leidlieh gut, Hiantasie gering. Körperliche Arbeit Uegt ihr mdir als 
geistige. Bezeichnend ist auch, daß sie sich vor ir.ännlichcn Personen, wie Ärzten, 
ungeniert nackt zeigt, während sie sich vor einer anwesenden 
Krankenschwester sichtlich schämt. Recht bemerkenswert war, wie 
sie bei der ersten Untersuchung mit höchster Spannung das Ergebnis erwartend mit 
der Frage herausstOrzt: ,„Herr Pnlctor, bin ich ein Junge?" Trotzdem sie 
der Entscheidung des Arztes in keiner Weise vorzugreifen suchte, tritt doch aus ihrem 
Verhalten unverkennbar zutage, daB das Geftthl, dem mftnnlidien Geschledit ansu- 
gehören, bei ihr das voiherrschende ist; so berichtet sie, daß sie sich für den Fall, 
daß sie ein junger Mann sei, bereits den Vornamen Günter ausgesucht habe. 

Ein eigentlicher Geschlechtstrieb scheint bisher bei ihr noch nicht vorhanden 
zu sein. Auf vorsichtiges Befragen äußert sie sich dahin, daß sie sich weder zu 



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L Kapitel: Herroaphroditismus Ö7 



m&mlidiea, noch zu weibtiehen Pcnooea texuell bincesogw füiili Auch aiitistiaeM 

ÄndJungen, wie Onanie, Aulomonosexualisnnua, scheinen nicht vorzuliegen. 

Körperlicher Befund, a) Allgemeinzustand: Margarete Z. ist 
tOr ihr Alter sehr groß und stark. Die Körperlänge beträgt 173 cm, das 
«ieht ISO Pfund, die Muskeln sind krftftig, das Fleisch fühlt sich lest an. Ihre Be- 
Trejningen trapcn mehr männlichen Typus, ihr Gang ist gerade, stramm, Schritte fest, 
m Drehen in den Schultern, Haften oder in der Kopfhaltung findet nicht statt 
Besonders die Auf schwutiffbewesvnff en, wie sie sieh bei> 
sptelsweise mit einem schnellenden Ruck auf den Unter- 
aticbunffsstuhl schwingt, oder sich aufs Pferd setzt — sie reitet gern — 
seigen unverkennbar männlichen Charakter. Sie pfeift gern und gut. 
Du Hauptiiaar rtidit Us zu der Hofte. Das dnzelne Ibar fühlt sich hart an. 
Hände und Füße sind groß; die Korperlinien mehr eckig. Die Brüste sind glatt, die 
Brustwarzen verhältnismäßig eckig. Ein Anschwellen der Brüste konnte bei Eintritt 
der Reifezeit — die sich durch das Erscheinen der Pubes kenntlich machte — nicht 
bauiU werden. Ebensowenig trat eine Menstruation auf. Dagegen vertiefte 
sich um diese Zeit rli- Stimmp merklich, was die noch ahnungslose rmi-obnnt? aber 
sieht für Stimmwechsel, sondern für Heiserkeit hielt Die Hüften machen dem Augen- 
«ton nach dnen weib1idi«i Eindniek, man darf aber nidit aufier acht lassen, daft 
At Kleine schon längere Zeit ein Korsett trägt, wodurch sich die Taille deutlicher 
abhebt; der Beckengüiicl ist kleiner als der Schultergüriel, was dem mftn"'«ffheff 
Habitus entsprechen würde. Die inneren Organe sind gesund. 

b) Qenitalbef und: "übet die Genitalontersnehang, die idi gemeinsam, äftt' 
meinem Bruder Dr. Immanuel Ilirschfeld und Dr. Alfred Seelig ^ vnnuthm, gebe ich 
das wörtliche Protokoll des letzteren: 

„Am 5. Juni 1915 wurde ich von Herrn Dr. Magnus Hirschfeld, In den 
Zelten 19, zu einer gemeinschafUiehMi Konsultation in seiner Sprechstunde gebeten.' 
Bei der Untersuchung der Tatientin waren zugegen: 1. Dr. Magnus Hirschfeld, 2. dessen, 
Bnider, der Arzt Jk, Immanuel Jilirschfeld und d. Dr. Seelig. Patientin ist Herrn 
Dr. Hindifdd ven einem anderen Arzt zur FeststeUung des GeBdileefatscharakters 
flberwiesen i^orden. Das jimge Mädchen gibt auf Befragen an, 15 Jahre alt zu sein. 
Das Mädchen ist sehr groß und kräftig gebaut. Zunächst ist sie etwas scheu und 
ftagsUich, zeigt sich aber nach kurzer Unterhaltung als eine sehr verständige und 
offene Person. SiB gibt an, kflrzKeh Slinmiweehsel durchgemacht zu haben. Die 
Slimmeklingt wie die eines Knaben, der sich im Stimmwechsel 
befindet. Der Thorax ist kräftig gebaut, die Schultern sind auffallend breit, die 
Manuiiae zeigen absolut keine Entwicklung, die Brustwarzen sind nicht prominent 
m voOstin^ mftnnlidiem Typus. 

Dagegen erscheint im Stehen das Becken breit gebaut, hat scheinbar weib- 
lichen Charakter. Die Entwicklung des Panniculus adiposus an den Nates ist voll- 
Mndig wdUich. Die Taille ist ebenfells veibUdi. Jedoch zeigt der Bau der 
nnleren Extremitäten männlichen Typus, inslMsondere die Waden. Sdmnrrbart oto 
loostige Behaarung ini Gesicht nicht vorhanden. 

Die Genitalien sollen sich angeblich vom 9. Lebensjahre — nach einem 
'all ~ verttndert haben. Die Schambaare sind r^dilidi entwidcelt Die groBen 
Labien sehen nicht wie Labien aus, sondern haben die Form eines in der Mitte 
sespaltenen Skrotums. Statt einer Klitoris ist ein Körper vorhanden, der vollständig 
das Aussehen eines Penis eines ca. Själirigen Knaben hat An der Spitze dieses 
Gliedes beflndd sieb eine ffinzieliung von der QrtJBe dnes Steetcnaddkopfes. Es 
scheint sich jedoch nicht um einen Kanal zu handpln. Klein? T abien sind nicht vor- 
banden. Es fehlt ein Hymen. Es fehlt überhaupt der Eingang zu einer Vagina. 
Ol 1 bis 1^/, an nntedialb der Wurzd des oben genannten Gliedes befindet sich eine 

Ich bemerlvp, daß ich bei meinen sämtlichen Hermapbradilen,-1Intitt>- 
iDchungen, angesichts der Widitigkdt der Fälle, Kollegen hinzuziehe. 

5* 



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1. Kapitel: Üexmaphroditismiis 



Ufline Offnunff, aus weldier — bei der Auffovdemiig xum 1Ixixiicfe& — der Urin in 
kleinem Strahl herauskommt 

Die Mastdarmunterauchung ergibt folgenden Befund- Starke Verslopfunt' ; Uterus, 
Ttiben und Ovarien nicht zu fühlen. In dem Unken Labium bzw. Skrotum befindet 
fidk ein Kdiper» der sich wie ein TesUs anffiblL In dem rechten Skrotum ist ein 
Körper nicht zu fühlen, auch nicht im recVten T.eislcnkanal. Sehr charakteristisch 
ist die Haut der proOen Labirn, welc5ir> sich durch auffallende Ruuzelung aus- 
zeichnei und dadurch vollständig das Aussehen emer Skrotalhaut hat. 

Da der Dann mit Stuhtanassen ansefiint iit, wird beaddoBsen» an einem gieren 
Termin eine nocbmalige cxi'-.to Untbrsuchung auf dem Operationstische meiner Klinik 
vorzunehmen und bei dii scr Gelegenheit Fräulein Z. zu photographieren. 

Dies geschiebt aiu G. 6. 1915 in Gegenwart des Herrn Dr. M. Hirschfeld und 
der Obefsdiweater Anna Raddatz. Bei der Rektalunlersuehvng ULM lieh einwandfrei 
das Pehlen eines Vaginalschlniirhf^s, pines Uterus, der Tuben 
und Ovnrien feststellen. Mit dem Harnkatheter Kelantrt man durch die 
oben erwälinte Öffnung, aus welcher der Uhnstrahl hervorquoll, in die Blase mid der 
toiuduerende Finger kann nun dundi das Rdrtum sehr deutlidi ^e Spilse des l^ithetera 
fQhlen und feststellen, daß zwischen Rektum und Blase nur eine ganz clünnr Trcn- 
nungswand sich befindet, daß Blase und Rektum eng aneinander grenzen. Einen 
Prostata ähnlichen Körper konnte ich nicht feststellen. 

Sehr inIfireBeante Reeidtate ecBiib nun die Measunff der Beekenmafte 
mit dem Taster zi rk el: Dist. spin. ant sup. 24,6; Dist. crist. 25; Dist. Tro 
chant. 30; Con). ext. i^fi. Schulterbreite: SS. So hatte also bei dem ersten Aspekt 
der Schein getrügt. Die Messung ergibt also ein vollständig männliches Becken I 
nrftidein Z. ist 1,78 m groB. Halsumfang 39. Ganz charakteristisch sind die Be* 
wegungen des Fräulein Z. Während die meisten Frauen beim Besteigen des Unt»- 
suchungstisches sich fast stets zuerst mit der Bauchseite hinlegen und dann sich auf 
den RüdEen drehen, springt diese Person auf den Untersuchungstisch wie ein Knabe 
beim Turnen auf den sog. 30«^. 

Als dem Fräulein Z. von uns Är7ten eröffnet wird, daß sie nunmehr als Knabe 
gelten kann, ist sie äußerst glücklich; gefragt, wekhen Namen sie nunmehr führen 
möchte, sagte sie sofort: .Günter*." 

Zusammenfassung: fis fehlen von charakteiistisdien Zddien des weib> 
Udien Geschlechts Klitoris, Vagina, TTlerus, Tuben, Ovarien, Menstruation, Mammae. 

Statt dessen sind vorhanH'^n hodenarlige Gebilde in den an der Stelle der Ge- 
schlechts wüiste vorhandenen Erhöhungen, in denen wir aber sowohl große Labien, 
wie die Hilflen eines gespaltenen Skrotums, eil)]icken können; f^er ein penisartiges 
Gebilde, männliches Becken, männlirhr .Stimme, Behaarung, männliches Bewußtsein. 

Mithin überwiegen die niännlichen Geschlechtscharak- 
tere in so hohem Grade, dau die Wahrscheinlichkeit, daß 
Maragarete Z. ein Mann ist, sehr viel größer ist als die, dafi 
sie; dem weibliclien Gesehlseht ancehöri 

Alle bisher gesehilderteia Fälle von Geachlechtsberichtigimijr 
trugen sich im Verlauf der Oeflchlechtsreife oder „zar Zeit der ersten 

Liebe'' zu. Außer in diesen beiden Zei^erioden tajachen Zweifel an 
der GeschlecbtszugehÖrigkeit am häafigsten im ersten Lebens- 
jahre auf. Auch IhifT verfüge ich über eine Eeihe selir bemerkens- 
werter c i tr 0 n o r ReobnfbtuupreTi. Zunächst folsronrlor Fallt 

Ltm Ehepaar Paul Z., 26 Jahre alt, und seiner Frau Elisabeth, geb. R., 2i Jabre 
alt» zu Berlin, wurde am 9l M&rz 1914 das erste Bind geboren. Die Hebamme teilte 
mit, daß es ein Mädchen sei, und der Vater lieB es mit den Vornamen KÄthe, Bertha, 

Mela in das Standcsresjister eintragen. Als die Mutter das Wochenbett vorlassen 
hatte, bemerkte sie eine Schwellung an den Geschlechtsteilen des lündesi sie suchte 



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1. Kapitel: Hennaphrodiüsmus 



69 



darauf einen Arzt auf, der naeb UntersuchunK der Gesehleehts- 

teile Bleiumschläge verordnete. Bei einem späteren Besuche riet der 
Arzt, Essig%vassenimsch]äge zu machen, und beruhigte die Frau, welche äußerte, daS 
ihr die Geschlechtsteile nicht ganz richtig vorkämen, dahin, daB das Kind ein ganz 
normates li&dehen weii bis ea «ncaehaen wlve, «ttid» alles in bester Ordnung sein. 
Die Eltern hatten darauf hin^cbtlich der fieschlcchtszugcherigkcit des Kindes keine - 
weiteren Zweifel. Als aber die Mutter mit dem Kinde einige Wochen später in die 
Säugling sfürsorge ging, um dort w^en seiner Ernfthmn? lud Pfleee Rück- 
sprache zu nehmen, äußerte der leitende Arzt Dr. Tugendreich seinerseits Be- 
denken hinsichtlich der Geschlechts2aigehörigkeit des Kindes. Seiner Meinimg nach 
sei es ein Knabe; er empfahl aber den Eltern, die über diese unerwartete Eröffnung 
sebr bestflrzt waren, deh zur eingehenden Geaeblecbtsf aatatellung au mir ' 
zu begeben. Darauf suchten die Eltern nna Hütts A]xril mit dem- nunmehr fünf* 
wöchigen Kinde in der Sprechstunde auf. 

Befund: Käthe ist ein gesundes, seinem Alter entsprechend kräftig eut- 
'wicMtes lind gut ernährtes Kind, an dessen inneren und äufieiai Oiganoi sicfa, von 
den Geschlechtsteilen abgesehen, keinerlei Regelwidrigkeiten nachweisen lassen. Der 
Gesamtausdruck ist eher ein knabenhafter; doch ist ja dieses Kriterium in so jugend- 
lichem Alter höchst unzuverlässig, so daß Schlüsse daraus nicht gezogen werden 
können. (Tgl. TalÜ IIL) 

Der Genitalbefund ist folgender: Bei geschlossenen Geschlechts Wilsten 
bemerkt man zwischen diesen — die ihrer anatomischen Lage nach den großen 
Schamlippen, nach Größe und Gestalt abgenmdeten,^ unterhalb der Symphyse bzw., 
dea Iföns Teneiia vertikal einander anliegenden Paranußkemen entsprechen — einen, 
etwa IVs cm langen Geschlechtshöckcr, dess n Präputium (Vorhaut) die Glans (Eichel) 
dorsal (auf der Oberseite) zu etwa freiläßt. An der Oberhaut der Geschlechts-, 
wfilsle ist nammtlidi rechts eine Imdite quere Runcehing (chankt^istiscb» fOx 
SkrotaJhaut) bemerkbar. 

Etwas unterhalb der Spitze inserierend z\^eigen, von den Präputialblättem aus- 
gebend, jederseits — nach unten und lateral sich verjüngend und endlich wieder ver- 
•dundiMid — zwei häutige Blättehen (Frenulae) ab, während die ventrale (Untei^) ■ 
Seite des Geschlechtshöckers mit einer rinnenförmigeu Verliefung in einen etwa 1 cm 
tief blind endenden Yaginalschlauch übergjht, der nach dem Damm 2U durch eine 
ganz schmale häutige Kommissur begrenzt i&L 

Die Mündung der Urethra ist in diesem Kide nicht zu sehen. Wir konnten aber 
beobachten, daß der Urin, in RcrkRnla'.'p drs Kindes, aus der Tiefe der Vagina bogen- 
förmig hervorspritzt, daß die Urethralmünduug mithin an der hinteren Vaginalwand 
liegen uufi. 

In beiden Geschlechtswülsten ftihlt man ein median gelegenefl^ etwa hanfkem- 
großes, konsistentes, jederzeit bewegliches Körperchen, welches beim Palpiercn 
die Neigung zeigt, aaeh oben zum Leistenkanal hin zu entschlüpfen. Man bemerkt 
«ndUefa aw« punktföraiige Offnungen ndben der Peniawurzd zwischen den Frenulae* 
Blättern, welche als Mündungen der Vasa deforentia angesehen werden dtlrften. 

Bei der analen Falpation fühlt man in der Proatatagegend hinter der Rektal- 
schleimhaut einen bohnengroßen Körper. 

G u t a c h t e n : Es ist auf Grund genauer Inspdction und Palpation anzunehmen, 
daß hier sowoM Reste der Wolffschen wie der Müllerschen Gänge vorhanden sind. 

Im Anschluß an die blind endende Vagina ist das Vorhandensein eines Uterus- 
kOipeis wahrscheinlidi, während die in den GeaddechtswQlaten fühlbaren Körperchen, 
die Keimdrüsen, in Verbindung mit den als Orificien der Yasa di ferentia zu deutenden 
Öffnungen zu beiden Seilen des Geschlechtshöckers als männliche Keimdrüsen (Hoden 
mit Nebenhoden) ipoit den dazu gehörigen Keimschläuchen aufzufassen sind. 

Nach dem gesefafldflileo Befunde isi der Fall mit alkigrOfitor WahrBeheinlichfceit 
als Pseudohermaphroditismiis Uftacttlinua eztenma (flußeres m&nnlichea Schein- 
zwittertum) anzusehen. 



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70 



L Kapitd: Heimaphioditisiniis 



Es sprechen dafür folgende sachliche Erwafrungcn: 

1. Diese Form des Scheinzwitlertums ist an 8 ich die häufigste und gibt in den 
meisten Fällen irrtümlicher Geschlechtsbestimmung zu dieser Anlafi. 

"2. Der Teii^eli und die in änzelnen F&Uen nahezu völlige übereiimHiwiromg de» 

äiißerPH Genitalbefundes mit anderen Fillen von Pseurlnherraaphroditismus mascu- 
1 in u 8 läßt die Zugehörigkeit unseres Falles zu dieser Form der Geschlechtsüberg&nge 
mit denkbar größter Wahrscheinlichkeit folgern. 

Im einzelnen sprechen dafOr noch folgende Umstände: 

a> Dir in den Geschlechtswülsten fühlbaren Körr^rrhrn sind ihrer Lape und 
Konfiguration nach, sowie auch in Verbindung mit den aller Wahrscheinlichkeit nach 
als Orificien der Yasa deferentia zu deutenden kleinen Löcherchen, alsilk&nBlieb^ 
Keamdrasen (Hoden und Nebenhoden) aufzufassen. 

b) Die Geschlechtsrinne ist ihrer Konfiguration nach mit gleichfalls größter Wahr- 
scheinlichkeit als eine Hypospadia peniscrotaiis aufzufassen; ihre Fortsetzung auf den 
6eschlecht8hö(^er spricht aus Analogieschlüssen mit Wahrscheinlichkeit gegen 
weibliches Scheinzwittertum. 

Nach dem Gesagten ist das Kind Käthe Z. mithin mit größter Wahr- 
scheinlichkeit ein m&nnlicher Scheinzwitter und als solcher männlichen Ge- 
schlechts. 

Für die Änderung der Geschlechtsmatrikel sprechen außerdem wichtige praktische 
Gründe. Von allen Sachverständigen ist mit Recht betont, daß in rt\\a doch zweifel- 
haft bleibenden Fällen eine vorläufige Erziehung des Kindes als Knabe im Interesse 
seiner Zukunft angezeigt ist, da es durch dieselbe besser auf den bevorstdienden 
Daseinskampf vorbereitet wird. Es haben sich in diesem Sinne u. a, Neugebauer 
in seinem fundamentalen Werke über den Hermaphrolitismus, Wilhelm in seiner 
Scl^rift tlber JDie rechtliche Stellung des Zwitters de lege lata und de lege ferenda**,, 
sowie der nntsnekhuie Dr. Hirsehield in frOlwr^ Arbeiten ansgigipniehen. 

Unser Gutachten geht demnadi dahin: 

Das Kind Z. ist mit höchster Walirsch oinlichkeil ein Kind 
männlichen Geschlechts. Daher ' r s c Ii o i ii t eine e n t s p r e c h f n d e 
Änderung der Geschlechtsmatrikel aus medizinisch- wisse n> 
seliaftUchen Gründen K»boten. 

Der Antrag auf Greschlechtsberichügung wurde daraufhin durch 
folgendes, you beiden Eltern nnierseiölinetes Schreiben gestellt: 

Bei dem EgL Standes^Amt gestatten wir uns anf Gmnd des ein- 
gereichten Bpezialarsstllohen Ontachtens, welches das Geschlecht 
unseres am 9. März 1914 geborenen und als Mädchen angemeldeten 
Kindes: Käthe Meta Berta Z. als männlich festgestellt hat, den 
Antrag zu stellen: 

„die Geschlechtsmatrikel unseres Kindes möge entsprechend 
dem ärztlichen Gutacliten berichtigt und der Vorname 3^the* 
möge in »Kurf abgeändert werden". 

Mit absoluter Bestimmtheit läßt sich der Nachweis 
männliehen Keimgcwebes zu so früher Lebenszeit nicht erbringen. 
Erst die Pubertät zeigrt, ob die Treimstoffe und sekundären Ge- 
schlecbtscharaktere das angenommene Geschlecht bestätigen. In 
seinem grundlegenden Werk über „Die innere Sekretion" (Wien und 
Berlin 1913) vertritt Biedl die durcliauß einleuchtende Aufiaseung, 
' dtefl alle "Fille änfieren Zwittertnms aneh mit irgendwelcher 
Doppelgeechlechtlichkeit der inneren Geeohlechtsdrüsen, zum min- 



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I. EapiM: HemiftphioditismuB 72 



desten der izmeisekretorisehen Elemente, welche nachweislich die 
äußeren Geschlechtsmerkmale hisBtiinmen, Terbnnden sein mfLasm. 
IHeee Erkenntnis bedingt naturgemäß eine ungemeine Ans- 

dehunng des Begriffs echten Zwittertums. 

Praktisch ist eine Entsclieidung über die Geaehlechtfizugehörig- 

keit nicht alloin irn Trftoresse des Kindes, Rondem mich in dem der 
Eltern erforderlich, da dic^r diircli die Ungewißheit über das Ge- 
schlecht ihres Kindes in einen unertWiß-liehen Zustand nervöser 
SpannüTig versetzt waren, welchem aus j>syehischen Gründen ein 
Ende gemacht werden mnßte. Rein wissenschaftlich wäre es in 
solchem Falle sicherlich gerechtfertigt, das Kind beim Standesamte 
ab unbestimmten oder zweifelhaften Geschlechts an- 
xomelden. 

In einem konkreten Falle habe ich vor einigen Jahren in Ghar- 

lottenburg in diesem Sinne mein Gutachten abgegeben. Es lautete: 
Jcli bescheinige, daß dem Ehepaare Karl St. und Louise geb. G. 
am 27. Juli vormittags V2I2 Uhr, ein Kind unbestimmten Ge- 
schlechts geboren wurde. Dem ersten Eindruck nach wurde dasselbe 
von der Hehanimc als Mädchen angesehen, doch kamen derselben 
weg:en des ungewöhnlichen Befundes bald Zweifel in bczug auf die 
GeschlechtÄZug-ehörigkeit des Kindes, weshalb meine Hinziiziehnncr 
als Sachverständiger von ihr befürwortet wurde. Die Untersuulumg 
ergab, daß die Geschlechtswülste in der Tat keine Hoden enthielten, 
andererseits jedoch däx Geeehleehtshocker so stark entwickelt ist» 
daß der männliche Charakter überwiegend erscheint. 
Zwischen den Gesehleehtswülsten' befindet sich jedoch noch ein 
Meiner Spalt, wie er bei Knaben nicht vorkommt. Man würde bei 
dem Kinde nun annehmen können, daß es männlich ist mit Peni- 
skrotalspalt und Kryptorchismus, wenn nicht die Erfahrung gelehrt 
hätte. dnR in TYinnchen solcher Fälle die inneren Organe imd die 
spätere Körper und Geistesentwicklung weiblichen Charakter 
tragen. Es ist unter diesen Umständen vom wissenschaftlichen 
Standpunkt aus geraten, das Kind als unbestimmten oder 
zweifelhaften Geschlechts einzutragen. Aus praktischen 
Gründen, femer aber auch, weil äußerlich der männliche Charakter 
etwae fiberwiegt, habe ich den Eütem empfohlen, das Kind als 
]&iaben za erziehen nnd es Panl Martin, in Klammem: Panla Marta, 
falls sich q)äter eine Änderung der Metrik vernotwendigen sollte, 
sa nennen. Ich bemerke noch, daß das Eänd im übrigen ein voll- 
kommen gesundes nnd kräftiges ist." 

Tragen die Angehörigen mit Rücksicht anf die hent^ noch be- 
stehenden Vorurteile Bedenken, die Anmeldung wie enipfohlen, vor- 
znnehnien!, so erscheint es im Prinzip richtiger, das Kind als männ- 
lich zu registrieren. Vor allem ist es in solchen Fällen geboten, das In- 
dividuum männlich zu erziehen, und zwar aus folgenden Gründen: 



72 



Einmal scheint es so, als oh sich tatsächlich in der grrößten Mehr- 
zahl der bisher bekannten Fälle das bis dahin latente Geschlecht zur 
Beifezeit nach der männlichen Richtung differenziert. Vor allem 
aber empfiehlt sich dies aus wirtschaftlichen (rrüTidcn. Denn wie 
die sozialen Verhältnisse heute nun eiinnal lieg'en, ist es im Fall 
einer Fehldiagnose für einen Manu wesentlich leiclitcr, sein Leben 
als Frau fortzusetzen, wie es für eine weiblich erzogene Person ist, 
zum Manne sozusagen zu avancieren. 

Vor allem ist aber eine gesetzliche Restitution der filten, oben 
bereits im Wortlaut angeführten Bestininnuicr des preußischen Land- 
rechts in einer den modernen wissenschaftliehen For* 
fichnngen angepaßten Fortn erforderlich. ' 

Wie leicht ün yorpubisehen Alter, in dem uns weder das Q-e* 
sclilo flitsbewußtsein nnd der Geschlechtstrieh, noch die körperlichen 
Geschlechtszeichen sichere Anhaltspunkte bieten, Irrtümer in der 
Ge^schlechtsbestimmung vorkommen, lehrt die folgende Beobachtung: 
Im Jahre 1900 wurden mir vmi einem Kollegen die n\i^ der Leiche 
ausgeschnittenen inneren und äuliercn Oesirlilechtsorgane eine^; fünf- 
jährigen Kindes ühersandt. Es war bei seiner Geburt wegen einer deut- 
lich vorhandenen Geschleehtsrinne zunächst für ein Mädchen gehalten 
und als solches standesamtlicli eingetragen und getauft worden. Ais 
im 2. Lebensjahr immer stärker ein anfangs kaum sichtbarer „Bürzel" 
hervortrat nnd der enge Spalt kamn mehr sichtbar war, eridSzte ein 
Ar^ das Kind fnr einen Knaben^ der nicht ganz normal gebaut sei 
(er diagnostizierte „Hypospadie nnd Kryptorehismns'O. ISs erfolgte 
darauf die TTmschreibnng und Umtaufe'des Kindes als mannlich. Im 
5. Lebensjahr ging das Kind an Diphtherie zugrunde. Die Unter- 
suchung des Leichenpräparates ergab, daß das Geschlecht anfäng- 
lich richtig und ppäter falsch bestimmt war. Der en^ 
Spalt führte in einen sehr schmalen Kanal, an dessen Ende man auf 
einen Muttermund stieß. Ein gut entwifkelter Uterusi nebst Tuben 
und Ovarien war leicht herauszupräparieren. Die vom Kollegen 
Pick vorgenommene mikroökopische Untei-suchuug ergab reines 
Eierstockgewebe« 

In meiner eigenen Kasnistik ist diese Beobachtung«' der einzige 
post mortem sicher gestellte Fall von F^endohermaphroditismns 
femininus internus. Anseheinend ist ja der weibliche Hermaphro- 
ditismiis — außen männliche, innen weibliche Oi^pane — überhaupt 
viel seltener, als das männliche Scheinzwittertum ; — ich sage an- 
scheinend, denn meist ist die Täuschung: beim Weibe eine viel voll- 
kommenere, als beim Ilermaphroditismus des Mamies; kenneu wir 
doch Fälle, wo es sich, wie in dem oben geschilderten Fall Fibiger.s, 
nur um eine Hypospadic zu handeln schien, bis man infolge einer 
2uiällig beantragten Nekropsie entdeckte, daß in dem Eudteil der 
Harnröhre eine Scheide mündete, an die sich eine Gebärmutter, Ei- 



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t Kapitd: Hermaphiodttismiis 



73 



leiter mid Eieratooke sohlosaeii; ja, es ist vorgekommiezi, wie im Falle 
MBjmsams, daß man mit dem Katbeter dmli eine regulär mjündende 
Harn röhre nach vorne in die Blase, naöh hinten in eine Scheide ge- 
lang'te. Infolgedp^^^^^on kommt "kmim jemand nnf df^n Gedanken, daß 
hinter dieser so überwiegend ni ä ti n 1 i e h e n Front weibliche 
Oeschlechtsorgane stecken könnten, weder bei Lebzeiten, noch 
anch nach dem Tode, namentlich wenn auch die sekundären Ge- • 
echlechtsmerkmale männlich sind, beispielsweise ein Bart vorhanden 
ifit Auch fühlt sich ein fälschlieh für einen Mann gehaltenes Weib 
im allgemeinen weniger bemnBigt, sein Geschlecht berichtag|en zn 
lassen, als ein Mann, der bei völligem MaDnesbewoßtsein Ternrteilt 
ist, die Bolle eines Weibes durchzuführen. 

Mit der schwierigeren Geschleehtßfeststellung bei weiblichen 
Herinaphroditen liängt es auch zusammen, daß unter ihnen die Fälle 
besonders häufig sind, in denen nach dem Tode die größten Über- 
raschungen vorkamen oder in denen eine Person ihr Geschlecht 
nicht nur einmal, sondern zweimal und öfter ge- 
wechselt hat 

Wir sahen das in dem eben geschilderten Falle. Als Seitenstück zu diesem sei 
ktm die Lebensgeschichte von Elisabeth Wilhelm Moll erwähnt, einem in mehr als 
einer Hinsicht bemerkenswerten Zwitter. Dr. Hemiich. Ghmkel beziehtet ausfOludich' ' 
über ihn in seiner Doktordissertation ^*). 

Jm Dorfe EDerafiansen lebte im Jahre 18M eine Person, die danuds 4S lahre 
alt war. Sie galt bei ihrer Geburt als Mädchen und erhielt den Namen Elisabeth. 
Bald nach der Geschlechtsreife fiel ihre starke Zuneigung zu Frauen auf, schließlich 
bieü es im ganzen Dorf, sie habe ein Verhältnis mit ihrer Stiefmutter, das nicht ohne 
Fdfan gebUelmi sei. Jetzt achritt die Oendanmerie ein -h es war im-Iahre 1868 — 
und die Behörde ließ das Individmim von einem Arzt (ST-i^-itsrat Dr. Heinemann in 
Frankenberg) untersuchen, der erklärte, bei p. Moll sei der männliche Typus sowohl 
Milch an den Geschlechtsteilen, als auch im gesamten Körperbau vorherrschend» nur 
litte sie an Hypospadie. Sie wurde darauf nochmals getauft, erhielt den Namen 
Wilhelm und wurde in das Kirchenbuch als Elisabeth Wilhelm eingetragen. 
Auf ihren Wunsch wurde aber durch RegierungsverfOgung dem nunmehr zum Manne . 
«ridftrten bdividuum die Erlaubnis erteilt, die weibliche Xldduns weiter tnsen za 
^en'." 

Im Jahre 1884 wurde sie wc^en eines schweren Schlaganfalls in die Marburger 
Klinik aufgenommen. Gunkel schreibt: JDie p. Moll machte bei der Untersuchung 
tmd weiteren Beoboehtnns durchaus den Eindruck eines Hannes. Sie 
wurde auf die Männerabteilung gelegt, durfte aber auf ihren Wunsch weib-- 
liche Kleidung tragen. Auch beließ man ihr die langen Haare, worauf sie be- 
sonders Wert legte. Die Annahme, daß es sich um einen Hypospadiaeus handelte, 
war so fest, daB eine innere Untereochunf per rectum niemals erfolBte> Nach mdir 
als dreijährigem Auftenlhalt in der Klinik verstarb Sie am Juni 1?^7; die von Prof. 
Marchand ausgeführte Sektion ergab folgendes: Kleine Leiche von durchaus männ- 
lichem Habitus, 136 cm lang, Brustdrüsen nicht entwickelt, beiderseits kleine männ- 
liche Brustwarzen, Muskulatur überall schwach. Unterhautfett fast vollständig ge- 
achwnnden. Die Ltose des in einem Zopf geflocbtenen Kopfhaares betr&gt 50 bis 



Fseudobermapbroditismus femininus (aus dem pathologischen Institut zu Mar- 
tag). Ifaibuis 1887. 



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74 



L Kai)itel: HermaphroditismuB 



00 cm. Im Gesicht starker rasierter Bartwildtt an Backen, Kinn und Lippen. Kehl- 
kopf nicht besonders stark entwickelt Als man das kleine Becken öffnete, fand man 
bei dieser Person, an derem männlichen Geschlecht keiner der Ärzte 
wahrend ihres mehrjährigen Aufenthaltes in der Klinik auch 
nurjedea geringsten Zweifel hegte, völli« ausgebildete weib- 
liche Or^rane: Zwei Ovarien, beide Tuben, Tltems und eine sich nach unten 
stark verengende Scheide, welche sich, in eine umfangreiche Prostata einsenkend, im 
Colliculus seminalis der Harnröhre öffnete. Diese durchzog das verMltnisniänff kurae 
f6 cm) Geeehlechtsglied, mündete aber bereits 2^/» cm unterhalb der Eichelspitze nach 
außen. Der anscheinende TTodensack war leer und schlaff und zeitrte keinen Spalt. 
Er war in der Mittellinie durch eine Raphe völlig vereinigt Tatsächlich handelte es 
sich also um zwei völlig miteinander TerwaehseDe groBe Sdutmlippen. An der Stelle, 
wo die Seheide in die Harnröhre einmündete, fanden sich zwei kleine Hnnenalfalten.- 
Bemerkenswert ■war noch, daß sich im rechten breiten Muttorband kleine akzes- 
sorische Nebennieren fanden und daß. die Nebennieren selbst in sehr um- 
fangreiche Geechwfllste umgewaindelt waren. Näcb dem Leichenbefond unterliegt es 
keinem Zweifel, daß die Moll im Jahre IflflB fiUchlieh irstlicher- 
und behOrdlichereeits ffir eisen UaBB erklärt war. 

Fassen wir das weaentliehste dieses Falles noch einmal kan 
zusammen, so waren bei dieser Person männlich: der allgemeine 
Habitus, die Brüste, der starke Bartwuchs, der Gesichtsausdnick, 
die Genitalien insofern, n1«? Glied und Hodensack vorhandpn waren, 
allerding's war daß Glied nur von geringer Größe und der UrHi' iisnck 
leer. Die Harnröhre mündete an der Unterseite des Gliedes (Krypt- 
orchismiis und Hypospadie). Demgeg'enüber fanden sich im Innern 
durchaus weibliche Genitalien, zwei Ovarien, zwei Tuben, Uterus 
und Scheide, freilich endeten die Taben blind nnd in den mikro- 
skopisch Sieker gestellten Ovarien fand sieh niehts, was anf eine 
Oynlation hmdentete. Großen Wert lege ieh aber darauf, dafi eich 
auch noteh eine nmfangreiche Prostata vorfand, welehe die Scheide 
und zugleich den an die Blase stoßenden Teil der Harnröhre nm-. 
schloß. Es ist sehr wahrscheinlich, daß durch die innere Sekretion 
dieser männlichen Drüse dip zahlreichen männlichen Geschlechis- 
zeiehen der Moll ihre Erklärung finden; sicherlieh wijnle sich durch 
ein recht exaktes Studium der Zwitterbildungen lil>erhaupt viel 
Licht bringen lassen in die bisher noch nach vielen Seiten so dunkle 
Wirkungsweise der einzelnen endokrinen Organe. 

Der beharrliche Wunsch Elisabeth Wilhelms, sieh als Weih 
kleiden zu dürfen, entspraeh keinem transvestitisehen Drang, son- 
dern einem mit ihrem wahren Gesehieeht vjillig Übereinstimmenden 
Empfinden. Dagegen muß ihre Neigung an Frauen offenbar ala 
eine homosexuelle Triebrichtnng aufgefaßt werden. Ist eine solche 
vorhanden, so kann, worauf schon einmal Amtsgerichtsrat Dr. Wil- 
helm hinwies, die Gcschlechtsherichtigiing für einen Zwitter insofern 
eine erhebliche Scliädigung bedeuten, als es seine vorher straflose 
Betätigungsweise zu einer strafbaren macht. Es erklären sieh da- 
durch wohl auch die Fälle, in denen umgeschriebene Personen 
darauf drangen, wieder zurückverwandelt zu werden. So übergab 



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L Kapitd; Hennapluoditismus 75 



mir auf dem internationalen ÄrztekongreB in London der Kollege 
Br. Albert Wilson die Photograi»hien eines von ilun nntennchten 
Individünme, das bis zum 18. Lebensjahr dn Madehen war. Sie 
änderte dann anf Bat ihres Antes ihr G«6clilecht nnd lieB sich als 
Jüngling eintragen. Vier Jahre später verliebte sie sich heftig in 
einen Mann, wurde darauf wieder Mädchen (ohanged back to a girl) 
und heiratete, 23 Jahre alt, den Mann. 

Ob hprmnphroditisclio Fmiien auch Kinder gre hären können, 
scheint mir bisher noch fraglich. Es werden zwar in der Litcratnr 
eine ganze Heihe hierher gehöriger Gesohiehten überliefert, von 
denen am bekannt < st en die des schwangeren Mönches (in Issoire en 
Auvergne 1473) geworden ist, auf den seine Zeitgenossen die AUi- 
ieration münzten: mas, mnlier, monacus, mnndi mirabile, monstrnm. 
Wiederholt herichten aneh Chronizisten von Soldaten, die zum Er- 
Btannen der Mitirolt eines Tages entbunden worden. In der, Berli- 
niaehen Zeitnnir von Staats^ nnd Gelehrten-Saehen anno 1746 wird 
mitgeteilt, daß ueh im Graflieh Haakschen . Regiment ein Pfeifer 
schwanger erwies, gebar nnd dann den Regimentstambonr, der Vater 
des Kindes war, heiratete. Caspar Banhin*') erwähnt einen Sol- 
daten, welcher in ÜTi*r?^m imd Flnndem pTdient hatte nnd bereite- 
sieben Jahre mit einer Prau verheiratet war, als er von einer Tochter 
entbunden wurde. Vor Gericht gestellt, gestand der Soldat ein, mit 
einem Kameraden geschlechtlich verkehrt zu haben. 

Alle diese Fälle liegen teils viel zn weit snirück, sind auch zum 
Teil nicht von genügend sachverständigen Ärzten untersucht worden, 
sm als einwandfreies Material dienen zu können. Wer die Erfah-' 
rung gemacht hat, wie stark bei manchen in ihrem Oenitalapparat, 
nonnal beschaffenen Steven der Trieb ist, das Leben eines Mannes 
xn ffibren, wer vor allem weibliehe Transrestlten nnd Homosexuelle 
genauer kennt, wird schon aus diesem Grande in die Bichtiffkeit der 
Bifferentialdiagnose erhebliche Zweifel setzen. 

So führe ich in meinen „Transvestiten" den FaU einer mir be- 
kamiten Charlottenburgerin an, die jahrelang als Matrose ein aben- 
tenerlichee Leben führte. Ein Bild in meiner Sammlung zeigt sie 
auf Deck im Kreise der Schiffsleufe, von denen niemand ihr Ge- 
schlecht ahnte. Eines Nachts aber entdeckte ein Seemann ihr Ge- 
heimnis und drohte es zu verraten, wenn sie sich nicht von ihm ge- 
brauchen ließe. Aus Furcht willigte sie ein, wurde bchwanger und 
gebar ein Kind. Daß es sich hier nicht, wie man früher wohl ohne 
fiteres angienommen hätte^ nm einen Zwitter, sondern um eine 



^) De HttOMiduroditonim monstrosorumque pftrtuum natura ex Theologorum 
Eureconsultorum, Medicorum Philosophorum, Rabbinorum sententia Francofurti 1500 . 
und IGDO. llavinae IGOO. Uauhm erörterte in dieser Schrift auch die Frage: .Heim- . 
a{^lirudilu8 an polest esse medicus, advocatus, rector universitatis? 



L Kapitel: Uermaphrodilismu» 



ganz typisch transvestitische Frau handelte, stellte die Unter- 
suchung) mit Sicherheit fest. 

So bedenklich ich hinsichtlich der Gebärfähigkeit der Hermaphro- 
diten hin, so wenig zweifle ieh daran, daß sie oft ze u prungsf äh ig 
sind. T)a bei zahlreichen auch als Frauen lebenden Scheinzwittern 
Absonderung von lebendigem Sperma nachgewiesen WTurdet iat nieht 
einzusehen, weshalb die aus einer mfiimlichen in eine weibliche 
Vagina geschlenderten Spermatozoen nielit einmal }na zn einem 
weiblu^en Ei Tcndringen nnd dieses befmchten sollten. In' meiner 
Praxis befindet sieh ein jetzt 54 Jahre alter Hermaphrodit» der bis 
zu seinem 25. Jahre als Weib galt und lebte. Er suchte mich öfter 
in Begleitung seiner jetzt 17jährigen Tochter auf. Wenngleich ja 
schließlich jeder Vater bis zu einem gewissen Orado oin Pater in- 
ccrtns ist, so halte ich in diesem Frill»^ nnch Kenntnis der drei Be- 
teiligten, der überaus soliden Mutter, der dem Vater sehr ähnliclirn 
Tocliter und des sexuell sehr bedürftigen Vaters, in dessen Ejaku- 
laten sieh Samenfäden -vorfanden, einen Zweifel an der Vaterschaft 
für ausgeschlossen. In einem früheren Bericht, den ich über diesen 
Fall Teröffentlichte, heifit es: 

"Rei Sfiner Geburt stritten sich die Hebammp und der Vater um das Gppchlecht 
des Kindes. ScblieBUch sieste die Meinung der Uebamme, weiche das Kind wegen des , 
SpaKes für ^raiblich erUftrte. Als si« nüt 15 Jahien die Sehnlcl ▼•rlieB, wurde sie 
Laufmädchcn in verschiedenen Geschäften, dann Arbeiterin in matt Buchdruckerei. 
Damals begann sie mit Arbeiterinnen geschlechtlich zu verkehren, zog sich abpr bald 
eine geschlechtliche Krankheit (Gonorrhöe) zu und beschloß nun, nachdem dieselbe 
geheilt war -and sie immer mdir die t)l)a!zeugang ihres wiilcUehen Oesclileehts ge- 
wonnen hatte, auch äuliorlich Afann zu werden. Kreisphysikus Wallichs in Altona, 
den sie im Juli 1H88 aufsuchte, gab ihr folgendes Attest: „Lucie B., welche in die 
dortigen Geburtsregister als Mädchen eingetragen ist, habe heute auf ihren Geschlechts- 
zustand untersucht, demnach steht es nuumdir vOllis fest, da8 diesdbe m&nnUcheii 
Geschlechts ist, ihr ganzer Habitus ist der eines Mannes, Knochenbau, Muskeln, das 
Fehlen der Brüste sowie der Bartwuchs kennzeichnen sie als Mann. Das männliche 
Glied ist klein, aber doch 5 cm lang, an der Spitze der Eichel nicht von der Ilam- 
jOhre durchbrochen, dieselbe liegt Tiehnehr in dner kahnfOrmigen Grube an der 
hinteren Raphe des Hodensacks, welcher die beiden gut entwickelten normal Srofien 
Hoden enthält. Auf funktionelle Verhältnisse braucht nicht weiter eingegrangen zu 
werden, da es nach vorliegendem völlig feststeht, daß Lucie B. männlichen Geschlechts 
ist" Sie übersandte dieses Attest ihrer Mutter mit der Bitte sweeks Andeiuof Ihrer 
Personalien bei der Bremer Staatsregiening vorstellig zu werden. Es ging wenige TBge 
darauf folgende Antwort ein: 

„Auf den Bericht des Senatskommissars für das Standesamt Bremen, daß des 
verstorbenen hiesigen Bürgers, Tischlermeister J. B. Witwe nachsuche, die Geburts- 
uifeunde ilires am 87. Mai 186S geborenen Kindes L. dahin zu indem, dafi das ge- 
nannte Kind als männlichen Geschlechts bezeichnet werde und den Vornamen Johann 
erhalte, und daß kein Bedenken obwalte, diesem Gesuche zu entsprechen, beschließt 
der Senat, daß dem Gesuch stattgegeben werde, \md die Sache im übrigen an den 
Senaiskommissar fQr das Standesamt zum Zwecke dw Beriditigung des 2ävi]stands- 
registers zurückverwiesen werde. Bremm, besehlossea in der Versammlung des 
Senats vom Ib. Juli isaa." 



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L Kftpitsl: Hermaphroditismus 



77 



Sobald die Fenon diesMi Beacbeid erhielt» begab eie aiefa, um die ftuBeriidiea 

Veränderungen vomohmen /u lassen, eiligst ?.um Schneider und zum Friseur und ver- 
ließ die Werkstatt, die sie dos Morgens noch als Weib betreten, abends als Mann, 
um io St Pauli die fröhlichäle JSacht ihres Lebens zu verbringen. 

Über die Häufigkeit des Hennaphroditismiis irgendwdclie 
Angaben zu machen, eieobeint znr Zeit ganz nnm^dL t. Neu- 
gebaner fand nnter etwa 1000 Penonen, die dnxeh seine USndo 

gingen, einen HezmApbroditent nnd zwar meist mit irrtfimliclier Qe- 
BehlechtsbestimmTing. In seinem Wohnsitz Waischan — einer Stadt 
von damals 800000 Einwohnern — kannte er ca. 30. Aus diesen 
Zahlen irg-endwelche Sr-Tilii^sp. 7n zio^icti. moht Twip'nngig. Eben- 
sowenig- bietet die militärische M!l^^'nllig^ Anhaltspunkte, da die 
meisten männlichen Sclieinzwitter als Mädchen auf- 
wachsen. 

Sicher i^t, rlrjß eine ganze Anzalil von Hermaphroditen ihr 
Leben verbringen, ohno eine Ahnung zu haben, daß sie dem Ge- 
achiechte nicht angehören, zu dem sie gerechnet worden, und von 
denen, die es wissen, hüten sich die meisten, das dunkle Geheimnis 
ihres Lebens preiszugeben. So suchte mich vor einiger Zeit eine 
den hesBeren Ständen angehörende Dame von über 70 Jahren anf. 
Sie klagte über nervöse Heizbee6hwerden. Ihre tiefe Stimme 
maeiite mich stntzig. Sie gab an, dafi diese nach Ifitteilnng ihrer 
Mutter bereits in ihrem vierten Jahre aufgetreten sei. Die Früh- 
reife sekundärer Geschlechtscharaktere ist ja eine bei Hermaphro- 
diten oft wahrzunehmende Erscheinung. Ein Arzt, an den sich der 
Vater damals wandte, legte dieser ' f^timmveränderung keinn En 
deutung bei. Patientin besuphto dann die höhere Töchterschule ihrer 
kleinen Vaterstadt; sie lernte sehr gut. Später lebte ^^(^- mit ihrer 
Mutter, die 90 Jahre alt -wnirde, in einem Berliner Vorort. Zwei 
Heiratsvorschläge lehnte sie ab, weil sie sich nichts aus Männern 
machte. Auch Frauen gegenüber hätte sie keinerlei geschlechtliche 
Begangen verspürt. Nach einigem Widerstreben gestattete mir die 
alte Dame eine oberflächliche tTntersachnng ihres Genitalapparates 
nder Wissenschaft halber'*, irie sie bemerkte. Ich fand eine 5 cm 
lange, ziemlich dicke Klitoris, eine 7 cm tiefe Vagina, welke, ge- 
ninzelte Labien, von denen eins eine tanbeneigroße Geschlechtsdrüse, 
vermutlich einen Testikel, enthielt Die Piibes waren dünn, grau- 
itieliert. Von weiblichen Brüsten war keine Spur vorhanden; aber 
auch kein Bartwuchs. Patientin, die auskömmlich als Rentnerin 
lebte, erklärte, daß sie am liebsten Kaufmann geworden wäre; oft 
hätte sie gedacht, daß man sie lieber Emil statt Emma hätte nennen 
sollen. Aber gesprochen hätte sie mit niemanden darüber, anch 
nicht mit ihrer Matter. Sie fährt dann wörtlich fort: „eist genieren 
sich die Etem nnd später schfimt man sich selbst; nachher konmit 



I. Kapitel: Uemiapliroditismus 



ZU dem Schamgefühl die Gewohnheit und so verbringt man sein 
Leben in einer Zwangsjacke.** 

ÜTierschaiie ich die einzelnen Fälle von HermayjbroditiBmn«;, 
sowohl diejenigen meiner eigenen, in obigen Berichten nicht völlig 
erschöpften Xasnistik, als die von Neiigebaner in seiner großen 
Fnyyklopädie zusammengeBtellten und auch die anderweitig veröffent- 
liclitcn, so gelange ich zu dem Schluß, daß die bisher üblichen 
Einteilungen des Hermaphroditismns weder theo- 
retisch noch praktisch den wirkliehen Tatsachen 
gerecht werden. Vie Schwierigkeiten einer strengen Abgrenzung 
machen es hegreiflicV, daß immer wieder nene Grnppienrngsror- 
■ehlfige gemacht worden sind, die aber selten Yerbeeeeningen waren. 
Am meisten Anklang mid Eiingang hat seinerzeit die EüasBifikation 
▼on Klebs gefunden, die auch Nengebauer angenommen hat. Er 
nnterscheidet zunächst den wahren und falschen Hermaphroditismus 
(H. vem«; und sipnrins oder Pseudobemiaphroditismus). Per wahre 
sei vorhnTiden. wenn,eine Por^on gleichzeitig männliche und weib- 
liche Gesnhleehstdrüsen, Hoden und Eierstock, besitzt; der f al f? e h o 
bestehe darin, daß eine Person zwar nur Hoden oder nur Eierstöcke 
aufweist, hingegen die sonstigen Charaktere nicht mit der männ- 
lichen oder weiblichen Keimdrüse übereinstimmen. Der wahre 
Heimaphroditismus zerfällt nach Klebe in einen doppelseitigen 
(bilaieralis), wenn sich auf jeder Seite ein Hoden nnd ein Eierstock 
bandet, in den einseitigen (nnilateralisX wenn sich nur auf 
einrr Seite beide Glesehleehtsdrüsen nebeneinander befinden, 
wHIi rnd nuf der nnflcren Seite nur ein Hode oder ein Eierstock 
liegt. Als R p i 1 1 i (' Ii 0 Ti Hprmaphroditismn« ^TT. lateralis) endlich 
bezeichnet Klebs, wenn auf dt r pinen Reite nur ein Hode, auf der 
anderen nur ein Eierstock gelegen ist. Wir werden sehen, daß es 
sich hier um Konstruktionen handelt, welche mit' den wirklichen 
Befunden nicht übereinstimmen. Lag doch zu Klebs Zeiten ein 
mikroskopisch sicher gestellter Fall von wahrem Hermaphroditis- 
mns überhaupt noch nicht vor. 

Aber auch die Zerlegung des falschen Hermaphroditismus 
in den H. masoulinus und femiuinus kann, wie wir oben bereits an- 
deuteten, nicht befeiedigen, denn sie berfieksiehtigt nur die ge- 
sohl echtssieheren Fälle, nicht ab^r die mindestens ebenso zahl- 
reichen, die gleichviel ob äufierlioh als Mann oder Weib auftretend, 
80 rudimentäre Geschlechtsdrüsen aufweisen, daß selbst mit Zuhilfe- 
nahme des Mikroskops weder in vivo, noch bei einer Operation, nnd 
auch nicht einmal post mortem die Möglichkeit besteht, eine sichere 
Geschleelitsdingnose zu stellen. Kudolf Virchow, der größte patho- 
logische Anatom museres Zeitalters, hat in diesem Sinn schon von 
„homines neutrius generis'^ gesprochen. Wir werden daher zum 



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L Kapitel: Hermaphroditismus 79 . 



mindesten neben dem Hermaphroditismus mascnliniis und femininiu \ 
«inen H. neatralis anzunehmen haben. 

Auch die weitere Elebssche Einteilnnfir -des falschen Herma- 
phroditismus in einen H. externus, internus und comple» 
ins, je nachdem nur die inneren oder nur die äußeren Ckschleohts- 
organo, oder beide mit den Qföchlechtsdrüsen diakongruieren, 
ist schon früher mit "Reoht bemanjjoH worden, beispielsweise von 
Paul Kaplan in seiner Dissertation über Hermaphroditipmns 
und H y p o s pa d i e In der Tat lassen sich in den meisten 
Hermaphroditenfällen zwischen den äußeren und inneren Ge- 
schlechtsteilen Oberhaupt nicht so scharfe Grenzen ziehen. J^her 
könnte man noch von^ einem H. completns nnd partialis. 
sprechen, „completns" dann« wenn sich Tuben, üteniB, Vagina und 
Klitoris trotz Hoden vorfinden, oder wenn Vas deferens, P€ni8, 
Skrotum nnd Prostata trotzOvarien vorhanden sind, „partialis" 
dann, wenn nur das eine oder andere oder einig'e dieser Stücke im 
Gegensatz zu den Gesehleehtsflrüsen gefunden werden. Aber ab- 
g-esehen davon, daß der Ausdruck H. completus von einigen in 
anderem Sinne, beispielsweise von Kaplan gleichbedeutend mit H. 
verus gebraucht wird, berücksichtigt diese Einteilung weder die 
Fälle, in denen entsprechende männliche und weihüche Organe, wie 
TJtems nnd Prostata nebeneinander vorkonmien, nnd auch nicht 
die, in welchen keines von beiden zur Entwicklung gelangte. 
Genau genommen, kommen völlig miteinander übereinstim- 
mende Fälle von Hermaphroditismus überhaupt 
kaum vor, jeder trügt sein besonderes Gepräge. 

Hat man angesichts dieser Fülle von Varianten überhaupt das 
Bedürfnis, den g-enitalen Hermaphroditismus noch in Unter- 
gruppen zu teilen, so könnte man voneinander trennen den: 

1. Hermaphroditismus masculinus, 
männliche Geschlechtsdrüsen mit weiblichen Genitaiaduexen. 

II. Hermaphroditismus femininus, 
weibliche G eschlechtsdrüsen mit männlichen Genitaladnexen. 

HL Hermaphroditismus neutraüs, 
rudimentäre Geschlechtsdrüsen, weder männlich noch 
weiblich« 

IV. Kermaphroditismxis dnalls, 
Geschlechtsdrüsen, die teils männlich, teils weiblich sind 
(Ovotestes); bei HJ und IV können die genitalen Adnexe «) mann-, 
lieh, fi) weiblich oder y) teils männlich, teils weiblich sein. 

Daneben würrle sich in Anlehnung an einen Vorschlag von 
Siegenbeek van Heukelom folgende Einteilung empfehlen: 



x<) Inaugural-Disseitation vom 15. & 1695. Vogt» Berlin» Linkstrafie 16. 



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gO , I. Kapitel: Hennaphroditismus 

A. HermapliroditismuB genitalis glandularis, 

die Geschlechtsdrüsen sind männlich und weiblich gemisolitb 

B. HermaphroditismiLs genitalis tubularis» 

die genitalen Ansf ührnngsgänge sind mfinnlieh und weiblich 
gemischt. 

C. Hennapliroditismns gieoitalis «onjncallSy 

die V erb indnngs Werkzeuge sind mfinnlicb nnd weiblieb ge- 
mischt. 

Von diesen drei Abteilungen nimmt die g'landnlärp Gruppe in- 
sofern eine besondere Stellung ein, als jn die Geschlechtsdrüse zu- 
nächst rein anatomisch die Grundlage darstellt für jede Ein- 
teilung des Hermaphroditißmus überhaupt. Darüber iiiuaus aber 
ruft ihre Beschaffenheit mit einer an Sicherheit grenzenden Wahr» 
sefaeinliehlceit äneh funktionell alle übrigen Abetafungien de» 
Hermaphroditismns hervor, so daß letzten Endes jede Form sowohl 
des genitalen als des kSrperlichen nnd psychischen Hemapbroditis- 
mus ein glandnlirer ist. Allerdings sind wir noch nicht in der^ 
Lage, hierfür den exakt mikroskopischen Beweis zu erbringen, der 
dann ^reliefert sein würde, wenn wir bei Männern mit irprend- 
welchen w e i b i i e }i e n E i n s e h 1 ä p e n /, w i s c Ii e u den ni Ii u n - 
lieben weibliche Puber tat szellen und umgekehrt 
bei Frauen mit männlichen Geschlechtscharakte reu 
unter den weiblichen mannliche Pubertätszellen 
nachweisen könnten. Wenn wir nns glelobwobl für berech- 
tigt halten,' ürspmng nnd Ursache aller Abweichnngien vom Qte- 
schlechtstypus in andersgeschlechtlichen Einsprengungen zu er- 
blickt) die wir vor allem unter den Zwifldiienzellen der Geschlechts- 
drüsen zu suchen haben, so stützen wir uns dabei nicht zuletzt auf 
die Tntsache, daß e,s St oi nach grelunpren ist. mit jrroner Exakt- 
heit künstliche Hermap hrodisierungen, die den natür- 
lichen völlig gleichgeartet sind, zu erzeugen, iudem er männliche 
nnd weibliche Geschlechtsdrüsenzellen gleichzeitig einpflanzte und 
ihre Wirkung entfalten ließ. Mit vollem Bechte konnte er auf 
Grund seiner bedeutungsvollen Ergebnisse schreiben ^0: Wenn es 
gelingt, wie ich es hier dargetan habe, durch Einführung von Puber- 
tätsdrüsenzelh Ti I>eidcrlei Geschlechtes in ein und dasselbe Indi- 
viduum eine Zwitterbildung" zn pr^Piiiren, in der Art, daß sich in. 
somatischer wie psychischer iiichtinif^ JSexuszeichen beiderlei Ge- 
schlechter ausbilden, so ist mit um so größerer Sicherheit der Rüek- 
schiuii erlaubt, daß in all den vielen Fällen, wo homologe und hetcro- 
loge Merkmale sich bei «inem ^Individuum mit eingeschlechtig: 
seheinenden Gonade» vereinigt finden, es sich hier darom bandelt» 



Archiv Tür Entwicklungsmecfaanik der Orsaniflnien von Prof. Dr. RottX» 
Bd. 42, H. d, S. 327 u. ff., 1916. 



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I. Kai)itel: Hermapbroditismus 



daß diese Gonaden nur in bezug auf die generativen Anteile 
eingresehleehtig, aber in bezug auf die innenekretoiiaohen 
Elemente zweigesehlechtiiT Bi&d, dafi sie also eine „swittrige Puber- 
tätsdrm enthalten'^ Küd nodi piiziaer faBt Steinach seine For- 
dehtingsergebniflfle in demSataie zusammen: Es gibt für alle Zwitter- 
erscheinungen nnr eine Ursache und diese beruht anf dem Entstehen 
oinor zwittriprt'n Piibcriäfsdriise als Folge einer nn\ ollständigen 
Differenzierung der Keinj^^tofkanlage, während die normale ein- 
geschlechtige Entwicklung durch die vollständig durchgreifende 
Differenzierung derselben zu einer männlichen oder weiblichen 
Fubertätsdrüse bedingt ist" Es ist wenig bekannt, daß schon der 
alte Waldeyer — allo^dingB nnr für eine einzelne hierher ge- 
hörige Erseheinnnir — nftTnliffth das Auftreten menstmationsartiger 
Blutungen bei Männern, die Erkläning gab, daß hier primitive Orola 
ihren EinfluB auf den Organismus ausüben dürfte» die sich ge- 
legentlich aus früheren Zeiten im Hoden hielten. 

Auch Kammerer führt in seiner „Allgemeinen Biologie"") 

tlen Psciidohermaphroditismns auf die „potentiell zwittrige Anlage 
des Keims" zurür»k. T a n d 1 e r und Groß geben der. Meinung Aus- 
druck, daß ..ein nso wie ein Hermaphroditismus der generativen 
Keimdrüsenanieile existiert, ein solcher der innersekretorischen An- 
teile existieren könne". 

Eine isorgöaine Piüiuug des Tatsachemnaterials lehrt nun, daß 
in extremen Fällen eine Fexaon, die Samen produziert und sezemiert» 
ganz überwiegend weiblich und ein menstmierendee Individuum 
männlich geartet sein kann» anders ausgedrückt, daß' es irallutio- 
nierende Frauen und menstruierende Männer gibt. Schon daraus 
geht hervor, daß der extrasekretorische generative und 
innersekretorische formative Anteil der Geschlechts- 
drüse nicht immer in Übereinstimmung miteinander stehen. T>ieser 
Gegensatz bildet den Schlüssel zu allen den widersprutlisvolleii Ge- 
schlechtsdoppelheiten, die dem Meuächon, wciciier nicht in 
die liefe zu dringen yennoehte^ numstrOs und wider die Natur er* 
echien, weil er sie nicht mit dem Naturplan in Einklang bringen 
konnte» der seiner vor eingenommenen Auffassung entsprach. 

Heute» wo wir Bau und Funktion der Geschlechtsdrüsen viel 
genauer kennen als ehedem» lüsen sich die Bätsei leicht Vor allem 
haben wir entsprechend d^ Bau der geschlechtlich differenzierten 
Gonade bei einer in differenziert zwitterhaften Keimdrüse 
zweierlei zu untcrsebciden: den innersekretorisch formativen Herm- 
aphroditismus, der an das Vorhandensein männlicher und weiblicher 
Pubertätszellen gebunden ist, und einen germinal generativen. 



Zitiert nach S t e i n a c h: PubertjUtsdrüsen und Zwitterbildung. . 
Biraehfelclt Scomalpatholoi^ie. 11. Q 



JT 

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82 



L Kapitel: Hermaphrodilismus 



der sich auf die gleichzeitige Existenz von Ei- und Samenzellen (der 
Gameten) bezieht. 

Von dem p^pnerativcii H. wissen wir noch nicht genau, ob er 
nur morphologisch oder auch funktionell vorkommt. 
Zwitterdrüsen» in denen sich EifoUikel und Samenkan&lcfaen, und 
zwar Mn meist stärker entwickelter Hoden in enger Verbindnn^ 
mit einem Bierstoek vorfinden, sind bei Sängetieren nnd andi beim 
Menschen mit Sioberbeit estigestellt und als „Ovotestes" be- 
schrieben worden. Fraglich ist dagegen, ob auch beide Anteile Ge- 
sehleehtMUen absondern, und ob die vielfach von Zwittern selbst 
gemachten Angaben, sie hätten Kinder gezeugt und geboren, auf 
Wahrheit beruhen. So finde ich erst vor ganz kurzer Zeit in einem 
amerikanischen Fachblatt") einen Artikel über „Hermaphroditisui 
in the human species" von R. W. Shufeldt (Ma^or, medieal eorps, 
U. S. Army, Washington, D. C), in dem an Hand von Bildern über 
einen seltsamen Fall berichtet wird. Eine junge Dame von 
24 Jabien lebte in New Tork In einem Boardingbonse, woselbst sie 
mit einem SQjäbrigen Mann, der eine acbfzefanjfibrige Tochter hatte, 
in Beziehungen trat Sie wurde' von ihm schwanger nnd> gebar eia 
Kind (Bhe lived with tbis man as his wife in a surre>ptitious manner, 
became pregnant and was delivered of a child). Gleichzeitig ver- 
liebte sie sich aber in die Tochter des Mannes, knüpfte mit dieser 
ein Verhältnis an (they lived too-efher a<i man and wife). Die 
Tochter wurde von ihr geschwängert und gebar ebenfalls rin Kind. 
Av? dem Bilde sehen wir eine hübsche Person in malei isch r »Stei- 
lung mit langem Hauptha^ir, Brüsten, breiteui Becken, von über- 
wiegend weiblichem Eindruck. Über den Gcnitalbefund drückt sich 
der Autor wie folgt aus: „Both testicles and penis in this case are 
developed and are of large size. Altongb I bave never personally 
ezamined tbis case, I Bm'ot tbe opinion, jndging from what know of 
its bistory, tiiat all tbe internal generative ozgana of tbe female are 
pxeeent and f nnctional. („Testikel nnd Penis sind in diesem Fall 
entwickelt und von ansehnlicher Größe; obwohl ich diesen Fall nie- 
mals persönlich imtersuclit habe, bin ich nach dem, was ich von 
ihrer Geschichte weiß, der Meinung, daß alle Fortpflanzungsorgane 
des Weibes funktionsfähig vorhanden sind.") Für wissen Sf ■ Ii aftli eh 
erwiesen kann ich diesen Fall ebensowenig ansehen, wie die alten, 
die besagen, zwei Ehegatten s-eien gleichzeitig voneinander 
schwanger gewwden; so soll nach Venelle'") im Jahre 1663 in 
Paris ein junges Ehepaar aus diesem Grunde zum Tode verurteilt 
worden sein. Ein berühmter Arzt Laurent Mathlea hätte sie aber 
von dem Scheiterhaufen geiettet. 



The Alienist and Neurolqsist, Bd. XXXVll, August 1918^ Nr, 8, S. 26a 
20) Neugebauer, JahiiK f. sex. Zw^ Jahrg. IC^ S. 136. 



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I. Kapitel: Hermaphrodilismus 



DaB ein anseheinender Ehegatte ebenso wie ein Soldat, Matrose 
oder MSnch gelegentlich einmal niedexgekommen ist, kann wohl 
mSglieh sein« wie aber will man den Nachweis erbringen, dafi die 
Ehefrau auch wirklich der Vater des Kindes ist oder . 
gar, daB die Befmehtang wechselseitig stattgefunden hat Sogar 
Selbstbefmehtmigen ans Zwitterdrüsen, wobei abgestoßene Eier 
nnd Samenzellen sich in der Gebärmutter gefunden, vereinigt und 
2ar Frucht entwickelt hätten, sind, gewissermaßen als eine Art nnr 
hefleckter Eniplängnis behauptet worden, aber sichorlich handelt es 
sich hier mehr um ein theoretisches Problem oder ein Spiel der 
Phantasie, als um ein tatsächliches Vorkommnis. 

Dagegen möchte ich die Mitteilungen, daß bei ein und derselben 
Person Menstruationen und Samenentleerungen nachgewiesen sind, 
nicht schlankweg als Erfindung abweisen, lächerlich kommen auch 
hier bewußte Unwahrheiten und unbewußte Irrtümer vor. So • 
scheinen mir die dahingehenden Angaben der vielfach bald als Vir- 
ginia Maura aus Rom, bald als Zephte Aheira aus Tunis beschrieb 
benen Person, die ich gleichfalls persönlich untersuchte*'), höchst 
unzuverlässig zu sein. Virchow ") schenkte den von ihr behaupteten 
Fehlgeburten auch keinen Glauben. Berücksichtigi man aber, daß 
bei der mit einem stattlichen Vollbart und einer 5 cm langen 
Klitoris ausgestatteten Person eine 7 cm tiefe Vaginn, große nnd 
kleine Labien, Hymen wülste, eine Vaginalportion, Uterus und links 
eine Geschlechtsdrüse vorhanden wareu, während die Urethra in die 
Vagina mündete, ferner, daß Levy-Dorn mit Röntgenstrahlen ein 
weibliche Beckenskiagramm naehwiesi so scheinen mir immerhin 
die Angaben der mit einem Mann verheirateten Perepn, 
sie habe regelmäßig menstruiert» abortiert und ein totes Kind ge- 
boren, nicht weniger Glauben zu verdienen, wie ihre Behauptung, 
sie hätte auch mit Frauen regelmäßigen und ,»gaiiz noimalen^ Qe> 
sehlechtsverkehr gepflogen; dieser hätte ihr sogar den größei»n 
Genuß bereitet. 

Bleibt dieser wie so mancher andere Zwitterfall im Hauptsäch- 
lichsten unaufgeklärt, so möchte ich dies von dem folgenden, in 
neuerer Zeit wohl am meisten studierten Hermaphrüdititenfall nicht 
behaupten. 

Katbarina Hohmann war ld24 in Mellrichstadt geboren und starb ld8X 
äS» Karl Hohmann, gtOekUeh wSA dnem Weibe Teibeintel, und als Vator eines 
Sohnes in Neuyork, an der Lungenschwindsucht. Zwischen diesen Daten liegt ein 
bewegtes Lebensschicksal, von dem sich die größten Fachgelehrten lange Zttt nicht 
einig werden konnten, ob es eine Frau oder einen Mann betraf.« 

Die Peraon besaB einen InnKWiiadiMlien Feni«, ein gut entwidceltes rechtes 
Skrotum mit Hoden, ein stadc veikOnuimtM linkes obne einen solchen, eine veriiftltp 



5») Bilder im Jahrb f. sex. Zw., Jahrg. 1809, S. 17. 
»s) Vgl. Uünchn. med. Woch. 1888, Mr. H. fi;, S. 394. 

6* 



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* 



84 I- Kapitel: Hermapbrodiüsrous 



nismäfiis lange Urethra, in die rflclcwftrts ein feiner yasinalkaiia] mündete, der niH 
einem kleinen Utems und Tuben in Verbinduns? stand. FlrOftteta und SamenblÄschen 
sind nicht nachweisbar, dacecren ein Vas deferens. Die Mammae sind stark entwickelt, 
sie entleei«n zuweilen eine weifiliche Flüssigkeit Kopfhaar hat mehr weiblichen 
Typos, Bartwuefat i«t gerin«. Dts Bedcw fit ntdk HKbow wfcnnHdi. NengdMiiar 
benchtet, die rechte Qeaiebtehilfte habe einen writnnHdien, die Ihike einen weiUteiieB 
Ausdruck gehabt. . 

Friedreich in Heidelberg konstatierte zuerst bei Katharina normales Sperma 
nit lebenden Spermaigzoen; gleichzeitig stellte er periodisch sicJi ans 

der Urethra idederholende Blutungen fest. Franqu^ erklärte diese für ganz zweifellose 
Menstnififionen, nicht nur wpgen ihrer typischen RegcImaßiRkcil — 22 Jahre lang alle 
3 bis 4 Wochen — , sondern auch wegen der Molimina menstrualia und der Kolostnim- 
auBieheidunf aus den BrOstent welche diese Bhrtnngen begleiteten. Drei Ifediziner 
von höchster wissenschaftlicher Kompetenz und Skepsis, der Gynäkologe v. Skanzoni, 
sowie meine beiden Lehrer v. Recklinghausen und v. Kölliker unterschrieben ein 
Uniersuchungsprotokoll, in dem es heißt: „Jedenfalls ist von größtem Interesse der 
Nachwds, daß in männlicher wie weihlleher Biditung Funktionen vorhanden waren. 
Eine von ihr entnonuncne FlQssigkeit, welche im Jahre 1863 Herr Gerichtsarzt Vogt 
untersuchte, erpab die Anwesenheit von Spermatozoon. "Wir T'ntcrzcichnelen konnten 
in diesen Tagen wiederholt die Entleerung von Blut aus der Harnröhre beob- 
aehten, wsiche zwei Tage andauerte imd auch nach der rnfkrodEOiHsehen Untersudntng 
durch die vollkommen Frischr' Be^^chaf^enheit der nuücOrpetcben und die Beimiscfauns 
von Schleixa eine menstruale Natur bot." 

Die ersten Pollutionen hatte Katharina mit 15 Jahren. Damals 
begann sie mit Frauen zn koitieren, wobei sehr schnei! Ejakulationen 
erfolgten. Nach dem Eintritt nienstrneller Blutungen im 20. Lebens- 
jahr regte sich auch der Geschlechtstrieb zum Mann. Sie hatte auch 
während des Beischlafs mit Männern Samenergüsse, aber keine 
Erektion. Mehr GksehleelitsgeiinB hatte sie beim Verkehr mit 
Frauen. Der DraagT wan Manne war stets am stärksten die ersten 
2 bis 3 Tage naeh der Periode. An dieser za zweifeln, wie Ahlfeld 
und Abel das tnn» indem sie meinen, Katharina habe an periodiseheni 
Nasenbluten gelitten, und sich vermntiieh damit die Genitalien be- 
schmiert, halte ich mit Neiigebauer für ein 7n weit getriebenes Miß- 
trauen, zumal ja auch anderweitig Menstruationen") bei Schein- 
zwittem mit Sicherheit beobachtet sind. Immerliin ist es nicht aus- 
geschlossen, daß Meustruationsaequivalente, etwa Blasen- 
blutungeu, vorgelegen haben können. Auch weist Prof. Ed. Hof- 
mann**) nicht mit Unrecht darauf hin, daß das Bestehen menstruel- 
ler Blntongen nicht mit vollkommener Sicherheit das weibliche Ge- 
schlecht beweist. Nachdem man gelegentlieh anch naeh operativer 
Ehitfenmng der Eierstöcke die Fortdauer von Menstruationen, wahr- 
genommen bat, ist man nicht mehr berechtigt, aus ihrem Vorhaaden- 
sein unbedingt „auf die Existenz von Ovarien, noch weniger aber 
auf die Nichtezistenz von Hoden zu schließen''. 

•*) Vtf. Fr. Neu geh euer: 68 Beobechtunsen von periodBschen, genitalen 

Rlutunprcn menstruellen An.scheins, pseudomenstruellen Bluhmsen» Monstrualia vicaria, 
Molimina menstrualia usw. bei Scheinrwittem im VI. Jahlb. f. 8^ Zw., S. 277 tt, tt^ 
3«) Zitiert nach VL Jahrb. f. sex. Zw., S. 221. 



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85 



Kann nach alkm die Frage, ob und inwieweit ein naeh anfien 
funktionierendes Zwittertom ezietieit, noch nieht absishliefiettd 
beantwortet werden, so darf das gemöneaine morphologiselie 
Vorkommen von männlichen und weihliehen Geschleehtsasellen auf 
ein und demselben menschlichen Individnam jetzt als absolut 
eichergestellt angesehen werden. Über analoge Erschei- 
nungen bei getrennt geschlechtlicb lebenden Tieren war man bereits 
seit längerem imterrifhtet für den Menschen aber liegen dies- 
bezügliche Beobachtungen erst seit kurrem und in geringer Anzahl 
vor. Wegen ihrer grundsätzlichen Wichtigkeit bringe ich eine kursM 
Übersicht der bisher wisseuscbaftiich feststehenden Fälle. 

1. Am 24. November 191S stellte Professor Ganrg im Verein für wissenidbaftlich«' 

Heilkunde in Königsberg einen Fall von echtem Zwitlertum beim ÄTcnschcn vor. Aus 
fübrlich geschildert in Wort und Bild ist der Fall von Waller Simon im 172. Bande 
iwk ».Tirdiows Arehiv^k Es handelt tAeh um ein« zwansigiftliriffe Person, die als 
Knabe aufwuchs und sich ^hon vollkommen als Mann fühlte, so daß es 
ihr höchst unanffenchm war sie ein Anschwellen der BrüPte — links mehr wi»" 
rechts — und monatliche Blutungen aus dem vermeintlichen Skrotalspalt waiirnahni. 
Von Zeit m Zeit ging auch weiBlicher Schleim ab, wobei Erektionen des meinbrun^ 
unt7 libidinöse Vorstellungen auftralon, die sich steig auf das Weib bezogen. Ira 
Körperbau und Gesichlsausdruck herrschte der wnMirhe Typus vor, nur im Thorax- 
bau, m Schuller imd Annansatz überwog der männliche Charakter. In der rechten 
Sdte fand sieh ein leistenbnidiartigsr Tnmor, in welchem GmrrS dne Kdmdrüse Tsr- 
mutetc. Patient wollte eine Proboinr.ision ^nr.irhst nur unter der Bedingung ge- 
statten, daß man ihm in der Narkose die Brüste amputiere. Als er schließlich auch 
ohne diese Einschränkung einwilligte, fand man im Bruchsacke einen Hodeneier- 
»toek» Ndbenbodeo, N^eneierstock, Samenstrang und Tube. 

Die mikroskopische Untersuchung des ausgeschnittenen Stücks aus dem Ovarien- - 
teil ergab das typische Gewebe der Eierstocks rinde mit Primordialfollikeln. Das 
Hodenstückchen zeigte zahlreiche Samenkanälchen im Rubestadium, sowie 
reclilich Zwischenzellen. Da nur ein kleiner Abschnitt untersucht wurde, ist es nicht 
•uageschlossen, dafi sich andere Teile im Zustand der S: [ i logenese befanden. Wir 
wissen ja. dafi niemals alle fi«i»"*niryiiaiwiM>« in der gleichen finiwicklungsphase stehen. 

2. T'ffreduz^i beobachtete ein Kind von 7 .Tahren, das als Mädchen auf- 
ifewachsen war. Im Spiel hie|t es sich mehr zu den Knaben. Es litt an doppeltem 
Leistenbruch. Auf der einen Seite waren zweimal Einklemmungserscheinungea 
aufgetreten, deshalb wtlnschten die Eltern Operation. Die äuBeren Oeschlechtsom» 
zeigten Hyrospadia peniscrotalis. In jeder der nicht verwachsenen Skrotalhälften 
tastete man einen kleinen harten Körper. Vagina, Uterus, Prostata nicht nachweisbar. 
Bei der Hersiotomie fand man im Bruchsack Hoden, Nebenhoden, Tube und Vas de- 
fsfene. Am oberen Pol des Hodens befand sich eine Verdickung 
von weißlicher Farbe. Diese Gebilde wurden entfernt. Im Mikroskop sali 
man kindliches Uodenparenchym, daneben ein Ovarium mit Primordialfollikeln. 



^) Ernst Sauerbeck, Über den Hermaphroditismus verus und den Henna - 
pbroditlsmus im allgsmdnen vom morpholoiisehoi Standpunkt aus. FHdokf. Ztsehr. 

f. Path., Bd. S, H. ^-4, 1909. 

=ö) O. Uffreduzzi, Ermafrodilismo vero dell'uoma a) Arch. per le scienze 
Med., Bd. 34, Nr. 13, 1910. b) Qiom. della R. Accad. di Med. di Torino, Bd. 16, 
«nn 73, tesc. lJU, 1910. e) Aieb. di FSycbiafc., Bd. 31, fa^c % 1910. 



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86 



I. Kapitel: Hermaphioditisinus 



3. Zu Gudernatsch kam eine 40iährige Kranke. Sie galt als Weib und fohlte 
sich als solches. In der rechten Leiste halte sie eine Geschwulst, die sie oppriercn 
lassen wollte. . Als man den Tumor öffnete, stieß man auf einen großen Hoden mit 
NcS>enhodeQ; «wischen Hoden und Nebenbodenkopf aber lag ein 
rudimentärer Eierstocksteil, wenige Millimeter gn>6. Man 'konnte an 
ihm mikroskopisch eine Rinden- und Markschicht wahrnehmen, einen Keimepithel- 
bezug und in der Rindenschicht die charakteristischen Spindelzelien. Richtige 
OvQla waren aber sieht vorbanden. 

4. Auch in dem von Photakis*«) 1916 veröffentlichten Fall bandelte es sich 
um rin^ Brucheinklemmung. Der Tori o'-fnHe, ohne daß ps zu f lnor Operation 
gekommen ivar. Das Kind war als Mädchen erzogen. Nach Angabe der Eltern ent- 
wickelten rieh die Gesehleebtsenaoe erst vom 18. Leben^ahre ab nftnnHch.. Ge- 
sichtsausdruck männlich, Stinune tief, Rewegungen weiblich. Die Person war erst 
Kindermädchen, dann Krankenschwester. Ob sie menstruierte, ist nicht bekannt. Dia 
Sektion ergab (zitiert nach Pick): »»Größe 1,55 m, Muskulatur mager, von entschieden 
RiSnnlidiem Ktbifus, Schultem eckig, Oesidit scharf geadmitteii, mtonlieb, mit friseb 
rasiertem Bart. Kopfhaar dicht, bis in Schulterböhe bftngeiid. Brüste TOllkoimieD 
fehlend, Recken dem männlichen Typus genähert. 

Äußeres Genitale vollständig männlich, mit 7 cm langem Penis und Skrotum. Der 
Penis ist aber undurdibofart und zeigt an sehier Wunel die Öffnung des Sinus uroeeni- 
talis. lin hinteren Skrotalabschuitt deutliche Raphe. Im rechtsseitigen Leistenbmch- 
sack innerhalb der rechten Hodensackhälfte finden sich eingeklemmte Teile des Dfinn- 
und Dickdarms und des Netzes, sowie hämorrhagisches Transsudat. Hoden rechts 
vorhanden, 4 + 2 + 8 cm, ndt Gubemaeolum Hunteii. Nebenboden, Vas deferens 
und rechtsseitige Samenblase sind ausgebildet. Letztere enthält bei frischer Unttr- 
suchung nur Epithelzellen und Kristalle, keine Spermatozoen. Prostata haselnnßRroB. 
Au der Steile des CoUiculus seminalis setzt die 6 cm lange 
Scheide mit 11 cm langem zweihSrnigen Uterus an. Hechte Tube 
ein lumcnloser Strang, linke Tube 10 cm Innt:. 3 mm dick. Tlnter ihrem mittleren 
Drittel das Ovariuni, 2fi cm läng, in der, Mitte i mm breit, an der Oberfläche glaU. 
Kein Parovarium. 

Mikroskopisch : typischer Hoden, doch fehl^ am Epithel alle Zeichen der 

Spermiofrenese. Im Stroma kleine Häufchen und Züge von Zwischenteilen. Das 
Ovarium zeigt ein charakteristisches Hindenslroma und Primordialfollikel, in ver- 
schiedener Dichtigkeit gruppiert Höhere Entwicklungsstadien der Follikel sind nicht 
yorhendMi. Keimenithel streckenweise erhalten**)." 

BemeriEenswert ist, daß in allen diesen Fällen von Oyoiestes im 
lEierstoeksanteil Primordialfollikel yorhanden waren» 
während m den Hodenabschnitten Samenzellen fehlten. Aber 
Aneh eine Beobachtung mit Keimzellen beider Geschleehter liegt 
vor, nnd %waT in dem besonders gut studierten Fall von Emst 
Sälen. 

5. Dieser Fall wurde zuerst 1899 in München bei der Tagung der Deutsche» 
pathologischen Gesellschaft durch Ziegler demonstriert 3^): Die 4ä Jahre alte, un- 

J. F. Gudernatsch', Heimaitodiüsmns venu hl man. Amiet. joun. 
of Anat, Bd. 2, Nr. 3» 1911. 

2') Basileios Photakis, Uber einen Fall von Hermaphroditismus venia 
lateralis masculinus dexter. Virch. Arch., Bd. 881, 1919. 
2«) Berl. klin. Woch. Nr. {2, S. 1142. 

YgL VerhandL dieser Gesellschaft, herausgegeben von Ponfick. Berlin 
IMO, S. 8« und Zintralbl. 1 GynSkoL, IflOa Nr. 88; S. 86S; femer Pick , Berk khn. 
Woch.« 1916, Nr. 48» S. 1174 



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I. Kapitel: Hennapbroditismus 



vip^püchitp AuRUsta Pcrsdotter hatte seit ihrem 17. Jahr Menstruationen. T^fischlafs- 
akle mit Männern waren schmerzhaft; mit Frauen halten keine stattgefunden. Die. 
äußeren Geschlechtsteije waren weiblich, nur war die Klitoris ziemlich groß (5 cm lang). 
TJnteilialb der HanurOhrenöffnung lag de enge Scheidenöffhung, durch die eine dflnne 
Sonde rm fi<?f eindringt. Im November 1808 wiirde die Frau laparotomiert und ein 
manneskopfgroßes zystisches I'terusmyom, an einem kurzen Stiele sitzend, entfernt. 
Ebenso wurden die Geschlechtsdrüsen fortgenonunen, die an der Stelle der Ovarien 
»Bes. Am & Januar 1699 verlieB die Patientin geheilt das Hospital. Die Unter' 
suchung der Geschlechtsdrüsen ergab folcrcnd'es: links ein ziemlich kleines 
0 V a r i u m mit typischen Primordialfollikeln, die bis zu G r a a f sehen Follikeln reifen» 
rechts eine Zwitlerdrüsc, deren eine Hftlfte Eierstocksgewebe, deren 
andere Hodenge« ebe zeigt Ihre Maße betragen 4:2^5:1 cm. Der Eier- 
slocksteil ist gelb, derb, gehöckert. Auf dem makroskopischen Durchschnitt 7niijt er 
äme zystiscbe Follikel und ein Corpus candicans, bei der mikroskopischen IJnter- 
snchung Graafsche Follikel und typische Eizellen in einem spindel» 
zellreichen Stroma. Der BodenteO ist i^tt mit weißer glänzender Tunica 
albueinea, auf dem Durchschnitt braungrau, von weißen Bindegewebssept'jn durch- 
zogen. Mikroskopisch ergeben sich hier Samenkanälchen mit größeren und kleineren 
Anb&ufungen Tva ZviachenxeUen ; gröBtenteils verdtelcte Membrenae propriae. Das 
Epithel hesldit Miglidi aus Sertolischen Zellen; Spermatogonien oder andere Stadien 
der Spermiogenese werden nicht gefunden. Der Bau bi< tot eine au^Uende Ähnlich» 
keit mit der Struktur des ektopischen Hodens nach der Pubertät. 

Da Ernst Sal6n früh verstarb, übergab seine Gattin, die in Stockholm als 
Frauen&nttin pralrtizi^, das gesamte Material Prof. L. Piek in Berlin, der die Unfer- 
mehungen vonSal§n nicht nur bestätigte, sondern in sehr wertvoller "Weise ergänzte. Er 
schreibt: Ich gelangte hier zu tatsächlichen Feststeihingen, die nicht den mindesten 
Zweifel darüber lassen, daß neben den Keimzellen im Eierstocks- 
teil des Ovotesti» beim Menschen auch im Hodentei.l Zellen 
der männlichen Keim;^ellenreihe tatsächlich vorhanden sein 
können. Wir treffen nebrn dem nonnalen Ovarialteil des Ovotestis hier in einem 
Teil der Hodenkanälchen. nicht einmal allzu selten, die typische Form männlicher 
SenialzeUen vor Beginn der Spermatogonieawudberung. Es finden sieh große kuglige 
durchsichtige rirTTv nte mit zentralem bellen Kern und NuUeolas; die von den SertoU» 
Zellen foUikelartig umfaßt werden. 

Im Anschluß hieran haben wir noch kan das ebenfalls zuerst 
(1906) von Pick") beschriebene Adenoma tubuläre testieulare 
ovarii (auch Adenonua testiculare ovotestis grenannt) zn erwähnen. 
Hier hat sich ans einer Einsprengung von Hodenkanäl- 
chen und testikulären ZwischenTiellen in einen 
normal gebauten Eierstock eino (ies<^hwiilst entwickelt, von 
der Bich mikroskopisch mit Sicherheit der Nachweis erbringen ließ, 
daß sie von den Sertolischen Zellen abstammt Auch die Toll- 
koninaie Identität dieser Eierstockstamoreii uütHodeujeedehwületen 
ließ HUT den Sdhlnfi 'zu: Diese EierStoeksgeschwulst ist ein testi- 
kuläres tubuläres Adeucon. Sin ^treues Gegenstück zu der Pick- 
Bolien Keimdrfisengesehwulst beschrieb Sehickele") ebenfalls als 




Ludwig Pick, Über Neubildungen am Genitale bei Zwittern nebst Bei- 
trägen zui Lehre von den Adenomen des Hodens und Eierstocks. Berlin 1905. 

**) G. Schickftle, Adenoma tubulan ovarii testicuUtfe in Hagars Beitr. z. 
Geb. Q. Gth., Bd. 11» 1906. 



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88 I' Kuoitel: Uennapfaroditismtts 



Adenoma tubuläre ovarii testiculare. Der aus Bestandteileu dear 
männlichen Gösch l(H']itsdriise im Eierstock entstandenp Tumor ge- 
hörte einer SGjährigeu Nullipnra an von völlig weiblichi ni Habitus. 
Sie gebar ein Jahr naeh der Operation ein Kind. In dieselbe Gruppe 
gebort nach Auffassung von Josephson"^ aueb dei* selir interessante 
Fall, den 1915 Blair Bell'*) beBchrieben bat: 

einer Persoa, die im U. Lebensjahre zuerst menstruiert hatte, setzten 

nach Vj^ Jahren die Perioden aus. Sie bekam einen S c Ii n n r r b a r t und 
männliche Körprrbfhaaninfr; auch die? Schamhaarp zpigten tnannlirhen Typus. Das 
Aussehen wurde immer männlicher. Daneben bestanden weibUche Mammae und ein 
weibliches Qenitftle. Nur die Klitoris war ziemlich groB. Der linke Eiorstodc zeigt 
sich bei der ^-epcn einer GeschwulstbildunR vorsonommeripn Probelaparotomie 
pQaumengroß und testisähnlich. Die rechte Keimdrüse imponierte als etwas ver- 
Usinertes (hrarium. Ißkroskopisch' wurde rechts Ovarialsubstanz in Funk- 
tion festgestellt, links ein ,,ZyIinderzellenkarzinom". Darauf wurde der Fu]!du< uteri 
mit beiden Anhängen entfernt. Die Nacbunlersuclinngr der linken Geschlochlsdnisp 
führte Bell zu der Annahme eines Ovotestis. E>ie von den pathologischen Anatomen 
l>ei der Probelaparotomie fOr ein ZylinderzollMikarzinom gehaltene Neubildvmg zeigte 
Tubuli von mehrschichlitjcn, auch einschichtigen Zylindercpilhel und dazwischen 
Zwischenzellen nach Art der interstitiellen Hodenzellen, am Rande zriErte sich 
Orarialsubstanz mit G r a a f sehen FolUkeln. Diese Lagerung spricht aber mehr für 
ein tubnUlreB Adenom, als fOr ^nen regulftren Ovotestis. 

Höchst bemerkenswert war in dieBem Fall, der sich dnrdi be- 
aondßrs viel männliche Fnbertätszellen (Zwisehenzellen) und dem- 
entsprechend einen starken männlichen Einaeblait in den allgemeinen 

Ge.schleclitscharMkleren nnszeichnete, der weitere Verlnuf: Neun 
Monate nach der Operation hatte .sich das Au.ssehen dipser Person 
völlig verändert. Der S<'bnurrbart war verscli wunden, i Ix nso die 
Haare an den Beinen, die Stimme war höher geworden, die Haut 
zarter, die Konturen gerundeter, die Gesamtcrscheinung weiblicher. 
„So hatte die Ansfichaltung der männlichen Zwischen* 
Zellenhormone denBückgang der männlichen Sexual- 
Charaktere bewirkt** 

Trotzdem seit der Entdeckung der Zwitterdrüsen erat wenige 
Jahrzehnte verflossen sind — Eeuter beschrieb die ersten bei ge- 
trennt geschlechtlich lebenden Tieren im Ja1in 1^85, Snlon die 
ersten menschlielien 1899 — so haben sich auch hier bereits, wie 
überall, wo man auf sexualwissenschaftlichem Gebiet tiefer schürft, 
so viele Varianten ergeben, daß man alsbald zu Unterabteilungen 
gelangte. So unterscheidet L. Piek die germinale» vegetative und 
genninal- vegetative Form des Ovotestis; ger m in al nennt er die 
Zwitterdrüsen, in deren Gescbleehtsdrfisenanteil Keimzellen oder 
deren Vorstufen nachweisbar sind; als vegetative bezeichnet er 

J 0 s e p h s 0 n . Oin Hermaphroditismus vcros hos däggdjur och mftn^iska 
Upsala. Läkare forenings i'orhandlipgas, Ny föUd 1915, Bd. 21, H. 1 u. 8. 

, So' caUed troe Hermaphroditisin, witb the report of a case. Proceedings of 
the Royal Soe. of Med., Bd. 8, H. & Obst, and Gyn. Seet 1916^ & 77. 



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L KttHitel: Hermaidirodiüsmus 



89 



4iejeni§;«ii, welche zwar den gesdhleehtsspecifiBelieii Ban des Hodens 
oder Eieistocks zeigsen, jedoch keine Germinalzellen oder A^orläuf er 
von ihnen erkennen lassen. Besitzt nnr ein Teil — ^^pwöhnlich ist 
es 6er Hodenteil — diesen vegetativen Charakter, wnlirond der 
andere — meist der Eierstock — auch Keimzellen wahrnehmen läßt, 
so spricht er von einer vcgetativ-g-erminalen Form. Ziehen 
wir nun noch in Betracht, daß mit allen diesen Spielarten sowohl 
männliche wie weihliche Zwisehenzellen verbnnden sein können, so 
liegt es klar auf der Hand, welche Fülle Ton TeimlBohiingsarten anoh * 
hier wieder denkhar sind und vorkommen. 

üm das g-anze Gebiet des Hennaphroditismus nicht zu sehr 
durch Unterschiede zu verwirren, denn im Grunde will doch 
jeder einzelne Hermaphrodit für sich gewürdigt und betrachtet 
werden, tun wir schließlich doch am richtigsten, uns an größere 
Elehllinien zu halten. Als solche scheinen mir die folgenden am ge- 
eignetsten: 

Wir gehen von der Begriffshestimmiuig aus, daß der Heima- 
phroditismns eine Vermisohnnsr entgegengesetzter Qe* 
sehlechtseharaktere, oder um mit J. Orth zu reden, eine 

Verwischung der Geschlechtscharaktere ist. Die gemischten Ge- 
schlechtscharaktere können, wie wir dies im ersten Bande bei an- 
deren Sexunlstömn^^cn, bei.spielswei^f l>f^i der Früh- und Spätreife, 
f?nst'ührteii, sowohl den Genitalapparat betreffen, als die übrigen 
körperlichen Geschlechtsunterschiede, ferner aber auch die 
psychischen und- die psychosexuellen Geschlechtscharak- 
tere. Dementsprechend können wir die Geechleohtsübergänge in 
folgende Grappen einteilen: 

L Hermaphroditismns genitalis- (Zwitter im engeren Sinne), 
Misehung männlicher nnd weiblicher Geschleehtsor gane. 

IL Hermaphroditismns somattens (Androgynie), 

]tf ischnng sonstiger körperlicher Geschlechtsuntersehiede. 

HL Hermaphroditismns psychlens (Transvestitismns), 
Mischnng seelischer Gesehleehtsnntersehiede. 

IV. Her m. psyehosexnalis (Hoinoseznalität, Metatropismns), 
männlicher Gesohleohtstrieh heun Weihe, weiblicher 
beim Manne. 

Der genitale Hermaphroditismns ist der Hermaphroditisrnns 
im eigentlichen Siun, für den sich auch die Bezeichnuuj? Sexus an- 
ceps vorfindet, während C. Ben da die Ausdrüpke Pscudothelie 
nnd Pseudoarrhenie vorgeschlagen hat. Ein Pseudoweib kann frei- 
lich ebenso in iliren Genitalien ein Weib und in fast allem andern 
ein Mann sein, wie man darunter anch einen äußerlichen Mann mit 
weiblichen CSharakterzügen verstehen kann. Den somatischen 
Hermaphroditismns bezeichnen wir anch als Androgynie. Ant 



90 l' Kapitel; HwmaphiPditismqB 



den Ursprang und ursprünglichen Gebranoh beider Ausdrücke 
komme ich im nächsten Kapitel zor&ok. Der markanteste Fall de» 
psychischen Hermaphroditismus ist der TransTPst i tis- 
mus, "Während wir nntrr psychosexuellem Hermaphro- 
ditismus die Erscheinungen zusammenfassen, in denen Männer 
mehr einen weibliehen und Frauen einen männlichen Geschlechts- 
trieb <^rkcnnen lassen. Es fällt demnach in dieses Gebiet sowohl die 
Homosexualität und Bisexualität beider Geschlechter, als die 
AggresaionsinTenion» der Metatropismiis» beispielsweise der 
Masoehiamns und Snkknl^Ainits des Mannes nnd der Sadismus nnd 
Inknbismns des Weibes. 

In diesem Kapitel haben wir nns anssehliefllieh mit dem geni- 
talen Hennaphroditismns beeehäftigi Biese Vermisehung der 
genitalen Gesehlechtszeichen kann dieGescblechtsdrüsen, die 
Ansführungs- nnd Vereinignngsorgane betreffen. Dem- 
eutsprechend unterscheiden wir den Herrn aphroditismns genitalis 
glandnlaxis, tnbularis nnd oonjngalis. 

Der glanduläre Hermaphroditismus kann sowohl den gene- 
rativen als den interstitiellen Anteil der Geschlechtsdrüse 

betreffen, also die Keimdrüse nnd die Pubertätsdrüse. Der letztere 
nimmt insofern eine ganz besondere Stellung ein, als die weiteren 
noch zu behandelnden Hauptformen des Hemiaphroditisnnus, die 
Androgynie, der Transvestitismus und die Triebinversiouen letzten 
End€6 in ihm basieren. Der tubuläre und konjugale Hermaj^lirodi- 
tismus scheint weniger unmittelbar, jedenfalls nicht ansschlieBlich 
von den Homonen, welche in der Oeschleehtsdrnse f abiiziert wer- 
den, abzuhängen. Da aber diese beiden Formen, die man früher ge- 
wöhnlieh als externen nnd internen Psendohermaphroditismns 
bezeichnete, sowohl bei einer rein männlichen nnd rein weiblichen 
Keimdrüse vorkommen, aber auch mit Geschlechtsdrüsen vergesell- 
schaftet sein können, die weder männlich noch weiblieh sind, oder 
endlich auch mit solehen, welche beide Geschleehts- und Zwis<?ben- 
zfllpn zugleich enthalten können, kommen wir zu einer weiteren Ein- 
teilung, nämlich zu der der Hermaphroditismus masculiuus, 
femininus, neutralis und dualis. 

Für einen wahren und falschen Hermaphroditismus ist in dieser 
Einteilung kein Platz, denn ganz mit Recht sagt Sauerbeek : „Die 
Diagnose Hermaphroditismus nur da stellen, wo funktioniereude 
Drüsen beiderlei Oesehlechts yorhanden sind; ,ist' logisch gleioh- 
wertig mit der Forderung, keinen Menschen vor Nachweis der 
Vaterschaft oder Mutterschaft zum einen oder anderen Ge- 
schlecht zu zählen.'* 



') Loc cU. 69a 



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1 Kapitel: Hamupbfoditismiu 



91 



HinBiehtlieh des glandulären HefrmapliToditasnins konnte man 
die Einte i 1 u n g beibehalten» ««lohe Klebe seineiaeit für den „wahren'' 

HermaphroditiBmus vorschlngr: 

H. gl. b i I a t p r n 1 i B , wenn rechts nnd links Hoden- und Eier- 
stocksgewebe vorhanden ist, 

H. gl. iinilateralis, wenn nnr auf der einen Seite beide 
Geechlechtsdrüsenteile nachweisbar sind, auf der anderen Seite ent- 
weder nnr das eine oder andere;, dies scheint beim Maischen der 
hftnf igste Fall zn sein. 

H. gl. lateralis» wenn sich auf der einen Seite nnr ein Eier- 
stock, auf der anderen nur ein Hode vorfindet. 

Jedoch ist zu bemerken, dafi bisher niemals, wie es sich 
IClebs vorstellte, räuTnlich voneinnriflpr crpfrennte fr o ti n d o n 
beiderlei Geschlechts wahrgenommen wurden, sondern immer 
nur eng miteinander verbundene von der Gestalt der ovotestes. 
Es ist diee auch nach der Entstehungsgeschichte der Geschlechts- 
drOsen ans dem sich aus einer einheitlichen Anlage differenzieren- 
den Eeimepithel das wahrseheinliehere. 

Bei den Zwitterbildungen der Ansf ührnngsgänge nnd Konju- 
gationswerkseuge kommt es auch vor, daß männliche und weibliche 
Stücke, die entwicklnngsgeschichtliche und funktionelle Ana- 
logien darstellen, nebenein ond^r vorknnmiprt, wie etwa ein 
Samenstrang neben einem Eileiter, oder gleichzeitij? Uterus und 
Prostata. Ebenso häufig aber ereignet es sich auch, daß männliche 
und weibliche Teile durcheiu and ergemischt sind, so daß das Indi- 
vidunm beispielsweise einen Uterus nnd Samenleiter, aber keine 
Prostata nnd keinen Eileiter besitzt Ein Elinteilungsprinzip ans 
diesen Versehiedenbeiten herznleiten, ist bei der Fülle der 'theore- 
tisch mögliehen nnd tatsächlich vorkoiiunenden Kombinationen nicht 
angebracht. 

Es mag endlich noch erwähnt werden, daß aiK'h in den 
äu ßer en Genitalien neben der bei weitem häufigeren \ « rmischung 
männlicher und weiblicher Geschlechtsmerkmale, wie beispielsweise 
dem Vorkommen von Glied und Scheide untereinander eine 
Nebeneinanderlagerung der aus derselben Uranlage hervor- 
gegaugeaen Genitalien, wenn auch ungemein selten, beobachtet ist 
Ältere Hermaphroditenforscher nnterschieden dec^ialb meist bei 
Zwittern eine Snpraposition nnd Juxtaposition der männ- 
lichen und weiblirh n Genitalien. Noch Arnaud (1766) veröffent- 
lichte Bilder und Beschreibungen von Zwittern, die nebeneinander 
männliche und weibliehe Schamteile, also ein Skrotum neben einer 
Vulva oder einen Penis neben einer Klitoris besitzen. Da aber die 
• Fälle ungemein selten sind und sicherlich die Berichte der Alten 
in dieser Hinsicht oft phantastisch ausgeschmückt sind, erklärte 
aoihliefilißh Oesterlen in MasclikaB Handbndi der geriohtlieben Medi- 



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92 ■ * I- K»pitel; Hermaplitoditisiniis 

sin (Bd. m, S. 64) tmd AUfeld und Nagel wareiL deraelbeiL Meiniizi^: 
„Eine gleiehaeitlge Entwicklung männlicher und weiblidier äußerer 
Teile nebeneinander kommt nicht vor, weil diese Teile aus 

derselben embryonalen Anlage hervorg'eben." Gleichwohl irt aber' 
die Möglichkeit einer doppelten Mißbildung nicht völlig anszu- 
scbließen. "Wiftsen wir r\nnh, daß eine VoHoppp1nn<r der äußeren 
Schamteile durch Keimspaltong, beispielsweise zwei Penis^e bei ein 
und derselben Person, als sehr prroße Rarität vorkommen, 
dann ist es aber auch nicht uumöplicli, daß sich allerdings als- eine 
noch viel größere Rarität aus der Doppelbildung nebeneinander auf 
der einen Sdte ein Penis mit Skrotom, anf der anderen dne Vagina 
mit Klitoris formt Baß aber solche Doppel|ormatlonen anch 
tatsächlich beobachtet wurden, «eigen der Warschaoer Fall Neu- 
gebauers aus dem Jahre 1894 und der 1905 in der Zeitschrift für 
Medizinalbeamte (Nr. 1 8) beschriebene Fall von Mayer. * Beide 
Male fanden sich die Geschlechtsteile beiderlei Geschlechts neben - 
einander gelagert vor; im Neugebanerschen Fall waren die weib- 
liehen beinahe normal, während die männlichen rudimentär er- 
schienen. Er diagnostizierte: „Juxtapositio organorum sexuaiiiun 
externorum utriusque sexus." Bemerkenswert ist, daß in diesen 
Fällen knck andere schwere Entwicklungsstörungen bestanden; 
im Warsohaner Fall lag ein Anns praetematnralis vnlTaris tot, 
der Mayersche Jnnge besaß ein Überzähliges drittes Bein, bestehemd • 
aus Unterschenkel, FuB nnd 4 Zehen. Es wuchs aus dem rechten 
Oberschenkel hervor und wurde entfernt, als der J unge 3 Monate alt 
war. Diese Befunde beweisen, daß die Verdoppelung und 
hennaphroditische Juxtaposition der Genitalien als ein un- 
gleich tiefergreifendes Dcgcnerationsmerkmal zu erachten ist, als 
die einfache Vermischung der Geechlechtscharaktere. 



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II. KAPITEL 

Androgynie 

Die UermaphroditendarstelluDgen antiker Künstler — Diskongruenz ist nicht 
nmoar Disharmonie ~ Ente und weite Faeam« des Zwitterbegriffes — 

Hypoplastische, metaplastische und aktivierte Androgynie — 
Endokrine Zusammenhänge — Propter andrinum vir id est, quod est — 
Propter gynaecinum mulier id est, quod est — Die von Steinach 
«ipeiimraite& bewiilto Term&nniiehuiig, Verweiblichung und Zwitt- 
rigkeit — Die geschlechtsspezifischc Beschaffenheit der Gonaden — 
Männliche und weibliche Erotisierung — Antagonismus der Sexual- 
' hormone — Tabellarische GefenOberatellun? der Qeschleehtetypen: Mann,Wdb, 
weiblicher Mann, männliches Weib (M., W , v. M , mW.) — Unterschiede in Körper- 
?röf?p>, Knochenbau, Schädel, Becken, Gelenken, Muskulatur, Händen, Handschrift, 
Mimik, Gestik, Gang, GruB, Fettgewebe, Haut, Kreuzbeingrübchen, Ausdünstung, Haar- 
Usid, liüdidiOseii, Keblki^, Stimmt AtmtmK — Wdblidm areus und mftimtirJMy 
angulus — Geschlechtliche Verschiedenheiten der inneren Organe — : Ober- 
?f wicht der Brust orpane be im Manne und Bauch organe beim Weibe — Differenzen 
m der Zusammensetzung des Blutes — Die Vasomotoren femininer Männer — Ge- 
scblechtscharakter der innersekretorischen Drüsen {Schilddrüse, Hypophyse, 
Zirbel, Nebennieren, Thymus, Pankreas und Epithelkörperchen) — Die größere Häufig- 
keit der Basedowschen Krankheit bma. Weibe und Addis onschen Krankheit 
beim Manne — Hypophysenverind^ung durch die Schwangerschaft — Gesehleebts- 
eigentlünlichkeiten der Gehirnstruktur — Stärkere Entwicklung des Mnskel- 
Zentrums beim Manne und Sprachzentrums beim Weibe — Die größere 
Nervemnasse des weiblichen Rückenmarks — Verschiedenheit der Gefühlsbetonung 
und Gesehmabksriehtong — Farbenblindheit zehnmal hlnfiger bei Männern 
als bei Frauen — ■ Die weibliche Labilität — GemQtsbowejrunsen und Mienenspiel der 
Androgynen — Ü b e r e m p f i n d 1 i c h k ei t femininer Männer und Unter- 
empfindlichkeit viriler Frauen — Männliche Hysteroneurasthenie 
als Folge der femininen Konstitution (gutachiliehes Beispiel) — Parallelismus zwischen 
/■'■niininen Einschlägen" beim Manne und ,,c i n p c s p r e n fr t en" Eierstocks- 
gewebe, sowie „virilen Einschlägen" beim Weibe und eingesprengten 
Bodenzellsn im ^ersto«^ — ^ Unbegrenzte Hannigfaltigkdt androgyner Tadanten 
Besonders häufige Kombinationen androgyner Einzelerscheinungen — Über das Ver- 
hältnis genitaler körperlicher, seelischer und psychosexueller Geschlechts- 
at ypien — Diagnostische Bedeutung des Geschlachtsgefühls und Geschlechts- 
willehs — brlümlidier Hbmoswualitätsverdaeht — Dw androgyne Drang 
Außenprojektionen des endokrin bedingten Feminismus und Masculismus — über- 
gewicht der sexuellen Psyche Ober das Somageschlecht — 
Androgyne Wunsch- und Phantasie vorstellimgen — Bartbaß femininer Männer 
und Brusthaß viriler Frauen — ' Der androgyne Wahn — Beispiel eines an sefna 
Weibbrflatigkeit fixierten Mannes mit eharakteristuehen BiieErteUen. 

Wenn wir uns die aus dem Altertum übernommenen bildlichen 
Darstellungen von Hermaphroditen betrachten, deren fast jedes 
Antikenmnsetiiu eines oder mehrere besitzt, so werden wir bald ge- 



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94 ^ kapitel; ^Uidrogyme 



wahr, daß dasjenige, was die Alten als Herrnapiiroditismus In-zeich- 
neten, keineswegs mit dem übereinstimmt, was wir darunter ver- 
«teheiu Eiaiim eines werden wir unter diesen zahlreiehen Bild- 
werken finden, desBen GeeehleclitsoTsrnne z^tterhaft gebildet 
sind, yielmehr seigen alle antiken Heimaphioditen männliche, wenn 
aneh oft auffallend kleine Genitalien. Neben diesen findet 
eich dann, nnd dies erschien offenbar den Alten als das Wesentliche, 
ein weiblicher Körperbau, vor allem sind stets weibliche 
Brüstp vorhandpn, außerdem «ind fnst immor npsiehtsan?dnick und 
Haarschmuck, Beckenbildung und Körperhaltung weiblieh. Die 
griechisch-römische Überlieferung legte Wert darauf zu betonen, 
daß diese Hermaphroditen keine Phantasieprodnkte des Künstlers, 
soaderu dem Leben uacbg-ebildete- Manschen seien, beispielsweise 
wild von der berühmten Bildsäule dea Hermaphroditen in Btnn, die 
Poliklet ^?«rfertigte, anfidrfloklieh vermerkt,' daS aie genander 
Natnr nachgemeifielt sei. 

Der jetzige klinisohe Begriff des Hermapbroditism na 
als einer Vermischung von männlichen und weibliehen OeechlechtS' 
seilen, Geschlechtsdrüsen oder Gesehlechteorganen im engeren Sinne 
entspricht also kcineswetr^ dcm> wn«^ mnn ursprünglich darunter ver- 
etanden hat. Wenn wir gleicliwohi dafür sind, den Ausdruck in 
seiner ^regenwärtigen wissenschaftlichen Bedeutung beizubehalten, 
sü gescliieht es in erster Linie, weil die Bezeichnung sicli seit 
mehreren Ja hrli änderten so fest in die medizinische Nomenklatur 
eingebürgert hat, daß ihr gewissennaBen ein hietorischer Charakter 
innewohnt* Von einigen Faehediriftatelleni, wie Erafft-Ebing und 
Halben, ist freilich dieaem Ausdruck neuerdings wieder ein viel 
weiterer Umfang gegeben, als er bis vor wenigen Jahrzehnten besaß. 
Diese Autoren sprechen nämlich auch von psychischem und 
psycho sexuellem Henmphroditismus und verstehen darunter 
männliche Seelen- und Op«:chleehtsregungen hfim weib- 
lichen und weibliche heim numnlichen Geschlecht. In seinem Ureinn, 
mangelnder Übereinstimmung zwischen den äußeren Körperformen 
t5nd den externen Geschlechtsteilen, und zwar weniger im Sinne 
eines Minus als eines köri>erlichen Plus, mehr einer Diskon- 
gruenz als einer Dishaimonie, in dieser sweifellos den bildenden 
Knnfitlem von HeUas vorschwebenden Auffassung wird der Name 
in der gegenwärtigen Faehliterator jedoeb kaum noch gebranoht. 

Allerdings hatten die Alten nodi einen anderen Ausdruck, den 
sie fast gleichbedeutend mit Hermaphroditismus anwandten; An- 
drogynie. 

Wie sich llermaphroditismus ans Hermes als männlichem und 
Aphrodite als weiblichem Göttemamen zusammensetzt, so ist „An- 
drogynie" und die seltenere Umstellung „Gymmdrie" aus der mensch- 
lichen Mannes« und Weibesbezeichnuug, äv^Q und gebildet. 



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IL Kairitel; AndiogYnie 95 

Hit diesfer Doppelbeseichnang wollten die Alten im Gegen- 
eatz zum Voll mann und Vollweib etwas Gemischtes, nämlicli die 
weibliche Körperbeschaffenheit bei einer männlichen und die mann-» 
Wehe hfl einer weiblichen Person kennzeichnen. Es empfiehlt sich 
daher und ißt durchaus berechtigt, diesen Terminus in seiner ur- 
sprünglichen Bedeutung beizubehalten und ihn im Unterschied von 
dem auf das genitale Zwittertum beschrankten Begriff Hermaphro- 
ditismns anzuwenden. Daß allerdings auch die Androgynie, wie jede 
kSrperliohe nnd eeelisohe Misehfonn, letzten Endes in einer zwittrig 
ffemisehten Beaehaffenheit der GeBe}Lledit8drÜBe&, also im genitalen 
Hermaphroditismus wurzelt, wußten die Alten ni(^i. Diese Er- 
kenntnis ist erst eine Errungenschaft unserer Tage. 

Die reine Krfahnmgstatsaehp der Androgynie, das Bestehen 
männlicher Somacharaktere bei weiljlichem Genilaiapparat und um- . 
gekehrt, beweist, daß die formative Ursache, welche die 
primären Geschlechtsorgane differenziert, und diejenige, welche 
den sekundären Oeschleehtsmerkmalen, wie Bart, Brust, Kehlkopf» 
ihre Entwicklung vorschreibt, nicht in eins znsammenfällt. Ziehen 
wir aber in Betracht, dafi häufig primäre nnd sekundäre AV 
weiefanngen vergesellsehaftet vorkommen, beispi< Isweise eine tiefe 
Franenstimme zusammen mit einer großen Klitoris, eine hohe 
Mnnnerstimreo bei Hypospadie, so gelang'en wir dennoch dazu, eine 
gewisse Wechselwirkung zwischen den Sexualhormonen, die an der 
genitalen und somatischen Geschlechtsentfaltung beteiligt 
sind, anzunehmen. Dieser Zusammenhang im endokrinen Walten 
erhellt auch schon daraus, daß in der übergroßen Mehrzahl der Fälle 
tatsächlich eine weitgehende Übereinstimninng zwischen den geni- 
talen und somatischen Geschlechtscharakteren vorliegt. Über die 
hier herrschenden Abhängigkeiten hat bereits vor über 50 Jahren 
Virchow, trotzdem er über das Wesen der inneren Sekretion damals 
noch nichts wußte, sehr beachtenswerte Äußerung-en ß-emacht. Er 
knüpfte an rlen Ausspruch von Hclniont: „Propter solum uterum 
lüulier id est, quod est" an; dicbtii Satz hatte nach Hegrar („Korre- 
lationen der Keimdrüsen und Geschlechtsbestimmung", Beitrüge zur 
Geburtshilfe und Gynäkologie, herausg. von A. Hegar, 7. Bd., 2. H.) 
der französische Arzt Ghöreau verändert in: „Propter solum 
evarinm mulier id est, Quod est'\ Virchow nahm die Sentenz auf, er- 
gänzte und erläuterte sie (Gesammelte Abhandlungen zur wissen- 
schaftlichen Medizin, 1862, S. 47) wie folgt: „Das Weib ist eben 
Weib durch seine Generationsdrüsc. Alle Eitr^-nliim- 
lithkeiten seines Körpers und Geistes oder sniucr Ernährung und 
Nerventätigkeit, die süße Zartheit der Rundung der Glieder hei der 
eigentümlichen Ausbildung des Beckens, die Entwicklung der Brüste 
bei dem Stehenbleiben der Stimmorgane, jener schöne ^chmuck des 
Kopfhaares bei d^ kaum merklichen Flaum der übrigen Haut, 



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96 Kapitel: Androgynie 

und dann wiedemm die Tiefe des Gefühles, die Wahrheit der un- 
mittelbaren Anäehaaiuig» diese Sanftmut, lüngebnng und Trone — 
kurz alles, was wir an dem wahren Weibe Weibliehes bewnndem 
und Terehren, ist nnr eine Dependens des Eierstocks. Man 
nebme den Eierstock hinweg, und das Mannweib in seiner häS-' 
liebsten Halbheit, den groben Formen, den starken Knochen, dent 
Schnurrbart, der rauhen Stimme, der flachen Brust, dem miß- 
prünstipren, selbstsüchtigen Gemüt nnd dem scharfen Urteil steht 
vor uns/* 

Daß es sich bei rliosr r I'oeinflussimcr allerdings nicht um den 
ganzen Eierstock handelt, soadern nur um einen bestimmten Anteil, 
nämlich die interstitielle Pnbertätsdrüse, war Virchow unbekannt. 
Jetzt kdnnen wir hinsichtlich der von ihm mit fast dichteriacheni 
Sehwonur geschilderten Eigenheiten der weiblichen Korper- nnd 
Seelenart schon wieder einen Schritt weitx^rgehen imd sagen: 
„propter intemam celullarum secretionem pubertatis liomo id est, 
quod est", oder: „propter gynaecinum mulier id est, quod est" und: 
„propter andrinum vir id est, quod est". 

Um in das Verständnis der für die Begriffe männlich, weiblich 
und mannweiblich ausschlaggebenden Kausalität einzudringen, ist 
es unumgänglich nötig, sich in die St ein ach sehen Versuche zu 
▼ertiefen. Sie erklären vieles, was lange dunkel lag, in überraschen- 
der Weise 

Die von Professor Eugen Steinach hl Wten seit ä/em Jahre 1904 in sehr 
methodischer und exakter Weise anRcstolMen Versuche, welche dahin gehen, die durch 
Verpil an Zungen der Geschiechtsdrtisen bei Tieren erzielten Wirkungen zu 
ttodieren, haben sich fttr das ganze Gebiet der sexuellen Physiologie als gnmdlegend 
erwiesen. 

St ei 11 ach knüpfte an die äußren Tlnlersuchungr-n von Nußbaum an. 
Dieser schiütl Froschmännchen die Hoden aus und Leobuchtete, daU bei den so präpa- 
rierten Heren die Eniwiddung der ißt die Brunstzeit eharakteristisehen Daumes' 
Schwielen ausblieb, mit denen die Männchen hei der peschicchüichcn Umklamme- 
rung die Weibchen lestholten. Brachte Muübamn nun aber den kastrierten Kroscb- 
männebien Hoden, die er andern Froschm&nnehen ausgeschnitfen hatte, oder einen 
Brei von zerriebenen Hoden unter die Haut, so entwickelten sich alsbald Daumen- 
schwielen bei den kastrierten ATfmnchen. NnBhaums Versnche lehren, daß die Ge- 
schlechtsdrüsen ihre Wirkung aui den Organismus durch Stoffe ausüben, die aus ihnen 
auf dem Wege des Blutes nach ▼ersehiedenen Organen gelangen. Diese werden 
dadurch in ihrer Gestaltung und üirer T.Ui' keit in uanz bestimmter Richtung bccin- 
fußt. St ei nach schloß sich nun an die Nußbau mschcn Versuche zimächst 
insofern an, als er kastrierten Froschmännchen Hodensubslanz, die brünstigen 
Fröschen entnonuncn war, unter die Haut spritzte. Die kastrierten Fvoseiunftaneben, 
die keine Spur von IJmklammerungs- oder Bcsattungstrieb zeigten, ließen diesen 
12 bis 24 Stimden nach der Injektion von Hodensubstanz in deutlicher 
Weiss flikennen, und vsar in 88 Pros, dsr Fiüs. Dann und wann trifil man nun 
unter den Fritsdien in dsr freien Natur M&nndien, denen der Thnklanunetungstiieb 

I) Die folgenden Ausführungen sind einem Yortrtfe entnonunm, den ieb-iltt 
November 1916 in Berlin gehalten habe. 



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II. Kapilel: Androgynie 



97 



In der Branstx^ iindieh feSiK. Stdiutdi find unter ttiadi gefangenen FrOsehen 

4 bis 8 Proz. solcher Individuen. Spritzte er diesen Tieren ITodensiltelaM unter die 
Haut, so stellte sich auch bei ihnen der Umklammenin^sfri b rin 

Steinach legte sieb darauf die irage vor: W o grüiit das uuiere Sekret des Hodens 
la, wenn es die RwwfJiiminiftlwn brünstig maehl, d.'h. den UniUaaimerungtltid» 
in ihnen wachruft. aller Lehrer Goltz in Straßhurg u. a. haben nun schon 

iräber gezeigt, dafi der Umk lammerungstrieb des Froschmannchens objektiv einen 
avTdsen Reflex darstellt, der ausgelöst wird, wenn die Brusthaut des Männchens 
mechanisch gereizt wird; sie umklammern dann auch Holzstflcke und tote Gegen- 
slfmde, die man ihnen vorhält. Steinach -nrtp sich nun, daß aller Wahrscheinlichkeit 
nach die von den Geschlechtsdrflscn gebildeten Stoffe, die den UmklammerungsreflüX 
berbeifOhren, am ZentralnerTensTstem angreifen weidai. Um diese yor- 
«ttssetzung zu prflfen, spritzte er kastrierten Fröschen einen Brei aus Gehirn 
und Rückenmark ein, die er brünstigen Froschmännchen entnommen hatte. Die 
kMtherten Froschmänuchen umklammerten jetzt genau so den vor ihnen befindlichen 
Gemiatand, als ob ihnm Hoduisiibsfans eingespfiUt wordia wirs. Si>ritzte aber 
danach den kastrierten Froschmännchen zerriebene Leber* oder Muskel- 
substan?: von brünstigen Froschmännchen ein, so tjcwannen die Kastraten den 
Umklammerungstneb nicht wieder. Ebensowenig trat er em, wenn man ihnen 
dnen Brd aus Gehirn und HQekenmaik von nie bt brünstigen FrOsehen onsmitzte. 
Ibmentüch erwies sich auch Hodensubstans TOn Männchen, die schon abgelaicht 
batten, deren Bmnst also schon zu Fndp war, als wirkungslos. Aus diesen Versuchen 
konnte mit Sicherheit der Schluü gezogen werden, daß in der Brunst in den Ge- 
schleebtsdrQsen apesifisebe Stoffe eixeiigt und an das Bhit abgegeben werden, 
ät am Zentralnervensystem angreifen und es, wie Steinach sagt, ^erotisieren". 

Noch wich'iL'cro Resultate ergaben nun weitere Exriorimenf", äle der Wiener 
Physiologe an Hatten vornahm. Er kastrierte jugendliche Hattezunännchen im Alter 
von 3 bis 6 Wochen. Bei diesen kastrierten Tieren blieben alle körperlichen und 
DSfebischen Geschlechtsmerkmale auf kindlicher Stufe stehen. Wenn Steinach nun 
aber einem kastrierten jugendlichen Männchen die herausgeschnittenen Hoden an 
ifgoideiner andern, gleichgUiüg welchen Stelle im Körper, z. B. auf den ßauchnxuskeln 
waütt einnähte, so entwickelten sich die Tiare cur rollen Männ- 
lichkeit. Hdlten die Hoden auf ihrer neuen Unterlage nicht an — wie das bd 
Organverpflanzungen gfftmlkh hftufig voikanmtt dann veihielton sich die Tiere 
wie Kastraten. 

Die Ergebnisse ffiesfr Oberpflanzungsvenuche bestätigen demnach, was auf 

Grund der Versuche an kastrierten Fröschen zu erwarten war, und zwar sowohl was 

die Ausgestaltun? der Geschlechtsmerkmale, als was die 
Erotisierung des Zentralnervensystems durch das seiner 
Zeit von mir „Andrin" genannte innere Sekret betrifft; sie 
zeitigten aber nodi einen anderen bedeutsamen Befund. Als man nämlich die Hoden, 

die auf der neuen Unterlage angewachsen waren, mikroskopisch untersuphtp pfcllte 
es sich heraus, daß in ihnen die samenbildenden Kanälchen völlig verkümmert 
waren, währenMl die Zwiscbensubstanz in den verpflanzten Hoden staik zur 
Auabildung gelangt war. Es hatten sich also bei den operierten Tieren die männ- 
lichen Eigenschaften voll entfaltet, ohne daß sich in den Hoden auch nur eine einzige 
Samenzelle entwickelt hatte. Aus dieser Tatsache folgerte Steinach, daß die Er- 
zeogmig der chwanisehen Stoffe für die innere Absonderung und die Err 
Zeugung von Samenzellen zwei voneinander unabhängige 
Aufgaben der Geschlechtsdrüse sind, daß die Hoden sozusagen eine doppelte 
iiruse sind, in der die samenliefernden und die innersekretorischen Zellen sich nur 
topogmphiflch, örtlich eng b«Qhien. Der eine Anteil der GeschlechtedrQse liefert die 
Samenzellen für die äußere Sekretion, der andere die chemischen Stoffe, die auf 
dem Wege der inneren Sekretion zur Entwicklung der körperlichen und psychi- 
schen Geschlecbtemericmale bestimmt sind, welche wir zur Zeil der Geschlechtsreife 
Hirse kteld, Snualpatholegie. II. 7 



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98 



U. Kapitel: Androgynie 



(PnMHftt) auftreten sehen. Steinach bezeichnete demzufolge den inneraekretorischc^n 

Anteil der Geschlechtsdrüse durchaus eiitsprt clienil als Pulirrtätsdrüsc. 

Beachtenswert ist ferner folgende Beobachtung: .sieinach sah, dali sich bei einigen 
der überpflanzten Tiere der Geschlechtstrieb in übernornaaler Weise geltend 
machte; sie erzwangen die Begattung bei nichtbrOnstigen Weibchen, was normale 
Männchen nicht tun. Bei diesen Tieren konnte man nun deutlich w ahriu'hm« n, daß 
der innersekretorische Anteil, die Zwischeosubslanz, sich auf der neuen 
Unterlage ganz besonders stark eniwidtelt hatte. 

Die nächste Frage, die nun auftauchte, war die nach der Geschleehls- 

s p »■ z i f i l ;i l der Keimdrüsen. Liefert die n\.'inrj liehe und weibliehe ruhetL-ilsdrüse 
ein inneres Seicret, dessen Wirkung hinsichtlich der Entwicklung der Ueschkchts- 
mericmale gleich ist, oder liefert sie ein geachlechlsspezifiscbes Sekret, das im Falle 
einer männlichen Pubertätsdrüse eine Entw^icklung männlicher Ge- 
schlechtsmerkmale und im Falle einer weihlichen PubertätsdrOsfl 
die Bildung weiblicher Merkmale aus der einheitlichen .Uilage des Körpers 
heraus anbahnt? 

Steinach stellte folgende Erwägungen an: Ist die Wirkung der männlichen und 
weiblichen Pubertätsdrüse ßleirh, dann muß es auch slpichpüllig sein, ob man einem 
kastrierten Männchen Hoden oder Eierstocke unter die Haut einsetzt. In beiden 
FtUen noQfite sich der Körper des mflnnlichen Kastraten zur Hftnnlichkeit entwickeln. 
Sind aber die Wirkiinpeu versrhieileii, also pe.srhlechlsspezifisch, dann inriüdn bei 
der Verpflanzung eines Eierstocks in ein kastriertes Männchen nicht die männlichen, 
sondern die weiblichen, und bei der Verpflanzung eines Hodens in ein kastriertes 
Weibchen nicht die weiblichen, sondern die männlichen Geschlechtsmerkmale zur 
EntwickluiiR kommen. Es müßte also, falls diu Wirkung der Pubertätsdrüse ge- 
schlechtsspezifisch ist, gelingen, die Geschlechtsmerkmale eines kastrierten Tieres 
durch die KeimdrOse willkarlich zu bestimmen, wdche man in seinen 
Körper verpflanzt. Es müßte, wie Steinach sich ausdrückte, möglich sein, e t n 
Männchen durch Kastration und fUM-rpflanzung von Eier- 
stöcken zu verweiblichen und ebenso ein kastriertes Weib- 
chen durch Einsetzung von Hoden zu vermännlichen. Dies« 
Experimente sind, wie ich mich selbst in Wien duich Augenschein an zahlreichen 
'i'ieren überzeugte, glänzend gelungen. 

Es wurden jungen Ratten und Meerschweinchen die Hoden bzw. Eierstöcke 
herausgeschnitten und dann den kastrierten Männchen Eierstöcke, den kastrierten 
Wt'il)chen Hoden unter die Haut des B a u c h f s genäht, und zwnr wurden 
zu diesem Austausch gleichaltrige, meist Geschwistertiere aus einem Wurf genommen. 
Bei den kastrierten Männchen, denen Eierstöcke eingesetzt waren, war in 14 Tagen 
alles verheilt. In 50 Proz. der Fälle heilten die ausgewechselten Keimstöcke gut an. 

Es ersah sieh nun folgendes : Der Ge^chlechtsapparat der Eierstock 
mannciien kam nicht zur Entwicklung, sondern blieb auf kindlicher Stufe stehen. Daa 
besagt» dafi das inneise Sekret, welches den Geschleehtsappanit zum männlichen 
Wachstum anregt, im Sekret der weihliehen Puhertats lrüse n i c h t e n t.h alten i.<l, 
JJie hier wirksame Drüse (vielleicht die Thymus) konnte bisher noch nicht mit Sicher- 
heit festgestellt werden. 

Es zeigt sich sogar, daB der Geschlechtsapparat der Eierstockmännchen in seiner 
Entwicklung hinter der heim einfaelien Kastraten z u r ü c k b 1 e i h 1. Deninaeli 
dürften im Sekret der weiblichen PubertäLsdrüse Stoffe vorhanden sein, welche die 
Entwicklung der männlichen Geschleehtspieikmale unterdrücken, hemmen. Die 
hemmende Wirkung der weiblichen Pubertätsdrüsc auf die Entwicklung der männ- 
lichen Oeschlechtsmerkmale zeigt sich auch deutlich in dem I'infhiB. den die weib- 
Uche i'uberlatbdrüse auf das Wachstum der Eierstocknuifuiclun ausübt. Das 
stärkere Wachstum, die robuste Figur, die kräftige Entwicklung des Skeletts 
sind bei diesen Tien n, ähnlich wie beim Menschen, typisch männliche Merk- 
male. So wiegt durchschn iiilich im Alter von 12 Monaten ein normales Halten- 




99 



oiaiuicheD g mehr als ein gLeichallriges Weibchen. Es zeigt sich nun, daß das 
nisDädie Wachstum bei den Eierstockmämicben unterdrflckt und in weibliche 
Bahnen gelenkt wird. Wenn Steinach beiapidsveise von vier männlichen 

Ratten aus einem W\irf drei mit KiiTstnckon versah, so wor schon nach 8 Monaten 
<iei normale Bruder 7U bis ltX> g mehr als die Eierstockmännchen. Die Dillerenz war 
«lao noch graBer als swiadien M&nnchen und Weibeben. DaB nicht etwa die Kastra* 
tioii oder die Oporalion als solche daran schuld war, geht daraus hci-vor, daß der 
Kastrat aus demsellien Wurf b e d o u t e n d s c h n e 1 ! e r w ä c h s t als das FÜPTstock- 
mä Hachen. Die Kierstockmännchen nehmen auch die Kopfform von Weibchen an. 
Se bAeaunen einen kleineren and schlankeren Kopf, ähnlich wie die Weib- 
chen; ihr Brustumfang ist geringer als beim Männchen oder Kastraten; ihre Körper- 
l»n?p entspricht der eines normalen Weibchens l>as ganze Skelett Tind jr-dr-r einzelne 
Kiiociien weist, wie die Röntgenuntersuchung lehrt, beim Kierstockniannclien die 
weibliehen DurehschnittsmaBe auf. 

Die Eierstockmännchen bekommen einen Fettansatz; das lange, derbe, struppige 
llaar der .Männchen nricht dem kurzen, feinen, weichen, Reschmeidigon Haar der 
Weibchen Platz, so daß man das Eierstockmänncheu schun allein durch Streicheln 
mit der Band von seinem normalen Bruder unterscheiden kann. Besonders inter- 
essant ist das Verhalten der Brustdrüse beim femininen Männchen. Sie ent- 
rkkelt sich nach Kinpflanzung des Kierslocks in Form und Grüße wie beim normalen 
Weibchen. Die mikroskopische Untersuchung ergibt, daß es sich um die wohlaus» 
KbQdete BnistdrOse eines reifen Weibebois bandelt. Zuweilen entwickelt sich die 
Brustdrüse beim Eierstockmännchen noch weiter als beim jungfräu- 
lichen Weibchen. Sie fangen an, normale fettreiche Mik:h abzusondern. 
„Wenn man zu SO fenünierten Meerschveinchennülnnchen," schreibt Steinach. „Junge 
setzt, so werden sie von diesen sofort als Milchtiere erkannt und verfolgt. Sie nehmen 
die Jungen an. sie säugen und zeigen bei diesem komplizierten physiologischen Akt 
eia Wohlgefallen, eine Geduld, Haltung und Aufmerksamkeit, wie solches sonst nur 
bei normalen Tugenden Weibdien zu beobachten ist, 0ie umstimmende Kraft der 
weiblichen Pubertätsdnisen hat aus dem ursprünglichen Männchen im Äußern und 
im W ; n pin Weibchen, eine säugende, liebreiche, sorgende Mutter ^'emacht." 

-A^uch der Geschlechtstriel) der Kicrstockniännchen ist 
feminiert, d. h. weiblich geworden. Sie iiabeu kerne Spur von mäuu- 
tidieni Aggressionsdranff und verfolgen das brOnstige Weitichen in keiner Weise. Da- 
?esen üben sie ihrerseits auf die normalen Männclieii eine Anziehun? aus, werden 
von diesen vorfoiRt. besprunueii und wehren sicli ge«en den Aufsprung ganz nach 
Art der Weibchen; sie sind — um es kurz mit Steinach auszudrücken — „weiblich 
erotisiert". 

rntersucht man die angeheilten Eierstocke mikroskopisch, so überzeugt man 
:nch, daB gewöhnliche Eizellen in ihnen kaum vorhanden sind. Dagegen ist 
wiederum (wie bei den überpflanzten Hoden) die Zwischensubstanz stark 
i^otwickelL Es kommt demnach bei der Entstehung der körperlicheli und psvdiiachen 
Deschlechtszeichen nicht auf das Keimpewobe an, sondern analog den männ- 
licheo Pubertätsdr üseu auf spezielle Zeilgruppen. Denmach 
nnd auch im Eierstock zvü Drtlsen 'Ertlich v^äbiinden: di^en^, wekihe die Eizellen 
liefert, und di e weibliche Pubertä tsdrflse, «eiche einen spes^fisdioi Stoff, 
du „Gyn ä z i n", nach innen absondert. 

In Parallele zu den Yerweiblichungsversuchcn an Männchen hat Steinach Yer- 
sudisrahen ausgefOhrt zur Vermftnnliehung von Weibehen, und zwar 
wi gleich günstigem Erfolg. Die überpflanzten Hoden wachsen meist nur bei bluts- 
verwandtiTi Tiaren, d. h. Weibchen desselben Wurfs nn Auch hier kommt fast nur 
der als Pubertatsdrüse bezeichnete Anteil zur Entwicklung; lebendige Samenzellen 
nndin den verpflanzten Hoden nichi vorhanden. Die männliche Pubert&ts- 
drftse modelt nun den Organismus des kastrierten Weibchens 
in m&nnlicher Richtung um. Die weiblichen Geschlechtsmerkmale, wie 

7* 



100 



BrastdrOMO, Qcbinnutter und BecattnnflMppurat, iteb«n boim vennännlicbten Wiefl»» 
«ben in ihrer Entwicklung still oder erfahren sogar eine Rückbildung. 

Die Körperformen werden ausgesprochen männlich; das weiche, geschmeidise 
HaariiLleid des Weibchens schwindet und macht dem groben, struppigen Ihir des 
MimiciMBt Fiats. »Das gaxa» Aussehen gleicht dem des ausgewachsenen nORDBles 
Männchens; in bezug auf Robustheit und die Größe des Kopfes wird c'insps so^ar 
fibertroffen." Ahnlich ist es mit der Wandlung der Psyche: ,^ie maskulierten 
Weibchen erhalten ausgeprägt mtn&liehen Sexualtrieb; sie 
unterscheiden sofort ein JÜchtbrflnstiges von einim brünstigen Weibchen. Sobald sie 
ein solches aufspüren, verfolgen sie es unaufhörlich, iimwerbcn es leidenschaftlich und 
springen auf. Noxmalen Männchen gegenüber benehmen sie sich mit männlicher 
Bicenazt*' Das ZentralnemnsTstem ist also bei den vannlnnlichteD Weibchen 
j^iwsimHt^h erottsierif . 

Prof. Brandes. Direktor des Zoologischen Gartens in Dresden und Dozent 
an der Tierärztlichen f lorh^rhulp das.'lb^t hat entsprechLnde Geschlechlsumwajid' 
hingen bei höheren Säugern, und zwar bei JJaiuliirschen, vorgenommen. Kr schreibt 
nir darOber: 

„Wir haben vor etwa einem Vierteljahr den Hoden eines Damhifsebes» in die 
Weiche eines weiblichen Damtieres eingepflanzt und dessen Ovarien herausjrenomraen 
und diese dann dem Hirsch eingepflanzt Beide Tiere waren selbstverständlich noch 
ganz jung. Jetzt zeigt sieb bereits bei beiden die Umwandhing. Das firfihezt Wob- 
eben zeigt dralliehe Ansätze zu einem Geweih, es zeigt den sonst nur dam nlna- 
Uchen Tier eigenen Adamsapfel, und vor allem fängt es auch an zu 
springen, wie sonst nur die Hii^sche tun. Umgekehrt läBt der frühere 
iBiseb jeden Geweibansatz yennissMi, lAwnso ist von dem Adsinssptel kdne Spur zu 
sehen. Dafür sind aber sonderbarerweise schon die Milehdrdsen vorhanden, die bei 
den Weibchen (^rst prtf?tphen, wenn Junge da sind." 

Steinach nimmt nach seinen Befunden an, daß die gesamte Anlage des Organis- 
mus indifferent, asexuell aufzufassen ist. £rst wenn sich die zuänchst in- 
differente Geschlechtsdrüse zu differenzieren beginnt, entscheidet sieb das Gesehlecbl 
des Embryo. Entwickelt sich im indifferenten Embryo eine männliche T^'jhrHäfs- 
drüse, so entseht ein männliches Individuum. Entwickelt sich eine weibliche Fuber- 
tltsdrOse, so entsteht ein weibliches Individuum. Ist di« Differenzieruns 
nicht so scharf durchgeführt, indem nebeneinander männ- 
liche und weibliche Pubertätszellen vorhanden und wirk- 
sam sind, so entstehen sexuelle Zwischenstufen, Vermischungen 
der m&nnlichen und weiblicbtn Geschleehtsmerlcmale^ 

Soweit warm die Steinachschen Forschungen gedLehen, bei deren ehronotogbcher 

Wiedergabe ich mich zum Teil auf eine übersichtliche Arbeit des Berner Physiologen 
Dr. Alexander L i p s c h ü t z in der ,,1 imsch.iu" eestülzt habe, als der Krieg aus- 
brach. Wie alle wisseuschaltlichen Arbeiten, erlitten auch die hier vorliegenden zu- 
nächst dne jShe Unteibveehung. Im Verlauf des Jabres ldl6 bat aber Prof. Steinaeb 

zwei weitere Arbeiten veröffentlicht, aus denen licr\-orgeht, daß er seine Studien auch 
im Kriege keineswegs völlig ruhen ließ, sie vielmehr noch weiter gefördert 
und in beachtenswerter Weise bereichert hat. 

Als Kh Steinach im Winter 'vor dem Kriege in seinem Wiener Forschungsinstitut 

im Prater aufsuchte und mir von ihm seine VersudlsÜere und Präparate zeigen ließ, 
bemerkte ich, daß es von hohem Wert sein würde, wenn er ka.slrierten Tieren einmüi 
gleichzeitig Hoden und Eierstockgewebe einpflanzen und dann das 
Verhalten der in solcher Weise hermaphrodisierten Lebevesen beobacblen 
würde. Damals teilte mir Steinach mit, daß er sich selbst schon mit diesem Gedanken 
beschäftigt hätte und ihn bald zu verwirklichen gedenke. Das Ergebnis dieser neuen 
Versuchsreihen legte der verdienstvolle Wiener Gelehrte am 11. Mai 1916 in der 
Sitzung der mathematiseh-nalimriasenscbafUicben Klasse der Kaiserlicb«! Akademie 



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n. Kapitel: Andio^ynie 



lOJ 



der Wifisenschaften vor. Der Titel aeiaer Müteiluogen lautet: .Experimentell 
«rzett'ste Zwltterbildutiffen beim Sitiffeiiet". 

Steinach fahrt aus, dafi seine früheren Arbeiten gezeigt hätten, daß der^ 
Austausch der Gonaden (Geschlechlsdrilsen) nur dann eine Verweiblichung oder Ver- 
männlichung des infantilen Tieres herbeiführen könne, wenn es vorher kastriert sei. 
Bdidle maa die iinprfliisUehe OeselilechtsdrQee im Tier, so verfalle die einsepflanzle 
heteroloffe Drüse der Entartung und gehe in kurzer Zeit zugrunde. Diese Erscheinung 
berohe auf einem scharfen Antagonismus der mliinUchen und weiblichen 
inneren Sekretion, den spezifischen Sexualhormonen. 

Steineeh wollte nun ermittelii, in weldkem Grade dieser Anteeoiiiamue beeinfliifit, 
abgeschwächt nrier gar aufgehoben "werden kßnne. 7.v. di-j^rm Rphnfp setzte er in- 
fantilen männlichen Meerschv^einchen, die vorher diu-ch Kastrieren neutralisiert waren, 
gleichzeitig einen Eierstock und einen Hoden ein. Er liefi so die 
homologe mit der heterologen Gonade unter glichen Bedingungen um ihre Existenz 
k&mpfen. In der Tat faßten beide Geschlechtsdrüsen Wurzel, heilten an, wandelten 
ticb 2U mächtig wuchernden Pubertätsdrüsen um und entfalteten nun nach 
beiden Oeschleehteriehtnngen ihren EinfluB. 

Hatten die früheren Versuchsreihen gelelirt, daß bei eingeschlechtlicher Ein- 
pflanzung auf der einen Seite die homologen Geschlochtsmcrkmale eine Förderung er- 
fuhren, während auf der andern Seite diu nicblentsprechenden Geschlechtsmerkmale 
swdter Ordnunir eine EinbuBe eriitten, so stellte es sich hereus, daB liei zwdgesehleeht- 
licher EinpflanzuiiE diese DoppelFunktion leidet. Es gelrunjien zwar die entsprechenden 
Merkmale zur Entwicklimg, aber die nichtentsprechenden werden nicht unterdrückt 
Indem keine antagonistische Aufhebung der Sexualhormone 
statif In det , entfalten beide l}\re Wirkung nebeneinander und 
lassen Zwitterbildungen entstehen. 

Wir sehen dementsprechend bei den zweigeschlechUich beeinflußten Tieren die 
männlichen Sexvszeichen gut ausgebildet, und zwar sowohl die prftpujbisdien geni- 
talen, als die postpuMschen allgemeinen, abr r auch die charakteristischen weiblichen 
Geschlecht smerlv male haben sich aus der sonst verkümmerton Anlage zu „strotzenden 
weiblichen Organen" umgeformt. In erster Linie gilt dies von den Milchdrüsen, deren 
Warzenhfffe eich groB vorwölben, während ffie Warzen zu langen, sftugebereiten 
Zitzen au^n-achsen. \fanchmal kommt o? auch zu periodisch wiederkehrcndi^r Milch- 
absonderung. S t e i u a c h fährt dann wörtlich fort : „Aber nicht allein die soma- 
tischen Merkmale, sondern auch die psychischen Geschlechtsmerkmale stehen unter 
dem Zeiehcn der Zx^ittrigkeit. Je nach der stärkeren, mikroskopisch nachweisbaren 
Wucherung dt r einen oder anderen Pubortälsdrfise folgen einander Perioden von aus- 
geprägt männlichem und ausgeprägt weibUchem Sexualtrieb. Durch diese Experimente 
ist die für die Physiologie neue Tatsache erhoben, daB das zentrale Nervensystem 
auf Schwankungen im Zufluß der Sexualhormone so scharf reagiert, daß es wieder- 
holt im individuellen Leben je nach der Speicherung des spezifischen Hormons bald 
in mäimlicher, bald in weiblicher Richtung erotisiert werden kann. Damit ist auch 
die den ftrsOkdien Sexoalforschem geläufige Brsehelnunt des .psydiisehen Hemui'- 
jihroditismus' in ihrem Ursprrr.r nnd Wesen aufgeklärt." 

Zweifellos bedeuten die Stcinachschen Befunde eine Bestätigung der von mir in 
den 7abibQehem fOr sexuelle Zwischenstufen und andern Schriften seit 20 Jahren 
vertretenen Auffassung der Homosexualität und verwandter Erscheinungen als kon« 
stitutionell bedingter Zustände doppelgeschlechtlichen Cha- 
rakters. Auch mit Blochs Annahme daß die HomosexuaUtät „mit embryonalen 
StArungen des Sexualehendsmo^ zusammenhinge^ stimmen diese Untersuehungm 
überein. Gleichwohl möchte ich der Ansicht, daß „Ursprung und Wesen des ITerma- 
phroditismus" durch die eben geschilderten Experimente gänzlich aufgeklärt seien, 
nicht völlig beipflichten. So zeigen die zweigeschlechtlich beeinflußten Tiere einen 



^ Bloeh, Sexuallebeii unserer Zeit, 190^ S. OfiB. 



102_ 



periodischen Wechsel heterosexuellen und homosexuellen Empfindens, während 
bei den von Krafft-Kbing nicht gerade glücklidi als „psychische Hemiaphroditen'* 
bezeichneten Bisexuellen die Neigung zu beiden Geschlechtern nur ganz ausnahnis- 

weise nacheinander, sondern fast stets nebeneinander vorkommt. In 
den meisten Fällen, wenn auch keineswegs immer, ist es ein bei beiden Geschlechtem 
vorhandener sexueller MischtTPus (feminine Männer, virile Frauen), der solche 
psychische Hermaphroditen anzieht. Vollends findet die Ilauptgruppe der echten, 
«USSchließlichen TTomosexucllen in diesen Experimenten nur teilweise eine Frkläning. 

St ei nach hat dies wohl selbst herausgefühlt und deshalb in seiner letzten 
(am 2t. Oktober 1016) erschienenen Arbeit') auch fflr die'vfiUige Homosexaalit&t eine 
einleuchtende Deutung geg^n. Er schreibt: „Auch die dauernde oder im individuellen 
I.ebcn auftretende Homosexualität läßt sich auf das Vorhandensein einer zwittrigen 
Pubertätsdrüse zurückführen, also wie es liirschfeld richtig vermutet hat, wenn 
er von der angeborenen Dispontion der Homosexualität spricht Innerhalb einer 
' solchen zwittrigen PubertätsdrOse — nehmen wir den Fall eines männlichen Indi 
viduums mit scheinbar normalen Testikeln — hemmen die an Masse fiherwie'^'enden 
männlichen Pubertätsdrüsenzellen die Wirksamkeit der weiblichen Pubertätsdrüsen- 
zellen, und es entwickelt sieh zunächst der durchaus männliche Oescblechtscharakter 
mit all seinen körperlichen Merkmalen. Wenn nun früher oder später aus irtrendeiner 
Ursache die männlichen Zellen in ihrer Vitalität zurückgehen und ihre innersekre- 
torische Funktion einstellen, so werden die vorhandenen weiblichen Zellen durch das 
Nachlassen der Hemmung ,aktiviert'. Ebenso wie dadurch der rine oder an^re 
somatische weibliche Gesclik-ohtscharaktor hen-oraerufen werden kann, und etwa nino 
Manuna entsteht, kann sich der Einfluü auch auf das zentrale 
Nervensystem allein erstrecken und nun tritt die urnische 
Neigung in die Erscheinung.'* 

Auf Gnmd der Steinarhschen und früherer Forschungen können wir jetzt drei 
Prämissen als über jeden Zweifel sicher festgestellt ansehen. 

Erstens: Man kann durch Einpflanzung von männlichem Ge- 
schlechtsdrüsengewebe weiblich geborene Lebewesen in körperlicher 
und seelischer Hinsicht vermännlichen und ebenso ursprünfjlich männ- 
liche Wesen experimentell durch Eierstock sgewcbe verweiblichen. 

Zweitens: El? gibt männliche Lebewesen; die von Natur alle mög- 
lichen sekundären und tertiären Geschlechtsmerkmale des Weibes auf- 
weisen, und pben<!o weibliche mit angeborenen männlichen Eigen- 
schaften des Körpers und der Seele. 

Drittens: Man hat bei Tioren und Mensehen w^bliehe Geschleehtsdnlsen 
festgestellt, in denen männliches Keimgewebe, vor allem auch männliche 
Pubertätsdrüsen^eMen eiripesprenj?t fanden, und ^^brnso liat man 
gelegentlich Einsprengungen von Eierslocksgewebe in Hoden angetroffen. 

Halten wir diese drei Prämissen nebeneinander, so drängt sieh mit swingender 
Logik der Schluß auf, daß das, was der Mensch experimentell erzielt 
und bewirkt, auch die Natur pelesenllich von selbst vollzieht. 
Aus gleichen Ursachen entstehen gleiche Wirkungen. Das noch fehlende, leicht 
vorauszuberechnende letzte Glied in der Beweiskette ist, daB man bei Tieren und 
Menschen mit körperlichen und seelischen Eigenschaften des andern Geschlechts nun 
auch bei Lebzeilen oder nach dem Tode in den Geschlechstdrüsen die ent- 
sprechenden Einschläge auffindet. Dazu fehlte bisher die Gelegenheit. i\ber 
auch ohne diesen Nachweis entspricht die aus den genannten Prämissen gezogene- 
('onclusio allen Anforderungen und Gesetzen der Logik. Ein wichtiger Befund für die 
Lehre von der anatomischen Bedingtheit auch der anscheinend nur funktionellen 
Zwischenstufen, ist die von Steinach gemachte Wahrnehmung, „daii die l'ubetläts/eiien 



*) E. Steinach, Pubertätsdrüsen und Zwitterlnkiunt'. Siindcrabdruck aus 
dm Archiv für Entwicklungsmechanik der Organismen. Bd. 42, H. '6, Leipzig 1916. 



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Ii. Kapitel: AndroKynie 



nn Hoden Homosexueller in ihrer Struktur sehr beachtenswerte Unterschiede gegenüber 
nonaalen Leydiff8eh«n Zell^ii zeiffen"^). 

Man hat nun aUenUnffS gegenüber dieser Angabe den Einwand etboben, daB 

die Zwisdienzellen ah und für sich auch unter normalpn Verhältnissen große Ver- 
sdiiedenheiten an Form, Größe und Menge aufweisen. Benda, der den Hoden eines 
IlomosexueUen, an dem Hühwm eine Probeexzision vorgenommen hatte, mikroskopisch 

unli Tsuchfe. konnte seinerseits keine von der Norm abweichende Struktur wahrnehmen. 
Damit ist dit Annahnu-, daß die intersexuelle Konstitution von dem Bau der Ge- 
schlechtsdrüsen und der Besonderheit ihrer inneren Sekretion abhängig ist, natürlich 
ludit widertegL 

Um zu eindeutigen ErpfeLnissen zu gelangen, wäre es erforderlich, daß ni f 
nur Hodenstückchen, sondern ein ganzer Hoden nebst den entwickelten und den für 
xenöbnlich rudimentären Anhangsgebilden einer mikroskopischen l'ntersuchung unter- 
xofen .wird, besser noch beide Hoden. Erst dann wird man die Frage, ob Ein« 
sprenpungen von Eierst ocksse webe im Hoden bei der intersexuellen Konsiilution des 
Mannes vorliegen, und ebenso Einschüsse von Hodengewebe im Ovarium des virilen 
Weibes bejahend oder verneinend beantworten können. Ich habe diese Auffassung in 
meinen fniheren Arbeiten vertreten, ausgehend von den Tatsachen, da8 Hoden- 
geschwülste im Eierstock gefunden wurden, daß Verl'indunpen von männlichem 
uad weiblichem Keimgewebe in einer Ueschlechtsdrüse nicht nur bei Tieren, sondern 
audi beim Menschen mit Sidietheit nachgewiesen sind, und da0 Zwittertum kOnsUich 
durch die gleichzeitige Einpflanzung von m&nnUchem und weiblichem Keim- 
lewobe erzielt werden konnte. 

AuBer den Geschlechtsdrüsen wären bei Obduktionen Intersexueller auch alle 
anderen DrOsen mit innerer Sekrotion zu untersuchen, vor allem die Prostata und 
die Nebennieren, dann aber auch die Schilddrüse und der Hirnanhang. Vor einiger 
Zeit wohnte ich einmal. der Sektion eines kryptorchen Hundes bei, bei dem sich 
«leichzeitig mit einer sehr großen Bauchgeschwuist starke Milchdrüsen von ganz weib- 
lidiem Charakter entwickelt hatten. Die von Obertierarzt Kallmann und dem Spezial- 
arzt für Hundekrankheiten Dr. Heilborn unmittelbar nach Tötung des Tieres durrh 
ßlaii«^äiirc atistrefOhrte T,oichenschau erpab ein vöüip leeres Skrotum, rechts an der 
Ovarialslelle einen verkünmierten Testikei mit vielen lebenden Spermatozoen, links 
«in kindskopfgrofies Ffbrokarzinom an der Stelle einer nicht mehr diagnostizierbaren 
Geschlechtsdrüse. Enomi verpröDcrt war die Prostata, ebenfalls; sehr ?roß die rechte 
Nebenniere, und auch die Schilddrüse war hypertrophisch. Der Fall zeigte recht 
tnschauUch wieder, wie enge Korrelationen zwischen den einzelnen endokrinen Drüsen 
des polyglandulären Systems, die mehr oder weniger sämtlich mit den Geschlecht»- 
hmklionen ;^u tun haben, bestehen. 

Bei dem Hunde war gleichzeitig mit der femininen Verände- 
reog der Brttste eine heftige Steigerung seltner heterosexuel- 
len Libido beobachtet worden. Bs ist nicht unwahrscheinlich, daß letztere mit 
der Vergrößerung der Prostata zusammenhängt — man ziehe zum Vergleich die er- 
höhte Sexualerregung bei der Proslataliypertropliie im Beginn der Involution („Johanni»- 
Irieb") heran — , irilhrend die Mammaebildung von der Atrophie der Testikel her- 
rühren dürfte. Ira ilbrigen ist es noch unaufgeklärt, weshalb bei der Androgynie bald 
diese, bald jene Onrane andersgeschlechtlich variieren. fJeijt e«: im einzelnen Falle 
aji der besonderen Reaktionsfähigkeit der Brüste, des Kehlkopfs oder der anderen in 
Betndat kommenden Teile, oder liegt es, was ich für wahrscheinlicher halte, an der 
spezifischen Zusammensetzung der in ihrer chemischen Formel sicherlieh recht 
kompliziert pearteten Sexualhormone 

Aus der oben erwähnten zweiten von St.einach während des Krieges voll- 
endeten Aibeit in Wilh. Roux' .^Archiv fttr Entwicklungsmechanik der Organis- 



') Vgl. die Arbeit: „Ist die Homosexualität körperlich oder seeli.scli ludinj-'l?" 
Erwiderung von Dr. Magnus Uirschfeld in Münch, med. Wocb. IdlS, Nr. la, 200—300. 



104 



men", in der er in 6 Kapiteln eine sehr gute Übersicht «einer bisheriffen Versuclie und 
ihrer Resultate gibt, weiche er auch durch instruktive Bildtafeln mikroskopischer 
Prftparate erULutert, mfiehte ich noch zwei Punkte heniiBhebeii: einmal» dftB die 
durch Überpflanzung der GeeehiechtsdrQsen erzielten Veränderungen nicht etwa nur j 
vorübergehende Erscheinungen sind, sondern daß verschieden f 'ich die einirepflanzte i 
Pubertätsdrüse bereits über eine R^e von Jahren fortgewirkt iiat, ik eiche für die 
betreffooden Tiere, eozasaseii, das ganze Leben bedeutet Der sweite PojEdit ist mdir , 
theoretischer Natur, aber auch sehr beachtenswert. Steinach wendet sich auf Grund 
seiner Untersuchunjren gefren die bisherige Kinteilur i' r'f ? lypimaphroditismus in den 
wahren und Fseudobermaphroditismus. Er sagt: „Es nihi iur alle Zwittererscbeinungen 
nur eine Ureaebe und diese beruht auf dem Entsttfben einer 
zwittrijjen Pubertiltsdrüsc als Folge einer unvollständigen Diff-rpnzie- 
rung der Koimstockanlage, \^ährend die nonnale einRPschlechti.^e Entwicklung durch j 
die vollständig durchgreifende Differenzierung derselben ^u einer männlichen oder ' 
weiblichen Pobcrtätsdiüae bedilist ist" Mit Recht schlagt er vor, dementsprechend 
die Einteilung der mannigfachen Formen und Übergäncrc nach sticlihaltigcren Prin- ' 
zipien vorzimehmen. Die Zwitterbildung kann vollkommener oder unvollkonunener 
sein, kann mehr dem einen oder anderen Geschichte zuneigen, kann mehr die 
somatischen oder mehr die psrchiscfaen Cliaraktere betrafen und kann auch in ihrem 
seitlichen Auftreten verschieden sein. 

Wir können dieser Meinung, für die wir bereits im vorigen Kapitel eintraten, 
tmi so mehr Beifall zollen, als es der hier zum Ausdruck gebrachte Gesichtspunkt war, 
der uns ▼orschwebte, als wir die Jahrbücher für sexuelle Zwischenstufen ins Leben 
riefen, deren Begründung anfangs so befremdlich wirkte, und von denen nun bereits 
' 20 Bände vorliegen. Hier faßten wir die mamügfachen Formen des männlichen | 
Feminismus und der veiblichen Virilitftt einheiüidi als entwiek- 
lungsgeschichtliche Varianten zusammen und unterschieden als die vier ■ 
bezeichnendsten Haupttypen, um die sich viele Abstufungen gruppieren, den Herm- 
aphroditismus, die Androgynie, die Homosexualität und den Transvestitismus, je nach- 
dem sidi die Mischung der Gteacfalechtamerkmale auf den Goiitalappaiatp die (übrigen 
körperlichen GeschlechtsuntersehiedSj den Gesdilechtstrieb nnd die sonstigen sei^Ksdien 
Geschlechtszeichen erstreckt. 

Ans den Stein achsr'hen Versuchen g-f^ht mit Sicherhrii hervor, 
daB es nicht etwa nur die ausg-esprochenen Geschleohtsmerk- 
male sind, wie etwa die Milchdrüsen, welche von den Pubertäts- 
zellen den männlichen oder weiblichen Geschleebtsimpuls emp- 
fangen, sondern daß nahezu die Entwicklung aller Teile und Funk- 
tionen des Körpers von den Bpezifisehen Seznalsekreten eine 
Beeinflussung erfährt; es ist sehr wahrscheinlich» daß dieser Ein- 
fluB eich bis anf den Gesohleehtseharakter der ^nzelnen Körperzelle i 
erstreckt. Man könnte nnn bei oberflächlicher Betrachtung an- 
nehmen, daß es ziemlich einfach sein müßte, im Einzelfall zu sagen, 
w^s männlich und was weiblich ist, n^id daß man danach aucli den 
Begriff androg-yn und gynaudriscli als den von weiblichen Ein- 
schlügen beim Mann und männlichen Eigeii.s4*lialteu htim Weibe 
leicht abgrenzen konnte. In Wirklichkeit trifft dies aber keines- 
wegs zu. Nehmen wir beispielsweise einmal die Haut des männ- 
lichen nnd weiblichen Menschen. Sie ist beim Weibe im allgemeinen 
viel zarter, feiner und duiehsichtiger wie beim Manne. In manchen 
Familien, ja bei manchen Völkern und Kassen besitzen aber auch 
die Männer eine sehr zarte, dünne und helle Haut, so daß sie hierin 



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105 



sogar die Framiihamfc vieler anderer Familien tmd Stfimme über- 
treffen. Oder derGesiehtBansdrnck. Wie oft kommt es vor, 
dafi jemand Schnitt und Ansdmek eines Gesichts Weiblieh findet, 
während ein anderer Beobachter gegenteiliger Ansicht ist, wie oft 

erseheint auch derselbe Gesichtsausdruck in Verbindung mit männ- 
licher Tracht weiblich und bei weibliclier Kleidung männlich. Es 
fehlt uns eben für diese Begriffe ein genauer Maßstab, die Über- 
gänge sind fließend, oft genug ist auch das objektiv gewollte Urteil 
weniger abhängig von verstandesgemäßen Erwägungen, als von un- 
bewußt subjektiven Empfindungen addnktiver oder ahdnktiver 
Strehnntr» die in der eigienen Sexnalbeschaf fenheit wurzeln. 

Idiniseh tritt dlo Androgynie in drei Hanptformen in Brsehei- 
nnng, für welche mein Mitarbeiter B. Grießmann die Bezeich- 
nnngeh: 1. hypoplastisehe, 2. metaplastische, 3. akti- 
vierte Forin vorg^ehlagen hat. Die hypoplastische Androarynie 
ist textlich imd bildlich bereits in dem Kapitel: „Geschleelitsdrüsen- 
ausfall" (Bd. I, S. 1 — 20) geschildert: verkümmerte Testikel, ver- 
gesellschaftet mit winzigem Penis und vielen androgynen Merk- 
malen, wie breitem Becken, hoher Stimme, Bartlosigkeit und Gynä- 
komastie. Bei der meta plastischen Androgynie «eigen die 
Cknitalien änBerlich keine wabmelimbaie Verindernng, h6eh- 
eiens dann und wann eine gewisse Hyperplasie. Gleichwohl 
seigt der Körper bald vereinzelt, bald in Gruppen auftretend, anders- 
geschlo'chtliche "Rinschläge Tnannip^fni^hrr Art. Mit einer akti- 
vierten AD(lrfii,M nio Imben wir es dort zu tun, wo Veränderungen 
an den G^schl« clitsdrüsen intra vitam die eigengeschlechtlichen 
Merkmale verwischen und die latente Andersgeschlechtlichkeit her- 
vortreten lassen. In höherem Grade kommt dies bei Hoden- und 
Eicrstocksgeschwülsten, sowie Verletsrangen der Geschleehtsdrilflen 
(b. B. nach Hodensehfissen nnd bei Kastraten) Tor, in leichteren 
Graden nicht selten schon durch die Involutionsvorgänge im Klimak- 
terium und Puerperium. Zeigt uns der Eunuchoide auf Tafel II des 
ersten Bandes ein Beispiel der hypoplastischen Androgynie, 
der verstümmelte Soldat auf Tafel V anschaulich ein Bild der akti- 
vierten Androgynie, so stellt der junge Gynäkoniast auf Tafel IV 
dieses Bandes einen instruktiven Fall metaplastischer Andro- 
gyme dar. 

Ich will nnn im folgenden eine tabellarische Gegen- 
überstellung der hauptsächlichsten Körpereigenschaften geben, 
wie wir sie beim Weibe (W.), beim Manne (M.), beim weiblich 
gearteten Mann (wM.) jinf} 1)eim männlir^h fronrfnfen Weib (mW.) 
finden. Die unter einer Ziffer stehenden Ausführungen sind quer 
als ein fortlaufende« Ganze zu lesen, da sich der zugehörige Text 
aus technischen Gründen nicht jedesmal streng auf die Längsrubrik 
beechräaken ließ: 



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106 



IL Kapitel; Androgmie 



W. 

L Die Körpergröße des erwachse- 
nen Weibä betr&gt im Mittel 157 cm. 

Die Frau ist durchschnittlich ungefähr 
10 cm kleiner wie der Mann. Schon das 
neugeborene Mädchen ist 1 cm .kürzer 
wie das männliche Kind <483 cm W. : 
49,6 cm M. nach Landois). Bis zum 
8. Lebensjahre haben Knaben und 
Mädchen ungefähr dieselbe Länge. 
Vom 9. bis 14. Lebensjahre sind die 
MA<khen höher als gleichaltritre Kna- 
ben; im 18. Lebensjahre durchschnitt- 
lich 147 cm weiblich : 142 cm männ- 
Ucb nach Friedenthal. 



1. Der erwachsene Mann ist durchs 
schnittlich M7 cm lang. Er widul 

bis zum 23. Jahre, während Nt&deben 
nach dem 16. Jahre nur sehr langsam 
und nach dem 20. überhaupt nicht 
mehr wachsen. Vom 15. Jahre ab 
nehmen die Knaben viel schneller «ft 
Größe 7u al^ die Mädchen; am 
meisten im 16. Lebensjahre, 
' während die Mädchen am rasche- 
sten im 13. Jahre wachsen. 
Bereits zwischen dem 2'x unä 30. Le- 
bensjahre pflegt bei beiden Geschlech- 
ism zwar s^ langsam, aber doch 
stetig bis zum Lebensende die Kfirpec^ 
länge abzunehmen. 



2. Die einzelnen Knochen sind 
beim Weibe zarter, in allen Dimen- 
sionen kleiner, die Muskelsätze treten 
schwäclier hervor. 



Die Männerknochen sind stärker, mas- 
siver als die des W^bes. Die Ansatz- 
stellen der Muskeln heben ach bei 
ihm mehr ab. 



8. Der knöcherne Schade! beim 
Weibe absolut kleiner, im Verhältnis 
zu ihrer geringeren Körperlänge jedoch 
ein wenig größer wie beim Manne. 
Auch der weibliche KopfumfanfT ist 
relativ größer. Die absolute Schädel- 
kapazität beträgt/ bei der Frau 1.100 ccm 
(Ranke). Der weibliche Unterkiefer ist 
verhältnismäßig niedriger und kleiner, 
der Unterkieferwinkel ist etwa 
stumpfer als der des Mannes. 



3. Die absolute Schädclkapazität beim 
Manne beträgt 1500 ccm. Das Ty- 
pischste am Männerschudel ist das 
viel stäricere Hervorspringen der Oh- 
bella und der Supraziliarbogen. Das 
Schädeldach ist meist gewölbter. Die 
Zähne zeigen kaum merkliche Ge- 
schlechtsunterschiede. Die Weisheits- 
zähne treten beim Weihe meist im 
Beginn, beim Manne Ende der 20 auf. 

. Die oberen mittleren Schneidezähne 
aollen beim Weibe nicht nur relatiT, 
sondern auch absolut gröBer müu als 
beim Manne. 



Das Schlüsselbein des Weibes 
ist weniger stark gebogen und im 
Querschnitt kreisrund. 



4. Das männliche Schlüsselbein ist 
stärker gebogen und im Uuerschnitt 
abgeplattet. 



Die Extremitäten sind beim 

Weibe im Verhältnis zum Rumpf 
kürzer wie beim Manne. Die Stel- 
lung der Beine isl beim Manne mehr 
Säulenartig gerade, oder etwas 
zur X - Form peneitrt, Itt-ini Weibe 
kommt wegen der größeren Breite des 
Bedcens öfter eine leichte 0-Stellung 
der Beine vor. 



Hände und Füße sind beim Manne 
viel stärker und „knochiger" als beim 
Weil>e Die Frau liat eiiirii längeren 
Zeigefinger, aber kürzeren Daumen, 
eine längere 6., aber kürzere 2. Zehe 
als der Hann. 



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II. Kai»ielt Andngynie 



wM. 

1 Da die KörperRröDc sowohl beim 
weiblichen als manniichen Menschen, 
und ebenso tiei femiomen Männero 
und virilen Frauen großen Schwan- 
kungen iinlerHfRt, ist die von der 
Skeletthöhe abhängige Länge als an- 
ibogynes Zeichen kaum verwertbar. 
Unter etwa 1000 ^t^n1norn von mehr 
oder weniger femininer Beschaffenheit 
'fand ich beiläufig zwischen 160 und 
180 cm hoch, V» Ober 180 cm und Vb 
unter 160 cm. l'nler Ehepaaren ist 
nicht selten der Mann kleiner als die 
FratL Es hat den Anschein, als ob 
sehr kleine zierliehe Männer sich be- 
sonders häufig von proB und stark ge- 
wachsenen Frauen angezogen fühlen. 



2. Von den Anthropologen (Virchow u, a.) 
vird betont wie adiwierig es bei 

Knochenfunden ist, zu unterscheiden, 
ob ein Knochen von einem m.lnn- 
licbeu oder weiblichen Skelett stammt. 



& Mit Sicheihdt aus dam Schädel das 
Geschlecht zu erkennen, erklären die 
ausgezeichnetsten Kraniologen für 
whwioiK. Bei androgynen M&nnero 
finden sich ziemlich häufig Weiber- 
kSpfe mit flacherem Schädeldach und 
stumpierem Unterkieferwinkel als beim 
Dvrahschnitt der Mftnner. Die brei- 
teren Schneidezähne finden sich so 
häufig bei Männern, daü manche 
Forscher sie deshalb als weibliche Ge- 
sddeehtsmerkmale ttbeihaupt nicht 
aneikennen wollen. 



107 

mW. 

1. Das gynandrische Weib ist oft auf- 
Xallend groß. Man fmdet Viragmes, 
die die duiehsdmitUiebe Frauengr&fie 
weit übertreffen. Doch gibt es unter 
sehr m.ännlich t'earfeten Frauen auch 
viele kleine, die etwas ausgesprochen 
Knaben- und JflngliiMhaites an rieh 
haben. In wie hohem Grade die 
Körpergröße von der mneren Sekre- 
tion der PubcrtätsdrOse beeinflußt 
wird, lehren die Steinachschen Ver- 
suche. Beispielsweise bleiben Eier- 
siocksm&nnchen im Wachsliuu weit 
hinter normalen und kastrierten 
Männchen zurück. Weibchen, in die 
Hoden übergepflanzt sind, erreichen 
und übertreffen (iasegen die GröBe 
der •Männchen. i 

I 

2. Weibliche Knochen von männlichem 
und männliche von weiblichem Durch- 
schnittstvpus gehören keineswegs za 
den Seltenheiten. 



d. Nadi ICantegazza kommt es häufifer 
vor, ,,daß ein Weiberschädel einem 
Männerschädel ähnhch ist als umge- 
kehrt". Jedenfalls beobachtet man 

Frauen mit Männerköpfen. Steinach 
hebt hervor, daß männliche Tiere mit 
transplanlierlen Eierstöcken eine weib- 
liche Kopfform. weiUidie Tiere niit 
überpflanzten Hoden eine m&nnUcke 
Kopfform bekommen. 



4. Auch dieses ne.^chleclitsmerkmal ist 
nicht konälaut. Die Schlüsselbeine 
andn)KTn«r Männer nähern sidi dem 
knuninen Typus. 



Dir Schhisselbeine cynandrischer 
Frauen sind denen der Männer ähn- 
lieh. 



&xTntBdem H.ElIi9sagt: „Daß ein Mann 
Mann ist bis auf seinen Daumen und 

ein Wpjb Weib bis auf ihre kleine 
Zehe," sind dennoch auch hier „Aus- 
nahmioi von der Regel" nichts Seltenes. 
Namentlich kommen auffallend 

kleine H a n d e «i n d Füße bei 
femininen Männern vielfach vor. 



5l Frauen, die männliche Schuh- und 

Hatiflscliuhnummcrn brauchv^'ii, sind 
zahlreich. Welche l^oUe auch hin- 
sichtlich der Extremitäten die innere 
Sekretion der PubertätsdrQse spielt, 
lehren die Beobachtungen an Eu- 
nuchen und Fnnuchoidpn, bei denen 
das Verhältnis zwischen Rumpf und 
Gliedern sich wesentlich vom Normal«- 
zustand unterscheidet (vgl. Bd. I). 



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108 



U. 



itfll: Andmcyiue 



^ Das Becken ist unter den Ge- 
schlechtsunlerschicden des Skeletts 
das markanteste. Es ist au^ 
4 KnoebebiMtaren zusammen gC M tet ; 
den ausgehöhlten Parmbeinen als 
oberen Teil, dem verschmokenen 
8tQ(& der Wirbelsäule (Kreuz- und 
Steifibem) als Unteren Teil, den 
SchambeireTT vorne und den beiden 
Sitzknochen unten. Der wesentliche 
Geschleditsttntenehied ist, daB beim 
Weibe das Becken weiter, breiter, 
flacher und zarter, brim Manne 
enger, länger und starkknochiger 
ist. Bfeim Weibe ist die Becken- 
neigung größer ' lumbosakrale Lor- 
dose) als beim Manne. Die Scham- 
beine stoßen beim Weibe in einem 
Bosen zasammm: Arcus pubis 
(90 bis lOOP), beim Manne in einem 
Winkel: Angulus pubis (70 bis 
95»). Die Gynäkologen meinen, daß 
Breite un4 Weite des weiblichen 
Beckens von dem Dnick stamme, den 
die imifangreichen Soxualorgane von 

. innen nach außen ausüben. D ami t 
würde flbwdnstinunco, daB man bei 
VericOmmerung von Uterus und Ova- 
rien auch meist ein enges Becken 
findet Es bat aber die Annalune 
mehr fOr sich, daß beides auf einer 
gemeihsamen Ursache beruht, näm- 
lich durch Mängel in der inneren 
Sekretion Terunaeltt wird, als dafi 
«nes das anders bedingt 



11 . 10*/, „ 



12»/, „ 

ll*A.. 
11 



11 



11 



8 



Nach Waldcyer unterscheiden sick 
die wichtigsten Beckenmaße wie folgt: 

W, M. 

Bedteneingang 

rechts — links: 
fieckeneingang v. 

▼om — hinten : 
Bcekenwelte von 

rechts — links : 
Beckenweite von 

vom — binten: 
Beckenenge von 

rechts — links: 
Beckenenge von 

vom — Klinten: 
Beckenaussang v. 

rechts — links: 
Beckenausgang v. 

vom — hinten: 
Distantia s|Ana> 

rum: 
Distantia crista- 

rum: 
Distantia trochan- 

terica: 
Conjug. externa: 



9Vi 



8 



7V« 



96 



31'/, 
20 



31V. 
18 „ 

Der Beckeneingang ist beim 

Weibe Queroval bis kreisförmig, die 
Löcher des Beckens sind größer, sein 
Bandapparat ist stärker entwickelt 
Die SitsbOeker sind weiter voneinan- 
der entfernt 



7. Pip G p 1 f. n k e des Weibes sind 
relativ schwacher, die einzelnen Ge- 
lenM)toder kleiner und mter. 

S. Die Mnskulatur und dement- 
Qwechende Muskelleistung ist bdm 
Weibe durchschnittlich viel weniger 
entwickelt als lieim Manne. Das 
Oesamtgewieht der Muskeln ist bei 
gleichem Körpergewicht bei der Frau 
um 10 kg geringer. Nach Vierordt 



7. Beim Mt^nne ist die Gelenkkapsel 
größer, der elastische Bandapparat 
viel stärker als beim Weibe. 

8. Die Muskulatur des Mannes ist 
krtillger» die einzdnen Muskeln rind 

in der Faser zäher, fester, in der 
Konsistenz kompakter und gedrunge- 
ner. Der Mann kann ungefähr das 
Doppelte seines eigenen Gewidites 
tntgen, die Frau nur die Hilfte. 



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iL ivapitel: Androgynie 



109 



8. Ein mehr weibliches Becken 
bei Männern — die G ynosphvsii? 
des Manaes — ist eine der verbrei- 
telalen Fonnen der Androgynie. Schon 
dem Laien, namentlich dem Schneider 
beim Maßnehmen, fällt die nreit- 
hüfügkeit mancher Männer aul. Ein 
feminin veranlagter Soldat berichtete, 
bei der militärischen Einkleidxmg 
hätte der Kammenmteioüiziergemeiiit, 
„er habe ^ohl bei der VerteiluBg des 
GesäBes zweimal ,hiei^ gerufen". Für 
den Zwischenstufentypus ist beson- 
ders das Verhältnis der fieckenlinie 
cor SehulteiUnie — Troehan« 
t e r e n abstand zum A k r o m i a 1 - 
abstand — beachtenswert Dieses 
Verhältnis ist beim Weibe posi- 
tiv: Beckenbreite grAfier ab Sehnl> 
terbreite; beim Manne ne^'ativ: 
Beckenbreite geringer als Schulter- 
breite, beim gynandrischen Typ fin- 
det sich oft nahezu gleiche Breite. 
Selbst ein umgekehrtes Verhältnis 
beider Durchmesser gehört nicht zu 
den Seltenheiten. Ziemlich faiufis 
ist bei den androgycen i?annem 
auch ein .Pohles Kreuz", derart, daß 
«ue vom 7. Halswiibel zum SteiB- 
bein gezogene Gerade 8 cm und mdir 
von der tiefsten Einsenkung der Len- 
denwirbelsäule entfernt bleibt. £s 
enlilelit dadmdt dw Eindruck eSnar 
WHhmBlMi TnUe". 



mW. 

6. Ebenso häufig wie Wcibhüftigkeit beim 
Manne, ist bei der Frau die Andros- 
physie. W a 1 d e y e r achreibt in 
seiner UaseischenMomvniphie: „Wir 
finden auch Weiberbecken vom Habi- 
tus der Männerbrcken. Die Knochen 
sind massiver, die Darmbeine stehen 
steil, die Schaml)08en sind eng, di» 
Beckeiihöhle hat eine Trichtcrforra. 
Meist haben die betreffenden Frauen 
audi in ihrem Qbrigen Körperhabitua 
etwas Männliches — ViragiaM —v 
doch braucht dies nicht immer der 
Fall zu sein." In emem üutaciiten, 
das Kraf ft-Ebing Über dne ungarische 
Aristokralin ausstellte, die in Männer- 
kleidera lebte, heißt es: „Ihr liumpf 
entspricht durchaus nicht weiblicher 
Bauart. Es fehlt die Taille. Da« 
Bccl:rn ist so schmal und so wenig 
prominierend, daß eine von der 
Achselhöhle zum entsprechenden 
Knie gezogene Linie dJsr Richtung 
der Geraden entspricht und durch 
eine Taille nicht ein-, durch das 
Becken nicht auswärts gedringt wird. 
Das Becken erscheint als ein aller- 
seits verengtes von entschieden 
männlichem Typus. Die Distanz der 
Dsnobeinstachel betrug 22,5 cm statt 
26, die der Darmbeinkämme 26,& 
statt 29, die der RoUhOgel 27 statt 
91, die ConiiKata extern. 17,3 statt 2a 
Wegen mangelliaflcr Breite des Bek- 
kens ist auch die Stellung der Ober- 
schenkel keine konvergente wie beim 
Weib^ sondern eine gerade." Ahn- 
liche Beckenmaße fand ich bei 
gynandrischen Weibern wiederholt 



7. Feminine Männer zeichnen sich 
meist durch feinere, oft auffallend 
zierliche Gelenke vom. 

Bk Der androgyne Mann hat in der 
lieget schwache Muskeln. Namentlich 
iat ffie Armmtiskulatur gewOhn- 
lieh gering, die Betnmi^eln sind 
verhältnismäßig besser entwickelt 
Infolgedessen vermögen feminine 
mimer seilen kriitige und h&ufige 



7. Die virile Frau besitzt oft Gelenke 
von völlig männlichem Habitus. 



8. Im Gegensatz 7;um androgynen Mann 
ist das gynandrische Weib meist 
mudculOs. Besonders zeiehnet «I« 
sich durcli ihte ArmkrafI aus. Wel- 
chen Einfluß die innere Sexual- 
sekretion auf das Muskelgewebe hat, 
lehren die Beobachtungen an Kastra- 



Waldeyer, Jia» Becken" in Iiehrbuch der topogcaphiseh^chinugisebeik 

Anatomie, Teü II, S. 383. Bonn 1899. 



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HO 



« 

XI. Kapitel; AndroKYme 



wiegen beim erwachsenen Hanne ^ 
Muskeln 24V, ^> 

a. Die Händekrait des Weibes 
ledinei nian um dn Drittd geringer 
als die des Mannes. Messungen er- 
geben, daß der Druck beider Hände 
beim Manne und ebenso der Zug das 
Doppelte betrSgt. Das Weib neigt da- 
her auch zu leichteren Handarbei- 
ten, während dem Maniip mrhr f in 
Handwerk liegt, das größeren 
Kraftaufwand beanspnicht Audi 
beim Schreiben vorwonden Weiber 
nur halb so starken Druck wie 
KSnner; allerdings tdireiben sie 
sdinollcr. In der Handschrift tritt 
fiherhaupl neben der psychischen 
auch die manuelle Eigenart 
des Mannes und Weibes stark zu- 
tage. * 

10. Wie die Graphik traten audi die 

anderen motorischen Ausdrucksfor- 
men: Mimik. Gestik und. Gang 
ein männliches oder weibliches Ge- 
präge. Unter Mimik verstehen wir 
di-' Gesichtszüge, Miene und l'li^-io- 
gnomio des Menschen, unter Ucstik 
seine Armbevegungen. Die ndnü* 
sehen Bewegungen des Weibes sind 
biegsamer, schmie^'snnuT, unlic^'mHn- 
ter, die des Mannes scharler aus- 
gearbeitet und ausgeprägter, kflrzer, 
frcirr sicherer. An anderer Stelle 
führte ich aus: „in der geraden, auf- 
rechten Kopfhaltung beim Manne 
pflegt sich mehr Selbstbewußtsein, 
in der leicht schrägen di r- Frau mehr 
Selbstgefälligkeit zu dokumentieren ; 
man könnte vielleicht sagen, daD in 
d(T Mimik der Frau mehr eine Frage 
an das Leben liegt, während die des 
Mannes in ihrer Gesamtheit mehr 
eine Antwort gibt, eine Bejahung oder 
Verneinung des Lebens." 



11. In der Beinhall nn^' und den Bein- 
bewegungen eines Menschen drückt 
deh ebenfalls viel von seiner Indi- 
vidualität aus. Tdls ist der Gang 
eines Menschen von somatischen 



Sdion Knaben veimAgen um ein 

Drittel größere Lasten stt bewittigen 
als M&dchen. 

9. Prof. S c h n e i d e m ü h l : ui „Hand- 
schrift und Charaktec", Leipzig 1911) 
führt aus, dafi die fludadirilten der 
Weiber dünner und zarter, meist 
auch schräger zu sein pflegen als 
diejenigen der Männer; sie seien oR 
ausdruckslos und nicht so markig 
und sicher wie mannliclir Schrift- 
züge; unleserliche oder schwer zu 
entdff emde Handsdiriltea findet man 
allerdings öfter bei Männern als bei 
Weibern. SchneidemQlii will in den 
SchriftzQgen der Männer mehr Wil- 
lensstärke und Ausdauer, in denen 
der Weiher mehr Kmpfindsamkdt 
und weniger üliarakler finden. 



10. Die männlichen Gesten stehen mit 

seiner Mimik in rnpcm Zusammen- 
hang. Sie sind beim Manne eckiger« 
ruhiger, bestimmter, sd es mehr zu- 
stimmend oder abweisend. Uie Arm- 
bewegunpen des Weibes sind graziö- 
ser, abgerundeter, gezierter. Es ist 
darauf hingewiesen, dafi beim Weibe 
mehr die Bewegungen zum Körper 
hin, die zentripetalen, also die Ad- 
duktion, die Pronation und Beugung, 
beim Manne dagegen die Bewegungen 
vom Kftrpcr fort, also Streckung', Ab- 
duktion, Supination überwiegen. U. 
Eltts meint mit Recht, dafi es kein 
Zufall sei, wenn man in Pompeji 
und HoiTidannm, und 1908 in .Mes- 
sina (nach dein groiien ICrdbelien) 
war es, wie ich selbst beobach^-» 
tele ebenso, die vrrschüUctrn Mfinnrr 
in der Haltung heftigen Widerslan- 
des, die Frauen aber ihre Kinder 
resignierend an sich drflckend gie> 
fanden hat. 



11. Der Mann jiTl* t't bei straffer Humpf- 
baltung feste, längere, die Frau bei 
drehenden und leicht wiegenden 
Rumpfbewegungen kürzere, oft der- 
lich trippelnde Schritte su machen. 



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IL Kapitel: Androgynie 



III 



wM. 

^ Klimmzage zu maehen, während 
Tanzen und Wandern ihre LtebUofS« 
bewegun?en sind» in denen sie recht 

Gutes leisten. 

fl. In der Schnit „Memnon" von Ulrichs 
(3. 131) wird darauf hingewiesen, 
wie leicht den ,,WeibUD8*' seine 
Handbewegungen verraten : .Namonf- 
licb weiblich", meint der Verlasser, 
«ist die Art, wie er die Hand zum 
Gruß darreicht"; „der Weibling", heißt 
es weiter. affektiert und kokettiert 
gern beim Spreclicn mit den Iliin- 
don." In der l^t gibt der Eff^ninft- 
tus viel sanfter und leiser die Hand, 
wie der virile Mann. Wie sehr er 
oft weibliche Handfertigkeiten bevor- 
mgt, werden wir an siAteren .Sellen 
zu belichten haben. 



mW. 

ten und MilEfoiehisten (Eunuchoiden), ' 
deren Körperkrftfte sehr mangel- 
haft sind. 



9. Fast alle Graphologen betonen, daU 
es zwischen den typischen Fraucn- 
und Männcrhandschriiten eine große 
Anzahl von fberganjjen ffiht. Oft 
findet man bei Männern direkt weib- 
liche, bei Frauen ausgesprochen 
männliche Schriftzüge. Vor allem 
schreiben virile Weiber oft sehr Rroß 
und weit, sie nehmen gern groUe, 
weiBe Briefbogen und Unraehllffe, be- 
nutzen auch viel Siegel, während die 
femininen Männer ein viel kleineres 
Foniiat und oft buntes Papier be- 
vorzugen. 



IQ. Bei femininen Männern ist die weib- 
liche Uimik oft sehr augenfällig; bei 

weichen Gesichtszügen z<?i£fcn ?ip 
einen schmachtenden Ausdruck und 
AulacMag der Augen, bewegliche Mtind- 
winkol imd bebende Nasenflügel, so- 
wie ein bezeichnendes Rrjck\\firts- 
heben des Kinns und Seilwärtsneigen 
des Kopfes. Niesen und R&uspem 
geschieht ohne sondrrüche Kraft und 
auch einen durchdringenden Pfiff 
herauszubringen, ist der weihliehe 
Mann oft nicht imstande. Si im 
Gesten sind oft so cliaraktcristiscl! 
weiblich, daÜ man geradezu von 
einem Transgesticismus im 
Sinne einer Umkehrunix der männ- 
lichen oder weibUchen Bewegungs- 
iBodatitftt sprechen könnte. Beson- 
dere häufig findet man hei Wcib- 
lingcn ein Stemmen des im Eübojren 
gekrümmten, nach vorn geiialtenen 
linken Anna in die Taille, sowie ein 
Anlegen der gebeugten Finger an die 
Wange. 



11. Auch im Stehen. Gehrn und Sitzen 
findet man nicht selten bei Männern 
den femininen, bei Weibern den viri- 
len Typ. Wer m Gesellschaften acht 
gibt, kann manduual ein energiBches 



10. Hannweiber zeichnen sieh vielfach 
durch scharfe Zttge, einen festen, oft 

harten Blick, kurze, ruckweise Kopf- 
beiyegungen und andere Zeichen 
viriler Mimik aus. Pfeifen kennen 
männliche Frauen oft ungewöhnlich 
gut. Ähnlich ist es mit den Gesten.* 
Martiai schildert, wie die männhch 
geartete I'hilaenis sich in der Fechte 
und RingBchule benimmt; 

gravesque draucis, 

haiteras facili rotat lacerto, 
d. h., die für kräftige Burschen 
schweren Gewichte schwingt sie mit 
leichtem Arm. Genau so kann man 
noch ietzt beobachten, wie stolz die 
Virapo auf ihre Armkräft ist, wie 
selbstgefällig sie itiren wulstigen 
Bizeps präsentiert 



11. Die stramme Haltung und Geh weise 
mannlicher Frauen hnt i>fl etwas 
Dezidiertes, Mililänsches. Viele rei- 
ten gern im Herrensattel und können 
auch nur „aJs Herr" tanzen. In 



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112 



n. Kapitel: Andragynie 



Verhältnissen abhängig, wia von der 
Breite der Hüften, der dadurch be- 
dingten Stellung der Oberscheiücel, 
der stärkeren oder sdiwftcheren Ent- 
wicklung der Beuge- und Streck- 
muskeln, teils rührt er von seelischen 
Einwiikungen her, die ihrerseits 
stark unter ianeiaeknIoriBelMin Ein- 
flufi 



Im Sitzen ist das ungczwTingen.? 
Ubereinanderschlagen der Beine oder 
das Kreuzen derFüQe bei zusammen- 
flttBOcenen Unterschenkeln typischer 
für männliche, das r^'ebcn und Aus- 
einanderhalten der Beine und Füße 
tettidittMidsr für «dUiehft Bteaii 



12. Im AnschluB hieran noch einiges 
Ober den weiblichen und männlichen 
Gruß. Für jugendliche Madchen 
ist der Knix, für &Kere Frauen ein 
leichtes Neigen des Hauptes die ihrOD 
Wesen entsprechende Grußform. 



IS. Umgekehrt wie die Muskulatur ver- 
hält sich als Geschlechtseigentüm- 
lichkeit^ das Fett Es überwiegt 
beim Weibe im Vertf eich zaA Ifaiuie 
und gibt ihm die weiche Hundungder 
Formen. Das Fett pflegt sich bei der 
Frau besonders üppig und schwellend 
um. Aber und zwisdien dem mehr 
mhilgen Muskeln zu formen, während 
deren gesteigerte Inanspruchnahme 
und konsistentere Beschaffenheit beim 
roftimlieben Geschlecht dm Fett- 
ansatz weniger gOnstig ist. 

ü. Das im wesentlichen von der Knochen-, 
Muskel- und Fettmenge und auch 
von der Lebensweise abhängige 
Körpergewicht kommt als Ge- 
aehlechtacharakter kaimi in Betracht 

15. Die Haut des Weibes ist schon in- 
folge ihres Fettgehaltes gespannter, 
dünner, zarter, weicher und durch- 
schimmernder. Sie ist im allgemeinen 
pigmentärmer als die männ- 
liche; nur an einigen Stellen sammelt 
es ridi etiler an (z. 6. um die Brust- 
warzen), an einigen Sfcüf n fnidcrt, 
steigt und sinkt die Pigmentierung 
detehzeitig mit Yorg&ngen inneibalb 
der Geschlechtsdrüse, vor allem mit 
der Menstruation und Schwanger- 
schaft. 



18. Der Mann pflegt mit einer mehr oder 
weniger tiefen VorwärtskrQmmun? 
der Wirbelsäule zu grüBen. Auch 
das Strammstehen, das Zusammen- 
reißen der Hacken, das Forfheben 
der Kopfbf" Inflam^', das Anlfuon der 
rechten Hand an die Schlälengegend 
ist nanaMch. 

IS. Bischoff stellte beim Manne 41,8 Proju 
'Muskeln und 18,2 Proz. Fett, beim 
Weibe hingegen nur 353 Proz. Mus- 
kel- S8,9 Proz. Fettgewebe fest. Bd 
einem Mann und einem Weib, die 
beide ca. 55.5 kg wogen, fanden sich 
auf «eibUcher Seite 19,8ö kg Mus- i 
kein und 15^67 kg Fett, auf männ- 
licher Seite 23,06 kg Muskehl und 
6,16 kg Fett Auch die Anlage zur 
Fettsucht ist beim Weibe größer. 
Unter 86 Villen fand Boucbaid 
62 Leiber und U Mftaiier. 

14. Höchstens ist zu erwähnen, daß nach 
Ouetelet infolge Fettansatz die Frau 
ihr michstgewicht durchsehnittlieh 
mit 60^ der Hann mit 40 Jahi«i er- 
reicht. 

15. Die Haut des Mannes ist derber, 
rauher, nicht so durchsichtig und 
leiebter gebräunt. Dies kommt da- 
her, weil sich im allt-'emeinen in ihr 
mehr Pigment entwickelt als bei der 
Frau, nur verteilt es sich viel gleich- 
mäßiger, sowohl was die örtliche 
Verteilung, als was die Zeit betrifft 
Eine unmittelbare Abhängigkeit 
von Generationsvorgtngea 
ist nicht nachweisbar. Die bei der 
Addisonschen Krankheit auftretende 
Bronze- Färbung der Haut ist beim 
Manne bftufigtr. 



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-IL Kapitel: Androtrynie 



113 



wM. 

Weib mit übereinaudergcscbkgenen 
Bflin«ii steh mit einem Weibling 
vntflriiaUen sehen, der mit peinlich 
nebeneinandergestellten neim ri, die 
Fußgelenke zierlich nach autien ge- 
kiückt, an ihrer Seite sitzt Nament- 
lich kommen die feminin gra- 
ziösen RpwcgunsTfn ^ndro- 
gyner Männer im la n z e zur Gel- 
tung dm viele leidenschaftlich er- 
geben sind. 



12. Feminine Männer haben in ihrer 
Jtigräd oft einm unwiderstehlichen 

Hang zum Knickj^en; später ,, nicken" 
viele gern mit dem Kopf und unter- 
lassen oft unabsichtlich das I^üften 
des Hutes. 



mW. 

vielen unbewußten Bewegungsfornxcn 
bricht die «eschlasbOiche Wesenheit 

durch, wie im Werfen, Fangen, sogar 

in der Art des Uriniorcns. Feminine 
Männer pflegen eich unwillkürlich in 
hodcender Stellung, nach Frauenart, 

über das Nachtgeschirr zu setzen, 
während männliche Weiber dies fast 
i^ie tun, sondern das Geschirr empor- 
heben oder gar die Neigung haben, 
auf Aborten im Stehen wie IfSünor 
zw urinieren. 

12. Maslculine Fi-aucn berichten, daß 
ihnen das Knidt^n sdiwer cefslleB 

wäre. Altere verbeugen sich oft svir 
Männer, wobei manche sogar die 
Hacken zusammenschlagen. 



13. Bei feouninen Männern kann man 
hftufiir ein ganz weiMiehes Fett- 
polster beobachten. Bi'sonders !at,'erl 
sich das Fett bei ihnen an den 
gleichen Prädilektionsstellen ab, an 
denen wir es beim Weibe wahr- 
nehmen; es sind dies die Hüften und 
Oberschenkel, sowie die Scbxiltem 
imd Oberarme. Auf ihr schönes 
„decolletö" sind nicht nur viele 
Damen, sondern auch zahUeiche 
Weiblinge sloiz. 

14. Feminine Mäniu r .v< t;ccn im Klimak- 
terium öfter Fett an. Im übrigen 
ist nicht allein für das Gewicht 
die sehr variable Körpeilänge der 
llinner und Weiber aussdilaggebend. 

15u Der weibliche Mann zeichnet sich oft 
durch einen auffallend rosigen, trotz 
Wind und Wetter feinen, ^frischen 
,, Teint" aus. Nicht selten sucht er 
dabei der Natur noch nachzuhelfen, 
wie es bereits der römische Ge- 
schichtsschreiber von dem effeminier- 
ten Kaiser Helioi,'aba!us berichtet: 
„Vultum eodem, quo Venus pingitur, 
schemate figurabat", er bemalte sein 
Gesicht nach dm Vorbilde der Venus. 



13. Gynandrische Frauen sind oft sehr 
hager, „überschlank" und zeigen 
eckitre Konturen infolge Feltmangel. 
Die entscheidende Bedeutung, welche 
die innere Sekretion ftlr (£e Fett- 
bildung ha^ kann man deutüch an 
kastrierten Menschen und Tieren 
studieren. Fehlt ihnen der 
Hoden, werden sie fett, 
nimmt man ihnen den Eier- 
stock, mager. 



14. Ein Ausgleich findet dadurch statt, 

daß beim Weibe und weiblichen 
Mann mehr das reichliche Fefl- und 
Bindegewä)e, beim Manne und 

männlichen Weib mehr die ^färkc^re 
Muskeimassc das (lewieiil beeinflußt. 

lö. Das männliche Weib ist in vielen 
Fälleu von derberer und dunklerer 
Hautbi scliaffenheit als das Vollweib. 
Welclie Holle die innere Sekretion 
der Scxualdrüsen hinsichtlich der 
Farbe und Konsistenz der HauthOlle 
spielt, lehrt ein Blick in die Gesichter 
der Jjipowaner in Bukarest, der be- 
kannten Kastralensekle. liire iiaut 
ist nicht nur glatt und glänzend, son« 
dern pergament- und eUenbeinfarbig. 



Hirseilfeld, BeiaiitiMitliologi«. II. 



8 



IL Kkpilel: AndxoKTiiie 



114 

W. 

M. Unter den Vertiefungen der Haut 
▼erdienen die Kreuzbeingröb- 
c h e n eine kurze Bemerkung. Sie 
bilden sich dadurch, daß die Haut 
hier direkt dem von Jduskeln un- 
bedacktan Knochen aufliest 



17., Die Hautausdünstunv h&nst 

von den Hrufdrüsen, in erster Linie 
von den Schweißdrüsen ab. Sie ist 
bei beiden Geschlechtern von schwer- 
wiegender, aberundefinieibarerEieeii- 
art; am besten sieht man von Ver- 
gleichen (Veilchen» Kastanien) ab und 
sagt, daß daa Weib weiblidi, der 
Hann mftnnlich riecht 



18. Das Haarkleid beansprucht unter 
den AnhanKSRebilden der Haut als 
Geschlechtscharakter größte Beach- 
tung, und nrar nicht allein im Tier- 
reieh, sondern auch beim Menschen. 
Das Einzelhaar ist beim mensch- 
hchen Weibe ebenso wie die Haut, 
▼on der es abslanunt, viel weicher 
und dünner als beim Manne; auch 
häufiger wie bei ihm gewellt und ge- 
lockt. Den neugeborenen weiblichen 
Körper bedeckt fiut in seiner ganzen 
Ausdehnung eine feine Lanugo- 
behaarung, die bei männlichen Neu- 
geborenen nicht vorhanden ist. An 
seiner Stelle findet man bei Knaben 
oft kürzeres oder längeres, manch- 
mal sogar ziemlich reichliches Haar. 
Es verschwindet wieder, um beim er- 
wachsen«&* VLuia» an denselben 
Stellen wieder aufzutreten; nament- 
lich an Brust und Rücken, an den 
Slreckseiteu der Arme und Beine, am 
Hand-, seltener am Pufirfleken. 
Beim Weibe taucht dagegen später 
öfter im Gesicht, am Hals und Körper 
der infantile Lanugoflaum wieder auf. 

Die Schamhaare schneiden 
beim Weibe in einer zirmüch schar- 
fen Linie über den Möns veneria 
ab; mir in der Scbwangeraehaft bU* 
den sieh nnf der braadibarten 



16L Beim Manne liegen die Kreuzbein- 
glrobchen, faßs mit flbeiliaupt vor- 
handen sind, was keineswegs immer 
der Fall ist, 2 bis 3 cm naher an- 
einander als beim Weibe, bei denen 
sie oft tief und breit die seitliclien 
Delloa einer Kreiubeiniante bilden. 



17. Einen besonders starken Geruch ver- 
breiten die Drüsen der Achselhöhle 
Ihre AusdOnstung gilt als starkes 
erogenes ReiznitIdL Beim Weibe 
sind die SchweifidrQsStt, beim Manre 
die Talgdrüsen ausgebildeter. Daher 
kommen die von verstopften Talg- 
drQsen herrührenden Acnepusteln 
und Mitesser auch mäbat bei Jttng* 
lingen als Jungfrauen vor. 

18. Beim Manne ist das E i n z e Ihaar 

härter, struppiger und kräftiger, nur 
das einzelne Schamhaar ist beim 
Weibe starker imd l&nger wie ^ 
einzelne männliche. Das Haupt- 
haar des Mannes reicht unver- 
schnitten fast nie weiter, als bis zum 
unteren Bande des Scbiilteiblatts, 
während es sidl bei Frauen nicht 
selten bis zum oberen Rande des 
Beckens erstreckt Das männliche 
Kopfhaar unterliegt nach der Puber- 
tät einer gewissen Rückbildung die 
früher oder später zur „kahlen 
Platte" führt, beim Weibe entwickelt 
sich hing^en der Kopthaarschmoek 
nach der Reife erst reclil üppijf. 
Wie die Glatze kommt auch die 
Alopecia areata beim Manne häufiger 
vor. Um so m^ entwickelt sidi 
aber nach der Reifezeil beim Manne 
die Gesichtsbehaarung, der Bart 
Beim Weibe verkammem die An- 
lagen des Schnurrbarts und Backen- 
barts völlig, höchstens, daß nach dem 
Klimakterium mit der Involution der 
Ovarien dann und wann dn kleiner 
Rest bemerklich \KiTd. 

Der täglich aufs neue sprossende 
Bart kann fast als Manometer für die 
inners Andrinabsondening gelten. 
Verliert ein Mann s^e Qesdileehts- 



Üigilizeci by LiOOgle 



IL Kai>itel: Androgynie 



115 



16. Beim weiUichen Mann kann man 

nicht seilen vreibliche Kreuzbein- 
grübchen konstatieren, was mit der 
breiteren Beckenbildung dieser Män- 
ner zusammenhängt. Bei m&nn- 
Uchon Weibern hingegen ist ihre 
Form und Entfernung oft mannähn- 
Heh. 



17. Ohne frage gibt es Männer» deren 
TVsnspirationen weiblieh duftoL 
Prof. 0. Jäger») behauptet iiQ er 

den Geruch normalsexuellcr reifer 
Männer, den er „scharl, brenzlich, 
ttuerlieh und nicfat angenehm** emp- 
funden habe, bei den femininen 
Homosexuellen, deren Haare zu be- 
riechen er in der Lage war, vermißt 
habe. 

4 

18. Gynotrichie (Weibhaarigkeit) 
beim Manne ist ein& sehr häufige 
Erscheinung. Vor allem haben weib- 
liche Männer sehr oft ein zartes, 
Mieidenes'* Einzelhaar. Die übrigen 
Abweichungen vom Qeschlechtstypus 
liegen mehr auf negativem Gebiet. 
Hier ist in erster Linie die völlig 
glatte KISrperhaiit mancher 
Männer und ein absoluter oder rela- 
tiver Bartmangel zu nennen. Ich 
habe eine ganze Rdhe femininer 
Hftnner in mittleren und vorgerOck* 
teren Jahren beobachtet, über deren 
glatte Gesichtshaut niemals oder nur 
lanK aelten ein Rasiermesser ge- 
kommen ist. 

Im übrigen stimme ich mit B u - 
C u r r a (1. c. 8} überein, „daß eine 
Unücehrung des für das betreffende 
Geschlecht charakteristischen Typus 
am seltensten am Backenbart, etwas 
häufiger beim Schnurrbart, nicht ao 
selten an der Körperbehaarung, am 

häufigsten bei der Sghamhfthffy ^ y n 
vorkommt". 

Sine gute Schilderung des andro- 
gynen Ilaartypus findet sich im Tal- 
mud (Jebamolh I): „Der Saris ist ein 
Ifensch, der mit seinem zwanzigsten 
Jahre noch keine zwei Haare auf 
seinen Körper hat, und bekommt er 



16L Stiats und einige andere Autoren 

halten die Kreuzbeingrübchen für 
wichtige sekundäre Geschlechts- 
charaktere; sie vergleichen ve nut 
den Wangengnibchen und zählen sie 
zu den anziehendsten weiblich«D 
Heizen. 



17., Maskuline Weiber haben vielfach 
eine männliche Ausdünstung und 
riechen,- wie namentlich ihnen nahe- 
stehende norma's' vhpHo Frauen be- 
haupten, „nach Mann . Wie seiir 
die gpezifiMdien Riechstoffe 'Ton dm 
GeechleehtadvOsen beeinflußt werden, 
zeigt das Auftreten des Körper- 
gerucha in der Brunstzeit der lieM. 



18. Die Androtrichie des Wei- 
bes ist ebenso häufigr wie die 
Gynotrichie des Mannes. 
Viele Viragines haben männliche 
Sehambehaanmg. Ruthe fand un- 
ter 1000 Frauen 188mal eine teilweise 
männliche Behaarung der Scham- 
gegend vor, und zwar 42[ual einen 
männlichen Übergang der Scham- 
haare auf den behaarten Unterleib, 
146nial ein Ubergehen der Scbam- 
haare auf Oberschenkel und Anus. 
Ziemlich oft sind auch beim Weibe 
Arme und Beine, seltener Brust und 
Rücken behaart Kürzlich sah ich 
bei ein« 8S$ährigen Ehefrau starke 
Brustbehaarung auftreten, die vorher 
einen Vollbart, trug. Nachdem sie' 
diesen mit Eielitrolyse, Röntgenstrah- 
len und allen möglichen Pepilatorien, 
von denen es in Anzeigen heißt, daß 
sie. M^iBkret, dauernd, sicher und 
ohne Hintorlanung von Narben- 
epuren den Frauepbart beseitigen", 
VprjT'hMch zu entfernen versucht 
liatte, war sie auf den alten Bimsstein 
ver&ülen. Schon Martial berichtet 
von einem Weibling, or sei glatt 
durch täglichen Bimsstcingebrauch ge- 
wesen: „laevis pun^ce tu quotidiano". 
Nachdem sie mit diesem einfachen 
Mittel tädich dm Bart im Keime 



Jahrb. f, sex. Zwischenstufen, Bd. 2, S. 119. 

8^ 



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116 



IL Kapitel: Androgynie 



Bauclihaut öfter Haare, was auf die 
innere Sekretion der Plazenta zurück- 
Kefflhrt wurde. Das miniilidie 
Schamhaar setzt sich ravilenförmig 
nach oben fort, um vielfach in einem 
Haarstrich aus^ulauien, der sich bis 
mm Nabel zieht. Der Dunm iat 
beim Weibe nicht behaart, während 
sich beim Manne die Behaarung vom 
Skrotum über das Mittelfleisch bis in 
die Analfalte lortzusetzen pflegt. 

Später wie beim Manne behaart 
sich beim W eibe die Achsel- 
höhle, auch ist der weibliche 
Kuui>a8chel hier meist kleiner und 
ilüimer wie der männliche. 

19. Wir kommen nun zu dem funklionell 
wichtigsten Geschlechtsunlerscbied im 
Bereich der Oberhaut: zu den 
Milch d rti s e n. Wie die Ilaare 
kommen aurh sie erst irn Reifealtcr 
zur Entwicklung. Beim Weibe 
^ sehwellen oe in dieser Zeit sehr an, 
was aber in der Hauptsache nur von 
reichlicherer Fetteinlagerung her- 
rührt. Die Drüsenschläuche, die an 
vnd ffir sieh spftxüeh sind, wachsen 
und verästeln sich vorerst nur in ge- 
ringem Maßstabe Krst beim Ein- 
tritt einer Schwangerschait ver- 
Ungem und verzweigen sich die 
Drüsenschläuche, ein Vorgang, der 
sich in der zweiten Hälfte der 
Schwangerschaft noch sehr ver- 
st&ikt, um erst im Wochenbett zum 
Abschlufi zu kommen. 



drüsen, so fällt, wie wir es in diesem 
Kriege wiederholt beobachisn kenn» 
ioi, der Bart ziemlich «^ell aus; 
auch die übrigen Haare, außer dem 
Kopfhaar, zeigen, wie wir dies mi 
Kapitel „GesehlechtsdrOsenausMl** 
(Bd. I, S. Ui) besehriebea, einen sehr 
merklichen ROckganff. Nach Im- 
plantation von Hodenstückchen 
wachsen jedoch die Haare aUm&Uieh 
wieder. 



19. Beim Manne verharrt die Brustdrüse 
auf kindlicher Entwicklungsstufe. 
Bis zur Geschlechtsreife findet sich 
Oberhaupt an ihr weder im Bau, noch 
in der Funktion ein rntersehied. 
Das selegenüiche Einschieben von 
sog. Hezenmildi bei Neugeborenen 
kommt sowohl bei Knaben wie bei 
Mädchen vor. Nicht selten findet 
" sich auch bei männlichen Personen 
ein geringes Anschwellen der Brust- 
drüse, verschwindet aber fast stets 
wieder. Bei starken, namentlich alten 
Leuten, lagert sich öfter viel Fett in 
den Drasen ab, wodurch Oynfiko- 
mastie vorgetäuscht werden kajin; 
die Drüsenschläuchc «elbst sind in 
solchen Fällen jedocli meist unv<'r- 
ändert radimeiit&r. 



20. Wie mehrfach in sexueller Himicht 
besteht auch ein Antagonismus 

zwischen der Pubertäfsentwicklung 
des Kehlkopfes und der Brüste. 
Während beim Weibe die Brustdrase 
wäclisl und der Kehlkopf nahezu, 
kindlich bleibt, ist es beim Manne 
genau umgekeliil. Bis zur Ge- 
.sehtocbtneife ist ein Untersdiied 
«wischen männlichem und wdblicshem 



90. Der Stimmbruch oder Stimm* 
Wechsel ist «nes der deutÜchsten 

Zeichen erwachender Männ- 
1 i c ii k e i t. Der geschlechtliche 
Stunomuntersehied sichert die gegen- 
seitige Anziehung der Geschlechter 
in hohem Grade. Auch bei den 
mexsten Tieren, wie bei der Stute, 
Handln, Henn^ hat das Weib eine 
Bchiillere und schviächere Stimm« 



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IL Kapitel: Androgynle 



diese spftter, ao ist er doch ein Saris. 

Er hat keinen Bart, seine ITaaro sind 
fein und sanft, seine Haut ist glatt. 
Sein Wasser" — heißt es dauu wei- 
ter — ,J}dn»mnt keinen Sehaum. Er 
uriniert nicht mit den andern. Sein 
Samen ist nicht gebunden, er ist klar 
vie Wasser, seine Stimme ist ytie 
die einer ¥ma" 



117 

mW. 

stickte, wuchsen ihr aUmfthlich Haare 

auf der Brust, ob post, oder was ich 
für wahrschoinlich-r halte, propter, 
ist mit Sicherheit schwer zu ent- 
scheiden. Wiederholt hat man männ- 
liche Bebaaning beim Weibe mit der 
Bildung- von Uvarialgeschwülsten 
wahrgenommen, die nach Exzision 
. der Tumoren wieder verschwand. 



19. Die echte Gynäkomastie des 
Itannes ist verhältnismäßig selten, 
wpniRsteiis bei weitem nicht so 
häufig, wie man nach der Vorliebe 
der Griechen gerade in iliren Herma-- 
idiroditen Weibbrastigkeit in Verbin- 
dung mit männlichen Ctenitalien dar- 
zustellen, vermuten könnte. DaU sie 
aber bis zur Milchabsonderung tat- 
Ädilich vorkommt, kann ich nicht 
nur durch Angaben von Huiubol.U. 
£jafft-£bing u. a., sondern auch 
dnich eigene Beobachtungen belegen. 
SAr viel häufiger wie totale Gynäko- 
mastie sehen wir bei weiblichen 
Männern Aonälieningeu an den 
weiblichen Trinis in einem unge- 
wShnlieh groflen Warzenhof, deut- 
licher Ausbildung der Montgomery- 
bchen Drüsen, Polymastie. Wir kön- 
nen die Gynäkomastie des Mannes, 
ebenso wie clie Andromastie des 
Weibe« einfeilon in einseitige und 
doppelseitige, vorübergehende und 
dauernde, partielle und totale. 



Ä G y n 0 f? ! 0 1 1 i e , d. Ii. wcil>liche 
Stimmbildung bei Männern, ist auch 
ha. Nichtkastraten ziemlich häufig. 
Die Gesangsstimmen femininer Män- 
ner und maskuliner Frauen scheinen 
am häufigsten zwischen Alt und 
Tenor, Mezzosopnn und Kontraalt 
XU Uegen, doch kommen auch Sopran- 
sänger und baßsingende AVtiber vor. 
Sehr verbreitet ist bei femininen 



19. Eine Art Seilenstück, zu den männ- 
lichen Hermaphroditen Irilden die 
weiblichnn .^mazonen aniazon ^ 
ohne Brust), ebenso wie die Ailoith 
ein Pendant zu den vorher genann- 
ten Sairis sind („sie haben keine 
Brüste, der Tleischlaf ist ihnen widrip. 
sie haben keinen weibliclien Möns 
veneris, sie haben eine Männer- 
stimme"). In Wirklichkeit ist ein 
pänzlicIuT Mank'L'l der weiblichen 
Brustdrüse selten, ziemlich häufig 
jedoch ist angeljorene Mikroroastie 
undStillungSunfähigkeit. Die meisten 
Fälle von „platten" und ..flachen" 
Brüsten sind freilich beim Weibe 
eine erworbene KianUieita- 
erscheinung (Fettschwund), ebenso 
wie es die „vollen" der Männer sind 
(Fettsucht). Aus den geschilderten 
Versuchen Stetnaehs geht hwvor, wie 
unmittelbar Bau und Tätigkeit der 
Milchdrüse von den Cescblechtg- 
drüsen abhängen. Schießt doch, 
wenn man einem kastrierten Männ- 
chen < inen EiiTsfock einselzl, alsbald 
Milch in die schwellende Brust. 

20. Andr ojtI ottie — m.ännliche Kehl- 
kopfbildung beim Weibe — ist eben- 
so häufig wie Gynoglottie beim 
Manne. Masini, welcher in Geyiua 
au.sgedehnte Untersuchungen an pro- 
stituierten Mädchen, anstellte, fand 
nur bei 12 Proz. weiblichen Kehl- 
kopftvpus, während er bei anderen 
Frauen bei 10 Proz. „di'n geräu- 
migen männlichen Kehlkopf fand". 



118 



IL Kapitd: Andnfnüe 



W. 

Kehlkopf überhaupt nicht wahrnehm- 
bar. Dann aber wächst im Verlaufe 
eines lahm der männliche KefaUcopf 
derart, daß die Stimmritze noch ein- 
mal 80 lang wird. Nimmt sie beim 
Manne nach Lamm au VLTliüUnis 
von 10:5 zu, bo ver(rr5ßert sie 
sich beim Weibe in der PubertAt 
nur' wie 7:5. Der weibliche 
Kdilkopf ist in alten Hichtiuigen 
etwa dn Viertel kleiner als der des 
Mannes. Die wahren Stinrnibänder 
der Frau messen 13 mm, die des 
Mannes 16 nun. Die weiblidie 
Stimme ÜPRt eine Oktave höher als 
die männliche. Die ttpringerc I.änge 
und Dicke der Stimmbänder bewir- 
ken dies. 'Nicht unwesentlich wird 
der Kehlkopf durch die Vorgänge be- 
einflußt, die sich während der Men- 
struation, Schwangersehaft und im 
Wochenbett in den Gesehleclitsdrüsen 
abspielen. Buciirra saui d.irfiber: 
„Hauptsächlich während der Gravi- 
dität imd Menstruation sind nidit 
nur leichte Ermödharkeit der Stimme, 
Ersch>Kerung hoher Lagen und 
Rauhigkeit zu bemerken, sondern es 
läßt sich dafür auch das anatomische 
Substrat, Rötung und Schwellung, 
sowohl am Kehlkopf, als auch in den 
für die Phonation wichtigen Ptur- 
tien der Ndienhöhlen O^ase) aa^- 
weisen. 



als das Männchen. Heim Manne 
wölbt sich mit der Verlängerung und 
Erweiterung der Stimmritze der 
Schildknorpel am ITalse vor. So ent- 
steht die Protube rantia laryngea, der 
Adamsapfel (Pomum Adami). Dabei 
Ir^n sich die beiden Platten de§ 
Knorpels beim Manne in einem 
schärferen Winkel, während sie bei 
dem W^e sanft bogenfOrndg in- 
einander übergehen, dasselbe VeiUltr 
nis zwischen Arcus und A n g u - 
lus, wie wir es schon bei den 
Sdiambdnen kennen lernten. Das 
Stimmtimbre, das von der Form und 
Größe aller zum Stimmorgan ge- 
hörigen Hohlräume und Nebenhöhlen 
abhäiagt, ist gleichtalls bei beiden 
Geschlpchlern sehr vprschieden. -Mle 
diese Veränderungen des Kehlkopfes 
und der Stimme bleibtn aus, wem» 
die männlichen Geschlechtsdrüsen 
fehlen, sei es, daß sie nicht zur Enl- 
wiciwmng gelangt sind, sei es, daii sie 
vor der Oesehlechtsreife entfomt 
wurden, was sogar in früheren Zeiten, 
bevor Weiber die BQhne betreten 
durften, irielfach geschah, um wdb- 
Uche Stimmen zu erhalten. Niehl» 
beweist wohl schlagender als diese 
Sitte den Einfluß der Pubertatsdrüse 
auf Kehlkopf, StiBame und Sprache. 



Sl. Die Atmung zeigt einige bemerkens- 
werte Qescblechtsunterscbiede. Die 
Zahl der Atemzüge ist bei der Fhui 
grSBer als beim Manne. Die vitale 
Lungenkapazität des Weibes zu der 
des Mannes verhält sich wie 8:10. 
-Vor*aUem aber atmet bei den rivili> 
sierten Völkern das Weib mit den 
Brustmuskeln, also kostal, der Mann 
vorwiegend mit Zwerchfell \md 
Baudumidcehi, also abdomlnaL 



21. Es ist eine viel erörterte, bisher aber 
immer noch nicht völlig geklärte 
Streitfrage, ob dieser tJntersebied 
von vornherein in der Natur des Man- 
nes und des Weibfs poRclu n ist. odftr 
sich erst durch die Frauenklei^ung, 
Korsetts, Gfirtel, entwickelt hat Pör 
erstere Auffassung spricht, daß der 
kostale Typus vom Weibe auch im 
Schlaf beibehalten wird, auch, daB 
HIdehen, die stela lose gddeidet 
gingen, kostal atmen. 



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119 



Männern ein Drang „durch 
Fistel", d. h- in Kopfstimme, zu 
singen, dem entspricht bei nOLnn- 
ttehen Weibern eine niebt seltene 
Neigung, die Stimmen zu vertiefen. 
Ganz ungemein charakteristisch ist 
bei weiblichen Männern die Organ- 
fftrbvng; bald ist es mehr der 
weiche melodische Klang der Sprache, 
bald die gezierte hohe Stimme, bald 
ein etwas nuiltes» «aiiBelndes Organ, 
das axiffällt. Für beides ein Beispid. 
Über Walt Whitmans Stimme^, von 
der de Wyzewa^} schreibt: „Le ton 
ftaiinin de sa TOfat", sagt der eof- 
Ii ch^ Arzt Dr. Johnson: „Seine 
Stimme bat eine hohe Lage und ist 
musikalisch", während Howells ihren 
vjewinnenden, einschmeichelnden" 
Charakter rühmt, und Dr. Bücke 
mitteilt, ein Musikverständiger habe 
ihm gesagt; „Es Ist seine wunder- 
bare Stimme, die es so angenehm 
macht, mit ihm zu sein." Anders 
klingen die Worte, die Martial in 
einem Epigramm dem Weibling Car- 
menion zuruft: „Dein ^timd säuselt 
und deine Sprache ist matt, ich rede 
krtlftiger, wenn ich fiflstere" C»<» 
blaesum tibi, debilisque Ungua: nobis 
sibUa fortius loquuntur"). 



Tb. & Flatan in Beifin fand bei 

homosexuellen Frauen wiederholt 
„zweifellos Andeutungen eines männ- 
Hcben Sdiftopfes", teils sogar „ent- 
schieden männliche Formen ihres 
Kehlkopfes". Ein gutes Beispiel für 
weibliche Androglottie bietet die 
große Künstlerin Felicitas v. Vest- 
phali (1829 bis 1S80). Über sie heißt 
es in meinen „Geschlecbtsübergän- 
gen": „Die Vestphali spielte nicht 
nur MftnnerroUen, wie Hamlet nnd 
Petrucchio, sondern besaß auch einen 
Konlraalt von so phänomenaler Tiefe, 
daB sie mit Leichtigkeit und gröBtetn 
ErfolRe Tenorpartien, wie Romeo, 
Tancred, ja sogar den Figaro im Bar- 
bier von Sevilla sang; ihr Romeo an 
der Großen Oper in Paris begeisterte 
Napoleon III. derart, daß er ihr eine 
Rüstung von gediegenem Silber ver- 
durts.** Die gewöhnliche .Sprache 
männlicher Weiber kUngt oft ziem- 
lich rauh, auch haben sie oft etwas 
von einer onimaiidosti mnie" an 

sieh. Sehr mailcant tritt das Efaien- 

tümliche der androgyncn StiinTnl:^?e 
zutage« wenn Laute reflexartig etwa 
durch einen Sdireek ausgelöst wer- 
den. Auch das Lachen klingt bei 
weiblichen Männern oft verhältnis- 
mäßig hoch, bei männlichen Weibern 
ungewöhnlich tief. 



Todds kam zu der Ansieht, daB bei 

der Brustatmung eine .\npassung an 
die Funktionen der Mutterschaft vor- 
liige, iSe nch durch Vnerbung be- 
festigt habe. Doch neigt die Mehr- 
Sahl der Autoren neuerdings wieder 
dazu, mit H. Ellis anzunehmen, daß 
es sieh hier „um das Resultat einer 

künstlichen Einschnürung durch die 
gewöhnliche Frauentracht h&ndät". 



81. Wftre dies der Fall, dann mttfiten 

transvestitische Männer, die ständig 
Frauentracht tragen, auch kostal 
atmen, und als Männer lebende 
weibliche Transvestiten abdominal. 
Dies trifft aber niciit zu. Auch ist 
zu erinnern, daii wcibUche Männer 
im allgemeinen wie Minner, männ<- 
Uche Weiber wie Frauen atmen, 
auch daß bisher keine Beeinflussung 
der Atmung von seilen der Ge- 
schlechtsdrüsen bat festgestellt ww- 
den können. Das spräche wieder 
mehr für ein Kunstprodukt 



T) B e r t 2 , 3Valt Whitraan. Leipzig 1906. 

«) Theodore de Wyzewa, Ecrivains-6trang4rs, p. 114. Paris 1896. 



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120 l'- Kapitel: Androfynie 

Mit den liier gegenübergestellten Eigenschaften ist das Wesen 
der Gynandromorpbie bereits insofern eraeböpft, als es ja in 
erster Linie die äuBere ErBcheinnng ist, anf die es bei dem andro- 
gynen Typus ankommt. Die Unterechiede zwischen -Maim und Weib 
als solche gehen natürlich weiter. Sie umfassen nicht nnr die siclit- 
bare Oberfläche, sondern niicli die ganze innere Organisation des 
Menschen bis zur 'letzten Körperzelle. Man geht indes sicherlich 
nielit fohl, wenn mnn nus dem, was wir wissen, den Schluß ziclif, dnß 
sicii von jeder Ki<r('iischat't ausnalmislos die weil^liflje Form ge- 
leirontlicli auf eincni männlichen und die männliche aiil emeni weib- 
lichen Körper findet. Nur steht nns in dieser ITinsicht von allen 
Einzelheiten nocdi kein exakt durchgearbeitetes Beobaciitungsmate- 
rial zur Verfügung-. 

Wollen wir ergründen, wie sehr anch für den G-eechlechts« 
Charakter innerer Organe die Geschlechtsdrüsen als causae mo* 
ventes in Frage kommen, so mnfiten wir. genaue vergleichende 
TTntersnchungen anch dieser Teile bei Tieren nnd Mensclien an- 
stellen, und zwHr zwischen solchen Individuen, die männliche oder 
weibliche Keimstöcke besitzen und solchen, welchen man die Gonaden 
entfernt nnd wieder einp-» ^«'<7f hat, sowie- solchen, die sie von vorn- 
herein nicht oder nur mangelhaft besitzen (Kastraten, Knnneiien, 
Eunuchoiden, Kryptorchisten, Anorchisten, M ikrondiisten. Trans- 
plantaten usw.); endlich müßten auch Tiere und Mensclieu zum Ver- 
gleich herangezogen werden, die männliches u n d weibliches Keim- 
gewebe haben, sei es Ton Natur, sei es artifizielL Biese ünter- 
snchungen stehen in der Hauptsache noch aus. Sie sind auch äti- 
dnrch erschwert, daß uns in vieler Beziehung der oft nur sehr ge- 
ringttigige Unterschied zwischen der rein männlichen nnd rein weib- 
lichen Bildung innerer Organe noch gar nicht bekannt ist. 

Es wird zwar und gewiß nicht ohne Beretditigung l>ehauptet, 
daß heim Manne die Organe der Brusthöhle, heim WpiV>e die der 
Bauehliölile ein gewisses l'hergf^wiV'lit liaben, wie jed(X'li l)eisj)iels- 
wei»«;!' IVfagen und Darm im einzelnen bei Mann und Weib von- 
einander dil'i'erieren, wissen wir nicht zu snpen. Vierordt f?ibt an, 
daß die Milz, Schnitze, daß die Leber, Helm, «laß die Niereu beim 
Weibe yerhältnismäOig massiger sind wie beim Manne. Sicher ist 
auch, daß die Blase bei der Frau geräumiger und ansdehnungsfähiger 
ist als beim Manne; die mannliche faßt unter mäßigem Druck 238, 
die weibliehe 337 g. Daher kann sich auch die Frau viel längfer den 
Urin verhalten als il t Mann. Doch gibt es auch in dieser Hinsicht 
Männer, die wie Weiber, und Weiber, die wie Männer beschaffen 
sind. Die Harnmenge soll beim Weibe größer, die Harnstoff menge 
geringer sein als beim Manne. 

Es liegt nahe, daß diesen Verschiedenheiten auch Unter 
schiede im Blut und den Blutgefäßen entsprechen. Das spezi- 



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II. Kapitel: Androgynie 



121 



fische Gewicht des Blutes ist beim Weibe 1050 bis 1056, beim Manne 
1055 bis 1060. roten Blutkorpeichen besitzieii die Frauen in 

1 cmm Blut 4V> Millionen, wählend Männer dnrehschnittlieli 
h HxUioiien haben. Der Hämoglobingehalt dee weiblichen Bluts 
betragt 89 Proz., nach anderen 02 Proz. des normalen Hämoglobin- 
:gehalts dee Männcrbhits. Franenblnt soll um ein weniges wasser- 
reicher seirf als Mäiiiierblut. Der Blutdruck ist bei d^r Frau ge- 
riiitr^r, die ErregrbMil f it der Vasomotoren stärker. Boi dpra er- 
waclisenen Manne rechnet man 72, beim Weihe SO l'ulsschläge in der 
Minute als Norm. Die Körpertemperatur des Weibes ist um wenige 
Zelintelgrade liöher. Die Wandungen der Blutgefäße sind bei der 
Frau dünner, ebenso die Wände der einseinen Hjerzabsebnitte» Daher 
wiegt das Franenherz weniger als das Männerherz, und zwar sowohl 
relativ als absolut. Jeder erfahrene praktisehe Arzt kennt nun aber 
Männer, bei denen die Erregbarkeit der V a s o m o t o r e n 
und die regelmäßige Zahl der Pulse größer ist, als 
man sie Durchschnitt beim Weibe findet, und ebenso 
häufig Ijejre^'-nen wir l^^rauen mit Pulsen unter 72 und spezifischem 
Bhitgewicht iil)er 1060. 

J n wie liolieni Grade ajiich die Herztätigkeit unter inner- 
sekretorischem Einfluß steht, erkennen wir an der Leiehtig- 
keit, mit der nervöse Herzbeschwerden, wie Herzbeklommnhgeni so- 
genannte ,3erzkrämpfe" (,,Angina pectoris**)» Tachykardie bei ver- 
haltener Libido, entstehen. Fast noch mehr wie die Geschlechts- 
drüse kommt allerdings von den Drüsen mit innerer Sekretion für 
das Herz die Schilddrüse in Fra^e, wobei jedoch 7.n berncksich- 
tigen ist, daß der Ziisammenhaim- dieser I)e!de!i Drüben im poly- 
glandulären System nnwres Körpers ein g"anz besonders inniger ist. 
Recht bemerkenswert ist nun, da Li die Scliilddrüse bei der Frau eine 
wesentlich größere Bolle spielt als beim Mann: Zonächst ist sie 
überhaupt von vornherein beim Weib stärker entwickelt. Dann aber 
beobachten wir an der weiblichen Schilddrüse viel mehr Verände- 
rungen physiologischer und pathologischer Natur als an der männ- 
lichen: ein periodisches Anschwellen während der Menstrimtion, eine 
vorübergehende Vergrößerung in der Schwangerschaft, ein drößei-- 
bleiben nach mehreren Schwangerschaften, eine Zunahme ihres 
Volumens im Klimakterium. Auch der erste (xes<-lilechtsverkehr 
soll bei der Frau eine Haksanscluvellung bewirken, so daß nach lUlis 
noch heute im südlichen Frankreich die alte Sitte bestehen soll, die 
Unberührtheit junger Mädchen durch Heismessungen, zu ermitteln. 
Ebenso ist sichergestellt, daß sich bei vielen Tieren in der Brunst 
die Schilddrüse vergrößert. Nach allem ist es wohl verständlich, 
(laß der alte Meckel den Ausspruch tun konnte, die Schilddrüse sei 
eine Wiederholung der Gebärmutter am Halse. Hinsiclitlich patho- 
logischer Schilddrüsenveränderungen ist zu bemerken, daß der Kropf 



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122 Ii- Kapitel: Androgyüie 



in der Pubertut iiaufiger bei Mädchen als bei Knaben aui'tritt, und 
daß auch die BftAedowsche Krankheit mit ihrem typischen Sym- 
ptomenkomplex: Kropf, HersbeRchleonigimg, starreiii benrortreten- 
den Augäpfeln nnd Gemiltöalterationen, sieh bei Frauen zweimal so 
häufig findet wie bei Männern. Außer bei Frauen fand ich sie am 
häufigsten bei femininen Männern, viel seltener ist sie bei VoU- 
mannern und männlichen Frauen. 

In ähnlicher Weise wie dio Schilddrüse, ist auch die Hypo- 
physe in hohem Grade an den Vorgängen im weiblichen Genera- 
tioTisapparat beteiligt. Daraus erprobf^n sich fmr]i In>r crowichtige 
Unt.erschiode zwischon dipsprii Organ beim Maniiö und Weibe. Beim 
Mann itnd bei dpr Frau, die noch nicht s< lnvnn^'-er w^ir, wiegt die 
Hypophyse ungefähr gleich viel, durchschnittlich nämlich Gl cg. In 

Schwangerschaft aber erlangt die Hypophyse, indem sich die 
Hanptzellen des Voiderlappens in Sdiwangerachaftszellen um- 
wandeln, ein 6e wicht von 106 bis 165 cg, das durch Büekwandlnng 
der Zellen im Wochenbett zwar erheblich wieder zurückgeht, ohne 
jedoch jemials wieder das ursprüngliche Anfangsgewicht zu er- 
reielien. Bemziifolge ist bei Frauen, die crf^borpn haben, die Hypo- 
physe durchsclinittlich um 10 cg schwerer^als beim Manne. Es wird 
auch angegeben, daß im weibliehen Klimakterium vielfacli noch fine 
weitere Vergrößerung der Hypophyse stattfindet, die beim Weibe 
zu leichten akromegalen Veränderungen, sowie heterotypischer Bart- 
und Eörperhaarentwicklnng f fihrt, doch liegt hier vieles noch sehr 
im Dunkeln. 

Im anta.gonistisohen Gegensatz zur Hyiwphyse steht 

die Zirbeldrüse. Sie sondert Stoffe in das Blut ab, welche einer 
vorzeitigen Geschlechtsentwicklung entgegenwirken. Ist die Pro- 
duktion und Sekretion dieser Substanzen durch zerstörende Erkran- 
kungen der ZirlKddrüsp niifgeliobcn, so kommt es zu vorzeitiger 
Genitalent Wicklung, abnormem Länprenwachstum, Haarbildung im 
Kindesalter, auch zu den Zustiinden von Frühreife, wie wir sie im 
dritten Kapitel dieses Lehrbuches schilderten. Ein grundsätzlicher 
Geschleehtsnntersohied ist dabei ün Verhalten der Zirbel nicht nach- 
weisbar, als wesentlich ist aber za registrieren, daß sich die Früh- 
reife nicht selten' mit Hermaphroditismns vergesellschaftet. 

. Baß bei diesem aber noch du anderes endokrines Organ mit im 
Spiele zu sein scheint, erwähnte ich bereits im vorigen Kapitel» als 
ich auf das häufige Vorkommen von Nebennierentumoren 

bei Zwittern hinwies. Im Übrigen ist über Geschlechtsuuterschiede 
bei den Nebennieren noch wenig bekannt; daß man die nach Addison 
benannte Nebennierenerkrankung (Bronzekrankheit) im Gegensalas 
zu Basedow viel häufiger bei Männern als bei Frauen beobachtet, 
wurde bereits kurz berührt. Ebenso wissen wir auch noch kaum 



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IL Kapitel: Androgynie 123 



näheres über eine Verschiedenheit der T h y ni u -s «i r ü <^ e und der 
Pankreas b^im Manne und Weibe, trotzdem auch hier Zubanuuen- 
h&ige mit den Geaohleclitadriifieii — man ^enke nur an die starke 
Rückbildung der Thym-nedrQee im yorpubisehen Alier — mebr als 
wahieeheinlieh sind. Was endlich die letzte Gruppe endokriner 
Drüßen, die Glandulae parathyreoideae oder Epithelkörpercben an- 
lanf^, so ist auch hier ein Geschlechtsunterschied insofern zu ver- 
muten, als einp fnst ansschließlich heim weihlichen Gesehlpcht vor- 
kommende Erkrankung" die Osteomalazie mit einer Hyper- 
trophie dieser Drüse verbunden ist. Auch hier ist es noch ungeklärt, 
ob man in dieser Vergrößerung der Epithelkörperchen eine über- 
geordnete nrsäcMiehe oder eine nebengeordnete Eraebeinuug zu er- 
blicken bat Zweierlei steht nach allem angeführten auBer Zweifel: 
Mnmal, daß zwiseben denGesehleebtsdrüsen und dem ganzen Übrigen 
polyglandulären System Wechselwirkungen von einschneidendster 
Bedeutung vorhanden sind und zweitens, daß, wie die Geschlechts- 
drüsen, auch d'if' anderen Drüsen mit innerer Sekretion nicht bei 
beiden GJeschlechtern in Bau und Tätifirkeit gleich, sondern dnß sie 
geschlechtsspezifisch sind, und zwar kann man ans ilircn 
Wirkungen schließen, daü sie nicht nur immer einen rein mauu- 
liehen oder weib lieben, sondern, wie die sonstigen Körper- 
organdi» aueb oft einen androgynen Typus haben. 

Wir kommen nun noch zu demjenigen Organ, über dessen Ge- 
schlechtseigentümlichkeiten mehr geschrieben ist, als über irp-endnin 
anderes Organ des menschlichen Körpers, zum Gehirn. Fn ilich 
entspricht das Erg-ehnis dieser Arbeiten auch nicht im entferntr^t n 
der aulVri \vundten Mühe, namentlich ist es in keiner Weise gelungen, 
das zu beweisen, was Möbius und andere selion aus der bloßen Ge- 
wich tsverschiedeuheit des manniiciien und weiblichen Gehirns fol- 
gern zu können meinten, daß eine anatomisch bedingte Minderwertig- 
keit oder gar ein „physiologischer Scbwacbsann*' des Weibes besteht 
Erwägt man, was ich vorber Über das Mehrgewicht der w^blieben 
Hypophyse sagte, so geht schon aus dieser einen Tatsciche hervor, 
daß es bei der Hirnmasse, in der sich so mannigfach und wundersam 
die verschiedenen Eigenschaften der Geschlechter widerspiegeln, 
keineswegs auf das Gesamtgewicht als Maßstab 
geistiger Leist ung-sfähigkeit ankommen kann, als 
auf die innere Struktur ein^ieiner Partien dieses so 
überaus fein und kompliziert gebauten Zentral organs. 
Gehörte doch das schwerste Gehirn, das bisher gewogen wurde, mit 
2850 g, einem epileptischen Idioten, das zweitschwerste mit 2S22 g, 
einem ,,ganz gewöhnlichen Individuum" und erst das drittscbwerste 
mit 2012 g, dem russischen Dichter Turgenieff an. Ein fast ebenso 
schweres viertes aber stannüto schon wieder von einem Imbezillen, 
der in einer englischen Irrenanstalt verstarb. Umgekehrt hatten 



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124 



U. Kapitel: Androgynie 



cinipTf» sehr großp Genies auffallend kleine, wenngleich sehr win- 
tiungsreiche Gehiiiie. 

Entsprechend der geringereu E[apazität des weiblichen ^hädels 
ist absolut genommeii das weibliche Hirn etwa nm ISO g leichter als 
das männliche. Letzteres wiegt im Dorchschnitt 1400, das der Frau 
dagegen 1250 g (Topinard).; vergleiehen wir aber das Hlrngewicht 
mit dem Körpergewicht, so ist das Franenhim nelatiir sogar ge- 
wichtiger als das Männerhim. 

auf 50 kg Mann entfallien durchschnittlich 1112,5 g Gehirn 

Vrmy .. 1138,5 „ „ 

Aher .•lucli dies will wt-iiiir I)t'sji2:en. Voi' allfMn ist y.u l)erücksi('}itiß'en, 
daß diejeiiiffeu Hiriitrilc oiiic stärkere Ansbildiiiig" aufweisen, wclelie 
Körperteile iniierviereu oikr von ilmeii innerviert werden, die bei 
dem einen oder anderen Geschlecht anatomisch oder funktionell 
höher entwickelt sind, so ist der Sitz der willkürlichen Mnsk^- 
bewegungen, die Zentralgegend des Gehirns beim Maxme, das 
Sprachaentmm beim Weibe relativ umfangreicher. Eine nicht za 
übersehende Feststellung" rührt von dem 8chwe<lischen Forscher 
Gnstav Ketzins her; in se iner s;fhr sorgsamen Arbeit über „das 
Menschenhirn" (Teil I, S. 166, Stockholm 1896) gibt er an, daß er 
zwar ..kfMTio sprzifis^-'lif'n o(l<>r f']i;jrakteristischrn Geschlechtsunter- 
ßchiedc" am (Jeliirn wahr^enonmicn liahe, daß aber im ganzen ge- 
iionniuii. (lofh ,.(l!e weihlicheii Gehirne etwas weniger Abweichungen 
vom Typus und eine größere Einfachheit und Eegeiiuäßigkeit 
zeigen". . « * 

Hinsichtlich des Bückenmarks hat Mies gefunden, daß ent- 
sprechend der relativ grofieren Nervenmasse des Weihes dieses 
Organ bei der Frau großer und länger ist als beim Manne. Diese 
größere Nervenmasse dürfte im w^esentlichen wohl von den Haut- 
nerven herrühren, in deren Menge die Frau dem Mann erheblich 
ülM ilpp-en T>oni(^nts])T('rhend ist auch der Tast- und Drucksinn 
bei ihr leiner wie heim männlielioii Geschlecht. Allerdings; ist beim 
Manne wiederum die Schmerzempiindlichkeit größer, die Frau ist 
abgestumpfter, ob von Nafnr oder durcli nrorbte oder erworbene Aii- 
passimg bleibe dahingestelil, auch gegen Kälte soll sie weniger emp- 
findlich sein. ■ - 

Im allgemeinen sind wir über die Verschiedenheit der 
Sinneswahrnehmungen bei beiden Geschlechtem noch sehr 
wenig unterrichtet, trotzd^ bereits manchierlei exakte Unter- 
suchungen dieses Gegenstandes vorliegen, über die Ellis in seineiii 
klassistdien Werke: „Mann und Weib" eine gute Übersicht gibt. 
Nur inniges sei hervorgehoben, was auf mehr als bloßen Vermutungen 
bcrulit. Der Geruchssinn soll im nllgomeinen beim Manno. d^r Ge- 
schmackssinn beim Weibe sidiärlt i si in. Hinsichtlich des Ciehör- 
sinns ist zu erwähnen, daß beim Manne die obere und untere Gehör- 



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II. Kapitel: Androgynie 



125 



t lyrenze weiter anüfiTinjKlorlioj^TPn als beim \\'t lli<'; was dif^ Hr*]i;irfe 
des Gesichtssinns anianfjrt, so i,st oin ausgepriig-tei- CTOScliieciitbuiiter- 
schied bisher nicht i'ehtge&tellt, es sei d^'nn der, daß die Farben- 
blindliüit beim Manne zehnmal häufiger vorkomait 
als beim W.eibe (beim männlichen Geschlecht ein Farbenblinder 
auf 25 bis 80, beim weiblichen eine anf 250 bis 1000 Personen). DaB 
mit diesen im weaentlicben quantitativen Verochiedenheiten die Be- 
sonderheiten inämilieher nnd weiblicher Sinnesempfindungen nicht 
erschöpft sind, liegt auf der Hand. Die Hauptsache ist, daß das, was 
der Mann nnd was das Weib Inst- und u n 1 u s 1 1) e t o n t wahr- 
nimmt, verschieden ist, daß beide, um mich allj^enunnverständiicher 
aiLBzndrücken, eine verschi^deiic Geschmacksrichtung haben, was 
in der Verschiedenheit von Dingen, die sie gern sehen, hören, riechen, 
schmecken und fiiiilen, Ausdruck findet. Hier aber sind wir schon 
über die androgyne Körperbrachaffenheit heraiiB an der Grenae deÄ 
rein Fisychologtschen nnd müssen vorläufig abbrechen, um in den 
nächsten Kapiteln, wo wir die Abweichnng:ien vom see lisch eü 
G-eschlechtstypns schil dem , d arau f z uriickzukommen. An 
dieser Stelle sei nur noch eines bemerkt, nämlich, daß die Art und 
Weise, wie die Frau auf Sinneswahrnehnmngen reagiert, von der 
männliehen Art insofern abweicht, als die äußerenEindrücke 
bei ilir viel leichter innere Bewegungen, sogenannte • 
Geniiitsbewegungen, verursachen, die sich dann in 
äußeren Bewegungen, namentlich im ihrem Mienenspiel, wider-' 
spiegeln. Weinen nnd Lachen, Fnidit und Freude, Schreck nnd Mit- 
leid, Erröten imd Erblasseni, Entzückongr wnd Entrüstung werden im 
Weibe ungleich rascher ausgelöst als beim Manne, dessen Nerven bei 
weitem nielit so ,,em])fin(lsaTn"' so hihil und affizierhar sind. TTnd 
doch felilen aneJi hier nicht die Ihnkehrun^eii, denn wie viele Männer 
gibt es, die Icieliter zu Tränen gerührt, himmelliochjaneli/end und 
zu Tode betrübt, die viel „weicher'' sind wie das femininste Weib, 
tmd wie viele Fräuen, die viel ,4iärter'' und stabiler sind wie der 
virilste Mann, solche, denen, wie etwa der Xiouise Michel, „die -weibn- 
lichen Schreoknerven" gänzlich zu f^len scheinen. So drückt sich 
in bezeichnender Weise über sie ihr Biogrtiph v. Levetzow aus» aU* 
er schildert, wie diese Frau auf einer dem feindliclien Feuer {lus- 
geeetzteu Stellt» der Strai^enbarrikade seeienvergnügt und nihig den 
Nachmittagskaffee schlürfte nnd mit einem russischen Studenten 
über Baudelaire diskutiert, während reclits und links von ihr die 
Sprenggeschosse eiu&chlagen. Im Augenblick', in dein sie sich end- 
lich auf die wiederholten dringenden Zurufe der Kameraden in eine 
Jiredeekte Stellung zurückasiehti fällt eine Bombe in' die stehengeblie' 
ben^n Bjiff eetassen. Ein Verhaltein dieser \kri ist für ein männliehes 
Weib überaus charakteristisch. Der gro6erfeh „Bickfelligkeit" der. 
virilen Frau und des virilen Hannes steht die stärkere Emotivität 



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IL Kapitel: Andngynie 



und Ipichterp ppvoliische Reizbarkeit des Weibes und femininen 
Mannes gegeniilx r. Vor einiger Zeit hatte ich einen 25jäbrigen Sol- 
daten vor dem Oberkriegsgericht zu begutachten. Er hatte sieh zu 
einer Beleidigung eines Vorgesetzten vor versammelter Mannt^chaft 
fortreißen lassen» als dieser ihn wegen einer geringfügigen Unordent- 
lichkeit an Beiner ünifonn mit einem «der üblichen Schimpfnamen 
ans dem Tierreich belefft hatte. Der Angeklagte gab an« daß er in- 
folge Beines weiblichen Wesens in ganx anderer Weise imter dem 
Kasementon litte, wie die robusteren Kameraden, die sich bald an 
die derbere Umgangssprache gewöhnten; der Unteroffizier selbst, so 
meinte der Angekhigtc, habe seine Weiblichkeit „anerkannt", dpnn 
er habe ihm bereits am ersten Exerziert^e zugerufen: „Sie machen 
ja Schritte wie ein Freudenmädchen in der Friedrichslraße. ' Unter 
den zahlreichen femininen Körpereinschlägeu des Angeklagten fiel 
besonders auf, dafi ihm jede Spur von Bartwuchs fehlte, er hatte 
sieh'mit 25 Jahren noch niemals rasieren lassen. leb 
legte in meinem Gutachten ausführlieh dar, daß bei dem Beschuldig- 
ten auf der Grundlage einer femininen Konstitution 
eine hochgradige Ilysteroneurasthenie entstanden sei, 
die ihn in Erregungszuständen heinmungshks zu impulsiven Affekt- 
handlungen führe. Er wurde vom Oberkriegsgericht freio-esprochen, 
nachdem das Kriegsgericht auf 1 Jahr üefäugnis erkannt liatte. 

Die zahlreichen Abweichungen vom Geschlechtstypus auf an- 
drogynem Gebiet treten teils einssein für sich, teils za kleineren oder 
größeren Gruppen miteinander verbundien in die Erseheinnng. Man 
spricht in diesem Sinne mit Fnigr und Becht auch von femininen 
Einschlägen beim Manne und virilen beim. Weibe, 
eine An^drucksform, die nicht nur naeli Form, son- 
dern a u e Ii d e m Inhalt nach an Eins i> r e n g u n g e n von 
weiblichem K e i m g e w e b e in die m ä n n 1 i c h und männ- 
lichem in die weibliche Geschlechtsdrüse erinnert; 
inhaltlich deshalb, weil ein Parallelismus zwischen den soma- 
tlaehen Einschlägen und genitalen Einsprengungen angenommen 
werden muß. 

Graduell kann jeder andersgeschlechtliche Einschlag nur ein ge- 
ringfügiger sein, er kann aber auch eine beträchtliche Höbe er- 
reichen; so werden wir in einem kleinen Schnurrbärtclien auf der weib- 
lichen Oberlippe wohl kaum ein nennenswert viriles Zeichen erblicken, 
aber von hier bis zu dem Weib mit stattlichem Vollbart führt ein 
Weg mit vielen allmälilichen Steigerungen. Und genau so wie hier 
nach der exzeshiveu yerhält es sich auch nach der defektiven 
Seite beispielsweise mit dem androgynen Kehlkopf des Mannes^ der 
in manchen Fällen nicht die volle virile Ausbildung erreicht, in 
anderen auf völlig weiblicher Stufe stehengeblieben ist. Ziehen wir 
■diese ungemein verschiedenen Stärkegerade der einzelnen androgyni* 



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I 



n. Kapitel: Androgynie 127 



flehen Zeichen in Betracht und berücksichtigen wir weiter, daß oft 
nur ein, oft zwei urld njehr, oft fast alle Geschlechtsmerkmale vom 
geschlechtlichen Tj-piis abweichen, so ergribt sirh dnransi eine höchst 
mann ig* fache Erscheinungs weit der androgyuen Va- 
rianten. 

Immerhiu gibt es gewisse Abweichunjyen, die mit Vorliebe ver- 
g^ellschaftet vorkommen. Diesen häufig wiederkehrenden Kom- 
buiati<men nachznfarBdiezi wäre sehon deshalb Ton hohem Werte, 
weil sie vermutlich Bücksehlftsse zulassen auf ims bisher noch nicht 
bekannte Znsammienhäage imd Gegenwirknngen in dem polyfirlandn* 
lären System dee Körpeis. Um nur einige Beispiele herauszugreifen, 
80 sehen wir eine stärker entwickelte Gynäkomastie oft ganz isoliert 
bri einem sonst ganz vollmännlichen und eine ausgebildete Andro- 
tric'hie häufig ganz vereinzelt bei einem ganz vollweiblichen Indi- 
viduum auftreten, dage^^en kommt beim Weibe ein leichterer Bart- 
anflug oft mit tiefer Stinnne und großer Klitoris, und holip Riinmie 
beim Manne oft in Verknüiifung mit femininer Beckenbüduiig und 
Hypospadie vor. 

Ebenso wie die einzelnen androgynen Stigmata sich nnterein an- 
der in mannigfaltigen Variationen rerbinden, sind sie häufig aber 
aueh mit anderen Abweichnngen vom Oeschleehtstypns 
assoziiert, die* teils auf d^ Gebiet der Genitalorgane, teils dem 
der seelischen und psychosexuellen Geschlechtscharaktere liegen. 
Schon die in den eben erwähnten Kombinationen vorkommende 
Klitorishypertroplüe bei Frauen mit tiefer Stimme, und Hypospadie 
bei Männern mit hoher Stimme greift ja auf den Geschlechtsapparat 
im engereti Sinne über. Aber nicht nur diese, sondern auch andere 
Orgaiistomngeu an den Genitalien, beispielsweise der Kryptorchis- 
mus, die Hypertrophie der kleinen Labien, kommen so häuHg im 
Verein mit sekundären Gesehlechtsabweichnngen vor, daß man an 
eine gemeinsame Ursache- denken muß, die nnr auf inner- 
flekretorischem Gebiet liegen kann. Andererseits zeigen aber die 
Steinachschen Verpflanzungen, daß die Genitalorgane im Gegensatz 
sn allm anderen körperlichen und seelischen Geschlechtsunterschie- 
den von der Einwirkung der Pubertätsdriise nahezu unbeeinflußt 
Reiben. Also muß hier ein Sekret eine Wirksamkeit entfalten, das 
von dpii Geschlechtsdrüsen nur relativ abhängig ifit, wie etwa die 
Hypophyse. 

Bereits im vorigen Kapitel über den genitalen Hermaphroditis- 
mus wies ich darauf hin, daß es für die Diagnose männlicher oder 
^iblieh» Hermaphroditismns sehr ins Gewicht fällt, ob die sekun- 
dSien Geschlechtsmerkmale überwiegend männlich oder weiblich 
«easrtet sind. Wenn sich also bei einem als Weib lebenden 
ßeheinzwitter alle sekundären Geschlechtsmerkmale 
männlich gestalten, Bartwuchs, tiefe Stimme und auch männliche 



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128 



U. Kapitel: Audrogynie 



liOgunf»-t'n und Neigungen annieten — ♦■in. wie wir snliPii, kciiieswL'iJ:» 
seltener Vorgang — so unterstützt dies die Entst lieiduug s e Ii r 
wesentlich, aber völlig beweisend ist es doch nicht, 
denn wir kennen Fälle, wie wir sie bn vorigen Kapitel beschrieben» 
in denen eine mit einer Frau verheiratete imd mit einem: Vollbnrt 
veisebene Person ihr liehen lang völlig den Eindruck ein€s Mannes 
machte, und sieh dennoch bei der Autopsie als ein Weib mit Uterus und 
Ovarien herausstellte, so daB unmöglicii von ihr angenommen werden 
konnte, daß sie der Vater ihrer drei Kinder wiar. Umgekehrt sahen 
wir, wie aus Körpern mit überwiegend weiblichen Geschlechts- 
charakteren, nncli srnt entwickelten Briisten. prlcich wolil li'beTides 
8penua ejakuliert wnnle, so daß au der Anwesenheit einer uunui- 
lichen Gesclilwlitsdrüse nicht '/n zweifeln war. Vollends den , 
neutralen und dualen Hermaphroditen. Hier sind die sekundären 
Geschlechtszeicheu, gleichviel ob bei der Person rudimentäre Gre- 
Bchleohtsdriisen ohne sichtliehm Geschlechtseharakter vorhanden 
sind oder ovostestes, in denen beide Q-eschleehtlichkeiteii 
aufs innigste vereiniget sind, oft so vermisdit dnd verwiscfat, 
daß es sehr schwer zu sagen ist, welches Geschlecht das Übergewicht 
hat, und selbst wenn, was öfter vorkommt, im Körixjrbaii das eine 
oder andere Geschlecht stark im Vordergrund steht, ist eine sichere 
Diagnose gleichwnhl noch nicht gew^ährleistet, so daß, vor die prak- 
tische Frage der Geschlechtszu.trehörigkeit gestellt, in solchen Fällen 
letzten Endes doch das (1 e sch 1 ech tsgel'ü h 1 und der Oe- 
se h 1 ec h t s w i 1 1 e den Ausschlag gibt. 

Nicht ganz so schwankend wie die Beziehungen zwischen Herm- 
aphroditifomis und Androgynie sind die zwischen der Androgynie 
und den seelischen Abweichungen vom Oeechlechtstypus. Gibt es 
doch eine Beihe androgyner Zeichen, von denen ohne weiteres ein- 
leuchtet, daß sie zwar körperlieh imponieren, in ihrer Entstehung 
aber doch in hohem Maße von ]>sychischen Momenten abhängig sind. 
Dazu gehört vor allen Dingen die Gestik und Mimik des Menschen, 
ebenso die Handschrift und der Gang. Auch im Gebiete des Emotio- 
ncl len. in der Affektivität der Sinne berührt sich Physisehes und 
l'syeli isclies anfs innigste. Sicherlich findet sich im Fühlen, 
Denken und Wollen des Mannes und des Weibes vieles, was 
einen Geschlechtsstempel trägt, indem es sich überwiegend bij^ld bei 
dem einen, bald bei dem anderon Geschlecht findet. Die Elf ahrnng- 
lehrt indes, daß virile Körpereinsehläge beim Weibe und' feminine 
beim Manne, häufig aber keineswegs stets mit entsprechen' 
den seelischen einhei'geheu. Es gibt Viragines mit Androtricliie,- 
Audroglottie, Andromastie und Androsphysie, die geii^tig und 
seelisch frlcichwohl völlig weihlicli ge^irtet sind, und Weiblinge mit 
Gynoglottie, Gynotrichie, Gynonia«;tie und Gynosphysie, die in in- 
tellektueller und affektiver Hinsicht ganz müuniich sind. Anderer- 



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II. Kapitel: Androgynie 



129 



seits findet man aber auch seelisch ganz weibliche Männer, beispielt»- 
weise unter den metatropischen Traosvestiten ohne Anzeiehen w^b- 
lieher Körpeirbeflchaffenlieit nad ebenso psychiflcb mSnnlich «[eaitete 
Franen ebne yirile SomaehaTakteTe. Anch bier besieht sieh, wie 
nberbanpt auf sexuellem Qebiet die Begel, immer nur anf die 
größere Häufigkeit, sie hat stete nnr eine relative, nie eine absolute 
Gültig-keit. Das Verhältnis dürfte etwa so stin, daß, während soma- 
tische Vollmäiiner und Voilfrauen zu 10 Proz. seelische Geschlechts- 
abweichungen darbieten, bei androgynen Männern und Frauen dieser 
Prozentsatz auf 50 und mehr steigt. Damit ist aber schon ein Zu- 
eammenhang erwiesen. . 

Ganz ähnlich wie zn den psychisohen TerhMH eich di6 Andre- 
gynie anoh zu den psyeboseznellen Atypien; mit anderen 
Worten: der feminine Mann und die virile Frau zeigen zwar nicht « 
immer ein vpn der Nonn abweichendes Sexaalempfinden, aber doch 
verhältnismäßig sehr viel öfter als der virile Mann und die feminine 
Frau. Allerdings ist djis Gcschlechtsgefühl in solchen Fällen nicht 
etwa nur im rein konträrsexuellen Sinne zu verstehen, nach dem 
Weibmänner wie Weiber männerliebend, und Mannweiber wie 
Männer weiberliebend eein würden; vielmehr erstreckt sich ebenso 
häufig die Neigung anf das entgegengesetzte GesohIe(dit, meist fira- 
lieh dann so, daß der feminine Mann virile Frauen sneht oder passiv 
von ihnen begehrt sein möchte, oder dafi die Fran mit dem männ- 
lichen Einschlag aktiv und aggressiv auf Männer mit wa.bliehem 
Einschlag fahndet. Jedenfalls findet man die Aggre^ionsinversion 
besonders häufig bei gynandrisehen Personen, beispielsweise haben 
inkuhistische und sadistische Frauen oft in Gestalt und Auftreten 
etwas unverkennbar Männliches, dagegen ma&ochistit»che und sukku- 
bistische Männer in Aussehen und Gebaren weibliche ^ge. Kraf ft- 
Ebing bezeichnet sogar die Androgynie xmd Gynandrie „kUniseh nnd 
anthropologiseh als eine besondere» nnd zwiar als die vierte; weit- 
gehendste Entwicklungsstufe oder Eracheintmgsform der eingebore- 
nen konträren Sexualempfindnng*'; er sagt: „die Körperform nähert 
sich auf dieser Stufe derjenigen, welcher die abnorme Geschlechts- 
empfinflnng entspricht; nie aber — fügt er hinzu — finden sich 
wirkliche Übergänge zum Hermaphroditen, im Gegenteil, voll- 
kommen differenzierte Zeugungsorgane, so daü also gleichwohl bei 
allen krankhaften Perversionen des Seznallebens die Ursache im 
Gehirn gesneht werden mnß." Hinaiehtlich der fitiologisehen 
Anf f assong ist dieser Ansspmeh dahin zn berichtigen» dafi naeh dem 
jetzigen Stand der Erkenntnis nicht im Gehirn, sondern in den Ge- 
schlechtsdrüsen die letzten Ursachen körperlicher Mannweiblichkeit 
liegen, SÄchlich ist gegen die Krafft-Ebingsche These einzuwenden, 
daß die androgyne Körperbildung durchaus nicht immer mit Homo- 
sexualität einhergeht. Dieser Irrtum in der Einteilung ist praktisch 

Hirce1lf«ld, Sexuaipathologi«. H. 9 



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130 



IL Kapitel: Androgynie 



nicht ohne üble Folgen geblieben, indem Äfimner und Franen mit 
deutlichen Anklängen an den andersgeschlechtlichen Typus oft ohue 
weiteres für homosexualitätsverdächtig angesehen worden, 
was ihnen oft genug erheblielie Unaxmelunliehkeiten bereitet hat 
Auch darin können wir Kraf ft-Ebin^ nicht beipflichten, daB er die 
Effemination und Viraginitäi von der Gynandrie nnd Androgynie 
abtrennt und sie als dritte Stufe der konträren Sexual- 
empfindung dahin definiert, daß „aneh daa ganze psychische Sein 
•der ahnomien Gesolileehfsempfindnng ents;pre<*hpnd g'eartet sei". 
Nach unserer Auffassung ist der liffeminierte uml die Viragro gleich- 
falls in erster Linie ehip körperlich abzuwertende Abart der Gattung 
Mensch: sie stellen I i sclieinnnßren dar, die wohl mit der kontriirpn 
Sexualempfindung ziLsannneuf allen können, aber keinesweg» 
mäflsen. 

Androgyner Drang und Wahn. * 

Es ist nnn noch einiges über androgryne Drang - undWahn- 
vorstellungen zu sagen, die oft neben wirklicher körperlicher 
Mannweiblichkeit bestehen, nicht selten aber auch ohne diese bei 
psychisch Intersexuellen vorkommen. Die Psych p empfindet die 
nicht entsprechende Physis instinktiv iiistig- und sucht ^ie 
nach Möglichkeit auf Grund dieser Emplimlungen zu korri- 
gieren. Von diesem Gesichtspunkt aus stellt der androgyne 
Drang, ebenso wie das oft als bloBe Willkfirlichkeit angesehene 
«md daher von Angehörigen nnd anderen meist stark getadelte weib- 
liche Wesen männlicher oder das männliche Gehaben weiblicher Per- 
sonen, die Projektion eines endokrin bedingten Femi- 
nismus dar. Feminine Männer dieser Art sind oft anf das eifrigste 
bemüht, jedes Haar, das nicht dem weiblichen Typus zukommt, zu 
entfernen; schon Seneca, Martial und Juvenal berichten, wie die 
antiken Weiblinpe mit Harz, Pech und nnderen Mitteln sich ent- 
haarten oder mit Bimsstein glätteten. Martial nennt die "Weih- 
männer deshalb „glabri", Persius „leves", Seneca „depilaii ■, Juve- 
nal „resinati". Dem Bartschmuck stehen die Femininen im allgemeinen 
ablehnend gegenüber; die meisten ziehen ee, wenn sie nicht füiehten 
anfznfallen, bei weitem vor, glattrasiert zu gehen. Sehr vielen 
ist anch schon das Basieren sehr imsympathisch. Vor einigen Jahren 
tauchte in Berlin ein ausländischer Arzt anf, der sich erbot, mitteln 
Böntgenbchandlung alle Haarwurzeln so radikal zu zerstören, daß 
die Haut dauernd glatt und hell bliebe. Er hatte etwa ein Jalir lang 
einen sehr starken Zulauf von fornininen Männern, bis man nämlich 
erkannte, daß die angcjiri* si 7iu Kur nicht nur unzuverlässig, sondern 
auch keineswegs ungefährlich war. Sehr schwer wird es femininen 
Männern dagegen oft, sich das Haupthaar scheren zu lassen. Ich 



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IL Kapitel: Androgynie J.31 

kannte mehr als einen Femininen, dem es eine wahre Qnal bcrciteto, 
sich dieser „Operation", wie er es nannte, zu unterziehen; einer 
meiner Klienten bnieh bei dieser Frosednr stete In Trfinen ans. In 
dem Referat B*ränkels über den weiblichen Selbstmörder Blank, den 
er als ^ihxmo mollis"*) beecbxieben bat, beißt es: „er legte sein Haar 
in Loekeio, aeistdrte seinen Bart nnd stopfte sich Bnsen nnd Hfiften 
ans." 

Wie ganz anders verhalten sich hinsichtlich rlp,*> Haarschmncks 
die männlichen Weiber. Die komplizierte Dainenfrisiir vernrsacht 
ihnen oft nicht geringe Schwierigkeiten; am liebsten tragen sie 
daher da& Haupthaar glatt gescheitelt, ganz schlicht oder ungeordnet. 
Koeh lieber wärden mamcbe „einen Titnskopf tragen. Ich habe 
mehr als eine Tirile Fran zn beobaehten Gelegenheit gehabt, die von 
früher Jugend an einen förmlichen Haß gegen das eigene 
langeHaar empfand. Manche männliche Frauen gehen in ihrem 
nnrlrogynen Drang sognr so weit, allerlei Mittel anzuwenden, nm 
Bartwuchs zu erzielen. Krafft-Ebing berichtet von der in Männer- 
kleidern verhafteten Sarolta Vay, daß sie, um einen Bart zu be- 
kommen, „allerlei ßasierexperimente" in Auwendung zog. Andere 
derartige Weiber lieben es, sich einen künstlichen Schnurrbart auf- 
ansetzen oder wenigstens ansnmalen. Jn meiner Photographiensamm* 
Inng besitze ich eine stattliche Anzahl Bilder von Frauen „mit 
schneidigem Schnurrbart", den sie sich sehr naturgetreu angeklebt 
haben, üm ihr^ Teint feiner und weiblicher zu gestalten, wenden 
feminine Männer vielerlei Toiletteukünste an: ^jhminke, Puder und 
Färbemittel aller Art; die männlichen Frauen dagegen verabscheuen 
nicht nur dergleichen im Gegensatz zu vielen ihrer normalen 
^Schwestern, sondern sind froh, wenn etwa durch viel Sportübungen 
im Freien ihre Farbe gebräonter nnd ihre Hant derber wird. Einen 
förmlichen Haß haben viele feminine Männer auch gegen den 
,^damsapfel'S dem von virilen Personen doch nnr sehr selten Beach- 
tung geschenkt wird. Ich 'bin von mnhr als einen angefrag^t worden, 
ob es denn kein Mittel gäbe, den häßlichen „Enubbel" am Halse fort^ 
zubringen. 

Ein Hauptgegeustand androgyner Wunschvorstellungen sind die 
Brüste. Bei diesem markanten Geschlechtsmerkmal tritt die see- 
lische Tendenz, etwas körperlich nicht als adäquat Empfundenes 
abzuändern, oft ungemein heftig auf. Der üppige Busen, den die 
virile Frau an deh haBt, ist die Sehnsucht der femininen Minner, 
und die flache Brust, deren Anblick ihn verdrießt, ist ihr Verlangen. 
In einem 'früheren Buche habe ich über einen Fall berichtet, in dem 
ein weiblicher Mann von dem Wunsche verfolgt wurde, sich „durch 
Paraffininjektionen einen weiblichen Busen herstellen zu lassen'*. 

•) Med. Zeitung vom Verein für Heilkunde in PreuikD, Bd. 22, S. 101, 1SÖ3. 

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132 



IL JLapitel: Androgviue 



Andere ««nden allerlei Saugapparate an oder geben viel Geld für 
koametiflolie Koren sor Erlangung einer schönen Büste ans. Gegen- 
wärtig habe ich einen EanMann in meiner BeliancUnngV <ler selbst 

darauf verfallen war, mßh. Einspritzungen von Thelygan in die 
Brüste verabreichen zu lassen, um so vielleicht eine Vergrößerung 
seiner Brüste herbeizuführen. Zu meinem Erstaunen ist dieser Ver- 
such tatsächlich von einem gewissen Erfolg begleitet gewesen. Zu- 
nächst hat sich die tiefe Verstimmung des Patienten sehr erheblich 
gebessert. Auüerdem konnte aber auch objektiv nach einiger Zeit 
eine partielle GynSkomsstie festgestellt werden. Vorker ebenfalls 
mit Hilfe von Qiganpriparatea in Anwendung gekrackte Vor* 
männlloknngsknren Terseklimmerten die psyebiseke De- 
pression. 

Bei virilen Frauen geht umgekehrt manchmal der Drang so weit, 
sich die Brüste amputieren zu lassen. Ich kannte ein Mädchen von 
25 Jahren, das es schließlich durchsetzte, daß die Ärzte, ein Chirurg 
in Verbindung mit einem Psychiater, ihr diesen. Willen taten. 

Im Zusammenhang mit dem Buseu spielt überhaupt die Figur 
unter den androgynen Zwangsvorstellnngen eine große Bolle. Femi- 
nine Männer legen groBen Wert. auf ^ne seklanke Täille nnd 
scknüren sick aus diesem Gründe in erkeklickem Gerade, wäkrend 
virile Frauen ganz im Gegenteil kiOTVon oft gar nichts wissen wollen 
und das Korsett stark verpönen; oft liegt in solchen Fällen der 
scheinbaren Objektivität eine imbewußte sexuelle Siil)j(^ktivität zu- 
grunde. Auch in der artefizielien Stimmbeeinflussung dokumentiert 
sich hie und da die androgyne Psyche. Während der feminine Mann 
dazu neigt, seine Stimme künstlich zu erhöhen, namentlich im Ge- 
sang, tat Siek die virile- Frau wieder viel darauf zugute, wenn sie 
ikre Stimme vertiefen kann und sei ee aiiek nur durck einen Stimm- 
bandkatarrh infolge vielen Rauckens und Trinkens. 

Sogar bis auf den Genitalapparat erstreckt sich dieser seltsame 
Drang. Kastrationswünsche femininer Männer siml mir oft be- 
gegnet. Stark virile Frauen binden sich, namentlich wenn sie Bein- 
kleider tragen, Nachbildungen männlicher Olieder um, nicht etwa 
nur cohabitandi causa, sondern oft lediglich, um sich der ihnen so 
angenehmen Illusion hinzugeben. 

Man ist znnäekst geneigt, in vielen dieser androgynen. Wüneehe 
und Handlungen eine Zügellosigkeit m erblicken, etwasLSppisobes» 
Kindlidhes, keisqpielsweise im künstlichen Hoch- und Tiefsingen, oder 
etwas Extravagantes wie im Titüskopf des Weibes, oder im Schmin« 
ken und Lockenbrenn f^n des Mannes. Offeribnr neigten auch die 
alten Koniödienschreiber zu dieser Auffassung und übergössen diese 
Gepflogenlieiten mit Spott und Hohn. Später ging man mit ihnen noch 
weniger giimpfiich um. Sicherlich ist auch dieser Drang, der meist 
sckamkaft verborgen wird, bis sn einem gewissen Grade der Willen»- 



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IL Kaintel: Aadrogmie 



133 



hemmung unterworfen, aber oft ist er doch anoh 80 stark, daß er 

alle Schranken durchbricht, namentlich wenn die nervösen Wider 
standskräfto nnd für sich «•f^rin.crfügig' sind. So sehen wir, daß 
manche audrogyne Züge im Alleinsein oder in ähnlich veranlagter 
Gesellschaft, in der ein äußerer Zwang nahezu fortfällt, sich 
elementar Aufdruck verbcliaiien. Totale dauernde Mimikry in 
dieser Hinsieht, bestehend ül fortgesetst» gewaltsamer Unter- 
drüokiing jeder f-anininen Änßenmg der femininen Psyehe, ist aber 
kaum ohne schliefillcheBeemtraehtigimg des Nervensystems möglieh. 

Noch eine Stufe weiter wie der Geschlcchtsverwandlungsdrang 
geht der androgyne Wahn. Die mit ihm behafteten Personen 
glanhen, daß ihr KörperhfiTi tntpäehlich bereits einen weiblichen 
oder männlichen Typus aufweist, während dies in Wirklichkeit keines- 
wegs zutrifft. Oft handelt es sich auch nur um spontane Phantasie- 
vorstellungen, in denen zu leben den Betreffenden ein großes Wohl- 
behagen bereitet, oder auch um wahnhaffie Überzeugungen nnd 
OrgangefShle, die etwa den Charakter hypochondrischer Wahn- 
ideen haben, nnr mit dem üntersehiede, daß dkse seznellen Wahn- 
VürsteUnngen lustbetont empfunden werden. Da ist beispiels- 
weise jemand, der eine kaum den Durchschnitt überragende Fett- 
ansanmilung in der Brustgegend hnt, fest davon durchdrungen, er 
besitze weibliche Brüste; unter den Musculus pectoralis fassend, 
su( lit er sie zu (I*Mnoiistripren und läßt sich nicht ausreden, daß seine 
Amiahme auf eiiiein Irrtum beruiit, oder er findet sein Gesicht oder 
8«ne Mgnr »»ausgesproohoi weibUiih'*, ohne daB diese Annahme im 
mindesten antrifft. Franen mit analogen Stfirongen sagen» Ihre Mns- 
knlator oder ihre Hüften seien doch vSllIg minnlich nnd sind nicht 
vom Gegenteil zu überzeugen. Auch das Gefühl, welches viele Vira- 
gines während der Kohabitation haben, das Membrum des Partners 
sei ein Gebilde ihres eigenen Körpers, gehört in dieses Gebiet. 

Ich will zur Erläuterung dieser Vorstellungskomp] exe, die oft 
sehr intensiv sind, Briefstellen eines Korrespoudenttu bringen, 
der mir seit vielen. Jahren sclinitlich sein Herz aui^hüttet. Wie 
viel hier anf das Konto wirklicher androgyner Beschaffenheit, wie 
viel anf Fhantasievorstellnngen fällt, inwieweit ein androgyner 
Drang oder Wahn vorliegt, entzieht sieh meiner Benrteilnng, da der 
auswärts lebende Patient bisher eine persönliche Untersuchung aus 
Scham ablehnte. Gleichwohl sind seine Mitteilungen aber von hohem 
psych ologischen Wert, weil aus ihnen die starke Fixierung an 
den ihn völlig beherrschenden Gedanken der Gynako- 
m a s t i e als Ausdruck seiner Weiblichkeit mit Deutlichkeit her- 
vorgeht. 

Die Eitern waren bei der Geburt des Patienten beide 29 Jahre aM, der Vater 
4 Monate älter als die Mutter. Die Mutter hatte vor d«r G^urt den leSihtiftflii Wunadb, 
dn M&dehen ni bekommm, da du erste Kind ein Knabe ceireeen war. lfm hette 



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134 



IL Kapitel: Andragniie 



für ihn aishon einen Mädchennamm bestimmt Nach ihm wurden noch zwei Mädchen 
geboren, zwei und fünf Jahre jünger wie er. Diese beiden Schwestern sind unver- 
heiratet und haben wenig Neigung zur Ehe. Alle Geschwister haben verhältnismäßig 
selir joffendliebei Aumdieo* äb dafi jedenUMm si« jOngar taxiert als sie sind. Dia 

Eltern leben in glQcklicher Ehe. Der Vater war streng, die Mutter nachsichtig, er hat 
für die Mutter mehr Sympathie und ist ihr körperlich ähnlich, während er geistig 
mehr dem Vater gleidit. Als Kind sprach er viel im Schlaf. Er spielte lieber mit 
Ifftdcsben, wie er auch U&dcbenUeiduns Heber fetragen hfttte, da er sie schöner fand. 

Diese Vorliebe fiel auch seiner Umgebung auf. Er lernte sehr leicht, besonders hatte 
er Interesse für Musik und Geographie. Er wurde in einer klösterlichen, doch für 
weltliche Berufe bestimmten Anstalt erzogen. Geschlechtliche Verführung fand nicht 
Statt. Er hatte von Jugend auf einen Widerwillen gigen ndUmliehe Personell, ba- 
sonders gegen geschlechtsreife. Bis zum 7. Jahre kannpn fter onanistische Versuche 
durch Reiben an den Genitalien vor, ang^iicb im Schlaf, sie wurden ihm von den 
Eltern abgewöhnt. 

Er schlief als Kind mit seinem Bruder, der zwei Jahre älter war, zusammen. 
Etv-a im 13. Jahre erlitt er einen heftigen Stoß trogen die Hoden und bekam dnnich 
eine Entzündung und Eiterung der Hoden. Die Hoden bheben in der Folgezeit bis 
heute kaum aprikosenkemgroB. Als er etwa 17 Jahre zählte, fohlte er in der Gegend 
der Brustwarzen ein heftiges Brennen und Judcen, allmählich traten die charakte» 
ristischen Wölbungen der weiblichen Brüste hervor. Bei seiner damaligen Unerfahrpn- 
heit hielt er diese Entwicklung für ganz natürlich, erst nach und nach dämmerte ihm 
die liehtige Kikamtnis und er veibarg sein Geheimnis vor jedermami. Zitternd sah 
M der Mihtftrmusterung entgegen; seine Schilderung dieser Untersuchung läßt .er- 
kennen, daß sie ein schweres psychisches Trauma für ihn bedeutet. Er denkt noch 
heute mit Ingrimm an die anztlglichen Reden einiger Herren und ihre spöttischen 
Blieb. Er wurde nicht ausgehoben. Sein« Abneigung gegen trstUdie Untersuchungen 
ist seitdem so grofi, dafl er heute noch, trotz seiner ausführlichen schriftlichen Be- 
kenntnisse, sich nicht zu einer Untersuchung verstehen kann. Bis Enric df^r zwanziger 
Jahre hatte er keinen Bartwuchs, auch jetzt, ira etwa 40, Jahre, beschränkt sich der 
Bartwuchs auf onen sehr sehwadien Sdinunhart. Wann er zum ersten Male von 
geschlechtlichen Dingen hörte, erinnert er sich nicht, ebenso nicht, wann er die erste 
roUutinn hatte. Geschlechtlichen Verkehr hatte er nie, er iribt als Grund an, er hätte 
es unntterUch gefunden, ein Mädchen zu ^entehren, zumal bei seiner „schwesterlichen" 
Zuneteuns fOr alle wdbüdien Personen. 

Er ist mittdgroB, gut genährt, seine Hautfarbe ist etwas blaß, das Haupthaar ist 
dicht und braun, er trägt es in der Milte gescheitelt. Im 40. Jahre ist das Haupthaar 
schon durch weiße Silberiäden meliert. Seine Schritte sind klein, schnell, Haltung 
aufrecht Das Auge ist grauhraim, Blick sdiwftimerisdL H&nde und Fa6e ^d zier^ 
lieh gebildet. Die Schultern sind sanft gerundet Körpenouskulatur ist mittelkräftig^ 
das Fleisch mittelfest. Seinen Gesichtsausdruck schildert er als sehr „jugendlich", «r 
errötet leicht. Der Kehlkopf ist wenig hervortretend, hohe Baritonstimme. 

Seine Brflste seien völlig weiblieh, er schildert sie als voll, prächtig geformt, 
schön gerundet, straff; sie heben sich auch bei männlicher Kleidung deutlich ab. Zu 
einer Photographie hat er sich nicht entschließen können, nach riner von ihm her- 
gestellten genauen Maßzeichnung hat er in der Tat voll entwickelte Mammae. Sekretion 
aus den BrustdrOsra hat er nie bemerkt, zu seinem Leidwesen auch durch Stillveisuche 
nicht erzielen können. Hüftenweite und Schulterbreite hat er nidit gemessen, gibt 
sie als etwa gleich an. Die Taillenweite ])etEftgt 7i cm «durch langes Korsetttntgen**. 
Seine Hoden „funktionieren schwach". 

Bei lebonslanger Abstinenz von Koitus und llastuihation hat et nur in monate- 
langen Tnter.'allen nächtliche Samenergießungen. , Über Qualität und Quantitit de» 
Ejakulates hat er keine Angaben gemacht. 

Seinen geistigen Eigenschaften nach sei er sentimental, launenhaft, nachtragend, 
leicht erregbar, dabd aber^ gutmatig, gesellig, teilnehmend, bescheiden, sehaehtenv 



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135 



heiteren Gemüts, sparsam, ordentlich; er untr rhäH sich gern, ist aber nicht ?eso* \vit7ist. 
Ja religiöser Uinsicht ist er strenggläubig katholisch. Seine geistige Veianiaguug ist 
reseptiT, er' AM einen wissenaebafUichen Beruf aua^ Uber den er nUierea nicht angibt; 
seine Gesinnung ist konservativ gerichtet. Er ist sehr imuikaliBch und ein gUter 
Singer. Im Alkohol ist er äußerst mäßig. 

Geschlechtliche Neigung ist nur verringertcni .Maße" vorhanden, im Falle 
der Betätigung würde er sieh dem «eiUichen' Geschlecht zuwenden. Es bedaif aber 
„außerordentlich starker Reize, um ihn sexuell zu crreRcn". Eine Anrlrning seiner 
Triebrichtung hat nie stattgefimden. Es fesseln ihn nur unverheiratete weibliche 
Personen bis zu den Wechseljahren von heiterem Sinn und guter Brzidiung. Not- 
wendige Bedingung ist aber ein voller und schöngeformter Busen. Seine Neigung ist 
nur auf echt vreibliche Krsclicinungen gerichtet, mannliche Personen interessieren ihn 
nicht, auch nicht in bildlicher oder plastischer Darstellung. In seiner Zuneigung ist 
er liestftndig, flirten liebt er nidit Er ist unverbeiratet und 1^ nnt dnem jungen 
If&dcben zusammen, mit der ihn eine Art erotischer Freundschaft verbindet. Sie war 
die einzige, die ihm im Orte an üppipkcit der Büste gleichkam, gerade wepon dieser 
Eigenschaft liebt er sie, und zwar wie er sich ausdrückt, mit keuscher Zuneigung. Er 
wacht sorgfülif Ober ihre Unschuld. Er wird nidit ihr echt weibliches Wesen 
hen'orzuheben und besonders ihren Busen zu schildern. Die Pflege und gegen- 
seitige Bewunderung des Busens nimmt in dieser erotischen Freundschaft 
den Hauptplatz ein. Sexuelle Empfindungen im engeren Sinne sind ihm dieson 
Mädchen gegenüber fremd. Er fühlt sich als i)i re schQtzende Schwester. 
Als sie schließlich sich verheiratet, angeblich nur eine Versorjrungsehe, ist er zunächst 
Völlig gebrochen, malt sich aus, wie schrecklich es sein muß, wenn ,^hr reiner Leib 
und iirfditifer Busen womöglich tft^ich zur Befried^ruiw der mfcnnlkthen Begl«den 
dienen muß". Endlich fugt er sich mit einer Art Gali^enhumor darein. Er hält das 
Mädchen für homoseTuell, sie habe sein eifrenllich weibliches Wesen erkannt und 
geliebt, ihn auch in der Betätigung seiner weihhchen Natur bestärkt. Für die weib- 
liche HomosexualiOt hat er volles Verslindnis, die männliche eildArt er fflr krankhaft 
Dieses Vorurteil ist bedingt dureb seine auageqnochaiie Antipotfai« gegen alles 
Minnliche. 

Schon als Kind beneidete er die Mädchen um ihre schmucke Kleidung, aber er 
wagte es nicht, die ersehnte weibUche Kleidung anzulegen. Erst als ihm seine 
Freundin da>:u Mut machte, tat er es insofern, als er zu Hause Damsnunteilckidung 
trägt Korsett und Busenhalter gebraucht er schon jahrelang. 

Er selbst ftufiert sidi hierOber: „Gerade der Anblick meinas aeliSnMi wiibKehen 
Busens ruft immer und immer \^ieder in ndr das Verlangen nach bflbaeher weiblieher 
AuBen- und Inncnkleidimg \?ach." 

Er müchte eben in jeder Hinsicht ^rau sein, über seinen iiusen ist er ganz 
tfüeUkh» verwUineht seine männlichen Genitalien und „mflchf» gerne dem Ldbe 
nach ganz ein Mädchen sein". Über seine Entmannunpsversud»e, sowie den Drang 
zum Stillen verweise ich auf die folgenden Briefstellen. Sexuellen Orgasmus hat er 
nur dreimal libeihaupt verspflrt, und zwar wtbrend der Stillversuehe im 41. Jahre; 
dabei Ejakulation. Einmal trftumte er» dn Kind nt stillen nnd erwaebte beidOdi^ 
doch ohne Pollution. 

Er selbst erklärt seine Gynäkomastie mit dem Wunsche seiner Mutter während 
der Gravidität, dn Mädchen zu bekommen. 

Ich lasse nun einige Briefstellen folgen: 

„Obwohl das Bekenntnis kaum aus der Feder will und ich mich hierüber tief 
schäme, muß ich ea doch der Volläl4ndigkeit halber dngestehen, daß ich in diesem 
Jahre schon einmal am Werke war, die Entmannung vorzundunen. Schon hatte Idi 
Verbandzeug und T.ysol bereit, und die Schere zum scharfen energischen Schni** m- 
gesetzt. Der erste Schnitt in den Uodensack und das rieselnde Blut Ueßen mich er» 
zittam und aiODiörMi aus Furcht, die Blutung nicht itiUen m kSnnen. 

Wird mein Wille auch in Zukunft stark genug sein, diesem unheimKeben inn«n 



136 n. Kapitdr: Androgynie 



Drange Herr zu werden, der v>ohl meiner anscheinend angeborenen und tief ein- 
fewurzelteiL Abneigung gegen meine mftnnlichen Geschlechtsorgane entspringt? Gibt 
«8 d«im sar kein unblutiges Mittel, um dieses unschOiift, mir bis in die Seele verhafite 
und so franz und ear nicht zu meinem Seelenleben passende Anhängsel insReheim zti 
zerstören? Ich glaube Ihnen di^e Schilderung schuldig zu sein, um Ihnen einen Ein- 
blick zu geben in mein DoppeHeben, in dem da* Weib die erste Rolle Q>ieH und die 
Mannesnatur nur mit Widerwillen ertragen wird, und in meine GefOUe, die auch der 
stärkste Wille bisweilen nicht niederzwingen kann, weil sie mir in Fleisch und BUit 
stecken und immer wieder neue Nahrung erhalten durch den Anblick meiner weiblichen 
BueenMIdttiig. Vielteicfat sind meine weiblichen BrOste, die mir durch den Gedankt, 
den schönsten Reiz des Weibes zu besitzen, schon viele selige Stunden bereitet haben, 
andererseits ein Unglück für mich! Ich erlaube Ihnen unter Wahrung der Diskretion 
meines Namens und Wohnortes, VQn meinen sämtlichen Aufzeichnungen beliebigen 
Gebrauch su machen, damit die Menschheit nicht so rasch ein abf&lliges Urteil sprfcht 
über solche, die anders geartet sind als normale Men'-chon. Ich würde mich freuen, 
diese Aufzeichnungen zut'Ioich mit Ihrem IVteile einmal irgendwo lesen zu können. 
Mögen sie andern zur Belehrung und Aufklärung dienen 1" 

„Idi mufi mich selbst biufig beim Erwachen, wenn meine suchenden Hlnde 
über die schwellenden Hügel des Busens tasten, besinnen, ob es Traum oder Wirklich- 
keit ist und ich komme mir selbst komisch vor, wenn ich bei meinen täglichen kalten 
Ganzwaschungen meinen nackten, seltsam geformten Körper mit der Frauenbrust be- 
trachte. Weil Sie sich hierfür aucb interes^eren dürften, will ich tans aufrichtig aus 
meinem intimen Leben ausplaudern, daß mir das Wasclicn und Massieren meiner 
Brüste großes Vergnüf-'en macht, ohne mich indes geschlechtlich anzureizen." 

Er hat seinen Brüsten Namen gegeben; die rechte heißt Frieda, die linke Elvira. 
In einer schien zahlreichen Zuschriften sagt er-: 

,3Ieine weiblichen Brüste, die gekosten Liebsten Frieda und Elvira, führen das 
Regiment, während er — damit meint er sich selbst — das Aschenbrödel bleibt. 
Frieda und Elvira sind temperamentvoll und ich wußte bis vor mehr als eiueni> Jahre 
nrebt, waruiA meine Brustwarzen so b&ufig anschwellen und meh so steif aufrichten, 
daß es mir fast wehe tut, bis mich die Marie (dies ist der Name seiner Freundin) auf- 
klärte, daß dies die weibliche sinnliche Krrepune sei. Als bei mir im 1R oder 17, Jahr« 
die Brustsch well ung. einsetzte und Frühlings Erwachen losging, wurde ich an. der ßrust 
▼on so heftigem Juckreiz gequält, dafi ich mir die Ibut hätte wei^ratzMi kfinnen." 
Ein anderes Mal schreibt er: 

„Meine Bemühungen, meinen Brüsten die frühere, sich selbst tragende Form 
wiederzugeben, sind bisher gescheitert. Anseheinend habe ich die Blütezeit meines 
Busens hinter mir, und wohl oder übel muB ieb mich mit dem Gedanken vertraut 
machen, daß ich das Schicksal aller Damen teilen muß, die mit zunehmendem Alter 
ihre hübschen Formen verlieren, sei es durch Abmagerung oder Verfettung der Brust- 
drüsen. Ich habe nach dem bisherigen Gange der Dinge wohl das letztere zu erwarten, 
weil meine Brüste zwar langsam und fast unmeridiicb, aber doch stetig zunehmen, und 
infolge der zunehmenden Schwere nach abwärts sich senken. Wenn dieselben jetzt 
zu wachsen aufhören viürden, wäre ich schon herzlich froh. 

Ich habe mich ^ge Male schon recht geärgert Über den dummen Spott eines 
Mädchens, das mich durch Spottnamen, wie z. B. Gsdiwollbusen oder Didcbosm lächer- 
lich zu machen sucht." Von anderen Tl' schimpfungen, die Dorfgenossen ihm nacli- 
gerufen hätten, führt er an: ,J3astard, iiosenweibl, Uosenmädi, unser Busenbubi, Kor- 
sett-Bubi, Schönbasen, Der mit seinen Eutern." 

In einem anderen Briefe heifit es: „Nachdem Sie nun wissen, wie es in meinem 
Innern stürmt und tobt, wie in mir Mann und Weih miteinander rinpen, und schließ- 
hch das Weib als der stärkere Partner und unversöhnliche Gegner den Mann nieder- 
ringt,- wie das in mir mich füxmlich drängt und zwingt, mich nadi Weibetart zu 
betätigen und sogar dem Säuglinge dienstbar zu s«n, kann ich ein Gefühl der Scham 
vor Ihnen i)icht verwinden. 



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n. Kii«tel; Andragroie 137 



Nur ein einziges Mal, wenn ich die weibliche Geschl. chtaltwt ganz durchkosten 
könnte, um zu wissen, was dabei vorgeht! Nur p'in einziges Mal, wenn ich die Monats- 
regel mit alien ihien Empündungen von Amang bis zu Ende durchmachen könnte, 
vm beasw m verstehen, wovon ich hi« -heutigeor Tags nur eine unbeholfene Ahnung 
habe! Nur ein einziges Mal, wenn ich die MuHerfieuden von der Schwangerschaft bis 
zur Geburt und dem Wochenbett durchleben könnte, um zu wissen, was man dabei 
iQhltl Jene Kaeht, in der meine männlichen Geschlechtsorgane sich ihres Überflusses 
entledigen, macht mir dnen eingenommenen Kopf, Mißstimmung, brennende Augen 
lind Unlust am ganzen Körper. Mich widert das männliche Sekret an, es reut mich 
immer die Wäsche. Wenn unsereiner in der glücklichen Lage wäre, den Abgang 
voraussuwissen, wie die Danran, so bfttte ich mir sdion von meinen Freundinnen mit 
einer Atonatsbinde aushelfen lassen. Wie froh wäre ich, wenn ich meinen lieben 
Freundinnen irlpinh wäre in der weiblichen Scham, wenn selbe aucb nicht so hübsch 
und ansprechend isl, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Sie ist doch netter und an- 
sprechender als unsere Schamg^end. 

Was sa?cn Sic zu der Ansicht meiner Freundin, daß ich außer meinem Busen 
noch im Unterleib andere, allerdings nicht zur Ausbildung gekommene weibliche Ge- 
heinmisse liabe und daß daher mein weiblichefl Wesen stamme? Und darum behauptet 
sie auch immer, du wirst sehen, du mußt die WechseliaJiie durchmachen wie ir andern 
Weiber, und deine immer wieder aufsteigenden Hitzewellen sind der Anfang davon. 

Der Kürperentwicklung nach eine Mischung von Mann und Weib ist mir meine 
Zwitterstelfamg nicht erwfinschi Was nur an ihr listig fMlt, ist das Überwiegen und 
überhaupt das Vorhandensein der männlichen Geschlechtsmerkmale, die mir wie ein 
Fremdkörper in meiner Natur vorkommen. Der von jeher solange ich denken kann 
andauernde Widerwille gegen alleä Männliche bescliränkt sich niclit nur auf meine 
eigene Person, sondern erstreckt sich auch auf alle Posonen minnlidien Geschlechts, 
besonders geschlechtsreife Personen. Menstrualionserscheinungen und Beschwerden, 
die ich dem Samenabgange vorziehen würde, um noch mehr körperüch dem Weibe 
ta gleichen, habe ich noch nicht walirgenommeo. Die seit einiger Zeit unregelmäßig 
aufsteigenden Hitzewellen haben hierauf wohl kanen Bezug. Mein secUsches Empfin- 
den ist vollständig das des Weibes, wie es in einem Weihe nicht vollkommener aus- 
gebildet sein könnte, wie auch stets in mir der Wimsch rege gewesen ist, dem Leibe 
nach gans Weib ga sein, damit Leib und Seele hannonieren " 

Die gr6Jtte Selmsoeht, die ihn hdierrseht, ist ein Kind za stiUen. Einmal äußert 
er sich: 

MBeim An- und Auskleiden und wenn ich zufällig nicht schlafen kann, spielen 
meine Hände lidikosend mit den Brüsten und meinen großen Saugwarzen, wobei ich 

sehr bedaure, daß ich hierfür durch Kindermund keine Vcrv>'endunR habe. Anomke au 
seic^ wäre ia einer meiner Herze nswOnsclie und ich beneide jede stillende Mutter." 

Endlich wird sein Herzenswunsch erfüllt. In einem überschwenglichen Briefe 
teilt er mit, daß durdi yermittelung seiner Freundin eine Frau .ihm ihr neugeborenes 
Kind zur Aufzucht überlassen habe. „Wir sind aufs höchste gespannt," schreibt er, 
„ob Milch kommen wird." Er gibt mir nun regelmäßig Nachrichten, doch lauten diese 
binsichtUch des Stillens recht unbefriedigend. Schließlich b^nerkt er: „Milch war 
nicht gekommen, die größte Freude, die ich ersdmt h&tte. Was ich dabei alles dachte 
und fühlte, kann icli nicht beschreiben; das müßten Sie selber erlebt haben. Ich 
hätte mich den ganzen Tag vor das Kind hinsetzen können. Es waren dies für mich 
27 Tage des sdigsten FrauenglQcks, von denen idi mir wOnsdbie, sie mochten nie 
«n Ende nehmen. 

Samenabgang hatte ich während des Stillens im wachen Zustande am 
2-, 12. und 25. Stilltage. Der Luslreiz im wachen Zustande war überwältigend stark, 
besonderi am 2. und S6. Stilltage, wo er sidi fast bis zum unerträghchen Wonne- 
und Kitzelgefühl steigerte, so daß ich das Kind währenddessen von der Brust nehmen 
ynußte. Ich glaube eine oftmalige aok^he Freudenqual wäre für mich die Totengräberei 
meiner Gesundheit und JugendUchlcai 



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138 IL Kapitel: Aptogmie 

Habe als Amme vollständig versagt — keinen Tropfen Milcht Nun habe ich micli 
5 Wochen lang abgemOht, um zum Ziele zu kommen, habe sogar noch fortgetan, als 
mir das Kind die Bnatwarzen durch das kräftige Saugen stellenweise wund geschnullt 
hatte. Vielleicht ist doch der Mißerfolg veranlaßt diurch mein Alter, da ich schoa 
' dem 41. Jahre entgegengehe, oder durch r^ii;' zunehmnnf^" Ve rfettung meiner Br u t--, odr^r 
vielleicht auch durch die Tätigkeit meines üodens, die anderweitige geschlechtliche 
"nitlskeit znradch&IL Das Stillen hat micli gesundhdtiicii doch mehr mitgenommen, 
als ich meinte (Kopfweh, unangenehme Gelohte im Rücken); der starke, unbefriedigt 
gebliebene Saugreiz wird wohl auf die Ner\'en eingewirkt haben. GU-ichwohl zrihle 
ich diese Tage zu den interessantesten meines Lebens; wenn die Milch gekommen wäie,. 
hatte icb mich gern dem kleinen Mädchen auf ein Tiertelifthr als Nihramme her- 
geReben. Seit der zweiten Woche hat die Mutter mir, wenn ich da war, das Binol 
voilständiR zur Pflege und Reinisfunj? überlassen, sie hat mir zuvor alles gezeigt, wie 
ich es machen muß, so daii sie dann bei meiner Anwesenheit aller Arbeit mit dem 
Kinde (U>efiioben war. Sie glauben nidil, wie ich von dem Tri^, stfllen su kSniiett, 
geplagt und gemartert werde, besonders nachts, oder wenn ich höre, daß eine Mutter 
entbunden hat. Die Triebfeder dieses übermächtigen Dranges wird vielleicht das 
Verlangen meiner Natur nach weiblicher Lustempfindimg sein. Wenn alle gebärenden 
If Otter an dem Stillea eine soklie V!mide hätten wie ich, brauchte man keine Still- 
Prämien. Afeiiie männlichen Geschlechtsorgane kommen mir wie Fremdkörper an 
meiner Natur vor. Ich habe gegen sie, weil ich sie wie bei jedem Manne unschön 
finde, und sie in ihrer Aufdringlichkeit meinen Schönheitssinn beleidigen, einen un- 
besi^Ebaien Widowillen, der fast an Haß grenzt" 

Bei anderer Gplegenheit fährt er fort: 

„Besonders stoßen mich ab der widerliche Geruch des Samens und die roh- 
sinnliche Art des Geschlechtsverkehrs, weshalb ich auch gesteigerte Antipathie gegen 
Hftnncr fühle, die viele Kinder in die Welt setzen. Und eigentümlich, je lieber und 
sympathischer mir eine weibliche Person ist, desto weniger emgiifinde Ich Verlangoft 
nach einem intimen Verkehr mit ihr." , 

Er hofil auf ein weiMiches Klimakterium, wie folgende Stelle bewdst: 
„Vom 12. Novecober Ins 25. Februar 191B keinen nächtlichen Samenabgans 
mehr bemerkt, konnte am Nachthemd keine Spuren finden So lang war die Zwischen- 
zeit noch gar nie. Sollte dieses am Ende ein Zeichen sein, daß meine männliche 
Gescblechtstfttigkeit dem ErlSsdien entgegengeht? Das wäre mir hOdist erwttnscht, 
vielleicht wird damit auch der mitunter auftretende Entmannungstrisb herabgesetzt, 
gegen den ich mich mit aller Willenskraft wehren muß und dem ich schon längst 
erlegen wäre, wenn die Sache sich einfach und ohne Gefahr machen ließe. Es hat 
niich schon zuweilen gereut, dafi ich voriges Jahr, als ich bereits angefangen halte, 
nicht rasch gehandeil habe, indem mich die Energie verlassen hat" 
Sehr bezeichnend für seinen Zustand sind auch folgende Sätze: 
„Wenn es von mir und meinen Freundinnen allein abhängen würde, so hätte 
idi schon längst alles Mftnnlidie mfiglichst abgestrdft, und hätte mich im ÄuBeren der 
großen Schar des weiblichen Geschlechts angeschlossen, mich ganz als ihresgleichen 
betrachtend. Leider, daß dieses ein bloBer Wun.sch bleiben muß und ich, -durch die 
Verhältnisse gezwungen, auch in Zukunft nach außen männliches Wesen heucheln 
muß, während mein Inneres sich dagegen . auflehnt und nach Ertösung von den Ifftnner*» 
lessetn schreit, und mein Körper Tag iflr Tag dUTCh meinen weiblichen Busen mir 
andere verlockendere Wege weist." 

BetreCb seiher sehr ausführlichen brieflichen Schilderungen bemerkt er: „Ks ist 
dies eine Art Entspannung der weiblichen Elemente, die in meinem Innern sngehftufl 
sind und 7.um Ausbruche drängen, nir-e Entlasfun;^' iimi Erleichterung der Seele, ein 
Rufen des bedrängten Herzens nach Personen, die das Weib auch an einem Manne achten 
und auch an einon Manne weiblicbe Merkmale schön finden möchten, ein Werben 
um Liebe fOr das Weib; es ist bei mir auch der Wunsch, in mir vor allem das Weib 
seben zu wollen und den Maim nur soweit notwendig berOcksiehtigen zu wollen." 



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* 



HL KAPITEL 

Der Transvestitismus 

D e f i n i t i n f: (los Transi.'€Sti'.isnius — Der psycholofdscho Kern cüpsnr Kr^rhpimmg — 
Ver- oder U m kleidungstrieb — Geschlechtliche Verhüllung oder Enthüllung — 
Kinfluß der Ge>^-andung auf Stimmung und Leistungsfähigkeit der Trans- 
Testiten — Abgrenzung des Transvestitismus von der Homosexualität — Meta- 
1 r 0 p i H c h e Transvestiten — 7\\ beiden Geschlechtem neigende Transvesüten — 
Automonosexuelle Transvestiten — Gestellungspflichtige in Frauen- 
kleideni — Ein ObMingenieur mit 15 Korscits — OberMirer Klara — Beklem- 
mung s - und Depreesionsziist&nde bei gewaltsamer Unterdrückung des trans- 
Testitischen Dranges — Femininer Mann, welcher seine Gattin tim ihre Schwanger- 
schaft und Entbindung beneidet — Der Transvestitismus und die Beslimmungen 
UbergrobenUafiiff und Bnesaaff GfrentUehen Irffernisset— Dnmg arider Thtos- 
vpstilen in andersgeschlechllicher Tracht spazieren zu gehen — Ein Damen- 
schneider, der seine ä n n 1 i c h e Existenz" als Verkleidung betrachtet — Ein anderer 
Damenschneider mit Menstruationsäquivalenten — Verhältnis des männ- 
lichen zum weiblidien ,Jdi** — Der Mann als Freundin seiner Frau — Häufife 
Kombination von Androfynie, Transvestitismus, Homosexualität und Ilystero- . 
neurasthenie — Transvestitismus imd Milit&rtaugiichkeit — Ein transvesti- 
tiscber Hauptanann AusfOlifiieiier Beridit einer Ftau über den Transvestitismus- 
ihres Mannes — Urlauber in Frauenkleidung — Frauen als Soldaten — 
Notwendigkeit der Befrafunpr jedes Patienten nach seinem Geschlechtsleben — 
Neigung zu weiblichen Handarbeiten — Transvestitismus und Beruf — Der • 
Trommler und der Pfeifer dner KomMsnie verheiraten stell — Ein Mäddien, die 
an Stelle ihres Bruders ins Feld will — Uniforraliebe transvestitischer 
Frauen — Sehnsucht der Transvestiten sich in der Tracht des andern Geschlechts 
Photographie ren zu lassen — Die Neigimg, Zwischenatufent rächten zu 
zeichnen — Transrestiten, die Gravidit&t Tort&uschen — TransvesÜten- 
t räume — Übergang vom androgynen zum transvestitischen Drang — 
Namenstran svestitismus — Frauen mit männlichen und Männer mit weib- 
lidien PseudonTmen — Seibatmeldungen "von Transvestiten bei der Polizei 
unter Beibringung eines ärztlichen Zeugnisses — Transvestitismus und Spionage- 
verdacht — Partieller und kompletter Transvestitismus — Weibliche 
Unterkleidung unter mannlicher Oberkleidung und umgekehrt — Einzelne 
XleidangMrtQeke, die bdm Manne einen femininen oder beim Weibe einen masicuUnen 
Einschlaff verraten — Männer, die sich in Frauentracht und Frauen, die sich 
in Männertracht töten — < Behandlung des Transvestitismus — Organ- 
therapie—' SoH der Arzt d» Tmittvestilten die lAaUddnnv raten oder wider- 
rtten? — IHe Ehefrage Vererbung des Transrestitiamus. 

Der gegen Ende des Torigen Kapitels gesohUderte androgyne 
Branff, dieses starke Verlangen, Merkmale des anderen Ge- 
sehlechte am eigenen Edrper zu besitzen, der BarthaB nnd der Bmstp 



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140 



nL EapUd: Der TiaiiaveBttÜsmus 



wonsoh femininer Männer, der Bartwmiseh und BrnetiiaB virildr 
Frauen steht in naher Verwandtschaft mit dnem aoacheinend noch 

viel verbroiteteren Zwangstrieb, dem wir nunmehr nnscre Aufmerk- 
samkeit zuwenden wollen. Es ist dies der Drang^, in der äußeren 
Gewandung- des Geschlechtes aufzutreten, der eine Person nach 
ihren sichtbaren G eschlechtsorganen nicht zugehört. Wir 
haben diesen Trieb als transvesti tischen bezeichnet, von trans 
entgegengesetzt und yestUns gekleidet, wobei wir gern zageben 
wollen, daß mit diesem Namen nnr das Atigenfälligste der Erachei- 
nung getroffen wird, weniger der innere rein psyeltologiflehe Sem* 
Die Kleidung darf bei diesem oft Überana stark Betätigung er- 
heischenden Trieb nicht um uns eines Wortes von Carlyle zu be- 
dienen, „als ein lebloses DiTipr" aufgefaßt werden, sonflprn muß ,,al8 
lebensvolle HciiiLstatt uns« 1 1 s Dnseins", „als Stück unseres eigensten 
Wesens", kurz, als Ausdrucksform der innersten Persönlichkeit an- 
g^ehen werden. 

Deshalb geht anch der Angdmck Verkleidungstrieb scshon 
manchen Transvestiten gegen das Gefühl. Sie wtbrden die Beaeiob- 
nnng „ümkleidnngatrieb" vorziehen. Das Anlegen des weib- ' 
liehen Kostüms, meinen sie, entspräche doch ihrem wirklichen 
Wesen mehr als die männliche Tracht. Ein transvestitischer Regie- 
rung^srat sagte mir einmal, im Herrenanzüge s<n es ihm, als ob er 
eine Uniform oder Aintsrobc trüge, in der weiblichen fühle er sich, 
als ob er „Zivil" anhätte. Ähnliches hörte ich oft. Ein Transvestit • 
bezeichnet „die Sucht nach dem Frauengewand, nach dem absoluten 
Äußeren der Frau, als das Hineinwollen seines weiblichen Teils in 
entsprechende Formen" und fährt fort: ,»Wenn ich dann alles vom 
l£anne von mir werfe und- das weibliche ÄuBere anziehe» kann ich 
fast physisch wahrnehmen, wie das Falsche, Gewalttätige sds mir 
heraus flüchtet und eich wie ein Nebel verteilt." 

Der Einfluß, den die männliche oder weibliche Gewandung auf 
das Seelenleben der Transvcstiten hat, ist ungemein stark. In 
der Tracht ihres änßeren Geschlechts fühlen sie sich eingeengt, un- 
frei, gedrückt, sie empfinden sie als etwas Fremdes, ihnen nicht Ent- 
sprechendes nnd Zugehöriges; dagegen finden sie nicht Worte genug, 
um das Gefühl der Sicherheit, Bube und Erhebung, das Glück und 
Wohlbehagen zu schildern, das sie in der Gewandtmg des anderen 
Geschlechts überkommt. So führt ein Patient in sehr bezeichnenden 
Worten aus: „Ich fülile mich in männlicher Kleidung wie ver- 
gewaltigt, und irre gewissermaßen unstet in meinem Ich umher, 
erblicke ich mich aber in weiblichem Anznp-e, werde ich vollständig 
ruhig; ich kann die Ruhe ganz deutlich wahrnehmen. Der ganze 
Organismus funktioniert gleichmäßiger, es ist wie ein Ausruhen 
nach groBer Ermüdung, wie das Heimatgefübl der ganzen Indivi- 
dualität in der BoUe der Frau.** Nicht mindeör beredt berichtet ein 



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m. Kapitel: Der Transrestitismus 



141 



anderer, wie ilin feeit seinem 15. Jahre ein Verlangen nach Fraueu- 
Ueidem beherrBdit, das „wie Hunger und Diust Bdbriedigiing er- 
heiaehte". Endlieh mit 24 Jahren, als er krankheitshalber Tom Lehr- 
amt beurlaubt im elterlichen Hanse weilte, bietet sieh die ersehnte' 
Gelegenheit Er zielit sich ein vollständiges Ballkostiim seiner 
Schwester an. „Ein nie gekanntes Gefühl des Wohl- 
behagens durchrieselte mich", „in den 14 Tagen, wo ich meinem 
Verkleidnngstrieb nachgab, wuchs meine Sehnsucht nach einem 
Weihe wie ich es mir wünschte, außerordentlich" und „das "Wunder- 
burb te war, claü ich mich jetzt rasch erholte, während ich vorher 
▼ergeblioh ein Saaatozinm besaoht hatte". Sin w^terer sehreibt: 
,,Die Unterröcke sind mir ein HMligtnm'S und weiter: „Am meisten 
freute ich mieh auf den Sonntag, wo ich mit den Kindern im ge- 
stärkten Unterrock, weißer Schürze und Hänbehen spazieren gehoi 
konnte» dann fühlte loh mich wie im Himmelreich." 

In völlig analoger Weise hören wir yon weihlichen Transvesti- 
ten, daß sie sich in Mfinnerkleidem oder wenigstens, wenn sie männ- 
liche Mützen, Kragen, Unterwäsche und Stiefel tragen, leicht, wohl 
und leistungsfähig fühlen, dagegen in Franenkleidem beengt 

und unfrei. 

' Hat man oft Gelegenheit zu beobachten, wie ungemein heftig 
die Transvestiteu von ihrer seltsamen iTcidonsehaft beherrscht wer- 
den, so nimmt es in hohem Maße Wunder, daii ein so ausgeprägtes 
Seelenphänomen wie dieses, der wissenschaftlichen Erkenntnis so 
lange yerschlossen bleiben konnte. Selbst Kraf f t-Ebing» der in seiner 
nmf angreidien Kasnistik gelegentlieh Fälle erwähnt, in die der Ver- 
kleidungstrieb mit hineinspielt, war das eigentliche Wesen der Er- 
aeheinnng fremd geblieben. Er sah in ihr, wie die meisten Autoren 
vor und nach ihm, nur eine Ahart der Homosexualität, wälireiid wir 
heute mit aller Gewißheit sagen können, daß es genauso wie es 
Homosexuelle gibt, die durchaus keine Transvesti- 
ten sind, auch Transvestiteu vorkommen, die nichts 
weniger als gleichgesohleehtlich empfinden, sieh 
vielmehr sexuell völlig zimi anderen Geschleeht hingezogen 
fühlen. Eis handelt sich also um Zustandsbilder, die für sich 
isoliert vorkommen und deshalb auch gesondert zu betrachten sind. 

Ich kann in dieser Hinsicht zu meinem Bedanern mcht St ekel 
beipflichten, der meine Auffassung mit den Worten bekämpft: „Es 
heißt den Tatsachen geradeza Gewalt antun, wenn man die Trans- 
vestiteu von den Homosexuellen trennen will." Es mag sein, daß 
man nTieb boi den Transvestiteu, wie ja nach Fr^nd und Stekel aus- 
nahmslos bei allen Menschen auf psychoanalytischem Wege letzten 
Endes im Unterbewußtsein verborgene oder verdrängte homoeexueiie 
Triebkomponenten herausholen kann, aber für die klinische Be> 



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• 



242 Kapitel: Der TntMvesüügmus 



trachtuQg kommt es hier nicht so sehr auf das Latente, als auf das 
Manifeste an, nnd da kann es keinem Zweifel nnterliegen, daß vielen 
Transvestiten die Uoniosexualität subjektiv gauz genau so unsym- 
patbiseh ist, wie der Melunalil der HetorosexnblleiL Ich gehe einige 
beEeichnende ÄaBenmgeii wieder. Ein Damendazsteller, der tnms- 
Testitiselie^ aber nicht homoeeznelle Kei^riingen hat, erzählt» wie er 
allmählich Klarheit üher sieh gewann; er habe ein Spezialitäten« 
'theater besucht und dort zima ersten Male einen „Damen Imitator" 
Ifesehen. Er berichtet: ,, Durch das Gespräch zweier Männer, die vor 
mir saßen, wurde ich erst darauf aufmerksam, daß die vortragende 
Dame männlichen Geschlechts sei. Einer der Herren ließ dabei eine 
Bemerkung über die Neigunpren fallen, die derartige Individuen 
ihrem eigenen Geschlecht gegenüber haben sollten. Dem anderen 
schien das nicht recht glaubhaft, aber der erste versicherte, er wisse 
es ganz genau, jedes männliche Individuum, das eich weiblich kleide, 
gehöre za jener Basse von Mensehen. Ich gin^r an diesem Abend sehr 
niedergei^hlagen nach Hanse nnd verbrachte eine schlaflose Nacht 
Noch lange klangen mir diese Worte im Ohr. Wie kam hier jemand 
dazu, über seine Mitmenschen ohne weitere den Stab zu brechen 
und etwas zu behaupten, was unmöglich wahr sein könnt e. Denn 
ich fühlte doch trotz meiner Sehnsucht nach Weiberkleidern, nicht 
die Spur von einer Neigung zum Manne in mir." Andere Trans- 
vestiten schreiben: „Obwohl ich seit Jahren viel in homosexuellen 
Kreisen verkehre, ekelt mich der bloße Gedanke an gleichgeschlecht- 
lichen Verkehr direkt an.*' Ein anderer gibt an, daß ihm „die Idee 
der Biomplettienmg seines idealen Zustandes dnrch einen Mann nie 
jrekommen sei'*, und ähnlich auBert jemand: „Der Trieb war stets nur 
auf den Coitns dun femina gerichtet, von Homosexnalität ist keine 
■Spnr vorhanden." 

Ein süddeutscher Transvestit teilt mit: ,,Als Transvestit verab- 
scheue ich die Mäunerliolic: Homosexualität und Transvestitismus 
sind zwei diametral erit üroizt iigesetzte Veranlagungen." g"eht 
sogar so weit, daß heterosexuelle Transvestiten nicht selten den Ver- 
kehr mit homosexuellen Transvestiten aufs peinlichste meiden, die 
letzteren beispielsweise grundsätzlich aus transvestltischen Ver- 
einigungen aufisehlicBen; während umgekehrt homoeezuelle Trans- 
vestiten heterosexuellen Männern, die in weiblicher Kleidung leben, 
nicht das geringste Verständnis entgegenbringen, sie für Menschen 
halten» die auf halbem Wege stehengeblieben sind oder an ihre 
Neigung zum anderen Geschlecht überhaupt nicht glauben. Aus 
vielen Zuschriften wie mündlichen Äußerungen habe ich ersehen, 
daß gerade durch den Beweis, welchen ich in meinem Buche: ,,Die 
Transvestiten" geführt habe, daß viele, die sich selbst als Frauen 
kleiden, gleichwohl weibliebend sein können, in nicht wenigen Ehen 
■die Harmonie wieder hergestellt wurde, welche durch Mißtrauen 



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in. Kapitel: Der TransvestiUsmus 3.43 



und mangelnde Kenntnifi des seltsamen Triebes in höchstem Gerade 
gestört war. 

Nun ist mir zwar bekannt, dafi nach der Fnendiaehen Schule 
gerade die Abneignng nnd der Absehen vor einer Empfindung ffSx 
ihr Vorhandensein sprechen soll» dafi also, wenn jemand ein Ding 
oder eine Person zu hassen scheint, er sie in Wirklichkeit liebt nnd 

seine Zuneigung' nur verdrängt hat. Auf diese Lehre einzugehen, ist 
aber um so weniger nötig, als wir in diesem Lehrbuch nicht philo- 
sophische Deutungen geben wollen, sondern nur schlichte Schilde- 
rungen tatsächlich in Wirks^iinkcit tretender Gefühlskomplexe. 

Bichtig ist, daß der audersgeächl€<;htliche Typus, zu dem 
heterosexnell empfindende Transvestiten sieh hingezogen fühlen, in 
der Mehrzahl der Fälle kein ausgeprägter Typus des anderen Ge- 
schleehts ist; die meisten männlichen Transvestiten bevorzugen eine , 
Frau mit männlichen, die meisten weiblichen einen Maijn mit weib- 
lichen Einschlägen, Ein Transvestit gab eine Heiratsanzeige auf, 
nach der „ein effeminiorter Marn rine männliche Frau" suchte; 
dieser schrieb mir: „Mein Liebesideal waren stets starke männliche 
Frauen, solchen gegenüber will ich mich als Weib fühlen;" er spricht 
sich dahin aus, daß er vom Weibe den Angriff erwarte; „doch muß 
es ein energisches Weib sein, die mir imponiert, geistig und körper- 
lich, anch ein gans klein wenig Sehnnrrbart habe ich .bei ihr gerne 
nsw." Ein anderer wird von einem Frauentypus angezogen, der 
^lewar körperlich total Weib ist, mit blondem, sehr üppigem 
Haar, biangrauen Augen, breitem Becken, von mittelsehlaiiker, kräf- 
tiger FifTiT, in geistiger Hinsicht aber eine Intellektuelle" sein soll. 

Diehe Vorliebe für körperlich robuste, oder t;i i-.tig überlegene, 
oder auch bedeutend altere PVauen, deutet, wie ich im Kapitel „Meta- 
tropismus" noch des näheren auseinandersetzen werde, auf einen 
femininen Einsehlag in der Psyche des Mannes, ebniso wie bei 
den Franen die Inklination für körperlich und seelisch zarte, sensi- 
tive oder sdir viel jüngere Männer zur Annahme einer virilen Bei- 
mischung berechtigt Hierin aber eine larvierte Homosexualität za 
erblicken, kann meines Erachtens nur derjenige, welcher Homo- 
sexualität mit Feminismus gleichsetzt. In Wirklichkeit sind aber 
die Androgynie und der Transvestitismus, ebenso wie die noch zu 
beschreibende Homosexualität und Aggression«inversion (sexueller 
Metatropismns) verschiedene Formen des Feminismns. 
Besonders häufig finden sich auch unter den !&ansvestiten Männer, 
die sich lieber umwerben lassen als werben, und Franen, denen die 
aktive Bolle sympathischer ist als die passive. Sehr viele männ- 
liche Transvestiten lieben es, im Akte unten zu liegen, während die 
meisten weiblichen Transvestiten die obere Lage vorziehen. 

Außer rein heterosexuelleu und homosexuellen Transvestiten 
gibt es auch bisexuelle, welche eine Neigung zu beiden üe- 



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144 



seUeohtem Teispfiren. Beispielsweise sah ioh einen firiücklicli ver- 
heirateten Tnmsvestiten, welcher seiner Freu zweimal mit einem 
Manne, dag^en n i e mit einem Weibe untreu geworden ist. Er gab 
als Gmnd an, daß sich mit seinem Weibgefühl in ihm die Vorstel- 
lung" verknüpft hatte, es möchte doch einmal jemand in seinpn 
Körper eindringen. Da seine Frau dies nicht vermöge, hätte er 
sich un^er großen Schmerzen vom Manne pädizieren lassen. Von 
einem transvestitischen Weibe erführ icli, daß sie einem iuvenilen 
Typus zugetan sei, der ihr sowohl unter jungen Männern, Jieran- 
waehsenden Mädehen häufig begegne; sie h&he ihre Libido jedoch 
häufiger in gleichgesehlechtlieher, als heterosezaeller Weise be- 
tätigt. Sicherlich kommen unter den bisexuellen Transvestiten alle 

I möglichen Abstufungen vor, doch scheint mir alles in allem eine 
gleichmäßig auf beide Geschlechter gerichtete Triebrichtung nicht 
so häufig vorzuliegen, als die auf das eine oder andere Gteschlecht 
ausscliließlieh oder ganz iiberwipg-pnd gewandte. 

Nach dem mir zur Verfügung stehenden umfangreichen Beob- 
uehtungsmaterial empfinden unter den Trnnsvestiten etwa 35 Proz. 
heterosexuell, ebensoviel homosexuell, dazu kommen ca. 15 Proz. 

- Bisexuelle» während von den übrigbleibenden 15 Proz. die meisten 
automonosexuell, einige Tielleicht auch asezuell veranlagt sind. 
Einen Fall vom transvestitiscfaen Automonosexna.lismns habe 
ich bereits eingehend im 6. Kapitel (Bd. I» S. 193) beschrieben. Hier 
verschafft die Umkleidung an und für sich bereits hinreichende 
Lustgefühle, wobei auch fast niemals als Begleiteonn der Lust die 
Scham fehlt. Manelie dieser Transvestiten leiden an nächtlichen 
Pollntionen, bei denen sie sieh im Traum als Frau gekleidet erblicken. 
Eint r liekennt, daß, als er sieli bald nach ch'v Konfirmation heimlich, 

• in Abwesenheit der Eltern, das cremefarbpiir Damastkleid der Mutter 
auzog, zum ersten Male ein^ Erektion emlrat, wobei er „das naive 
(Gefühl hatte, es sei eine Sünde". Ein Transvestit bttriehiet, daß er, 
wenn er sieh verkleidet und dann im Zimmer nach IVauenart den 
Bock hochrafft» oft, ohne daß er sich berühre, ejakuliert habe; 
ein anderer gibt an, es hätte ihn erotiscli befriedigt, wenn er sich „in 
der Stille, angetan mit Korsett, feinen Unterröcken, entzückenden 
Kleidern, Hut, Schleier, Armbändern und Halsketten, vor dem 
Spiegel stehend, betrachtet hätte", und ein dritter, daß „seine Sinn- 
lichkeit in erster Linie auf Befriedigung der Kostünisehnsucht ge- 
richtet sei, daß demgegenüber alle anderen Wünsche zurücktreten". 
Von mehreren hörte ich, daß sie, wenn sie keine Frauenkleider an- 
hätten, nahezu impotent seien, daB sie dagegen, wenn sie eine neue 
Bamentoilette anprobierten und fänden, daß sie gut sitze, sofort ein» 
Erektion und häufig auch eine rasche Hjakulation bekämen. Bei 
manchen dieser Schilderungen ist man fast versucht, zu denken, dafi 
hier eine Spaltung der Beraönlichkeit dergestalt eintritt, daß der 



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m. KanUel: Der Traosve^tisimis 145 



männliche Teil in dar Pöyche dieser Menschen sich an ihrem weib- 
lichen Teil W'XMf'll erreo'f, flnß sie sich niohf zu dpin Weibe außer 
sich, sondern zu dem Weibc in sich hingczoi^rii fühlen. 

Die Erfahiung zeigt jedoch, daß dieser aiittämoiuisexuelle Zug" 
ebensowenig wie der homosexuelle keineswegs allen Transvestiten 
eigen ist* Es gibt eine ganze Beihe, bei denen dier Ummeidaiiff selbst 
noch keine erotisehen Empfindungen auslöst, sie betrachten sie ledig- 
lieb als ^e Hervorkeimingr ibnes weiblieben Innenlebens. Ich 
kannte solche, die zufrieden waren, wenn sie von Zeit zu Zeit einen 
Spazieiganff als Frau machen konnten. Dabei hatten sie weder 
Erektionen, noch Ejakulationen, noch (hfs Bodiirfnis zu irgendeinem 
sexuellen Verkelir weder mit weiblichen, riueli männlichen Personen. 
Man (liirftp sie diilier wolil als asexuell hfzeichnen. 

Ich wiii nun zunächst, um den Kollegen duä Verständnis für das 
im Verhältnis zu seiner Verbreitung und Bedeutung bisher nocb so 
wenlir bekannte und gewürdigte ESrschetnnngBbild des Transvestitis- 
moB za erleichtern, einige wenige ans einer grofieren Anzahl neuer- 
dings von mir beobachteter Fälle kurz schildern, und zwar will ich 
es in Anlehnung an eine Abhandlung über: Militärtauglich- 
keit T r a n 6 ve s t i t i p TU n s tun, welche ich im zweiten Kriegs- 
jähr verl'aüte, bisher aber noch nicht veröffentlicht habe. 

Es dürfte wenig bekannt sein, daß es bei den wahrend dos Krieges vorgenora- 
meneu Musterungen wiederholt vorgekommen ist, daß Gestellungspflichtige 
in Frauenkleidem ora^eiMn sind. Die bddcB ersten, mir bekannt ge- ' 
wordenen FMle ereigneten sich in SpJ und "W^. In Sp. handelte es sich um einen 
jungen Mann^ der sich als ^hlangentänzerin" auf der Yariet^bühne einen Namen 
üaomiA hat, tind auch anS^juilb der BQhne meist in eleganter Damentoilette geht; 
der IUI in W. betraf einen aus einer bekannten Adelsfamilie stammenden Jüngling, 
dessen merkwürdige T-"ben<9chicksale bereits öfter die üffcntlichkeil beschäftigten. 
Zur Rede gestellt, wie er dazu käme, sich bei dem Äushebungsgeschäft in Frauen- 
kMdera vorsustelkn, erwiderte er, da0 er tiberbauirt nicht im Besitze von Heirm- 
sachen sei, er ginge stets in selLstßererligler Damengarderobe, seine weibliche Frisur 
bestünde aus eij?enem Haar; auch machte er geltend, daß er bei dem Königlichen 
Polizeipräsidium in Berlin die Genehmigung nachgeäucht und erhalten hätte, als Frau 
za gehen. Letzteres führte auch der andere zu seiner Rechtfertigttnff an. Beide wuiden 
als dauernd gamison- und felddienstunfähig ausgemustert. 

&n weiteren Verlaufe des Krieges sind mir dann noch, abgesehen von mehreren 
Soldaten, die sidi in Franenkleidera herumtrieben oder in solchen von der Truppe 
«nlfernleii, im ganzen gegen fiO Fälle bekannt geworden, in denen sich Personen ver- 
schiedenster Altersklassen der Militärbehörde a!s „Transvestiten" präsentierten; der 
größte Teil von ihnen begnügte sich mit Überreichung einer sie als Dame darstellenden 
PhotogrftpMe. Von mehreren wurde ich ersudit, ein Gutachten Itber ihre Etgenairt 
auszustellen. Ich onfsi»racli diesem Ansuchen, olme der militärnrztlichen Entscheidung 
vorzugreifen, durch eine streng sachliche Schilderung des Zustandsbildes, wie ich es 
durch fachärzUiche Beobachtung. Untersuchung und Exploration der Betreffenden ge- 
wonnen hatte. Zur näheren Yeranschaulichung will ich aus einiffen Begut- 
achtunpen da? Wesen Sichere wicdt-rwcbcn : 

A. „Der am 2i. Juni 1877 zu ... in Posen geborene Obenngenieur A. B. sieht seit 
liofMer Zeit in meiner flperialftrztlidieii Beoboditung. Sttt btUber ffindheit hestefal 
bei ihm ein heftiger, zeitweise ihm unbehemdsbar scheinender Zwangstrieb femininer 
Hireehf eld, S«xu»liwthologie. IL IQ 



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146 



• AuBcQproiektion. Solange er denken kann, war seine ganze Sehnsucht Irauen- 
kleicier, wdbHdie Unterwische, Korsetts, Ohrringe usw. zu trasen. Auch im Traum 
sab er sich stets als Weib. 

Periodi?ch treten bei A. B. Depre?.sionpn auf, die sich bis zu Selbstmordgedanken 
steigern. Dieser melancholische Zustand ist nur dadurch zu be- 
seitigen, daB er Fr auenkleider anlegt Er fOhlt sich dann sofort ent- 
spannt, wie von einem schweren Druck befreit. Bei der Untersuchung ist zu kon- 
statieren, daß bei dem Patienten die Ohrläppchen durch bohr.t sind, die 
Schambehaanint;, auch der Kehlkopfbau zeigen weibliche Anklänge. Um die Brüste 
zu TergrOflem, bedient er sich eines BniatvergrABerungsapparats, den er mit vorlegt. 

Aus srinen Aufzeichnungen pebe ich folgende Mitteilungen als Proben seines 
weiblichen Fühlens und Denkens. ,Von Kindheit her hatte ich eine Sucht nach 
Mädchenkleidcm. In späteren Jahren nahm der Hang nach weiblicher Kleidung -immer 
mehr zu. Vor allem schaffte ich mir Korsetts an. Ich besitze ungefilbr 15 Stück, 
von den einfachsten bis zu den elegantesten. Damenunterwäsche, Juiwns, Strümpfe, 
, Strumpfbänder, Kleider, Kostüme, Hüte, Mäntel, Schuhe, Schmuckgegenstände besitze 
ich in großer Anzahl. Schuhe trage ich Größe S8^ was als sehr klein zu bezachnen ist 
Desgleichen auch Handschuhe. Ich habe auch Ohrlöcher, die ich mir selbst gestochen 
habe. Anfänttlich heilten diese immer zu. Eine große Freude hatte ich, 
als dies nicht mehr der Fall war. Ohrringe habe ich 8 Paar. Zu Bett 
fldie ich stets mit Damenwäsche bekleidet und mit Ohrrinten. Zur Vergrößerung 
meiner Brüste hahc ich mir einen Brustvergröfieningaappatat zugelegt, den ich nachts 
vor dem Schlafengehen anlege.' 

Sein jWeibseinwoUen' ist so hodigradig, daß die männliche Kleidung 
mehr als Verkleidung empfunden wird als die weibliche." 

B. .,Der 3D .lahie alte Dr. iiliil. C. P. .ms neriin stand vor l"ini?erer Zeit und seit 
dem bis zu seiner Einberufung zum Heeresdienst, wiederholt unter meiner ärztlichen 
Behandlung und Beobachtung. Dr. D. hat mich ersucht, auf Grund der in vielen ein- 
gehenden Untersuchungen und Explorationen gewonnenen Ergebnisse ein Gutachten 
über seinen Geisteszustand abzugeben. Personen, die d.-n Patienten seit lan!?er Zeit 
kennen, wie seine Frau iwd einen langjährigen Freund, habe ich unabhängig von üim 
gehört Die vollkoromen ineinandergreifenden und sich nirgends widersprechenden 
Unterlagen holen ein absolut eindeutiges Z u s t a n dsbild, das in Ober- 
oinstimmtm^j mit den Resultaten wissenschafUicher Forschung und Erfahrung an Zu- 
verlässigkeil nichts zu \^ünschen übrig läßt. 

Dr. D. stammt aus ein» In perchopathiseher Hinridit belasteten Familie. Sdn 
Vater starb in einer In cnanstalt. Ein Priider des Vaters, Ohi'rlf lirer, bcsinf,' durch 
Ertränken Selbstmord. Von mütterlicher Seite ist zu bemerken, daß drei ältere Brüder 
der Mutter unveihtfratet sind. Davon ist zum mindesten einer stark feminin. C. D. 
zeigte bmits als Kind unverkennbar neuropathische Züge. Schon mit 13 Jahren 
ftlrchtete er, er könne geisteskrank werden und dran« in die Mutter, mit ihm zum 
Mzi zu gehen, ,da er für seinen Verstand fürchtete'. Dann wurde er selu" fronun — 
sein Vater war ursprönglidi katholischer Theologe gewesen. Als auch dadurch seine 
Depressionen und Neigungen nicht wichen, suchte er sich durch Alkohol zu 
betäuben, schließlich machte er schon als JünRÜntJ i'inen Selbst mordversunh, indem er 
es unternahm, sich an einem Haken auf dem Boden der elterlichen Behausung auf- 
zuhängen. Später stürzte er sich ungemein intensiv in die Arbeit studierte als Auto- 
didakt, beschäftiute sich namentlich mit der Frauenerziehung in Rußland, verfaBte 
darüber auch eine Doktorarbeit, promovierte 1908, und bereitete sich dann privatim 
Mr das Staatsexamen vor, das er ebenfalls teils gut, teils sehr gut bestand. 

Nachdem FUioit dies angegeben hat, fügt er wöKlich hinzu: ,Ich führe diese 
Tatsachen an, um zu zeigen, mit welcher Energie ich meinen Zustand zu überwinden 
versuchte. Und schließlich mußte ich mir sagen, daß ich am Ende soweit 
als zuvor war. Immer nur ganz kurze Abschnitte der Jahre nadi dem Abitufittm 
gdang es mir, Herr des Triebes zu werden, und ich mußte feststdlen, daß er mit 



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nL Xkpitel: Oer TraasvesUlisimis 



147 



den Jahren immer unüberwi ndlieber wurde. Das letzte Expedmeitt 
war m'>'ne Heirat. Als ich sah, daß auch die Heirat minh nicht bewahrte, prwog 
jcbdeu zweiten und letzten Selbstmord In dieser Periode endlich wurde 
mir die AnfkUinng. Ich fkBte meine Energie BUMnunen und offehbute mich mein« 
Fltttt und Mutter 'und setste ^ durch, von beiden als Frau behandelt und auch mit 
tinem Frauennamen, ,Klara', bedacht zu werden. Während der Jahre 
meiner Selbständigkeit führte ich stets ein Doßpelleben, teils hatte ich zwei Zimmer, 
(dh, wenn das Geld nidit tdehte^ mtfne Il«ider in der eigenen Wolmmig T«»tedkt 

Dr. D. war wiederholt in Frauenkleidem ausgegangen, ohne daß man ihn als 
Wann erkannte. Eines Tages aber, im Dezember 1914, wurde er unter Verdacht der 
Spionage angehalten. Aus seinen Papieren ergab sich bei der Feststellung sein wahres 
Gesddfldit Darauf Buchte er meinen tpedalftrgtlidien RaL Er »durdbt: 

.Wäre ich im DezcmbGr nicht verhaftet worden, so hätte ich mich wohl noch ein 
halbes Jahr in der alten Weise dahingeschleppt. Das aber wäre das Äußerste ge- 
wesen. Denn ich kann es genau verfolgen, wie trotz alier GegenmaBregeln der Trieb 
iaimer stärker wnrd^ bia ich letat am Ende meinea Uaherigen Vegetiere na «n- 
illingt bin/ 

Seine gegenwärtigen Garderobenstücke sind nach Angabe seiner Gattin folgende: 
eb blaues Kostüm, mehrere Röcke, ein schwarzes Jackett, vier Blusen, zwei Paar 
blbe Damenschuhe, ein Paar hohe Schnürschuhe, zwei Paar Handschuhe, zwei Gürtel, 
iwei Schleier, Ohrrint'e, Brosche, Armband, kleine Tändelschürze, eine große Wirt- 
•chaltsschürze. An UntenKäsche: weiße Unterröcke, drei Hemden, sechs Beinkleidert 
•edia Nachtjacken. 

D. besuchte mich wiederholt in Damenkleidem. Er macht den Eindruck einer 
soü'len BQr^ersfrau, sieht durchaus nicht aiiffnllend aus. Auch überzeugte ich mich, 
daß, wenn er auf der Straße ging, niemand, der an ihm vorbeikam, stutze. OUenbar 
b«gte kdner einen Zweilei, dafi es tatsftddich dne Frair sei, die an üun vorOberachritt. 

Sehr auffallend ist es. wie D. in mSnnlieher Kleidung ein stark depri- 
miertes, fast melancholisches Wesen zeigt, während er in 
weiblicher Toilette völlig umgewandelt erscheint: harmo- 
aiacb, mitteilsam, rege und heiter. 

Auch in körperlicher Hinsicht zeigt D. Anklänge an den weiblichen Ttpub. Seine 
Porinen sind rund, die Brüste stärker entwickelt als durchschnittlich beim normalen 
Mann, Bewegungen und Gesichtsausdruck erscheinen, namentlich wenn er Frauen- 
llader an liat, recht weiblich, der Adamsapfel tritt wenig hcarvor; es besteht Neiguig, 
in Fistelstinune zu sprechen und zu singen. Bartwuchs ist auffallend gerint'; bis zum 
tß. Jahre soll Ra«i*=ren Qberhaupt nicht erforderlich gewesen sein. Seitdem trat ein 
schwacher BarÜlaum auf. D. trägt sich glatt rasiert. Er errötet leicht, seine Schmerz-' 
euqi&Kllichkeit ist recht groß; der Händedniclc wenig kräftig." 

C. „Der am 18. April 1884 zu Berlin geborene Chemiker Dr. ing. G. II. steht Seil 
einiger Zeit in meiner spezialärzllichen Behandlung und Beobachtung. 

Schon seit seiner frühesten Kindheit fiel sein mädchenhaftes Gebaren auf. Er 
lelbat wurde beständig von dem Gedanken verfolgt, daß er in Wirklichkeit ein 
lltdcb e n sei. ,Ich betete', heißt es in seinen Aufzeichnungen, ,allabendlich zu Gott, 
den an mir beyanjTenpn Irrtum wieder gutzumachen und mich in ein Mädchen zu ver- 
wandeln.' In Verbindung mit diesem Gefühl, eigentlich ein Weib zu sein, trat immer 
sttAer der Drang in ihm auf, Prauonkleidung anzulegen, den er schlieB- 
lieh nicht mehr zu zügebi vermochte. 

H. verheiratete sich in der Hoffnung, das inuner stärker werdende Weiblichkeits- 
fefühl werde im Verkehr mit dem Weibe nachlassen. Das war aber keinesw^ der 
FsU, trotzdem der Vericehr mOglieh war imd auch zu der Geburt dnes Kindes fahrte. 

Sehr bezeichnend ist es, wie er sich zu diesem Ereignis verhielt. Er beneidete 
4ie Frau um ihre Schwangerschaft und Entbmdung. ,Mit welche- I.ust', schreibt er 
jhätte ich das Kind gesäugt, und wie war ich traurig, als ich einmal das schreiende 
lind an meine Brust nahm und ihm nichts gew&hren konnte.' »TrodEenlegeiv 

10» 



Digit 



148 HI- KapUel: Oer Tnuksrestitismus 



«aschcn, pudern, wägen und späterhin die Flasche geben', heifit es an einer anderen 
Stelle, .mochte ich mit grflBercim Gesdiieic, «Is die ftndixtn Fnnen im Bau« und 

empfand dabei ein inniges Behagen;' H. fOet hinzu: Jdx lasse mtdi in Ai wRlhtimg 
ineiner Mutterpflichten nicht stören'." 

D. „Der am 21. April 1895 geborene Student tlcr Philosophie J. K. aus Darmsladt 
ist von mir seines psychosezuellen Zustandes halber spezialärztlich untersucht worden. 

K. stammt mm dner TerwandCenehe. Tater und Mutter sind Vetter und Coalne. 
Die Großmutter väterlicherseits litt in späteren Jahren an einer depressiven P.-ychosc 
und starb fn einer Anstalt für Ocistrskrankc. Auch der Vater seihst neigt nach dem 
üü. Lebunsjahre zu deprussiveu Yerslimmimgen ; eine Schwester von ihm hat in 
einem Anfalle lornnkhaltor Sehwenunt Suitid besaaten. Ein weiterer Bmdtt dea 
Vaters ist ebenfalls in einer Nervenheilanstalt verstorben. 

Beachtenswert erscheint es ferner, daß in der Ehe der Eltern die Mutter der weit- 
aus| energischere — virilere — > Teil gewesen und der Vater, ebenso wie einer seines 
Brüder, in der Jugend ausgesprochen mädchenhafte Züge gezeigt haben soll. 

Bei K. selbst traten bereits in der Kindheit chcraktcrisfische Züfß einer neuro- 
pathischen Konstitution deutlich zutage. — Er litt bis gegen das 12. Lebensjahr hin 
an Betbütesoi and zeigte — bei let^f tem Weem and vtelseitifer Beanlagung — ledil 
vide Gewohnheiten erblicii belasteter nervöasr Kinder, wie Nägelkauen, Danmen- 
lutschen, Naschen. Ungeduldig und unruhi« ließ er es bei glänzender Auffassung an 
Ausdauer fehlen. Seine produktiven geistigen Anlagen betätigte er früh mit lite- 
rarischen Aiheiten, die er bereits im Alter von 16 Jahmti in guten ZeitaefaiifteiL ar> 
aefaeinen lassen konnte. 

Auch seine geistige Aufnahmefähigkeit überstieg weitaus das durch- 
schnittliche Maß und äußerte sich in Ubereifriger Lektüre, die hei vielseitigen imd 
wediaelnden Interessen die versditedeneten Gehiete menadilichen Geietesldiena um- 
faßte : naturwissenschaftliche, politiai^ und soziale Probleme," ebenso wie philo« 
sophische, religiöse und flbersinnüche. Mit einem Hange zu romantischen Ideen 
und abenteuerlicher Lebensführung verbindet sich bei K. eine ebenso ausgesprochenu 
Neigung zu schwärmerischem MTstizismus. 

In Verbindung mit dieser auffallend vielseitigen, dabei aber doch nicht recht 
zu innerer Harmonie und Reife gelangten geistigen Persönlichi^eit, steht die überaus 
eigenartige psychosexuelle Individualität und deren charakteristischd 
Entwiddmur. Die ersten bewußten negungenl derselben lasm auf zwei sdieinbar ▼er' 
schiedenen und doch in eiigsferr. irnoren Zus.i.mmnnliarifrc strlicnctm Gebieten, dem 
masochistischen und dem transvestitischen Drange. Bereits in den 
Kinderiahren traten geschlechtUche Entrungen ein, wenn die Schulgenossen ilm 
quälten \md hänselten. In Afanlieher Bichtunt wirkten weiteihin auch ZOehtigungea 
seitens der Lehrer sexuell erregend. 

Auf der anderen Seite bestand — ebenfalls schon in früher Kindheit — ein un- 
hezwin^Mirer Drang, weibliche Kleidung, insbesondere Unterwäsche und Korsett, an- 
zulegen, den K. dadurch zu befriedigen wußte, daß er sich die betreffenden Kkidonga- 
StOcken zunächst aus dem Toilottenvorrat seine- Mi-Ker verschaffte. 

' Eine Verbmdung der transvestitischen und masochistischen Komponente trat in 
dem besonderen Genüsse hervor, den ihm das Qualvoll teste Schnüren bereitete. See> 
lisch entsprach dieser Kombination das lustbetonte Gefühl der Erniedrigung, welches 
K., als Frau verkleidet und sich als Frau fühlend, empfindet. 

Von rein nervösen Erscheinungen sind besonders Schreckhaftigkeit, zeitweise auf- 
tretende Sshwindelgefahle, Unruhe und- SpranAaftii^eit zu erwähnen. — IHe peraön- 
Hebe UnterBUShung und Exploration K.8 bestätigt und ergänzt das aus diesen Schil- 
derungen sich ergebende Zustandsbild, so bietet der körperliche Befund als er- 
wähnenswerte Merkmale gewisse Anklänge an das weibliche Geschlecht (feminine 
Stigmate), weiche, abgerundete Körperfonnen« zarte Haut, stark entwlekelto Broat» 
Warzen, feminine Beckenform, ferner bekundet sich der weibliche Typ in Gesten und 
Mimik und in einer zwischen Alt und Bariton schwankenden s^r weichen Stimmlate. 



I 

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m. Kapilel: Der Transvestiüsmus 



149 



T«B noTfisen Symptanun fidlen oiijektiv- die lebhafte Steigerung der Reflex- und Qe- 
ftBemtfbaikeit, sovie Stfitnnitn der Sensibilität auf. 

K. verkön^ert den Typus eines hoch beanlasten, aber degenerierten Menschen, 
bei dem W eciisel und Vielseitigkeit der Anlagen eine ungewöhnliche Labilität des 
psfehischen Gesamtbndes bediniea. Dttssslbe iaC «nf das eniate vcrimüpft mit der 
Sfenart der psycbosexuellen Individualität Diese stellt einen ausgesprochenen Fall 
m seelischem Zwittertum dar, welches «ich Tor aUem in dem Drance be- 
kundet, zeitweise völlig als Weih m erscheinen." 

S. ^er 31 Jahre alte £iseul)ahüpraktikant liichaird T. auä Sir. befindet sich seit 
llflgerer Zeit in meiner spesialinEtlichen Beobaditüng und Bebandlung. — Ich will 
aus den von T. erhaltenen Zuschriften wenigstens einige Stellen 'Trirdrr^rlicn, weil 
diese für das eigenartige Seelenleben dieser Personen, in denen wir weniger Kranke 
im gewöhnlichen Sinne, als vielmehr mannweibliche Spielarten (Varianten, 
Sirischenstufen) zu erblicken haben, bfidist bezeiehnend sind. So schreibt er: 

.Mein Verlangen, Weib sein zu v.rVlen, fällt in die früheste Kindheit, noch vor 
dem Schulbesuch. Oftmals zog kh heimlich Röcke meiner Mutter, sogar unseres 
IMeuinAdchene an. Ich suchte ihr Mieder hervor, das eine so göttliche Figur machte, 
und verbrachte in aller Einsamkeit Stunden, die zu den glQcklichsten meines Lebens 
zihlten. Weibliche Modezeitschriften sammelte ich schon damals eifrit?. Tn später 
Nacht, bei flammendem Kerzenschein, holte ich sie dann hervor xmd studierte be- 
lieiig, mw Hidchen nnd Frauen tngen. Fand dann die Blätter meine Mutter, so 
tnf nieh cdn strafender Blick, wohl gar ein Hieb imd meine Kostbaikeiten wanderten 
20 meinem Herzeleid in den Ofen. Als ich dann größer wurde, kaufte ich mir durch 
Vermittlung eines Dienstmädchens das erste Mieder. Die Seligkeit, die ich 
empfand, ala ich es anlegte und in Spitzenhöaehen ^or dem 
Spiegel stand, vergesse ich mein Lebtag nicht. Unser Mädel herzte 
und küßte mich wie ihren Schatz. Sie hat uvr oft zu genußfrohen Stunden verhelfen, 
wenn die Eltern nicht daheim waren. — Mein Verlangen, weibliche 
Formen zu besitzen, war unbezwing lieh. Ich habe ungeziblte Mittel 
bis auf den heutigen Tag angewandt^ um weibliche Brüste, Beclmi imd Waden zu be- 
kommen. Oft habe ich des Nachts sreträumt, daß ich einen strotzenden Busen 
besäße; ja sogar das Verlangen, Mutter zu werden, fehlte nicht. — - 
WeQ keiner meiner Wtlnsche sidi verwirUicfate, wurde ich unruhig, aufgebräebt. 
Namentlich in letzter Zeit nimmt dieser Zustand Formen an, die an Wahnsinn 
grenzen. Selbst eifemstcr "WiHe Wpiht ohnmächtig gegen solche Naturgewalt. Oft 
babe ich mir den Tod als einzige Erlösung gewünscht. — All dieses unsägliche El^d 
vddit wie mit Zaubereehlag, wenn wetbliehe Kleider mich umraueeben. Im Mieder 
schläst mein Herz noclmial so kräftig. Ich vertrage es mit Wohlbehagen eng, 52 cm 
ist meine Taillenweite. — Als ich j?cstern mich in Frauenldeidcrn meiner Mutter und 
uuserer Haushälterin vorstellte, da war ich ausgelassen wie ein Backfisch. Immer 
iricder veraklieiien mir b^de: Nein, dieser Gang, dieee Anmut, ganz wie ein richtiffee 

Mädel. T'n(?ewont drängte sich mir jene noch heute taufrische Romanze: .Kennst du 
das Land' aus Mignon auf die Lippen. Andachtsvoll lauschten beide und als ich im 
Terhauchenden Piano geendet, äaglen sie unter Trauen: Ja, aus diesem Sang spricht 
aiiMB Weibes Seele. Die wundertätige Wirkung der Frauenldttder zitterte noch am 
nächsten Tafte im Dienste in mir nach. Klar, ruhig, heiter erschien mir die Welt. 
Glückstrunken leiteten mich die allmählich verblassenden Sterne zur freudig begrüßten 
Arbeitsstätte. Ich habe mit halber Kraft geschafft für drei. — Wenn ich ein nütz- 
liches Mitglied der Menschheit werden soll, so muß ich aufierberuflich Weib sein dürfen. 
Nur dann kann ich dem Staat so selbstlos treu dienen, wie ich es so heiß begehre, 
&ur so werden Talente frei, die jetzt in starrem Winterschlafe liegen. Meine unsagbar 
gute, oft verkannte Mutter verdient einen heiteren Lebensabend. Der kann ihr nur 
Verden, wenn ich ihr Sohn und Tochter in eins sein darf." 

Die Dauer, Spontaneität und Stärke des Triebes machen es, abgesehen von der 
Analogie vieler ähnlicher Eälle, zur Gewißheit, daß es sich bei T. um eine konstitu- 



160 



m. Xapttd: Der IVanareslitiimus 



tionelle, mit der ganzen Persönlichkcil untrennbar verknüpite, in sie sozitsagea 
hinein^eborene Erscheinanj? handelt. Nach dem jetzigen Stande der Wissensefaafl- 
dttifen wir annehmen, daß im Organismus von Richard T. weibliches, nach innea 
sozernierendes Pubert.^tsgewebe eingesprengt ist. Mjjn hat r!~!miich experimentell Lebe- 
wesen dadurch verweiblichen können, daß man ihnen Stücke der weiblichen Pubertäts- 
' drOse in den KOrper dnfaete, und anderwseite auch' beim Menschen Einsprensungen yan 
weiblichem im miinnlichon Krinvewebe nachweisen können, ebenso wie nrngekohrl 
männliches im weiblichen Keimgcwebc. Unerklärlich ist es bisher nur, weshalb dieses 
Zwittertum im weiteren Sinne das eine Mal mehr den Körperbau» ein 
anderes Mal mehr das Seel«n]d)en betrifft 

Sehr bemerkenswert ist, wie versdiieden sich uns die Psyche von T. in der 
erzwunsenen männlichen und der ihm adaauaten weiblichen Gewandung, 
darstellt. In der fremden männlichen Hülle leidet er sichtlich, er ist bedrückt, be- 
fangen, dngeengt, g^t nicht aus sich heraus, fahK sieb unhistig, in seiner Arbeits- 
fähiekeit behindert, nicht selten innerlich so zerrniält, daß er am T.ebpn zu ver- 
zweifeln droht. Ganz anders in weiblicher Hülle; da erscheint er frisch, belebt, be- 
weglich, das Augo leuchtet, er ist gut aufgelegt; kurz, ein vollkommen veränderter« 
lebonsfioher Mensch. Ähnliches habe ich in fast täglichem Verkehr mit Transvestiten 
aller Stande, Schicliten und Altersklassen hundertfach beobachten kilnnen. 

Ich komme zum Schluß: Wenn mau Richard T. nicht die Möglichkeit geben 
würde, auBerdiensttich seinen konstitutionell völlig unverschuldeten Trieb durch An-< 
legen weiblicher Kleidung zu entspannen, so würde das für ihn nieht nur eine groBe 
Härte, sondern auch mit der Zeit eine schwere Schädigung seiner Qe» 
sundheit und Leistungsfähigkeit bedeuten. 

Um dies zu venneiden, ist es erforderiich, daB Herrn T. bdiftrdUehemdts ge- 
stattet wird, zeitweise Frauenkleider zu tragen. Die Voraus- 
setzung dabei ist, daß er beim AusiTfhen a!s Frau nicht öffentliches Ärgernis crrcpt, 
oder sich so benimmt, daß sein Auftreten unter den § ikiO II des H.Str.G.B. (grober 
Unfugpantgraph) fallen würde. Es bedarf wohl nach allem kaum noch des Hinwdses, 
daß solide Transvestilen schon von selbst im Interesse ihrer Txis'tenz besorct sind, 
nicht aufzufallen oder Rar einen Auflauf zu verursachen. In dem vorliegenden Falle 
bietet aber die ganze Persönlichkeit von T., seine ethische und intellektuelle Beschaffen- 
heit, sowie Seine soziale Stellung genagende Garantie, dafi dies nicht geschrien wird. 

Es sei noch bemerkt, daß durch die transvesiitische Neigung und ihre Betätigung 
die berufliche Leistunesfähiükeit nicht beeinlr;ichl ipt wird. Viele Transvcsliten, die 
ich kenne, füllen schwierige Stellungen in ausgezeichneter Weise aus. I^ur die Unter- 
drOckung fohrt auf die Dauer m so schweren nerrOeen und seelischen Vwänderangen, 
daß der Arzt die Pflicht hat, 7x1 einer zoitweisen Anleininf? der entsprechenden 
Tracht direkt zu raten, weil er, wie die Erfahrung zeigt, sonst mit dem Selbstmord 
des Betreffenden rechnen muB. Da es sidi bei der weiblichen Undcleidung an und 
für sich um etwas ganz Hamdoees banddt, niemandem dabei ein Schaden zugefügt 
wird, auch bei Personen wie T. ein Übergang der transvestitischen Richtung in Homo- 
sexualität gänzlich ausgeschlossen ist, so ist der gewissenhafte Arzt zu der Verord- 
nung, dafi dem WeibKdikeitadrang zdtweise nachgegeben werden mufi, meht nur be> 
leehfigt, sondern impfliehtet." 

F. „Tch l)escheinige, daß der 1877 zu T. geborene Zigarrenfabrikant N. yor 
drei Jahren meinen spezialärztlichen Bat in Anspruch nahm. 

Seine transvestitischen Neigungen traten schon in frühester Kindheit auf. Als 
er die ersten Knabensachen bekam, war er sehr unglüdclich, sträubte sieh dagegen 
und suchte immer wieder die Röckchen hcr\'or, so daß seine Mutter sich veranlaßt 
sah, diese deshalb zu zerschneiden. Darauf suchte er die Kleider semer Schwester 
zu tragen, von denen die eine ihm übrigens auffallend ähnlich sieht 

Die Angaben, die er selbst über seine Neigungen maditt sind für T^mmvestilsn 
so cbarakteristiseh, daß ich einige seiner Mitteilungen hier wdrtUch wiedergeben wQl: 



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III. Kapitel: Der TransveBÜtismus 



151 



3«im AnfeKen der weiblichen IQeidttiiff fflhle ich mich so beruhigt, so glücklich, 

daß ich sie gar nicht mehr ausziehen mSchtr?. Es ist, als ob vorher ein Druck atif 
niir laste, welcher dann vollkoncktnen verschwindet, ich spQre dann keine Schmerzen 
und Müdigkeit, ich bin ein anderer Mensch." Ein anderes Mal sagt er: „Vor Sduni- 
lenstem mit Damenartikeln kann ich immer wieder stehen bleiben und möchte ich 
mir die schönsten Sachen am liebsten gleich kaufen, hingegen widern mich sänifMche 
Herren&rtikel an. Ich kaufe mir darum nur die notweadigsten Uerrensachen. Ebenso ist 
es auch, wenn ich mir einen Anzug fertigen Uuse, dum ist es mir ffans dneilei, wenn 
ich ihn bekomme, habe ich mir aber eine Bluse IMW. bestellt, so kann ich nicht 
schnell genug in den Besitz derselben gelangen, fieberhaft er- 
warte ich dann, die Sendung und ist es für mich ein Fest, ein neues Stück zu pro- 
bieren.* . . « 

,Vor meiner Verheiratung im Jahre 1906 vernichtete ich sümliiche Blusen us^-. 
und meinte, nun hört diesr-s auf, Ks kam aber leider anders. Ich fühlte trotz der 
innigsten Liebe zu meiner Frau und trotz aller Vorbedingungen zum ungetrübten 
61fli±, daA der Wuim in mir nagt Ich sah mich in der Annahm^ dafi duieh das 
Ehdeben der Trieb schwinden wird, getäuscht. 

In den ersten Jahren meiner Ehe versuchte ich mich durch allerhand Zerstreuung, 
besonders durch Musik, zu beruhigen, jedoch mir ersclüen alles trübe und fade; es 
gab dann Zeit«, wo mdne Frau Terreist war, dann ginf idh mit waiiier Gier ask 
ihren Kleiderschrank und versuchte, mich zu kostümieren, jedoch bei dem damaligen 
Körperumfang, ich liatte ein Gewicht von über 2 Ztr., wollte es nichts werden. Ich 
becann nnn eine radikale Entfettungskur, welche mich Innnen einon Jahre auf 
lei Pfd. brachte.' ... 

.Wenn ich tagsüber in nir'inem Bi nife sL-uk in .Anspruch genommen bin und 
dann erschöpft nach Hause komme, so kann ich die Zeit nicht erwarten, wo ich in 
meine so geliebten Kleider schlflpfen kann, ich bin nur eben befriedigt, wenn alles 
vom Manne ausgezogen ist und ich mich als Weib fühle. Sehr gerne hätte ich, daß 
nvoh meine Frau mit einem MädchennanJen rufen würde, aber ich glaube, sie wfirde 
CS nicht macheu. Den Abend suche ich immer so viel wie möglich zu verlängern, 
ohne daB kStt irgenitoin Unbehagen o4et Müdigkeit verspüre. Sehr ungern entkleide 
ich mich dann, lege mich aber immer in Damenhemd, Armbiinclern, Halskette, sowie 
Ohrringen zu Bett. Sehr wirkt es auch beim Koitus, daß ich diese Sachen anhabe, 
ohne die ich kaum potent sein würde. Beim Koitus muß ich mich immer in die Lage 
denken, daß ich Frau bin. Sehr unglOcklich macht mich mein Zustand im Hinblick 
auf meine Frau, welclie liimmter mehr nfler wenijrer leidet.' . . . 

,Für Bernstein habe ich besondere Vorliebe. Wftsche muß mit reicher Spitzen- 
gamiiur Tersehen sein. Mich reizt nur die elegante Frau^ikteidung, dbenso 
Schuhwerk und Strümpfe. Unter meiner Kleidung trage ich immer 
Korsetts, Damenhemd, Strümpfe, durchbrochen, meistens 
noch Halsketten. Wenn es Abend wird, überfällt mich ein Zittern vor £r> 
Wartung. Diesem Trid>e gegenOber bin idi machtlos; trots heißester G^enkftmpfe 
und tränenvollen Nachten kann ich nicht anders. Es ist wie eine geheimnisvolle 
Macht. Der ganze Tag hält mich im Kampfe dagegen fest und stürze ich mich bis 
2ur äußersten Grenze in meine Arbeiten, denn bloß nicht nachdenken. Während der 
sieben Wochen, die ich während des Krieges in Posen eingezogen war, war mehie 
Spannkraft aufs AuBente angestrragt. Ich dachte nicht anders, als ich mtifite wahn> 
sinnig werden.' ... 

.Während ich nun tagsüber sehr stark rauche, und zwar Zigarren, so habe ich 

des Abends als Frau gar kein Bedürfnis hierzu imd rauche dann sehr selten. Ebenso 
empfinde ich, wenn ich Besuch habe, wobei mir das Umkleiden nicht gestattet ist, 
trotz bester Unterhaltung die größte Langeweile, jedoch im Kostüm verfüegt die Zeit 
mit Windasdle, idi möchte dann am Hebeten die Zeiger der Uhr festhalten, um einen 

recht langen Abend zu genießen, denn es gibt für mich keinen höheren Genuß. Das 
Wort fFrauenkleidung* klingt mir förmlich wie Musik in den Ohren. Ich weiß 




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152 



mit' Besliimnfth'eit, daB kh mir mein Leben, ohne meinem Triebe frftnen »t lUtamen, 

ohne Bedenken nehmen würde. Ich würde es für frleich bedeutend er- 
, achten, wie wenn ich mein Aupcnlirbf vf^rlieren müßte. Der 
Gedanke schon allein, daß ich nicht dauernd in i' rauenkleidung erscheinen darf, noacht 
mieh unsagbar nnglfiddieh imd koranHb mir mein Basein wie auf der Bühne vor, 
nur mit dem rnterschiode, daß rin Schauspieler de;^ Abends die Masko aii'.i^bf und 
ichl die Ma^kc des Abends leider erst fallen lassen kann, immer macht es noich SMch 
mißgestimmt, wenn ich den Bartwuchs lüclil beeinilussen kann, ich habe schon viele 
Mittel TerBuebt, ich rasiere mich selbst, aber immer erst des Abends, denn wie ich 
am Tage aussehe, ist mir gleichgflltifr. Ich scheue auch die Schmerzen nicht, mir die 
Haare mittels Pinzette herauszuziehen, aber sie wachsen immer wieder. Ich würde 
mfch jedem Opfer unterziehen, wenn dieser lästige Übelstand entfernt werden könnta 
Hoffentlich ist die Zdt nidii mdir fem, wo uns ein freieres, begehrteres Dasein be- 
sehieden sein wird.' 

Von weihlichen Tnilettengepenständt n besitzt Herr N xur Zeil: ,fin violettes 
Tuchkleid, anliegend mit Tunika, em lüiUdeid mit Seintvolant und Unteildeid, ein 
gestreiftes, leichtes Hanaldeid, ein b1ane# Strafienkostflni, einen eehwanwn engen tüdi- 
roefc, einen hellen faltigen Rock, einen weiß^ Cheviotrock, eine seidena dunkle Bluse, 

drei weiße Spitzenblusen mit reicher Stickerei, drei Untertaillen, zwei Unterröcke, 
weiß, mit Spitzen, drei Paar Spitzenunterhosen, fünf Taghemden (eins sehr reich 
und elegant), «ans Frisör mit IDtamnen nsw., vier BamsleinkeUMi, drei Waehspert* 

ketten, ein Paar «Ate Ohrringe mit Similisteinen, vier Armbänder und Ringe, ein 
silbernes Halsketteben. zwei Hüte (Samt), ein Schleier, zehn Paar durchbrochene 
Strümpfe, zwei Korsetts, Puder, Schminke usw., zwei Tindelschürzen und eine schwarze 
Haldmrase mit Samtbtadcben.' Wie bei fast allen Transvestiten Ist.audi bei K. daa 

Nervensystem äußerst labil. Es befällt ihn zeitweise eine große Schwäche und Un- 
ruhe, dabei Zittern und ein Daick in der Herzgegend dpr sich bis zu einem bohren- 
den Schmerz steigern kann. Der linke Arm ist ihm manchmal wie gelähmt; er ver- 
sagt ihm dann völlig d^ Dienst. Nachts Iddet er vielfach an Zuckungen« ntnlif 

befallen ihn hochKradise Angstzusliinde mit Herzklopfen. Dabei brenr^t ihm die Kehle, 
so daß er sich große Mengen von Flüssigkeit einsclmUen muß. im Kopf fühlt er sich 
zeitweise sehr lienonimen. Es ist ihm dann so, als hätte er ein Brett vor dem Kopf.*' 

, G. „Der Architekt, Herr F., ist von uns, seinem Wunsche entsprechend, ein- 
gebend beobachtet, körperiich untersucht und wiedeibott «mloriat worden, damit irir 

tms ein klares Urteil über die Eigenart seiner geschlcebtlichen Tennlsgung bilden 

und dem<7em;'iß ein Gutachten über ihn abpcben können. 

... F. hat sich in körperlicher Hinsicht normal entwickelt und einen seinen 
Fähigkeiten entsprechenden Beruf ergriffen, in dem er sich durchaus zufrieden fühlt 
und es zu einer geordneten Existenz und geachteten Stellung gebracht hat Seine 
Erholung findet er in der Musik und in si'ortlicher Betätigung. Die Richtung seines 
Geschlechtstriebs ist absolut normal, ausschließlich dem weiblichen 
Ge schlechte zugewandt Erlebt seit Jshren in glück liebster Ehe, 
die k i n d e r 1 0 s geblieben irt. 

F. wäre seiner Konstitution und seinem Lebensgange nach als ein durchaus 
normaler Mensch zu bezcich.non, hätte sich in seiner Individualität nicht schon von 
frühester Jugend an eine Besonderheit geltend gemacht, ein imviderstehlicher Drang, 
Mftddienkleider anzusdeben. Schon als Knabe fühlte er, warn ihm dieses ennÖgUebt 

wurde, ein ganz eigenartig wohltuendes Gefühl seelischer Beruhigung und Entspannung. 
So benutzte er jede nur denkbare Geleqrenheit, Garderobonstücke meiner Schwestern 
anzulegen. Während seines späteren Berufslebens nahm dieser Trieb trotz mannis-; 
ist^er HuQerer Schwierigkeitm und staikan Ankftmiifent unverindsit eine behenr-> 

sehende Stellung im Seolenleljen des Herrn F. ein. Seit R .fahren i.st er glücklich ver- 
heiratet und hat, da seine Frau diesen Neigungen verständnisvoll gegenübersteht, Ge- 
legenheit, sie in der Häuslichkeit durch Anlegen weiblicher Kleidung bis zu einem 



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HL Xapitel: Der IVuisvestiÜSDius 15$ 



gewissen Grade zu befriedigen. Bis zu einem gewissen Grade nur — denn zur vollen 
Be&iedigung und inneren Entspannung seines Triebes ist es lür Herrn F. unbedinst 
«losdeifiieli, wenigitieiiB Ton Zeit zu Zeit als Frau sich auch im Freien be- 
wegen 7u können. Ist ihm dieses längere Zeit hindurch unmöglich, dann 
stellen sich nervöse Eracheinungett bei ihm ein, von denen er sonst irei ist: innere 
l&unfae, Ckllbebiiclit, ScMaflosidceit und ftagstUehe TAume. ^Ttbrend einer lAngeieii 
Beobedlftingszeit hatten Nvir Gelegenheit, Herrn F. sowohl in Männer- als Frauentracht 
in unserer Sprechstunde, wie auch in verschier^onen Situationen des täglichen Lebens, 
so u. a. bei Ausflügen in größerer Geselischaii, zu sehen, und konnten uns danach 
ein. juaumnenhinfendes und ToBet&ndites Wä von seiner PenAnlichkdt und Qurer 
Eisenait machen. i 

Tn somatischer IT! [.sieht zeigt Herr F. w^dcr krankhafte, noch irgendwie nennens- 
werte degenerative Erscheinungen. Eine gesteigerte nervöse Erregbarkeit bekundet 
flidi in dm leUnflen Äufieningen der Reflextiti^eit und in «ScoBt eiiiöliten Sebmerz- 
«mpündlichkcit. Im Körperbau madten sich Anklänge an feminine Bildung 
insofern bemerkbar, als die Körperformen mehr weich und abgerundet, die Hände 
und Füße klein und zierlich sind; ferner ist die Taillenweite — allerdings z. T. wohl 
infolge bäofif en Korsettrsgens »ehr gering, TS em Aber dem Rode gemeesen. Auch 
die spärliche Körperbchaarung reiht sich diesen Erscheinungen an, während die Geni- 
talien selbst durchaus normal männliche Bildung zeigen, und auch der Samen, wie 
die mikroskopische Untersuchung ergab, lebendige Spermatozoen imd Spermakristalle 
enthält La der Haltuoc, dem Gang und den Bewegungen tritt deutlidi eine nfttitoUche, 
Annäherung an den Typus des weiblichen Geschlechts zutage. 

So macht denn Herr F. auch in Damentmeht einen so ungezwimgenen, natürlichen 
Eindruck, daß nichts an ihm an den Mann erinnert, solange man seine tiefe Stinoune 
»idil hAit Man kann sogar entschieden sagen, daft der Oesamtdndradc des Herrn F. 
als Dame harmonischer ist wie als Mann. In der Hauptsache ist das dadurch be- 
dingt, daß seine Stimmung in Fr&uentracht offenbar eine ausgeglichenere ist als in 
Hefrsnkleidtmg. 

Herrn F.s Intelligenz, seine Kenntnisse und Interessen, seine geistige Urteils« 
und Lebtuntrsfähigkeit entsprechen in jeder Hinsicht seinem recht hohen Bildungs- 
grade. Energie und WiUenstätigkeit sind von gesunder Frische und zielbewußter 
KniseQuenz. 

Die gelegentliche Befriedigung des transvestitischen Dranges ist eine Notwendig- 
keit für Herrn F., dem er ohne Bedenken nachgehen kann, da er in weiblicher Tracht 
in keiner Weise auffällt und irgendwelche sexuelle Nebenabsicht, wie aus unseren 
SdiiMerungsii zur Genflge hervoiteht, bei F. absolut ausgescblossm und undenk- 
bar ist. 

Unser Gutachten geht demnach dahin: 

Es besteht bei Herrn F. eine angeborene transvestitische 
Veranlagung, die eine zeitweise Befriedigung dadurch, dafi 

HorrF. «ichinFrauenkleidungimFreienbewegt.aus therapeutischen 
Gründen erforderlich macht, da er andernfalls schweren ge- 
sundheitlichen Schädigungen in nervöser Hinsicht ausgesetzt 
sein «ftrde/* 

H. „Der IMrigent und Professor der llusik, Herr X., ist seit einigen Monaten von 

Ulis spezialfirztlich beobachtet worden. Beide Eltern des Herrn X. sind hochbelagt an 
Altersschwäche gestorben. Von seinen 6 Brüdern litt ein älterer, jetzt verstorben, an 
epileptischen Anfällen. Ein anderer Bruder ist an einer depressiven Psychose er- 
krankt — Zuckerkrankheit und geschäftliche Mißhelligkeiten sollen die Ursache ge- 
wesen sein — und in einer Irrenanstalt. Da alle älteren Schwestern gestorben vraren, 
wünschten sich X.s Eltern vor seiner Geburt lebhaft ein Mädchen. X. selbst bat sicii 
als Kind gesund und normal entwickelt; nur fiel er Alter von 6 Jahren mit dem 
Kiq)f gegen eine Truhe, wobei er eine Yerletzunr an der Stirn davontrug, die dne 



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154 



411. Ka|nt«l: Der TransvestUisinuB 



große Narbe hinterlassen hat. Seither litt er in jugendlichen Jahren viel an Kopf- 
schmirzen. X. wurde streng erzogen, lernte in 'ler Schule leicht und jriif, saß fast 
immer der Erste in seiner Klasse und bezog mit 20 Jahren die musikalische 
Hochaehule. Bis m diesem Alter sah er attflallend maddtenhaft aus und zeigtev 
obwohl er ein couragierter, forscher Junge war, auch manche mädchenhafte Nei- 
gungen, namentlich Interesse für weibUche Garderobe, während ihm das Spielen mit 
Puppen u. dgl. zuwider war. Seine mit der Geschlechtsreife erwachende Sexualität 
richtete sich von vornherein und unverändert auf das weibliche Geschlecht. Doch 
trat auch hier (lie in X.s In(livid\ia!Uät stark ausgeprägte feminine Komponente bereits 
insolem hervor, als ihn nur energische, männlich geartete Frauea 
anzogen, und in »einer Ndgung m diesen dn rezeptives Empfinden -VOThenachte, das 
auch in der Art der Betätigung, bei der X. die Rolle des Succubus bevorzugte, 
zum Ausdruck kam Irgendwelche Anomalien der Triebrichfunp, besonders solche 
im Same homosexueller Invei-sion, bestanden niemals. — Mit einer Frau, die voller 
Verständnis für seine Eigenart durch volle seelische Harmonie ndt ihm verbunden 
\<\, verheiititet, hat X.. zwei fesunde Ebder, eine ISÜhrige Tochter und einen 13)&h> 
rigen Sohn. 

Die bereits erwähnte feminine Komponente trat indessen von Jugend an in der 
gesamten PersAnlichkeit X.8 und allen ihren psrehiaehen Regungen mit zwingender 

Gewalt zutage. Kr glaubt, daß er ihr zum Teile seine Erfolge als Künstler verdankt, 
indem sich männliche Encrjno und Schaffenskraft, stark ausgeprägtes rhythmisches 
Gefühl mit echt weiblicher Empfänglichkeit und lyrischer Zartheit auf das glücklichste 
in ihm vereinigt. So bat er es als schaffender Komponist, als ausObender Kflnstler 
und als feinfühliger Dirigent zu den höchsten mu^^ikalischen Leistungen gebracht. 
Bestimmender und fühlbarer für ihn aber war der Einfluß seines zweiten „weiblichen 
Icha", wie er selbst ganz richtig es ausdrOckt, auf seine persönliche Entwicklung. 
Schon als ISjähriger Knabe empfand er, als ein ebenfalls recht fenüninei Alters- 
fcnopse bei einer Kirulernesellschafl als Mädchen maskiert "wurde, ein starkes Gefühl 
von Neid und den lebhaften Wunsch, ebenfalls Mädchenkleidung anlegen zu können. 
Dieses Gefühl verstärkte sieh mit der Zeit tu dnem ausgesprodienen Bedtlrfaiis. Ab 
X- später durch die Vcrmiltluup von Frauen, mit denen ihn freundschaftliche oder 
sexuelle Beziehungen verbanden, wiederholt die Gelegenheit hatte, weibliche Garderobe 
anzulegen, merkte er deutlich, daß in der Erfüllung dieses Wunsches für ihn nicht 
etwa ehie Spiderei oder Laune, sondern ein tief in seiner PersOnliehkeit wurzelnder 
Trieb, der neben seiner Männlichkeit gleichberechtigt sieh geltend machte, Befrie- 
digung fand. 

So sehr X. an seinem Berufe hängt, so stolz er auf seine künstlerischen Erfolge 
ist, ebensosehr ist es ihm Bedfirfnis, der femininen Komponente seines Wesens da- 
durch Rechnim^ zu tragen, daß er sich zeitweise in Frauenkleidung Ranz als Frau 
fühlen kann. Namentlich nach großen künstlerischen Leistungen drängt dieses GefOlü 
gebieterisch nach Entspannung. 

Neben seinen musikalischen Neigimk'en und seinem Interesse für — namenlUch 
schöngeistige — Literatur, beschäftigt sich X. mit Mode und Toiletttfragra, lldlt 
Schmuck und sehnt sich bisweilen nach echt weiblicher Tätigkeit, so daß er gern 
zeitweise als Dienerin oder Gesellschafterin einer Dame leben möchte. Seine Frau, 
der sieh X. in der Eigenart seines Wesens voll und ganz anvertraut hat, hat sich weit 
in dieselbe eingelebt, daß sie ihm bei der Auswahl und Anprobe seiner Toilette beliilf- 
üch ist und im hSuslichen Zusammensein, wenn er seiner transvestitischen Neigung 
nachgehen kann, ihn völlig als die geschlcchtsgleiche Freundin behandelt 

Kann Herr X- dem Drange, als Weib gekleidet zu gehen und möglichst ganz als 
Weib zu leben, nicht wenigstens zeitweise folgen, dann stellMi sieh bei ihm nervSie 
Beschwerden, Unlust und Unrast ein; auch seine Tätigkeit leidet darunter. Die Mög- 
lichkeit, auf kurze Zeit in der Häuslichkeit sein weibliches Empfinden zu seinem 
Rechte konuneA zu busen, entlastet ihn zwar in etwas, genügt ihm aber nicht völlig. 



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III. Kapitel: Der TransvesUtismus X55 

da eine l&ngere Blntspannung, wie sie ihm nur das Tragen weibUclxer Klddung w&hrand 
elniser Tage oder Wochen gew&nren könnte, periodisches Bedürfnis ist. — 

X. ist ein stattlicher Mann, an dem weibliche Kömprhil^-ung nach verschi lenen 
Riebtungen . hin auf den ersten Blick auffällt. Es besieht eine Inkongruenz i^wischen 
den relatir kurzen Beinen und dem langen Rumpf, wie wir ea blof^wr bd Frauen 
ab ibei M&iUiern finden. Der Schulter- und Beckengürtel suid nach androgynem Typ 
von annähernd jyleicher Breite. — Die Körperformen sind weich und abgerundet, die 
Haut ist zartj das Fettpolster in mehr weiblicher Art an der Körperoberfläche ver- 
• teütj so daB besonders seine Biflste und der Unterldb dadurch stark entwidtelt eis 
■kleinen. Hände und Füße sind im Verhältnis zur Körpergröße klein und zierlich. 

Ea bestehen weder bemerkenswerte DcRcnerationszeichen, noch krankhafte Ver- 
änderungen des Organbefundes oder erhebliche Störungen der nervösen Funktionen^ 
sieht man mm siner etwas IdAafteren GeftlBerregbaTkeit und gesteigerter Neigung wmi 

Erröten und EAlassen ab. Die Stinune ist variabel und klingt gleich natüriidi in 
männ'irh treferer Lage, wie als Fistelstimme. Die Schrift hat zierliche, aber be- 
stioimte und gleichmäßig fließende Züge. In der Haltung, den Bewegung(»n, der ganzen 
Art, sidi zu gellen vmd benehmen, macht sidi än deatUchor Unterschied bemericbar,- 

je nachdem X. als Mann oder als Frau gekleidet ist. 

Im ersteren Falle tritt trotz einer gewissen Weichheit im Gesichtsausdruck und 
in einzelnen Gesten eine männlict^e Kürze und Bestinmitheit deutlich vor, während' 
X in Frauenkleidem bis in die kleinsten Einzelheiten der Mimik und Bewegungen 
einen ab?o!Ti> frauenhaften Eindruck macht, so daß er als eine wohl recht stattliche, 
aber in keiner Hinsicht irgendwie auffallende Frauengestalt erscheint 

Wie bereits erwaimt, spielt im Seelenleben X.s die Gefühlstätigkeit eine über- 
wiegende RoUe. Seine starke EmpfingUcbkeit fflr Freude und Sdunerz, das in seinm 

Äußerungen bis zur Überschwänf^irhlreit gesteigerte Empfinden, sein in dem Kolorit 
der Affekte leicht wechselndes, inrnier aber stark betontes Gefühlsleben, lassen ihn als 
ausgesprochenen Stimnrangsmenschen mit vorwiegend rezeptiver und sensitiver 
psychischer Einstellung, wie wir sie im allgemeinen als charakteristisch für das weib- 
liche Geschlecht ansehen, ersclieinen. Diese Eigenart ist auch von erheblichem Ein- 
Üusse auf X.s künstlerische Tätigkeit. So bezeichnet er sellrat sein Empfinden beim 
Dirigieren von Isoldes Liebed^ied als ein mit eigentflmlicfaeir Woime vwbundenes Gte- 
fnhl weiblichen Aufnehmens und weiblicher Hingabe. 

Ganz entsprechend sind auch die intellektuellen Fähigkeiten X.s neben aktiv 
männlichen, die in seiner musikalisch und literarisch produktiven Tätigkeit zum Aus- 
iraäk kommen, vorwiegend rezeptive. Donzulolge ist ihm rasqhes Aufnahmevermögen 
und auffallend gutes Gedächtnis eigen. 

Neben einer logisch klaren, nflchlemen Verstandestäti?keit verfügt X. über eine 
üppige und gestaltungskräflige Phantasie. Auch seine Willenstätigkeit vereinigt in 
ganz ahnlicher Wsiss mgnnUdw und weiMicfae Btemenfs, ausgesprochene Energie und 
Tafknft mit Anpassungsfähigkeit und Nachgiebigkeit. In einem von abergläubischen 
Zügen und mystischen Einschläßen nicht freien religriösen Empfinden " dokumentiert 
sich ebenso ein mehr Tseibiiches Wesen, wie in einem stark ausgeprägten Sinn iür 
Ordnung und WirtachaftlichkeiL 

Sehr bezeichnend ist es, daß X. in männlicher Kleidung mehr zu {geistiger, in 
weiblicher zu körperlicher Arbeit nei^'t, wie ^eine feminine Komponente tlherhaupt 
überwiegend nach physischem Ausdruck verlangt 

Nach unseren auaführiidien, die psychologische Motivierung bereits berttdcsieh- 
tigenden SchildcrunRen der Sachlage, können wir uns in unserem gutachtlichen 
Resümee kurz fassen. 

Wenn ein ernster Mann in reiferen Jahren, der eine weithin sichtbare Stellung 
bekleidel, mit Titeln und Orden ausgezeichnet ist, von einem derartigen Verkleidungs- 
triebe so staris beherrscht wird, daß seine T^ntordi ückung ihm nervöse Beschwerden ver- 
ursacht und ihn in seiner Berufstätigkeit beeinträchtigt, dann darf man wohl von 



156 



▼ombcrein annehmen, daß es sich dabei nicht lim eine LaUDe oder Spielerei« sondeni 
um ein tief innerliches Bedürfnis handelt 

Bifahrungsgemlfi brinst die davetnde ITiiMrOckunf dieser eis „Tnuurestitis- 
mus" bekannten Neiining schwere nervöse Schädigungen nüt sich, welche die Leistung»- 
niligkeit und das allgemeine Wohlbefinden in erheblichem Maße beeinträchtigen 

Dieser Gefahr ist Herr Professor X., bei dem die geschilderte Veranlagung in 
eimrandfreiester Weise aiisseepraeben, in seiner ptfchisdieii fodivldiiiüitftt tief Te^ 
«ntert und mit allen ihren Regungen auf das innigste verknüpft ist, fi^z besonders 
ausgesetzt. Wie wir bereil - pinpehend dargelegt haben, genügt das vorübergehende 
Anlegen weiblicher Kleidung, wie es ihm gegenwärtig allein möglich ist, nicht zu einer 
im Interesse seines Wohlbefindens und seiner Gesundung «rfsrdeiüdien Kttspannung. 

Es ist dazu unbedingt erforderlidi, daB Herrn X. die llflgUddceit geboten wird, 
zeitweise für iJlRifere Zeit ganz als Frau leben und sich als solche auch ungeniert be- 
wegen zu können. Da Herr X. in keiner Weise in Frauentracht auffällt und die An- 
nahme, er könnte mit Anlegen derselben irgendwelche Ndtenabsiefat TeiUnden, oder 
auch nur den geringsten Mifbmuch treiben, absolut ausgeschlossen ist, stehen d« 
Verwirklichung dieses Verlangens keinerlei Bedenken entgegen. Aus ärztlichen 
Gründen ist es daher unbedingt geboten, daß Herr Prof. X. aus | 
Gründen seiner besonderen Veranlagung und im Interesse 
seiner Gesundheit die Erlaubnis erhält, Frauentracht an- ' 
legen und in derselben sich auch auf der Stra£e bewegen ?.\x 
dürfen, unter der Voraussetzung, daß er in derselben kein Auf- 
eehen erregt" 

Ich füge noch einige Stellen aus Gutachten bei, die sich auf 
Personen beziehen, in denen sich der Transvestitismns mit Ajidro- 
gynie und Homoeexnalität vefgesellBchaftet bat: | 

L Einer dieser androgynen Tranevestiten schreibt: „Solange ich denken kann, habe 
idh mich immer als Mädchen oder Frau gefühlt und meine männllcheExistenz | 
nur als Verkleidung hctraclitet. Schon als Kind und Jüngling sagte ich Oft : Ich 
würde glücklich sein, wenn 'ich ein Mädchen wäre. Mit 13 Jahren machte ich mir ' 
heimlidi aus alten Sadien der Mutter dne Toüeljte und ging am Ann tfnes lajährigen , 
Bräutigams auf die Straße. Ich habe von solchen Verkleidung^ auch Irotz aller | 
Strafen nicht lassen können. "Wurden mir die alten Klr idrr •r"nonimen, so machte 
kih jnir neue. Ein großes Vergnügen machte es mir, kleine Kinder zu warten, den 
Kinderwagen zu sehid)en; sie an meine Brust eu legen. Gehe ich wiikBch als Dame 
verkleidet, so falle ich niemand auf und wirke ästhetisch, während ich in meinen 
Herrenanzügen nur Unannehmlichkeiten habe. Das Schlimmf^te ist aber, daü ich j 
wegen meines mädchenhaften Wesens schon auf der Schule nur Spott von meinen ' 
Kameraden zu ertragen hatte, und stets, wohin Ich komme, bildet sich eine Pmrtei, die 
gegen mdn w^liches Außere eingenommen ist, und ich habe liirchttiar viel «t leiden." | 

K. „Ich bescheinige, daß der Konfektionär T. V., geboren am 16. Juli 1870 zu 
Berlin, mir seit 18 Jahren spezialärztlich bekannt ist. Er stammt aus erblich belasteter 
Famiüe; der Vater war Alkoholiker, dessen Mutter geisteskrank, ein Halbbruder des 
Vatns war homoaexueU. In seiner Kindheit litt T. viel an Kopfsdmiensen« slofterte, 
üspelte, weinte viel und hielt sich zu den Mädchen, während er KnabenspiAle oüed. 
In der Pubertät blieb eine deutliche Differenzierung nach 
der männlichen Seite aus; er behielt ein mädchenhaftes Aussehen, so daU 
ntn ihn sehr hAufig fOr ein in M&nnerUeidem steckendes Mädchen hielt In der 
Zartheit der Haut, der Weichheit der Haare, im Bau des Kehlkopfes und Beckens, in | 
den Bewegungen und im Gesichtsausdruck, vor allem aber in seinen^ Gewohnheiten | 
zeigen sich unverkennbare weibliche Einschläge. Er kleidet sich vielfach als Frau 
und wirkt, vrle aus mehreren dem Gutaditen beigef Qgten Photographien ersichtlich, 
vollkommen feminin. 



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HL Kapitel: Der'TouisvesUtismus 



157 



Seine ersten Po I lu tionfltrftiime ertfveckten sich auf männliche 

Personen. Der Geschlechtstrieb zum Weibe, mit dem er niemals in seinem Leben 
kolmbitiert hat, blieb völlig aus. Sem Nervensystem blieb nach wie vor affiziert, 
vor allem wurde er von Ifiirräne, SebUiflosigkdt, Ifatttgkdt und schweren periodiseheil 
Depressions 71 i'^tänd-ri hphelligt. Dabei wandten sich seine s'.'xuollen Ncisungen 
immer deutlicher und stärker dem männlichen Geschlecht, und zwar besonders uni- 
fomoierten Personen zu. Charakteristisch sind folgende Äußerungen, die er Ober seinen 
Zustand machte: „Ich bin schon als kleinster Junge in Damenkleidung gegangen. 
Mein sehnlichster Wunsch und höchste Befriedigung In? in mir, wt^nn ich nMch als 
Mädchen anziehen konnte. Im Alter von 15 Jahren an hielten mich die Leute ständig 
für du li&ddieii und sagten immer,' aoeli wenn ich als Junge ansezogen war, ich 
mOase ein Mädchen sein, an Aussehen, Haarfarbe und weiblichen BewegunRen. Oft 
ist es mir passiert, daß, wenn ich in Lokalen als Tunpe angezogen war, andere Leute 
wetteten, ich müßte ein Mädchen sein. Ich fiel immer auf und konnte mich als 
Madeben angeldeldet uns^erter auf der Strafte und in Lokalen bewegen. ,Ich hätte 
das Schlimmste ertragen können, wenn ich noch ein Mädchen hätte werden können.'* 
Und an anderer Stelle heißt es: ,Mein sehnlichster Wunsch w^äre ge- 
wesen, das durchzumachen, was eine Frau durchmacht, hätte 
gern Kinder geboren, selbst genährt und erzogen. Am liebsten 
wäre ich eine Hausfrau geworden, welche die tfroße Wirtschaft selber führt. Nicht 
nur gleichgeschlechtlich Veranlage, sondern auch ganz normale Männer haben mir 
sehr idfll nadhfeiMtt. Alle spürten, daB das Weibliehe in mir stärker 
ist als da- Männliche. Meine Hüften sind so breit und die Taille so eng, 
daß ich weder Hosenträger noch Gurt zu tragen brauche, lun die Beinkleider fest- 
zxihalten. Man nannte mich Ottilie. Jeden Monat habe ich wie eine 
Periode, ftthle mich dann gans schwach, habe Migräne; meine 
Freunde wissen dann schon, ich habe ,meine Regel'; ich gehe 
dann gar nicht fort. In dieser Zeit habe ich auch öfter Darm- 
blutungen, die bis 8 Tage dauern.' 

Nach allan kann es auch nicbt dem geringsten Zweifd untwliegen, daB es sich 
hei T. U. um einen sehr hochgradigen Fall von Feminismus bandet, 
eine Kombination Ton Androgynie, Homoaexualltät und Transvesti- 

tismus. 

L. „Ich bescheinige, daß der am 2i. Dezember 1871- geborene Damen- 
darateller und frflhere Sopran sänge'r W. mir seit 15 Jahren speiialärztlieh 

bekannt ist. Es liegt bei ihm ein sehr ausgesprochener Fall von angeborenem- 

Feminismus vor, eine Kombination von Androfynie, Transvestitis- 
DK u s und Homosexualität. Die Androgynie von W. zeigt sich besonders 
im weibliehen Bau seines Beckens und XeUkoi^, in seinen weiUichen Bewegungen, 

im femininen Oe.sicht.snu.^flriick usw. Sein T r an s v c s t i t i s m ii s besteht in dem 
unwiderstehlichen Drang, sich zeitweise als Dame anzuziehen und voUkonunen das- 
tehen eines Weibes zu führen. 

Die Homosexualität von W. äuflert sich bei vollkommener Impotenz dem ^ 

Weibe gegenüber in spontaner, sexueller Neiimng zu männlichen Personen, deren 
Befititrimg: W. nicht zn uiUenh-flcken vcnnag. Die Mittcilunffen, die er selbst ühfr 
Sellien Zustand macht, geben em so anschauliches Bild seiner PeirsönUchkeit, daß 
wenigstens einige Stellen daraus wiedergegeben seien; W., der woh! als einer der 
bekanntesten Homosexuellen BerUns bezeichnet werden kann, sagt von sich: 

,Aus einer mennonitischen Familie stammend, die aus Glauhensrürkpichfen und 
Geldinteressen fast ausschließlich Inzucht trieb, bin ich als jüngstes von sechs 
lebenden Gesehwisteni geboren worden. Heine Mutter starb bald näeh mtiner 

Geburl, und es ist niemand dagewesen, der meine femininen Neigungen, die, s o - 
weit ich denken kann, zurückdatieren, eingedämmt hätte. Ich spielte nur mit 
Puppen, nie mit Soldaten oder Pferdchen, stickte und häkelte und war stolz, wenn 



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158 Kapitel: Der TransvestiUsmus 



rnpjnp T?andarbeiten stets besser als die meiner älteren Schw-pstern 
zeusunert wurden. la meinem 13. bis 14. Lebeosjahre etwa wurde die^e »elt- 
suae Art eines Knaben, die omb Wt ^hin alt ffindcfei hatte hingehen Ii^en, all- 
mählich unUebsam bemerkt ~- fetaddt und sdilitBlkh — verbGhni Sickte und 
häkelte weiter, aber heimlich. 

wachsendem Älter- und Verständigerwerden gab ich mir, aua RQelawht auf 
meine angesehene Familie, viel Hübe, diese weiblichen Neigungen zu unlerdrOckra, 
aber es {üntr nicht. In den oberen Klassen des Gymnasiums bekam ich einen Mädchen- 
namen; mein Aussehen und meine Allüren verleiteten dazu. Die älteren Schüler 
pouaaerten und embrasrierten mich wie ein MideL Es wurden Du^U« aus^fbditen, 
wer mich als ,Braut' erringen würde. Und ich gab mich, gaas als ob sich da» Vtm 
selbst verstünde, dem Stfirkstcn hin. 

Die Sache wurde schlimmer, als ich — sehr gegen den Willen meiner An- 
ffdkörigen — zum Theater giiV* war in Fraek» Unifram oder ROtsung dne lidiar- 
liche Figur, und die Kritik schrieb von ,der verkleideten Soubrette'. Und als ich 
einmal in der Operette .einen stummen Pagen mimen muBte« kam von einem Herrn 
in der Loge eine Soupereinladung an ,die Dame in Pagentraeht*. 

Die Zeit meiner Militärpflicht nahte. Ich nahm den letzten Anlauf und wollte 
mir in diesem Milieu, wo ich es doch mußte, Männlichkeit erwerben. Ich biß die 
Zähne zusammen und wollte Mann sein, — aber es ging nicht. Meine Be- 
wegung^ seidanke Taille und breiten HOflen wirkten Udierlieh; vStt konnte mdnen . 
Kameraden im Dienst nicht folgen, und wenn auch meine Vorgesetzten meine An- 
strengungen anerkannten, so konnten sie doch nicht fortgesetzt auf den ncffativen 
Erfolg derselben Rücksicht nehmen. Zudem steigerten sich meine Kopfschmerzen, an 
denen idi von jeher litt, unter dem Drucke des Hehns bis zur UnertrftgliehkdL Dieser 
Zustand war natürlich auf die Dauer unhaltbar, ^'ach einigen Monaten, wäb^cKl 
meine lüuneradcn schon längst schössen und auf Wache zogen, steckte ich noch inun^r 
in den allerersten Anfangsgründen. Es war ein beklagenswerter Zustand für mich, 
denn trotzdem meine Vorges« tzten mein Unvermögen einsahen und mich glimpTlieh 
behandelten, so schämte ich mich doch enlsel/lich und führte ein beklairenswcrfc: 
Dasein. Endlich schickte man mich zu Professor Goldscheide r, der meinen Zu- 
stand erkannte und meine sofortige Entlassung als ,d. u.' bewirkte. Bald darauf 
wurde ich Damen-Imitator. Was mir das Theater versagt hatte, erfüllte sich für mich 
beim Variete. Ich reiste von Stadt zu Stadt mit wachsendem Erfolg. Dns r.lijck, das 
^ dem Manne den Rücken gekehrt hatte, verschwendete nun doppelt an die i rau. in 
dner gltthendheiBen Julinacht in RuBhuid, ich glaube es war in Jekatwinoslaw, verlor 
ich durch den Genuß von eiskaltem Champagner meine Sopranstimme. Ich ging mit 
meinen Ersparnissen nach Berlin und versuchte, mich scbrillstellerisch zu betätigen; 
da dies nicht zu meinem Ld)ensunterfaalt genügt, so. vermiete Ich möblierte Wohnungen 
und Zimmer. Hier mache ich alles allein, bessere die W& sc he aus und fertige 
neue an, häkele Gardinen und Köchenspitzen, sticke Mono- 
gramme, Decken, Kissen, und verstehe, meine Mieter mit so 
einem Hauch echt weiblichen Behagens- zu umgebe|i, daB ich 
Preise erziele, die meine Konkurren/ in Staunen versetzen.' 

GrsamtzTistfindp, wie wir sin bei W. finden, beruhen auf einer neuropathi- 
schen Kouslilulioa, und sind gewOiinUcii uiil hochgradigen, nervösen älurungen 
verbunden. Dies ist auch bei W. der Fall. Er leidet an Angstsust&nden, starken 
Kopfschmerzen, großer Mattigkeit und aus;.'esprorhen hysterischen Zustanden. 
Wiederholt habe ich ihn außerdem an Gesichts-I^euralgien l}ehandelt, die so unerträg- 
lich waren« daB dw Gedanke eines ehirurgisdieii Ekfiiffs efwogen werden muBte. 
Nach Monaten hörten diese Neuralgien (tix douk>ureuz) dann wieder ganz plötzlich auf.** 

Wie obige Znsamiiieiistelluiig zeigt, ist nar in den letztangeftiliT- 
ten Fällen der transvestitische Trieb mit dem homoBeznelleD Ter- 
^eeellsehaftet Die Mehrzahl der angeführten Transvestiten fühlt 



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ni. Kapitel: Der TnnsvestiÜsmus 

- ... t 



159 



sich zu Frauen hingexogien; allerdings bevorzugen sie meist 
virile Frauentypen, wenn auch mehr p<M«tifjr als körperlich männ- 
lich jreartete; im Akt mit dem Weibe wünschen fast aile snc- 
c u b i zn sein, für einige ist dies conditio, sine qua n o n jwtentia. Bei 
den boniüsexuellen Transvestiten überwiegt der transvestitische 
Trieb vielfaeh den homoeexnellen, das heißt, sie Temögen eher aal 
gleichgesohleohtliehen Umgang, als auf die Ümkleidiuiff Verzieht zu 
leisten. Hinsichtlich ihrer Militärtangliehkeit unterscheiden sich 
die nicht' transvestitisehen virileren Homosexuellen vorteilhaft von 
den transvestitischen und feminineren, bei denen hysterische Zu- 
stände jeder Art ungleich häufiger vorkommen. Wie ^die meisten 
Transrestiteu rühmend hervorhohen, zeigte die Militärbehörde ihrer 
Eigenart jreppnüher Verständnis und Entgegenkommen. Von den 
ca. 60 mir bekannten Personen, welche bei der Aushebung auf iiiren 
Transvestitismus hinwiesen, wurden 25 als danhrnd nntanglich aus- 
gemustert, und zwar zumeist mit dem Vermerk „U 18'* (Nervenleiden 
ernsterer Art), „ü 15*' (überstandene oder noc^ bestehende geistige 
Erkrankung, cf. Dienstanweisung zur Beurteilung der Militärdienst- 
fähigkeit, S. 143). Einige der Transvestiten wurden unter die in 
diesem Kriege aufgenommenen, sehr praktischen "Rnhrikf^n a. v. nnd 
b. V., .,a r b e i t s V e r w e n d u n g s f ä h i g" und ,,)> e r u 1 s v e r w e n - 
d u n g s f ä h i g" gesetzt, und dementsprechend auf Kammer, Schreib- 
stube, als Ökonomiehandwerker, Köche oder anderweitig in ihrem 
Beruf verwandt. Die als felddienstfähig eingestellten Trans- 
vestiten erkrankten oft schon nach ganz kurzer Blens t> 
zeit an hochgradigen hysterischen Erscheinungen, 
so dafl sie fast sämtlich vom Militär entlassen wer- 
denmuBten. . i 

Sehr viel günstiger wie mit den Mannschaften steht es mit den 
Offizieren, bei denen vieles, was den femininen Soldaten besonders 
quält, (]n? rmge Zusammenleben in der Kaserne, der rauhe Kasernen- 
ton, der stete Uniformzwang, der „Drill" in Wegfall kommt. Auch 
hier ein Beispiel: Ein transvestitischer Offizier, der im Zivil- 
lehen Beamter ist, steht seit Kriegsbeginn mit geringen Unter- 
brechungen draufien. Er zeigt die stärkste sexuelle Spaltung der 
Persönlichkeit, die mir in meiner Praxis vorgekommen ist: als 
Mann ganz Mann, als Weib vollkommen Weib. Als 
Offizier im Osten und Westen von hervorragender Tüchtigkeit, In- 
haber vieler Anszeiehnnngen, verbrachte er seinen Urlaub in Berlin 
größtenteils als Dame. Er hatte mich aus dem Felde gebeten, ihn 
während seines Hierseins in seiner Häuslichkeit aufzusnehen. xVls 
ich dies eines Abends tat, empfingen mich in seiner Wohnung drei 
vornehm gekleidete Frauen: Bcr Offizier, von Kopf bis Fuß in 
eleganter, gediegener Bamentoilette, seine Frau und ein ihnen b'e> 
frenndeter Transvestit, der, früher gleichfalls dem Militärstande an- 




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160 

r 



m. Kaidtel: Der l^mnavestitunnin 



gehörig, Jetst schon seit Jahren fast ausschließlich in Franenkleidern 
lebt und darin auch sein^ Beruf« — er ist Detektiv — nachgeht. 
So eigenartig, Tielleicht Bogar einaigartig die Situation war, so hatte 

es für den unvoreinpronommenen Sat-hkenner doch koines- 
wogs etwas Abstoßende.s an sich, wenn „Prau Edith" von ö^n 
Leietung-en unserer Truppen berichtete, an denen er kurz zuvor ;ils 
tapferer Offizier so lebhaften Anteil genonmien hatte. Unwillkür- 
lich erinnerte ich mich des mutigen Chevalier d*Eon, welcher, nach 
Gaillardets') Worten, „an einem Novemberahend des Jahres 1777 
als Chevalier verschwand, um am folgenden Tage mitten in dem er* 
staunten 'Paris als Chevaliöre wieder an erscheinen". Von seiner 
Dragoneruniform hatte d'Eon nur das große Ludwigskreuz behalten» 
welr-hos 7Tir Belohnnng für seine kriegerische Tapferkeit auf seiner 
Fraueukleidung- 711 irapren Köni<r Tjudwig XV. ihm verstattet hatte. 
Was unseren d' i Hsf liefi Hauplmauu betrifft, so erfuhr "ich ein 
halbes Jahr nach unsureiu Zubainniensein von seiner Ehefrau, daß 
trotz, od^ vielleicht richtiger gesagt, infolge der großen Energie, 
die er zur TJnterdrftokung seines XTmkleidnngstriehea angewandt hat» 
schließlich doch ai^ch bei ihrem Gatten ein nervöser Zusammenbruch 
erfolgt sei. Die Angaben dieser ausgezeichneten Frau sind so au- 
strhaulich, daß ich es mir nicht versagen kann, einiges davon wieder- 
zugeben. Sie schreibt: 

„;\ls ich meinen Mann kennen lernte» ahnte ich nichts von seiner Veranlagung. 
Erst als wir einige Monate verhdratei waren, fing mein Mann davon an, daß doch 
Fraumkleidar viel reizvoller und bequemer e^n als Männersachen. Er zog sich 
darauf einen Morgenrock von mir an, welcher aber nicht paßte. Darauf bestellten 
wir bei Ii e r Izo g einen rosa Morgenrock mit Spitzen, ein Spitzenbemd, Beinkleider 
und Unterrock. Dann besorgte ich noch StrOntpfe und halbe Lackschuhe. Xun fehlte 
nur noch eine Perücke. Diese bestellten ^ir dann bei .\nton. Noch immer hielt 
ich dies alles fflr einr Laune von meinem Mann; da er sirh aber anscheinend sehr 
wohl in der Kleidung iilhlte und sehr lieb zu mir war, halte ich 
nichts dagegen. Er sog sich immer Mittwochs und Sonnabends um^ wenn unser 
Mädchen aus war; wir empfinren dann keine Besuche. Kims Tages pab mir mein 
Mann das Buch von Dr. Hirscbfeld „Die Transvestiten" zu lesen. Ich las dieses 
Buch und wußte nun, wie es um meinen Mann bestellt war. Da ich meinen Mann 
von ganzem Herzen liebe, vorsuchte ich, ihm das Leben so aimenehm wie möglich zu 
machen, und kaufte ihm alle Sachen, welche ein Frauenherz beglückt. Auch nannte 
ich ihn, wenn er sich umgekleidet hatte, auf seinen Wunsch bei dem Namiju Edith. 
Er kann längere Zeil den Trieb, aidi umzukleiden, imterdrficken, aber dann ist die 
Sehnsucht danach auch um so großer. Eines Tages gingen wir zum ersten Male auf 
die Straße. Wir haften naUirlich Angst, daß man erkennen ufirde, daß meine 
Freundin mein Mann wäxc, aber keiner beachtete uns. Von da an war es 
das gr60te Vergnügen fOr meinen Mann, spaneren zu gehen, natOrfich nur abends. 
Viele Herren sahen sidi nach uns um, aber nicht mißtrauisch, man metfcte, ihnen 

') Memoiren des Chevalier v o n 10 o ii. Aus dessen Familieniiapieren und nacii 
authentiadten Quellen, wekshe in den Aid^en des Mlnisteiiums der auswftrtisen An* 

ffeletrenheilen nicderjrelcRl sind, zum ersten Male bearbeitet und herausRcßoben von 
Fr^d^ric Gaillardet. Frei nach dem Französischen von Dr. E. B r i p c k - 
meier. Braunschweig 18B7. Verlag ¥on C. EL Meyer sen. 



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161 



imroniortc die große, elegante Dnmo. Wenn uns einer verfolgte, zojren w\v es vor, 
mit einem Autp nach Hause zu faiiren. Einmal waren wir bei meiner Scii\Kieger- 
mutter einseladeiL leb maebte mein^ Manne i^un den Vorschhig, als Frau bin* 
zugehen und tat er es auch mit Freuden. Als ich nun hinkam, sagte ich meiner 
SchwicRermuttor und meinen EHcrn, welche auch dort waren, daß mein Mann erst 
später kommen würde, ich aber eine Freundin mitgebracht hätte. Ich stellte sie vor 
und unteibielten wir vaa «ine ganse Weile, ohne daB einer etwas makte. Dtam 
mußten wir aber doch m S'^hr lachen und alle war^n sehr erstaunt, daß diese elegante 
Dame unser V. war. Meine Eltern fanden den Scherz sehr gelungen, aber meiner 
Schwiegermutter war es nicht sehr angenehm. Sie meinte, sie hätte doch einen Sohn 
und keine Tochter. Ein andermal hatte ich Besuch von meiner Cousine. Mein Mann 
hatte sich wieder umgozoppn und klingeltp an der Voriuatztür. Unser Hausmädchtyi, 
welches eine sehr kluge Person war, freute sich immer, wenn Tante Edith, wie unser 
Junge inuner sagte, zu Besuch kam. 'Sonst war mein Mann immer sehr streng, aber 
als Frau war er die Liebenswürdigkeit selbst. Unser Mädchen 
schneiderte mm mit violrm FlciD für Edith. Das war nicht immer leicht, da sir- 
einen sehr anapruchsvoiieu Geschmack halti;. Nichts war ihr elegant und modern 
genug. Aber grofi war die Freude, wenn ein Stade gut gelungen war, und konnte man 
sich bei Ihr dann wünschen, wa? man wollte. Unser Mädchen hat zwar nie erfahren, 
daß mein Mann Traosvestit ist, sie hätte es vielleicht auch nicht verstanden, aber 
da mein Mann dann imm«r als Edith so reizend war, freute sie sich, wenn sie kam 
und sia ihr etwas schneidern konnte. Das Mädchen war 3 Jahre bei uns. Jetzt hat 
sie sich verheiratet, aber sie freut sich schon wieder auf dir Zeit, wenn sie für Fräu- 
lein Edith schneidern kann. Ich bin sicher, daß sie zu keinem Menschen, selbst zu 
ihrem Manna, davon gesprochen hat Unser Junge, welcher jetzt ^ft Jahre alt ist, 
liebt seine Tante Edith über alles. Er jammert jetzt immer, daß sie par nicht mehr 
zu uns kommt. Für ihn sind natürlich mein Mann tmd Tante Edith iwei Ranz 
verschiedene Personen. Während des Krieges schreibe ich meinem Manne 
fast täglich Briefs, aber von Zeit zu Zeit sdireibe ich nur an Edith. Ich beschreibe 
ihr dann die neuesten Modrn und was <^irh wolil für sie am besten eiTnen wHrdr'. 
Wenn ich einen Wunsch habe, wende ich mich immer an Edith. Ich weiü, bei ihr 
finde ich immer Verständnis. Oft ist Edith mit unserm Jungen und dem Mädchen 
abends einkaufen ge?a ' Tn die Läden ging Edith zwar nicht mit hinoin, da sie 
Angst hatte, hei dem hellen Lampenlicht kannte man das rasierte Kinn bemerken 

Weilmachten und Geburtstag feierten wir inuner zweimal. Einmal mit meinem 
Manne und unsem Vennindten, und einmal mit Tante Edith. Für ersteres hatte er 
kein großes Interesse, aber als Frau freute er sich schon Wochen vorher darauf. Seine 
{n-ößtf Freude war immer schöne Spitzenwäsche. Puder und Parfüm mußten gleich- 
falls vom Besten sein. Seine Perücke muß ich sehr oft frisieren; sowie einige Härchen 
unordentlich sind, sel0 er rie i^t auf. Er ist sehr ordnungsliebend. Nie wird er 
mit einem abgerissenen Knorf oder Bnnd gehen, lieber zieht er sic^ "'eich um. 

Als mein Mann im April d. J. 8 Tage auf Urlaub hier war. wurden gleich 
mdirere Tage fOr Tante Edith reserriert Und wie wohl fühlte er sich! Sonst faßt 
er nichts in der Wirtschaft an und kann nur kommandieren, aber als Weib nimmt 
er mir sehr viel Arbeit ab: Fr l<ochf wischt Staub und plättet. Sehr gemütlich waren 
immer die langen Winterabende, wenn wir zusa m men Handarbeiten machten. Edith 
stickte fOr eine bekannte Dam^ deren Mann auch Transvestit ist, einen TtschULufer, 
und fflr unser Alädchen zur Ausstattung ein Überhandtuch. 

Mein Mann ist leidenschaftlicher Raucher und Vann kaum ein palir Minuten 
ohne Zigarre sein. A\s Edith lial er aber niemals Verlangen nach einer Zigarre, er 
raucht dann oft den ganzen Tag über nur 1 bis 2 Zigaretten. In weiblidien Diagen 
hat er einen sehr ernten neschmack. Tch Icaufe mir nur meine Garderobe in seinem 
Beisein. Selbst der kleinste Fehler entgeht ihm nicht Neulich schrieb mir Edith, 
da£ sie von dein, was ^e wfthrend des Krieges gespart bfttte, sieh gleich nach ihrer 
Rflckkehr ein^ elegantes Spitzenkleid kaufsn wolle. Hoflentli^ ist der Krieg bald za 
Hiri«hf«ld, SeBulpmtholosi« H. 11 




1^ 



Bndet Wie sdiwer muS es sein, for so lange Zeit diese starken Ne^unsen zu unt«r- 
drücken. Oft mihnSbH er aiidi ganz yermifelt tind ^nieht die Sehnsucht nach seinen 
schönen Sachen aus. Er erzählte mir, dafi er schon als ganz junger Mensch Sonntags 
nie mit seinen Eltern und üeschwistem ausgegangen wäre. Er hat immer seine vielen 
Schularbeiten als Hindeningsgrand voigesdiQtst. Sowie er dann allein war, zog er 
rasch die Sachen von seiner Schwester und von einer Tante an, welche längere Zelt 
zu Desuch bei meinen SchwicgcrcHem war und immer sehr moderne Sachen trug. 
Er fühlte sich dann aufierordentlich glücklich und zufrieden. 

Noch möchte ich bem^en, daB der Zustand meines Mannes ein sebr wedis^- 
der ist Hat er sich längere Zeit umgezogen, so ist er auch wieder füreinipe Zeit 
in seelischem Gleichgewicht Aber bald regt sich der Wunsch und das * 
Verlangen, sich umzuziehen, aufs neue. Jetzt, wälirend des Krieges, wo er seina 
Yaimniagang auf so lange Zeit mit Qewatt unterdrQd^en muB, hat er inneriieh sebr 
zu leiden und sind seine Nerven gev^lQ bald am Ende ihrer Kräfte. 

Groß ist die Ti^bp m seinem Junff-n. Er beobachtet ihn snhr viel, um fest- 
zustellen, ob er vielleicht auch etwas von der Veranlagung des Vaters i^eerbl habe. 
GewiB wflrde er, wenn dies der Flall wAre, ihm aptter ein treuer Freund und Berater 
sein. Als Mann ist er mehr schroff wie zärtlich, ab-r al? Frau 
ist er besonders zärtlich zu seinem Kinde. Er erfüllt ihm dann jeden 
Wunsch. Auch besorgt er ihn an diesen Tag immer selbst, zieht ihn an und aus, badet 
äm und besorgt das Esien fOr ilm. Er fohlt sich dann sehr glOcfclich, wenn er die 
körperliche und gcistiße Entwicklung Jts Kindes beobachten kann. Als Mann gibt 
er bei einem Streite nie nach, aber als Frau ist er um so versühnlicher. Sowie er 
sich umgezogen hat, hat er auch allen Zank vergessen, und mag er dann k^e 
traurigen Menschen sehen. Er tut dann alles, um Frieden su stiften. Selbst uasem 
Jungen kann er dann nicht weinen sehen, auch wenn er ihn um eine Unart vorher 
hat strafen müssen. Natürlich hat das Kind das auch gemerkt Er liebt seine Taiite 
Edith Uber alles und meint, die wäre immer gut zu ihm und wQrde ihn nie sdietten.** 

Ein anderer Krieg-steilnehmer, welcher mich während seines 
Urlaubs als Dame aufsuchte, gehörte der Marine an und liatte kurz 
ZDVor auf einem miserer großen Kreuzer einen der kühnen Vor- 
stoße gegen Englands Ostküste mitgemaeht. Anoh er litt ungemein 
stark darunter, ständig üniform tragen zu müssen. Anl der Rück- 
kehr Yon seinem Urlaub hatte er ein Erlebnis, über das er mir in 
einem Feldpostbrief wie folgt berichtet: 

MNordsee, den ... 

' Geehrter Herr Doktor 1 

Es ist mir An BedOrfois, Sie davon in Kenntnis zu setzen« daB, naclidem ich 

in Berlin einige Tage auf Urlaub war, um meiner Veranlagung entsprechend als Weib 
zu Icbon, ich am . . . von dort an Bord abreiste. Es fiel mir unsäglich schwer, die 
verhaßte Männerkleidung wieder anzulegen. Ich zog mich an besagtem Tage erst 
kurs'irar meiner Abfahrt um und nahm n^ne IhimenUeidung mit nach hier in dfm 
Gedanken, mich öfters, wenn ich auf Urlaub an Land sei, umziehen zu können, um 
so das Leben wenigstens für mich pinigf^rrnaßen nrträi7lich zu «gestalten» denn ich 
fühle mich so totunglücklich. Aber es sollte leider anders kommen. 

In Haittburg hatte leh die Naeht fibw im Roten Kreuz togiert. und als ich 
morgens gefcen 4 TTir aufwachte, btkam ich ein so un^^iderstehliches Verlangen, mir 
die Damenkleider anzuziehen und nach ... zu fahren, daß ich sofort atifstand und 
mich in der Damen-Toilette des Bahnhofs als Dame ankleidete. Nun ging ich an 
den Schalter und verlangte eine Fahrkarte nach . . welche ich aber, da keinen 
Ausweis zum Passieren der dortigen Bahnhofssperre besaß, nicht erhielt. Deshalb 
ging ich an den Nebenschalter und nahm eine Karte nach St.; diese bekam ich. Der 
srsts Schalfeiheamte hatte dieses beobachtet und einen Kriminalbeamten beauftragt. 



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m. Kapitel: Der Transvcstitismus 



163 



meine Personalien festzustellen. Der Beamte war sehr erstaunt, als ich ihm meinen 
Ifahne-Urlaubsschein vorwies und bezweifelte stark, daß ich ein Mann sei. N\m 
muBte ich mit zur BahnhofakomiuaTidantur und nach mehrstündigem Warten mußte 
ich meiiie Uarine-Unifoififi wieder andebeD. Ii^ habe sehr geweint» aber wer 
hat Verständnis für die qualvolle Lage, in der sich unsereins befindet? Kann man 
denn solche Menschen nicht anderweitig im Krif'Re verwenden, denn man ist doch 
schließlich nur ein halber Mann. Ich wurde m Hamburg bis Montag, dun 17. d. M., 
festeehalten und fuhr dann nach hier. Ich bin vor einigen Tagen durch den Komman- 
dantf^n zu 7 Tagen Arrest verurteilt, ohne daS ich um die Ursache m-^in s Tuns hr 
fragt wurde. Ich kua. nicht für meine Tennlagung xmd werde Berufung einlegen, 
fin TtnceaetBler meinte» das beale wir^ wenn ich nadi Flandern kinn, dort wflide 
midi aebon ^e Kugel treffen. Es ist mir nicht darum zu tun, frei zu kommen, aber 
man soll mir einen Posten geben, und wenn es als Krankenschwester in der 
vordersten Feu'erlinie ist» denn das entspricht meiner Natur 
und wfirde ich so meinem Vaterlande mit tausend Freuden 
dienen. Hoffentlich wird man Mitleid hahen und mir 80 meine Lage erieicbtem. 
Nun seien Sie vielmals gegrüßt von Ihrer Luise Z." 

Ich drucke diesen Brief hier ganz ab, weil er nach Form und 

Inhalt für Transvp'?titpn viel Cliarakteristisolip« an sich hat. Auch 
die weibliche Untt rs( lirift Luise Z." — der wirkliche Name des 
Schreibers ist Ludwig — findet man bei frausvestiten fast aus- 
nahmsios. 

Eine Analogie ztt den „Soldaten als Frauen" bilden die 
,,Franen als Soldaten**. Wie in aHen. früheren Kriegen sind 
aneh im gegenw&rtiffen wieder in fast allen Armeen Soldaten auf- 
getancht, die dem weibliohen Geschleeht angehören; am wenigsten 

wohl im deutschen Heere, vermutlich wegen der besonders sorgsam 
und streng durchgeführten AuFhcbnnpr "nd regelmäßigen Genital- 
untersTichung. In den meisten Fallen täuschen diese Frauen ihre 
Umgebung über ihr Gosohleoht, das dann pr^wöhnlich erst entdeckt 
wird, wenn sie ins Lazarett kommen uder fallen. In einigen Fällen 
aber gelingt es ihnen anch, dnrch Energie ihre Einstellung durch- 
ansetzen, wie dies namentlich in der österreiehiseh-tingarifiehen nnd 
mssischen Armee yerschiedentlich vorgekonmien ist. 

Ich habe an anderer Stelle^) ein« größere Anzahl Fälle an- 
sammengestellt, von denen ich Kenntnis erhalten habe. Ich will aus 
der dortigen Publikation einen kleinen Abschnitt wiedorp'obf n, der 
mir auch in diesem Zueameuhaug erwähnenswert erscheint. Es 
heißt dort: 

„Aus vielen mOndlichen Mitteilungen, die wir von viril veranlagten Frauen er- 
hielten, konnten wir ersehm, wie auBenndentfieh stark die Sehnsucht vielff Frauen 
ist, als aktive Soldaten am Kriege teibsunehmen. Manche fahlen sich ungemein 
curflckgesetzt, vergehen förmlich vor Neid, wenn sie die Männer hinauszielien sehen. 
Wir sind sicher, daß, wenn Regimenter aus weiblichen Kriegsfreiwilligen gebildet 
weiden wOrdm, die SSahl heisisterter und emster BiiegMinnen, die sieh meldstm, 



2) Vierleljahisbcnchte des wissenschaftlich humanitären Komitees während der 
iELriegszeit Fortsetzung des „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", 1914 o. it. von 
Dr. med. Magnus Uirschfeld. Verlag von Spohr, Leipzig. 

11* 



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164 Kaiätel: Der TcaDSvesUUsmus 



bald in viele Tausende gehen würde. Gewiß würde eine ganze .\nzahl Dienst- 
t n tauglicher darunter eelii. eine recht betrichälche Menge aber «Orde durehaue ü» 

zum Felddienst erforderlichen Eigenschaften besitzen. Der naheliegende Einwand, 
daß die periodischen Vorgänge im Leben des "Weibes ihre Dienstf;lhigkeit beeinträch- 
tigen würden, wird durch die Berichte aus der Vergangenheit und Jetztzeit über 
Soldätianen widniegt, welche allen Kriegsstrapazoi -ToUkommen gewaidisen waren; 
es ist dies im Laufe der Zeit eine keineswegs geringe Anzahl gewesen. Sollte dieser 
Krieg nicht, wie wir hoffen, der letzte sein, dann wird man mit dem Ausbau der Lehre 
▼on den sexuellen Zwischenstufen nach und nach wohl auch dem Gedanken näher- 
treten« ob und wie man den kriegniechen Inetinkten Becimung tiftgt, die jeder Fddzugr 
in gewissen Frauen erweckt, deren Zentialnnr^ensystem unter dem Einfluß von Andrin 
steht, das dem in ihrem Körper enthnlfertf^n mnrinüchen Drüsengewebe entstammt; 
was mancher Mann mit weiblichem, kann auch manche Frau 
mit männlichem Chemismue leisten." Ich s^Kefie diese AusfOhrungen mit dem 
Satze: , 

Das seelische Zwittertum ist ein von Fachleuten fast all- 
gemein sehr unterschätztes Moment Wie der Arzt sich daran gewöhnt 
bat bei jedem Patienten die Frage nach übeiatandenen Geschlechtskf'ankhelten 
autzuwerfen, so sollte er in Zukunft nie unterlassen zu fragen: „Wie war und ist es mit 
Ihren geschlcclitlichen ßLflurfnissen?" Der Arzt ist diese Frage der Wissenschaft als 
Forscher, in erster Linie aber dem Patienten als Praktiker schuldig. 

Überblicken und Teryleichen wir die Berichte der Transvestiten, 
so fällt zunächst ins Auge» daß sich ihr Feminisinns in den meisten 
Fällen nicht in der andersg-eschlechtlichen Umkleidimg- erschöpft. 
Rehr viele Transvestiten liahen den Drang, auch über die Kleiduug^ 
hinaus im weiblichen R a h in e n 7,n leben; sie richten sich, wenn 
angängig-, ein Boudoir nach Fraiu lüirt ein, schmücken ihr Wohn- 
und Schlafzimmer mit weiblichen Zier- und Toilettenstücken und 
finden eine groiße Freude daran, weiblioheHandarbeiten an- 
zufertigen. Biese Neigung ist ebenso wie die zu weiblidhen Spielen^ 
namentlich Puppenspielen, schon im frühen Kindesalter wahrnehm- 
bar. „Manches Produkt meiner HeiBigen Nadel ziert unser Heim'*, 
schreibt ein Transveetit, der als Junge von 13 Jahren und später za 
Gebui'tstag-en und zu "Weiljnafditen seinen Verwandten selbstverfer- 
tigte Haiidnrbeiten schenkte. Ich besitze eine ganze Reihe viel be- 
wunderter K issen und Decken und kostbarer Stickereien, die mir 
von daukbart^n Tranjsvestiten verehrt worden sind. Neben den weib- 
lichen Handarbeiten wird auch die wirtschaftliche Haus- 
arbeit nach Frauenart nicht vernachlässigt. „Meine ganzen 
Nebenneigimgen sind weiblich" — bemerkt in eharakteristiseher 
Weise ein als Schriftsteller tätiger Transvestit — , Jeh habe Lust 
zu allen Arbeiten, die zur Domäne der Frau gehören, und zwar steht 
mir diese Arbeit vollständig zu Gesicht; meine Frau bestätigt es 
mir täglich und kommt es auch in unserem Haushalt deutlich zum 
Ausdruck, indem ich mich in der Küche und Wirtschaft von meiner 
Beruf müdigkeit erhole und mich ablenke." 

Es ist hiernach gewiß begreiflich, daß viele Transvestiten am 
liebsten ganz in einem weiblichen Beruf wirken möchten, und man- 



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HL Kapitel: Der TumavesUUsmua 



165 



csliem gelingt es auch tatsäclilinh, diesen Wuuscli zu verwirklichen, 
üm hier einige Beispiele aiizuiuiiren, sf) kenne ich eine Transvestitin, 
die Mit langem als Briefträger tätig ist, ohne daß jemand — auch 
sieht ihre vorgesetzte B^örde — ihrwahres Gesehlecht ahnt, eine 
andere» die seit 10 Jahren in einer Fabrik als Packer arbeitet. Vor 
einigen Jahren wurde mir ein ausländisches Mädchen in Frauen- 
kleidem zugeführt, die an der deutsch-franzcisisflien Grenze durch 
Entlarvung ihres Geschlechts in Spionengefahr geraten war. Sie 
■war jahrelang in England herrschaftlicher Chauffeur grewesen. Noch 
viele ähnliche Beispiele könnte ich aus eipeuor Erfahrung anführen. 
Vou den Fräueu, die aus transvestitischen Neigungen Uniform an- 
xogeu, ist mir immer als einer der bemerkenswertesten Fälle jener 
«rsehienen» fiher den die Berlinische Zeitung von „Staats* nnd ge- 
lehrten Sachen" ans dem Jahre 1746 wie folgt berichtet: „Ein Pfeifer 
v<m dem hier in Garnison liegenden Gräflidi Haakschen Begimente» 
der beide Rchlesi^^clie Feldzüg-e mitgemacht, T\'ard uncnvartet von 
einem Sühn enthnnden. Natürlich war der Pfeifer ein Wcihshild, 
nnd der Vater des Kindes war ein Tambour von selbiger Kompagnie, 
wobei jener diente. Der Vater ward Begimentstambour, und bei der 
Taufe seines Sohnes befanden sich die vornehmsten Personen des 
Hofes und andere angesehene nndl bemittelte Lente, welche die Seohs- 
wöchnerin so reichlieh beschenkten, daß sie in den Besitss von 
mehreren Hundert Thalem Iram/' Der geschichtliche Schriftsteller 
König bestätigt u. a. „das wundersame Faktum*' nnd fügt hinzu, 
„daß der Pfeifer nicht bloß von einem Sohne, sondern auch vom 
Dienst entbunden wurde, sowie daß Trommler und Pfeifer nachher 
eiue gute Ehe geführet". V^on den Fällen, die in diesem Weltkrieg 
zu meiner Kenntnis gelangten, hat sich mir besonders der folgende 
eingeprägt: Im Beginn des zweiten Kriegsjahres suchten mich zwei 
Oeschwister auf, einfacher Lente Kind ans einer kleinen märkiaehen 
Stadt. Der Bruder, 21 Jahre alt^ war 6eit 9 Monaten Soldat Er 
war bei Tannenberg durch einen Bauchschuß schwer verwundet und 
seither bis zu seiner Heilung nahezu ein halbes Jahr im Lazarett. 
Jetzt befand er sich auf Heimatsurlaub, um in wenigen Tagen zu 
seinem ErsatzhatailloTi zurückzukehren. Aus seineu Mitteilungen 
ergab sich, daß er ausgesprochener Tranisvestit war, der sich in der 
Uniform höchst beengt fühlte imd vor der Kaserne — weniget vor 
d^ Dienst im Felde — den größten Abscheu hatte. Die Schwaster, 
die mich mit ihmt zusammen aufsuchte, war ein Jahr jünger als er 
und sah ihm ftoppant ähnlich. Die Ähnlichkeit der Gesichter wurde 
noch dadurch erhöht, daß beide ein wenig schielten. In der Körpwr- 
große und -breite glichen sie sich völlig. Während der Unterredung 
ergab sich alsbald, daß die Schwester eigentlich der 
Bruder und der Bruder die Sc h weiter war, mit anderen 
Worten, daß die Person, welche in Frauenkleidern vor mir stand. 



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10^ DI. Xai^l: Der Tnnmslitiamus 



in Wirkliclikeit der verwundete mid beurlaubte Soldat war, während 

in der Uniform die Schwester steckte. Sie hatten den Entschluß ge- 
faßt, daß an Stelle des Bruders sich die Schwester zum Truppenteil 
begeben und statt seiner Dien«f iiin sollte. Die Neigungen des Mäd- 
chens waren ebenso viril, wie die des Bruders feminin; wie sie sagte, 
wäre sie „für ihr Leben gern" Soldat geworden und fühle sich im 
Waffenrock heimischer wie in ihren Weiberröcken. Der Grund, der 
sie za mir führte, t^ar eine Aussprache darüber,, ob ein Anstanacb, 
wie sie Ihn beabsichtigten, wohl dmchführbar sei. Meine Auakonft 
lautete^ daß ieh im dentschen Heere eineG esohlechtsyerheim- 
liohnng für ausgeschloeeen halte, ich schlug daher vor, es mit 
einem offenen Bekenntnis zu versuchen, docli seien die Aussichten 
mif Erfolg nur sehr gering. Wie mir die S<*hwester bald darauf mit- 
teilte, nahmen sie im letzten Augenblick „aus i-'unebt vor der mili- 
tärischen Untersucliung" von ihrem Vorhaben Abstand. Den Urlaub 
hatten sie auf traiisvestitische Weise verlebt, und erst eine Stunde 
vor Abgang des Znges in die Garnison „schweren Henens" die 
Kleider wieder getanscht Der Bmder fiel später an der Somme. 

Einen anderen Fall von sehr intensiver ünlformliebe beob- 
achtete ieh bei einer älteren adligen Dame, deren Sohn schon selbst 
Major war. Sie hatte sich nach Kriegsanabmch eine feldgraue Uni- 
form anfertigen lassen, die sie fast jeden Abend in ihrer Häuslich- 
keit trug; sie setzte sich sogar in derselben nuf die Veranda ibror 
Villa, ohne ein Gefühl dafür zu lial)en, wie wenig es dem Geiste der 
Zeit entsprach, wenn ilir vorübergehende Soldaten, die sie für einen 
Offizier hielten, militärische Ehrenbezeugungen erwiesen. Erst als 
ich ihr darlegte, daß sie sieh dnrch diese Täuschung, die sie für 
harmlos hielt, leicht eine Klage wegen groben ünfngs zuziehen 
könnte, lieB sie davon ab, sich öffentlich als OfHzier za zeigen, setzte 
aber zu Hause ihre Verwandlungskünste ganz regelmäflig fort nnd 
ließ sich auch „in Feldgrau" photographieren. 

Pie Neigrnng, sich in der ilirer Eigenart entsprechenden Tracht 
photographieren zu lassen, ist bei Transvestiten ungemein verbreitet. 
Offenbar strömen iiinen aus dem Bilde, daß ihr zweites oder eigent- 
liches Ich widerspiegelt, starke Lustgefühle entgegen. Ich habe 
eine Sanmüung, die viele Hunderte transvestitischer Aufnahmen 
umfaßt, Frauen als Männer und Männer als Frauen. Manche Trana^ 
vestiten Isssen sich gern stickend, nähend oder beim Anfertigen von 
allerlei Handarbeiten photographieren, andere sehen sich im Bilde 
gern als Dienstmädchen, snp-ar mit einem Beeen, wieder andere im 
Ballkostüm oder Brautstaat oder auch in Unterkleidung. Be- 
merkenswert ist aucli, daß viele Transvesf itf^n, länurst bevor sie übor 
sieh im klaren sind, vielfach einen Drang haben, 1^'iguren zu zeicimen 
oder zu malen, die ihrer seltsaineu Eigenart entsprechen; so ertappte 
sich einer schon als Kind immer wieder, wie er Frauen Schnurrbarte 



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Uf. Kapitel: Der Transvesütismus 



.167 



anmalte; ein anderer, wie er Männern Fraaenhüte aufklebte; einer 
acfaieibt: »lAnf dem Gymnasium vergnügte ieh mieh damit, den 
Bnaien yon Caeear nnd Oioero Ohrringe anzumalen, oder die Venus 
von Mediei mit Stehkragen, Krawatte und Monokel auszustatten." 
Von einem Transvestiten besitze ich eine ganze Anzahl eigenartiger 
Bilder, die er während seiner Schul- und Uiiiversitätszeit entworfen 
hat Er nennt sie „Zwisoheustufeu in der Kleidnng", alles D-nnen 
mit herreumäfiig, oder Herren mit damenmäßig geschnittenen 
Kleidern. 

Aus den Photographien der Transvestiten spricht das Verlangen, 
einen ganz bestimmten Beruf oder Typus des erstrebten Oesdhlechts 
darzustellen. Viele mfScbten am liebsten einer soliden Burgersfrau 
gleichen, andere einer vornehmen Aristokratin, auffallend viele 
würden gern Dienstmädchen, Köchinnen, Oonvemanten, Kammer* 
mä(k'hen einer feinen Herrin. ..Damenfriseurinnen" sein, andere die 
hochelegante Weltdame oder Halbweltdame darstellen. Ganz ahn- 
Hell erstreben auch die Transvestitinnen alle möglichen männlichen 
Berufe. Im Weltkriege waren viele sehr beglückt, sich in Mannes- 
stiefeln, Dienetniiitze, Uniformrock und Hose, als Schaffner, Kut- 
scher, Briefträger, Beamter ausleben zu können. 

Selbst bis zur Illusion des weiblichsten aller Berufe, des 
Mutterberufs, versteigt sich die kühne Phantasie dieser selt- 
flsmen Männer. Ein eigenes Kind zu empfangen, zu gebären, zu 
stillen, zu hegen und zu pflegen erscheint vielen als Inbegriff des 
Glückes. Da geht einer „heimlich an das unverschlossene Ktichen- 
spind, nimmt mit dem Teelöffel etwas Milch aus dem Topf und 
träufelt sie ai|f seine Brustwarzen, um sich die Illusion einer stillen- 
den Mutter vorzugaukeln". Ein anderer sagt: „Sehe ich eine Mutter 
ihr Kind säugen, so seufze ich, hiit^e ich doch uuoh solche Brüste und 
könnte Milch abgeben'*, und mit mhrondpr Innigkeit und Lebendig- 
keit schildert ein Dritter die glücklichen Stunden, in denen er das 
Kind seiner Wirtin al)\\ artet, das ,, liebe kleine Wesen" säubert, an- 
und auskleidet, mit ihm auf dem Arm hm- und hersreht. 

« 

Mehr aber noch wie im wachen Taptraum gewinnt im Schlaf 
der Gedanke an Mutterglück, Empi unguis, Schwangerschaft und 
Geburt, Kindbett nnd Milchgebung Gestalt und Leben. Träume 
spielen bekanntlich bei allen sexuell Zwiespältigen eine groBe Bolle. 
Der Oeschleehtssatte schlummert meist üef und traundos; nicht so 
der sexuell Unbefriedigte, sein Schlaf ist unruhig. Viele, deren Sehn- 
süchte an harten Lebenswirklichkeiten scheitern, erleben so wenig- 
stens im L^d der Träume selige Zeiten der Erfüllung. „Eigent- 
lich glücklich fühle ich mich nur im Traume", schreibt ein Trans- 
vestit und schildert dann seine Traumerlebnisse, wie er jrutor Hoff- 
nung ist, wie die „Mutterwehen'' kommen, das Kind geboren wird, 
wie beglückt er es dem Vater entgegenstreckt, es stillt und neben 



163 III. Kapitel: Der Transvest itismus 

eich legt, nm damii beim Aufwocbeia den Plate leer zu findeR» ent- 
täuscht, aber doch snfrieden, daß ihm die holden Tranmsebilde das 
zarte M ysterinm in so greifbare Nähe gserückt hatten. 

Bs gibt sogar, wenn auch wohl sehr vereinzelte Transvestiten, 

die so sehr von dem Sohwangerschafts drang beherrscht 
werden, daß sjp '^icli don Leib so ansstaffieren, als ()1> sif^ in nnderea 
T' Ttiständon w;iron. Ich besitze Aufzeichnungen eines 25jährigen. 
Li lirers, (ler an dieser seltsamen Anomalie in hohem Grade litt. Ich 
gebe einige wenige Stellen ans seinen Bekenntnissen wieder: 

Ich bin äußerlich Maxin 1 iimerlicit, im Gedanken, m Empfindungen, in meinem 
mnzen Wesen bin kh W«abl Warum? ^ Ich weiB es niditl 1A weiB nur: daB es 
immer so warl Da kam ein Tap, da fnhltc ich: Ich will ein Kind habenl 
Das Gefühl war schön! Ich kann jetzt nicht weiter schreiben, ich weine z\i sehr. 
Das Gefühl kam an einem Abend, als ich an Influenza im Bette lag. Die Empfindung 
begann an meinem männlichen Gliede und dann war es nur noch ein Gefühl im 
Herzen: Ich will ein Kind habenl Ich will ein Kind habenl! 

Ich habe an jenem Al)ende fürchleriich geneint — und meine Angehöngeu 
glaubten, ich weine wegen meinem Kopfweh. ... Damals war ich 11 oder 12 Jahrp 
all Genau weiß ich's nicht mehr. 

Als ich dieses GefOhl zum ersten Male vorsnürtc. kannte ich noch keine «Inanie. 
. Bald aber nacliher lernte ich sie kennen, denn jedesmal, wenn wieder die Sehnsucht 
naeh einem Knde in mir aufstieg, reizte es tnicfa, die Faust zwisclien die Beine zu 
drücken, das Glied wurde dann erregt und die verschiedenarügen Manipulationen 
darnn füliiten mich ?ur Onanie. Abur jahrelang, wohl bis zu meinem 18. Lebensiabre, 
wußte ich nicht, daß man das Onanie nannte. 

Die Sehnsucht nach etnem Kinde stellte sich immer Öfter ein, und so Icam ich 
dann auch oft aum onanieren. In der ersten Z^t geschah das wöchentlich oder zwei- 
wüchentlich einmal, aber mit 13 Jahren oder wenig später, fast täglich oder jeden 
2L bis 3. Tag. Dabei blieb es, mit wenig Unterbrechungen bis heute, da ich dies 
niederschreibe. "i 

Schon kurz nach dem ersten Verspüren meiner seltsamen Veranlagvn.', liber 
die ich natürlich wenig n a c 1 1 r1 a c h t e und u a r nicht im klaren 
war, kam das Verlangen nach Schwangerschaft. Ich ^eiß nicht, wie, 
das G«fOhl war plötzlich da. Noch weniger weiB ich, was mich auf folgenden Ge- 
danken braclite: Eines Mittags, als Eltern und Geschwister aus dem Hause waren, 
zojj: ich mich ans, band um meinen Leib Strümpfe. I.apiion, Sofa- 
kissen, legte darüber den Sonntagsunterrock meiner Mutter, 
und so stellte ich mich vor den Spiegel, betrachtete mich als 
schwangere Frau (den \u>druck „schwang er"* kannte ich damals natürlich 
nicht) und empfand das wonnigste GcfOhl. Dies lial-r ich seither viele 
hundertmal w^iederholt- Von diesen meinen Handlungen wußte niemand, ich hütete 
mich auch, etwas zu sagen, denn ich hAtte nichts als eine Tracht PrOgel erreicht 
Das wußte ich aus folgendem Vorfalle: im Alter von etwa 0 Jahren hatte ich meinen 
kleineren Geschwistern und anderen Kindern gesagt, daß Frauen mit dicken Bäuchen 
Kinder bekämen (diese Wahrheit hatte ich vorher aus anderer Knaben Mund ver- 
nommen). Das erzählten nachher meine Schwesterchen zu Hause sehr naiv, und ich 
erhielt für das „Lügen" mit einem Lt derrienien Prügel. Also ich schwieg, und 80 
fraß sich diese imglückliche Veranlagung, zu der niemand mich führte, in 
midi hinein, daB es kein Entweichen mehr gab, als ich sp&t, leider sehr spät, axh zu 
spftt, <tt>er meinen Zustand aufgddftrt wurde. 

Dieser Fall von Schwangerschaftstranfivestitismna zeigt nna 
wieder recht deutlich den Übergang vom androgynen zam 



Üigilizeci by LiOOgle 



III. Kapitel; Der Tninsvesüüsmus 



169 



trausvcstitischen Drang. Das Weibgefühl ist so stark, daß 
alle möglichen femininen Sensationen ins Unter- und Oberbewuöt- 
seiii dringen, ob dnreh antosuggestive oder mimittelbare inmersekre- 
torische Bednflnssnnff bleibe dabingestellt: alles» was im Kdrper-- 
liclieii an den Mann erinnert, wird nnangr^ebm wabrgenonnnen; 
alles, aber anch alles, was an das Weib gemahnt, wird begehrt; wie 
oft habe ieh von Transvestiten die Frage gehört: „Gibt es denn kein 
Mittpl, womit ieh den Bart wegbringen kann?" oder: „Was kann ich 
gegren meine tiefe Stimme tünl"; kommen Transvestiten zusammen, 
80 bewundern sie untereinander ihre schmale Taille, die starken 
Hüften, das volle, lange und weiche Haupthaar, die kleinen Fiiße. 
Von einer trausvestitischen Dame hörte ich erst dieser Tage; ,Jst 
Ihnen nicht ein Bart^^nichÄmittel für Frauen bekannt^' Von den 
Bmstyergrofienmgsapparaten war bereits oben die Bede. 

Eng verknüpft mit dem allgemeinen ist der Namenstrans- 
yestitismns. Es liegt ja nahe, dafi eine Person, die sieh ein 
weibliehes Ansehen gibt und als Fran arbeitet, den Wunsch hat, 
statt ihres männlichen Geburtsnamend, der mit ihrem Aufieren in 
aagenseheinlichßtem Widerspruch steht, einen weiblichen Vornamen 
zu führen. Die Transvestiten suchen dieses Verlangen gewöhnlich 
auf praktische Gründe» /nriickzn führen; der Isnmo auf ihren Aus- 
weispapieren enthülle ihr verhülltes Gteschlecht und bringe sie fort- 
gesetzt in sch\vieri|»:c Lapren. In Wirklichkeit ist aber dieser Um- 
stand nicht der hauptsächlich maßgebende, vielmehr tritt auch hier 
wieder der Drang zutage, dem inneren Weibgefühl Ausdruck 
zn geben. Fast alle Transvestiten, auch diejenigen, die ihre 
Neiguigen nnr in Vorstellungen, nicht durch tatsächliche Ausfüh- 
rungen bekunden, unterschreiben ihre Briefe mit weibliehen Vor- 
namen oder lassen sich mit solchen von Personen, die ihnen nahe- 
stehen, belegen. So nennt sich Otto Ottilie, Emil Emilie, Georg' 
Georg-ette; ebenso verfnhrcn die Transvestitinnen mit den männ- 
lichen Namen; aus Frida wird Fritz, aus Wally Willy, ans Louise 
Louis. Ein Doktor meiner Kasuistik, namens Carl P., beschwerte 
sich bitter, daß seine Frau ihn nicht Clara nennen will, während 
doch seine Mutter ihm seine Bitte erfülle und auch ihre Briefe au 
ihn 80 überschreibe. Anch an dem Vatersnamen nehmen manche 
Änderungen vor, die der Weiblichkeit an sich oder der Freude daran 
Ansdnu^ verleihen, so benennt sich ein Emst Erna Farthon (von 
parthenos Jungfrau), ein anderer unterschreibt Martha Glücks (wohl 
abgekürzt von Glückskind), ein dritter hat das Pseudonym „Frau- 
mann" gewählt; die polnischen und russischen Trans vestit'm ver- 
wandeln die männlichen Sehiußbuchstaben ihres Namens in weib- 
liche. 

Es entbehrt nicht einer gewissen Berechtiprnnfr, wenn Otto Wei- 
ninger in „Geschlecht und Charakter'' bemerkt; „Es iiut einen 



I 



ni. Kapitel: Der Transvesütismus 



tieferen Grund als man glaubt, warum die ßchnftstellemden Franca 
Bo oft einen Männemamem annehmen; sie fühlen sieh eben beinah als 
Mann, nnd bei Personen wie George Sand entspricht dies völlig: 
ihrer Neigong zn männlicher Kleidung und männlicher Beschäf- 
tigimg." Das Motiv zur Wahl eines männlichen Pseudonyms muß in 
dem Gefühl liegen, daß nur ein solches der eigenen Nntnr korrespon- 
dieri Unrichtig wäre es aher, wollte man annehmen, daß stets der 
Namensverkleidung auch ein sonstiger Transvestitismus entspräche, 
wennschon gerade von George Sand bekannt ist, daß sie fast stets 
Mäunerkleidung, aucli als sie liing^^t nicht mehr die Freundin Mussets 
und Chopins war, sondern Madame Dudevant liieß nnd Mntter arweier 
Kinder war. Man kommt der Wahrheit am nfiohsten, wenn man sagt^ 
daß fast alle Kleidnngstransvestiten anob Namens- 
transvee^iten sind» keineswegs aber alle Namenstransyestiten 
ancb Kleidnngstransviestiten. . 

Seltener als hei Schriftstellemden Frauen männliche, findet man 
hei Männern weibliche FSendönymie; doch kommen auch sie vor. 
Als Beispiel wären zu nennen der im Dczornbcr 1905 verstorben© 
englische Schriftsteller William Sharp, der nntpr di m Pseudonym 
Fiona Macleod gedankenvolle Schöpfungen verulfentiicht hat. Erat 
nach seinem Tode wurde seine Identität mit der bekannten „kel- 
tischen Natursängerin" bekannt, bei Lebzeiten hütete er sein Ge- 
heimnis sorgsamst und betonte in Gesprächen hänfig» dafi die Werke 
der in ihrer Persönlichkeit nnbekannten Fiona Macleod sicherlieh 
nur Ton einer Frau geschrieben sein könnten* 

Im Beginn des 19. Jahrhunderts (letste A^usgabe Paris 1834) 
erschienen in aehn- Banden die Erinnerungen einer Maiquise von 
Ordqujr, die eine Fülle von rührenden, galanten und pikanten Anek- 
doten aus der Zeit des alten Regime enthielten, so dafi sie besonders 
von älteren Leuten in wehmütiger Erinnerung an ihre Jugend mit 
größtem Enthusiasmus verschlungen 'vrurdeu. Die Marqni'^f' von 
Crequy, welche sich in diesen Erinnerungen in die Kolle einer 
Sehloßherrin versetzte, der alias, was nach 1789 geschah, tiefste 
Antipathie einflößte, war niemand anders, als ein Herr von Cour- 
champs. Er hatte sich in Wirklichkeit vollkommen mit der Person 
der Maxquise identifiziert. Als ihn einst sein Verleger besuchte» 
fand er ihn im Bett liegend, den Kopf von einem feinen Spitzentneh 
umhüllt. „Entschuldigen Sie mich,*' sagte Herr Ton Courebamps 
mit leidender Stimme, „ich habe hente meine V a p e n r s !" (= PeriodeK 
Er schrieb seine Memoiren in einer Art Boudoir mitten unter 
Spiegeln, Fächern, Schminkbüchsen, Nippes und angefangenen 
Stickereien. Nur eine kleine Probe seiner Schreibweise sei an- 
geführt. Die Marquise erzählt, wie sie vom Hochzeitsfeste des Dau- 
phin, das einen so tragischen Ahschluß fand, heimkehrte; wie durch 
ein Wunder gerettet, war sie gezwungen, allein nach Hause zu gehen. 



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IIL Kapitel: Der Transvestilismus 



171 



,,Es war das erstemal, daB ich meine Hand anf den Klopfer meiner 
Hintertür legte, nnd ich wußte gar nicht, wie ich das anfangen 
sollte. Aeh, mein Gott; was sind wir Damen, wenn wir ohne Lakaien 



Wirtschaftlich und gesellschaftlich unabhän^^itirp Transvestiten 
finden meist Mittel und Wege, um über die Schwierigkeiten hinweg- 
zukommen, die ihnen aus dem Mißverhältnis zwischen Tracht und 
Namen erwachsen. Einige legen sich auch wohl eiu^n neutralen 
Namen bei, wie Toni (gleichzeitig eine Abkürzung von Anton und 
Antonie) oder Gert (Abkttrzong yon Gertrud nnd Gerhard); 
andere setzen es dnreh, daß anf ihren Ausweispapieren der Vorname 
nur mit dem Anfangshaohstaben verzeichnet ist. Vielfach aber 
stoßen ira Berufsleben stehende Transvestiten in dieser Hinsicht auf 
so große Schwierigkeiten, daß sie sich lediglich aus diesem Grunde 
gezwungen sehen, von der TJmkleidung Abstand zu nehmen. So 
kannte ich in Berlin eine Hedwig W., die in Berlin, zwei Jahre als 
Mann lebte, während welcher Zeit sie sich Herbert W. nannte. Da 
aber auf ihren Papieren Hedwig stand, war es ihr unmöglich neue 
Stellung SU finden; diejenigen, die einen Herren engagieren wollten, 
nahmen an ihrem Namen, die, welche eine Dame wünschten, an 
ihrer Kleidung Anstoß. Infolgedessen ließ sie sich nach zwei Jahren 
wieder die Haare lang wiachsen und legte weibliche Kleider an. Bei 
dieser Sachlage ist es wolil begreiflich, daß manche Transvestiten 
einen langen und erbitterten Kainpf um ihren Namen führen. 

Viele Transvestiten allerdinp^s geben sich nicht erst die Mühe, 
sich einen ihrer äußeren Erscheinung und inneren Empfindung ent- 
sprechenden Namen zu erkämpfen, sondern legen sich diesen nach 
eigenem Ermessen bei. Bei manchen, keineswegs bei allen, kommt 
es dann wohl vor, daß eines Tages das meist ängstlich behütete Ge- 
heimnis offenbar wird und eine Strafverfolgung wegen iHUurong 
eines falschen Namens oder Falschmeldung eintritt. 

Daß es aber vielen männlichen und weiblichen Transvestiten 
gelingt, ihre angenommene Rolle zeitlebens unbehelligt durchzu- 
führen, beweisen die nicht vereinzelten Fälle, in denen zum Teil 
unter höchst eigm Mit igen Umständen^) die Geschlechtsentdeokung 
erst nach dem Tode erfolgte. 

Die zutreffendste Lösung der, wie ich in meinen ,, Transvestiten" 
zeigte, in den verschiedensten Ländern sehr verschieden behandelten 
Präge, ob die Geschlechtsvortäuschung an und für sich etwas S^j^af- 
bares ist, scheint mir die zu sein, daß man die Erlaubnis, die Tracht 
des anderen Geschlechts öffentlich anlegen zu dürfen, von einem 
. Gesuch abhängig macht, das die Personen, welche dies wünschen, 



Vgl. das Kapitel „Geschlecbtseatdeckuoff nach dem Tode" in den Tian»- 

vestiten, S. 401 u. ff. 



gehn! 




172 



m. Kapitel: Der Tnumstittsmus 



der Poliaei einznieioheii haben» ahnlidli wie es einePolizeiverordiiiiDer 
ans der Zeit der franzSeisofaen Bevolution vorschreibt. Das Au- 
enehen müßte die Gründe enthalten, auf die sich die Forderungr 
stützt; in den meisten Fällen wird sich die Beifügnn?? einos ärzt- 
lichen Attestes und einer Photographie in männlicher und 
weiblielipr Kleidung empfehlen. Im Prinzip müßte die Erlnnh- 
nis erteilt werden, mit dem Vorbehalt^ daß sie zuriiekprezogen wird, 
wenn die betreffenden Personen durch die Verkleidung die öffent- 
liche Ordnung stören oder in ihr strafbare Handlungen begehen 
sollten. Für den Notfall dürfte, namentlich anf Belsen, die polizei- 
lich beglaubigte BeBeheinignng eines Arztes genügen, daB bei dem 
Betreffenden ein Fall von seelischem Zwittertom vorliegt, der im 
Interesse seiner Gestmdheit erfordert, daß er eine seinem Geschlecht 
nicht enfaprechende Klcidunar trägt. Es ist jedenfalls sehr ratsam, 
Auf5wei8papiere dieser Art bei sich zu führen, weil ein Transvestit 
bei der mangelnden Kenntnis dieser Erscheinung sonst leicht in Ver- 
dacht unlauterer Absichten, namentlich in Spionageverdacht 
• kommen kann. Dicvse Fälle sind besonders im Kriege nicht selten 
vorgekommen; so wurde in Österreich ein Mann in Frauenkleidem 
erschossen, weil er auf Anruf eines Postens fortlief, ans Angst, es 
könnte sein G^esehleebtsgeheimnis offenbar werden. 

Nicht sowohl die Furcht vor der gesetzlichen Bestrafung, als 
vor gesellsohaftlicher Ächtung nnd Mi£k<nmnng ihrer Neigung, ver- 
anlaßt viele Transvestiten, sich hinsichtlich ihrer Triebbetätignng 
die größte Zurückhaltung anf zoerlegen. Viele kleiden sieh nnr 
ganz heimlich hinter verschlossenen Türen nm oder gehen nur in 
I finsteren Nächten ein wenig in Frauenkleidem spazieren oder be- 
nutzen nur den Sonntag", daheim das Leben eines "Weibes zu führen. 
Andere begnügen sich mit Snrrog^aten, unt-er denen wohl das Tragen 
weihlicher Unterkleidung unter der mäjmlicheu Tracht das ver- 
breUetste ist. So schreibt ein Transvestit: „Obwohl tagsüber ge- 
zwungen als Mann zu erscheinen, trage ich doch unter dieser Klei« 
dung vollständige Damenunterwäsche, Korsett, durchbrochene 
Strumpfe nnd was sonst noch einer Fran zukommt, selbst ein Arm- 
band und Franenlackstief eletten mit zierlichen, hohen Haeken. Wenn 
es Abend wird, atme ich erleichtert auf, denn dann fällt die lästige 
Maske und ich fühle mich ganz Weib. Eingehüllt in einschmiegsamea 
Hauskleid von eleganter Ausstattung und rauschenden Seidenunter- 
röcken bin ich befähig-t, erst recht meinen T^iebhabereien, darunter 
die Erforschung' der IVähistorie, meinem ernsten Studium oder mit 
Routine Geschäften nachzugehen. Ein Gefühl der Kuhe umfängt 
mich, das mir bei Tag in männlicher Kleidung unmöglich ist.'* Ganz 
besonders befremdlich wirkt es immer, wenn ein Soldat in schnei- 
diger Uniform sieh beim Spezialarzt entldeidet und plötslich in 
\ Korsett, Spitzenhemde, Höschen und langen, weibliehen Strumpfen 



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III. Kapitel: Oer TransvesUUsmus 



173 



dastelit, niclit minder eigeuuriig, \vi;iui eine elegautc Daine die 
Hüllen fallen läßt und sich in männlichen UnterbeinMeidern, mit 
Hosenträgern, In Socken nnd grobem Männerhemde präsentiert 
Auch hier bandelt es sich tun Transvestiten, und zwar um eine Form, 

die man als partiellen Transvestitismus beaseichnen kann. Sie 
ist noch häufiger wie der komplette Transvestitifiinns» wobei zu 
bf'rnorlcpn ist, daß sich nicht etwa immer nur um einen Not- 
behelf handelt, ^•iolmohr gibt es eine ganze Anzahl, für die die 
„pars pro toto ausreicht", um dem inneren Weibgefübl Ansdriiok zu 
gebuu. I)uÜ eb sicii iiier nicht etwa nur lun Fetischismus haiidelt, 
geht daraus hervor, daß nicht von anderen Personen getragene 
Kleidungsstücke als gesohlechtsreizend bevorzugt werden, sondern 
neu angeschaffte» friscbe, die mit der Vorstellung eigener 
Weibliebkeit den starken Beiz ausüben. 

Für den Sachkenner sind die Kleider eben kein zufälliges Äußer- 
liches, kein lebloses, stummes Q-ewebe, sondern ein Symbol, sie 
führen eine horedtc Sprache, aus der man mindesten« ebensogut, wie 
aus der Handschrift, Rückschlüsse auf die Denk- und Gefiihlswoise, 
den Cliarakter und die Lebensrichtung einer Person ziehen kann 
(Estbetognomik von griech. ia^^^Q-^iog = Kleidung). 

Ein geistvoller Transvestit schriel» mir einmal: „Bei uns ist das 
Wort yVerkleidung* nicht recht am Platze. Denn wenn ich meiner 
innerlichen Empfindung Ausdruck gebe» verkleide ich micb 
nicht, sondern ich entkleide mich eher, weil ich mich so zeige, wie 
ich bin. "Wir hören doch von allen Transvestiten, welche Sehnsucht 
sie danach haben, sich so zn kleiden, wie sie wirklich fühlen; auf der 
Bühne und auf Karnevalsfesten können sie sich wenigrstens offen 
zeigen und haben , Zweck';"' weiter äußert er sich: „Es kommt beim 
Transvestitismus nicht nur auf die Anlegung der vollständigen 
Kleidung des entgegengesetzten Geschlechts an: er kommt auch 
partiell vor. Z. B* bei Frauen, die kurze Haare tragen oder auch 
bei Frauen mit Spazierstöcken; der Stock ist männlich» versinnbild- 
licht den Phallus, Stock und Szepter sind Zeichen der Gerichtsbar- 
keit, der Herrschaft und Potenz. „In das Gebiet des partiellen Trans- 
vestitisnnis," fährt dieser Sachkenner fort, „rechne ich auch Franen 
und Männer mit Stiefeln, die nn die Form der des entgegengesetzten 
Geschlechts erinnern; bei Männern Armbänder, Parfüms und 
Bchlanke, durch Korsetts eingeengte Taillen, breite und bequeme 
Taillen bei Frauen; Herrenfassonfl und -Stoffe bei Damenkleidem 
und ^Paletots und vieles andere mehr." 

Die Angaben dieses Transvestiten decken sich durchaus mit 
meinen eigenen Beobachtongeu. Allerdings kann man mit seinen 
Schlüssen auf Virilismus und Feminismus nicht vorsichtig genug 
sein; ein einzelner Geprenstand, wie ein Stock, kann beispie1pwei«:e 
sehr wohl von einer Dame aus rein praktischen Gründen getragen 



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]^74 ^ &Uiitel: Der TransvesUUsmus 



werden; auch ein irereinaeltes Kleidnngestück, etwa eine lose 
Eünstlenehlelfe oder eine Samtjoppe bei einem Herrn, wird nieht 
▼lel (wenn auch immerhin etwas) zu besagen haben; erst w( nn die 
Beetandteile der entgegengesetzten Gcschlechtstracht sich häufen 
und es feststeht, daß die Wahl anssch ließlieh durch innere 
Neigung bestimmt ist. dürften Eiickscblüsse zulässig sein. Ich 
will dii' wesentlichsien Kleidungsstücke aufzählen, die in dieser 
Sichtung verwertbar sind. Bei Frauen verraten eine männlichere 
Geschlechtsentwicklung unter andern: steife Hüte in glatten Formen 
mit schliehterBandgarnitoT, kurzgeschoittene^ glattanliegende Haare 
CFitnekopf, Pagenkopf), männliche Geaichtapflege, Vorliebe für nieht 
durch Sehetßrungen bedingte Augengläser — in Berlin konnte mau 
8(^ar gelegentlich „energieehe" Frauen mit Monokel sehen — , Steh- 
kragen, Stebumlecrekragen, Herrenkrawatte, Selbstbinder, Hemd- 
bluse mit Mansehetten und Manschettenknöpfen, unverzierte Unter- 
wäsche, Pyjamas statt Morgenröcke, kurze, derbe Strümpfe in ein- 
fachen Farben, feste Stiefel, Sportschulie mit breiten, niedrigen Ab- 
satzen, Oberkleidung in glatter, gediegener (englischer) Form, 
Kittelkleider, Bef ormkleider ohne Korsetts» weite, lange Mäntel mit 
bequemen Taeohen aus schweren Stoffen in solider Maehart, Ab- 
neigung gegen Handschuhe, wenig Schmnck nnd diesen in mehr 
männlichen Formen, wie männliche Armbanduhren: mit Lederband, 
feste, leinene GebrauchstascheDtüclier; in der Tasche viriler Frauen 
finden sich meifit Taschenmeeser, Feuerzeug, . Visitenkarten, großes 
Portemonnaie. 

Der genaue Gegensatz von jedem dieser Stücke läßt bei einem 
Manne einen gewissen Sehlnfi auf feminine Einechläge zu. Es sind 
dies in ungefähr derselben Beihenfolge: weiche breitrandige Hüte 
mit breiten, farbigen Bändern, darunter gewelltee, gebranntes ^aar 
oder lose Frisur, künstliche Gesichtspflege, Vorliebe für weiche Um- 
legekragen (Schillerkragen), überhaupt für freien Hals, leicht ge- 
bundene Schleifen, farbige, womö^rlioli seidene T^nterwäsche, lange, 
bunte, durchbrochene Damenstninipfe (Florstrürapfe), bunte 
Strumptbänder, halbe oder Einsatzschulie mit Schleifen und hohen 
Absätzen, oder nioderubte Luxusstiet'el, elegante Handschuhe, auf 
Taillen gearbeitete Bocke mit „Quetschfalten'S weite, wollene Pale- 
tots mit Fältehen nnd Verzienmgen, schleppende Morgenröcke (ein 
parüeller Transveetit meiner Kasuistik begnügte sieh damit, eine 
lange GonrsohlepiM nm seine Hüften zu legen), auffallender Schmuck 
an den Fingern, um den Arm, im Schlips (broschenartig) oder an 
exzentrischen Stellen, zierliche Spitzentaschentücher ans Battist und 
Seide; in der Tasche: ein Puderdöschen, Parfümfläechohen und 
Taschenspiegel. 

Geht man auch schwerlich fehl, wenn man bei solcher Tracht 
bei Frauen eine virile, bei Männern eine feminine Komponente in 



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175 



mehr oder minder erheblichem Grade annimmt, die den Trägern 
eelbat freilieh oft nicht hewnßt ist, m lehrt aUerdings die Srfahninir» 
da£ ein echter, kompletter Transyestit von eotehen „Halbheiten** 
IkiehtB wiBsen -wiU. Erscheint der männliche oder weibliche Trane- 

vestit in der Tracht seines eigenen Geschlechts, so macht er gewöhn- 
iich einen vernachlässigten, fast liederlichen Eindruck, während er 
in trnnfivestitiBciiem Gewand höchst sorgsam zorechtgemacht daher- 
kommt. 

Wer sich tif^r( r mil dem PTohlom dos Transvcstitismus be- 
schäftigt und viele Traoövehtiten persönlich kennen zu lernen Ge- 
legenheit hat, erstaunt immer wieder über die grroße Extensität 
und Intensität dieser zunächst so seltsam anmutenden Erschei- 
nung. Eb liegt hier ganz ahnlich wie bei der Homosezaaliiät, wo 
man anfangs anch glaubte,^ «ine Tcrhiltnismäßig seltene und ober- 
flächliche Anomalie vor sich zu haben, bis man mit wa«ihsender Ter- 
wnndemng ihre außerordentlich große Verbreitung und Stärke ge- 
wahr wurde* 

Bei manch«i TraaSTestiten ist zwar der -Umkleldungstrieb nur 
schwach und besteht mehr in der Phantasie, bei anderen aber ist er 
ganz ungemein heftig. Von der Stärke des Drangs hängt 7Aim guten 
Teil seine Bohcrrschbarkeit ab. Ganz sicher wird von vielen die 
dauernde oder nehr lange Unterdrückung des weiblichen Pro- 
jektionstriebs schwer vertragen, sie wirkt bedrückend und schließ- 
lich lähmend auf die Schaffensfreudigkeit und Leistungsfähigkeit, 
erzeugt oft eine große, innere Unruhe mit Unlustempfindungen, 
unter denen Angstzustände und eine tiefe seelische Depression obenan 
stehen. Beide Affekte können sich bis zu Selbstmordgedanken 
steigern. „Ein solches Scheinleben hat doch keinen Wert'S oder 
„man ist der ewigen Verstellung überdrüssig", solche und ähnliche 
Äußerungen bekommt man dann oft zu hören. Tatsächlich hat 
mancher Transvestit auch selbst in solcher Stimmune: s«in Leben 
von sich geworfen, oder es \ enigstens versucht. So wurde vor 
einigen Jahren in l^ rlin ;ius dem Landwrhrkanal ein Mann in 
Frauenkleidern hcraubgezugen, dessen Identität niemals festgestellt 
werden konnte. Der Tote, ein kräftiger Mann mit kleinem blonden 
Schnurrbart, der anscheinend in der Mitte der Dreißiger stand» war 
Tallständig wie eine Dame gekleidet In Dortmund verübte im 
Jahre 1903 ein junger Mann in einem Hotel SelbstmonK der am Tage 
zuvor zugereist war. Es war ein 32jähriger Arbeiter aus der Gegend 
von Köslin in Pommern. Als man sein Zimmer gewaltsam öffnete, 
fand man ihn auf seinem Bette hingestreckt mit weißem Braut- 
kleid und Schleier angetan, auf dem Haupte einen Myrten- 
kranz. Er hatte sich in das Herz geschossen. Neben der Leiche lag 
ein Zettel, in dem der Lebensmüde bat, ihn im Brautstaat beerdigen 
zu lassen. Auch von dem Seiteustück zu diesen Fällen, Selbstmorde- 



III. Kapitel: Der Transvostitismus 



rinnen in Männer kl eidern, seien Beispiele angeführt: iin Jalire 
1904 wurde im Seemannsheim in Staten Island ein erkrankter 
Kapitän Tweed aufgenommen, der anf seinem stattliolien Schiff 
lange Jalire den Atlantischen Ozean gekreuzt hatte. Als sein Leiden 
znnalun, fand man ihn eines Morgens mit durchschnittener Kehle. 
Der Arzt, der die Leichenschau vornahm, eutder kte, daß Tweed eine 
Frau war. Zu seinen Lehzeiten hatte niemand an dem männlichen 
Gesehleeht dos Kapitäns gezweifelt. Unter ähnlichen Umständen ver- 
übte im Jahre 1909 in Czeriiowitz eine als Zahlkellner gebende Uran 
Selbstmord. Als OberkelhK^r in einem der ersten Restaurants der Stadt, 
war Michael Semeniuk allgemein bekannt und beliebt, kein^ war 
jemals der Gedanke gekommen, daß der bartlose, liebenswürdig& 
Hann ein Weib sein könnte. Da erkrankte er eines Ta^re» unter 
hohem Meber. Die besorgte Umgebung holte einen Anst Als dieser 
.nun aber den Patienten untersuchen wollte, stieB er auf so starken 
Widerstand, daB er, ohne eine Diagnose stellen zu können, den 
Schwerkranken verließ. Am nächsten Morgen teilte man dem Arzte 
mit, daß S('mpnink in. der Nneht verstorben sei. Bei der Leichen- 
besichtignng ergab H\<'h nun ..mit zwcifelhiser Bestimmtheit, daß 
der Kellner ein Weib gewesen war, das Mannerkleider trug". Er 
hatte sich in der Nacht, um die Entdeckung seines Geschlechts nicht 
zu überleben, vergiftet. 

Die Tathachc, daß die Kleidung auf das körperliche und seelische 
Wohlbefinden der Transvestiten von lebenswichtigster Bedeutung 
ist, führt zu der Frage, ob der Arat nieht nur berechtigt, sondern 
sogar verpflichtet ist, die ümkleidung zu gestatten, ja anzu- 
ordnen. Er wäre es nicht, wenn er ein untrügliches Mittel be^ 
säße, die transvestitische Neigung selbst zum Verschwinden zu 
bringen. Ein solches ITeilniitlel >.toh\ ilnn nber nieht zur Verfügnntr. 
Gerade der Umstand, daß alle psychischen Methoden, einschließlich 
der Hypnose und Psychoanalyse, versagen, ist ein Beweis mehr, daß 
der TransvestitismuR und wio wir gleich hinzufügen wollen der 
Metatropismus und die Homosexualität, ebenso fest in der körper- 
lichen Konstitution verankert sind wie die Androgynie und der 
Herrn aphroditifliQins. Wohl hat der Transvestit Perioden, in denen 
sein I^ang mehr zurücktritt, diese Perioden können monatelang, 
ausnahmsweise, beispielsweise in schweren l^egszeiten wohl auch 
ein Jahr oder länger anhalten, schlieBlich aber bricht die Neigung 
doch immer wieder elementar hervor und erhält sich bis in da» 
höchste Lebensalter, bei Frauen weit über die Wechseljahre 
hinaus. 

Am ehesten könnte man noch denken, diesem Vermänuliclmnors- 
und Verweiblichungsdrang beizukommen, indem man die innere 
Sekretion durch andrin- oder gynäzinhaltige Stoffe zu beeinfhissen 
sucht. Es gibt verschiedene Mittel, die in dieser Hinsicht iu Betracht 



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177 



kämmen, unter denen idi die von Bl o e h in die Praxis eingeführten 
Präparate Testogan und Thelygan in enter Beihe nennen möchte; 
de werden teils per os, teils per aniim als Zäpfchen, am beBten jedoch 
sobkntan verabreicht. Auch an operative Transplantationoi von 
männlichem Keimdriisengewebe bei transvestitiscben Männern und 
von Ovaria! pro v-elvf» ]>fi trmi«v«'s1itis<?hpn Fraiien könnte man denken, 
jedoch zeigt die praktische Erfahrung, daß das Vcrlang'en der Trans- 
vtstitcn gerade nach der entgegengesetzten Seite geht; die Männer 
wollen Eierstocksgewebe, die Frauen Hodengewebe injiziert oder im- 
plajitiert haben. Sie empfinden eben ihren Körper, nicht 
ihren Oeist als ihnen nicht adäquat. 

Auf dringendes Eiguehen von Transveetiten habe ich mich in 
einigen Fällen auch eniechlossen, ihnen weihliche Organpraparate 
einimspritzen und habe m meinem Erstaunen wahrgenommen, daß 
dadurch in der Tat bei ihnen die weiblichen Geschlechtscharaktere, 
wie die Mammae, bis zu einem gewissen Grade positiv, die männ- 
lichen, wie Bart, negativ hecinflußt wurden, wälirend die Behand- 
lung mit männlichen Prnpnrnton ^\fh als ergebnislos erwies. Ein 
abschließendes Urteil nirx htc ich aber in dieser Frage nicht abgeben, 
dazu sind die Erfahmngeii nicht ausreichend, doch emnitigen die 
bisherigen KriOlge sicherlich zu weiteren Versuchen. Von der 
Bontgentherapie — bekanntUoh «erstoren die Böntgenstrahlen teil- 
weise das Oesehleehtsdrflsengewehe — hahe ich dagegen Dauer- 
wirkimgen bisher nieht wahxgenonmiien. 

Die wichtigste Frage bleibt jedenfalls, soll der Arzt einem 
Transvestiten die zeitweise ümkleidung raten oder widerraten und 
letsterenfalls, soll er der Umgebung, vor allem der Ehefrau oder 
anderen Angehörigen, die nötigen Erklärungen geben, damit sie dem 
Transvestiten Verständnis entgegenhrific-pii oder wpiiif^stens T<eine 
Schwierigkeiten bereiten. Ich stehe nicht an, vom ärztliclieii Staud- 
punkt zu empfehlen, d^^m Tri eh zeitweise nachzugehen, 
zumal es sich ja um eine hu Grunde genommene hariiüosc Neigimg 
handelt, da durch die ümkleidung an und für sich niemandem ein 
Schaden zugefügt wird. Das schließt nicht aus, daß durch geeignete 
Maßnahmen eine Kräftigung des Zentralnervensystems herbei- 
giefOhrt wird, um die Widerstands- und Beherrschungsfähigkeit des 
•Transvestiten zu fördern. Darüber hinaus ist eine Regelung der 
ganzen Lebensführung, der Wahl und Ausübung des Berufs, der 
Erholung, unter Berücksichtigung des Transvestitismns ins Auge zu 
fassen. Schwieriger wie die Berufs- ist die Ehefr^e. Die Mehrzahl 
der mir bekannten heterosexuellen Transvestiten sind 
verheiratet. Es muß aber unbedingt gefordert werden, daß ein 
Transvestit, bevor er eine Ehe eingeht, seine Frau über sich auf- 
klärt; es kann einem Weibe nicht zugemutet werden, daß sie un- 
vorbereitet eines Tages der in ihren Augen höchst bizarren Eigen- 

Blrtclifaia, Samalpstiiailogie. U. 12 



178 ^ Ikintel; Dn Traxuveslitisiniis 

«rt ihres Mannes gegenübersteht Ich habe mich gewundert, daß 
sich manche Frauen allerdings yerhältnismaßig leieht darein ge- 
funden haben» mit ihren weiblich gekleideten Ehemännern sogar 7ai 

verreisen, oder mit ihnen abends am Familientisch zu sitzen, heidc 
Ehegatten in Franr ntraclit. Viele Frauen aber nehmen crroßen An- 
stoß an der ümkleulung des Mannes und können Bich beim besten 
Willen nicht daran pt^vs öhnen. Erst kürzlich habe ich mich wieder- 
um als Sachverständiger in einem Ebescheidungsprozeß von dieser 
nnüberwindlichen Abneigung übersengen können. Viele fOrchten 
anefa, daß der TransreBtitismns auf die Naehkommensehaft von yer- 
derblichem Einfluß sei, sich vererben könne. Eine direkte Yer- 
erbung dürfte kaum wahrscheinlich sein, mir ist auch bisher kein 
Fall bekannt g:eword('n, in dem von den l^ltern eines Transvcstiten 
Vater oder Mutter den gleichen T>rnnfr lialteu, doch hnifn iph wohl 
für möglich, daß eine so iiucbgradige Abweichung vom (leschlechts- 
typus auf die Kinder in degenerativem Sinne wirkt. Einen Beweis 
für diese mehr theoretischen Erwägungen entspringende Vermutung 
kann ieh allerdings nicht beibringen, im Gegenteil, die Kinder der 
Transvestiten, welehe ich sah, machten anf mich .einen guten nnd 
gesunden Eindruck. Doch ist das bisher zur Verfügung stehende 
Material nicht genügend» die geäußerten Befürchtungen zu 
zerstreuen. Zum minderten erfordert dio Züchtungshygiene, daß 
Transvcstiten, die sich an der Ilervorbringimg neuer Menschen be- 
teiligen, im übrigen körperlich gesunde, kräftige und auch geistig 
gut entwickelte Personen sind, die in noch höherem Maße, wie die 
Bücksioht anf die Nachkommensehaft dies ohnehin nötig macht, auf 
die Oesnndheit der Eheh&lf ten bei der Gattenwahl achtgeben. Bei 
den transTcstitischen Fronen spricht übrigens noch gegen die Ehe, 
daß sie meist sehr unruhigen Geistes, zu Abenteuern geneigt und 
an die Häuslichkeit schwer zu fesseln eind. Am besten paßt wohl 
in der Tat, wie dies ja auch den Wijn«r«hon dieser Personen ent- 
spricht, ein Transvestit zu einer m<'Jir mannlieh gearteten Frau, die ^ 
natürlich keine Transvostitin zu sein braucht, eine Transvestitiu zu 
einem weiblichen Mann, damit, um mit Schopenhauer 0 zu reden, 
„der bestinunte Grad seiner Mannheit dem bestimmten Grade ihrer 
Weiblichkeit entspricht'*; richtiger wäre es allerdings, in unserem 
Falle zu sagen: der bestimmte Grad ihrer M&nnliehkeit dem be** 
stimmten Grad seiner Weiblichkeit^ / 



*) A. S c h 0 p e n Ii a 1) <• r in „Die W(>lt als Wille und Vorslelluiii?" (Metaphysik 
der GeschlechtsUeb«), Bd. 2, Kay. 4ei, S. 62^, herausgegeben von Frauenstädt. 



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IV. KAPITEL 

Die Homosexualität 

Ableitxms der konträren Sexualität vom männlichen Feminismus und weib- 
Uctiien Virilismus — Ursprung und Bedeutung des Wortes ,4^omosezual" — Pia ton 
«1b Quelle des Beniffes Uranismus— > Das konstitutionell Wuir^elhafte und 
charakterologisch Triebhafte als Kennzeichen echter Homosexualität — 
P s e u (1 0 homQ sexuelle Akte (aus Not, Gefälligkeit und Eigennutz) — Das Wesen 
der Bisezualität — Die pubische Bisexualitätsperiode — Difierentiai- 
dia^noso zwisehoi HelenieexiiaUlftt, Homosexualitftt und Bisezualität bei Jufend- 
liehen — Liebe zu Geschwisterpaaren — Erscheinungsformen männlicher 
und weibücher Bisexiialität — Tardive und periodische HomosoLualität — 
Die negative Seite der Homosexualität — Das Ausbleiben der heterosexuellen 
Affinität — Dift.teeliseh6 Fesselung an das ffleiehe GeseUedit— Die inter- 
sexuelle Konstitution — Das Bewußtwerden der Triebinversion — 
Nerve nstörunRen durch e r z w u n e n o heterosexuelle Betätigung — Homo- 
sexuelle £hefrauen — Heiratsgrüude homosexueller M&nner und 
fraven — Brautstandtleldeii «niseher Personen Ijlysogynie und Andro- 
phobie — Das urnische Kind — Die Anhänglichkeit umischer Söhne an die 
Mutter und umischer Töchter an den Vater — Die gleichgeschlechtliche. Ge- 
bundenheit — Homosexuelle Schaler als Sexualziel heterosexueller Kameraden — 
Die Eiiffltelltmg des Sexualzentnims auf das adftquat« QesehleelitaBiel — 
Die Eifersucht der Homosexuellen — Wesensänderun? Homosexueller in 
Gesellschaft ihrer Typen — Ästhetische Objektivierung homoerotischer 
Strömungen — Das Traumleben der Homosexuellen — Disgnostisehe Yerwertung 
des Schamgefühls — Der sexuelle Treppenreflex — Fehlerhafte Emteilung 
der Homosexuellen in Aktive und Passive — Die vier Hauptformen homo- 
sexueller Betätigimg — Die manuelle, orale und f e m o r a 1 e Verkehrs! orm — 
Die Analogie zwischen weibUcbem Instrumental- und nrtnnlidiem Anal- 
verkehr — Die Anilinctio — Stereotypie der Vericehrswelas — Unterdrück- 
barkeit des konlrärsexuellen Triebes — Die Erziehung umischer Kinder — 
Bedeutung der Kinderspiele — Die Reifezeit homosexueller Knaben und 
Mädchen — Die Eintmlung homosesniener Männer und Frauen in die zwei Haupt- 
gruppen der Feminineren und Virileren — Die relative Konstanz des an- 
ziehenden Typus — Einteilung der Homosexuellen in Ephebophile und A n - 
drophiie-r- Kebengruppen der Fädophilen und Gerontophilen — Homo- 
texuaUer Fetischismus — HomoseanisUe mit stabilerem und labilerem 
Ifervensystem — Verhältnis der psychopathischen zur intersexuellen 
Konstitution — Die Homosexualität als Vorbeugungsmittel der Degene- 
fi^U^on — Die erbliche Belastung zum Uranismus — Die umische Familie — 

12* 



Üigitizeci by LiOOgle 



f 

jgQ lY. Kapitel: Die Homosexualität 



ürnisehe Geschwister — Patholoffisch« Axiatomie der Geschlecht»- 
drQMn Homosexueller — Die Unmöglichkeit, die Homosexualität auf psychischem 
Wege zu beseitigen — Dürfen Homosexuelle heiraten — Aussichten einer ope- 
rativen Behandlung — Objekte Heilungs bedurltigkeit und subjektiT«« 

Heüuags b e d a r f n i 8. 

Die im vorigen Xnpitel beliandolto tronsvestit i sehe Form 
Feminismus beansprucht nicht nur als Erscheinung für sicli, 
sondern auch infolge ihrer Beziehung^en zu den übrigen inter- 
sexuellenVarianten größte Beachtung. Es liegt nahe, undAÜe 
liflahrung bestätigt es, daß ein Mann, der eich alä Weib fühlt und 
kleidet, auch hinsichtlich seiner geBohleehtliehwi GfiBchTnaclffrriehtimg 
und Neigung nicht dem Manne von vollmännlichem Typns gleiehen 
wird. Wir sahen, daß ein betrachtlidier Teil der Transvestiten 
weibliebend iet, aber, sie lieben ein Weib, dem eine gewisse Über- 
legpTiTicit, sei es geistig oder körperlich, innewohnt. Der Mann mit 
weiblichen liebt ein Weib mit männlichen Einschlägen, und zwar 
gefällt PT sich im all£»"emeinen mehr in der passiv nmworben>en, 
als in der aktiv werbenden Rollo. Damit rrhält diese Gruppe 
den Charakter der Aggressioiisinversion, indem eines äeT 
wesentlichsten Merkmale im riienschlichen Geschlechtsleben, die vom 
Manne ausgehende Aggression, in dsnä Gegenteil umschlägt (Meta- 
tropimus). Eine »weite Gruppe von Transveetiten geht noeh tinen 
Sehritt weiter, de findet Ihne ErgSasong nieht im m&nnliftb ge- 
arteten Weibe, sondern direkt im Manne von mehr oder weniger 
ausgeprägtem Geschleehtstypns. Hier ist der Übergang von der 
heterosexuellen sorgleiehgeschleohtlieh^n Libido gegeben, allerdings 
nnr ein Übergang, denn wir wissen, daß ai^ßer den femininen 
androphilen Homosexuellen eine bot Wifhtlielie Gnippe vorkonimt. 
die, ohne selbst auffallend feminin zu &eiu, ihrerseits weiblich ge- 
artete Männer liebt. Außerdem gibt es dann noch Feminine, die zu 
Femininen, und Virile, die zu Virilen neigen. Die gleiche Stufen- 
leiter finden wir beim weiblichen Geschlecht: Das transvestitisch 
männliche Weib begehrt den femininen Mann, ist also noch hetero- 
eexnell (metatropiseh); «s folgt die Virago, welche nieht mehr den 
weibliehen Mann, sondern echte Franen b^;ehrt, mithin homoeexaell 
ist. Es schließen sieh Franen an, die» obschon selbst überwiegend 
weiblieh sind, mehr oder weniger männlidien Frauen vor Männern 
den Vorzug geben. Zwischen diesen Kategorien stehen Bisexnelle» 
die sich Typen anwenden, welche bei beiden Geschlechtern vor- 
kommen. 

So leiten «ich ans dem Feminismus beim Manne und dem Viri- 
lismus beim Weibe zwei große Gruppen abweichender Geschlechts- 
neigung ab, mit denen wir uns in den beiden folgenden Kapiteln be- 
schäftigen mnasen: das eine ist die konträre Sexualität, be- 
stehend in der sexuellen Fixierung an^das gleiche Geschlecht, daa 



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I 



IV. Kapitel: Die Homotexualität 



181 



andere ist die Fixierung des femmineii Alaunes an daß virile Weib 
und umgekelirt.' 

Das Gebiet der konträren Geschlechtsneigung oder Homo- 
eemnlitat ist In den letsten vier Jahrzehnten mehr ak irgendein 
anderes der SexnalwiSBenschaft dnzehforscht nnd erörtert worden. 
Weist doch die Bibliographie in dem einen Jahrzehnt von 1898 bis 
1908 über tausend ^ößere oder kleinere Arbeiten über diesen Gegen- 
€tnnd nnf. In diesem Zeiträume hat auch der aus dem griechischen 
«//oc — richtiger öfiotog — E^]oAch — imd dem lateinischen sexus = Ge-- 
sdilreht nicht gerade glücklich gebildete Ansdniek ,,Homosf' xnalität" 
im Schrifttum so tiefe Wurzeln geschlagen, daü seine Ausmerzung und 
Ersetzung durch eine Bezeichnung, die sprachlich und inhaltlich 
mehr befriedigen und zu weniger Mißverständnissen Anlaß geben 
vürden, kanm noeh Erfolg verspricht Zuerst findet sich das Wort 
f^Dimosezaial'* in einer 1869 erschienenen Broschüre eines anonymen 
Verfassers „Eertbeny'S des im Jahre 1820 geborenen nngarisolien 
Arztes Benkert. Der Autor dieser Sehrift, die ich» nachdem sie über 
30 Jahre vergriffen und fast vergessen war, im Jahre 1905 neu 
heraiissregeben habe, definiert das, was er mit dem Ausdruck „homo- 
sexuell" l)ozeichnet, in folgender, äußerst klaren Weisp: Neben 
dem norrnalsexnnlpn Triebe hat die Natur in ilii or Ron\ [ länen Laune 
bei Mann wie Weib auch den homosexualen l'rieb gewissen 
männlichen oder weiblichen Individuen bei der Geburt mitgegeben, 
und iiiaen damit eine geschlechtliche Gebundenheit verliehen, 
.welche sie sowohl physisch als geistig unfähig macht, auch bei bestem 
Willen, zur normalsezualen Erektion xa gelangen; dieser Trieb setzt 
einen direkten Horror vor dem Gegengeschleehtlichen vorauf 
nnd macht es den mit dieser L^denschaft Behafteten unmöglich» 
sich dem Eindrucke zu entziehen, welchen einzelne Individuen des 
gleiehen Geschlechts auf sie ausüben.*' In dieser Erklärung ist das 
Wesentlichste dieser Ersclieinung' wiedergegeben, Benkert hebt her- 
vor, daß die Homosexualität sowohl beim Manne wie beim Weibe 
vorkommt; er betont, daß der homosexuelle Trieb ein ange- 
borener ist und eine geschlechtliche Gebundenheit verleiht, 
welcher sich der von ihm Befallene nicht entziehen kann. Endlich 
betont er, daß diese Hinneigung zum gleichen Geschlecht mit einer 
Abneigung, einem Horror vor dem „GegengesohlechtUehen** ver- 
banden ist 

In dem gleichen Jahre» in dem das Wort homosexuell an anfangs 
kanm beachteter Stelle zum erstenmal angewandt wurde, hatte der 
hervorragende Berliner Psychiater Professor Carl Westphal im 
Archiv für Psychiatrie unter der Überschrift „Konträre Sexnal- 
empfindung" die eingehende Lebensgeschichte zweier von ihm 
selbst beobachteter Personen, einer homosexuellen Frau und eines 
Mannes» den wir heute als „Transvestiten" bezeichnen würden, ver- 



182 IV, Kapital: Die HompaexuiliUl t 

off entlieht. Er nimmt in diesem AnflsatK wiederholt Bezug anf die 
„Anthropologischen Studien", die Karl Heinrich Ulrichs nicht 
lange zuvor unter dem Titel „Inclusa" publiziert hatte und gelangt 
zu folgendem Schlußsatz: „Tmmorhiii mögen die geschilderten 
Seelenzustände häuficrr s<^in als man weiß. Es ist Pflicht, 

die Aufmerksamkeit diesem Gt>^n^nstaude zuzuwenden Tritt nicht 

mehr das Qe8i>enst des Gefängnisses drohend vor das Bekenntnis der 
perversen Neigung, dann werden diese Fälle gewiB eher zur Ko- 
gnition der Äntte gelangen, in deren (Gebiet sie gehören." Mit der 
Beseiehnnng konträre Sexnalempf indnng wollte Westphal aus- 
drücken, daB es sieh nioht „imm^r um den Geschlechtstrieb als 
solchen handle, sondern oft auch bloß nm die Empfindung, dem 
ganzen inneren Wesoi nach dem eigenen Oeachlechte entfremdet zn 
sein." 

Trotzdem Krafft - Ebing ^) und nach ihm Schrenck-Not7iTi!B:*), 
Moll*), Havelock-EUis *) n. a. die Westphalsche Bezeichnung „kon- 
träre Sexualempfindung'* auf das Titelblatt ihrer viel^elesenen 
Werke setzten, nnd anek das Eigensc h aftswort „kontrSrsexnell'S so- 
wie die SnbstantiTa „EontrSrsezneller'* nnd »«Kontrftrseznalismns" 
in der Fachliteratur Anwendung fanden» nnd längere Zeit fast aus^ 
schließlich von den Psychiatern gebraucht wurden, konnte sich das 
ziemlich giitgebildete Wort gegenüber dem gleiches meinenden Aus- 
druck Honiosexnalitöt auf die Dauer mohi hrbmipten. p]benso ver- 
drängte allmählich das Wort Homosexualität nuch .die Ulrichssche 
BilduDg Uranismus. Die Stellen, auf Grund derer er die Aus- 
drücke üranier, Uranismus, uranisch prägte, die er dann später 
nnter Gebraneh dentseher Endungen mit Urning, Umingtum, 
nmisoli yertansohte, befinden sieb im 8. nnd 9. Kapitel von Platons 
Symposion, jenem berfihmten Dialog, in dem die Iteilnehmer am 
Gastmahl die Liebe von den yerschiedensten Gesichtspunkten er- 
örtern; hier heißt es, daß „die von dem Eros der Göttin Urania An- 
gewehten sich ausschließlich zum mannlichen Geschlecht hingezogen 
fühlten". 

Ulrichs erlebte die Anerkennung seiner Anschauungen nicht 
mehr, er starb 1895 in selbstgewählter Verbannung in den Abruzzen; 

1) yj'syehopathia sexualis mit besonderer BerQcksichtigung der konträren Stnud« 
eropfindung". Eine medizinisch - gerichtliche Studie für Ärzte und Juristen von 
Dr. R. V. Krafit-Ebing, o. ö. Prof. der Psychiatrie und der Nervenkrankheiten in 
Gnus. 1. Aufl. Stiitt8»rt 1877. 

*) ,J)ie SuRgcstionslherapie bei krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes 
mit besonderer Berücksichtigung der kontr&ren Sexualempfinduog" von Dr.Afketh«mi 
von Schrenck -Notzing in München. Stuttgart 1892L 

*) ,JM« kwitelM Sezual«npfindung" vDii.Dr. nMd. Albert Moll in BerHn. Ifil 
dnem Vorwort von v. K r a f f t - E b i n g. 1. Aufl. Bnrlin . 

*) „Das kontr&re GeschlecbtagefOhl" von Havelock-Ellis und I. A. Symonda. 
Leipzig 1896. 



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m Kapitel: Die HoattMeniiMt&t 



183 



inunerhin hatte er die Gtenugtannff, daB ein so erlenehteter Geist 
wie Kraf f t-Ebin'g' die von ilim vertretenen Ansiehten in der 

Hauptsache zu den seinigen machte, obwohl es aneh dieser großen 
Autorität nicht gelang, einer Welt von Vorurteilen gegenüber mit 
«seinen Auffa^ungen durchzudringen. Vor allem blipb es der Mehr- 
zahl (kr Fachleute unbegreiflich, daß hier einer nicht unbeträcht- 
lichen Gruppe von Menschen ein Gesetz ?mf den Lebcnswo*]: mit- 
gegeben sein sollte, vor dem es kein Entrinnen gibt, und daB es sich 
kier nicht um rein geschlechtliche, sondern um seelische Vorgänge 
handelt, die jedoch ihrerseits wiederiim körperlich bedingt sind. Für 
jemanden aber, der viele Taosende von Homosezaellen kennen ge- 
lernt hat, sind gerade diese beidMoi Momente, das konstitntionell 
Wnrzelhafte nnd das eharakterologiach Triebhafte 
so sehr über jeden Zweifel feststehende Tatsachen, daB sie geradesn 
als entscheidend für das Vorhandensein echter Homo sex n all'» 
tat erachtet werden müssen. Nur wo die seelische Empfin- 
dung-ein Ausdruck derkörperlichen Beschaffenheit 
und die körperliche Handlnngein Ausfluß der see- 
lischen Eigenart ist, kann von • ebtx^r Homosexualität die Rede 
sein, während für den konträren 8<,'xualverkehr ohne konträre 
Sexualempfindung der von Iwan Bloch gutgewähltc Ausdruck 
Psendohomoseznalität paßt, der aber nnr hierfür, nicht 
etwa aoeh für Transvestiten und andere Formen der Qeechleohts*» 
libergange in Anwendung gezogen werden sollte. Wir verstehen 
demnach nnter Psendohoniosexnalitat (Uranismns f alsns) die Torw 
nahm« homsexueller Handlungen ohne die angeborene psychische 
Einstellung hierfür, bedingt durch Absichten nnd Zwecke, die außer- 
halb der sexuellen Triebsphäre liegen. Tn solchen Fällen bleibt die 
HeteroSexualität der unersehütteriiche Bestand der individuellen 
Wesenheit, genau so wie auch die homosexuelle Wesensart und 
Triebrichtung durch pseudoheterosexuelle Akte unbeeinflußt 
bleibt. Denn alle Gruppen pseudohomosexueller Heterosexueller 
finden ihr Seiten stück in pseudoheterosexuellen Homosexuellen. 
Anoh nnter diesen gibt es solche, die ans Eigennnts heterosexuell 
verkehren — man denke nnr an die homosexuellen w^blichen Prosti- 
tuierten — solche, die sieh aus Mitleid oder Dankbarkeit bereit 
finden, heterosexuellen Wünschen nachsngeben nnd solche, die sich 
mangels gleiehgreschlechüioher Personen heterosexuell betätigen, 
gewöhnlich aber auch der von Phantasien begleiteten Ipsation den 
Vorzug geben. Für alle diese im Grunde homosexuellen Personen 
haben die heterosexuellen Erlebnisse uugefälir die Bedeutung 
onanistischer Manipulationen. »Sie bilden für sie eine vorüber- 
gehende Phase und sobald sie können, stellen sie sich wieder auf 
das ihrer Sexualpersönlichkeit entsprechende Sexualziel ein. Krafft- 
Ebing erfaßt aueh hier wieder, doi Kern der Sache, wenn er in dem 



184 



IV. Kapitel: Dto Homoieziiafität 



Aufsatz über „Weiblioihe Homooexnalitätf* im Jahrbuch für eemelle 

Zwischenstufen schreil)f : „Bb kann niclit gpiuij? "betont werden, daß 
geschlechtliche Akte an Personen desselben Qeschlechts an und für 
sich durchaus nicht konträre Sexualität verbürgen. Von dieser kann 
- nur die Bede sein, wenn die phj'sischpn und psychischen sekundären 
Geschlechtscharaktere einer Person des eigenen Geschlocbts A n - 
Ziehungskraft für eine andere haben, und bei dieser den Impuls 
zu geschlechtlichen Akten an jener hervorrufen." 

Viele- Pseudohomosexuelle werden von sich und anderen ohne 
weiteres für biaexnell gehalten. Hierzu sind wir aber nur unter 
ganz bestimmten Voraussetsungen berechtigt. Laufen wir mit Krafft- 
Ebing dem Begriff der Bieexnalltat — er nannte sie. psyehiache 
• Hermaphrodisie — die seelische Triebriehtnng zugTrunde, wobei 
,^beu ausgesprochener seelisoher Empfindung und Neigung zum 
eigenen Geschlecht solche zum anderen vorgefunden wird", so wer- 
den wir die Gniyipe der tatsächlich Bisexuellen verhältnismäßig eng 
zu fasvsen iiaben. Theoreti.s<:'h könnte man zwar zunächst annehmen, 
die bisexuelle Orientierung müsse recht verbreitet sein, wenn man 
nämlich davon ausgeht, daß die Doppelgeschlechtlichkeit 
der Menschen der physiologische Urzustand ist, aus dem sich die 
Einseitige Triebrichtung entwickelt. Es soll nicht in Abrede gestellt 
werden, daß bei fast allen Homoaezuellen eine heterosezuelle, and 
ebenso bei den Heterosexuellen eine homosexuelle Komponente» 
wenn man in der Tiefe ihrer Empfindungen und Vergangenheit 
schärft, als verdrängter Komplex nachweisbar ist Gleich- 
wohl steht für den Empiriker die Erfahrungstatsache außer Zweifel, 
daß in der übergroßen Mehrzahl der Fälle die Liebe und der Ge- 
schleeh istrieb zielsicher und zielbewußt auf ein Ges-fhlecht los- 
eteuern. Anf welches, da« hängt bei dem einzelneu ganz von „dem 
. Gesetz" ab, nach dem er „angetreten". Daß manche Autoren den 
Begriff der Bisexualität so weit fassen, hängt offenbar damit zu- 
«amüDien, daß sie in den Begriff der sexuellen Liebe Neigungen ein- 
beziehen, die wir als n i e h t erotisehe erachten. Mag das nun letzten 
Endes begründet sein oder nicht, klinisch und differentialdtagno* 
atisch mUfisen wir daran festhalten, daß auf der einen Seite scharf 
akzentuierte Heterosexuelle existieren, die einzig und allein das 
andere Geschlecht zu lieben imstande sind, wie auf der anderen Seite 
ebenso rein ausgesprochene Homosexuelle, denen diese Empfindung 
gänzlich verschlossen ist; außer diesen Gruppen gibt dnnn aller- 
dings auch, nnd zwar ebenso präformiert und in ihrer eigenen Per- 
sönlichkeit verankert, Bisexuelle, die unter beiden Geschlechtern 
sexuell anziehende Personen finden; Pseudohomosexueile mögen in 
Wirklichkeit nicht selten Bisexuelle sein, und auch das, was als 



*) Jahib. t fl«z. Zwiach«iul«tfei>, Bd. 3, S. 88. 



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IV. J£apitel: Die Homosexualität 



185 



periodische, tardive, vor allem auch als erworbone Homosexualität 
bfißchrieben ist, fällt meist in den Bereicii der Bisexnalitat. 

Ganz besondere Schwierigkeiten bietet die Dift'ereutialdiag-nose, 
obHetoEoaezaalität, Homoeexiialität oder BiBezaalität vorliegt, oft bei 
Jogendlielkeii, zwischen dem Erwachen des Geeehleohtstriebee und dem 
AbaehlvB der sekundären Geschlechtscharaktere im Beginn der zwan- 
sger Jahre. In vielen Fällen ist die Frühdiagnose zwar absolut 
flieher zn stellen. Man findet feminine Urninge und virile Uminden 
von 16 Jahren, an deren homosexneller Geschlechtsnatur auch nicht 
der mindeste Zweifel ist, genau so, wie bei manchen auch (1h> Hetoro- 
eexnalität bereits in diesem Alter unverkennbar zuUige tritt; 
aber oi't ist es fast unmöglich, ein sicheres Urteil abzugeben. Ähn- 
lich, wie man in vielen Fällen von Hermaphroditismus extemns mit 
der Entscheidung, ob Mann oder Weib, warten muß, bis die sekun- 
diren Gesehleehtsmerkmale differenaiart aind, wixd man h^ vielen 
Jfinglingen nnd Jungfrauen ein sicheres Urteil über die Frage: 
liamoeezaell oder heterosezuellt erat abgeben kdnneut wenn die 
pubische Bisezualitätsperiode als Tollig abgeschlossen 
angesehen werden kann. Man muß sich in solchen Fällen ezspek- 
tativ verhalten, aus praktischen Gründen vorderhand Heterosexnali- 
tat annehmen und nach Möglichkeit fördern, ohne sieh nllordings 
der Illusion hinzugeben, als ol) dureli irg-PTirlwelchen Kinfluß von 
außen der Trieb nach der einen oder anderen Seite gedrängt werden 
könnte?. 

Am verständlichsten sind unter den Bisexuellen diejenigen, die 
einen Typus lieben» welcher sich unter beiden Geschlechtem vor- 
findet; es aind teila mehr Heterosexuelle, die dae sie am MMdchen 
Anziehende nicht nur unter diesen, sondern auch in gewissen Jüng- 
lingstypen mpfinden» teils mehr Hiranosezuelle, die das Jünglings- 
hafte, was sie anzieht, nicht nur im Jüngling, sondern auch in man- 
chen Mädchengestalten wahrnehmen. Wiederholt sind Fälle zu 
meiner Kenntnis gelangt, in denen sich Homosexuelle mit jungen 
Mädchen verlobten, zu deren Brüdern sie sich soxnell hinprezof^en 
fühlten; einige auch, in denen homosexuelle Mädchen den Antrag 
von Männern annahmen, deren Schwestern sie liebten. Den bisexuel- 
len Mannern, die das Virile im Mädchen, das Feminine im Jimglüig 
lieben, sind analog die bisexuellen Frauen, die weiblich „ange- 
hauchte" Männer und männlich geartete Frauen lieben, den Männern 
gegenüber in gewissen Sinne homosexuell, den Frauen teilweise 
heterosexuell gegenüberstehe, in Wirklichkeit demnach auch bi- 
sexuell sind. Hier sind auch die zahlreichen mehr normalsexuellen 
Mädchen einzureihen, welche sich zwar wesentlich zu Männern, aber 
doch auch ziemlich stark zu dem Männlichen im homosexupllen und 
virilen Weibe hingezogen fühlen, sie entspreclien wiederum den 
jungen Leuten, welche zwar hauptsächlich weibliebend sin4, zu- 



186 



IV. Kapitel: Die Homosexualität 



gleich aber doch auch eine Neigung zu homosexuellen Mäimem 
habßo, die sie znm mindesten niclit so alisioBeii, wie sie der stark 
virile normalgreechleehtliohe Mann abstoßen würde. 

Es l-Äi vorgekommen, daß jemand sieli in einen als Mädchen yer> 
kleideten Jüngling, oder ein als Mann verkleidetes Weib verliebte. 
Bei bisexuellen Naturen pflegt diese Xelgung bei der Entliüllung 
anzuhalten. Vou Grillparzer wird erzählt, daß er nur ein ein- 
ziges Mal für ein weiblichCvS Wesen Liebe empfand. Dieses Gefühl 
weckte in ihm eine junge Säugcrin, die er in einer Hosenrolle als 
jCherubim in Mozarts „Figaro" gehört hatte. Das ist kein Ter- 
einzelter FalL loh habe oft wahrgenommen, dnen wie starken Hin- 
draek transvestitische Madchen» gleichviel, ob homosexnell oder 
heterosexuell geartet, auf manche üruinge ausübten. Ein in der 
Berliner Urningswelt beliebter Kavallerieleutnant überraschte eines 
Tages seine Bekannten, mehr noch wie mit der Anzeige seiner Ver- 
lobung, mit der Nachricht, daß er völlig heterosexuell geworden sei. 
Die Mitteilung wurde vielfach bezweifelt, gewann allerdings dadurch 
an Wahrscheinlichkeit, daß schon früher sein Fall in Frauenkleidern 
lebende Jünglinge gewesen waren. 

Es gibt aber auch BisexneUe, die nicht nur verwandte Typen, 
nnd unter diesen solche mit wenig stark ausgeprägten Sezualeharak- 
teren lieben, sondern die sich zu Männern und Frauen hingezogen 
•fühlen, die untereinander ganz unähnlich erscheinen nnd zudem 
ausgesprochene Vertreter ihres Geschlechts sind. Geht man aber der 
Sache auf den Grund, so wird man meistens dann doch gewisse 
Eigeiitiimlichkeiten herausfinden, die den fesselnden Einzelindi- 
viduen beider Geschlechter gemeinsam sind, beispielsweise eine 
gewisse Art, sieh zu bewegen. Es «eheint, als ob in solehen FSUen * 
die partielle Attraktion stSrker ist als die totale. 

Endlich kommt bei beiden Gesehleehtem auch eine gewisse Art 
Bisexndler vor, deren fminin^ Komponente es wohltuend ist, sieh 
von einem älteren Mann oder einer älteren Frau lieben zu lassen, 
denen sie sich passiv gern hingeben; gleichzeitig drängt sie aber eine 
in ihnen vorhandeno virilere Komponente auch zu jüngeren männ- 
lichen oder weiblichen Individuen, die sie mehr aktiv lieben; ich 
beobachtete folgende vier Kombinutionen. Ein bisexueller Mann 
oder eine ebenso veranlagte Fran neigt passiv zn älteren Franen» 
aktiv zn jungen Mannern, oder passiv zu alteren Frauen, aktiv sa 
jungen Mädchen, oder passiv zu älteren, aktiv zu jüngeren Männern» 
oder passiv zu älteren Männern^ aktiv zu Mädeh^. 

Sind beide Triebrichtungen vorhanden, so sehen wir nicht selten, 
daß in späteren Jahren — oft ist dies sehoTi nach dom dritten Lebens- 
jahrzt'lint — die iirspriinp-lich schwächere zurücktritt und sehwindet, 
während die von Anfang ötarkere Libido mehr in den Vorderer und tritt. 
Es hängt das oft mit dem allgemeinen Nach lassen der Sezuali- 



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IV. Kapitel: Die HomoawEuaUUt 



187 



tat zusammen. Nehm«!! wir einmal an, um einen zahlenmäßigen 
Anbalt za haben, jemand wäre zu 75 Proz. homosexuell, zu 25 Proz. 
heteroeeznell gewieeeu, und seine beiderseitige Libido und Potenz 
Terrixigere sioh um 20 bis 25 Fm., bo kann die 'Folge davon sein, 
daß die heterosezaelle Komponente nahezn erlischt» wahrend die 
homosexoelle in der absolut noch immer beträchtlichen Starke von 
50 Proz. erhalten bleibt. Viele haben nun naturgemäß aus äußeren 
Motiven zunächst die Heterosexualität betätigt, sind vielleicht auch» 
um sie besser zn pflegen, eine Ehe einjresran^en, bis sie dann wahr- 
nehmen, daß die homosexuelle Neitrimgr keineswegs erloschen ist. 
Geben sie dem lange verdi antrten Triebe nach, so erwecken sie leicht 
den Anschein, als liege ein beabsichtigter Übergang von einem zum 
anderen Qescblecht, „tardive" oder erworbene Homosexualität vor, 
wahrend ee sich in Wirklichkeit nur nm Erscheinungsformen der 
Bisexnalität handelt In seiner letzten Arbeit, in der Krafft-Ebing 
die Besnltate jahrzehntelanger Erfahnmg zusammenfaßt*), sacrt er: 
»NiemalB habe ich bei sog. erworbener, richtiger tediver, kontrSier 
Seznalempfindung Hinweise auf eine bisexnelle Veranlagung ver- 
mißt." Auch ich bin mit zunehmende Umfang meines Beobach- 
üinp-smaterials immer mehr zu der Üher7eup'nng gelangt, daß das, 
\fiis wir frülier erworbene, gezüchtete, tardive Homosexualität nann- 
ten, aufgeteilt werden muß zwischen Bisexulität und Pseudohomo- 
sexualität. Dabei ist zu bemerken, daß auch die Bisexnalität nicht 
willkürlich nach der einen oder anderen Seite dirigiert werden 
kann — man hiSrt gelegentlich den Einwand, wenn jemand mit 
beiden Geschlechtern verkehren könne, möge er sieh anf daa andere 
Geadiledit beaehrfinken — , sondern dafi hier in erster Linie endo- 
gen gegebene Schwankungen ausschlaggebend sind, bedingt 
durch den Eindruck begegnender Objekte und verschiedene andere 
üm^^täTidp, unter denen gewisse periodiacbe Einflüsse besondere Be- 
achtung verdienen. 

Schon Kjrafft-Ebinp: hat Fälle von „erworbener, konträrer 
kSexTialempfindung" beschrieben'), in denen „homosexuelle Ent- 
gleisungen stets mit Exazerbationen vorhandener Neurasthenie zu- 
sammengefallen waren". Wiederholt habe ich ähnliche Angaben von 
periodischen Neurasthenikern gehört und bestätigt gefunden, daß 
sie in gedrückter Stimmung mehr homosexuell, in gehobener hetero- 
sezaell fOhlen. Dbr Einwand liegt nahe, daß die nervöse Depression 
vielleieht erst eine IVilge der sexaellen Aberration sei, man kann 
aber meistens deutlich nachweisen, daß die Depression das zeiÜieh 
Frühere ist, und außerdem findet man aaek das Umgekehrte: homo- 
sexoelle Neigungen in gehobener, heterosexuelle in gegenteiliger 



•) Jahrb. f. sex. Zwiachenstufcn, Bd. 3, S. 8. 
^ Jahrb. I. 8^ Zwischenstufen, Bd. 3, S. 10 ff. 



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188 



IV. Kapitel: Die Homosexualität 



Stunmnngslage. Bei vielen macht der Alkohol durch Herabeetzimg 
der Hemmnngeii eine vielleieht nur gans soh'wache homosexnelle 
Komponente freL 

Geheu wir nun von der Pfieudohomoeexnalität und Bisexualität 

auf die echte Homosexualität über, so haben wir in jetleni Fall 
eine Trias von Symptomen ins An pro zu fassen, erstens das Aus- 
bleiben der n o r ni alsexuellen Affinität, der ZuneigiinfT nlso 
zum anderen Geschlecht, die negative Seite der Erscheinung; zwei- 
tens die positive Seite, heetehend in einer allmählich immer deut- 
lidier in das Bewußteein dringenden nnd zur Betätigung drängen- 
den, nnwlllknrlichen, sedisehen Feeselnng an Personen des gleichen 
Geschlechts; imd drittens ein Zustand, den ich als in t e r s e x u e H e 
Konstitution bezeichnen möchte, faet stets verbunden mit einer 
gewissen Irritabnität des Zentralnervensystems („Hystero- 
neura sth en ie"). Handelt es sich in einem konkreten Fall 
darum, festzn.stellen, ob bei einer Person, die unseres Rats oder Ur- 
teils bedarf, Homosexualität vorliegt, so empfiehlt es sieb, die Er- 
kundung Stets mit der Ermittlnng das nckrmalsezoallen Verhaltens 
zu beginnen; beim Hanne also damit, ob Verkehr mit dem weiblichen 
Geachleehte stattgefunden hat, seit wann, in welchen Abständen, ob 
mit ausreichender Potenz; beim Weibe, ob eine seelische Zuneigung 
zum männlichen Geschlecht besteht; dem Patienten fällt es viel 
leichter, sich über die negative Seite seines Znstandes auszusprechen, 
seine nornialsexuelie Frig-idität, als über die positive Seite, seine 
Inklination zum eiiereneu GeKclilecht. Mir sind viele homosexuelle 
Frauen bekannt, die, bis sie eine Ehe eingingen und zum Verkehr 
mit dem Manne gelangten, überzeugt waren, daß die innige Zu- 
neigung, die sie zu einer Freundin hatten, nur ein bei ihnen über- 
mäßig stark entwickelter Freundtehafts^thusiasmus wäre. Erst 
aus dem Unbehagen bei der Umarmung des Mannes, als sie ver« 
f?pürten, daß diese so granz das Gegenteil von dem in ihnen auslöste, 
wais si(^ beim Kuß der Frau empfanden, merkten sie plötzlich oder 
allmählich, daß ihre sexuelle Triebricbtung sie vom Manne ab zum 
Weibe drängte. Auch der homosexuelle Mann gewinnt die volle 
Klarheit über sich oft erst im Verkehr mit dem Weibe. Hier tritt 
als ein häufiger und wichtiger, wennschon für die Diagnose der 
Homosexualität nieht ausschlaggebender Umstand, die körperliehe 
Impotentia coeundi, hinzu. Manche Ifönner denken, wenn sie bis su 
d^ Kohabitationsvensnchen mit dem Weibe von einer ausge- 
sprochenen Inklinntion zu einer Person ihres Grsclilechts noch nicht 
ergriffen waren, zunächst, daß sie einfach imj)otent seien, und wer- 
den sich ilirer Homosexualität erst nach und nach bewußt, vielfacli 
allerdings stellen bereits vor den Koitusversuchen homosexuelle Er- 
lebnisse die Triebrichtung außer allen Zweifel. Wir werden uns 
auch hier Über das Verhalten der Homosexuellen dem anderen 6e- 



189 



sohleclit gegenüber am besten ein klares Bild machen können, wenn 
wir zuverlässige Personen, die gleichgeschlechtlich empfinden, selbst 
reden lassen. Ein Sljähriger Landwirt schreibt: „Der (If danke zu 
lieiraten existiert für mich nicht, weil er mir schauererregend ist. 
Gtjschlechtevcrkehr mit dem Weibe ist mir g-anz unmöglich, ich fühle 
mich von Ekel erfüllt, wenn ich nur au die Mugiieiikeit denke. Ver- 
soolle, den soxmalen Akt anfisalilwii, habe kh nie angestellt und 
werde ee ToraussiGhtlieh, weil der Widerwille za groB ist, niemal» 
können. Weil mir jnnge Barnen nnheimlieh waren, nahm ich sehen 
keine Tansstnnde." Ein Franzose von 38 Jahren gibt an: „leh habe 
nie mit einem Weibe z\i tun gehabt und könnte es nicht um alles in 
der Welt. Hübsche Gesichtszüge bewundere ich so vorüberorehend 
bei einem Weibe, wie man ein hübsches BiM betrachtet, sollte ich 
aber dasselbe Weib nackt vor mir sehen, o, mon dieu, ich würde die 
Flucht ergrejien." Diesen mehr oder weniger völlig impotenten 
Homoeexnelten stehen solehe gegenüber, denen es unter Unlnst^ 
gefühlen moglieh ist, mit dem Weibe 'eh verkehren. Aueh hier ein 
Beispiel: Ein Arbeiter, der Fran nnd Kinder hat, gibt folgende 
Schildening: „Ich führe den Beischlaf aus, aber mit größtem Wider- 
willen, nnd fühle mich dabei zum Sterben unglücklich; am liebsten 
möchte ich unmittelbar danach den Akt mit einem Manne ausführen 
können." 

- Mindestens ebensosehr wie homos« xiiclle Männer leiden homo- 
sexuelle Frauen unter dem heteroseiueilen Geschlechtsverkehr. Ich 
habe bei yeiheirateten ürninden wiederholt sehweie hysterische Zu- 
stände beobachtet, namentlieh Herznenrosen nnd hochgradige ner- 
vöse Dyspepsien, völlige Schlaflosigkeit nnd hochgradige Sdiwäche, 
die langen Sanatorinmskuren trotzten xmd erst wichen, wenn es zu 
einer Trennung der Eheleute, zum mindesten einer Trennung der 
Schiafräuni(> Irimi. Eine Urninde gibt über ihre eheliche (lemein- 
Schaft folgenden Bericht: „Mein Gatte ist ein Ehrenmann, ich schätze 
ihn um seiner vorzüglichen Charaktereigenschaften willen, aber 
lieben, nein, lieben kann ich ihn nicht. Er ist ein prächtiger Mann 
nnd hätte wahrlich ein besseres Los verdient, denn er liebt mich 
wirklieh. Nun denn, ich ließ ihn wenigstens niemals merken, welche 
f ürohterliohen Qualen mir seine Liebkosungen vernrsachten, 
wie namenlos elend ich mich fühlte, wenn loh ihn am Gipfel seiner 
Wünsche sali. Einmnl schütze ich Migräne, ein andermal heftig© 
Zahns< 1 i7ti( rzcn vor, um mich seinen glühenden Zärtlichkeiten ent- 
ziehen Ü.U können." 

Von 500 Hompsexuellen waren 417 = 84 Proz. unverheiratet, 
83 16 Proz. verheiratet Auf die Frage nach dem Grunde ihrer 
Verheiratung erhielt ich folgende Antworten: ,Jn der Hoffinung, von 
dar hoBioiexueUea Leidensehäf t loszukommen, in der Annahme, die 
Liebe zur Fxan würde sieh von selbst finden, andere sagten, sie 



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IV. Kapitel: Die Homosexualitit 



hätten äich „aus ünkenntuib" verehelicht, oder „auf Zui'edeii'', „auf 
Wunseih der Eltern**, oder „um dem Gerede der Verwandten nnd Be- 
kannten ein Ende zu maehen"; mehrere antworten, „nm ein Heim 
TO haben**, einige ^wegen der Mitgift**, viele eehreiben: „auf den 
Bat des Arztea", ebenao yiele „ans Geschäftariiolwichten**. Ans den 
83 Ehen stammten 112 Kinder, über deren Beschaffenheit später 
noch einiges m sagen sein wird. Homosexuelle Frauen heiraten am 
„ähnlichen Beweggründen"; einige führen fin, „um unahhängi? zu 
sein"; eine schreibt, ,,nm mein eigener Herr zii sein"; von mehreren 
weiß ich, daß sie iiihon t'in£2:inLren, um in den Besitz eines Vermögens 
zu gelangen, das ihnen nur im Falle ihrer Verheiratung ausgezahlt 
werden sollte. 

Oft kouunt es vor, daß homosexaelle Männer und Fraueu Ver- 
lobungen eingehen, diese aber auf Grand peychisehen Unbehagens 
bei näheren Berührungen zurückgehen lassen. Ein Homosexueller 
meiner Kasuistik hatte sieh nicht weniger als yiermal verlobt, uni 
immer wieder unter allerlei Ausflüchten das Bündnis zu lösen. Das 
viertemal war er aber an eine sehr energische Braut geraten, die 
ihn fast gewaltsam zum Traualtar sfhleppte, trotzdem ich sf^lbst ihr 
schlipßlich auf soinen Wunsch dringend abgerate/i hatte. Vier 
Wochen nach der Hochzeit rief man mich. Er hatte sich im Keller 
erhängt. 

Auch homosexuelle Bräute fühlen sich durch die Liebkosungen 
ihres Bräutigams oft so angewidert, daB es zur Lösung des Ver- 
hältnisses kommt Eine sehr schöne urnische Künstlerin erzahlte 
mir, daB sie dreimal Werbungen von Männern angenommen hättet 
Trotz gröBter Mühe, die Zärtlichkeiten za ertragen, sei aber die 
Übelkeit, welche die männlichen Küsse und Umarmungen in ihr aus- 
lösten, so „imbeschreiblich" gewesen, daß sie in keinem Falle den 
Gang zum Standesamt riskieren konnte. 

Die Starke des psychischen Horror feniinae beim homosexuellen 
Manne ist ebenso wie der Grad des Horror vii'i bei der homosexuellen 
Frau nicht allein für die Ausführbarkeit des Aktes ausschlaggebend. 
53 Proz. Urninge haben überhaupt niemals Versuche gemacht, mit 
dem Weihe Cteschlechtsverkehr auszuüben, darunter befinden sich 
sogar, wenn auch vereinzelt, Verheiratete. Die Verhältniszahl homo- 
sezudler Frauen, die allen Versuchungen,- mit dem Iflanne zu ver- 
kehren, dauernd Widerstand entgegensetzten, dürfte noeh höher sein. 
Virgines intactae, die ich nach dem drelBigeten Jahre zu untersuchen 
Gelegenheit hatte, waren meist selbst homosexuell oder hatten homo- 
sexuelle Männer. 

Ist der Ges<'hleehtsakt mög-lieh, so tritt beim Urning sehr häufig 
als ein auf den ersten Blick ziemlich paradoxes Symptom, Eja- 
culatio praecox, ein, in der wir aber nur eine Abart der Impo- 
tenz zu erbiieken iiaben; pai'udox neniie icii diesen plötzlichen Erguß 

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IV. Kapitel: Die HomosexuaUt&t 



mit Erschlaffungr deshalb, weil er von wenif^er Erfahrenen als 
Zeichen geßteigerter Libido aufgefaßt werden könnte. Selbst wenn 
dem homoBexuelleii Hanne der Koitus mit dm Weibe oft genug erst 
mit 'Znliilfenalime adäquater PhantaaSevorBtellnngen gelingt, ist sein 
Verlauf selten qualitativ eo geartet nnd für die Fran so befriedigend, 
wie dieKohabitation des heteroseznellen Mannes. Sie fühlt das auch 
meist instinktiv. Übrigens hört man oft von Homosoxti eilen, daß 
es ihnen eher mög-lich sei. ein Woib zu koitieren, als es zu küss<'n, 
auch daß ihnen die manuelle lierührung der Qenitalien eine größere 
Überwindung koste, als der eigentliche Akt. 

Ganz besonders wichtig für die Beurteilung, ob ein Geschlechts- 
akt seinen tJrsprong in dem eigentUehen Geschlechtstrieb hatte» ist 
bei beiden Gesehleehtem das Verhalten nach dem Verkehr. Ent- 
sprach derselbe der wirklichen Geschmacksrichtung nicht, so stellt 
sich danach Ekel, Abneigung, ja Haß ein. Ein Kaufmann aus 
Bayern berichtet: ..T^ie Folgen deR wiederholten Verkehrs mit dem 
Weibe waren schwere Nervenstörungen, starkes Unwohlsein mit Er- 
brechen und tagelange Migräne. Der Geruch, welchen das Weib 
äusstrümL, verurbaclit mir das größte Unbehageu, icii ])in jetzt un- 
fähig, ein Weib zu befriedigen, wogegen die Umarmung eines Sol- 
daten mir ein nnansspreehliehes Wonnegefühl verschafft und mich 
kräftigt nnd stärkt.** Bis zu welcher Höhe sich solche AtctbIou 
steigern kann, seigt der Fall des homosexuellen Herzogs von Praslin- 
Choiseul, der 1864 in Paris seine junge Gattin, die Tochter des 
Generals Sebastian! po?;t coitum erdro5;selte. Die dem Trieb nicht 
entsprechende Handlung ist sehr häufig auch dadurch charakteri- 
siert, daß sie die sexuelle Begierde nicht stillt, sondern im Gegenteil 
erregt. Normalsexuelle männliche l'rostituierto können nach dem 
Znsammensein mit ihren homoseznellen Geldgebern oft nicht eilends 
genug zn ihren Mädchen kommen. In ganz analoger Weise werden 
innerhalb der Ehe homosexuelle Männer und Frauen nicht selten 
dnrch den Verkehr mit ihren heterosexuellen Ehehälften zn gleich- 
gfeschlechtlicben Akten angestachelt. Wie anders, wenn der Akt an.s 
dem Geschlechtstrieb entsprang:. Es besteht dann ein Gefühl der 
Ruhe, Erleichterung und Freudigkeit. Alles dies fehlt, wenn das 
Objekt der geschlechtlichen Handlung nicht das Objekt des 
geschlechtlichen Triebes war. 

Namentlich homosexuelle Franen werden mit der Zeit dnreh die 
ihnen wider ihren Willen anf erlegte Erfüllung ehelicher Pflichten 
sehr nervös und leiden, abgesehen von Angstznständen und Schlaf- 
losigkeit, an schweren Depressionen. 

Auch abgesehen von dem eigentlichen Geschlechtsverkehr bietet 
dpc; Verhalten der Homosexuellen gegenüber dem anderen Ge- 
schlecht maneherlei Bemerkenswertes. Besteht bei einigen nur ein 
Mangel jeglicher Attraktion, so macht sich bei anderen eine aus- 



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pTPsprocliene Mieogynie und Aiidi ophobie bemerkViar. Homosexuelle 
Männer g-pben oft an, sie bemerkten nnf der Straße, in Lokalen und 
aiiHoron Sammelplätzen die Frauen überhaupt nieht. Oanz analoge 
berichten homopcxuelle FVanen; auf der Bühne lenkte sich ihre Auf- 
merksamkeit ijiniier nur auf die Frauen, die Männer ersehieuen 
ihnen „als Staffage". Ein homoecxueller Russe — noch dazu ein 
Maler — Bahrte mir einmal: „Ich kann die Oesiolite der Frauen so 
wenigr wie die der Chinesen voneinander unterscheiden, schön 
sebeinen sie ja zu sein, aber sie sind alle so ähnlich, so ausdmefcslos." 

In strickte Gegensatz zn dem auf bewnfiter und unbewußter 
Sexualablehnung beruhenden Negativismus gegenüber dem anderen 
Geschlecht, steht das kameradschaftliche Gefülil der Zugehörig- 
keit und Zusammengehörigkeit, sobald das sexuelle Moment in Fort- 
fall kommt. Das tritt zunächst ganz deutlich und völlig instinktiv 
in der noch naiven Kindheit hervor, in der sich das urnische Mäd- 
chen unter gleichaltrigen Kna})en, der urnische Junge unter Mäd- 
chen wohler und behaglicher fühlt, als unter den Kindern seines 
Gesehleohts, unter denen ihn ein eigentlSmliches Fremdheits- 
gefühl bdierrscht, das in seiner Erinnerung oft noeh in späten 
Jahren fortlebt. Nieht für alle, aber für die meisten umisehen 
KindOT ist diese Erscheinung, die mit auffallender Übereinstimmung 
angegeben wird, typiseh. Wie schon als Kind, so gibt sich auch als 
Erwachsene das homosexuelle Weib dem Manne viel unbefangener 
als das heterosexuelle; sie fühlt sich ihm gleichberechtigter und 
gleichircirteter: in seiner Oeseilsehaft, die sie aus geistigen Inter- 
essen sucht, bewegt sie sieh viel freier und ungenierter; nur wenn 
sie merkt, daß der Mann in ihr das Geschlechtsobjekt wittert, hat sie 
eine peinliche Empfindung, wird kühl und reserviert. Auch homo- 
sexudle Männer lieben vielfach das Zusammensein und die Unter« 
haltnng mit Frauen, mit denen sie riele gemeinsame Beziehtmgen 
7<erbinden. Namentlich ältere Frauen sind homoseraellen Männern 
sehr sympathisch. 

Zu einem Weibe allerdings fühlt Sieh der Homosexuelle in einw 
ganz besonderen Liehe hingezogen; zn seiner Mutter, und auch 
hier fehlt nicht die Analogie, die uns oft ein besonders inniges Ver- 
hältnis zwischen der urnischen Tochter nnd ilir(;ni Vater zeigt. Das 
Attachement des Homosexuellen an seine i^lulter ist so typisch, daß 
die Freud&che Schule in diesem „M u 1 1 e r k o m p 1 e x" eine Ursache 
der Homosexualität hat erblicken wollen. Ich halte diese Folgerung 
für einen Trugsehluß. Der Homosexuelle entwickelt sieh nieht zum 
Urning, weil er sich schon als Sind zn der Mutter so stark hinge- 
zogien fühlt, sondern früher ahnend als wissend lehnt er sich In dem 
unbestimmten Gefühl seiner Schwäche und Semderart an die Mutter 
an, die ihrerseits, ebenfalls instinlrtiT, ihn oft zn ihrem Liebling8<> 
kinde macht. 



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IV. Kapitel; Die Homoterualittt 193 

Das negative Verhalten gegenüber dem anderen GeBchlecht 

ist ein wichtige«, aber für sich allein kein beweisendes Zeichen der 
Homosexnalität. Wer K ö p b e r s Studie über den „Antifeminismns", 
und Iwan Blochs Kapitel übor den Abfall vom Weibe" (18. Kapitel 
im Sexualleben) gelpseii hat, weiß, daß die heftij?st.en Weiberhasser 
nicht unter den Homosexuelleu zu suchen sind. Das Gefühl, das die 
große Mehrzahl homosexueller Männer und Frauen gegen das andere 
Geschlecht beherrscht, ist viel weniger Haß als Gleichgültigkeit. 
Die lieteroeexaellen Anfifalleraeheinnngen sind für die Diagnose der 
Homoeexnalitat daher nur dann beweisend» wenn sie mit einem posi- 
tiven Verhalten gegenüber dem eigenen Geschlecht vergesellschaftet 
sind. Eine sorgsame Exploration zeigt, daß sich in allen Fällen 
e<^'ht( r Homosexualität die Bctreffondcn lange Zeit, bevor es zu 
eijieüi homosexuellen Akt gekommen ist, seelisch heftig zu bestimm- 
ten Personen desselben Geschloclits hingezogen gefühlt haben. Diese 
unfreiwillige, lustbetonte Fixierung des Sensoriums und der Psyche 
ist Viel früher vorhanden, als ihr sexueller Charakter als solcher ins 
BewnBtsein tritt. 

Man wird hier ^wenden, dafi gleiehgesohleehtliche Sohwär- 
mereien, auch bei Sändem, die später scharf heterosexuell werden, 
vor, innerhalb, oft sogar noch einige Jahre nach der Pubertät, nichts 
Ungewöhnliches, daß sie namentHch in Sr-hnlcn, Pensionaten und 
Internaten ungemein häufig sind, so häufig, daß man ihr Vorkommen 
in der Indiffercnzperiode des Geschlechtstriebes geradezu als ein^n 
physiologischen Zustand bezeichnet hat. Gleichwohl unterscheiden 
sich die nmischen von den nicht nznisehen Kindern nicht nur in ihren 
CSiaraktereigensoIiaiften, sondern auch in ihren erotisch gefärbten 
Freundschaften wesentlich. Einerseits sind sie in der unklaren 
Empfindung, daß den von ihnen vorgenommenen Zärtlichkeiten eine 
tiefere Bedeutung zukommt, befangener, zurückhaltender, wähle- 
risehor; andererseits inniger, beständiger als die heterosexuellen 
Kaiiieraden. Häufig sind gerade die homosexuellen Kinder ein mit 
Vorliebe gesuchter Zielpunkt der sexuellen Anwandlungen ihrer Mit- 
schüler und Mil^hülcr innen, weil diese instinktiv das Feminine im 
nmiseh^ Ejiaben, den virilen Einschlag im umischen BlSdchen 
herausfühlen. Vor allem aber tragt die homioeexuelle Betätigung 
der heterosexuellen Schüler einen mehr episodischen Charakter ; 
sie tritt bald nach der Reife gegenüber der immer stärker erwachen- 
den Liebe zum anderen Geschlecht ganz zurück, während sie um 
dieselbe Zeit sich bei den von Haus aus homosexuellen Kindern r rst 
recht vertieft und sich dann ebenso sehnsuchtsvoll auf das eigene 
Geschlecht richtet, wie die der heterosexuellen Jünglinge und Jung- 
frauen auf das andere. 

Ganz ähnlich wie wir bei den Heterosexuellen zwischen 15 und 
20 Jahren nicht selten homoaezaeUe Schwännereien finden, die ganz 

Hirae1tf«ld, BaxiMlpadiolocto. IL 13 



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194 



IT. Kapitel: Die Homosexualität 



den Jüiudruck machen könnten, al« bandle es sich um Affekte echter 
Homosexueller, kommen bei HcnnoseziieU^ in diesem pnbisehen 
Atter heterosexaelle Episoden vor, die nicht allein auf der nber- 
mächtigen Suggestion za bemhen scheinen, die das Beispiel der Eür- 

wachsenen und die Liebesliteratur, w^ehe Hast ausschließlich die 
Liebe zwischen Mann und Weib preisen, ausübe. Es ist eben die 
Zeit unabgeschlossener Entwicklung", in der, ebenso wie die scharfe 
körperliche Differenzierung noch nicht durchgeführt ivst, nnch der 
Geschlechtstrieb noch tastend, bald nnch der einen, bald nach der 
anderen Seite schwankt, suchend, pendelnd, bis er sich entweder ans 
dem Unklaren, TTnbestimmten, Unbewußten heraus allmälilich 
au£ das adäquate Gcschlechtsziel einstellt, oder sich durch eine große 
lilebesleidensehaft plötzlich fixiert 

Es ist ungefähr das 18. Lebensjahr, bei manchen etwas eher, bei 
anderen etwas später. In dem hei homosexaellen Männern nnd Franen 
genau so wie bei Hetei!«>sexu6ll6n jener ideale Erotismus ausbricht, 
der sich in Überschwenglichen Verehrungen, Fensterpromenäden, 
Dienstleistungen aller Art, Liebesbriefen und Liebesgedichten er- 
schöpft, mit dem einzigen Unterschiede, daß der Gegenstand dieser 
,Ycrh immelang" nicht dem andern, sondern dem gleichen Gcfiohlecht 
angehört. 

Deutlich tritt in den Wiedergaben homosexueller Empfindungen 
frühzeitig eines der untrüglichsten Zeichen echter Liebe; die Eifer- 
sucht» zutage. Die männlichen und weiblichen Homosexuellen sind 
diesem unlustbetonten Affekte genau so wie die Heterosexuellen 
unterworfen. Li yielen Fällen erstrecken sich die eifersüchtigen 
Begangen nur auf Mitbewerber, die demselben Geschlecht wie die 
Liebenden angdiören, also auf andere Homosexuelle, in sehr vielen 
Fällen sind hnmo^exuelle Frauen aber auf heterosexuelle Männer, 
homoseTnelle Männer auf Frnnon eifersüchtig. Es sind schon alle 
möglichen Affekthandhm^>-en infolge unglücklicher Liebe bei Homo- 
sexuellen hänfig vorgekommen und beobachtet worden: Morde, 
Selbstmorde, Doppelselbstmorde und Morde mit Selbstmorden. Diese 
Gewalttaten sprechen sehr viel für die Echtheit und Starke des 
seeUsehen Affekts, denn wenn es sich nur um die Ausführung eines 
Geischleehtsaktes, um eine „Kaliberfrage'* handeln würde, wie ein- 
mal ein Autor in einer durch Sadikenntnia ungetrübten Ebrörtenmg 
des Problems meinte, würden schwerlich von Homosexuellen aus un- 
glücklicher Liebe so furchtbare^ folgenschwere Delikte begangen 
werden. 

Nicht nur die nej[>-ativen, sondern auch die positiven Gefühls 
töne sind unabhängig von eigentlichen Geschlechtsakten sowohl 
an männlichen, als weiblichen Homosexuellen in großer Fülle nach- 
weisbar. Wie die unglückliehe Liebe die Lebensfreudig-keit und 
Lüibtuiigbiäiiigkeit erheblich herabsetzt, so steigerii am iu^slbt^lunte 



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IV. Kapitel: Die HomoMxu&Utät 



195 



Eindrfieke und ErlebnisBe in hohem MaBe. leb habe oft beobachten 
kSmien, wie sich das Benehmen nnd Ansseben vergrSrnter und yer- 
bitterter Homosemeller T5Ilig verfinderte, wenn eie In Geeellflebaft 
Omen seznell sympatbifloher Personen weilten. Schweigsame 
wurden gesprächig, langsame beweglich, die düsteren Mienen hellten 
sich auf, das Auge strahlte, das ganze Gf^s^iobt verklärte sich. Eine 
homosexuelle DniTio, die viel an Präkordialang-st litt — ich kenne sie * 
seit mebr als 10 Jahren — berichtet, daß es sich wie ein Alp von 
ihrer Brust löst, wenn sie die btimme ihrer nicht mehr treuen, 
ffleiebwohl aber leidenschaftlich geliebten Frenndin am Telephon 
bdrt. Schon Westpbal*) hob bei der ersten von ihm 1864 in der 
CSbaritö beobachteten Kontrazsexnellen hervor, wie sich ihr Ge- 
sichtsansdruck veränderte, wenn sie von den Vorzügen des yon ihr 
geliebten Mädchens sprach. 

Ein Ilomosexueller bemerkt: „Beim Anblick meines Falles gerät 
mein Blut in Walinn jr, das Herz schläg-t rasclier, und die innere Be- 
wegung: würgt so an der Kehle, daß ich kaum sprechen kann, zuerst 
kann ich mich auf nichts besinnen von dem, was ick vorher sagen 
wollte, ich bin wie gelähmt nnd erst ganz allmählich Idst sich dieser 
Bann nnd geht Über in eine intensive Lebensfrende, die an«^ 
meine intellektnellen Fähigkeiten verstärkt, und mich über das ge- 
wöhnliche Maß meines Lebens hinaushebt." Und eine XJminde*) 
schreibt über sich: „Bei der fliu litipsten Berührung von Frauen 
vibrierte mein granzes Nervensy^^ttim." Solche Äußerungen einer im 
Omnde — und das ist das Beachtenswerte — spontanen vom Wollen 
unabhängigen Beizbarkeit, könnte ich unendlich viele anführen. Bei 
sensitiven Homosexnellen genügen oft minime Reize für mazime 
Beaktionen. Biese Wesensänderung, welche Personen des-, 
selben Geschlechts im Homosexaellen bewirken, geht, nicht nnr von 
der lebenden Person aus, sondern überträgt sich bis zn einem ge- 
wissen Grade auch auf künstliche, und swar nicht etwa nur künst- 
lerische Nachbildungen und Darstellungen des ineTiechlichen Kör- 
pers, oft so, daß die Betreffenden lange Zeit für ehi rein ästhetisches 
Interesse halten, was in Wirklichkeit bereits ein erotisches ist. 
Wenn Goethe einmal zur Erklärung der Neigxmgen Winkelmanns 
ausführt, „däB die ästhetische Bewunderung bei ihm znr sinnlichen 
Leidenschaft geworden ist**, so ist auch der große Weimaraner hier 
dem so häufigen Trugschlüsse unterlegen, in dem was Ursache ist, 
die Wirkung su sehen. Es wird hier eben, wie so oft im Liebesleben, . 
Subjektives unbewußt objektiviert Eher darf man annehmen, daß 



»Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten". Herausgegehen von Gud- 
den, L«Tden, ll6T»r und Westphsl, Bd. 9t S. 80. Berlüi 187(X JMs kon- 
träre Sexualempfindung, Symptom cinM MonpatliiBchiii ClWTchopatliiadMn) Zn« 
ttandes" von Prof. C. Westphal. 

•) Jahrb. t sex. Zwischenstufen, Bd. 3, S. ß4. 

IS* 



i 



296 • A*. Kapitel: Die Homosexualität ^_ 

Winkelmanns laniisches Empfinden mitsprach» wenn er die antiken 
Jünglingsstatuen eines Antonina imd Apollo soviel höher tteUte» 
als die einer Artanis und Aphrodite. 

Es gibt unter den homosexuellen Männern nnd Franen sehr viele» 
die hildliehe Darstelhmgen 6^ von ihnen geliehten Typus bei sieh 
führen, vor allem natürlich Bilder von Personen, deren Originale 
ihnen persönlich bekannt sind oder nahe stehen. Brieftaschen 
homosexneiJer Männer und Frauen, die keine Abbilder der ihnen 
anziehend erscheineuden Personen enthalben, g-ehören zu den Selten- 
heiten. Vor einiger Zeit hatte ich einen awi ^ 175 angeklagten 
Menschen zu begutachten, dessen strafbarer Verkehr Ton einem er- 
preeserisohen Wirt dnrch ein in die Tflr gebohrtes Loch hedbaebtet 
war. Während der Verhandlnng fielen mir seine Manachettenknöpfe 
auf. Als ich sie näher betrachtete, waren es auf kleinen PoraeUan- 
täfelcli n angefertigte Photographien seines mitangeklaiften Freundes. 

Es liegt nahe, daß künstlerisch angelegte Homosexuelle sich 
nielit mit Photographien und Illustrationen begnügen, sondern 
selbstschöpferiÄch ihr Ideal zn malen oder zu formen geneigt sind. 
Bei vielen Kindern kann man lange vor dem Erwachen dee Ge- 
schlechtatriebes beohnehten, wie sie in meist unbeholfener Weise die 
ihnen sympathischen Figuren zu ;Äeichnen versuchen. Die meisten 
geben dieses Bemühen bald wieder auf, wenn sie der Schwierigkeiten 
der Darstellung inne geworden sind; Befähigtere setzen sie fort und 
entwickeln es wieiter, ohne daß ihnen die erotisdie TJntezstramunir 
ihrer Liebhaberei ins OberbewoBtsein dringt. 

Ganz ähnlich wie zu bildlieben Darstellungen verhalten sich die 
Homosexuellen auch zu dichterischen Beschreibungen der sie ero- 
tisch fesselnden Typen. Namentlich lyrisehö Gedichte homosexuellen 
Charakters werden mit proBer Bep^fi- terung empfunden, vorgetrafren 
und, wenn möglich, selbst gedichtet. Es liegt durchaus in der 
menschlichen Natur, etwas, das den Ausgangspunkt und die Quelle 
starker Glücksempfindungen bildet, rühmend zu schildern. Damit 
soll nun allerdings nicht gesagt scdn, dafi ans den Typen, die ein 
Künstler mit Vorliebe schildert, ohne weiteres ein SohluB auf sein 
subjektives Empfinden gesogen werden kann. Gerade der Künstler, 
der, gleichviel ob homosexuell oder heterosexuell, meist Mas rezeptive 
und produktive, aktive und passive Element stärker vermischt in 
sich beherbergt, als der einseitig virile oder feminine Typ, besitzt 
die Gabe des Einfühlens in alle möglichen Qefühlsnuancen oft 
in besonders hohem Maße. 

Besonders augenfällig macht sich das unbewußte Wesen der 
homosexuellen Psyche im Traumleben geltend. Bei der Diagnostik 
der echten Homosexualität legt N ä c k e mit vollem Rechte besonders 
Wert auf den Nachweis, dafi das Tranmkibeii des Homosexuellen von 
seiner Triebriehttmg beherrscht wird. Wie eine eehr große Ansahl 



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IV. KaiMtel: Die Homosexualität 



197 



von Einzelermittelungen 2^eigt, ist dies tatsächlich auch fast durch- 
gangig der Fall. Dabei erscheint es beachtenswert, daß die aii- 
geneiunen Träume der Urninge auch schon vor Eintritt der Beif e 

' von gesohlecliiliclien Yofstellimgeik «rfttlli ilnd» sowie daß Träume 
•qnaWoller Art dunshaiu nicht eelien dnzeli nonnale Eohabitatione- 

: voniche hervorgemfene Beangstiinnigen Eom Inhalt haben. Ein 
Urning gibt an! ,jT<''^i träume oft, ich hin verloht oder verheiratet» 

1 Dabei habe ich das Gefühl foiohtharer Beklommenheit nnd einer 
undefinierbaren Angst." 

Aneh Kraf ft-Ebing 8chi<eibt bereits: „Wie tief die angeborene 
konträre Sexual Empfindung wiirzolt; <rpht mich nns der Tatsache 
hervor, daß der wollüstige Traum des mänuliclien Urnings männ- 
liche. il<'r des Weib liebenden Weibes weibliche Individuen, bzw. 
Situationen mit solchen zum Inhalt hat." Von 100 Homosexuellen, 
denen ich die Frage vorlegte: „Bezogen sieh die Liebesträume auf 
PerMmen desselhen oder andern Gesohleehtst" antworteten 87 Proa,: 
i^asBishlieBlieh auf Personen mannliehen Geeohleehts.*' Von dem 
Reet hatten die meisten keine erotischen Träume oder konnten sich 
nicht an solche erinnern. 

Wie die Träume homosezneller Männer den Verkehr mit 
Männern, so haben die mit sexuellen Erregungen verknüpften 
Träume homosexueller Pranor) don Terlkehr mit Frauen zum Inhalt. 
Einige träumen, sie seien Männer, andere wiederum, sie schmiegten 
sich als Frauen an von ihnen geliebte Weiber. 

Einer der häufij^sten Träume homose?cueller Frauen ist, daß sie 
von einem geliebten Weibe ein Kmd empfangen haben, eine Vor- 

I Stellung, die auch sonst in ihren Phantasien uhd Tagträumen eine 

I Bolle spielt. 

[ Sehr Beaehtenswertes ifiber das IVaumlehen Homosexueller 
. findet sich in der kleinen Schrift des Petersburger Arztes Tar- 
I n 0 w s k y , die in Sachen der Homosexualität einige ganz ausgezeich- 
I nete Beobachtungen neben vielem Phantastischen enthält"): „Stellt 

\ ach die I*ubertät ein, so kommen in der Nöcht Erregungen mit Samen^ 
\ entleerung vor. Die Pollutionen sind von Träumen begleitet, zuerst 
von undeutlichen, leicht vergeßbaren; doch sie werden mit jedem 
Male deutlicher, bestimmter und frappieren liäufig den Jüngling 
selbst durch ihre Sonderbarkeit. Im Traum erscheinen ihm nicht 
weibliche Liebkosungen, nicht Begegnimgen mit Frauen, sondern er 
; reproduziert den Händedruck, den Kuß erwachsener Männer» vor- 
zdglieh körperlich gut entwiekelter. Die äußerste mit Samenerguß 
endende sexuelle Erregung wird im .Traum nicht durch eine Frauen- 



Psych, MX., 7. A., S. 228, 

Tarnowaky: Qie ^ankbaften £r9Cheiiiuogen des Geschlechts, & Iii. 
Berlin 18ä6. i 



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196 



IV. K^itel: Die Homosezualit&t 



gestalt iierbeigeführt, sondern durch Umarmungen, Liebkosung€il 
und Küsse von MlnnenL Die ente ÄuBemiiff des SchamgefählB 
findet nieht hinsielitlieh Mädchen oder Frauen statt, sondern er- 
wachsenen Männern gegenüber. Der Enabe z. B. schämt sich mehr^ 
sidi'Tor einem fremden Manne zn entkleiden, als vor einem Weibe/* 

Tamoweky erwähnt hier auch mit Becht die Besonderheit des 
homosexuellen Schamgefühls. In der Tat ist diese;? ein weiteres 
wichtiges diagnostisches Merkmal. Gewöhnlich eretreckt sich die 
Scham eines Mensch pn auf daa Greschlecht, zu dem er sich hingezogen 
fühlt. Im all crem ei neu verhält sich der homosexuelle Mann in dieser 
Hinsicht äliDlich wie ein Weib, die homosexuelle Frau mehr wie ein 
Mann. Die Schamhaftigkeit mancher Urninge Männern gegenüber 
ist ungemein groB. Es gibt Homoseznelle, denen es blntsaner trlid, 
sich sweeks üntersuchnng Yor dem Arxte sa entkleiden» die bei der 
militäriachen.Oenitalyisitation irahre Hdlleminalen ansstefaen, viele» 
die in Abwesenheit anderer Männer anBerstande sind, zu minieren. 
Die homosexuelle Frau ist» von verdrängter Libido nnbehindert, dem 
Manne gegenüber viel ungenierter, unbefangener und offener, als 
das heterosexuelle Weib. Ungeschlechtlich und kameradschaftlich 
fühlt sie sich oft zn ihm hingezop^en ; um so peinlicher berührt zieht 
sie sich aber in sich zurück, wenn sie sich von seiner Seite als Ge- 
sehl^htsobjekt angesehen wähnt. Beispielsweise kostet es der homo- 
sexuellen Frau im Gegensatz zu der heterc^exuellen meist keine. 
Überwindnng sidi vor dem Arzte zn entUdden. Besonders fni fühlt 
sie sich in Oeeellsohaft des homoseznellen Mannee, in der sie sieh 
nicht nnr vor sexueller Begehrlichkeit sicher weiB» sondern voraus- 
setzt, daß er ihrer Persönlichkeit Verständnis und wohlwollende 
Unparteilichkeit entgegenbringt. Viel verschämter wie dem 
Manne, verhält sich die homosexuelle Frau anderen homosexuellen 
Frauen gegenüber, namentlich geniert eich die femininere oft sehr 
vor den virileren Homosexuellen. 

Manche Urninge geben an, daß es ihnen schon ein eigentüm- 
liches Wohlbehagen bereitet, wenn sie Worte wie Jüngling, Bursche, 
Mann» Held oder gewisse männliche Vornamen lesen oder hören; 
Urninden berichten in ähnlicher Weise, daß ihnen Ausdrücke wie 
Maid» Mädchen» Weib» Freundin und ebenso Frauennamen besonders 
wohllautend erscheinen (Wörtzauber). 

Beweist Jeder gleichgeschlechtliche Akt auch nicht mit Sicher-' 
heit konträre Sexualempfindung, so unterstützt er doch die Diagnose 
ungemein und stellt sie völlig sieher, wenn zugleich die psychische 
Grundingo nnoli gewiesen worden kann. Es liegt in der Nntnr jodos 
Triebes und des Geschlechtstriebes im besonderen, daß es den von 
einer Zuneigung Erfaßten treibt, sich der Lustquelle zu nähern. Um 
seinen Sinnesorganen eine wohltuende Empfindung zu verschaffen, 
in erster Idnie seinem Auge und Ohr» sucht er so oft wie möglich die 



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IV. Kaiiitel: Di« HomosexualitAt 



199 



Gesell Schaft der Objekte, von denen dieser Heiz ausströmt. Das 
zweite Stadium der Betätigrong entspringt dem Bedürfnis, den ge- 
lit'bton Oegre'nstand zu fassen und zu fühlen. Bei dieser Kontakt- 
herstellung kommen vor allem die Teile des Körpers in Betracht, 
welche mit besonders feinen Tastkörperchen ausgestattet sind: die 
Hand, der Mnmi uini die Gesehleeht^;organe. Wie im normalsexuellen 
Verkehr, tragen auch im homosexuellen die wechselseitigen Berüh- 
rnngen nnd Betastangen dies^ Teile den Charakter eines Treppen* 
reflexes infolge des dnreh den Instbetonten Beiz sich immer 
höher steigernden Spannnngs- und Entspannnngs* 
dränge. 

"Rs ist eine alte Tradition, die heute noch Tiirht nur bei Laien, 
sondern auch untrr Ärzten und Juristen eine proße "Rolle spielt, in 
dem Verkehr homosexueller Männer und Frauen einen aktiven 
und passiven Partner sowohl in bczug auf die Anbahnung als die 
Ansffihrung anzunehmen. 

Es gab sogar nnd gibt auch gegenwärtig noch Völker, die in der 
Beurteilung homosexueller Akte einen wesentlichen üntersehied 
zwischen aktiven und passiven Betätigungsformen statuieren, nur 
die passiven sind ihnen Gegenstand der Verachtung und des Spottes, 
während die aktiven als etwas Gleichprültig'eres hingenommen wer- 
den. Diese ttherlieferung aus der Antike hat sieh namentlich im 
gany.en Orient, aber auch in vielen Gegenden Südeuropas und Süd- 
amerikas bis auf den heutigen Tag erhalten. Es scheint hier der 
Gedanke mltauwirken, daß diejenigen, die sich zu passiven Akten 
hergeben, fast immer Effeminierte und wirkliche Homosexuelle sind» 
wiOkrend die aktiven Handlungen nieht selten auchr von Bisexuellen 
oder von Heterosexuellen als Surrogatakte vorgenommen werd^ 

Gegen die alte Einteilung der Homosexuellen in aktive und 
passive läßt sich mancherlei geltend machen. Wir wissen heute, 
^ daß der Akt der analen Immission und Öuszrption, von der diese Ein- 
teilung iliien Ausgang srenommen hat, keineswegs die gewöhnliche 
homosexuelle Betätiguuijibform ist; im Gegenteil, diese Verkelirsform 
wird an Häufigkeit von anderen Betätigungsarten weit übertroffen. 
TVle will man aber beispielsweise bei der verbreitetsten Verkehrs- 
weise, der mutaellen Ifastnrbation, ^e Aictiven und Passiven unter- 
scheidenl Gewöhnlieh wird derjenige, der den anderen berührt, als 
,der Aktive angesehen. Denken wir uns aber die Hohl band als Sub- 
stitut der Vagina, eine Vorstellung, die ich gelegentlich von Staats- 
anwälten in ihren Plädoyc^rs habe au8spre<rhen hören, so erscheint 
in der Tat derjenige, der sich der Hand des anderen zur Erzielung 
seines Orgasmus bedient, als der Aktivere; nicht andei*s ist es im 
oralen Verkehr. Hier wird meist derjenige, qui membrum alterius 
in OB sumn susoipit, als passiver Teil eraehtet, in Wirklichkeit ist 
er aber vielfach der Aktivere gegenüber demjenigen, der, oft voll- 



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200 



IV. Kapitel: Die HomoMxiiaUUU 



kommen passiv daliegend» den Akt an sieh Tornefanien laßt. Es ist 
deshalb auch spraehlicb vollkommen richtig, wenn in Gerichts^ 
Verhandlungen dem Angeklagten zur Last gelegt wird, er habe als 

'J'ätcr mombrum in os „genommen", niclit etwa empfangen. Selbst 
bei dem analen Verkehr kann der Tmiiii tierende passiv sein, bei- 
spielsweise wenn, wie ich ebenfalls vor (Jerieht wiederlioit habe 
nachweisen hören, der eine Angeklagte sich nackt auf den nackten 
SehoB des anderen setzte. 

Streng genommen ist überhaupt jeder sexuelle Verkehr ein 
,mntneller, kein ausschlieBlioh aktiver und passlTor ; die Partner 
verkehren eben „miteinander", wenngleich zugegeben Werden kann, 
daß vielfach l>ei dem einen die Aktivität, bei dem anderen die Passi- 
vität vorherrscht; meist findet sieh aber bei beiden beides, und diese 
Eiuteilnng^ ist deshalb nur in einem verhältnismäßig geringen Bruch- 
teil der Fälle durchführbar. In höherem "Maße gilt dies noch für die 
seelische Aktivität und Passivität. Ebenso wie sich in jedes Men- 
schen Wesenheit untrennbar der virile nnd feminine Anteil mischt, 
sind auch in seinem Tan stets die aktive nnd passive Komponente 
verbunden, wennschon verschieden stark. Urninge, deren 
Neigung es ist, im Sexualverkehr sehr hingebend zu sein, sind oft in 
der Anknüpfung von Liebesbeziehungen nichts w<^niger als passiv, 
im Gegenteil, wenn auch meist mehr lockend, reicht aggressiv. 

Hinsichtlich der eigentlichen Sexuaiakte besteht zwischen den 
männlichen nnd weiblichen Homosexuellen eine vollkommene Ana- 
logie. Bei beiden können vier Hauptformen unterschieden werden: 
die manuelle, orale, femorale und anale Betätigung; letzterer ent- 
spricht beim Weibe die membrale. 

Die manuelle Verkehrsform wird vielfach auch als mutuelle 
oder wechselseitige Onanie bezeichnet. Dieser Ausdruck ist aber 
irrcfiibrend, da der Begriff der Onanie als Selbstbefriedigung mit 
dem der WechseLseitigkeit im Widerspruch steht. Es fehlt hier ein 
der fellatio, ('UTiiiilincft io oder pedieatiu entsprecheud<'s Wort, für das 
ich die Bildung digitatio vorgeschlagen habe. Das Wesentliche 
dieses Aktes besteht in der Vereinigung von Hand und Genitalien, 
in Betastungen, Berührungen nnd schließlich Friktionen des 
männlichen oder weiblichen Geschlechtsteils. Wie beim Manne das 
Membrum, so ist bei der Frau Klitoris und Vulva, seltener die 
Vaginalsehleimhaut Zielpunkt der Hand. Nach den von mir in der 
forensischen und konsultativen Praxis gesammelten Erfahrungen 
dürfte die Digitatio in etw\'i 40 Proz. der Fälle die von homosexuel- 
len Männern und Frauen ausscliließlich geübte Verkehrsform sein. 

Ebenfalls in etwa 40 Proz. der Fälle findet im männlichen und 
weiblichen Homoseznalveirkehr die ja auch im heterosexuellen weit- 
verbreitete Vereinigung der feinen Tastkörperchen der Mucosa 
labialis und lingualis mit denen der Qenitalorgane die orale Ver- 



\ 



IV. Kapitel: Die HomosexualiUit 201 



>ehisförm statt Aneh hier ist der Verkehr entweder rnntiieU, oder 
aber die Verkehrsart, und zwar scheint mir dies häufiger zn sein, 
ifit eine einseitige, «lergestalt, daß der eine Teil nur lambit, der andere 
nur lambitur. Dabei konnte ich mich in vielen Fällen nicht dee 

Eirdmeks crwphren, daß der Lambitus den Charakter einer 
der freien Entschließung entzogen»en Beflexbewe- 
^ u n g trug. 

Im Verhältnis zum mutnellen und oralen Verkehr ist der f em o - 
rale bei homoeexuellen Männern und Franen wesentlich seltener, 
was mn so bemerkenswerter ist, als diese Form, in welcher der aktive 
TbÜ naeh Art des Mannes ineubns, der pastive nach Art der Frau 
«noenhns ist, noeh am ehesten als eine Imitatio coitus normalis an- 
gesehen werden könnte. Beim Manne findet dabei eine Appressio 
iniembri ad partem aliquam corporis alterius statt. Oft dringt dabei 
der G^sfliler-htstei] des einen Partners in die von den Schenkeln 
unterhalb des Skrotums gebildete Vertiefung (inter fenior.i), in die 
er dann ejakuliert. Vielfach wird auch durch den Druck des mem- 
brom auf die Hodensackraphe eine Pseudovagina hergestellt, oder 
es werden sogar ans pflanzlichem oder tierisehem Gewebe Seheiden- 
imitati<men verfertigt und umgebunden. In einem solehen FaU, der 
SU einer Verhandlung in foro führte, sprachen die Biehter frei, weil, 
ine es in der Begründung hieß, das Boich sgericht nur die immissio 
in corpus alterius bestraft wissen will, ein umgeschnallter Ge- 
fch]e< htsteil aber nicht als ein Teil des Körpers erachtet werden 
könne. 

Bei der Frau findet in anaioger Weise eine Appressio vulvae 
ad vulvam aut alteram partem corporis feminae, oder auch der 
Versueh einer immissio ciitoridis in Taginam statt. Die An- 
gabe» daß im homosexuellen Framenverkehr . Weiber mit großer 
Klitoris bevorzugt werden, die dann gleichsam die Stelle des 
Penis vertritt, findet in den Tatsachen keine Bestätigung. Der 
femorale Verkehr wurde müer 100 von mir beoltnohtetcn Fällen 
männlicher und weiblicher Homosexualität in ca. 12 zur Herbei- 
führung des Orgasmus aussclüießlich geübt oder sehr stark be- 
vorzugt. 

Verhältnismäßig am seltensten, nämlich etwa nur in den noeh 
restierenden 8 PkOB. der Fälle, findet bei männlichen Homosexuellen 
die BUnführung des Gliedes in annm, die sog. Pedikation, bei 
homosexuellen Frauen die analoge Einführung eines künstlichen, 

meist um geschnallten Phallus in die Vagina statt. Das Gemeinsame 
heider Akte ist ilie Bevorzugung fiiie« dem mnnnllelMMi Membrum 
und der weiblichen Vagina in ihrer Be.seliafi'euheit möglichst nahe- 
kommenden Orgaus, wobei es psycho logii^h von niii- untergt^ordm ter 
Bedeutung ist, daß dieses im Falle des Mannes ein dem Körper 
selbst zugehöriges schlauchförmiges Gebilde, nämlieh das Rektum, ist. 



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202 



IV. Kapitel: Die Honunexualit&t 



In Deutsclilaiid iiabe ich mehrfach bei homosexuellen Frauen 
einen ans sehr einfaehem und billigem Material hergestellten PballuB 
angetroffen. Er besteht ans einem etwa fingerdicken Holzstab al» 
Kern, der in ziemlieh viel Watte eingehüllt ist Damm wird eine 
Leinen-, Mull- oder Kambrikbinde kunstgerecht gewiekelt und das 
ganze mit einem Kondom überzogen. Der aktive Teil pflegt dieses 
Instrument beim Gebrauch an einer Menstrualbinde befestigen. 

Dem instrumentalen Homosexuaiverkehr des Weibes und dem 
analen des Mannes ist gemeinsam, daß hier schärfer als sonst der 
aktive imittierende Teil, gleichviel ob unter Frauen oder Männern, 
^ism jMUsiTen, rezeptive gegenübersteht, der bd beiden Geeohleoh- 
tm der femininere zn sein pflegt Jm allgemeinen ist es die Begel» 
daß der aktive Partner, der in annm oder onm membro artifieiali 
verkehrt, sich nicht auch seinerseits zum passiven Teil dieser Posi- 
tion hingibt und umgekehrt, daß der passive sich nicht mit dem 
Phallus umeriirtet, oder selbst iramissio in anum aktiv vollzieht. 

Wiederholt berichteten mir Pygisten, daß sie beim Orgasmu» 
des Partners die Empfindung- hätten, als ob sich auch bei ihnen 
innerhalb des Rektums unter Wollustschauder ein Sekret absonderte. 
Solohies vollen sie aneh, ohne daß ein viridieher Analverkehr statt- 
fand, im Tranm wiahrgenommen haben. 

Die relative Seltenheit des analen Verkehrs erklärt sich nicht 
ans den gesetzlichen Beschränkungen, auch nicht ans Gedanken- 
hemmungen, die in den Akt etwas besonders Unästhetisches hinein- 
legen, sondern dadurch, daß dns instinktive Bedürfnis g-erade diese 
Vereinigung zu vollziehen und dementsprechend die Befriedigrnng 
fehlt. Nicht selten stehen der Ausführun^r im passiven Verkehre 
mmli meclianische Hindernisse, Engigkeit und Reizbarkeit der 
Sphinkteren und infolgedessen Sehmerzhaftigkeit entgegen. Häu- 
figer, als angenommen wird, ist die rektale Gonorrhö e. 

Es kommt übrigens auch vor, wenni^lelch wohl sehr selten, daß 
Franen sich von anderen Franen com phallo pedizieren lassen, ja 
sogar, daß Männer sich von Frauen in dieser Weise gebrauchen 
lassen. Vor einiger Zoit richtete eine Dame der besseren Gesell- 
schaft an mich die Aufrage, oh dieser von ihrem Gemahl ge- 
forderte Akt — der natürlich weniger in das Gebiet der Homo- 
sexualität, als in das des Masochismus fällt — strafbar sei, was zn 
verneinen war; femer, ob er als Eheseheidnngsgnmd gelten könne, 
was als wahrsoheinlieh bejaht werden mnßte. 

Es ist zu bemerken, daß bei den meisten Männern und Frauen, 
und zwar nicht nur bei Homosexuellen, der Anus eine fast ebenso 
starke erogene Zone darstellt, wie Mund und Hnnd, vielfach sogar 
diese an erogener Reizbarkeit noch übertrifft, iXiiier M:tjhören auch 
Vereinigungen der» digitalen, labialen und lingualen Nerven- 
endigungen mit den analen Termiiialkörperchen keineswegs zu den 



# 

IV. Kapitel: Die Homosexualität 



203 



Raritäten, sei es iu Form der Immissio digiti in annm viri aut 
mulieris, die sich dann häufig mit dem Tactus genitalis maniis alte- 
rius kombiniert, sei ee als Anilinctio des Mannes am Manne, des 
Weibes am Weibe (wie Übrigens aueb des Weibes am Manne nnd 
des Mannes am Weibe). 

Es gehört zn den vielen forensischen Seltsamkeiten, daß die 
Anilinctio ebenso wir dicCunnilinctio ininpg>ensatzzuderPenilinctio 
straflos ht. Die homospxn ollen MäniK r und Frauen empfinden sie 
aber selbst als obszöner, als die anderen Akte nnd schämen sich 
daher sehr, sie znmigestehen. Ein Fall, der das eben Gesagte gut 
illustriert, trug sich vor einigen Jahren in einer rheinischen jGrofi- 
stadt zn. Dort worde ein bomosezneller Kaufmann infolge von 
Briefen, die seine Wirtschafterin gelesen nnd der Polizei übergeben 
hatte, in ein scharfes Verhör genommen. Schließlich gab er anf 
eindringliche Yorstellnngen zu, Membrum alterins in os genonmien 
zu Laben. Als dann gegen ihn Anklage erhoben werden sollte, kam 
er 7T1 mir. Im Laufe der Unterredung gestand er, daß er „eigentlich 
noch etwas viel Schlimmeres" getan hätte, als er zugestanden, er 
hätte nämlich den Lambitus nicht am Penis, sondern am Anus des 
anderen vollzogen und ihn dabei masturbiert^ Er war nicht wenig 
eistannt, als ich ihm sagte: ,J)aa ist ja straffrei." Als er dann dem 
Gerieht mitteilte, dafi er den strafbaren Akt angegeben hätte, weil 
er sich geschämt hätte, den straflosen zuzugeben, wollte man ihm 
anfangs nicht Glauben schenken, stellte dann aber anf ein ausführe 
lieh bejrründctes Gutaeliten das Verfahren dennoch ein. 

Im allüremriTicn herrscht hinsichtlich der Vorliebe für einen 
bestimmten Akt eine sehr weitgehende Stereotypie vor, die sich 
oft sogar auf ganz detaillierte Begleitumstände ei-btrockt. Es hat 
daher eine gewisse Berechtigung, wenn Hmnoseznelle» die an- 
geschuldigt sind, Immissio in ob oder annn^ Torgenommien zu haben, 
sich spontan erbieten, Zeugen beizubringen, die unter Eid bekunden 
würden, daß sie sich ,4 mm er nur'* duveb nmtnelle Digitetion be- 
friedigt hätten. 

Allerding-s ist zu berücksichtigen, daß zwei Umstände Aus- 
nah inon von der Kegel bewirken; einmal kommt es vor, daß homo- 
sexuelle Männer und Frauen eine ihnen bisher unbekannte Art, wie 
sie wohl sagen, „der Wissenschait halber" ausprobieren, um aller- 
dings dann meist wieder rasch zu Ihrer „Fagon" zurückzukehren. 
Ferner aber, und das ist häufiger, entscheidet nicht nur der eigene 
Wunsch, sondern der des Partners die Verkehrsform. So lassen sich 
vielfach Homosexuelle im Auslande pedizieren, die eigentlich gar 
keine Neigung dazu haben, nur weil der normal sexuelle Einprehorene, 
mit dorn sie sich eingelassen haben, oft nnter Ablehnung anderer 
Handlungen, darauf bestf bt. Auch Chanteure legen oft in raffi- 
nierter Weise Wert darauf, daß der homosexuelle Partner strafbare 



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204 



IV. Kapitel: Die Homosexualität 



Handlangen, wie aktive Pedikation, mit ihnen vornimmt, trotzdem 
dieser sie gar nicht hegehrt, weil sie glauhen, ihn dann sicherer in 
ihrer Gewalt zu haheu. 

Ich habe wiederiiolt tot Oeileht aPBeinanderroBeteen mleb 
müht, daB vomi Standpnokte des Arztes zwiselien dem „Goitiis in 
anmn oder manum'* der ünteraohied nur an sehr gidrhiger seL 
Welche Handlung der einzelne Homoeexnelle Tomimmt, hängt 
größtenteils von dem Grad und der Art seiner erogenen Beizbarkeit 
ab. Je leichter jemand auf homosexuelle Beize reagiert, je homo^ 
sexueller er also sozusagen ist, nm m leicht^^re, wir» man sich aus- 
drücken hört, „harmlosere*' Berührungen genügen oft zur £nt- 
spannnnpf. 

Es fragt sich nun, und diese PVage ist praktisch von hoher Be- 
deutung, ob der Geschlechtstrieb homosexueller Männer und Frauen 
dauernd liehcensehbar kt, oder in gewiasoi AbsiSnden Befeiedi- 
gung erheieeht. Halten wir nns snvörderst an die gesebenen Tat- 
sachen, so ist asn sagen, da0 wohl kanm 5 yon hundert Hotnoeexoellen 
ihren Trieb dauernd unterdrücken, oder durch Automasturbation er- 
setzen. 95 Proz. erklären ihren Trieb für unbehierxiBchbar und be- 
tätigen sich dementsprechend, allerdings mit sehr verschieden langen 
Zwischenräumen, einipre ebensooft im Jahr wie andere im Monat, unfl 
wieder andere in der Woche. Danach w iirdo es «llerdinps scheinen, 
daßKrafft-Ehing recht hatte, wenn er auf Grund semer umfangreichen 
Beobachtungen sagte (in „der Konträrsexuelle vor dem Straf richter'*) : 
„Die homosexuelle Empfindung kann sich zeitweise so heftig 
Befriedigung erzwingen, daß Beberxechung unmöglieh wird. Es 
ist sogar geltend gemacht worden, dafi die Anfregnngen nnd Ge- 
fahren, welche das Verbot homosexueller Handinngen mit sich 
bringt, leicht die nefvOee nnd aneh sezaelle Erregbarkeit steig>ert" 

Ea Uegt schon etwas Wahres darin, wenn Carpenter bemerkt: 
„Indem man diese Menschen nötigt, jede Äußerung ihres Gefckhles 
zurückzuholfen, pribt man P^-'hlipRlich nur Anlaß zu einer um so ge- 
.waltsameren Entladung der dadurch erzeugten inneren Spannung; 
und man darf wo)il anuehmen, daß das britisclie Sittengesetz, 
das schon die geringsten Äußerungen einer Zuneip^ung zwischen 
Jünglingen und Männern verbietet, in Wahrheit seiner eigenen 
Absieht entgegenwirkt." (Carpenter, Bas Mittelgeschleeht, S. 67.) 
In praxi stehen die meisten Bichter und' Sachverständigen 
heute auf dem Standpunkte, daß sie zwar eine homesezaelle 
A n ] a c zugeben, jedoch meinen, dieser Trieb könne durch 
den Willen besiegt werden. Demgegenüber ist zu betonen, dafi der 
Geschlechtstrieb nur in der Richtung, nicht in der Stärke von 
dem normal sexuellen Trieb verschieden ist, nur wer für diesen 
lebenslängliche Enthalt s.-nnkeit für mögiieh hält, kann es auch für 
jenen tun. Ich bin der Meinung und habe diesen Staudpunkt in 



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IV. Kapitel: Die Homosexualität 



20& 



Tielen hundert gerieliüiclieii Verhandlungeii vertreten, daß der 
hoanoMznelle Trieb ak solcher durch den Willen reguliert werden 
kann, und für sich allein die Voranssetzimgen des ^ 51 Str.Gh^. 
nicht erfüllt. Als mildeinder TJnistand kt die konträre Seznalitat 
hl allen Fällen zu erachten. Bei heftiger Triebstarke muB ein ge* 
wisBenhafterSaehventändiger oft „begrründete Zweifel" an der freien 
Willensli( Stimmung für vorliegend erachten, was nach dem Rechts- 
gniüdsatz ,,in duT>irt pro reo" und reichsgerichtlicher Entscheidung 
zum Freispruch ausreicht. In der großen Anzahl von Fällen aber, 
in denen die Homosexualität mit psych opathiscben Momenten ver- 
knüpft ist — mögen sie primär auf einer geschwächten oder krank- 
haften psychischen Konstitution, oder sekundär auf nervösen Krank- 
Biideii, die als Folge der Veranlagung (z. B. Hyatero- 
neurasthenie) anzusehen sind, beruhen, steigern sich vielfach 
dieZweifelan der Verantwortlichkeit des Täteis zu nnzweifel- 
hafter Oewifiheit 

Die Anffaeenng, daß die Homosexualität des Mannes durdi 
Übersättigung am Weibe, die des Weibes doreh Überdruß am Manne 
entstehen könnte, hat man längst fallen lassen müssen. Hingegen 
steht ('S fest, daß Männer und Frauen von ungewölmlich starker 
Willens- und Geisteskraft trotz größter Mühe außerstande waren, 
die Richtung ihres Geschlechtstriebes umzuändern. Es liegt in der 
konstitutionellen Natur der Homosexualität begründet, daß sie mit 
dem ganzen Wesen der Persönlichkeit auf das innigste verschmolzen 
ist. Der homosexuelle Mann nnd die homosexaelle Frau unter- 
fleheiden sich nicht nnr in der Blchtnng des GeBohlechstriebes von 
heterosexuellen Mfiunem und IVanen, sondern durch düe Sonder- 
art ihrer Individualität. Dies gilt nidit etwa nur für die femininen 
tmter den männlichen, und die virilen unter den weiblichen Homo- 
Bexuellen, sondern auch die anscheinend männlichen unter den homo- 
sexuellen Männern, und die weiblichen unter den homosexuellen 
Frauen unterscheiden sich von den markanter akzentuierten Typen 
ihre.«? Geschlechter. 

Würde die homoäexuelle Konstitution auf einem Persönlich- 
keitsstatus erwachsen, wie man ihn genau so auch bei normalsexuel- 

Verhalten findet, so wäre dieses in der Tat eine hdd^st merk^ 
vordige Inkmequenz. Tatsächlich ist dem aber nicht so. Die 
homosexuelle Konstitution steht im engsten Zusammenhang mit 
siner ^edfiBdien Konstituiloii der Gesamtpersönitchkelii die man* 
da sie weder voUmäunlich noch vollweiblich ist, als inter- 
sexuelle bezeichnen kann. Diese wiedpmm ist fast stets mit einer 
üeuropathischen Konstitution verknüpft. 

Es ist ein Fehler vieler Forscher auf diesem Gebiete, daß sie 
das Geschlechtsleben vielfach als Erscheinung für sieh, losgelöst von 
der Peisönlichkeit, untersuchen, mit der es in Wirklichkeit ganz mi- 



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206 



IV. Kapitel: Die Homosexualit&t 



trennbar verbunden ist. Sehon in einer meiner ersten Arbeiten nber 
diesen Gegeostandt in dem Leitartikel der M^ahrbüeher für sexuelle 

Zwischenstufen", sobrieb ich: ,J)er bomoeexaelle Mensch darf nicht' 
allein in seiner Sexualität, er mufi in seiner gesamten Individualität 
aufgefaßt und erforscht worden. Seine geschleolitliolien Neigungen 
und Abneigungen sind nur Symptome, sekundäre Folge- 
erschein u n gen, das Primäre ist seine Psyche und sein Habitus 
in ihrer Gesamtheit." 

Man hat demgegenüber geltend gemacht, daß den männlichen 
und weibliehen Einschlägen, anf die man bei der Besefar^bnng 
nmiseher Individualitäten den Hauptwert gelegt bat» ein so boher 
diagnostifloher Wert nicht beigelegt werden könne, da sich die 
meisten dieser Merkmale gelegentlich aueh bei Niebtnrningen finden, 
und anderseits Urninge s?ie nicht selten vermissen lassen. An der 
Tatsache an sich, daß nämlich auch bei heterosexuellen Männern 
dann und wann feminine Stigmata, etwa hohe Stimme oder 
Bartlosigkeit, und ebenso bei heterosexuellen Frauen virile Zeichen, 
wie Bartwuchs oder Männerbecken, vorkommen, ist an sieb nicht 
2U zweifeln, nur übersieht man, daß es bei sämtlichen Gesobleebts- 
Charakteren auch unter völlig normalseznellen Verhältnissen stets 
nur auf das durchscbnittliebe Maß ankonomt, daß der Begriff der 
Norm hier mehr wie sonst nur ein relativer, also mit dem Begriff 
der Mehrheit ^nsamTnenfHllendcr ist. Pus ist begründet in der 
sexuellen Variabilität überhaupt, die ihrerseits eine absolute ist, da 
es zwei gleiche Sexuaiindi viduaiitäteu überhaupt 
nicht gibt. 

Jedenfalls erleicbtem gynandriscbe Zeichen die Diagnose 
der Homosexualität wesentlich« Daß meist nur einige Abweichung^ 
vom Sexualtjrp^ vorbanden sind, kann den Arst um so weniger ver- 
wundem, als, wie wir wissen, niemals weder im Bereich des Patho- 
logischen, noch innerhalb der Breite des Psychologischen alle Sym- 
ptome einer Erscheinung vorhanden sind. Gehen diejenigen zu weit, 
die aus dem Schwanken alterosexueller Merkmale, dem gelegent- 
lichen Fehlen einzelner oder scheinbar aller bei Homosexuellen ihre 
diagnostische Bedeutungslosigkeit folgern, so gehen nach der anderea 
Seite auch diejenigen in ein Extrem, die diesen Zeichen eine allzu 
spezifische Bedeutung zuschreiben, etwa meinen, je ausschließlicher 
eine Frau homosexuelle sed, um so viriler müsse sie sein; mit der 
Homosexualität einer Frau, der man nichts anmerke, könne es „nicht 
weit her" sein, oder, die, wie Ulrichs, glauben, ein Homosexueller, der 
viele fnninine Zeichen hat, fühle sich nicht zu bartlosen Leuten hin- 
gezügeu, sondern nur zu reiferen, älteren Männern, Alle diese mehr 
theoretischen Konklusionen halten gegenüber einer ausgiebigeren 
praktischen Erfahrung nicht stand. Nur zeigt sich bei gewissenhaf- 
tester PHlfnng und Untenniehung der Homosexuellen, bei längerer 



IV. Kapitel: Die Uomosexualilal 



207 



• 

Besehäfti^rung mit ihrem Zuband, daA diehomosezaeUeFraain ihrem 
OesamtsiBtus, namentieh dem peyehieehen, niemals den vollweib- 
liefaen Fronen glisicht, daß sie zwar i»«sentlich femininer als die viril 
homosexuelle Fran, aber nicht so feminin wie ein heterosexuelles Weib 

ist, nnd daß es ganz ähnlich mit den homosexTiellen Männern ist. 
Auch hier gibt es viele, denen man nnßerlich nichts anmerkt. Be- 
wußt und nnbpwußt erstreben die meisten dies auch; fast täglich 
richtet unter den Homosexuellen, die mich aufsuchen, der eine oder 
andere die Frage an mich, ob man ihm wohl ,,etwas ansehen" könne. 
Sehr oft ist dies m verneinen, denn viele maehen in der Tat« zunächst 
einen ganz männliehen Eindruck. Stets wird aber awsh bei ihnen 
der' sorgsame Bbcpert nach und nach zum mindesten psyehisohe 
Zeichen finden, welche die Überflrangsstnfe charakterisieren. Ich' 
kenne hier keine Ausnahme. 

Wie die seelischen In- und Deklinationen sif'h bereits in früher 
Jugend verraten — Westphal meinte, daß ihre ersten Anzeichen im 
achten Lebensjahre in die Erscheinung treten — , so ist auch der 
sexuelle Eigenstatus, namentlich in seinen psychischen Zügen, 
meUt lange vor der Pubertät bemerkbar. Er ist für die Früh- 
diagnose sogar, oft bezeichnender als die Zn- nnd Abneigungen. 
Ebenso scharfsinnig wie zutreffend bemerkte schon vor mehr als 
20 Jahren von Schrenck-Notzing"): „Sehr wichtig für die originäre 
Anlag'e znr konträren Sexnalempfindung" ist der Nachweis, daß sich 
der weibliche Typus im männlichen Kinde schon vor der Zeit der 
ersten sexuellen Regrinp-pn (vor der Pubertät) charakterologisch 
entwickelt hat, und daß aus diesem weiblichen Charakter, als eine 
folgerichtige Teilerscheinnng, weibliches Geschlechtsgeffihl entstand 
ohne einen Zwang der äußeren Verhältnisse.'' y. Sohrenek-Notzing 
hielt, als er dies sehrieb, diesen Nachweis nicht erbracht, heute seheint 
es mir sicherzustehen, daß der üranier von vornherein den Stempel 
seiner körperlichen und geistigen Eigentümlichkeit träfet. Seine Be- 
sonderheit ist von frühestor Jugend vorhanden, während sie bei 
anderen, trotz gleicher Erzichnng und frleichem Milieu, fehlt. Jeder 
Hoiuüsexuello erinnert sich, daß er anders g-eartet war als die ge- 
wöhnlichen Knaben. Sehr oft war ihm die Tatsache, wenn auch 
nicht die Ursache, schon während der Schulzeit klar. Weniger von 
ihm selbst, als von seinen Angehörigen und Femstehenden wird in 
dieser Eigenart das Mädchenhafte erkannt. 

Mir haben die Mutter von Urningen wiederholt berichtet, wie 
unglücklich ihre Kleinen waren, als sie „die ersten Hosen" erhielten, 
wie so nichts von Stolz in ihnen war, mit dem diese Umkleidung 
eehte Jungen erfüllt Ulrichs") erzählt von sich selbst: „Sehr 



13) A. a. 0., S. 19^. Aus dem Jahre 1802. 
») Ulrtekti Homnoii. S. 



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208 



IV. Kapitel: Die Hoiooaexualitäl 



sehmerzte es mieb, als ich soeist „Jungenzeng** anadehen maßte. 
Oft habe ich in jener meiner entern Kindheit, "wie man mir ap&tar 
enählt hat, klagend nnd jirotestierend gesagt: „Nein, ich will ein 
Mädchen sein." 

Von manchen Seiten, besonders von Tarnowsky, ist vorgeschla- 
gen, Knaben, welche zu weiblirhen Bescliüftigting-f n Ti^igeu, recht 
zu verspotten, um so der Entwicklung" homosexueller Triebe 
vorzubeug-en. Ee heißt die Macht der Erziehung weit überschätzen, 
wenn man annimmt, daß dadurch eine so tief in der Persönlichkeit 
wurzelnde Triebkraft nennenswert beeinflußt werden könnte. Wir 
halten diese prophylaktischen MaBnahmen nieht nnr für wirkungs» 
los, sondern auch für verhSngnifivoll, weil sie geeignet sind, das 
ohnehin schüchterne, empfindsame, nmisehe Kind noch zaghafter 
und scheuer zu machen. Biese Kleinen verspüren es instinktiv, daß 
sie eigentlich weder zu den Knaben, noch zu den Mädchen gehören, 
ihr Selbstvertranen leidet unter diesem Z w i e s p a 1 1 e , sie nehmen 
alles tiefer und ernster als die gleichaltrigen Kameraden. Eine 
wohlbedachte Erziehung soll das psychologische Erfassen der 
Kindesaeele zur Grondlage haben, sie sollte individnaliaieren, Inden» 
sie die vorhandenen gnten Keime in die rechten Bahnen leitet, die 
schlechten Anlagen liebevoll hemmt. Statt dessen werden in völliger 
Unkenntnis der urnischen Kindeeseele, welche sich schon deutlich 
von der Knabenseele durch eine größere Rezeptivität, von der 
Mädchenseelp durcli stark rc Produktivität unterscheidet, viele 
Keime, deren sorgssame rtlege sich außerordentlich verlohnen würde, 
mit einer das kindliche Zentralnervensystem oft schwer affizieren- 
den Gewalt unterdrückt. 

Die oft in hohem Ghrade vorhandene geistige Begabung bei 
urnisGben Knaben wird doroh eine gewiese Unsicherheit und Vor- 
träumtheit, oft auch durch Zerstreutheit infolgie allzu reger Phan- 
tasie beeinträchtig^ doch kommen die meisten recht gut in der Schule 
mit; eine besondere Vorliebe besteht für schöngeistige Fächer^ 
namentlich für Literatur, (leschiehte und Geographie, auch für 
Musik und Zeichnen, etwas weiiig-er für Sprachen, da^renren zeigen 
sich von 100 urnischen Kiniiern 90 ungewöhnlich schwach für Mathe- 
matik veranlagt 

Die Kinderspiele, beharrliche Puppenspiele bei Knabra, 
Soldatenspiele bei Mädchen, halte ich für die Diagnostik sexueller 
Zwischenstufen von fast ebenso hohem Wert wie die Träume, wobei 
allerdings in Betracht gezogen wt?rden muß. daß manche Kinder zu 
Spielen neigen, die weder ein männliches, noch weibliches rrrpräge 
tragen, und daß es auch solche gibt, die überhaupt Spielen ab* 
hold sind. 

Hervorzuheben ist die mangelnde Eitelkeit umischer Mädchen. 
Nicht ohne Qrund sagt ein feiner Kenner der umisehen PsyehBt 



IV. KapiUi: Die HomotazuAUtät 209 



„Auf ein junges Mädchen, welches bei einem Spiegel achtlos, ohnti 
hineinzusehen, vorübergehen kann, wenn es sich ankleidet, auf einen 
Knaben, der mit groüem Vergnügen immer wieder zu demselben 
znr&ekkehrt, mnB man aohtliaben, denn beide verraten oft hierdurch 
fHäueitig ihre nmische Natar.** 

in der Beifezeit zeigen sich bei umischen E^ben und Mäd- 
chen allerlei von der Norm abweichende Erscheinungen. Der Stimm- 
wechsel tritt oft überhaupt nicht ein, manchmal crbtreckt er sich 
über eine lange Zeit, nicht ppiten macht er sich verhältnismäßig 
spät, mit 19 oder 20 Jahren, bemerkbar; sehr viele haben nach der 
Mutation noch eine Neigung, Sopran oder Fistelstimme zu singen, 
andere, die nicht mntiert haben, sind imstande, durch methodische 
Übungen ihr Organ wesentlich sn Tertiefen. Oft werden junge' 
Urninge wegen ihrer hohen, hellen Stimme geneckt, so schreibt ein 
nmischer Arbeiter: „Meine Stimme ist nicht gebrochen, man nannte 
mich in Arbeiterkreißen mit 19 Jahren wegen meiner hellen Stimme 
,Gretchen*." Bei vielen bleibt die Stimme ohne männliche Kraft. 

Umische Mädchen bokorampn zur Zr»it der Pubertät oft eine 
tiefere Stimmlage. Ich kenne einen derartigen Fall, wo ein Sp^^zial- 
arzt für Halskrankheiten, weil er einen Kehlkopfkatarrh annahm, 
mehrere Monate die Stimmbänder pinselte. Eine nmische, jetzt 
25jahrige Jonmalistin berichtet: ,Jn der Beifezeit trat der Adams- 
apfel starker bei mir hervor. Ich bekam ^ne Singstimme, die sich 
nur büs znni O zwisclif n der dritten und vierten Linie erstreckt, da- 
gegen das tiefe C des Basses umfaßt." Der Bartwuchs stellt sich bei 
nmischpn Jiin^rlingen oft «;ohr spät, oft auch recht spiirlirh und un- 
gleich ein. Dagegen ist hie und da bei umischen Knaben ein mit 
Schmerzhaftigkeit verknüpftes Anschwellen der Brüste zur lleifezeit 
zu beobachten. Bei umischen Knaben kommt nicht selten ein be- 
sonders üppiger, an das Weib erinnernder Wuchs des Haupthaares 
▼or, hingegen weist die Edrperbehaamng nmischer Mädchen oft 
yirile Anklänge auf. Von pathologischen Stonmgen findet man bei 
umischen Jünglingen TerhUtnismäBig häufig Migräne und Chlo- 
rose, 7:wei Krankheiten, von denen sonst mehr das weibliche Ge- 
schlecht heimgesucht wird. Bei urni;=r'lipn Mädchen findet man im 
Gegensatz hierzu die Pubertätsanäime äußerst selten, jedoch tritt 
nicht selten die Menstruation bei ihnen verhältnismäßig spät ein, 
Tor allem bei den virilen homosexuellen Frauen. 

Auf die Kindheit und Beif eseifafi|mi8cher Knaben und Madchen 
baut sich gams zwanglos imd natürlich das 4ätere Leben homo- 
sezaeller Männer und Frauen auf. Es ist bei den Urningen im 
wesentlichen gekennzeichnet durch ein Ausbleiben scharf 
ausgesprochener Männlichkeit. Das Umgekehrte ist bei 
Uminden der Fall. Hier kommt nicht die Weibnatur völlig zum 
Durchbruch, dafür gelangen mehr oder minder männliche Eigen- 
Biriehfeld« 8«ia«lpatlioKib. Ii. ]4 



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210 



IV. KapiteL: Die Homoaezuaütät 



Schäften rnr Entwickliinpr. Allee dies in sehr verschieden hohem 
Grade, so daß jemand, der Gelegenheit hat, viele HomoRexuelle zu 
fieheu, hald unschwer zwei Gruppen voneinander unterscheiden kann, 
die männlicheren Typen, denen mau zunächst weder in der Er- 
scheinung, noch im Benehmen die urnische Natur anmerkt, und die 
v^iblieheren, die in ihrem Wesen iinTerkennbar weibliche 
Eigeneehaften aufweisen. Ein betrSehtlicher ProsEentsats geht auch 
in Franenkleidem, und aneh die andern haben meifit in ihrer Tracht 
weibliche Einschläge, sei es auch nur im Schmuck oder in Parfüms, 
in Bändern und Strümpfen, gebrannten Locken und glattrasiertem 
Gesicht. Viele nähern sich auch in ihren Gesichtszüg-en, Teint und 
Ha?ir, in den mnden Fori^TPii. den hreiten Hüften, vor allem auch in 
ihrci- S^timme und Spiatlie dem Geaelileehtp. welchem sie g-ern ganz 
angehören möchten. Würde mnn ihre Gespräche hören, ohne sie zu 
sehen, s^o könnte man nach deren Inhalt manchmal geneigt sein an- 
zunehmen, daß zwei Damen in lebhafter Unterhaltung begriffen 
sind. Von den extremsten Fällen eagtErafft-Ebing, daß es „Weiber 
ia Hannerkleidnng mit männlichem Genitale'* sind, ein Wort, das 
an den Vers erinnert, mit dem einst der Spötter Martial einen 
Urning charakterisierte: „Pars est wo» patris, cetera matris habet" 
(„nur ein Teilchen hat er vom Vater, alles übrige von seiner Mntter'O. 

Zwei ganz ana löge Gruppen können wir sehen, wenn wir eine 
größere Veranstaltung weiblicher HomosexuelJer besuchen. Auch 
hier findet sich ein Teil von Frauen, die in Tracht, Haarschmuck, 
Haltung und Bewegung, in der Art zu sprechen, zu trinken und zu 
rauchen, etwas Viriles aufweisen; viele haben auch eine rauhe, tiefe 
Stimme, derbe männliche Gesichtszüge, schmale Hüften, wie über« 
hanpt einen an das „stärkere Geschlecht*' erinnernden Knochenban. 
Ihren Kamen geben sie unter sieh hanfig eine virile Form. Daneben 
aber existiert eine nicht minder große Gruppe homosexueller Frauen, 
die sieh äußerlich von anderen Frauen ihrer gesellschaftlichen 
Sphäre kauin unterscheiden; sie tragen Toilette und Frisuren nach 
derselben Mode wie diese, perhorreszieren weder Korsetts noch hohe 
Absätze, und erscheinen in ihren Onfülils-, Geschmacks- und Ge- 
dankenäußerungren so durchaus weiblich, daß sie niemand für homo- 
sexuell halten würde. Und doch sind sie es in genau so fixierter 
Weise, wie ihre virilen Schicksalsgenossinnen. 

Die Gesamtsumme femininer Einschläge beim homosexuel- 
len Manne, und viriler bei der konträrsexuellen Frau variiert un- 
gemein, ebenso besteht die grdfite Mannigfaltigkeit in bezug auf die 
qualitative Mischung der vom Genitaltypus abweichenden Eigen- 
schaften. Es kommen alle nur erdenklichen Kombinationen, alle 
möi^lichen Nuancierungen und Verbindungen vor. Bereits im Jahre 
1864 schrieb Ulrichs in seiner „anthropologischen Studie" „Forma- 
trix": „Unter den Urningen scheinen folgende zwei Klassen uuter- 



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IV. Kapitel; Die Homosexualität 



211 



schieden werden zu können, zwischen welchen ludes Lausend Ab- 
stufungen zu konstatieren sind: a) Urninge, in denen das männ* 
liehe Element, welches ihrem männlichen Kdxperhaa entsiiricht, 
überhaupt in allen Stücken vorherrscht, indem es insonderheit ihrem 
weiblichen Liebestriebe eine gewisse männliche Färbung gibt: also 
Urninge mit vorwiegend männlichem Habitus, körperlich wie geistig, 
und zugleich mit vorwiegend aktivem Begehren. Diese scheinen 
vorwiegend Jünglinge zu lieben. Ich möchte sie uennen die ,Viri- 
liores* oder »Mannlincre'. die männlichen Urninge, b) Urninge, in 
denen das weibiiclie Element, welche*» ihrem weiblichen 
£debestriebe entspricht, überhaupt In allen Stticken vorher rs cht, 
indem es insonderheit ihrem m&nnliohen E&rperbau ^ine gewisse 
weibliche Firbuncr S^bt: also Urning mit vorwiegend weiblichem 
Habitus, körperlich wie geistig, und zugleich mit vorwiegend pas- 
sivem Begehren. Diese seheinen überwiegend Bursehen, nieht Jüng- 
linge, zu lieben. Ich möchte sie die ,Mnliebrlore8* nennen oder 
,W e i b I i n g e*, die weiblicheren." 

Ich halte die Einteilung, welche Ulriche hier gibt, trotz der auch 
hier, wie so oft bei ihm, wenig glücklichen Wortbildung, und trotz- 
dem manche Einzelheiten in seiner ünterseheidnng der Nachprüfung 
nicht standgehalten haben, auch heute noch für die prägnanteste und 
brauchbarste. Besonders großen Scharfsinn beweist Ulrichs in der 
Wahl der Komparative „viriliores" und „muliebriores" statt der 
entsprechenden Positive; offenbar wollte er damit zum Ausdruck 
bringen, daß es sich hier nur um Gradunterschiede iinnrlolt, indem 
auch die Mannlinge weibliche, die Weiblinge mäniili< l 13 Eigen- 
schaften, nur beide in schwächeren Graden, aufzuweisen haben. Was 
das Zahlenverhältnis der virilen und femininen Uranier anlangt, so 
dürfte Iwan Bloch *0 recht haben, wenn er sagt, daß es nach seinen 
Beobachtungen ungefähr das gleiche ist. Auch die virilen und femi- 
ninen Uranierinnen scheinen an Menge einander etwa gleich 
SU sein. 

Mehr theoretisch als empirisch abgeleitet müssen die Schluß- 
folgerungen anirosrhori v/orden, welche viele Autoren bei der Ein- 
teilung der homosexueiieii ^fänner und Frauen in die virileren und 
feminin-eren aus der persönlichen Beschaffenheit auf die Ge- 
schmacksrichtung, die Betätigungsweise oder gar auf die Entstehung 
und Heilbarkeit adehen. Wir stoßen auf solche Atigaben an Tielen 
Stellen der Faeblitoratur. Offenbar schwebte bei diesen Schluß- 
folgerungen den Pachleut^n bewußt oder unbewußt die so weit vw- 
breitete» aber auch für den normalen Verkehr noch keineswegs er- 
wiesene Vorstellung' von der Anziehung- dt « Gegensätzlichen 
in der Liebe vor. In Wirklichkeit liegen aber die Anziehungsgesetze 



1*) Bloch, Iwan: Das Sexualleben uoseier Zeit, S. 551. 



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212 



yiel kompliaierter. Ich habe im Laufe der Zeit viele femiuine HomcK 
sezaelle kennen gelernt, die, trotzdem sie selbst am liebsten in 
Frauenklei dem ging-en, jnnp'*» 'hartlofsp Leute liebten, und sehr virile 
Franen, die ich zunächst für gnte IVeimdinnen in unerotise.hem Sinn 
hielt, biß ich pr^wahr wurde, Haß die äußerlich und anscheinend auch 
seelisch so vrrwaiHlten Typen seit viel^^n Jafiren ein regrelrechtes 
sexuelles Verhältnijs miteinander hatten. Ebenso kann man nickt 
selten vollmftimlichen ümingstypen begegnen, von denen man — 
ehe man das Wundern auf seznellem OeMete verlernt liat — za 
seinem Erstannen hört» daß sie sieh für .MSimer nnter 80 Jahren 
sezaeU überhaupt nicht interessieren können. Erst vor kurzem 
euchte mich ein etwa 25jähriger Hcnnosexueller auf, der durchaus 
männlich erschien, dabei aber für Männer mit weißen VoUbärten» 
imd zwar lediplieh für diese, eine pjroße Leidenschaft besaß. 

Auch die Meinung von Ulrichs, daß sieh bei Urningen mit 
körperlich und geistig völlig männlichem Habitus aktives Begehren^ 
bei denen mit weiblichem Habitus passives Begehren findet, halt 
reichlicherer Erfahrung nicht stand. Sind wir zwar niciit imstande» 
ans der Zugehörigkeit zu der virileren oder feminineren Uranier' 
grnppe die Gesehmacks- nnd Betätigungsart eines Homosezaellen 
abznleiten, so ist damit keineswegs gesagt, daB diese nicht dennoch 
im wesentlichen von ihrer individuellen Eigenart abhangig' 
ist Für das Vorhandensein solcher Zusammenhänge spricht neben 
anderen Gründen vor allem die relative Konstanz dee an- 
7 lohenden Typu-s. "Wir müssen annehmen, daß das, was die 
Sinnesorgane der Liebenden erotisch lustbetont als schön em])finden,- 
in ihren Sexualzentren a priori determiniert ist, wobei zu beachten 
ist, daß der Gefühlskomplex, den ein Individuum in einem andern 
auslöst, durchaus nicht immer ein wechselseitiger ist. Unter den 
Homosexuellen seihst herrseht über die relative Festigkeit des Ge- 
sehmackstypns kein Zweifel; in ihren Unterhaltungen über Gefühla- 
genossen spielt die Erörterrmg dieses Unterscheidungsmerkmals eine 
ziemliche BoUe, beispielsweise wenn sie die Frage aufwerfen, ob 
jemand jüngere oder ältere Personen liebe. Planmäßig durchgeführt 
findet sieh die Einteilung nach der Triebrichtung in meinem „Wesen 
der Liebe", woselbst ich die Honio^pxnelleri nach zahlreichen dort 
veröffentlichten detaillierten Oese lim acksschilderungen in drei 
Gruppen teile: die Ephebophiieu, die es zu geschlechtsreif en 
Jünglingen von der Pubertät bis anfangs der Zwanzig zieht; die 
A;idrophil e n , welche Personen von diesem Alter ab bis in die 
Ffinfrag liehen» und dieOerontophilen,die von älteren Männern 
bis «z solchen, die sieh bereits im Greisenalter befinden, gefesselt 
werden. Nach meiner gegenwärtigen Erfahrung mdehte ich die 
frühere Dreiteilung nach Altersstufen insofern modifizieren, als es 
mir entsprechender erBcheint, in dieser Hinsicht zwei großexe 



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IV. Kapitel: Die Homoae n iftli U t 213 



Haupt griippL 11 lind zwei kleinere Nebi iigruppen zu unterscheide u. 
Die beideu Hauptgruppen, von denen jede etwa 45 Proz. der ge- 
samten Homosexuellen betragen dürfte, sind die Ephebophilen, 
die Personen vom Beginn bis zum Abschltifi der Beife, also im Jüiiir- 
lingsalter von etwa 14 bis 21 Jahren, lieben, lind die Andro- 
philen, die zn Personen ytm Beginn des Ifimnesalters hiM zum 
Beginn des Greisenalters n^gen. Es sei aber nochmals betont, daß 
sich die Ephebophilie keineswegs nur bei virilen, die Androphilie bei 
femininen HomosexTiellen findet. Hierzu koTOmen dann noch 75wei 
Nebrnjrmppen, die Pädophilen und die Gerontophilen, von 
denen die einen — zweifellos die am nnglüekliehsten veranlagten — 
zu noch nicht geschlechtsreifen Personen luklinieren, während die 
anderen nur für Greise sexuelle Empfindnngen verspüren. Die an 
100 fehlenden 10 Fra. aller ünmier teilen sich, wie ee sehe^nt, in 
diese beiden Gruppen zu etwa gleichen Teilen. 3B*nr die Frauen gilt 
dieselbe Einteilung, zwei Hauptgruppen, die Parthenophileü 
und Gynäkophilen, und zwei Nebengruppen, die Korophilen 
und Graophilen, je nachdem Jungfrauen, Vollreife Frauen, un- 
reife Mädchen odpr Greisinnen begehrt werden. 

Mit der Vorlie})^^ für eine bestimmt© Altersstufe ist die Ge- 
schmacksdif lereuzier ang keineswegs erschöpft. Es gibt inner- 
halb jedes AltersspielranmB eine Menge bestimmter kdrperlieher nnd 
seelisöher Eigensciiaften, beispielsweise in be«nfr anf die Figur, die 
Farbe der Haare und Angen, anf Wesen, Charakter, Art feich zu 
bewegMi, Bildung, Stand, die für die spontane Anziehung von größter 
Bedeutung sind. Hier scheitert jede Einteilung an der Fülle der 
Fälle, u-PTTncli^ieh sich gewisse Gruppen, wie etwa die dor mir 7u 
Soldaten neigenden homosexuellen Männer oder homosexueller 
Frauen, deren Spezialität elegante Weltdamen sind, ziemlich deut- 
lich aus der Menge herausheben. 

In allen diesen Fallen qndt offenbar der "Fetisehi^inns 
eine beträchtliche Bolle, von dem sieh AnUSnge übrigens 
audi bei allen anderen Homosexuellen meist unschwer nach- 
weisen lassen. Daß es sich hier tatsächlich um Fetischismtis 
handelt, ereht daraus hervor, daß, wenn der Fetisch fehlt, an 
die Steile der sexuellen Attraktion oft völlige Indifferenz wenn 
nicht gar Aversion tritt; so erzählen Soldatenfreundc, wie völlig 
^,abgekühlt'' sie seien, wenn ihre früher geliebten Freunde sie als 
^Reservisten'* anfsochen. Diese wiedonm, meist sehr erfreut über 
die schon längst ersehnte Zivilkleidnng, sind oft nicht genug ver- 
wundert über das gänzlich veränderte Benehmen ihrer Gönnei^. 

Bedeutsam sind noch folgende Unterscheidungen: zunächst die, 
ob eine homosexuelle Frau oder ein homosexaeller Mann ebenfalls 
nur homosexuell Empfindende lieben oder nur Hetera<5exuelle. Es 
ist zweifellos, daß, während viele Homosexuelle ebenfaHs umisoh 



214 ^Y. JKApitel: Die Hooiosexualität 



Empfindenden bei weitein den Vorzug" geben und manchen es in 
ihrer Neigung keinen Unterschied macht, ob die Betreffenden kon- 
trär fühlen oder nicht, eine ganze Aiizaiil von Urningen ausschlief- * 
lieh za heterosexuellen Naturen neigen. Oft aind ihnen die Gleich* 
oder Ähnliehf&hlenden direkt antipathiseh, sie sind ihnen zu ver* 
wandt Wenn Forel meint: »Der Urning verlieht sieh natürlich am 
ehesten in einen normalen Mann» dessen JBVau' er sein möchte," so 
trifft dies nur für einen gewisaen Prozentsatz, sicherlich nicht für 
die Mehrzahl der Urninge zu. Ein dritter Teil scheint der Veran- 
lagung der Partner überhaupt keine Bedeutung beizulei^pn ; es 
können diese Fowolii durch Homosexuelle nis Helen>ftexiielle gereizt 
worden, wofern sie nn übrigen beslininile t etivscliisti^iehe Vor- 
]*rijiiijriingen erfülb^n. Die einen wurde lu.iii nach diewr Klassifizie- 
rung iiomoiophile (Gleichliebende), die anderen als Alloiophile 
(üngld^ehliebende)t die dritten etwa als Amphiphile (nach heiden 
Bichtnngen Liehende) heieichnen können.' Femer giht es homo- 
sexuelle Leute, die nur Personen ihres Standes lieben, und solche, 
die sich nur zu Niedergestellten oder ausschließlich zu Höhetgestell- 
ten hingezogen fühlen. 

Zwanglos ergibt sich endlich* aus der Praxis die Einteilung in 
eine einfache unkompli'/ierte und koinplizierte Homo- 
sexualität, je nachdem diese fiir sich allein oder in Verbinduncr mit 
anderen Triebanonialien vorkommt. Im Zusammenhang hiermit sei 

' noch einer Unterscheidung gedacht, die in der Fachliteratur bisher 
wenig hervorgehoben ist, um so häufiger aber in der forensischen 
und psychiatrischen Priois zur Sprache kommt und sicherlich keine 
geringe Bedeutung beansprucht: die Einteilung der homosezuellen 
Männer und Frauen in gesunde und neuropathische, oder, hesser aus> 
gedrückt, in solche mit stabilerem oder labilerem Nerven- 
system. Die stabilen Homosexuellen sind die geistig und körperlich 
Intakten, die über ein in sich gefestigtes Nervensystem verfOgen. 
Diesen stehen die Labilen gegenüber, bei denen eine stärkere Be- 
lastung bewirkt, daß sie niclit etwa nur infolge homosexueller Kon- 
flikte hochgradig nervöe und .st iisiliv sind. Sie leiden nicht selten 
an ungewöhnlich starkem Stimmungswechsel, an Überspanntheiten 
verschiedenster Art, au Neigung zum Alkol^olismus, Morphinismus, 
Kokainismus, an religiösen Wahnideen oder Verfolgungswahn» he* 
sonders häufig auch an stark hysterischen und hypochondriadhen 
Zustanden, Störungen, die sich auch vielfach in ihrer Familie vorr 

.finden und Grund genug sind, daß, wenn sie einmal als Homosexuelle 
aus ihrer glatten Bahn geschleudert werden, die Schwierigkeiten 
des Lebens für sie oft kaum überwindbar sind. 

Gerade die Honmcioxiiellpn, die mit den Behörden in Konflikt 
geraten, geliörf n dft vielfach zu der letztgenannten Gruppe, der auch 
die Mehrzahl derer angehören, die freiwillig und unireiwillig zur 



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IV. Kapitel: Die Homosexualität 215 



Keuntnis der Gerichts- und Irrenärzte gelang'eii. Dadurch erhalten 
diese oft ein einseitiges Bild. Es sind allerdings auch zwischen den 
stark, leicht und anscheinend nichts weniger als nenrdsen Homo- 
sexuellen die Übergänge 90 fließend, daB man eich besser aueh hier 
dee Komparativs bedient und statt yon stabilen und labilen, lieber 
-von stabileren und labileren Homosexuellen sinrieht. 

Ich komme damit su dem leisten wichtigen Punkt in der Be* 
traehtung der Homosexualität» der neuropathischcn Dispo- 
siti on Können wir die Homosexuellen auch nicht als Dej?encrierte 
sehleclithiu anselicn, so p:eht doch aus ihrer Abstammung mit Sicher- 
heit hervor, daß hereditäre Momente hei ihrer Entsieiiunp eine nicht 
zu unterschätzende Rolle spielen, was ja bei einer so ausgesprochen 
angeborenen Erscheinung, wie es die eehte Homosexualität ist, von 
vornherein wahrseheinlieh ist Beeht häufig ist b^ den Angehörigen 
HomosexueUer eine leichtere oder schwerere nenropathische Ver- 
fassung unverkennbar, oder es bestehen Momente, von denen wir 
wissen, daß sie im allgemeinen der stabilen Gesclilossenlieit des 
Zentralnervensystems in der Nachkommenschaft nicht günstig sind. 

Bei 6 Proz. der Homosexuellen waren in meinem Material die 
Eltern oder Großeltern hlntsverwaudt. Bemerkenswert ist, daß in 
22,G Proz. der Familien Homosexueller Selbstmorde vorkamen, 
dimmter in 16,7 Proz. der Fälle wegen homosexueller Veranlagung, 
in 18,9 FlwB. wegen unglücklicher homosexueller Diebe, in 11,1 Proz. 
au6 allgemeiner Sehwermut, in 8,3 Proz. im Delirium, in 16,7 Pros, 
aus pekuniären, und in 33,3 Pros^ aus unbekannten Gründen. 

Es scheint, als ob bei neuropathischen Konstitutionen vielfach 
die mHnnliche und weibliche l^'rbmasse nnvollkommener balanciert 
ist, als bei Menschen mit fest verankerten Nervensystemen, bei detien 
sich das Scliwergewicht einer dieser beiden Komjmueuten stabilierter 
nach der einen oder anderen Seite verschiebt. Deshalb findet man 
idle sexuellen Übergangsformen, und namentlich auch die Hoitto^ 
Sexualität, so häufig mit einer nervösen Labilität vsfrgesellBchaftet, 
wobei allerdings im Einzelfall nicht leicht zu entscheiden ist, was 
an reizbarer X( rvenschwäche von vornherein vorhanden, und was 
eist nach und nach infolge der Homosexualität entstanden ist. 

Die Annahme, daß sich die Natnr der Homosexupl]«'Ti als eines 
Vorbeugungsmittels der Degeneration bedient, wird 
durch die Ehen und Nachkummenschaft der Homosexuellen bestätigt. 
Ein groBer Teil dieser Ehen ist kinderlos. Gehen aber Kinder aus 
den Verbindungen Homosezueller hervor, so tragen diese Tidfach 
den Stempel geistiger Ifinderwertigfceit, es sei denn, daB* durch eine 
besonders gesunde Ehehälfte ein relativer Ausgleich geschaffen wird. 
Jedenfalls ist vom rassenhygienischen Standpunkt die 
Ehe eines oder einer Homosexuellen stets ein sehr 
gewagtes Unternehmen. 



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216 



Verhältnismäßig sehr häufig ist das Vorkommen horaosexiieT 1 
Geschwister. B^r Schluß, zu dem Dr. v. E ö m e r in soiner wichtig-en 
Arbeit: „Die nmische Familie" gelangt: „In mindestens 35 Proz. 
der Fälle tritt der Uranismiis familiär ^uf", deckt sich mit dem 
gegenwärtigen Stand meiner Beobachtungen. Es ist höchst auf- 
fallend, wie häufig urnißche Brüder- sind; wiederholt sucbteü mich 
^aige auf, die'Tonflinandffr nidit Besehdd vnBion» xmd fast noch 
dfter kommt es vor, daß Urninge homosexaelle Sohwestem 
hab&n. Auch dies spricht dafür, daß die Homosexaalitfit auf einer 
spezifiaiihen angeborenen Konstitution beruht, eine Anffassunfl?, 
üli( r die bei jemandem, der viele Tausende von Homosexuellen g^e- 
sehen hat, von denen er einen großen Teil 20 Jahre und länger benl>- 
achtet hat, auch nicht der geringste Zweifel obwalten kann. Keiner 
der für eine äußere Entstehung der Homosexualität angeführten 
Gründe, weder die Onanie, noch die Impotenz, noch die ÜbersättipriiTig 
am anderen Geschlecht, noch der Ixel^liunger, Verführung oder Lek- 
türe, weder B i n e t s ,,choc f ortuit", noch Freuds „infantile Sexual- 
järlebnisse" können die unbeeinf Ivßbare Zielstrebigkeit 
dea bomoseznellen Triebes, die yom ersten Erwachen der Geschlechts- 
neignng an, ja von den ersten Pollutionstifimnen an auf ein ganz 
bestimmtes Sexnalziel eingestellt kt, ausreichend erklären. 

Wenn aber noch irgendwo Bedenken hinsichtlieh einer endo- 
genen Bedingtheit der Homosexualität vorhanden waren, so sind die 
durch die Steinachsche experimentale Erforschung der Geschlechts- 
drüsen grründlich beseitigt worden. Ich habe diese Versuche bereits 
im Androgjmiekapitel dieses Bandes zusammenhängend geschildert. 
Daher seien an dieser Stelle nur drei Ergebnisse hervorgehoben, die 
für die Ätiologie der Homosexualität im besondem von Wichtigkeit 
sind : erstens die Steinach gelungene künstliche Erzeugung homo- 
sexuellen Verhaltens bei Tieren durch die Einführung, innersekre- 
toriseh wirksamer PabertätsseUen beiderlei Qesidileehts, zweitens die 
üÄst immune? der homosexuellen Erotisienmg durch Entfernung 
derumisehen Gesohlechf sdrÜBe und ihren Ersatz durch den Hodeu 
eines Heterosexuellen, drittens und vornehmlich der Nachweis, daß 
der Hoden der Homosexuellen mikroskopi«!Ph sehr 
. beachtenswerte Unterschiede aufweist geg-enüber den 
Strukturverhältnissen, wie sie sich bei Normalen finden. Wer nach 
diesen Befunden noch an dem körperlichen Ursprung der Homo- 
sexualität zweifelt, dürfte logischen Überlegungen wohl überhaupt 
nicht zugänglich sein. 

Mit dieser originären Bedingtheit hängt auch die ünmÖg- 
lichkeit znssmmen, die Homosexualität, wie es länge veisneht wurde, 
durch .psyddBche Mittel zu beseitigen. Wenn Kräpelin neiierdüigs 
Öifünchn. med. Woch., 191&, Nr. 5) von einem „verhältnismäßig 
guten Erfolge der hypnotischen Behandlung" bei der Homose^^ualitüt 



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217 



Biffielit, so kann ich mieii dieser Heinnng nieht onfichlieBen. leh 
halte sehr viele Homosezuelle kennen gelernt» die sieh hypnotischen 
Euren nntersogen» aber nieht einen einzigen» der dadurch gieheilt 
wurde. In ähnlicher Weise schreibt hinsichtlieh der Freudschen 
Psychoanalyse einer ihrer erfahrensten Kenner, Wilhelm Stekel: 
,4ch habe noch nie eine vollfständige Heilung einer Homosexualität 
dnrch Psychonnolyso gesehen." Vollends die von Moll „Assoziations- 
thcrf^pie" genannte Methode ist iinverei-nber mit der Natnr- 
bes^ihaffenheit sexualbiologischer und innersekretorischer Vor- 
gänge. Die Homosexualität, wie er will, durch den Anblick „weib- 
licher Personen in erotisch anregenden Kostümen" heilen zn wollen, 
bedentet ungefähr daeeelbe» als wenn man einem Farbenblinden da- 
dnreh ein gesnndea Sehvermögen Tezsehaffen in können meint, daß 
man Ihm die Farben yot Angen h^t, fSr die seiner Netzhaut die 
Aiififtahmefähigkeit fehlt 

Der verhängnisvollste Bat, den ein Arzt einem Homosexuellen 
^eben kann, ist jedoch die Ehe. Ich stimme hier auf Grund meiner 
großen Erfahrung völlig mit Forel überein, der über die T^mingsehe 
sehreibt: „Das ist der großartigste Unsinn imd zugleich die 
«chliramste Tat, die sie begehen können, denn ihre Frauen fühT-en 
ein Älarterleben, indem sie sich sehr bald betrogen, verachtet und 
▼erlassen fühlen. ... Solche Ehen endigen mit tiefster Zerrüttung 
oder Ehescheidung, nnd sie wiseentlich zn fördern» ist geradem yer- 
hneheriseh. Dagegen nnd nicht dmoh Beatralong nmingiecher 
LiebeeverhaltniBse zwischen enraeheenen Mannem sollte das Geeeta 
Vorkehrungen treffen." Forel meint sogar, daß der Arzt die Pflicht 
habe, „dem Urning mit Anzeige an seine Braut zu drohen, falls er 
die Missetat wirklich vollbringen will, — ein Rat, den allerdings 
schwerlieh ein Arzt befolgen wird, da er eine Verletzung seines Be- 
rufsgeheimnisses bedeuten würde. Sicher ist jedenfalls, daß für die , 
Minderung der Volks zahl und der Volkskraft die Ehen der 
Homosexuellen viel ungünstiger ins Glewicbt fallen als iiire Ehe- 
losigkeit. Wenn ein homosexueller Mann heiratet, verurteilt er 
meist ^e gesunde Frao, die mit Wahrsdheinliebkelt an der Seite 
dnee potenten Mannes mehrere Kinder geboren haben würde, zn 
telativer oder absoluter -ünfmehtbarkeit. Göhen aber Kinder ans 
solchen Ehen hervor, so tragen sie oft genug den Stempel schwerer 
erblicher Belastung. Ich habe in meinem Sammelwerk „Die Homo- 
sexualität des Mannes nnd des Weibes" zahlreiche Beispiele daifür 
gegeben und beobachte t'orilaurend neue. Ähnliche Bedenken gelten 
auch für die verheiratete homosexuelle Frau, die für das Glück und 
den Bestand einer Ehe und Familie ein ungemein zersetzendes 
Element darzustellen pflegt. Die Fernhaitung derart eheuntüch- 
tiger Individuen, die für diBä Yolksganzö anderweitig gut Tersraid- 
hat Und, Tön der EhesehlieAnng ist daher ein nidit su tuiterBchatsen-- 



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218 



IV. Kapital; Di« HomcweziiBlitU 



des Moment, um die VoIlcBkraft in quantitativer nnd quali- 
tativer ffinsieht zu fördern. 

Im AnsehlnB hieran noch einigres über die oben bereits erwäbnte 
operative Behandlangr der Homosexualität. Tiir Zahl der durch 
Austauech der Geschlechtsdrüsen beeinflußten Homosexuellen ist 
bisher zu gering, um über die Erfolge dieser Methode ein Urteil ab- 
ßrp>>en 711 Tcönnen. Aber selbst wenn es möglich sein sollte, auf diesem 
Wege einem preboreTien ürninfr die Liebe zum Weibe einzupflan- 
zen, ja ihn sogar fortpfiaiiziui^^sfähip' zu machen, erhebt sieh noch 
die Frap'e, ob damit ihm und vor allem der Gesamtheit ein GefaUen 
geschieiit. Stellen die Sexualvarianten und namentlich die Homo- 
sexualität, was viel fttr sidi hat, Vorbeugungsmittel degenerativer 
Stammesentwicklung dar, sind sie womöglich gar ffir andere Natnr- 
snreeke bestimmt, 80 wQrde dies das geringe Heilnngsbedürfnis der 
Homoseznellen erklären und lehren, dafi Heilungsmöglichkeit (so 
bewunderungswürdig solche Großtaten menschlichen Forschergeistes 
sind) nicht immer Heilung-sbedürftigkeit erweist. Die Homo- 
sexuellen selbst spieen oft. daß sie geheilt sein würden, wenn die 
anderen von den fai.-^ lif 11 Anffassmng-eii jjt« heilt wären, mit douen 
sie ihnen gegenüberotelien, ihre wahren Leiden lägen nicht in, sondern 
außer ihnen. Die W irksamkeit des Arztes für diese Personen ist da mit 
nicht ausgeschaltet. Kann er auch nicht die Homosexuali- 
tät, so kann er doeb den Homosexuellen bebandeln 
und ihn in den miuinigfaoh6n, nervösen, seelischen nnd körperliehen 
Störungen beraten, die mehr oder weniger mit seiner Anlage im 
Znsammenhang stehen. Hier eröffnet sieh dem Arzte ein weites 
Feld, das ihm durch mangelndes Verständnis für Sexualbiologie und 
Sexualpathologie bisher fast völlig verschlossen geblieben ist. Da- 
mit «soll denjenigen, die Beelisch besonders schwer unter ihrer homo- 
eexuelieri Anlütre Iriden und das Verlangen "haben, heterosexuell um- 
gestimmt zu wt rden, nicht die Hoffnung genoininen werden, daß es 
oer sexualwissenschaftlichen Forschung im Verein mit der ärzt- 
lichen Kmist doch noch einmal möglich sein wird, das Triebleben 
doroh Begtiliernng der inneren Sekretion völlig in die 
gewfinsehte Baku m lenken. ' 

Was die Anzahl htmiosexueller Männer und Fnmen anlangt, so 
muß man durchschnittlich auf 50 Personen eine rechneu. Wer sich 
dafür interessiert, worauf diese Ziffer sich stützt, den muß ich auf 
mein großeB Buch: „Die Homosexualität des Mannen nnd des Weibes" 
(Berlin 1914) verweisen. l>ort findet man auch das, was ich iu 
diesem Kapitel zuRanmiengefaßt habe, durch zahlreiche Beispiele be- 
legt, die zu vermehren ich aus ßaumrücksichten liier tunlichst ver- 
miede habe. Nur ein einziges Dokument möchte ich aus den vielen 
tarnenden meine* Materials heransgieifen^ well es die geschilderte 
Symptomeiitriass das negative Verhalten zum Weibe, das positivo 



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IV. Kapitel: Die HomosexuaUUit 



219 



zum Manne, und die iutersexuellp Konstitution I i sonders anschau-» 
lieh wiedergibt. Es handelt sich um einen Brief, ueu ein entflohener 
Sohn an seinen Vater, einen hohen Politiker, riehtete. Zu allen 
SSeiten war es ein Verfahren» das selten seinen Zweek verfehlte, einen 
Gegner, dem man peraönlieh sonst nichts anhaben konnte, dadurch 
unschädlich zu machen, daß man sein Sox unlieben, sei es sein eigenes 
oder das seiner Angehörigen „aufdeckte". Dieser altf^n Methode war 
der Sohn, ein junger Rechtsanwalt, zum Opfer gefallen. Als eine 
der Unterla^^f Ii zu dem von mir erforderten Gutachten, übergab mir 
der A'^ater den hier abgedruekl/en Brief, den der Sohn etwa 10 Jahre 
vorher an ihn gerichtet hatte. Er war damals nach der Schweis 
entwichen» weil die Mntter seines Freondes Ton. ihm stainmende 
Idebeebriefe anfgefangien hatte nnd mit Ansdge drohte. Der Sohn 
dieser Frau erschoß sich bald darauf. XTnter meinen „Selbstmörder- 
hriefen" befindet sich der Absohiedsbrief an seinen Freund, in dem 
er „30 Minuten bevor der v^r ihm lietrende Revolver ihn erlöst", in 
erschütternder Weise ausruft: „Ich kann ohne Dich nicht leben; es 
ist die wahre Liebe, die ich mit mir ins Grab nehme; bewahre 
Deinem Fredi ein gutes Andenken, v«rgiß Deinen Liebling nicht" 
Dieser Todesfall ereignete sieh jedoeh erst , einige Monate . später» 
nachdem der Empfanger» damals Student der Jnrispmdenz»,den fpl; 
genden Brief an seinen Vater sohrieb: 

„ . . . Ntin aber zum Wichtigsten, ai der innerlichen Seite d«r Sftche. 

Du sprichst in Deinem Rriefe von einer geplatzten Eiterbeule; ich hoffe Dir 
hier zu zeigen, daE man davon nicht wohl reden Icann, daß vielmehr ein anderes 
Bild richtiger die Lage bezeichnet: Eine eiscrue Maske, die ich nun schon, seit ich 
denken kann, tragen muBte vor jedem Menschen, und sei es der Nächststehende, ist 
jetzt crfr^lhn. wenigstens einem Mpn^/'hen gefrenüber, der mir nahesteht: Ich -tphc 
jetzt zum ersten Male Dir als das gegenüber, was ich wirklich bin und vgo Geburt 
an gewesen Uo, ehi Itomosacaetla* 11 ensdi. Ich hi^ niemate f^r ein Wdb ^/sS» 
empfunden, sondern immer nur für junge Männer, und xwar wÜi^ die jflngir imd 
zarter waren als ich ^abor natürlich prwfir-bonn w^irr-n). 

Glaub' nicht, daß icii mich dadurch voa Schuld freiwaschen will. Ich wciii 
ganz gut, daß ich gegen Dich xmd die Familie fehlte von dem Augenblick an, wo ei 
mir nicht mehr gelang, diese mir angeborenen und natürlichen Trir^e r.n bezwingen. 
Das war eine Schuld« solange die jetzige gesetzliche, namentlich aber gesellschaftliche 
Xehtttttg der Homosexuellen besteht EifclIxUcher «iid diese Selndd vielleieht ancli 
einem „normal", d. h. mit der Mehrheit der Menschen Empfindenden, wenn er sieh 
den inneren Zustand eines Menschen vorstellt, der seine eiffene homosexuelle Ver- 
anlagung erkannt hat, der erfährt und merkt, daß es unzählige ihm Gleichgeartete gibt, 
da8 Gesstz, Yolks- und Gesellschaftsauffassong von falschen tatsächlichen Voraus; 
Setzungen ausgehen, und offenbar ivs einni- 7rit "^tnmmen, in der sich die Wissen- 
schaft überhaupt noch nicht mit dem Wesen der Homosexualität befafit hatte. — 

Auch bei mir, wie fast bm aUen Homosezaäleii, wurde die eigene Ericenntnis 
erst spät zur völligen Sicherheit. 

Du weißt, daß ich von klein auf ein scheuer und schüchleiticr Junge war, der 
ffühliclie Knabenspielc und Turnen niclit hebte, sich immer von anderen abschloß, 
und in »ch selbst zwrOckzog, dagegen früh über mancheMsi nadldadite, trtlh Sinn fttr 
Landschafts- und Kun^tschc nheit entwickelte. Ich habe als Junge schon ilisifalkllif 
gefohlt» dafl ich etwas anderes sei, als die Mehrzahl der anderen Jungen.- 



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220 IV. Kapitel: Die HomoMxualitäi 



Weißt Du, mit welchen Worf?n Tr.i Ii Fräulein K irn Kindergarten begrüßte, als 
sie nur mein Gesicht, das aus dem Mäntelchen herausaah, sehen konnte? JBisl du 
denn ein Hldeboi oder ein JvngeT" ln«te ile mieh. Ich halie daa bis hlüto nicht 
veisesMn. 

Als die Zeit d> r Orschlechtsreife herankam, bei mir schon sehr früE, mit 
IS Jahren ungefähr, fing ich an ftlr hübsche jüngere Mitschüler zu schw&rmen, ohne 
mir nalQrlwh im geringaten hewoBi ta sein, daB das etwas mit ,Jie1)e*' oder der- 
ila^en zu tun lialMni könnte. Ich mochte sie einfach aefar gern Idden, freute mich, 
wenn ich bei ihnen 9«?in konnte, \md «urde doch rot iind verleRen. wenn sio 
Icamen usw., also genau wie es anderen Jungen in dem Stadium mit Mädcbenidealen 
ffeht Nicht der geringste Gedaidte an „UmtOehtiges" oder dergleichen ist mir in Ver- 
Mudiin? mit diesen unschuldigen Srhwärmrrp-pn Rekommen, wohl a^er konntr mich 
so ein angeschw&imter Junge glücklich machen, wenn er mich seinen „besten Freund" 
oder dergleichen nannte. Ich veAmtg solehe Meine GUicto nnd ITnglfldco — > die loanen 
natflrlich auch tor, ntmal es sich manchmal um einen Jungen handelte, mit dem ich 
sonst gar nicht in kameradschaftlichem Verkehr stand, — vor jedem, aus Furcht vor 
LAeheiüchkeit, da ich mich mit meinen Gefühlen auch hier wieder vereinzelt wußte. 
HU 14 oder 16 Jahren habe ich mich zum ersten Male emetUch veriieM, der „Geliebte** 
war ein MitechQler von A., mit dem ich nur durch diesen Umstand, also nur unter 
Preisgabe der höheren „Klassenwürde", zusammenkommen konnte. Es war ein 
hübscher Junge, mit zartem Teint, wunderschönen blauen Augen, und von einer 
Grazie der Bewegungen, die ihn sofort aus der Ifonfe der eckipen anderen herausbiß 
Es war auch hier, wie vorher bei den anderen, nur alles viel gesteigerter, ich war 
unglücklich, weim ich ihn ein paar Tage nicht gesehen hatte, sehnte mich nach ihm, 
m^te ihm regdreehte Fensterpvomenaden usw. Mein aehnlieheter Wunsch war, ihn 

einmal kflssen zu können. Ich sdilu? snii'ar > innial ein Gescllschnft'^srir' vor in dem 
das vorkam, erregte aber damit natürlich nur Gelächter. Er kam dann nachher von 
EL weg, und ich habe damals nächtelang geweint und mich lange von dem Schmerz 
.tun Beinen Veriuet nicht frein nr i n können, trotzdem er mir nie mehr als anderen 
/iirptnn war, und es nir zu besonderen Vertraulichkeitpn unter uns gekommen war - - 
Nachher in der Tanzstunde habe ich, wie Du Dich wohl auch erinnern wirst, unter 
den Mftddien nie einen besonderen „Schwärm" gehabt} ich hdie mit alten gleieh- 
ni.i"'ü' und frni-is.^-li-.fVirl- v-T?:i'li*f. nnd nur an der Musik und am Tanzen Fr'-aulr» 
gehabt Wenn die anderen von ihren angebeteten M&dchen, und hie und da aucli 
Doreita von Erfolgen erz&hlten, habe ich immer gedacht, ich sei wohl noch zu jung, 
daa WQrde bei mir später wohl auch noch kcm^K-n. Als ich dann älter und älter 
wurde, und doch nie ein derartiges Gefühl sich bei mir einstellte, gcscliwfit'e denn 
ein Erlebnis von dieser Art, kam ich wohl zu der Einsicht, daß irgend etwas bei mir 
,4iiefat in Ordnung" sein rnttsae; der Erfolg war, daB ich aelbrt anfing, aoldie Ge- 
schichten zu erfinricn und zu erzählen, um nicht allzusehr mißachtet zu werr^rn V)'ie 
Schwärmereien für jüngere Mitschüler kamen hie und da wieder vor, ohne daß aber 
etwas Ernstlicheres dabei gewesen wäre. Der einzige Fall, wo ich mich mit einem 
Hftdelien eingdassen habe war damals, als die kleine Pensionärin bei uns im Hause 
war. Sie wnr zunächst durchaus der aggressive Teil und brachte es dann durch 
plötzliche Kalte und Abschwenken tatsächlich dahin, daß ich in einen Zustand 
zischen gekränkter Eitelkttt und Verliebtheit geriet, bei dem aber änderereeits wieder 
das heimliche Bewußtsein, in diesem Punkte bishrr imm-r hinter allen Eameradc n 
zurückzustehen» eine Hauptrolle spielte. Es ist auch der einzige derartige Fall ge- 
blieben, und man kann ihn ali Pendant zu den immerhin vorkommenden Fällen 
hinstellen, daß junge BeMd« die nachher vollständig normal empfinden, durch 
Zwangslage oder Verführung vorübergehend in unreifem Alt^ homosexuelle Erleb- 
nisse haben. 

Auch auf der Universität blieb die Lage die gleiche, mit d^ Unterschied, daB 
^ Hldciian aiainlidi «ahlrMoh hinter mir h^er waren, tind ich ea inlolgedcaaen dem- 
üeh leidit hatta, den Bundeabradam und aonstlgen Bdcannten ein durebaoa nonnalea 



IV. KAPttel: Die HomowxuaUt&t 221 



Liebesleben vorzutäuschen, so daß ich sogar für einen ziemlichen Mädchenjäger galt. 
Das war natürlich m Wirklickkeit ganz unberechtigt; ich habe alle die Mädel, die mir 
Esrten und glühend Uabednitfe sduieben, Biebt einmal gekttBt, es sei denn, daB es 
funde durch die Anwesenheit von Bekannten notwendig war, um die Maskp aufrecMp 
soediatten. Ich habe zu dem Zwecke sogar fingierte Liebesbriefe geschrieben. Da- 
fegen habe ich gleich im ersten Semester zum ersten Male einen jungen Mann geküBt, 
es ^ar auf «mem Fastnachtsball, in einem flüchtigen, unbeobachteten Momente. Ich 
habe ihn sonst nie wieder gesehen und weiß nur, daß auch er entsprechend veranlagt 
gewesen sein mufi, da er mir gleich entgegenkam \md mich wieder küßte. Trotzdem 
diB natOrlich dn 9«ia seliger Homeitt fOr midi war, habe ieh mir dgenUidi nidMs 
«dter dabÄ fedSicht, jedenfalls war ich mir über meine I^atur inrnier noch nicht klar. 
Später war es bei manchen Bundesbrüdem bekannt, daß „der F. die Füchse abküßt, 
wenn er betrunken ist", doch auch ich hielt das damals noch für Ausfluß von Be- 
btudtenhcit, od»* wenn das einmal niebt so sddimm war, fOr Meestelgorten SehAnbeits- 
sinn" oder ähnliches. — Immerhin fing ich doch an, solche Erfahrungen mit manchem, 
was ich hörte und erfuhr, zusammenzuhalten, z, B auch mit Erinnerungen an antike 
Erzählungen und Gedichte von der Schule her. Daß ich aber, wenn von ,JPäderasten" 
die Rede war, imd die bekannten absebeuliehen Witse und Redensarten Ober sie ge- 
macht wurden, mich in keiner Weise dazu rechnete, sondern sie als etwas ganz 
Scb&ndliches betrachtete, ist wohl ohne weiteres klar. 

Ganz langsam erst und dann mit inuner größerpr Gewißheit trat die Klarheit 
eia, besonders nachdem ich hei homosexuellen Sailen, die an die Öffentlichkeit 
ÜHiigen, s. B. dem FaBe Krum», auBer den übücben verstindnislosen und semeinai 
Cpsprächen, auch von mnc^izinisr-hc" Soi'r- .^rtikcl über solche Dinge las, und mir 
eigentlich bei jedem Worte sagen mußte, „das ist ja bei dir alles gerade so". Zugleich 
mit der Sicherheit der Erkenntnis begann dann der innere Kampf gegen die Bet&tigung * 
iBUer heftiger zu werden. Ich hatte zahlreiche erotische Erlebnisse mit gleich- 
gearteten jüngeren Freunden, und habe mich doch lange Zeit hindurch jedesmal be- 
zwungen und manchen Verkehr lediglich deswegen abgebrochen, weil ich mich nicht 
mehr anden su retten wußte. SehUeBlicb hct dann Natur — < und nidit Unnatur — 
Iber Verstand und GeseUsdwflsswanv gewegt 

Ja, Tater, icb gestehe Dir auch ein, was Frau H. aus Briefen schwerlich jemals 

wird beweisen kfinnen: daß ich meine angeborene Veranlagung auch betätigt hnbc. 
Natürlich nicht in dem groben Sinne, in dem beute noch allgemein an homosexuelle 
Betätigung geglaubt wird — ich mag das griLBÜdie Wert kaum denken, geschweige 
denn schreiben — sondern — aber das läßt sich überhaupt nicht besprechen; wenn 
Du an besonders innisre TJmannunfren denkst, wird das Bild der Wirklichkeit nahe- 
kommen. Ich glaube z. B. nicht, mich im Sinne des Strafgesetzbuches jemals strafbar 
teotteht zu beben; bnunefhin sdhwsnkt ja die Reehtqprediung zi«Da]icb, um die sicii 
inmier wieder herausstellende große Kluft zwischen der der allgemeinen Vorstellimg 
entsprechenden Grundlage des Paragraphen und dem Falle, wie er in Wirklichkeit zur 
AiHirteilung zu stehen pflegt, zu tiberbrücken. Die liauptsache ist ja auch nicht die 
Stnfbatfceft des dnzebien Falles naeb dem Gesetz, sondern die geseUsebaftliebe 
Ächtung, der bQrgerliche Tod im scf-n-rnnT^'-n Sinne der Ober jeden verhängt wird, 
der als Homosexueller erkannt wird. Das ist es ja auch, was in ''/^^ aller Fälle dem 
Erpressertum die Grrmdlage liefert. Wer nur einmal in einen soldien Prozeß ver- 
wickelt war, der ist so gut wie vernichtet, den darf nadiber ungestraft jeder Biet^ 
jltoMet am Stammtisch einen Schweinehund n«men. 

Kannst Du Dir nun denken, Vater, wie die Maske drückt? Wenn in einem solchen 
Falle alles lodert und brennt in einem; wenn man so einem Kor! der violleicht auf 
eexuellem Gebiete der größte Liedenaiin und Ekel ist, und einem das iieiiigsle, was 
der Mebsch kennt, die, lieber mit grinsendem Bebagen in den Sebmutz tritt, wenn 
man dem am liebsten an die Kdile springen möchte, dann muß man dasitzen und 
innen Witz belächeln. « DaB es eine bonwsexueUe Liebe überhaupt gibt, daß sie, 



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222 



IV. Kapitel: Die Homosexualität 



wie i§de andere Liebe, der höchsten Vergeistigung und Veredelung iahig ist, glauben 
einem heiitzutace erst wenige nonnal tmpäuiteaäB MimsBhen. — Eine Szene will 
ich- noch anfahren, um zu zeigen, wie sehr der Wiür rinr Natur hier auch im Körper- 
lichen zum Ausdruck kommen kann. Auf einer Plingstreise t)adcten wir Bundes- 
brüder einmal zusanunen in einem Schwarzwaldsee. Ich hatte mich schon aus* 
Cttsosen und wollte eben in das Wasser hineinlaufen, da rief einer der anderen hinter 
mir: „Seht doch bloß mal den an, der ist ja j^ebaul wie ein Mädchen," worauf man 
mich festhielt und daraufhin trotz meiner brennenden Scham begutachtete. Ein Medi- 
ziner unter ihnen hatte dam auch bald das Wesentliche heiamgefunden: „Htüten, 
.Becken, Schenkel wie beim Mädchen, dazu der ganze Körper tfatt imd haarlos» es 
•stimmt alles usw. usw." Ich hin n'e froher gewesen, im "Wasser zu sein. — 

ich habe mir auch schon seit langem meine philosophischen Gedanken über 
die Sa^e gemacht. Denke einmal an die geschlechtslosen Wesen bei Bienen, 
Ameisen usw. Wie ^nn nun bei den Henscfa^ die gütige Natur dieselbe Sache in 
ihre Hände genommen hätte? Und zwar so put, daß sie den Menschen, die sie von 
der Fortpflanzung wegen zu großer ÜberfüUung ausschalten will, doch die Liebe als 
treibmde Lebenskraft bdasssn hltte? Dieses oder Shnliches scheint mir Dr* Hiisch- 
feld ebenfalls im Auge gehabt zu hahen. als er im Moltke-Prozesse edJizte!, «r halle 
die Homosexualität für „im Plane der Natur liegend". 

Daß bedeutende .Männer aller Arten, Feldherrn, Ktlnstler, oder was sonst, Homo- 
sexuelle waren, wird ja jetzt schon allgemeiner bekannt. Bei Friedrich dem Großen 
bin idi persfinlieh sdicm tange ni der unumstMUchen GewiBheit gdrammen» seit 
ich seine französischen Gedichte zum Teil gelesen habe. Ich brauche die anderen 
ja nicht zu nennen, der Unglücklichsten und Begabtesten einer war in unserer Zeit 
Oskar Wilde. 

Da muBt ideht denken, daß ich zu den übergeschnappten Leuten gehöre, die 
einerseits jeden großen Mann als Homosexuellen, vsA andererseits jeden Homo- 
sexuellen als Genie in Anspnich nehmen, und dadurch uns so kolossal geschadet haben. 
Ich bin aber der festen Überzeugung, daß die Homosexualität an si<;h keine Minder- 
wertigkeit bedeutet, daß die Frage, ob einer homosexuell oder heterosexuell empfindet, 
jiichts mit der Frage zu tun hat, ob einer ein guter oder ein schlechter Mensch, ob 
er begabt oder unbegabt, anständig und ehrenhaft oder nicht, Idealist oder Materialist, 
oder sonst etwas ist Und ich glaube, das läßt sich an der Hand der Beispiele von 
zweifellos homosexuellen Menschen heute schon beweisen. — 

Genug davon. Das alles soll erklären und mich als Mensdisn rehabilitieren. 

Meine Schuld, die ich oben au-' in indergesetzt habe, bleibt bestehen. Dir und der 
Familie gegenül}er. Und um Dir gleich praktisch zu beweisen, daß ich nicht zu den 
vnanstftndigsten Menschen eehfire und jene Schuld wieder gutmachen will, verspreche 
ich Dir in die Hand, daß ich, wenn die Unterdrückung dieser Sache gelingt, und ich 
meine Stellung in der Gesellschaft und im Vaterlande behalten kann, mehr als je 
bisher alle Willenskräfte zusammennehmen will, imi mich nie wieder in Betätigungen 
meiner angeborenen Neigung einzulessen. Du wirst begreifen, daB das fOr midi ein 
Keusefaheitsgelobde daisteUt. 

Freie Wahl, oh er ein Homosexueller sein will oder nicht, hat kein Mensch. Ich 
kann nicht „umkehren" und mich der Frauenliche zuwenden. Ich kann nur auf die 
Art von Liebesglück, die die Natur uns gelassen hat, verziehten aus Rücksicht auf 
allgemsinere mensehUche Werte. Und das tue Kh. 

Eins nur verlange ich von Dir als Gegengabe. 

Die Freundes'i-br im idealen Sinne wird mir mein Leben lang das Heihcsd^ sein, 
was ich kenne. Ich werde das anderen Menschen nicht merken lassen, die Maske 
vor der Welt weiter tragen, aber Du, der Du mich jetzt kennst wie kein anderer Mensch. 
Du sollst auch mich als Menschen im vollen Sinne des Wortes anerkennen und nidit 
iänper als einen lasterhaften Verbrecher, der nur gehalten wird, um die Ehre der 
Familie zu retten. Was ich Dir versprochen habe, versprach ich um Euretwillen» 



1 



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IV. Kapitel: Die HomosexuaUtti 



<]ie6es sollst Du mir sagen um meinetwiüexi. Wenn Du das nicht kannst, so wiegt 
mir keine feaaUschafOidli« Stellung und nidit» mdeni genug. Nur eins kAiurte mieli 
dazm bewegen, so schimpflich mich halten zu lassen« die Rüdkaieht auf Mutter« die 
einzige Frau, die ich über alles in der W^lt liebe. 

Aber wenn diese Rücksicht einmal mcht mehr nötig sein sollte, dann wurde ich 
lidwr mit indnen Hliiden in der Fraoade mein Brot verdienen, als in gesellsebaftUehen 
Ehren leben durch die Gnado meines Vaters, der mich für einen Veibredier hält. 
Ich müßte ia wirklich ein Lump sein, wenn ich anders konnte! — 

DaB Du mich für so niedrig halten und mir doch verzeihen konntest, das hat 
oidi so machtlos gemacht und mir alle Waffen aus der Hand genommen. 

Schreib mir bitte bald über die Sachlage und nicht weniger über — das Innere. 

Dein bolfenUich bald wiedergewonnener Sohn (Unterschrift)." 



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V. KAPITEL 

Der Metatropismus 

Der Ifum «Is der wettend«, keime treveade, die fnn als der erwartende und 

empfansende Teil — ^ M&nnliche Aggreesion und weibliche Anlockung — 
Wirkung des Andrine auf das Muskelgewebe und der EinfluB des Qyn&zins 
auf die Fettbildung — Der normale Tropismus und der M e t a iropiemus oder 
die Afff reesionsinversion « Der TMd> m leiten und wa leiden -~ 

Leidlusl, Leidsucht und Leidenschaft — Der feminine Masochismus desMannf^» 
und der virile Sadismus des Weibes — Beziehimgen des ^Tetatropismus rur kon- 
trären bexualempüudung — Das masociustische Weib und der sadiaüsche Mann als 
Triebeteigernngea, der MMerliieHeplie Mann und das eadiMiBdM Weib als 
Trieb umkehrungen — Ersatz personlicher Termini (Sadismus und Masochismus) 
durch sachliche — Finwenf^unfTm ?p?en die Bezeichnung Al^oiagnie 
(Schmerzlüsiernheit) — Einsteilua^ aiiur äumcsorgaiie des nvelatropxbclien Manne» 
aufmassivere biitamente — Paesiophilie der Ncnroliker — Kontrast zwischen 
sozialer Stellung und sexuellen Neigungen — Mitleid als Lust^uclle — Freude der 
Hyperaktivisten und Uyperpassivisten an grausamen Vorgängen aller 
Art — Eigenschaften, die den Metatropisten am Weibe objektiv anziehen — Toiiiebe 
fdr starke Frauen — Neigung nun älteren Weibe — Metatropismus und Prosti- 
tution — Die Rolle der Maaseurin — Kleidungssymbole des Meta- 
tropisten — Schuhwerk und Pelzwerk — Was wünscht der Metatropist 
selber zu sdnt — ' Erniedrigung im Stand (Servilismus) — Erniedrigung im 
Alter (infantiler Metatropismus) — Erniedrigung Im Geschlecht (transvesti- 
t i s c h e r Metatropismxis) — Erniedrigung zum Tier (zoomiipiscber Metatropis- 
mus) — Erniedrigung zur Sache (impersoneUer Metatropismus) — Metatropische 
Yerkehrsformen — Anbahnung — Sehriftweehsd, Wortwedisel — Verlangen 
nach strenger Ersiehung, nach erniedrigenden Arbeiten, nach Freiheitfl- 
beraubung CL i p ?i t i o n s metatropismus), nach Tritten und Schlägen (Flagellan- 
tismus) — Pikazismus — Kopro - und Uro lagnie — Sukkubismus — 
Verkappter Metatropismos — Der tiefe Sinn der Worte Passion und Ldden- 
schaft — Visueller Metatropismiis — Die metatropi«che Frau — Vorliebe der 
Metatropistin för den femininen Männertyp — Georgp Sand — Was wünscht die 
metatropische !< rau selber zu sein ? — Det weibliche Inkubismus und andere 
Vericdirtformen metatrepiseher i^uen — Metatropismus heterosexualis und 
homoscxualis — Erotisch betonte Selbstquälereien — Beispiele sexueller 
Selbstverstümmelung — Beziehunt'er. zwischen r r 1 5 gi sp r und sexuell pr 
Passiophile — Abtötung des Fleisches als f leisdies 1 u s t — Die allgemeine 
Bedeutung der Passiophilie — Metatropisten b rief e. 

Der Geschlechtstrieb des Mannes und des Weibes unterscheidet 
sich nicht allein voneinander durch das anziehende Sexualobjekt, 
sondern auch durch die Art und Weise, wie sich Mann und Weib 
dem begehrten Wesen gegtinüber veriiaitexi und benehme n. 



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y. Kaintel: Der Metatropisrocs 



225 



Wie bei der großen Mehrzahl aller Geschöpfe, besonders auch wift 
bei nahezu sämtlichen Säugetieren, ist nmth beim Menschon der 
Mann der angreifende, werbende, erobernde, irn Akt selbst der oben 
])efindliche, bewegliche nnd keimstreuende Teil; das Weib der um- 
worbene, {gewährende, empfangende, im Koitus der unten liegende, 
ruhende und aufnehmende Teil, Er sucht, folgt, erklärt sich und 
hält an, sie wartet und erwartet, etränbt und ziert sich, nimmt ihn 
an nnd anf, oder lehnt ab. Ber Hann gibt im Verkehr, die Fran 
aber gibt sich hin, nnd zwar, wenn sie liebt, voll nnd ganz. 

Allerdings kann man sowohl beim brünstigen Tierweibchen als 
beim menschlichen Wcibc beobachten, daß sich ihrer eine prewisse 
T' n r u h e bemächtigt, wenn sich geraume Zeit kein Partner findet. 
Das Weibclien länft dann errptri um das Männchen herum und läßt 
alle seine Uei^e spielen, um anzulocken. Ganz ahnlieh verhält 
Bich oft das Menschenweih. JDaraus aber nun zu folgern, wie es 
Bneura^) int, die Fran sei ,4mi Annähemngstrieb nnd in der Wer- 
hnngr aktiV, der Mann passiv", er scheine nnr aggressiv, weil 
er weniger Hemmunjpen habe, halte ich für ungerechtfertigt. 

Die anatomische und psychologische Beschaffenheit der Ge- 
schlechter steht mit dieser iNnnnhmp im Widerspruch. Voti rür-ser 
Grundlage aber, ab o vo im eigentlichsten Sinne des "Wortes, müssen 
wir ausgehen, um die Unterschiede im männlichen und weiblichen 
Geschlechtsverkehr richtig zu begreifen. Das nrweibliche Symbol • 
ist die ahgemndete Eizelle, die sieh nnr passiv fortbewegen kann, 
wahrend die nnmhige, eigenhewegliche, geetraff te ' Samenzelle als 
männliches Symbol gelten kann. Der weibliehe Körper mit seinen 
ansgebncliteten Formen bildet gleichsam ein Eierstocksgewölbe, die 
Gestalt des Mannes ist melir ein Abbild der Samenzelle. Das Sekret, 
welches die Samenzellen mobilisiert, verleilit auch den übrigen 
Organen, vor allem den Nerven und Muskeln, mehr bewegliche 
Kraft, hingegen begünstigt das weibliche Innensekret, das Gyuäzin, 
im Gegensatz zum Andrin, mehr die Bnhe nnd damit die Fettbildung. 
Dadurch also, infolge ihres versohiedenen Chemismus und der von 
diesem abhängigen Funktions- und Übungsverschiedenheit, wurde 
der Mann das stärkere, das Weib das schwächere Geschlecht. 

Von höchster Wichtigkeit aber ist, daß der Mann aktiv seine 
Keimzellen in den Scholi des Weibes hineiube fördert. Zu diesem 
Zweck ist er beim Verkehr incubus, das Weib snccubns. Sein Leib 
führt beim Geschlechtsakt mehr oder weniger rhythmisch-reflek- 
torische Bewegungen ans, während ihr Leib deh yerhältniamäfiig 
passiv verhält Ber Körper des menschliehen Weibes ist sogar bis 
sur ersten Begattung verschlossen, erst der Mann ersohliefit ihn, 
womit eine nicht unbeträchtliche Veranderunff, ja eine Verwundung ' 



*)Bucura, Constaniin J.: Geschiechtsunterachiede, S. 46. 
Hirachfeld, Stotiulpathologie. 11. 15 




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226 ' ^« Ka Datd; D er If etatropifinus 

ihies Leibes verbunden kt. Der E(>rper des Mannes ist dagegen 
vor und nach dem erstem Verkehr v5Ilig der gleiche, ebenso vor und 
naeh der ersten Zeugung-, er vermag an seinem Leibe durch nichts 

wahrzunehmen, ob er Vater geworden ist. Die sich hieraus ergeben- 
den Zweifel nnd Skrupel sind von neueren Dichtem, t^hp von Ibsen 
in der ..Wildente", von Strindberg- im „Vater" mehrfach dramatisch 
bearbeitet worden. Di« Frau unterlieert aber niclit nur in der Deflo- 
ration, sondern auch bei den regelmäßigen Menstruationen, während 
der Befruchtung, Schwangerschaft und Entbindung organischen 
Vorgängen von tief einsehneidender Bedeutung, für welche es heim 
Manne kein Analogen giht Dies alles rechtfertigt den Sats, dafi die 
beiden Geschlechter wohl gleichwertig, auch gleichhereohtigt, sicher^ 
lißb. aber nicht gleichartig sind. ^ 

Aus dem Angeführten erhellt, daß dem Manne im ganzen im 
Gesehleehtsleben eine aktivere, dem Weibe eine passivere 
Bolle zukommt Der Komparativ besagt hier weniger wie der 
Positiv, er will ansdriieken, daß ein gewisser Grad von Aktivität 
auch beim Weibe vorbanden ist. eine gewisse Passivität auch nor- 
malerweise dem Manne innewolint. Dies wird dadurch bewirkt, daß 
die Frau für den Mrinn die objektiv-primäre BeisigiueUe ist, die 
durch die von ihr ausstrahlenden Eigenschaften sein Sensorium 
Insthetont beeinflußt, so daß die af^zierten Sinne sich den Beixen 
spontan zuwenden. In diesem anfangs meist unbewußten, nach und 
nach in ihr Bewußtsein dringenden und dann meist mehr oder 
weniger bewnßten Locken des Weibes liejrt eine Art von Anf- 
fordening-, der ein tätiger Charakter niebt g"anz abzusprechen ist. 
Es ist aber doch nur eine selieinbare Aktivität, denn das Wesent- 
liche bleibt, daß, wenn Reize ein Geschlechtsempfindungszentrum von 
spezifischer iilmpiänglichkeit treffen, sich dieses Zentrum ziel- 
strebig, automatisch nach der Beiz- und Lustquelle hinneigt. Auf 
dieser Zuneigung und Zuwendung Uegt der Schwerpunkt, gleichviel 
oh es nur das nachschauende Auge, das der sympathischen Stimme 
lauschende Ohr ist, welches sich hinw endet, oder ob es die Hand 
ist, welche zärtlich die anziehenden Teile berührt oder Liebesbriefe 
pf^hrt^ibt, oder ob es die in immer stärkerer Steigerung zu immer 
in nig'ercm Kontakt drängenden Körperoberfläehen sind. Es komiot 
liier 711 Stadien, in denen Aktion nnd Reaktion, Reiz und Lust völlig 
zusamuientreffen, und eine aktive und passive Phase, ein subjektiver 
und objektiver^ ein primärer und sekundärer, motorischer und sen- 
eorischer Vorgang, ein Geben und Nehmen kaum noch zu unter- 
scheiden sind. Denken wir heispielswdse daran» wie sich im Kusse 
die vom Gehirn zu den Lappen auf motorischem; Geleise ver- 
laufende Handlung mit der Empfindung verbindet» welche auf um- 
gekehrtem sensorischem Wege vom Munde zum nervösen Zentral- 
organ zurückläuft. 



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V. Kapitel: Der Metatropismus 227 



Dieses Znwendea kann man in Anlebnnng' an den Heliotropis- 
1II1I8 der Pflanzen, d^.Chemotropisnms der Elemente als sexuel- 
len Tropismns (oder Oenotropismus) bezeichnen, ^eht man 
dabei die Bedeutung in "Retracht, welche der innere Chemismns als 
Gesehlechtseharakter hat, so liegt in der Zusammenstellung' mit dem 
Chcmotropismus vemmtlich mehr eine Identität als eine Analogie, 
mehr eineGleichsetzung als ein Vergleich. Hat doch kein Geringerer 
wie Häckel bereits iu seiner „Antbropogenie" den „erotischen 
CliemotropisxinxB als Urquelle der liebe" beseächnet Sieherlieh ist die 
tropistifiche und höchstwaliiselieinlieh ehemotropistische Art, wie 
die Samenzelle im Innern des veibliGhen Organismus von der Ei> 
zelle angezogen wird» wie sie diese suoht und findet, im kleinsten 
eine Wiedergabe dessen, was sich im großen zwischen Mann nnd 
Weib abspielt. Wie die Samenzelle in den Leib der Eizelle, so dringt 
der Mann in den Körper des Weibes. Wie die Eizelle dem sieh 
nähernden Kopf deT Samenzelle d«n Enipfängnishügel entgegen- 
streckt, streckt auch das Weib dem Manne, der von ihr Besitz nimmt, 
ihren Körper entgegen. 

Wir wissen, daß die Besitzergreifung des Weibes durch den 
Mann in alten Zeiten viel gewalttätiger yor sieh ging als heutzutage. 
Ahnlich wie bei der Mehrzahl der Tiere wurde das Weibehen vom 
Manne überwältigt, brutalisiert. Die Baubehe und die Entführungs- 
aitte, Ton der .in der Hochzeitsreise noch Beete wahrnehmbar s^ 
sollen, legen davon Zeugnis ab. Auch als man schon zu milderen 
Gebräuchen übergegangen war, als man sich Weiber durch Tausch 
und Kauf verschaffte, kamen noch gelegentlich Rückfälle in die ur- 
sprünglichen Gepflogenheiten vor, wie der Kaub, der Sabinerinnen, 
oder die Geschichte im biblischen Buche der Richter lehrt, nach der 
sich Leute vom Stamme Benjamin mit Gewalt Weiber aus Schilo 
holten. Für unsere Betrachtung fällt ine Qewieht, daß die Frau, 
gleichviel ob durch Bauh, Tauseh oder Kauf erworben, ursprunglieh 
ein Eigentum des Mannes wurde, mit der er nach Belieben schalten 
nnd walten konnte. Durfte er sie doch bei manchen Völkern sogar 
weiterverkaufen oder verpfänden. Er, der Herr, übte allein die 
Herrschaft aus, die Frau war ein Teil der HerrBchaft. In den meisten 
Sprachen — das französische Thomme und englische man sind Bei- 
spiele — hatte das Wort Mann zugleich die Bedeutung von Mensch, 
das Weib „d a s Frauen z i m m e r" war vielfach sogar nicht einmal 
weiblichen, sondern sächlichen Geschlechts. Dementsprechend 
▼erlor mit der Vereheliehung das Weib fast überall ihren eigenen 
Namen und erhielt den des Mannes. Daß gleichzeitig aus dem Fräu- 
lein eine Frau, ebenso wie aus der Miß eine Mistreß, aus der Made- 
moiselle eine Madame, der Signorina eine Slgnora wurde, während 
die entsprechenden Bezeichnungen des Mannes durch die Hochzeit 
keine Änderung erfuhren, dürfte allerdings weniger mit dem wirt- 

15* 



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228 



sehafülclien Charakter der Ehe, als mit der damit verbnndenen Vor- 
steUimg der Defloration zusammenhangen» welche den iMb der 
Jangfrati nnd damit Seele und Bedeutung des Weibes nicht un- 
we0entli<di umgeetalteten. Was der Mann von der Fra,u in erster 
Linie verlangen zu l^önnen das Becht zu haben glanbte, selbst dann 
noch, als er ilm^m Ynter nichts mehr für sie zahlt«, sondern von ihm 
noch etwas dazu bekam, die sog'enannte Mitgift, war, daß sie ihm 
als ihrem Herren eine gehorsame Dienerin sei, noch jetzt lautet in 
England die Eheforrael der Frau: ,,To love, to serve und to obey", 
und Goethes Worte aus „Hermann und Dorothea": ,,Dienen lerne bei- 
seiten das Weib naeh ihrer Beatimmung'S Schillers: „Gehorsam ist 
des Weibes Pflicht auf Erden, das harte Dulden ist Ihr schweres 
Los'S entsprechen auch gegenwärtig noch den Anaohanungen und 
Wünschen konservativer Kreise. 

Jede Abhängigkeit bewirkt, seihst wenn der Behensoher 
nichts weniger als streng ist, von selten des unterworfenen Teils 
einen latenten Widerstand, eine innere Auflehnung, ein Aufbäumen, 
das instinktiv, oft unmerklich dazu übergeht, sifh in irgendeiner 
Weise dem Machthaber überlegen zu zeigen. Das Weib verfügt zu 
diesem Zwecke von Natur über ausgezeichnete Mittel. Sie kann 
dem Manne, der nach der ihrem Leibe entströmenden Lust hungert 
und dürstet, die Liebe zu einer wahren Leidensehaft machen. 
Biese Wortbildung enthält das ganze Geheimnis der Leidlust, der 
Passiophilie, auf die schon der persische Dichter Bumi*) das Wort 
münzte: „Liebe ist ilirer Natur nach Schmerz." 

Mit dem ErohemngsdrriTijrc des Mannes nnd der Widerstands- 
kraft des Weibes hängt der Kampf der Geschlechter zusammen, der 
auf beiden Seiten mit vielen wirksamen Waffen geführt wird. Nach 
Meinung der einen hat in diesem unausgesetzten Kampfe, der ver- 
mutlich schon so lauge geführt wird, als es eine Trennung der Ge- 
schlechter gibt, das Weib, nach Ansicht anderer der Mann die Ober> 
band behalten. Diese Verschiedenheit der Auffassung dürfte 
daher rühren, daß für ^ele Fälle das eine gilt, für viele aber auch 
das andere zutrifft. 

Von Wichtigkeit ist, daß die beiden Geg^isätz^, um die esssieh 
hier handelt, mich außerhalb des Liebeslehens als zwei sieh gegen- 
iihorsfohende Grundtriebe dos Menschen eine entscheidende 
Kolltj s]>ielen: der Trieb zu leiten und sich leiten zu lassen, Boll» rr- 
schungsdrang auf der einen Seite, im Extrem gpsteicrert bis zu despo- 
tischer Tyrannei und grausamer Willkür; Wilifaiirigkeit auf der 
anderen Seite, im Extrem herabi^nkend bis zur tiefsten Ergebenheit, 
Untertänigkeit und Hdrigkeit. 

Wir wollen hier ununtersucht lassen, ob und inwieweit der ge- 



*) Qttert nach Bloch: Sezualldieii, S. 9U. 



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T. Kaidlel: Der Metatroniiauis 



229 



Steig-erte Aktivismus und Paesivismus als Triebfedern, mit anderen 
Worten ah ein nnbewußt, unterbewußt, ja violfacb sogar bewußt 
erotisch gelarbter Herrschufts- und Unterwürfigkeitsdrang auch für 
das allgemeine Leben von au^sohlaggebender Bedeutung sind; auch, 
soweit sie sich innerhalb nüniialsexueller Grenzen bewegen, sollen 
sie uns hier nicht ausführlicher beschäftigen, sondern nur in Kürze 
smn laemxm Verstindnk herangezogen werden. Für uns kommt 
hier nur der pathologieeli geriehtete, und der, wenn umgewendet» 
4Mieh meist gesteigerte 'Befmobr nnd Diensttrieb in Betracht. Eine ' 
Umkehrong nnd damit eine Abweichung vom GeschleehtBtypos haben 
wir dann festzustellen, wenn in der Liebe des Mannes die passive,' 
Lust am Dienen und Leiden, beim Weibe die aktive Neigung 7aiv 
TTnterjüchung nnd Demütigung in ausgcsproehener Weise über- 
wiegt. Bezeichneten wir das normale Verhalten der (leschlechter 
onttremander als sexuellen Tropismus, so können wir ein derartig 
abnormales Verfahren, in dem das Weib die aktive, der Mann die 
ipaiaive BoUe spielt, MeiairoidaBiia nennen ^rieehieäi: fierä wie 
in Metamorphose im Sinne von umgekehrt). 

Wir ziehen diesen Terminus den von Kraf ft-Ebing mit groBem* 
ürfolg in die Fachliteratur eingeführten Begriffen eines männliehen 
y^asocbismus'' und weiblichen „Sadismus" vor. Den Masochismus 
erklärte Krafft-Ebing als „eine eigentümliche Perversion der Vita 
sexuaiis, welche darin besteht, daß das von derselben ergriffene In- 
dividuum in seinem gescLlechtlichen Fühlen imd Denken von der 
Vorstellung beherrscht, dem Willen einer Person des anderen Ge- 
schlechts vuilkommen und unbedingt unterworfen zu sein, von dieser 
Person herrisch behandelt, gedemütigt nnd selbst 
miBhandelt zu werden. Biese Yorstellmig wird mit WoUnst 
betont; der davon Ergriffene schwelgt in Phantaaioi, in welchen er 
sieb Situaticmen dieser Art ausmalt; er trachtet oft nach einer Ver- 
wirklichung derselben und wird dondi diese Perversion seines Ge*. 
scblechtstriebes nicht selten für die normalen Reize des andern Ge- 
schlechts mehr oder weniger unempfänglieh, zu einer normalen 
Vita sexualis unfähig — psychisch impotent." An anderer Stelle 
umgrenzt Krafft-Ebing den Sadismus dahin, daß er unter ihm Akte 
der Grausamkeit versteht, „die vom Manne am Körper des Weibes 
verübt werden, nicht sowohl als präparatorische Akte des Koitus bei 
gesnnkenier Libido. nnd Potenz, sondern als Selbstaweck zur Befrie^ 
dignng einer peryersen Vita seznalis*'. Im Gegensatz hierzu gehdroi 
nach diesem Antor dann zumi Masochismns Fälle, in denen „der 
Mann auf Grund von sexuellen Empfindungen und Drängen sich 
vom Weibe mißhandeln läßt, und sieh in der BoUe des Besiegten 
statt des Siegers gefällt". 

Während Krafft-Ebing die Bezeichnung Sadismus dem 
französischen Schrifttum entlehnte, bildete er den Ausdruck Maso- 



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230 



V. BÜmitel: Der MetatKoinami» 



ehiflnms selbst. Die Nttmengeber beider Anomalien entstammten 
<■ alten aristokratischen Familien. Wäbxend der Marquis de Sade, 
weleher 1740 in Paria zur Welt kam trnd 1814 im Irrenhanse- von 
Charenton endete, in seinem nmfangrreichen Lebenswerk Verbin- 
dungen aller Arten von Grausiimkeit und Wollust mit ausschwei- 
fendster P>i nitiisie schilderte, gefiel sich der österreichische Schrift- 
steller Leopold von Sacher Masoch (geh. 1836 in Lemberg, gest. 1895 
in Lindheim bei Weinheim) darin, in seinen Romauen wieder JoA 
immer wieder Verhfiltnisse darsmstellen« in denen eine stolze, ge- 
bleterisebe ,3ernn" viplfaeb mit Pelz tmd Peitsche, als Herrschafts- 
emblemen, einen ihr sklavenhaft ergebenen, villensscblaffen, wenn 
auch häufig geistig bedentendra Mann dnnütigte tmd mißhandelte. 

Krafft-Ebing erkannte auch bereits, und der gründlichste 
Kenner dieser Triehstörnng, Alhert Eulenburg, schloß sich 
ihm in dieser Auffassung völlig an, daß dem iiiasochistisehen Unter- 
wiirfigkeitpdrnng des Mannes ein passiv femininer Charakter 
innewohnt, während die sadistische Unterjochungsneigung des 
Weibes eine männlich aklivistische Note besitzt. So meint Krafft- 
Ebing einmal, es liege nahe, den MMOchiamns übezhaapt als eine 
pathologische Wnehernng spezifisch weiblicher Elemente 
anzusehen, er sei eine kränkhafte Steigerong einzelner Züge der 
IMsychisch weiblichen Geschlechtscharaktere, man habe daher seine 
primäre, Entstehung bei diesem Geschlechte zn suchen. Er fügt 
hinzu, man könne als feststehend ann)?hmen, daß sich eine Neigung 
zur Unterordnung- unter den ]\T:inn heim Weibe bis zu einem 
gewissen Grade als normale Erschemung vorfinde. Der Verfasser 
der Psychopathia sexnalis zitiert in diesem Zusammenhange den 
Ausspruch der Lady Miiiord iu Schillers „Kabale und Liebe" (2. Akt, 
1. Szene): „Die höchste Wonne der Gewalt ist doch nur ein elender 
Behelf, wenn uns die größere Wonne versagt wird, Sklavinnen 
eines Mannes zn sein, den wir lieben." An anderer Stelle 
(S. 150) sagt Krafft-Ebing: „Während der Sadismus als eine patho- 
logische Steigerung des m£nnliehira Geschlechtscharakters in seinem 
psychischen Beiwei-k angesehen werden kann, stellt der Masochiß- 
nius eher eine krankhafte Ausartung einer spezifisch weihlichen 
psychischen Eigentümlichkeit dar," und weiter (Anm. zu S. 155): 
„Es dränfft sic-li der Gedanke auf, daß der Masochisniu-, wenn auch 
nicht immer so, doch in der Kegel ein Erbstück der Hörigkeit weib- 
Heber Vorfahren sei. Er tritt so," heißt es dann in einer wenn auch 
sehr entfernten Beziehung zur konträren Sezualempfiiidung, „als 
Übergang einer' eigentlich dem Weibe zukommen- 
den Perversion auf den Mann." Einige Seiten weiter spriebt 
sich der Verfasser sogar direkt dahin aus, daß „der Masochismus 
eigentlich eine Form der konträren Sexual empfindung sei, eine 
partielle Effeminatio, welche nur die sekundären Ge- 



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T. Kapitel: Oer Hetatropismus 231 



schlechtscharakt'ere der psychisoben Vita sexualis ergriffen 
hat"; vorher hat er nochmals dargelegt, daß der Masochismus eine 
ins Pathologische outrierte Erscheinung weib- 
licher psychischer Geschlechtsmerkmale darstelle, da 
tfiin Merkmal derselben Duldung, Unt-erwerf ung unter den 
Willen und die Macht ist". Über den Sadifimns, als einer 
patiiologischen Steigemnp männlleber (leschleebtscliaraktere, 
hat sich Krafft-Ebiiig ganz ähnlich ausgesprochen. 

Eine wichtige Stütze aeii^er Annahme findet der Wiener Psych- 
iater darin, düJi „heterosexuelle Masochisteii ^i^h oft als weiblich 
fühlende Naturen bezeichnen und bei Beobachtung ;uK h tatsächlich 
weibliche Züge aufweisen, ferner darin, daß „masochistische Züge 
so überaus häufig bei homosexuell fühlenden Männern anzutreffen 
sind". Das Analoge findet sich bei sadistischen Frauen; sie haben 
oft seeliflch und körperlicb viel mfinnlicbe Eigenschaften, aneh findet 
lieh weibliehe Homosexualität nicht selten mit Sadismus Tcrgesell- 
Behaftet vor. Zi^lich hKofigr konmit auch bei Frau^ eine ^gone 
Form der Bisexualität vor, die darin ihren Aittdimck findet, daß 
dem einen Gesohlecht, beispielsweise dem Weibe gegenüber, maso» 
chistische Regungen vorhanden sind, während dem andern gegen- 
über eine sadistisohn Neigung vorliegt. 

Daß der heterosexuelle Metatropist ganz ähnlich wie der Homo- 
sexuelle und Trausvestit häufip" einen recht femininen Eindruck, 
nicht nur psychisch, sondern aucii körperlich., in Gestik und Mimik 
maeht, kann ich auf Grand eigener mnfangreieher Erfahnmgen be- 
stätigen. Namentlich wird man, wenn man ihn genaner kennen 
lernt, kanm je bei einem Masochisten anderweitige weibliche Exn- 
sehläge im Seelenleben vermissen. Damit wird auch der Gedanken- 
gang mancher Masochisten widerlegt, ihre Souderart sei doch nur 
ein Ausfluß der männlichen Ritterlichkeit, der sich der edel- 
gtvsinnte Mann dem schwächeren und schöneren Geschlecht gegen- 
über pflichtgemäß zu befleißigen habe. Da der Ilitter, der Kavalier, 
gerade als eine recht männliche Erscheinung gelte — so fahren sie 
fort — , könne doch auch in ihrem Gebaren nichts Unmännliches 
liegen. 

Offenbar liegt die ümschlagstelle zwis(dien den G*^nsät2en 
Beherrsohen nnd Bedienen im Begriffe des Beschützen s. Der 
Ritter beschützt das Weib, indem er ee aber unter seinen Schutz 
nimmt, bedient er es auch und kann, wenn seine Geneigtheit dem 
entsprechend ist, dann leicht weiter hinabgleiten bis zur völligen 
Hingabe an die geliebte Herrin, wie uns solches vom „Minnedienst" 
des Ritters Ulrichs von Lichtenstein und anderer Minnesänger über- 
liefert wird. Aber gerade dieses historische Beispiel zeigt uns 
wieder die enge Zusammengehörigkeit von Masochismus und Femi- 
nismus, wissen wir doch, daß Bitter Ulrich von Lichtenstein, der als 



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282 Y^Kapltdl: Der Mtfafaop iaaHp 

^Königin Veniu'* diueh die Lande zog, el>enBO vie Bitter Otto 
von Buchawe und Bitter Fnedridi von A^xtebenfiixt Franenldeider 
anlegte» um eicht bo angetan, „züchtiglich vielen schönen Frauen zu 
zeigen" (vgL Tranevestiten, S. 431 o. ff.). Ulrich rühmt sich, daß, 
wenn er „ganz in Frauensitte ging, sein Tritt kaum händebreit war, 
und daß er ein dargereichtes Buch so nahm, wie Frauen tun". 

Wer die Einzel fülle genau analysiert, wird alsbald die 
f^brrzeiigung gewinnen, daß die zitierten Ausführungen Ejrafft- 
Kbingö den Kernpunkt des ganzen Probleme treffen, nämlich, daß 
der Masochismns des Mannes und der Sadkmua des WeibjBB aus- 
geeprocben metatropische Erscheinungen . sind. Vom sexaal- 
peyebologiaehen G^chtspunkt ans sind der Masochiarnns des Weibea 
und der Masochismns des Mannes zwei grundvcraebiedene Dinge, 
und ebenso der Sadiamns des Mannes und des Weibes. In dem einen 
Falle handelt es sich um einen Fxzeß, un andern um eine Inversinn, 
der eine Fnll bedeutet nur eine Stelgerung, der nndere aber 
eine völlige Umkehrung des eigentlichen Geschlechts- 
typus. 

Aus diesem Grunde erscheint es mir auch nickt richtig, diese 
beiden verschiedenen G^fühlskomplexe gemeinsam abzuhandeln und 
mit dem gleiehen Namen zu belegen, wie es in der bidierigen Idte- 
ratur üblich ist. Den Tielgestaltigen Sadismus des Mannes und den 
Masochismus des Weibes will ioh dort beschreiben, wo ich die Hyper- 
ästhesien und erotomanischen Bzzesse des menschliehen Geschlechts- 
triebes schildere, während der masochistische Mann und das sadisti- 
sche Weib offenbar in diesem Bande ihren Platz haben müssen, der 
den Abweiehungen vom Sexualtypus gewidmet ist Eine maso- 
chistische Frau nach Saeher-Masoch zu benennen, wie es in der 
Fachliteratur noch gang und gäbe ist, erscheint völlig unangebracht. 
Denn wer das Leben, das Wesen und die Werke dieses Schriftötellers 
kennt, weiß, daß sie gerade vom Gegenteil des masochistischen 
Weibes, nämlich von der ,|HexTln", der MDomina" erfSllt sind;, das 
Wesentiiohe in Masochs Schriften ist gerade der Metatropismns^ die 
sklavenhafte Unterwürfigkeit des Mannes unter das kraftvolle Weib. 
Wir sehen bei dieser Feststellung ganz davon ab, ob nicht überhaupt 
der Gebrauch von Personennamen in der sexualwissenschaftlichen 
Nomenklatur b(»sser unterbleiben sollte, wie ich dies bereits im 
vorigen Baude hinsichtlich der Onanie gleich Ipsation vorgeschlagen 
habe. Es heißt dem Andenken eines literarisch verdienstvollen 
Mannes, dessen Kinder noch leben, keinen Gefallen erweisen, wenn 
man Empfindungen und Handlungen nach ihm benennt, von denen 
er selbst keineawega verraten hat, ob sie im einzelnen tatsächlich bei 
ilmi Torhanden* waren» oder ob sie nur seiner Diehterphantasie ent- 
sprangen. Kann man auch nicht von jedem wissenschaftlichen Ter- 
minus beanspruchen» daß er v ö 1 Ii g den Inhalt des Begriffes deckt. 



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233 



HO darf man doch wohl verlangen, daß er etwas gaas Wesentliches 

ausdrückt. Der Ausdruck Metatropismus erfüllt dio«!(> Forde- 
rung, die Bezeichnung Masocliisums nicht. Die Berufung Krafft- 
Ebiiigs auf das Beispiel des Daltonisnuis für Farbenblindheit trifft 
insofern nicht zu, al& es sich hier doch um ein viel umgreiiztereö und 
sehr viel weniger heikles Krankheitsgebiet handelt* Eemer war 
Baiton, der als erster die Krankheit, an der er selbst litt, beschrieb» 
kein Belletrist, sondern ein berähmter Naturforscher. Auch wurde 
der persönliche Name ziemlich bald durch den sachlichen „Farben* 
blindheit" fast völlig verdrängt. 

Das Unzureichende in den Bezpi<'hrnuio'en Atasochismus und 
Sadismus ist auch von anderen Seiten bereits empfunden und betont 
worden. So von Schrenck-Notziug, der dafür den auch von Bulen- 
burg übernommenen Ausdruck Algolagnie (von äXyos Schmerz und 
lixypBia Lüsternheit) empfahl und aktive nnd passive Algolagnisten 
imteraefaieden wissen wollte, je nachdem solche Personen Sehmenen 
einem andern zufügen oder selbst von einem andern erleiden wollen. 
Enlenburg hat noch eine dritte, wie er bemerkt, „zahmere Abart 
oder Spielart", nämlich die ideelle oder illusionäre Algolagnie hinzu- 
gefügt, die darin bestehen soll, daß „die g^chlechtliche Erregung 
und LustbefriediguDg in psychisch-onanistischer Weise lediglich aus 
der autosuggestiv produzierten imd lebhaft apperz,ipierten Vorstel- 
lung verfthter oder erlitten« JQBhandliing geschöpft wird". 
Übrigens machte auch schon Thoinot (L. Thoinot: Attentats aox 
moeurs et per\ ersions du sens gtoäsiqne, Paris 1898) den wichtigen 
Unterschied zwischen „fictions ideales ninsochistes'* und „sc6nes 
masochistes reelles*', in demen f^s masochiste va passer du r6ve a 
la realite". 

Gegen die Bezeichnung Algolagnie, wie überhaupt gegen 
den Begriff dee Masochismus als einer durch Sclmierz hervor- 
gemfenen Gesehleehtserregung, läBt sich mancherlei, vor allem aber 
folgendes einwenden: da das, was dem Normalen Sehiners verorsaeht, 
bei dem Masoehisten keine Schmerz- und ünlnstempfindongen, 
sondern im Gegenteil Lustgefühle auslöst, so ist eben für ihn der 
Schmerz subjektiv und objektiv kein Schmerz. Ich habe mir oft 
von passiven F]njr*^llaiiten snireD lass<Hi, daß dio Scljläge auf das 
Oesäß zwar fiir sie erotische Irritaniente seien, die sie nicht ent- 
behren mochten, daid sie sich sogar vielfach Mühe gäben, „eine tüch- 
tige Portiim'' davon zu vertragen, indem sie ihre Empfindlichkeit 
nach Möglichkeit abstumpften, daß aber, wenn man ihnen wirklich 
wehe täte, die sexuelle Anregung zurücktrete, weil dann eben das 
Unlustgefühl das Lustgefühl übertönte. 

Mir scheint es, daß man der Lösung dieses Rätsels wesentlich 
näher kommt, woiin mnii f\\r i rai don Masoehisten für die Haut- 
siuuesnerven begehrten Raize mit denen vergleicht, welche seine 



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234 Kapitel: Der Metatroniraous 

anderen Sinnesnerven verlangten. Da wird man dann bald pro wahr, 
daß liiclit etwa nur das Hautorgan, sondern auch die vier übrigen 
SlnnesorgaDe nach viel stärkeren und massiveren Irritamentea 
leehzen, als es bei Nonnalsexnellen die Regel ist. 

Das Auge liebt das kräftigere, robustere Weib, das Ohr die 
räubere, gröbere „herrische" Stimrar. Ebenso ist die Nase auf 
derbere Reize erpicbt, wie in besonder-^ ]:rnsser Weise die Hurn- und 
Afterriecher zeigen. Ähnlich ist es mit dem Geschmacksorgan. 
Während dieser im Tionnnlen Sexualleben des Men!*ehen nur eine 
untergeordnete Rolle spielt, gehört die Zunge bei vielen Masochisten 
geradezu mit unter die Geschlechtsorgaue, wie die große Verbreitung 
der Cunnilinetio bei metatropisefaen Männern beweist, wobei ieh die 
' von Märzbaeb aufgieworfene und negativ beantwortete Frage, ob 
nicht alle „lecheurs" überhaupt Masochisten seien, unentschieden 
lassen möchte. Stellt man einfach nebeneinander, auf welche ge- 
steigerten Eindrileke der Opticus, Acusticus, Olfactorius und Olosso- 
pharyngeus der Metatropisten eingestellt sind, so verliert der Um- 
stand, daß nun auch der Cutaneus als fünfter Sinnesnerv nach inten- 
siveren Impressionen verlangt, viel an Absonderlichkeit. ' 

iFast sebeint es, ak ob sebwichere Nerven stärkerer EHndrflek» 
bedürfen, um sich erotisoben Lnstgewinn zu versebaffen; allmäh- 
lich suchen sie sogar oft immer kräftigere Nervenreize, weil ihre 
Sinne sich an die weniger derben mit der Zeit gewöhnen, ähnlieh 
wie sich das Nervensystem nach und nach auch in stärkere elek- 
trische Ströme ,,eins<'hleichen" kann. Mi1 t^bor-^nttig-un^r oder 
auch nur mit Variationsbedürfnis bat jedoch ein solcher ,,Reiz- 
hun^?er" nichts zu tun; diese veraltete Auffassung hält in der Sexual« 
patholugie objektiver Nachprüfung nieht stand. Nerven von ge* 
snnder Sinnlichkeit nnd Empfindllobkeit reagieren anf Normal- 
reize, schwächere Nerven bedürfen mehr, um erotisch aktiviert zu 
werden, und auch dann entwickeln sie nieht die volle motorische 
Stärke eines kräftigen Nervenmen sehen, der sieh selbsttiitig Lust- 
quellen im Weibe erobert, sonflcrn sie bringen es nur zu passiver 
Entgecrennalinic der sie berrniscliciiiifti T/^'beusreize. 

So erklärt es sich, daJi die meisten Passiophilen von Hause 
ans Nenrotiker, genauer Neurasthenlker und Psychastheniker sind. 
Man kann diesen Satz auch umdrehen nnd sagen, da8 die meisten 
Nenropathen und Fsyohopathen von Hanse ans nicht sexuelle Voll- 
menschen sind, sondern in das groBe Gebiet intersexueller Varianten 
gehören, zum mindesten aber scxualpathologischc Züge aufweisen. 

Mit der hier vertretenen Auffassung des Masochismus steht es 
nicht im Widerspruch, daß nicht ganz selten masoeh istische und 
sadistische Gelüste in einer Person vergeeelirichaftet vor- 
kommen. Da sich in jedem Menschen durch zweigeschlechtliche 
Zeugung männliche nnd weibliche Erbmasse nnd damit aneh aküve 



Y. Kuriid: Der MetklroitoiiB 235 

und passive Komponenten vereinigen, ist es theoretisch sehr wohl 
(lenkbar, daß siVh gelegentlich auch wohl einmal beide gesteigert 
als pathologischer Aktivisrans und Passivismns ncbeneinrmfier fin- 
den. Die praktische Erfahrung Z/Cigt sogar einen merkwürdigen 
Kontrast, nämlich den, daß ausgesprochene Sadisten im Leb6n oft 
recht weiche, zarte, Masochisteji dagegen ansonsten häufig recht 
grobe und derbe Menschen fdnd. Während dee Krieges suchte mioh 
einmal ein Unteroffizier auf, der hochgradig metatropiseh war; er 
hatte keinen sehnlicheren Wnnseh» als ,4^8 Bienstmädtehen einer 
recht strengen Herrin" zu sein. Dieser teilte mir mit, daß er in 
seiner Truppe ^verrufen sei, weil er die Soldaten beim Exerzieren 
„so fürchterlich schleife". Es tüte ihm wohl, wenn er so lange „auf, 
nieder" kommandieren könne, bis die Leute vor Wut ganz erbost 
puf ihn seien, gleichzeitig hätte er mit ihnen aber tiefes Bedauern. 
Frauen, die ans dem Masochismus dvx Milnuer ein Gewerbe machen, 
berichten, daß unter ihren Kunden aaf fallend viel „schneidige 
Herren mit Dnrohziehem^, eSuB sagte „Assessoren» Staatsanwilte 
und Offiziere" seien. Natürlich ist auf die Aussagen solcher G^e- 
werblerinnen nicht Tiel zu geben. Nnn gab es in .Berlin froher — 
ob anch jetzt noch, ist mir unbekannt — einige solcher Frauen, die 
Einriehtangen getroffen hatten, daß man unbemerkt ihren 
Sitzungen beiwohnen konnte, ohne daß der unglückliche Gast eine 
Ahnung hatte, daß man sein Leiden auch noch zur Schau stellte. 
Biese Massensen hatten durch die Türen ihres Salons kleine Guck- 
löcher gebohrt, die völlig ausreichten, die seltsamen Vorgänge zu 
beobachten. Um wissenschai'tliciies Material zu sammeln, habe ich 
▼ersehiedentlieh von diesen Einiichtnngen Gebrauch gemacht nnd 
mich überzeugt, wie stark der Giegdtsatz war zwischen dem Tomehm' 
selbstbewnBten Elindmek der eintretenden Kunden imd ihrem würde* 
losen Gebaren, wenn sie um ,3^b&i>dlungen*' bettelten. 

Noch eine weitere hierher gehörige Beobachtung sei angefahrt» 
Ich besuchte einst eine Berliner Herrin, die im Besitz einer reich, 
ausgestatteten Foiterknmmer war, welche ich mir ansehen wollte. 
I>ie Dame lag, frntztk'm die ^^itta^;^-t iinde längst vorüber war, noch 
im Bett. Sie ließ mich sogleich in ihr Schlafzimmer bitten und hier 
sah icli nun, wie sie eine neben ihr im Bett liegende weihliche Person 
fütterte, indem sie ihr die zSrtUdiBten Kosenamen beilegte. Sie be- 
nahm sieh ihr gegenüber als gefällige Dienerin, der sie jeden Liebes- 
dienst' za erweisen bereit war. Von herrischem, hochfahrendem 
Wesen zeigte sie keine Spar. Dieselbe Frau war in Masochisten- 
kreisen weit gefürchtet und daher auch geliebt wegen der Hart- 
herzigkeit und Gf walttätigkeit, mit welcher sie die Männer behan- 
delte. Wie erklart sich dieser Kontrast? Ganz einfach. Die Person, 
die nel>en ihr Li^r. war ein junges Miulclirn, das sie liebt" und daher 
verhätschelte, während sie die Männer haßte und es ihr deshalb keine 



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286 



Überwindung kostete, sie zu züchtigen. Bis war im ürund« also 
keine sadistische» sondern eine homosexuelle Frau. 

Als ich den Fall später mit BoIenbiiTir besprach, ftoBerte er die 
Meinimg, dafi naeh seiiier statttiehea Erfahmng die große Hehrsahl 
dfirjenigen Frauen, welehe gewerbsmäBifir Maeoehisten peinigen, 
überhaupt nicht Sadistinnen, sondern Lesbierinnen seien. Er hielt 
überhaupt wirkliche sadistische Frauen für eine große Seltenheit ira 
Gegensatz zu unnsoch istischen Männern, die eiae der ausgedehntesten 
sexualpathologischen Grupiien bilden. 

Seinerseits zu Tätlichkeiten überzugehen, wird im gewerbs- 
mäßigrcn Verkehr sich der feminine Mann kanm .ie erlauben, wohl 
aber kumiiit dies nicht selten dann vor, wenn er „ein festes Verhält- 
nis", oder gar eine Ehefirau hat, Ton der er sieh grausam behandeln 
läßt Dieser sadistisohe fSinsehlag ist aber meist mir scheinbar; er 
wird weit weniger dadurch yerursacht, daß der Masoohlst erlittene 
Chausamkeiten vergelten will, als daduroh, daß er starkeiPe von 
selten des Weibes heryorrufen möchte. 

Oft ist es schönen* pr, masochistische und sadistische Regungren 
streng voneinander zu unterscheiden. So wissen wir, daß sowohl 
Sadisten als Masbchisten eine große Vorliebe für grauenhafte Er- 
lebnisse haben. Sie verschlinpren nicht nur Schauergeschichten in 
leidenschaftlicher Spamiuug, äondem suchen auch Sciireckeuääzeuen 
heiznwohnen. In der Idterator wird! dnvehgehends darauf hin> 
gewiesoi, wie sieh diese Leute ro Hinrichtangen, Stierkämpfen, 
Bingkämpf en und blutigen Operationen drängen, kurs, überall dort 
zu finden sind, wo Personen großen Gefahren ausgesetzt sind. Auch 
an Stätten, an denen Menschen leiden, wie bei Begräbnissen, in Ge- 
fängnissen, früher in der Fmgebunjr des Prangers, vor allem auch 
bei rrerichtsverhnndlungen findet man sie. Zunächst könnte man 
denken, das sind doch Sadisten, die an grausamen Vorgängen und 
den Leiden der anderen ihre aktive Freude haben. Weit ge- 
fehlt; in Wirklichkeit überwiegt meint das Mitleid die Schaden- 
freude, abor das Mitleid wird nicht als Leid, sondern als Freude 
empfanden. Damit ist der Charakter passiver Leidlust gegeben. 
Zugleich ruft der Anblick des Blutes und der Gefahr die unter- 
bewußte Gedankenassoziation hervor: Du hast hier passly Anteil an 
dem Vorhandensein von körperlicher Stärke und geistiger Kraft. 
Diese Vorstellung allein bedeutet für passiophil veranlagte Men- 
schen einen großen Nervenkitzel. Ich habe mehr als einen aus- 
gesprochenen Weihling kennen gelernt, der förmlich in der Beschrei- 
bung von Grausamkeiten st liwelgte. Jede Nachricht von einem 
Mord, vor allem aber Mitteilungen über ein Maasenunglück, ein 
Progrom, eine Sohlacht erregten ihn erotisch. Der Satz: „Vor 
unseren Gräben lagen Tausende toter Feinde'S löste in ihm Beamelle 
Lustempfindungen aus. Daß die „echmersUehe Wonne** «m Sehieek- 



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V. Kapitel; Der Metatropismus • 237 

liehen sowohl dem Hyperaktivistcn, wie dem Hyperpassivisten eigen 
vst, maß als ein Umstand erachtet werden, dier der Überwindmig yon 
Hord nnd Toteebla« ebenso wie anderer gewalttatiger Eingriffe nicht 
günstig ist. Denn wenn wir aneh nieht 60 weit gehen wollen, wie 
Wnlf f en, der weit Über das Liebesleben hinaus den Schlüssel fast 
nnserer ganzen Kulturentwicklung im Masochismns und Sadismus 
gefunden zu haben glaubt, und diese als bewegende Kräfte fast 
überall vermutet, so soll doeh mrht in Abrede g-estellt werden, daß 
die Bedeutxmg dieser beiden Grundtriebe sublimiert und losgelöst 
von der erotischen Bnsis eine ungemein große ist und das Verständ- 
nis für viele Vorgänge erleichtert, die zunächst anscheinend mit 
Sexualität nieht das geringste zn tnn haben. 

Es würde jedoch zu weit führen, diesen verschlungenen Pfaden 
nachzniqi&ren nndjiaehzngehen, für unsere Zwecke empfiehlt es sich 
nuehr, jetzt erst einmal das Wesen des metatropiaohen Mannes nnd 
Weibes in seinen einzelnen, teils mehr physiologischen, teils mehr 
pathologischen Zügen kennen zn lernen. 

Der metatrbpiselie Hann 

Wir haben drei(rlri m unterscheiden: Das Objekt, dem die 
Sinne des MetntroiMsten sich unwillkürlich zuwenden, das Sub- 
jekt, das er nach seinen Empfindungen selbst darstellen möchte, 
und drittens die Verbindung, die er zwisclien sich als Subjekt 
nnd dem Weibe als Objekt herzustellen sucht 

L Welehe Eigensdiafien sldien den Hetatroplsten am Weibe 

objektlY ant 

a) In körperlicher Hinsicht: In den meisten Fällen liebt 
der Metatropist eiu starkes, stattliches Weib (Heroinen-, Amazonen- 
typus, OermaniafLguren); oft bevorzugt er dne massige Ausbildung 
aller weiblichen Oesehlechtscharaktere, namentlich der Brüste nnd 
Hüften, nicht selten aber fühlt er sieh auch zu sehr schlanken Frauen 
hingezogen, die in Gang, Stimme, Muskulatur männliche Ein- 
schlage erkennen lassen, dies namentlich, wenn er selbst stark 
feminin empfindet. Einen eigenartigen Reiz üben auf manche Meta- 
tropisten fremdrassige, vornehmlich auch andersfarbige Frauen aus 
(Negerinnen, Chinesinnen). Gelegentlich findet man auch Vorliebe 
für Frauen mit körperlichen Fehlern, häßliche, lahme oder ver- 
wachsene Personen. Ich kannte einen geistig sehr iiuchstehenden 
Metatropisten, der in ühnlicher Weise wie der Philosoph Descartes, 
schielende Frauen liebte, eine Vorliebe für bucklige Mädchen hatte, 
TOB denen er stets eine oder mehrere als Hauspersonal in seiner Um- 
gebung hielt. Seihst sehr zierlicher Gtestalt, war er zweimal ver- 



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238 V. Kapitel: Der Metttropieinne 

heiiatet gewesen, beide Male mit Riesend amen, die doppelt so viel 
wogen wie er selbst. Es macbte einen seltsamen Eindruck, wenn der 
kleine, stets sehr feierlich aussehende Mann neben seiner wuchtigen 
Gattin einherschritt, die er i^alant am Arme führte. 

Man erkennt leicht, daß der Metatropist ungefähr von allem das 
Gegenteil sucht, was den Mann mit noimalsexaellem Tropismnfi an- 
adeht. Dieser pHegt weder für übermäßig, noch für nnterdnrch- 
eehnittlieh entwickelte Geechleebtsoharaktere za sein. 

b) Alter: Wfibrend der normale Mann Frauen bevorzugt, die 
jünger sind als er, oder gleichalterige — in Deutschland ist im 
Dnrebschnitt die Frau 4 bis 5 Jahre jünger als ihr Ehemann — 
fühlt sich der Metatropist sehr oft zu Frauen hingezogen, die ihm 
an Jaliren überlegen sind. Zwischen 20 und 30 alt, schätzen sie am 
meisten Frauen von 35 bis 45, doch werden nicht selten auch noch 
ältere beprehrt. Die Gerontopliilie beruht bei Männern fast stets 
auf iniantileni Metatropismus. So stellte sich mir ein Metatropist 
von 25 Jaliren vor, ein Ingenieur, der sich in eine 63jSlirige, ver- 
mögenslose Witwe lieftigst verliebt hatte; tiots stärkstem Wider- 
sprach seiner Eltern ehelichte er sie nnd wurde mit ihr sehr glück- 
lich. Daß Metatropisten meist keine oder nur sehr wenig Kinder 
haben, hängt oft mit dem vorgeschrittenerem Alter ihrer Frauen sn- 
sammen. 

c) Geistige Eigenschaften: In dieser Beziehung- hrvorriii^-t 
der Metatropist zwei Frauentypen: Das stark mteilektuelle, 
energ-ische Weib, vom Typus der Frauenrechtlerin, und das sozial, 
geistig und sittlich niedrig stehende Weib, vom Typus der Halbwelt- 
dame. Bei beiden liebt er ein herrisches, sicheres, ja strenges, oft 
sogar brutales Wesen. Die beiden Typen bilden insofern keine 
Gegensätze, als sich der Metatropist das eine Mal dadurch erniedrigt 
fühlt, daß ihm das Weib geistig überlegen ist, das andere Mal da^ 
durch, daß er als gebildeter Mann sich soweit „wegwirft", „so tief 
sinkt", daß er sieh von einer gesellschaftlich und moralisch unter 
ihm stehenden Person behcrrsphon läßt, sich vor ihr beugt. Infolge- 
dessen findet man auch unter (lr»n Zuhältern viele Metatropisten. 
Der demütigende Reiz liegt für sie in der Entehrung, einer Prosti- 
tuierten in ihrem verachteten Gewerbe Vorschub zu leisten. 

d) Stand dee Weibes: Der Metatropist hat es gern, wenn ^ie 
Frau einen Beruf ausübt* Besonders beliebt sind Eradeherinnen und 
Lehrerinnen, die tftc streng gelten; hochangeeehen sind Tierbändige- 
rinnen (Dompteusen), Zirkusreiterinnen, überhaupt „schneidige Beit^ 
damen" (Reitkostüm, Beithut). Eine andere Gruppe zieht akade- 
misch gebildete Frauen vor, wie Ärztinnen oder auch Direktorinnen, 
Ohefinnen, Frauen in männlichen Berufen. Eine besondere Rolle 
spielt bei vielen Metatropisten die Massense; schon das Wort übt auf 
viele, vielleicht durch die unterbewuiite Klangassoziation mit 



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239 



Magochismus und massiv elnnii eigenen Beiz auB. Eis kommt 
hinzu, daß die Massage vielfach als Deckinant*;! von weiblichen Per- 
sonen benutzt wird, die aus der Behandlung von Masochisten ein Ge- 
werbe machen. Keineswegs soll damit gesagt sein, daß dies für alle 
Masseurinnen zutrifft, imter denen es höchst ehrenwerte gibt, doch 
kommt es nicht selten vor, daß eine MassenriiL anfange ihren Boraf 
ohne irgendwelche Nebenabeiehten ergreift, dann aber allm&hlieh 
anf eine schiefe Ebene gleitet, indem sie nnr sehr wenig yon Per- 
Bonen anfgesneht wird, die sich gesundheitshalber massieren lassen 
wollen, mn so mehr dagegen von Herren, die an sie das Ansinnen 
stellen, g-eschlagon. ^^etroton oder anderweitig gezüchtigt zu werden. 
Andere Metatropi'^ton, besonders solche, die gern einen Pagen, 
Knappen oder eine Kammerzofe vorstellen möchten, haben eine Vor- 
liebe für Aristokratinnen oder reiche Weltdamen. Der Titel einer 
Prinzessin, (Gräfin oder Freifrau, auch schon ein einfaches Adels- 
pradikat flößt ihnen ein erotisch betontes üntertänigkeitsgefUhl ein, 
selbst wenn sie wissen, daß die Baronin bis zu ihrer Namensheirat 
ein schlichtes Fränlein Sdimidt, die Gräfin eine „Bardame" war. 

e) Kleid HTi^ dos Weibes: Der Kleidnnfrsgcsclimnrk des 
Metatropisten ist ganz vom fetischistischen Symbolismus abhangrig. 
Als den eig-ontliohen Pelisch des Masochisten bezeichnet Krafl't- 
Ebing den Schuh. Ich lasse ee dahmgestellt, ob sämtliche 
Schuh* nnd Stief elfetisdiisten, yon denen m unter den Männern eine 
rei^t beträchtliche Anzahl gibt, metatropisch sind, die Mehrzahl 
ist es sicherlich. Sie verbinden die Vorstellnng des bekleideten 
Fußes mit dem Gedanken eines strammen Auftretens des Weibes 
•oder auch des eippnen (letrefenwerdcns. Unter den Utensilien ge- 
werbsmäßiger Spezialistinnen auf diesem Gebiete fehlen selten die 
bis au die Waden reicheiuleii Knöpfstiefel mit hohen Absätzen, 
ebenso wie die bis au den Ellbogen gehenden Glacehandschuhe. Ein 
Metatropist schreibt: ,J)ie behandschuhte Hand, trotzdem sie gleich 
•dem Fuße kleiner und nerlieher ist als die des Mannes, schwingt 
kraftvoll die Peitsche über den Sklaven, dessen höchstes Glück darin 
besteht, nach oder schon während der Züchtigung das Schuhwerk 
der Herrin zn küssen," 

Ein HTuleres Kleidungsstück, das auf fast alle Metatropisten 
«inen tiefen Eindruck macht, ist der Pelz. Mit ihm verbindet sich 
auf der einen Seite im Unterbewußtsein die Vorstellung majestä- 
tischer Vornehmheit, auf der anderen Seite der Oedanke au wilde 
Bestien, mit deren schönem Fell sich nun die grausame Gebieterin 
aehmüekt. Aber nicht nur die Stoffe, welche Tieren abgezogen sind, 
Leder und Pelz, liebt der Metatropist, auch die rauschende Seide, der 
weiche Samt und kostbare Spitzen ziehen ihn an, als Symbol von 
Reichtum, Eleganz und Macht; ähnlich ist es mit teurem Schmuck. 
Doch gibt es auch Metatropisten, die gerade einfache, einfarbige, 



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edmiuolEloee, enganliegende Kleider mit hoh^ Stehkragen lieben» 
weil sie in ihren Augen etwas Fderliehes, Gediegenes» Strenges und 
Ernstes Terkorpem, ond selbst solche Masochisten habe ich kennen 
gelernt, die Frauen in liederlichen „schlampigen", unmodernen, ge- 
schmacklosen oder schlecht sitzenden Anzügen den Vorzug geben ; 
8ie fiihlon sieh orst recht dadurch gedemütigt, wenn sie als g('})il(ietQ 
Männer, vornehm gekleidet vom Scheitel bis zur Sohle, vor soicheii 
vernachlässigten, schmutzigen „Vetteln" im Staube liegen. Viele 
Metatropisten hahen auch eine Vorliebe für männlich gekleidete 
Frauen. Es gibt manche, denen die Kriegszeit trotz aller Entbeh> 
rangen und Gefahren lieb geworden ist» weil sie ihniOn als Augen- 
weide die Massenerscheinnng- der IPrau in der Hose gebracht hat. 

IL Was wfinsolii der meiairoplsehe Mann selbst ni s^f 

Überschauen wir das große Material, welches uns direkt in 
mündlichen und schriftlichen ÄnBerungen von Metatropisten ent- 
gegentritt, oder in der nuMoehistliolien ond sadistischen lateratar» 
in dem ^astromentarinm» mit dem anf diesem Gebiete tätige Gewerb- 
lerinnen arbeiten, so sind es im wesentlichen 5 Arten der Sraied'- 
rigimg, die wir nntersoheiden können. 

a) Erniedrigung im Stand (Servilismns): In dieser wohl 
umfangreichsten Metatropisteugruppe liegt den Männern daran, 
sich als Pieripr. Sklaven. Pagen einer vfolzen Hierrin i?nnz- 
lich m 1111 Irrwerfen. Die am Ende dieses Kapitels abgedruckten 
„Sklavenbriefe" und „Herrinueubriefe" veranschaulichen uns am 
besten die seltsame Psyche der „in tiefster Ergebenheit vor der 
gnädigsten Gebieterin untertänigst ersterbenden" Männer. 

b) Erniedrigung im Alter (pueriler Metatropismus) : 
Diese Personen mSchten Schüler, Zöglinge einer strengen Gkmyef- 
nante sein, wollen yon einer f^Usaia^ oder „Tante" als Ejiaben, als 
„unreife Jungen behandelt" werden. 

o) Erniedrigung im Geschlecht (tr an svestiti scher 
MetatropisuKis : Dies ist vielleicht die klassischste Gruppe der Meta- 
tropisten. Der Mann wünscht sich selbst in die Rolle des Weibes und 
das Weib in die Eollo des Mannes. Auf die engen Be^idningen 
zwischen Transvestitisnms und Mnsoeliismus hnbe ich sch"n kurz 
hinpTfiwiesen, das eingehende Studium der Metatropisten zeig^ 
daü bei den meisten transvestitiscbe Neigungen im ötärkereu oder 
schwächeren Grade Tork(muuen, gleichwohl darf man aber nicht so 
weit gehen, beide Erscheinungen zu identif izeren. Wir finden Maso- 
chisten, die nicht Transvestiten sind, beispielsweise unter den In- 
fantilen, und aueh Transvestiten, besonders unter Homosexuelleiit 
die nicht metatropisch sind. Nicht selten stoßt man anf Fälle, in 
denen sich diese Gruppe transvestitiseher Metatropisten mit einer 



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V. Kapitel: Der lleiatrapitmus 



241 



der vorigen vergescllschaftot. Bestellt eine Verhiiidnngr mit Servi- 
lismus, wüuschen diese Personen daon Sklavinnen. Dirnstmädchcn, 
Kammerzofen zu sein; liegt gleichzeitig Infantilismus vor, begehren 
sie statt männlicher weihliche Zöglinge oder Schulmädchen zu sein, 
und lassen sich gern mit dementsprechenden Namen belegen. 

d) Erniedrigung zum Tier CEOomimieeher Metatrppismus): 
Wenn wir es nielit ans den direkten Mitteilnngen der Metatropisten 
wüBten, würden uns die Gebrauchegegenstände ihrer Hc^rrinnen be- 
lehren, daß sich die erotische Selbstentäußernng dieser Men- 
schen bis zum Hineinversetzen in die Rolle eines Tiere.s pfeipff^m 
kann. Nicht nnr, daß die Belecrnntr mit Tieriiameu, wie: LS'haf^ 
du Hund, du Schwein, Ochse, Ksel, KnifK»!" und zalilreiehe ähnliche 
als Gegenteil einer Beleid itjuug emplunden werdeu, iu 
den asfiortierten Folterkammern gewerhlieher OeMeterinnen finden 
wir Sattel- und Zaumzencr* das nicht für Pferde, eondem für Men« 
sehen angefertigt ist, große Maulkörbe, die Männern angelegt wer- 
deu, die wie Hunde auf Vieren gehen und bellen. Danehen befinden 
sich Hundeleinen, Hundelialsbänder, Hundepeitschen und Hunde- 
hütten. Auch große Käfige kann man sehen, in welche sieli ^leu- 
schen einsperren lassen, um als Symbol „menschlicher Unterwiirfipr- 
keit" Tiere nachzuahmen. Es gibt auch Fälle, in denen Männer um 
eine geliebte Herrin herumlaufen, indem sie wie T^uben girren oder 
wie Hähne krähen, ja, seihst wie Hühner gackern und dabei so tnn, 
als ob sie Eier legen wollen. In einem andern Falle benahm sieh ein 
vornehmer Herr ganz wie „ein verliebter Kater" nicht im über- 
tragenen Sinn, sondern völlig das Liebesspiel dieses Tieres imitie- 
rend. Es gibt ein altes metatropisehes Gedieht, vermutlieh 1G60 von 
Seyffart verfaßt, das in dieser Hinsicht lehrreich ist. Darin lieißt es: 

,,Man muß sieh wiinsr licn offt zum schwartzen Floeh zn werden, 
zu hüpfen in das Bett, sonst oder an der Krden. Ja mancher 
wünschet offt: aeh wäre ich die Sach, darauf das Jungfervolok sich 
setzet im Gemaeh, ach war ich doch die Schürtz, das Hündgen und 
das Kätzgen usw.** 

e) Erniedrigung zur Sache (impersoneller Meta- 
fropismus): In dem oben angeführten Gedicht tritt uns auch an der 
Stelle: „Ach wäre ich die Räch*', neben dem zooniimischen (Floh, 
Iliindelien, Kätzchen) eine letzte Form den Metatropisinus entgegen, 
die wir ebenfalls aus unserer Kasuistik mit zahlreichen Beisi»ielen 
belegen können, der Wunsch, ein toter Gegenstand zu sein, dessen 
sich die Herrin bedient. Da wünscht jemand ein Schemel zu sein, 
auf dem die „Schühchen der Gestrengen** ruhen, oder ein Teppich 
oder Fell, auf den sie tritt. Eine Dame, die mich wegen ihres Gatten 
konsultierte, berichtete, daß dieser von Anfang ihrer EJie an sich 
abends zu ihren Füßen vor das Sofa ausgestreckt hingelegt und sie 
aufgefordert hätte, während der Mahlzeiten ilin als Fußbank zu 

Hirschield, Sexualpatbologie. II. |Q 



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242 



Y. Kapttd: Oer lf«Uitrapin(iii8 



benuteea. Die Frau war anfangB ihrem Manne zuliebe auf die ihr 
laeherllofa eirseheiiieiide Marotte eingegangren, als sie aber die Zähig- 
keit erkannte, mit welcher der Mann auf dieser Szene beharrte, wurde 
sie stutzig, weigerte sich, bis eine Ehescheidung drohte, zu d(^rf u 
Verhütunpr ^'^f meine Ansicht hören wollte. Andere gehen noch 
weiter, sie begehren, gleich den Weibemarren, über die Philander 
von Sittew'ald berichtet, „da^s iirctt auf dem geheimen Kabinett" zu 
sein, oder gar das Nachtgeschirr der Herrin, wieder andere begnügen 
sich, leblose Iiguren darzustellen, Puppen, Hami>eliii8iiiior» Mario^ 
netten, mit denen die Domina ganz nach ihrem Belieben „spielen** soll. 

ni. Met^tropiseher Verkehr zwlsehen Snbjekt nnd Objeki 

n) Anknüpfung: Der Metatropist will das Weih nicht er- 
obern, sondern will von ilim L'enonnnen sein; er ersehnt zwar meist 
leidenschaftlich duö Weib, 8ucht auch wohl ihre Anl iunksiimkeit auf 
sich zu lenken, erwartet aber im aiigememen, daJi das Weib die 
aktive Bolle übernimmt und als angreifendier Teil auftritt Da er 
eich Ton vomhereüi zu einer energiechen, unternehmende, 'meiBt 
Slterra Frau hingezogen fohlt, und diese wiederum oft eine Vorliebe 
ffir einen mehr zurückhaltenden, „sehtkchtemen Liebhaber^' hat, hat 
er auch nicht selten das Glück, die s t a r k e Bersönlichkeit zu finden» 
welche in seinem weicheren Wesen ihre Ergänzung sieht; bei höheren 
Graden von Metatropipmus, in denen der Mann nicht nur unter dem 
Pantoffel, «sondern unter der Fuchtel des Weibes stehen will, sind 
die Schwierigkeiten gröüer, denn es scheint, als ob Frauen, deren 
Hetatropismus einen ausgesprochen sadistischen Charakter trägt, 
• bei weitem nicht so häufig sind, wie Männer mit weitgehend maso- 
ohiatiBehen Neigungen. So erklSrt es sieh aueh, daß in den ver- 
kappten Zeitongaanz^gen, auf welche ein aufinecksamer Sachknn- 
diger in sehr vielen Tageeblättem st5fit, die metatropisehen MSnner, 
welche i,eine strenge Erzieherin", „eine zielbewußte Lehrerin", 
„strengte Masseuse", oder „eine elegante Barne energischen Charalc- 
ters, bewandert in der englischen Erziehungsmethode für ältere 
Knaben" snchen, sehr viel zahlreicher vertreten sind, als Inserate 
metatropischer Damen, die „einen vornehmen Kavalier zwecks 
Unterrichts", oder ,yeinen gebildeten jungen Mann zur Verrichtung 
häuslicher Arbeiten", oder „einen Zögling von sanfter G^emütsa^t" 
zu finden wünschen, oder gar annoncieren, daß sie noch „eini^re 
Hunde zur Dressur" übernehmen. 

b) Schriftwechsel: Viele Metatropisten leben sich im 
Schrifttum aus. Daher auch die umfangreiche belletristische Lite- 
ratur sado-masoehistisehen Inhalts. Der meist sehr erregbaren 
Phantasie vieler dieser Personen genügt es vollkommen» „SUaTen- 
briefe" zu sehreiben und die brüsken Entgegnungen der Herrinnen 



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Y. Kagitel; Der Metotropjemm 243 

ZQ empfangen, bei deren Lekiftee eie Erektionen bekommen nnd 

schlieBIich mastarbiereii. Es gibt Gewerblerinnen, die gegen ein 
beigefügtes Honorar die gewünschten Briefe nSklaven" über- 
senden, welche sie niemals persönlich kennen lernen. Cbarakte- 
rifttisch ist, daß die Briefe der Sklaven (von denen wir ^pätfr Proben 
geben) gewöhnlich recht laugatmii? sind und überströmen von größt- ♦ 
möglichster Dienstfertigkeit, wahrend die Frauen oft sehr knappe 
Antworten erteilen, auch gebrauchen diese vielfach „von oben herab** 
die Anrede ,^Du", während sich die Männer in ihren Zuschriften nur 
des „Sie** bedienen. 

e) WortweohBel: Oana ihnüch liegt es auch im mttndliehen 
Verkehr. Der Metatropiit hat den Wmueh, daB das Weib ihn dnzt> 
in Isntem, etrengem Tone zn ihm spricht, ihm Befehle gibt; auch 
gemeine nnd verächtliche Worte bereiten ihm ein Wohlbehagen. Er 
selbst sprieht in leisem, oft etwas kläglichem Tone, benutzt Anreden, 
wie ,,Aliergnädigste" Göttin, Gebieterin, versichert sie seiner un- 
begrenzten Ergebenheit und spricht von seinen Wünschen, die 
darin b^tehen, der Herrin zu dienen, ihr zu gehorchen und alle 
Strafen auf sich zu nehmen, die sie über ihn verhängt. In hohem 
Grade unterliegen die Metatropisten dem Wortzauber. Ausdrücke 
wie „feMeln", »ydorchpeitselien", „du gehörst mir zu cigen*S erregen 
ihn ungemein. Kommt ea mm Akt» ao fleht er die Partnerin an, 
üin dabei zu beschimpfen, namentlich auch ihn mit obaacnen Bedena- 
arten zu traktieren. . 

d) Verlangen nach strenger Erziehung: Zu den 
eigentlichen metfitropischen Handlungen übergebend, erwähnen wir 
zunächst das „Schulespielen". JJjS besteht darin, daß ein erwachsener 
Mann die Sehnsucht hat, von einem Weibe, seiner Gouvernante oder 
Erzieherin, wie ein Schulknabe, gelegentlich auch wie ein Schul- 
mädchen behandelt zu werden. Sie muß ihm Bechenaufgaben stellen, 
Diktate oder Aufsitze anfertigen lassen, wobei sie wirkliche oder 
angebliche Fehler aufs Schwerste rügt »»Wie schreibet du denn 
wieder f** herrscht sie ihn an und zieht ihn an den Ohren; oder sie 
attgti 9|Dir werde ich schon die FlötentSne beibringen"; dann be- 
kommt er Strafarbeiten, muß einen Satz zwanzigmal abschreiben, 
und wird schließlich in die Ecke gestellt, oder erhält gor eine „Back- 
pfeife". 

Ich kannte einen 53jährigen Staatsbeamten, der mehrmals im 
Monat als Knabe gekleidet, mit kurzen Ho^^en und Binse, unter dem 
Arme eine Schiefertafel mit Grriii'el und äciiwamm, zu seiner „Gou- 
vernante" ging, wobei auf der Straße ein weiter Mantel die Sonder- 
art seines Anzugs verbfillte. Wenn er ankam» zeigte er erst seine 
HSnde Tor, damit die Erzieherin feststelle» ob er sich auch sauber 
gewaschen hätte. Dann setzte er sich an ein Sohülerpnlt und buch« 
atabierte in der FibeL Darauf schrieb er mit einem Griffel auf der 

16» 



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244 KAP^tel: Der Met&trofusmus 



Schiefertafel. Er uahm stets eine volle ünterriclitüstuiide, für die 
er jedesmal 10 M. eutrichtete. Die metatropische Schulszene trägt 
ganz den Charakter einer semellen Eroatshandlnng, die fast stete 
rolle Befriediganir 1>u zum Orgasmus, teils mit, teils ohne manuelle 
Beihilfe auslöst. Ein eigentlicher Eoitns in Verbindung mit dieser 
Szene findet nicht statt 

« 

e) Wunsch, erniedrigende Arbeiten zn verriehten: 
Wie der infantile Metatropist mit Vorliebe Schularbeiten maeht, 
strebt der sieh mehr als Diener fühlende die Ausführung häuslicher 
Arbeiten an. Er möchte die Wohnung der Herrin ausfegen, möchte 
Staub wischen, die Fenster putzen, die Betten machen, Kartoffel 
RchäJpn, das Cesc-hirr abwaschen und was d<^rg:leichen Hausarbeiten 
sonst sind. Gern ist er der "Raino auch beim Ati- mid Ausziehen be- 
hilflich, vor allem auch beim Ausziehen der Sticiel. Er wichst ihr 
die Schuhe blank, wäscht ihr die Füße und küßt die Stolle des 
Bodens, auf der sie stand. Auch möchte er den Ofen heizen und 
Besorgungen aus dem Hause maehen. Am liebsten trüge er eind 
Livree oder einen Pagenanzug. Bin Herr aus meiner Praxis hatte 
die Leidenschaft, Prostituierte zu frisieren, und zwar sowohl weib- 
liche als männliche. Seinem Stande nach Major außer Diensten» 
hatte er es in dieser Kunst zn gröAter Fertigkeit gebracht. Er litt 
seelisch schwer unter seinem ihm unbeherrschbar scheinenden 
BrancT', nnTnontlirli. nachdem durch verschiedene TTmstände, merk- 
würdige Briei'schat'ten und Besuche, ein Bruder davon Kenntnis be- 
kommen hatte, der ilin nun auf Grnnd die^ser Frisierleidenschaft 
wegen Geistesstörung entmündigen lassen wollte, lin Zusammen- 
hang mit diesem Verfahren wurde mir der seltsame Fall unter- 
breitet, der nach meiner Überzeugung jedoch keinesfalls ein Ent- 
mündigungsverfahren rechtfertigte. 

Wieder andere Metatropisten, als die bisher angeführten, wün- 
Eßhea. Arbeiten zu verrichten, welche der transvestitischen Qruppe 
angeboren. Sie möchten am liebsten mit Häubchen und Schürze 

Zofeudienste tun, oder sich in grober Frauentracht als Reinmache* 
frauen betätigen. Andere wollen geni weibliche Handarbeiten an^ 

fertig-en, liäkeln, stricken, nähon. Einen transvestitischen Meta- 
tropisten rn7ie es besonders, wctiu er selbst Süßigkeiten knabberte, 
während die Herrin neben ihm saß, Bier trank und schwere Zigarreu 
rauchte, 

Metatropisten, welche Tiere darstellen, wünschen von der 
Herrin als solche benutzt und behandelt zu werden. Beispielsweise 
wünschen sie als Pferde, daß die Herrin auf ihnen reitet, ihnen 
Sattel und Zaumzeug anlegt, die Sporen gibt, mit der Reitpeitsche 
knallt und fiotohüh ruft Wie alt derartige Übungen sind, geht 
aus einer Stelle bei Martial <XL 104. 134) hervor, an der es heiflt: 



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V. Kajütel: Oer Metatropismus 



245 * 



„Hinter der Tür befriedigen sicli selbst die phrygiscben Sklaven, 
Wenn auf hektorischem Roß ihre Gebieterin saß." 
Daß Roß des Hektor bedeutete in jenen Zeiten eine Stellung, bei 
der das Weib als Beiter auf dem Manne saß, welcher das Reittier 
markierte. 

f) Freiheitsberaubung: Von den Begriffen Abhängig- 
keit, Ghehorsam, Sklaverei fahrt zu den Vorstellungen Gefangen- 
nahme, Gefangenschaft, Fesselnnp: nnd T^indnng nur ein 
kleiner Gedankenspmng. Um die Festigkeit und Inniprkeit einer Liebe 

ansznflriK'kfMi, worden diese Worte ja «^hon in überlrasreTiem Sinne 
viell'Rt ij .iiiLTf \\ :ni(lt; ein Verliebter befindet sieh in den Banden 
einrs Wt llirs, ist an sie gekettet, von ihrer Sehönheit gefesselt 
und ganz von ihr gefangen genommen, hu metatropisehen Verkehr 
wird alles dies zur Wirklichkeit. Da lassen sich Männer tatsächlich 
festbinden, in Ketten legen, anachnallen und anschlieBen, um ge- 
schleehtlieh etregt zu werden. Babd. kommt für die Art der 
Freiheitsberaubung wiedemm in Betracht,' welcher metatropisehen 
Gruppe jemand angehört. Der Sklave will an die Klette gelegt, der 
Sehnler eingeschlossen werden, um nachzusitzen, der Tiernachahmer 
in einen Stall gesperrt oder an der Leine geführt werden, während 
der als Weib auftretende Metatropist Leidlust empfindet, wenn ihm 
ein Teil seiuer Garderobe fortgenommen wird, so daß er das Haus 
nicht verlassen kann. Es gibt Metatropisten, die, bevor sie sich in 
HaiPt nehmen lassen, ein Schriftstück unterschreiben, in dem sie be- 
kamen, gestohlen zu haben. Man muß diese metatropischen Qb" 
dankengänge kennen, um gewisse sonst nicht begreifliche Vorkomm- 
nisse zu verstehen, beispielsweise die Tatsache schwerer Selbst- 
bezieh tigungen und Verbrechen, die ohne jede Vorsichts- 
maßregeln begangen werden. 

Vor einiger Zeit hatte ich einen Angeklagten zu begutachten, 
der wiederholt sich selbst angezeigt hatte, er habe mit andern straf- 
baren Verkehr g^-pflogen. Als ich über ihn ein Sachverständigen- 
urteil abgeben sollte, war er wegen Erpressung angeklagt. Er hatte 
Erpreaserbriefe ohne jede TTnt^erlage gesehrielmn, so daß er auf seine 
Verhaftung und Verurteilung mit Sicherheit rechneu konnte. In 
Aufzeichnungen, die er in der Gefängniszelle verfaAt hatte, heißt 
es wörtlich: , J)ureh das Zusammentreffen mit einem Sadisten wurde 
mir erst, vor kurzem klar, dafl ich stark masochistisch veranlagt hin. 
Hieraus erkläre ich mir auch viele Gefühle, die mir selbst sonst un- 
begreiflich sind. Beispielsweise sitze ich hier im Gefängnis. Aber 
manchmal wünsche ich, die Haft möchte noch monatelang dauern. 
Wenn ich abends hungrrig im Bette liege, bereitet es mir Genuß, an 
schöne Speisen zu denken, und so quäle ich mich ununterbrochen. 
Ich fühle mich n\ir wohl, wenn ich mich nicht wohl fühle. 
Diese Gefühle habe ich schon, solange ich denken kann. Oft tr^e ich 



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246 V. Kwitel: Der Metalropismus 



mich mit dem Wunsche, rasende Sciunerzen zu erdulden, oder schwer 
krank zu werden. Der Pnoefi mit K., in dem ich zum ersten Male 
▼emrteilt wurde, Vteie bei mir die höchsten Beizgefühle aus. Ich 
freute micli darauf, auf der Anklagebank lu sitaen 
und wünsohe noch jetzt manchmal, in einen großen Prozeß, der viel 
Aufsehen macht, verwickelt zu sein. Trotzdem ich wußte, daß auch 
gegen mich Anklag-e erhoben wcrdpn würde, wenn ich prepren K. An- 
zeige erstattete, schritt ich doch dazu. Nach der Verurteilung be- 
reitete es mir den größten Gonuß, allen Bekannten zu erzählen, daß 
ich im Gefängnis gesessen halle. Jede Gefahr, iu die ich mich be- 
gebe, reizt mich um so stfoker, je mehr loh weißt dafi mir ans ihr 
Unheil erwächst. Ich bin der f eateh tfberaengnng, daß diese meine 
Veranlafirang die Sehuld daran trägt, daß ich die Erpreesungsbriefe 
schrieb, die mich nun auf die Anklagebank führen. So seltsam es 
klingt: ,Ich freue mich auf die kommende Verhandlung.* Ich kämpf© 
gegen diese Gefühle, ohne sie jedoch bp^wingen zu können. Zwölf- 
mal verließ ich das Elternhaus. Jedesma] stand ich die furcht- 
barsten Seelenkämpfe auf der Flucht aus und wurde von wirklichem 
Heimweh geplagt; und trotzdem floh ich knmer wieder.** 

Ahnliche Geftthle mhildert auch ein anderer mir bekannter 
Metatropist Dieser ersählte folgendes Erlebnis aus seiner Jugend: 
Eines Tages erhielt ich wegen eines Vergehens 6 Stunden Karzer. 
Diese sollte ich in 2 Malen absitzen. Ich suchte aber unseren 
Klassenlehrer auf und bat ihn, er möchte niich die 6 Stunden hinter- 
einander eins<^hließen lassen. Meinem Wunsche wurde stattgegeben. 
Unser Karzer bestand aus einem kleinen Bodenraum mit einem ver- 
gitterten Dachfenster. Ein Schemel und ein Tisch bot die ganze iiiin- 
riehtung. Schon als der Pedell mich die Treppe zu dem kleinen 
Baum hinaufführte, erwachten in mir seelische Begangen, die ihren 
Höhepunkt erreichten, als der Pedell die Tür des Karzers hinter 
mir sdllofl. Ich stellte mir vor, als Sträfling in einem Oefängrnisse 
zu sitzen, und war übermäßig glücklich bei dem Gedanken, 
6 Stunden eingeschlossen zu sein. Die primitive Einrichtung, das 
vergitterte Fenster, die Strafe, die ich zu Uause wegen de^ Ver- 
gehens erhalten würde, steigerte die Erregung derart, daß ich ona- 
nierte. Mir waren mehrere Arbeiten aufgegeben; doch war es mir 
unmöglich, diese ausaufOhren, so sehr beschäftigten mich meine 
maeochistisehen Vorstellungen. Ich trieb während der Einschließung 
dreimal Onanie. Als der Pedell nach Verlauf der 6 Stunden mich 
wieder herausließ, bemächtigte sich meiner ein Gefühl von Traurig- 
keit darüber, daß ich vtvn wieder frei war. 

g) Ist für den Ligationsmetatropisten, bei dem Ge- 
bundenwerdcn neben der ps y c h i s c Ii e n Vorstellung bereits der 
physische Druck auf den Körper als iustbetoute Beizung des Haut- 
sinns ein nicht gering zu Teranschlagento Faktor, so gilt das in 



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V. Kapitel: Der Metatropismüs 



247 



höherem Grade noch für .ieiio Stribungen, denen wir nunmehr 
unsere Aufmerksamkeit zuwenden wollen. Es ist dies das Bedürfnis 
des Metatropisten nach direkter manueller oder instrumenteller Be- 
arb^timg ihrer Nervi cutanei. Auch iiier wird zweifellos aus der 
seelischen Demütigung erotischer Geiwiiin gezogen; hat ee dioeh Ton 
jeher überall als gidBier Sohimpf des ManneB gegolten, Fußtritte 
oder Schläge yersetst zu erhalten; daneben aber geht von der 
schwächeren oder stärkeren Erregrang der Nervenendkörperchen der 
Haut eine wohltoende Empfindung aus. Einige PrädilektionasteUen 
' ßind dabei hervorzuheben, so die Gegrend der Genitokruralnerven, das 
Geeäß, der Damm, die Analrcjrion, deren Betastung, Druck und Zug 
bei vielen Menschen, wenn auch keinesfalls bei allen erogen wirkt. 
Noch mehr gilt dies von der Oberhaut der Schamteile. Aber auch 
die taktiie Sinnesreizung anderer Haut- und Muskelpartien, wie 
Tritte nnd Schläge auf Bücken und Brust, Zerren an den Ohren und 
Haaren, Kneifen In die Arme nnd Wangen, Kratzen der Kopf- und 
Naekengegend wirken nm so InstvoUer, je metatropiseher die Ver- 
faaanng eines Menschen ist. Alle diese Eingriffe dürfen freilich 
einen bestinmiten Stärkegrad nicht übersteigen, damit nicht der 
luRtbetonte in einen unlustbetonten Eindruck lunschlägt, den der 
Metatropist bäcbsteTis nur insofern liebt, als er das Brennen und 
Prickeln als aiigenclime Nachwirkung verspürt. 

Als Instrumente für die Züchtigung kommen zunächst die Füße 
und Hände, erstere mehr mit, letztere mehr ohne Lederbede<;kung in 
Betracht. Die Leidenschait eiiiigt*r Metatropisten für das (ietreten- 
wevden doroh weibliche Sehnhe ist enorm. Ein Patient Teranstaltete 
in einem Mädehentnmverein ikarische Spiele, wobei die alurangs« 
losen Mädchen ihn tüchtig auf seine dchnltem, Arme und den Bücken 
treten mufiten. Er hatte bei solchen Übungen auch seine spätere 
Gattin kennen gelernt. Diese aber durchschaute in der Ehe alsbald 
den wahren Grund seiner turnerischen Leidenschaft und verlangte 
eifersiichtipT seinen Austritt aus dem Turnverein, was ihn nun wieder 
heftig deprimierte. 

h) Flagellantismus: Verbreiteter aber noch wie der Drang 
nach Tritten ist das Verlangen nach Schlägen, die Sucht flagelliert 
zu werden, sei es unmittelbar von den Händen der Herrin, sei es 
mittels Handwerkzeugen, wobd der Sklave den Kantsehnh, der Zög- 
ling Stock nnd Bnte vormziehen pflegt, während der Tiernaehahmer 
die Hnnde- oder Pferdepeitsche begehrt, und der sich »am Trittbrett 
Xhmiedrigende kaum je etwas anderes fühlen will, als den Stiefel der 
Gebieterin. Mit diesen Geißelinstrumenten ist freilich das Inven- 
tar ium einer Folterkammer für Mn.«ochisten noch keineswegs er- 
schöpft. Da gibt es neben den Sclilag- vor allem Stichinstrumente 
mannigfcicher Art, beispielsweise Nadelkissen, auf die sich der 
Strafe Heischende zu setzen hat. 



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248 



Auch chenii solle Hiiutroizf» werden gelegentlich von AleUi- 
tropißten angewandt. So hatte ick einmal einen Herrn zu begut- 
achten, dessen ganzer Körper mit Narben bedeckt war, die von Ver- 
ätanngen herrührten. Der Patient hatte eich die Verletzungen selbet 
* beigebracht. BaB anch thermische Hautreize, ebenso wie mecha- 
nische und chemische erotisch lustbetcnt wirken können, vermag ich 
ebenfalls durch ein Beispiel zu hclepren. Es betrifft einen nOjälirigen 
Kaufmann, dessen sexuelle Befriedipimp: dann bestand, daß er 
bei stärks t er Kälte nachts halbnackt am liebsten in Mädchen- 
kleidcrn lierumlief. 

Xn<'}) oiiie letzte, sehr verbreitete Art kutaner Reizung: maß er- 
waiinl werden, es ist (hus (jübi«sen werden. Die bald mehr mit den 
Zähnen, bald mehr mit den Lippen und der Zunge vorgenommenen 
Applikationen rufen sowohl bei der aktiv auaführenden, als der 
passiv den Lutsch* oder Bifikuß empfangenden Person lebhafte 
erogene Wirkungen hervor. Diese oft mit Blntunterlaufungen ver- 
knüpften Hautansuite bilden den Übergang zu einer weiteren großen 
Gruppe metatropischer Handlungen, bei denen nicht der fünfte, son- 
dern der dritte und vierte Sinn (Olfactoriuft und Glossopharyngefus) 
das Obergewicht haben. 

i) Pikazismus (sexueller Le<*k- und Sehnüffeldranj?): Ein 
wesentlicher Unterscliied besteht zwiselieii den masoehihtischen Er- 
i-egungen des Hauttsiuns und denen des Geschmacks- und , Geruchs- 
sinns, für die Eulenburg den Ausdruck Pikazismus bildete. Wäh- 
rend sich das Hautorgan, wie wir sahen, gänzlich passiv verhalt, 
gehen das Geruchs- und Gesehmacksorgan aktiv vor. Es mag sein, 
daß, wie Märzbach annimmt, das Belecken der Geschlechtsteile 
keineswegs immer auf eine metatropische Anlaprc sehließen läßt, in 
der Mehrzahl der Fälle scheint es mir außer Zweifel zu stehen, daß 
die „leeheurs" sich in meta tropischer Abhängigkeit vom Weibe be- 
finden. Tni Geprensatz zum Tier spielt beim ^reTi^elu-n rias RtOeeken 
und Beschnüffeln im normalen Sexualleben nur eine untergeordnete 
Rolle. Welche Verachtung der Mensch gerade allem entgegenbringt, 
was mit den» Lecken zusammenhängt, verrät der bildliche Sprach- 
igebraueh; der „Speiohelleeker" gilt als ein sehr niedrig stehender 
Mahn, ebeneio derjenige, welcher einer anderen Person den Stanb 
von den Schuhen ableckt und das Lecken voU^ds, von dem in „Götz 
von Berlichingen" die Rede ist, stellt so ziemlich den Gipfel aller 
menschlichen Entwürdigung dar. Der Metatropist aber scheut vor 
keiner dieser Demütigungen zurück. Er leckt nicht nur gern den 
Speichel der Geliebten, sondern bittet sie, sie möge ihm in den Mund 
speien, damit er den Saft herunterschlucke. Ich hatte einen Fall, 
nnd der ist nicht vereinzelt, in dem ein Mann sich die Speisen, die 
er aß, von einer Prostituierten durchkauen und einspeicheln ließ. 
Auch ein Ablecke der Schweiß- und Milchdrüsen des Weibes, das 



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V» Kajitet; Der Mgtatropi amus g40 

Verlangen, sich Obrciischmalz, Nasenschleim und andere ihrer 
Sekrete zugängriicb zn machen, nnd schließlich ein Besehniiffeln und 
Belecken des Cunnus und Anus ifchört nicht zu den Seltenheiten im 
inetatropisch^jn Geschlechtsleben. Von hier führt dann ein aller- 
dings noeh sdemlich weiter Schritt dazu, Sekrete dieser Organe auf 
den eigenen Körper zu bringen, sieh mit ilmen beandeln zn lassoi 
oder selbst zu besehmiereni Früchte in Vaginalsehleim oder gor 
Mcnstrualblut zn stecken nnd zn Teifeehren. Als das Extremste in 
dieser Bichtnng wird gewöhnlich die Kopro- und Urolaj^nie 
aD geführt. Die extreme Koprola^ie dürfte sehr seltöi sein; ieh 
selbst habe in meiner Praxis keinen derartigen Fall kennen g-clemt; 
der Gedanke daran, wie der nn die weibliche Defäkation überhaupt, 
spielt nedoch unter den Sinniicbkeitsvorstellungcn der Masochisten 
keine unbeträchtliche Rolle. So sneht mich ein Mann auf, der unter 
dem Zwangstrieb stand, seiner Gemaiiiin nach Defäkationen die 
Anslgcgeod ZU reinigen. ' Er ftthrte dies auch tatsSohlieh ans. 
Andere haben den Drang, die Entleerung selbst mit oder ohne 
Wissen der Defäzierenden za beobachten. In Paris lieB sich ein 
«legant angrezogenes Weib für ziemlich hohes Eintrittsgeld sehen, 
deren Beruf darin bestand, auf der Bühne stehend einen Flatus nach 
dem anderen hervorzustoßen (,,la femme petomanc"). 

Häufiger wie der koprolaßiiistische ist der urolagnistische In- 
stinkt, der Trieb, der Miktion beizuwohnen, den wnrmon T^rin iilur 
den eigenen Körper schütten zu las;sen, Harn zu riechen und zu 
schmecken. Wulffen berichtet, da Ii in Chemnitz im Jahre 1894 ein 
31 jähriger Kaufmann dabei betroff en wurde, wie er in einem öffent- 
lichen VerfiTHügungslokal an der Bflekseite eines Damenabortes in 
ein GefaO Urin auffing. Er gab an, an der unheilbaren Krankheit 
des ürintrinkens zu leiden; ärztliche Behandlung habe keinen Er> 
folg gehabt. Er wurde wegen Verübung groben Unfugs zu einer 
Woche Haft verurteilt, die im Gnadenwege in eine Geldstrafe um- 
Igewaudelt wurd(\ 

Im allgemeinen gehört das Beleek(Mi und Beriechen des Körpers, 
auch beim Mensehen genau so wie bei den Tieren, zu den präpa- 
ratorischen Erregungen, nach denen die Entspannung vielfach 
im Koitus selbst gesucht wird. Bei den meisten metatropischen 
Sandlungen verhält sich dies nicht so» namentlich Uisen die Haut- 
bearbeitungen, wie die Flagellation, gewöhnlich als eigentliche 
Surrogatakte volle Befriedigung aus. Eine Kohabitationsform gibt 
CS jedoch, die auch ohne sonstiges Beiwerk auf metatoopisehe Ver- 
anlagung schließen läßt. V\}ct sie muß noch einiges gesagt werden. 

k) Der Sukkubii^mns (Drang unten zu liegen): Wie der 
Metatropist sich seelisch unterordnet und von einem ihm zum 
mindp>;ten sexuell überlegenen Weibe den Angriff erwartet, so 
inöciite er sich auch im Akte selbst unterwerfen, dem Weib 



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280 V. K apitel : Der MetatroiösPW 

unterlegen sein. Ich hatte wiederholt Patienteji zu sehen Ge- 
legenheit geiiabt, die völlig unfähig waren, den CoitoB inenmbeoB 
(von ölten) ra ToUideben. Sie wußten nioht, daß dies mit ihrer 
'metatnqpiflchen Veranlagunff fffiimTnunf^y^iiing ; als Snoenbi waren 
sie dann ToUkdmmen potent. Anoh vom eigentlichen Geschlechtsakt 
abgesehen, hat der Begriff u n t en fttr den Metatropisten die höchste 
Bedeutung. Niemand liegt lieber zu Füßen des Weibes und kniet 
vor ihr mit größerer Begeusterung, nls dor Mrtatropist. Wenn er 
mit dem Weibe Arm in Arm geht, ist er derjenige, welcher unter- 
hakt. Wie wir sahen, erfordern ja auch die meisten metatropiati- 
schen Exzesse, wie die Ligation, das Getretenwerden, die Flagel- 
lalion, die Besudelung, eine Stellung, bei der sich der weibliche tLber 
dem männlichen Körper befindet 

1) Verkappter Hetatropismns: Im Gegensats za yielen 
sexuell Abnormalen ist der sexuelle Metatropist sich sehr b&nfiff 
des metatropifitischen Charakters seiner Ihnpfindungen« Wünsche 
und Handlungen nicht Ijcwußt Dabei ist das Gebiet des verkappten 
Metatropiemus — einer Leidsucht mit unbewußt sexueller Unter- 
strömung — unpromein vielseitig und umfangreich. Ich kannte 
eiuen Metatroiuslcn, der dem normalen Geschlechtsverkehr mit 
sriii* m Weibe oder einer ledigen Person nicht den geringsten Ge- 
schmack abgewinnen konnte; er fühlte sich aufischließiicli zu ver- 
heirateten Frauen hingezogen. Nur 'der ehebrecherische Ver- 
kehr rdzte ihn; nicht etwa geschah dies ans sadistiechem Zer^ 
stdmngsdrang» vielmehr entsprang die absonderliche Neignng seiner 
metatropiseben Natur in swiefaobem Sinne. Zun&dist entepraieh 
seiner pa.^si \ f n bequemen Eigenart die „erfahrene^' Frau; das wVer* 
dorbene" Weib, während er gegen „unschuldige" Mädchen geradezu 
antifetiscbistische Abneigung hegte, vor allem aber reizte ihn die 
Sünde und Gefahr, die bewußte Gemeinheit, einen ihn noch dazu be- 
freundt'len Mann mit seiner Gattin zu hintergelien. Solche Fälle 
sexualpathologischen Ursprungs sind nicht vereinzelt. Einer, den 
ich kennen lernte, endete mit einem Doppelselbstmord des ehe- 
breeherischeu Paares. Häufiger wie dem Ehebruch, liegt dem 
Triolismns ein verkappter (larnerter) Metatropismns zugrunde« 
Verkehrt eine Fran in Anwesenheit eines Mannes mit einem andern 
Manne» so liegt darin eine Verwerfung seiner alleinigen Ansprüche, 
die quält und erregt. Viele Metatropist«u wünschen, daß die Herrin 
in ihrer Anwesenheit jede Scham fallen läßt, sie wollen „wie Luft" 
behandelt sein. Diese Rücksichtslosigkeit erreicht den Höhepunkt, 
wenn die Frau sich vor ihren Augen einem Dritten hin.^nbt. 
Vor mehreren Jahren wurde mir der folgende Fall vorgetra- 
gen. Ein Fabrikant verlaugte ziemlich häufig von seiner Ehefrau, 
sie solle sich von Geschäftsfreunden, die er zu sich bat, koitieren 
lassen. Wenn der Eingeladene ftum Abendessen erschien, mußte die 



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T. Kapitel: Der Metatropiflinui 



251 



Frau erklären, ihr Mann sei plötzlich in drinf^ender Angelegenheit 
abgerufen. In Wirklichkeit saß er in einem dunklen Alkoven nnd 
beobachtete durch ein Bohrloch in der Tür die Vorgänge im Wohn- 
■iminer. Man afi, trank viel, musizierte, flirtete nnd ging schließlich 
BQ laebkoBimgea über. Das Ende war die Hingabe der Fraa. • Un- 
mittelbar nach beendetem Eoitos mußte sie daranf drSngen, daB der 
Fremde aiob BoUemugst entferne, ibr Mann k&me jetat jeden Augen- 
blick heimkehren, es sei sehr verdfiehtig» wenn er aie noch zusammen 
träfe. Sobald der Fremde dann daa Hans verlassen hatte, stürzte 
der Gatte an«? seinem Versteck hervor nnd vollzog" nun seinerseits 
den Bei Schlafsakt mit seineui Weibe. Dieser Fall ist dämm so be- 
merkenswert, weil er min anschaulich die, Beziehungen des Meta- 
tropismue zum sexuellen Schantrieb und zur Eifersucht zeigt. Die 
Seibtitquäierei, weiche der Eifersucht zugrunde liegt, ist 
BweifenoB oft paseiophll^ üiapronga. Der Sata Sdileiennaehera» 
daB ^ Eifezsneht eine Leidenachaft Ist, die mit Eifer soeht, waa 
Iieiden sehaf ft, nimmt der Metatropist so w<irtlieh wie möglieh. Der 
tiefe Sinn und die Entwicklung des Wortes Leidenschaft, und 
ebenso aueh Paaaion als gleichbedeutenden Ansdruck für Liebe, 
Bedewendungen wie „leiden mögen", viel angeführte Sätze wie 
„Lieben heißt leiden", offenbaren viel für das innerste Wesen der 
Pa^iophilie, die Sehnsucht passiver Naturen, um derldebe willen 
leiden zu wollen. 

Dl) Visueller Metatropismus (Erregung durch den 
bloßen Anblick von Leiden, ächrecken, Geiahreu und Grausam- 
keiten): Ein mehr oder weniger bewußtes Lustgefühl beim Anbliek 
von Leiden kann sowohl aktiver ak passiver Natnr sein. Es ist 
daher andi schwer sa aagen, ob bei den Personen, die sieh su 
SohTftftkftTMWWtffPfti^ I Unglücksfällen, Hinrichtungen drSngen, die an 
den Furchtbarkeiten des Krieges ihre Freude haben, mehr maso- 
chiatische oder sadistische Unterströmungen vorhanden sind. Beides 
kann der Fall sein. Mit leid nnd Schaden f r e u d e sind innerlichst 
verwandt. 

Die metatropische Frau 

Die Eigentümliehkaten des metatropischen '^eibes stehen in 
völligem Gegensatz zu denen des mctatropisehen Mannes. Wir 
kSiinen uns daher bei ihrer Schilderung unter Hinweis anf die eben 

gegebene Übersicht bedeutend kürzer fassen. 

1. Zu welchen Eigenschaften fühlt sich die Meta- 
tropistin beim Manne hingezogen? Li körporliohpr TTin- 
sieht liegt ihr nicht der robuste, muskulöse, sondern mehr der z.irtf^, 
wenn au< li obenmäßig gebaute Mann mit weicheren i'ormeu. Stai k 
hervortretende sekundäre Geschlechtscharaktere mag sie uicht. 



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252 



Daher ist ihr der Vollbart ehpiiso imBynipathiseh, wie eiue tiefe 
Stimme. Die iHeisten metatropiKeheii Frauen bevorzugen den bart- 
losen Mann. leb hatte mich privatgutachtlich über eine zu äuBera* 
Velche die Ehesoheidnng ins Auge faBte, als ihr Gatte,' den sie bart- 
los geheiratet hatte, ihren Bitten zu Trotz, den ansehnlichen Voll- 
bart beibehielt» welchen er sich im Felde hatte wachsen lassen. Wäh- 
rend Metatropißtinnen gegen Gesichts- und Körperbehaaning eine 
Idiosynkrasie haben, ist ihnen dagegen das Kopfhanr nngeuehm, 
wenn es länger, weicher und gelockter ist, als es durelisclinittlich 
beim Manne 711 sein pflegt. Im ganzen ist es der feminine Männer- 
typ, welelier die ni et a tropische Frau reizt, so daß Urninge sich sehr 
oft der intensiven Freundschaft metatropischer Frauen erfreuen, oft 
genug freilieb sich auch nur mit Mühe ihrer Liebe erwehren können. 
Was das Alter betrifft, so schätzt die Metatropistin m^hr den Mann, 
welcher jünger ist wie sie selbst, oder wenigstens von etwa gleichem 
Alter; Männern, die 5 Jahre mehr zählen als sie, oder noch älter 
riind, bringt sie nnr ansnahmsweise eroHaehe Neignng ^tgegen, ganz 
anders wie die voll weibliche Fran, die gerade einen ihr an Jahren 
überJegenen Mann sucht. 

Als guten Typus einer metatropisehen Frau möchten wir George 
Sand nennen, die nncbeinander einen .iünjreren Musiker und Lyriker 
in ihr Herz gesell l assen hatte, den getü histiefen polnischen Kompo- 
nisten Chopin Ulli] den zarten französischen Dichter Alfred de Musset. 
• In dieser Liebeswahl treten uns so recht die seelischen ICigeu- 
schaften entgegen, welche die* Metatropistin reizen: gefällige 
SVirmen, Sanftheit des Charakters, Schmiegsamkeit im Wesen, Emp- 
fänglichkeit und Begeisterongsfahigkeit für irgend etwas, das ihm 
nnd ihr schön, gut oder wahr erscheint. Daher ist es weniger die 
energisch leitende, rücksichtslos vnrwärtsstrebende Persönlichkeit, 
welche die Metatropistin begehrt, viel mehr nach ihrem Sinne ist 
der Künstler, der Priester, der Sclmnspicler, der Schriftsteller, der 
stille Denker, nuch unter den einlacheren Ständen diejenigen, die 
keine ausgesprochenen Kraftuiensehen zu sein pflegen, etwa ein 
Musiker, Dekorateur oder Friseur, ein Putzmacher oder Blumen- 
händler. 

In der Kleidung liebt die metatropische Frau vielfach beim 
Manne den femininen Einschlag, wie er sich in lebhafteren Farben 
und in allerlei Verziemngen kimdtnt, in locker gebundene Schlei- 
fen, vielen Falten, gelegentlich auch wohl in „auf Taille gearbeiteten** 
eleganten Auzügen oder solchen, die übertrieben nach der nenesten 
Mode verfertigt sind, wie sie den von jeher für weiblich gehaltenen 
Stutzer, Gent or]or Dandy kennzeichnen. Seihst gegen Parfüms, 
Puder unrl JSchminke, die eine nornialsexuelle Frau oft selir vom 
Manne abstoßen, hat eine metatropische Frau gewöhnlich kaum 
etwas einzuwenden. Doch kommt es auch voi*, daß sie das ganze 



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X 

I 

Y. Kapitel: Der Metatroiäsmua 25ä. 



Ge^euteil der eben gresclülderteu Krscheiuiuig beiui Mauue liebt, un- 
gepflegtes Haar, sehleeht eiteende Böcke, Hosen und Schuhe. Das 
Gemeinsaine in beiden Fällen besteht in der Abweichung von der 
beim korrekten DuiehschnittsmaDn üblichen Tracht Barauf kommt 
es ihr, venu auch zumeist unterbewuBt, an. Manche metatropische 
Franen, die selbst viel Männliches an sich haben, gehen so weit, 
daß es ihnen wohltuend ist, wenn sich der Mann völlig in Frauem- 
kleider hüllt. Icli habe mehr als eine Mptfitiopistin kennen gelernt, 
die für Transvestilei! nnsgesprcKOiPTT Sympnthip pmpfand. 

2. Was wünbL'ht nun das metatropische Weib 
selber zu sein? In ilirem Berufe erstrebt sie vor allen Dingen 
Selbständigkeit, Unabhängigkeit vom Manne. Wie der metatropische 
Mann die Erniedrigung, so will sie die Erhöhunfif über die 
dem. Weibe von der jeweiligen Oesellschaft im allgemeinen zu- 
erkannte Stufe; sie möchte Menschen, Werte und Meinungen be- 
herrschen im Leben sowohl wie in der Liebe; je einflußreicher, ge- 
bieterischer ihre Stellung ist, um so befriedigter fühlt sie sich. Eine 
nicht prerinpre Anzahl meta tropisch er Frauen finden wir unter Er- 
zieherinneu, auch unter Künstlerifiiipii und Schriftstellerinnen, 
ebenso unter Chefinnen und Direktorinnen jeder Art, von Schul- 
reiterinnen, Fechtlehrerinnen, Athletinneu, Kric^-erinncn und ISfas- 
seusen ganz zu schweigen. Ich kannte metatrupi.sehe Frauen, die 
wilde Spekulantinnen und Spielerinnm waren, und ganze Kreise zu 
der Leidenschaft verführten, der sie frönten. Andere erkauften 
sich durch Scheinehen hohe Titel und Kamen („die Gräfin Strach^ 
witz'* u. ä.), um mehr Eindruck auf feminine Männer zu machen.- 
Viele der absonderlichm Berufe, die sich in der Fiktion und Phan- 
tasie der Metatropisten ßnden, kommen freilich in Wirklichkeit 
kaum jemal'^ vor oder doch so selten, daß der Metatropist kaum 
An^isicht hätte, seine Wünsche zu renlisioren, wenn es nicht Frauen 
g-enug gäbe, die auf Wunsch nur zu ^erii bereit sind, die Koll-e einer 
Sklaveulialterin, Tierbandigeriu oder Konunandeusc, wenigstens dem 
jVIaune gegenüber, zu spielen. 

3« Verkehrsweise der metatropisehen Frau: IKe vom meta- 
tropisohen Manne ersehnten Züohtigrungen entsprechen nur äußerst 
selten der Eigenart der metatropisehen Frauen selbst; es liegt ihnen 
kaum je daran, Männer zu binden, an Ketten zu le^en oder auch nur 
zu peitschen. Immerhin verrät schon die bloße Bereitschaft dazu 
ohne wirkliche innere Neipning einen erhchliclien Orad von Virilis- 
inii'^ Vcrliültnismäßig häufig findet man dagegren wenin i weit- 
gehende Züge metatropischer Veranlagung-, so ist in bezug ant die 
Anbahnung des Verkehrs der Metntropistiu ein \v<'rhendes und er- 
oberndeci Vorgehen zweifellos meist lieber, als ein geduldig ab- 
wartendes Verhalten. Mehr als einmal hat eine metatropische Frau 
ihrerseits um die Hand des Mannes angrehaltffli und sie auch be- 



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254 



Y. Kapittt: te HdalmiiMmii 



kommaii. Im Wort- und Schriftwechsel i^t die metatropische Frau 
„kurz angebuDdor", sie bittet nicht, sondern gebietet und verbietet, 
sie äußert nicht Wünsche, sondern gibt Befehle. Während f'ie Iflnt, 
streng: und oft barsch redet, erwartet sie vom Manne ein demütiges 
und wchmütisres Ht trairen, während sie ihn mit „Du" anredet, will 
sie von ihm mit „Sie" augeisprochen werden. In ihren Anxeden gibt 
sie überhaupt ihre Überhebung kund, oft artet ihre Banheit in Boheit 
ans. Nezint sie ilin „dummer Jimge", so ist das verhältnismäBig nooli 
milde im Vergleich mit den Lehnwartem aus der Zoologie nnd Skate- 
logie, deren sie sich mit Vorliebe bedient. 

Höchst bezeichnend ist es, daß die Metatropiatin es oft ver* 
echmäht, beim Geschlechtsakt unten zu liegen. Es widerstrebt ihr, 
sich dem Manne zu unterwerfen und m dringt «ie darauf, incumbens 
(oben Ii (irrend) den Verkehr auszuführen (Inkubismus). Eine Meta- 
tropistin meiner Beobachtung hatte in dieser Lage die Empfindung, 
das Membrum virile des Mannes sei ein Teil ihres eigenen Körpers. 
Der Akt wird vollzogen, indem der Mann ruhig, etwa wie die Frau 
beim Ooitns normalis, liegt, während die aktiven rbythmiscben Be* 
wegongen ansschliefilich vom Weibe Toigenommen weiden» na«sh- 
dem sie mdst anf ihm sifaend, sein Membrmn in ihre Vagina ein- 
geführt hat Nnr auf dem Gebiete des Pikazismus verhält sich die 
metatrope Frau passiv, d. h. sie läßt sieh wohl gnädigst enm lingna 
lambere, während sie ähnliche Akte von ihr am Manne vollzogen, 
perhorresziert. Um so aktiver ist sie aber in der Bereitung seelischer 
Quaien; das ist so recht die Domäne der metatropischen Frau. Daß 
innerhalb der Ehe dif Schlüsselgewalt in ihren Händen ruht, daß 
sie namentlich auch das Verfügungsrecht über die H-ausschlüssel 
besitzt, bedarf kanm der Erwähnung. Eine wahre Freude bereitet 
es ihr, den Mann zu martern nnd an peinigen, ihn in VerliegeBhelt 
an bringen oder in Zorn an Tersetaen, wobei ihr namentlich in der 
Verweigerung ihrc^ Leibes, und vor fl^em !n der Srweekong sein^ 
Eifersucht gute Mittel zur Verfügung st^en« 

Hinsichtlich des visuellen Metatropismus gilt für den metatro- 
pischen Mann ganz das gleiche wie für die metntropische Frau. 

Es wäre nur noch zu bemerken, daß der Tuetatropieche Trieb 
sich nicht nur auf Personen des andern Geschlechts, sondern nicht 
selten auch auf gleichgeschlechtliche Personen erstreckt. Wir 
können danach einen Metatropismus hetcrosexualis und houio- 
sexualis nnterscheiden. Bei der homosexuellen Passiophilie ist die 
Benrteilnng, ob eine pathologische Triebsteigmmg oderTiiebnmkeh- 
rong vorliegt, oft nicht so einfach. Eine TTmkehrang im metatro- 
pischen Sinne ist vorhanden, wenn virilere Hbmosexoelle, gleich- 
viel ob Männer oder Frauen, den Drang haben, sich von femininen 
Typen ihres eig-enen Geschlechts mißhandeln und knechten zu lassen; 
metatropisch ist es auch, wenn femininere Homosexuelle sadistische 



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V. Kapitel: Der Metatrovismus 255 



Kegnsgeii zeigen, die sieh nieht auf Peraonen des anderen, sondern 
ihres Cteseblechts erstrecken* Hingegen werden wir«niir von einer 
Triebsteigemiig reden können, \\ptu\ virile Homosexuelle hyper- 
aktiTiBtiseh, feminine Urninge nnd Uminden hyperpassiTistisoh sind. 

Demnach können wir hinsichtlich deaf Verbindung von Homosexualität mit Meta- 
(ropisrniis und Pa^-ioniüiie acht Möfilichkeiten, die simtlicb auch voritonunen, 

unteischeideo. Ka sind : 

I. Der feminine Urning, der körperliche und seelische Demütigungen und 
Mißhandlungen vom Manne anstrebt. Dieser ist nicht metatropisch, seine 
Passiophilie ist vielmehr nur ein pathologischer Exzeß seiner femininen C^.ir.iktrr- 
beschatienheit. Vor mehreren Jahren hatte ich einmal in einem großen Prozeß^ der 
froBeB Aufsehen efreste, einen staik femininen Angddagten zu begutaditen, der aus 
leidenschaftlicher Liebe zu einem älteren Manne auf de^en Wunsch als Bankbote an 
100 000 Mk. unterschlagen hatte. Er hatte das Geld auf dem Tempelhof er Felde ver- 
graben. Der Fall wurde in der Presse als Masochismus aufgefaßt, doch handelte 
«8 taäh «Ifenilidi um seznelle HSrigkeit Diese nntmcheidet steb Ton der 
Passiophilie dadurch, daß nicht sowohl Lust am Leide, als eine übermäßige 
Fixierung an eine Person vorliegt Wir werden die sexuelle Hörigkeit daher auch 
«rst bei den quautitaüven Ausdrucksstörungen im III. Bande erörtern. 

n. Gans andora anfzuftasen als der fendnine ist der Tirita Homo- 
sesnella, »wdober sich in leidender Abhängigkeit von em<»n femi- 
ninen meist jüngeren Partner wohlfQhlt. Dies ist Metatropismu?, und zwar wohl 
die verbreitetste Form im homosexuellen Veikebr. Als Beispiel will ich einen älteren 
Bankier meiner Beobadhtmig anfahren, der sein ganzes TeimS^ dnfaehen Burselie& 
aus dem Volke geopfert hat. Diese konnten mit ihm anstellen, was sie wollen. Je 
mehr sie ihn ausnutzten und mißhandelten, um so glücklicher war er. Sogar 
Erpressungen bereiteten ihm mehr Lust- als Unlustempf in- 
dangen, lOnigens eine bei metalroplseher Veraalagting keineswegs seltene Er- 
a^einung. 

ITL Das Seitenstück zu der eben geschilderten Gruppe bildet der feminine 
Urning, welcher nicht leiden, sondern leiden lassen will. Da seine Grundnatur 
eine weibliehe ist, so ist sein mehr aggressiver als exspektativer Hang, sein Be- 

dOrfnis, an dem Partner körperliche oder s> -^li-che Grausamkeit: n zu verüben, eben- 
falls als Metatropismus zu werten Auch dieser Typus ist namentlich unter den 
männlichen Prostituierten, aber aucii sonst ziemlich häufig. Ich habe in meiner langen 
Erpresserpraxis eine beträchtliche Anzahl r^ht gefährlicher Erpresser kennen gelernt, 
die hochgestellten Persönlichkeiten Jahre hindurch die schwersten Ungelegenheiten 
mittels Drohbriefen bereiteten r Erpresser, deren psychische Durchforschung ergab, 
daß nicht Gewinnsucht das treibende Motiv ihrer skrupellosen Grausamkeit war, son- 
4em eine Miffehnfig you Femüohnnus mit Hysterie und metatropisGliem fiMtiiiwwf 

lY. Im Gegensatz zu den eben geschilderten Individuen ist nun wieder der 
virile Urning, welcher Mißhandlunsren auf einer bewußt oder unbewußt sexuellen 
Grundlage verübt, nur em i^xzedierender; der männliche Aktivismus ;st bei 
Ihm nicht umgewandelt, sondern nur m grotesken Übertreibungen geschlechtlicher Be- 
berrschungssucht tr-stcisert. 

Unter den weiblichen Homosexuellen heben sich vier/ den männlichen 
analoge Gruppen ab. 

Y. Die virile Urninde, welche in ihrer gansen Wesensart, vor allem aber 
in erotischer Bpzifhim^ erfüllt ist von sexuellem Unternehmungsgeist und Unter- 
jochungsdrang, ist aktiv passiophil, aber nicht metatropisch« exzediert also nur im 
Sinne ihrer psychischen Eigenart. 

VL Anden Hegt es bri der virilen Itoinde, die rieh ihrer Partnerin unter- 
wirft 'Vnr hatten hier in Bsriia eine sehr mlnnüehe Uminde, welche sieb mit 



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2oo ^- K apitei: Der Metatropismus _ - . . _ J. 

Vorliebe als Pace verkleidete und sehr froh war, wenn sie eine strenge Herrin fand; 
der sie Pagendienslo leisten konnlo. wobei sie vor keiner IMpn^Heislung zurückscheule. 
Diese sklavisclie I nlerwürfigkeit einer männlichen Uruinde unter tnnß 
mifallehe ist metatropisch. 

Vn. Ebenfalls nietatropisch aber ist es auch, wenn eine feminine Homo- 
spxiu lle die ITerrsehrift fil)er eine virile ausOh< n wü! \md ausübt. Wiedcrholl sah 
ich Eben in die Brüche gehen, weil ein Weib, das bis dahin ihren Mann beherrscht 
hatte, eine Leidensdiaft zu einer nüLnnliehen Frau faßte, die sie dann ebenso dematisie 
wie vorh» ihren Hann. 

VIII. Eine letzte Gruppe endlich stellt die reminino I rninrlc dar. die von einem 
Weibe, das sie liebt, alles Erdenkliche erdulden und erleiden möchte. Sie bleibt ihrer 
Weibnaluf, wenn auch in Auswüchsen, treu, ist also passiophil, nicht aber metatropisch. 

Mit der AxifirtellunK dieser Gruppen ist der homosexuelle Uetatropismus noch 
nicht ersdiöpft, denn vir wissen, daß sich durchaus nicht immer feminine zu virilen 
Typen hin^ezoffpn fühlen, sondern ziemlich oft auch femininp m femininen und 
virile zu virilen. Auch unter solchen Verbindungen gibt es melatropische, die Kennt- 
nis der gesdiilderten Hauptsnippen dürfte aber gentMen^ um das Versütndnis der 
voricotnmenden Kombinationen zu ennögttchen. 

Daß p a s fi i (» i> 1) i 1 r Akte auch Per^onrn von sieh splb«t an sinli 
selbst vornehmei], habe icli bereits in dem Kapitel „Autoniunosexiia- 
lisinus erwähnt und durch Beispiele erhärtet. Man könnte liier zu- 
nächst an Autosadismus denken, da der Drang zu schlagen, zu 
stechen und andere Züchtigungen sm verabreichen, ein aktiyer ist^ 
und die grausamen Handinngen mit der Hand oder anch nnter Zu- 
hilfenahme von Instrumenten selbsttätig ausgeführt werden. 
Doch wäre dies ein Fehlschluß, da nicht (Ins Schlagen, sondern ^fis 
Geschlagenwerden das Wesi nfliche ist. Die Leidliisterncn miß- 
handeln oder quälen sieb selbst, weniprstens in der Mehrzahl der 
Fälle, weil sie keinen ancb'ren znr Verfügung haben, der ihnen den 
Liebesdienst erweist, Ihre Akte sind demnach mehr ipsatorisch als 
autistisch, mehr Ersatzhandlungen, als eine seelische BevorrAi^mg 
der eigenen Person zur aktiven Vornahme der Flagellation, Ligati on 
oder Mutilation. Sehr anschaulich zeigte dies der von mir begut- 
achtete Fall des Herrn v. S., dessen ganzer Köri>er mit Karben selbst ^ 
beigebrachter Ätswnnden bed^kt war. Weil keine zweite Person 
ihm di^e starken Hautreizungen gewahren wollte, yollzog er sie> 
selbst an sich. Immerhin kommt es auch vor, daß Personen körp^' 
liehe und seelische Selbstquälereien verüben, trotzdem ihnen 
bewußt ist, daß andere zu den Einßrriffen an ihnen gern bereit sind. 
Einer meiner Patienten, LehraDif-«kR?ididat, hatte die Sucht, sich mit 
Nadeln und „Messerchen" in die Brustwarzen zu Ktechen. Er ^iht 
, an, daß er, als er mit 12 Jahren zu onanieren begann, dabei einen 
„^tzel in den Brüsten" verspürt hätte, den er anfangs durch kaltes 
Wasser zu beseitigen versuchte; „dadurch steigerten sieh aber mur 
die kitslicheQ Gefühle, und es trieb mich um so m^r zur Betätigung 
der Wollust*'; er verfiel dann darauf, sieh die Brustwarzen zu 
kneifen, bis er dazu' überging, sie. sich zu durchstechen und in den 



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V. KApitel: Der Metairopismus 257 



Warzenhof tiefe Einßclinitte zu machen. Zahlreiche Narben dieser 
Manipulationen sind deutlich erkennbar. Blut entleerte sich bei den 
Hautverletzungen (infolge Gefüßkontraktion) fast niemals. Patient 
kann nur sueenlnis kohabitieren, als inenbns ist er impotent. Er ist 
zam zweiten Male »nngltbklieh'' verheiratet, ans erster Ehe hat er 
swei Kinder, seine jetzige Fran steht vor der Niederkunft. Er liebt 
Frauen mit männlichem Einschlag; „ihr Gesicht muß ausdroeksvoll 
knabenhaft sein, keine vollen Brüste und breiten Hüften". Er hat 
auch den Wunsch, von einer solchen Frau raiteinersehr spitzen Nadel 
in die Brustwarzen ßr-^forlipn zu werden; doch muß ihr Gesichts- 
ausdruck dabei „recht männlich" sein; seltener, aber doch auch dann 
und wanu beseelt ihn der Wnnsch, selbst einmal ein Weib in die 
Brustwarzen zu steclien. Tn Wirklichkeit ist er aber bislang nicht 
über autistische Manipulationen hinausgekommen. Ich sah andere 
Patienten, nnd Shnlidie IHUle finden sich in der'Htfsratnr mehrfach 
besehrieben, die sieh Drähte dnroh das Skrotnm zogen und sieh mit 
spitzen Gegenständen die Harnröhre ritzten. Vor einigen Jahren 
ftberwiee mir einmal ein Berliner Kollege einen Mann, der sich die 
ganze Banchdeeke kreuz nnd quer skarifiziert hattr. Auch bei 
RolhÄtverstümmelunpren muß man dif ferentialdias^nostisch 
an automasoch istische Gelüste denicf rt (vp:l. die Arbeit von Blondel 
in Paris: „Lex automutUationei etudes psycho - pathologiauee et 
m^dico-l^gales"). 

Ganz besonders lehrreich ist der folgende Fall: 

Patient, ein Kaufmann, ist 28 Jftlm attt sieht jedoch bedeutend jOnger ans; er , 

schreibt : „Als ich zwanzig Jahre alt war, war der Trieb zur Sclhstpeinisun? besonders 
stark. Ich steckte mir hirchthar gern Steciinadeln in das Fleisch des Armes, auch 
duidi die Badte hinduteh und dmeli die Ohrieppm. leh hatte dabei LustMaavOndiiiwen 
sexueller Art. Diese Neigung schien mir um so sonderbarer, als sonst mein Nerven- 
system so sensibel ist, daß oft der bloße Gedanke an einen ärztlichen operativen 
Einsriff, ja, daa Sehen eines llenschen mit blutender Nase, bei mir Weißwerden im 
Gefueht oder SehwlndciannUe h^vonufL 

Meinen Hang zum Fakir- und Asketentum bringe ich mit dies» maaochistisehMl ' 
Triebrichtur? in ZusanuncnlianR. Es ist sicher MariRel an Kenntnis und Verständnis 
des feineren erotischen Seelenlebens, wenn man diese Leute so sehr bedfiuert und 
glaubt, de Utten kefae Freodenl Der indiaebe Heilige, von miehtisen neuiroüachen 
foipulsen getrieben, tötet das körperliche Leben durch Fasten und Kabkion ab, um 
dadiirrh der höheren ekstatischen Freuden teilhaftig zu werden. Diese hochentwickel- 
ten Menschen brauchen zweifellos nicht den Austausch von Geschlechtsmagnetismus 
durch Berehnms der Sexualoisane beitieiaufahren. Jedenfalls kann ich aber von mir 
nicht behaupten, daß ich in meiner jetzigen Inkaniation bereits eine «>lche geiafüie 
Entvncklun? erreicht habe, um ohne sexuellen Verkehr auskommen 7v können. 

Das indisf )]!? Pianayam, d. h. die Abtötung des Fleisches, löst bei mir ein Kroßes 
Interesse aus. Ich lese mit Vorliebe Abhandlungen über Askese der indischen Fakire. 
In dem Roman Nena Sahib von Lord Retcliff kommen häufig Szenen vor, in 
denen Personen durchtrepeitscht werden. Wenn ich solches lese, habe ich stets Erek- 
tionen. Es wird dann meistens der Wunsch bei mir rege, selbst einmal Schläge auf 
einen bestimmten Körperteil zu erhalten. EbenteUa haben midi achon Bilder gereizt, 
Biraehf eld, 8«xnMlpUlial«gift. U. ]7 



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258 



V. lUpitel: Der MeUtropismus 



in denen Ruasen du rchcepaitsebt wurden, auch AUMOdhingen in den ZettuKm 
Uber die onDfindlidie Besttalong von FaiwggenflfllngBn. 

Weil diese Triebe unbewußt in mir liegen, fühle ich mich auch wohl sehr zum 
Brahraanismus und dor Theosophie hink'ezüj?en. Die große Macht des brah ro i nts chea 
Priesters und des indischen Yogy liaben stels einen großen Zauber auf nücb Wie- 
geObt Mein Streben sing stete dAnedi, lelUl in den Beeitz okkuUei Krsfte zn ge- 
lancen.** 

Viele Fälle von Selbstgeißelungen lassen recht ansckaulich die 
engen Beziehungen erkennen, welche zwischen religiöser nnd sexuel- 
ler Passiophilie bestehen. Können wii- auch nicht so weit gehen, 
wie Staatsanwalt Wulffen, welcher knrzw^ eäireibt („Der Seznsl- 
verbreohctr^, S. 504): „Das Christentum ist tkoi^ Enltnroraoheiiniiv 
masoehistisdher Bi^tonff, deim es lehrt im Sidmierz und in der Ent- 
«afirung GlüelEseligkeit zn empfinden*', so darf doeh als feststehend 
gelton, (laß die Anhänger und Vertreter der Askese aus den mannig- 
fachen Leiden, die sie sich selbst zufügten, Kasteiungen, Geißelungen 
— sogar Selbstentmannnngen sind vorgenommen wordcTi — einen 
Lustgewinn zogen, der einer erotischen ünterströmnng nicht ent- 
behrte. Die Abtötung des Fleisches, wie sie uns im Mönch s- 
nnd Nonnentnm klösterlicher Weltabkehr entgegentrat, war letzten 
Endes doch wieder — Fleischeslust. Des näheren auf dieses 
groBe, wichtige Grenzgebiet sexueller Brunst nnd religiöser Inbrunst 
einzugehen, haben wir hier aber weder Anlafi noch Baum. Nur ein 
weiterer Anssprueh von Wnlffensei noeh knrs angeführt, nm zu 
zeigen, wie weitgehende Betraehtnngen der Trieb zn leiten und zu 
leiden weit über das Sexuelle hinaus anzuregen vermag. Der Satz 
lautet: „Der Gläubige, der Gottes harte Schicksale als Züchtiirnngen 
eines liebenden Ynters nimmt, die Angehörigen einer initri- einem 
einzigen Befehle stehenden Ejriegsinacht fühlen maf^<>i lii>t is<;h. Was 
ich schon früher sagt«: Zwischen sadistischen nnd luasoch istischen 
Gefühlen, Vorstellungen und Strebungen schreitet die Entwicklung 
des Mensehengesehleehts dahin. Was wäre es ohne Sadismus nnd 
MaeodilsmusY In allen seinen wertvollsten Zustanden kehren sie 
wieder« in seinem Geistesleben, in seiner Liebe» welehe diesen Weg 
des Geistes zeichnet und beleuchtet» nnd ebenso in seinem Ge- 
schlechtsleben, wielches die Basis dieses ganzen Geistes und Lebens- 
daeeins bildet.'* 

Überblicken wir die metatropische Literatur von Krafft-Ebing, 
welche vor 40 Jahren die Ausdrücke ]\Taf^ochismus nnd Sadismus in 
die wissenschaftliche Terminologie eintührte, bis zum heutigen Tage, 
so könnte ein Umstand die Vermutung nahelegen, daß die Verbrei- 
• tung dieser sexuellen Anomalie verhältnismäßig doch wohl nur eine 
recht geringe ist, der Umstand nämlich, daJi die Verfasser im wesent- 
lichen immer wieder auf dis urBprfing^iehe Ejasulstik zurückgreifen. 
Beispielsweise begegnet uns immer wieder die Sehilderung der meta- 



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y. Kajtttel: Der Me tatropismus 259 

tropiöcben Liebe Jean JacqTie» Rousseaus zu Fräulein Lambercier, 
die er in seineu „conf fcööions" ausführlich geschildert hat. In Wirk- 
lichkeit ist aber der Metatiopismiis des Mannes und des Weibes, 
ebenso wie die aexnelle Pusiophiliet eine recht h&nfige EiBcbeinung. 
loh hätte daher gem ans dem redit nmf angreiehen einaohlügigen 
Material^ das mir ana meiner Praxis zu Gebote ateht, einige «us- 
föhrlichere Sohildenmgen metatropischer Männer und Frauen ge- 
bracht, seltsame Dokumente menschlicher Psychologie, doch mnB 
ich mir mit Rücksicht auf die verfiig'bare Bog-enznbl Einschrän- 
kungen auferlegen, und will daher nur eine Anzahl Mciatro- 
pistenbriefe herausgreifen, die dae oben Cresagte belegen und 
aiibchaulich illustrieren. 

Zunächst einige Briefe eines Künstlers an eine ihm vorläufig 
noch unbeiianüte Dame, in denen die seeliisciie Unterwürfigkeit des 
Metatropisten überaus charakteristisch zutage tritt: 

... Was ich kennen lernte, waren Weibchen, die schwach vMirdenj wenn sie 
anfinfen m. lieboi, sanft duldend, obne eUrenen Willen, ich aber suchte and suche 
verzweifelt die Frau, die meine Fähigkeiten, meine Arbeitskraft nach ihrem starken, 
überlegenen Willen zu lenken versteht, sie iml Liebe und Strenge wie bei einem 
Buben leitet und meinem guten, vornehmen und anständig denkenden, aber innerlich 
schwachem und haltlosem Charakter die Ldi^nsfreiide, das Lebensziel gibt, um die 
das Lrb'^n allein lohnt. Ich sehne mich in meiner, zu einer geradezu frauenhaften 
Hingebung neigenden Eigenart nach der innerlich männlich gearteten Frau, der es 
eine IVnide, eine WoHost bereiten würde, ein solches Wesen ganz und gar ihr eigen 
amnen, zu ihrem Geschöpf machen, es neb ganz unterwerfen zu köuneii, indem sie 
die männlichen Seiten in mir vollkommen unterdrOol:cn, sei es mit den exzentrischsten 
Mitteln, und die weiblich gerichteten Seiten unter ihren liebenden und doch starken 
und strengen Hinden zur vollen und seiiOnea Eahriddui« btiagni würde. Ich sehne 
micl) nach einem seelisch direkt umgekehrten V^Mltnis» wie SS sonst zwischen Mann 
und Frau wohl üblich ist. Die Frau von überlegener Willenskraft, aggressiv im 
höchsten ürade (kein blondes Gretchen), die es nicht nur versteht, ihren Willen, ihre 
Wtbisehe dureheusetsen, sondern sich auch den WiUea des JOngeren, nicht der Anfien- 
weit, sondern nur sein« Liebe leibenden Hannes voUkomnien bis zur wjdirlosen Ohn- 
majcht zu unterwerfen. 

Dabei soll er ihr kluger Kamerad sein, mit dem sie alles, aber auch alles, besser 
als mit ^er vertrauten Freundhi, das Intiiräte wie das Höchste raekhalOoe besprechen 
kann, vor dem sie keine Scheu kennt, der gleichzeitig ihr Spielzeug zur Unterhaltung 
und Befriedigung ihrer tollpn S'rne ist, dem zu miRfnil^^-n sie aber nicht zu fdrcbten 
brauchtt weil er sie und alles, was sie tut, willenlos anbetend lieben muß, da sie die 
SUriEete ist, den sie woU soemII «1b Hann, 'abw doch glelehMitig wegen seiner eDe 
weiblichen Tnfpr s: n teilenden «nd Tsoldiendm Weiblichen Seiten wie eine jüngere 
intime Freundm empfmdet 

Darum, gnädigste Frau, sehnte ich mich — ich kann wohl sagen von Kindheit 
an — und meine Sinne erwaehten sdi^ frflb — naeh dner IHeren, lUier mir stehenden 
Frau, zu der ich wie der Bub zu einer Erzieherin aufschauen konnte. Sie leitet und 
erzieht ihn nach ihren Wünshchcn, sie liebt an ihm das weiche seines Wesens und 
seines Äufieren, und gewöimt liin an noädchenhafte Hingebung. Glauben Sie aber 
deshalb um Gottes wiUni nicht, daB ich süfilieh wäre. Das hasse ksb, auch hei 
einer Frau . . . 

. . . Mit allen Fasern seines Herzens sehnt sich der Junge nach der großen Frau in 
Rot. Darum ist mir auch die Figur des Pierrot so sympathisch mit seinen brennend 

17" 



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V. Kapitel: I>er Metatiopismus 



raten Lippen und den heiAen, aehnaflclrtiffen, scbwarzen Augen In dem veiBen Geriehft» 

fast mehr ein schwül und wollüstig sehnendes Madel als ein Mann. Ein W^sen nur 
zum Spiel für seine Herrin geschaffen. Darum liebe irh auch Bayros unendlich . . . 
Wie gern wäre ich Ihnen mit meinem ganzen Idealismiis, mit der ganzen tollen 
-Scbwlrment meines Herzene za FOBen fefallai, und bitte meintn Kipf in Ihnn 
SchoB gebettet, willenlos anbetend. Eine Furcht habe ich : daß ich Ihnen, wenngleich 
auch ich Künstler bin, nicht auf die Höhen foluen kann, auf denen Sie als Frau vori 
.Welt, von hohem, icünstlerischen Empfinden, wie ich aus allem sehe, stehen. Und 
dodi und doeii, dw Bub mfiehte doch to gern mit hinaufgezogen werden mit allen 
seinen Enapfindungen auf diese Höhe. Folgssm und artip und begeistert anbetend 
möchte er an den Lippen, den Augen seiner Meisterin, seiner Göttin hängen, die ihn 
zu sich hinaufzieht, aus all dem, woran ihn eine platte Erziehung, ein flacher Beruf, 
der niedrige Kampf ums Dasein gefesselt halten, und wovon loszukommen er sich 
immer und immer wieder allein vergeblich bemüht, die ihn zu ihrem Geschöpf macht, 
damit er mit ihren Augen sehen, mit ihren Sinnen fühlen muß, so daß er alles, was er 
innierlich ist, ihr dankt Ke^n anderer Oedanke ahi sie, hat «dnem Inneren d«nn 
mehr Raum, von ihr hängt er ab. Mit überschwenglicher Zärtlichkeit liebt er Min« 
Göttin, ideal wie eine Mutter, sinnhch wie das Mädel seinen Geliebten und Herrn . . . 

(Tbrigens, wie finden Sie die Rollen des Rosenkavalicrs, oder die de? Cherubim 
in i iijaros Hochzeit, ebenso wie die des Chevalier i*'aubias? Alles Verhaituisse und 
Besiehungen, die miclt stets unendlich begeistot und gsnizt babsn. Wwdsn SU sdr 
darauf antworten? Uberhaupt liebe ich das Bokoko, wenn es sndi ein wenig dessen 
entbehrt, was man mit rassip bprpichnel. 

. . . Heißen Dank iOi die reizende Karte, wenn auch nicht der siegende, sondern 
der besiegte, gefangene, unterworfene Fierrot meine RoUe ist, doi seine fl^nin erst 
zum FSsrrot msoht, um ihn durch den letzten Best von männlichem SelfasfiMwußtsein, 

das nun einmal dem Manne infolge seiner Vieri pgenen Stellung in der menschlichen 
Gesellschaft stets innewohnt, zu rauben, um ihm schon durch den Blick auf sein 
AuBeres, durch, das GefOhl des reizenden, aber ganz unaAnnlidien Aundhens, das 
sie ihm gegeben, tief das Bewußtsein einzuprägen, daß er kein Hann ist, sondern ihr 
lebendes Spielzeug, ihr Eigentum, das sie nach Laune und Geschmaclc 
in den Ketten ihres starken eigenen Willens und seiner grenzenlos hingebenden an- 
betenden Liebe zu ihr. gefangen halten kann. . . . Wie schade, dafi jetzt keine KostOm." 
feste sind, ich kann meine Seele in diese Dinge lüneinlegen. Manchem erscheint all 
das vielleicht besordpr^ in jetziger Zeit eitel und nichü?: äußerlich, wie oft behauptet 
wird, ist es jedenfalls nicht. Dem Unmusikalischen wird ja auch die Musik nichtig 
«rsdieinen und seltsam, fQr mieh ist die Kleidnng, das AnBere, nicht nur eine Sache 
des Auges, sondern auch des GefOhl^ ob ich sie nun bei anderen oder an meinem 
eigenen Körper fühle. . . . 

Außerordentlich gefesselt hat mich stets die Gestalt Elisabeths U. von Rußland, 
ibr reizoides Abenteuer mit dem Ghevdierd^n, imd üue seltsam mftnnlieh annmtsnde 

Torliebe für ihre P a g e n , die sie sogar als junge Damen anzuziehen liebte, sind Ihnni 
wohl bekannt. Es war ein entzückendes Zeilalter und hat mit all seiner angebUchMl 
Degeneration unseren größten und dabei zugleich feinsten Mann hervorgebracht 

. . . Der Gedanke, ich werde ein Wesen kennen lernen, das männlich denkt und 
iQhlt, doch ftuBerlich eine sehicke und geschmsdcrotte Fhiu ist, raadit mich allefai tni- 

säglich glücklich, und mehr als einmal habe ich die Beschreibung ihres Äußeren ge- 
lesen. Ich !-nim eine trcschmackvoU angezogene Frau stundenlang anschauen, und 
es war mir ein Genuß in Berlin die Stätten aufzusuchen, wo man dies Vergntlgen 
haben kann. Nur um sUll zu sebsnen und in mich aufaunebmen.... Die Stadt» in 

der ich wohne, ist eine Stadt, in rV" man Pelze nur trärt, nrn sirh y.-A v/ärmen — und 
ich liebe Pelze so sehr — es ist auch eine Stadt, wo man noch glaubt, es könne eine 
deutsche Mode geben und wo das Geftlhl dafür fehlt, daß die Mode, d. h. der Ge- 
sehmadt, international ist, und an die bdividueik» nicbt an die NafionaIit&t<m geknUpfl 



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2.61 



ist . . . Um die Gespenstersonate am Freitag beneide ich die gnädigste Frau, und über- 
haupt um die Berliner Premieren. ... Ich sah im August u. a. in der Königgrätzer 
Staüki du TFBUBWirfel van SIrmdbeis, ich habe selten dne ao tiefe Offenhanniff fdoM. 

In heißsehnender Hoffanmf kflsae Seh inbranatig die Hand der Haioi^' und 
Minne zu sein ihr Page. ... 

. . . Einom einzitren Wesen. A'^m ich meine ganzp Lipbo, mein canze? Ich ^A"'ib<'n 
kann, wiU ich gehören, als ein Sklave — nein, der Ausdruck ist häßlich, er erinnert 
ao an den altmoffia^n Sadier-llaaodi nüt Pattaehe und hohen LackaÜefeln — ndh/ 
ein Bub, nein, ein Spielzeug. Und nun soll ich das Wesen kennen lernen, das ganz 
dieser ertr&umten Frauengestalt enilspricht und das nicht, brutalisiert sein, sondern 
aalhai fanilaliiieren' «iU, ^ mich ao knman tarnen wiO* «iä kh im Innflirn Ün« wddi, 
länsdsend» willig. Idi zittere fOr infin Glfl^ weide ich die FrOfoiit beatehen?! 

Sie werden mirS panz gewiß nicht enttäuschen und darum ^ic't ilcr Bub schon 
jetzt auf den Knien vor Ihnen und bittet, seine große, große Göttin um viel, viel Nach- 
sicht. Er ist durchaus nicht etwa der große Künstler, von dem sie vielleicht träumt, 
sondern ein ganz dummer, kleiner Bub, der ja tief, tief unter ihr steht, und. 
außer ein bißchen Welt- und Menschenkenntnis nix kann und nix versteht, als eine 
große Frau anbeten, sie verhätscheln, ihr dienen, sie mit seiner großen, heißen liebe 
uiwgwbey« 

Es folg-en einig-e Briefe, die mir eine „Herrin" übergab, dio viel 
mit Metatropisten korrespondiert. Sic rühren von gebildf tt n 
Männern in angesehenen Stellungen her. Die Handschrift zeiget in 
den meisten Fällen femininen Typns: 

Hochverehrte, gnädige Fraul Heute, wo Sie auedrücklicb erkl&ren, daß in 
fldr einen gAoiaftnim SIdaTen zii finden hoffen, stehe fdi nicht an za bdEennen, dn6 
ich „leidai'' ein Hann bin, der infolge der ihm einmal angeborenen, anormalen 

Veranlaining es von Juprend auf nls hBchstes Glück, als beneidenswertes Los erträumte, 
als Sklave leibeigen einem schonen Weibe zu gehören, von einer, seinem Herrinideal 
natttrlidi mftgliehat antspreehenden, d. h. ihm STmpathiaehen, stolzen und settiat- 

bewußtcn TVame auch ganz als ihr Sklave gehalten, betrachtet, behandelt und „nach 
klassischem Grundsatz und Vorbild" sans gdne auch für die intimen Funktionen ihres 
persönlichen Dienstes abgerichtet und verwendet zu werden I Honny soit qm mal y 
penset Es handelt sich dabei schließlich doch nur darum, in welcher Art das statt- 
findet. — Tch bin der Meinung, daß eine Herrin von 'hrr.,-,^ Sklaven jede Art von 
* Dienstleistung fordern kann, solange sie dieselbe eben als Herrin von ihrem in der 
nötigen Ehrfurcht erzogman, und an Resp^, Dtmit imd tuBerste ünterwQrfiidceit 
ihr gegenüber gewöhnten Sklaven verlangt. — Die Frauen des alten Roms, die 
russischen, polnischen und lugarischen £deUrauen vor löO, die Frauen und MAdchen 
der «merikanisdien Pnanzerarlstolratie vor woug mehr als 60 lahrai waren andi 
tfinom", kümmerten sich aber sehr wenig um das Oesdblecht der mit ihrer persön* 
Üchen Bedienung betrauten Sklaven und Leibeigenen, welche allerdings auch so er- 
zogen waren, daß sie aus Furcht in ihrer Herrin niemals das schöne und begehrens- 
werte- Weib wiiliekten, niemals mit Hannesaugen auf dessen Reize an Micken 
warfrn — Für diese stolzen, herrschgewöhnten Frauen aber war der Sklave niemals 
ein Mann und Mensch, sondern eine wesenlose Sache, ein Möbel, ein 
lebender, ihnen gehöriger Gegenstand, ein vernunftbegabtes 
und daher doppelt nützliches Haustier, bestinunt einzig und alleine 
dazu, in jeder nur denkbar möglichen und gewollten Weise dem Nutzen und Wohl- 
l)efinden, den Launen, Wünschen und Bedürfnissen, der Bequemlichkeit, und nicht 
zuletzt natOrUeb aueh der Lust und dem Vergnflgen ilu>er Bemtzerimken zu ffienen. — < 
Der Sklave war für seine Herrin für gewöhnlich ein elendes Nichts und doch 
auch wieder Allesl Ein „Nicbtä" nämlich, was sie auch nur im geringsten in 




262 



V. Kapitel; Der Metatropismus 



ibnr Elgwaohaft ■]» Weib sflülenn und HikomniodiBWtt konnte, womuf üb als Fmor 

in ihrer Lebensweise Snnii Voiltaiir, ihren Liebhabereien und Gewohnheiten irgend- 
welche Rücksicht zu nehmen hatte, und „Alles" war df^r Sklave doch wieder, was die 
Herrin wollte, daß er tür sie sein sollte, wozu sie glaubte ihn gebrauchen zu können, 
was ihr hettebto in Anwandung dieser oder lener Laune mit ihm und aus ihm ni 

machen. — Der sympathische, intelligente, gelehrige Sklave wurde der dummen, ein- 
fältigen, häßlichen und ungeschickten Sklavin meistenteils vorgezogen, die anspnjchs- 
▼oUeo, stolzen Damen aber, welche gewohnt waren die Kostbarkeiten, Wunder und 
SdObse aller drei Natimeidhe als selbatverstindlieh ihnen eeliahrenden Tribut mt- 

gegenzunehmon, vormochten nicht einzusehen, warum sie ein^ n h'n-orrapcnd f?eisticr 
wie körpprlich wohtgebildeten Vertreter der Speeles homo sapiens, der trotz edler 
Abstanunuog das persönliche Pech hatte ein Sklave zu sein, in dieser Eigenschaft 
j^eM zu ihrem persOnHdien Dfenst terwoiden sollten. — ' 

Für ein stolzes, selbstbewußtes Weib ist eben da5; Beste gerade jjut frenug, und 
es freut und interessiert mich, gnädige Frau, aus Ihrem Briefe zu ersehen, wie viel 
Gewicht Sie darauf legen, daß ich, als von Ihnen zu Ihrem Sklaven bestinuntes Indi- 
Tiduma ideiehfalls von guter Qualität und nidit etwa piüfesrionell dienmden 
Standes bin. — 

Ob gnädige Frau sich nun zu meiner Herrin, ich mich zu Ihrem Sklaven cign^ 
das mnB wohl unsere nähere Bekanntschaft ndteinander erst feststellen. — Die Sdm- 

sucht nach einer, meinem Ideal entsprechenden Herrin haV < n ^Tnädige Frau in Ihren 
Briefen wieder neuere;? eckt! Es ist merkwtirdig, wie elektrisierend eine solche Initiative«, 
von einer Dame ergriffen, auf mich einwirkt. — / 

Hein Herrinideal ist ia gerade eine stolze, selbsCbewuBtei und wUldste Frau,, 
«ddie auf Grund meiner ihr bekannten, anormalen Veranlagung in mir ihr redift* 
mäBiges Eigentum, ihren natürlichen Sklaven erblickt und beansprucht. — 

Aber so sehr ich mich selbst nach einer Herrin sehne, so möchte ich doch nur 
der Sl:lave einer solchen Barne Wentel, wekhe ihrerseits auch wiikfidi ^e QuafitM' 
dazu hat. — Alle Halbheit, alles Possenspiel ist mir da zuwider. — Meine Herrin 
soll sich nicht nur dem Namen nach, sondern in Wirklichkeit als meine Herrin fühlen, 
sie soll imstande sein, sich mir gegenüber als solche auch dxu^zusetzen und zu be- 
haupten, als sokdie zu raapfindm und mir als soldie zu imponieren. — I<di möchte 
Ii r Sklave einer Herrin sein, welche neben blindem, bedingungslosem Gehoraam aufs 
Wort, mir eine an Anbetung grenzende Verehrung ihrer eigenen Person ^ii" Pflicht 
und erstem Gesetz macht — Ich möchte, daß meine Herrin von Anfang an mich zu 
äußerster Bhreiiiietung sieh selber gegenfiber erzieht, dafi rte eifersflchtig auf' 
Ihre Autorität, auf ihre von mir respektierte Herrinwflrde bedacht ist — 

Ihr ergebenster, mit vorzüglichster Hochachtung sceichnender, untertänigster, 
wenn Sie es wollen: „Sklave". 

„Allergn [idigste Herrin und Gebieterin! Heißen Dank für Ihren gnädigen Brief, 
wie glücklich ich darüber bin. Ich möchte jetzt in Ihrer Nj^he weilen, zu Ihren Fußen 
knien, um Ihnen meine Dankbarkeit darzubringen. Ich küsse Ihre Füße und atme 
mit Gier den Duft ein, der der Schönheit entatrfliuL leb sehe Ihre saile Cbaussore, 
ich will Ihren FuR umfassen, der seine Absätze in meinen ^''acken eingraben sr'l. 
Drohend heben Sie die Peitsche, Ihr zarter Fuß versetzt mir einen Stoß. Jetzt soll 
nicht Zeit sein, wo ich Sklavendienste verrfehten soll Lässig legt sich meine Hexiin 
tub Chaiselongue, alle Reize dem Sklaven zeigend, ich darf Ihnen eine Zigarette an- 
zünden, dann befehlen Sie mir, meinen Kopf zu Ihren Füßen zu legen. Ich bin zur 
Tollheit gereizt,, alles zittert in mir. Ich höre die Seide Ihres Gewandes raschehi, ich 
atme das b§tiäN«de PSTfOm. Ihre Fftfict swftngen jetzt m^iett Kcqtf «in, die Henin 
verlangt von dem Sklaven gekoBt zu werden. Ihre Feiisebe saust «bndi ^ Luft, 
immer schneller soll ich küssen. 

AU so tolle Gedanken schnüren mich jetzt ein, Herrin, könnte ich bei Ihnen sein. 
Ich bin jetzt wahnaüuUg «regt. Wmn meine Gedanken jetzt frivol sind, e Heirin^ 



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V. Kapitel: Der Uelttroiiiaiiius 



263; 



verleihen Sie rrir Meist immer brachte ich die Nächte schlaflos zu, furchtbare 
erotische Träume peitschten mein Blut auf. Ueihn, bitte sagen Sie mir, wie ich Ihnen 
dkiwn iqS, iri« leb dl« Benin HcImd soll. 

Hoiven werde ich auf elnife Tkiee verrdsen, idi will ins OebiT««, mn dort Ersen 
nachzuforschen, da ich Mutungsrechte erwerben mf^chte; Neuland der Kultur, der 
Industrie zuführen. Ich bin sehr begierig, was ich vorfinden werde. Es ist immer 
etwas Geheimnisvolles die Sch&tze zu finden, die ^0 Erde Mqtt Ei tat YevtilMiiig; 
schon als Kind bin ich so oft in GroBvaters Kti^entcluteht XBÜ elugehthren. Mb jonger 
Mensch leitete icli für meinen Vater Abbobninpen Tiach Kohle. 

Uerxin, ich liege zu Huren FOßeHf Ihnen demütig als Sklave ergeben." 

Anenn&digsle Herrin und Gebieterini Demütig auf den Knien lie- 
?end, will der Sklave die Peitsche küssen, die die stolze Herrin un- 
barmherzig auf den nackten Sklavenkörper niedersausen lieB. Herrin! Sie wollen 
jetzt physisdi und monüiseh za einem Niebts den SUaven erniedrige». Ihr ganzer 
Zorn sollte ^ich treffen. Ich bin furchtbar zerknirscht, machen Sie mich zur willen- 
1 o s e n Kreatur, die nur den Laimen und der Wollust dienen soll. Herrin, sind Sie 
nut dem bkiaven gemein, foltern Sie den Sklaven seelisch und körper- 
lieh. Befehlen Sie mir die gröflten Sobmeraen lu Ihrer wilden Luit, binden Sie 
mich mit Riemen, daß der Sklave sich nicht rühren kann, und dann xinnach- 
sicbtig die Peitsche, das Gewinsel soll Ihnen Lust sein, die Grausamkeit soll die 
Freade der Herrfai sein. Erniedrigen Sie midi zu Ihrer Magd, nehno'n Sie mit 
auch äuficrlich die Mannheit, stecken Si mich in Weiberkleider, 
schnüren Sie mir ein Korsett um, Herrin, tf-tiafen Sie meine Sünde. 

Ihre werten Handschreiben liegen vor mir, das angenehme Parfüm berauscht 
mich. Wie gern hatte ich sofort auf Ihre werten Schreiben geantwortet, aber ich habe 
in der Fabrik große Sorge. Nichts scheint mir mehr zu glücken, ich arbeite wie ein 
Pferd. Seit 5 Tagen hnbe ich nur nachts einige Stunden Schlaf mir gönnen können. 

Ich bin beglückt ri^rnber, daß meine Herrin in frohem Kreise den Geburtstag 
verleben konnte. Es frcui mich besonders zu erfahren, wie meine Herrin eingerichtet 
ist. Dort soll ich einst Sklavendienste verriehien dOrfen, dort vKird meine stolze 
Herrin Ihr elegantes FOßchen auf itieinen Nacken setzen. Herrin, ich möchte Sie 
in derganzen Schönheit schauen; zu Ihren Füßen will ich knien. Es durch- 
schauert mich der Gedanke, dunA di« weiche» schmiegsanie Seide meiner Benin 
Wirme zu fühlen. Ich bin begeistert für daaHftnnliche in derFrau> 
und liebe besonders auch die Gestaltung der Herrin in «igen» seidenen Hosen nadi 
Herren Art. 

Nnn zu der Beschreilnmg mdnes ÄuBeren. teh bin aehr grofi, war FHlgelmaon 

bdm Militär. Mein Haar ist brünett, trage nur ^'anz ItUfzen Schnurrbart, meine 
Wange ist durchfurcht von alten Säbel- und Schlägeriiieiben. Sonst bin idi wolü- 
gebaut, eher etwas düan, doch leidUch muskulös. 

Wann ich kommen kann, um meiner Herrin die Fülle zu küssen, ist noch sehr 
«nbeatfaumt. H^iin« sind Sie dem Sklaven gnftdttg. 
In tiefer tnterwflrfigkeit, Ihr demfliiger SUavct." 

Den fülgeaden Brief erhielt ich von einer deutschen Erzieherin, 
die bis Kriegsaasbriich in Moskau deutseben und englischen ünter> 
tiohi erteilte. Trotsdem sie bei ihren Anzogen Sn angeeeheneii 
Tageeseitaiiiren keinerlei Nebengedanken yerfolgte, empfing sie 
wiederbolt Znsdiriften, wie die hier wiedergegebene: 

„Sehr geehrtes Fräulein! Da Sie^ wie ich in Ihrem geschätzten Inserat lese, 
8 Jahre in England khten, wird Ihnen auch die englische Eraiehungaweise bekannl 



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264 Kapitel: Der Metatropismus 

sein, d h. die Liebe und die Gewohnheil der englisrhen Damen, den Stock und die 
Hute bei Kiiaben, Jünglingen und selbst Männern haufis in Anwendung zu bringen. 
Idi bin seUwt in Cainbfidfa enotm worden, wo» Wie nfnen' bekannt sein dOifto, die 
Erziehung als besonders streng gilt, und noch mit 20 Jahren erhielten wir jun^'en 
Leute einer geringen Machläesigkeit von den gestrengen Lehrerinnen tQchtig Ruten- 
■bddie. Ich glaube nieht fdhl m gehen, wenn ich veftnasetze, daß ^e wissen, daB 
dufch diese Art der Erziehung sich bei den meisten nmgen Leuten der angelsächsischen 
Rasse eine direkte Vorliebe dafür ausgebiklnl hat, von Damenhand die Rute 
oder den Stock zu erhalten. Auch ich habe mir. trotz meinex nun 6jfthrigen 
Entfernung au«. England, diese L^eneehaft bewalui, und ieb bitte Sie, wenn Sie ce- 
\si\]l sind, mir einise Male wöchenllich die Wohltat des Rohrslocks oder der Rute 
angcdeihen /u lassen — was nachgewiesenermaßen Körper und Geist besonders fnsch 
erhält — , mir zu schreiben, an welchen Tagen ich Sie besuchen darf, sowie, was Sie 
für eine, jedesmal ca. V« Stande dauernde Strang reebnen wOrden. Ab 6 Dhr ebenda 
bin ich stete frei.'' ■ 

Ebenfalls von einem Flagellanten staiinnt der nächsto "Briof, 

AUergnädigste Herrin! Ach wie von Herzen gern sclureibe ich meine Anrede. 
Der untertänige Sklvn wiifl, daB' aeine Erziehung yiA m wonaehen Qbng UUtt, er 
gesteht das demfiti? zti. Er verspricht ferner, der Herrin stets zu gehorchen und freut 
sich, daß seine Talente infolge früheren langjährigen Sklavendienstee gut entwickelt 
aind, eo daB' seine Herrin, wenn sie ihn zum Sklaven erheben wiU nach ihrem Befehlt 
schon ein gelehriges, gefOgiees Material vorfindet AUergnädiirste Gebieterini llef- 
er?eboiisl auf den Knien liegt der Sklave vor Ihnen und fleht die Herrin an: ergreifen 
Sie die Zügel und die Peitsche, nehmen Sie den Sklaven auf in Ihre Zucht. Be- 
dingungslos tebwöre ich Ihnen blinden Gehoraam. Nie werde ich fragen, nie mich 

sträuben, !?ondem mit wonniuem T'rschauern den schlanken, weißen Sklavenkörrier 
den Launen der streruen Herrin darbieten. Mein Alter war wohl verschrieben, denn 
ich bin 33'/», aber an Erfahrung viel viel reifer. All mein Fühlen, Denken und Sinnen 
ist sclina I i i der Herrin, die ich lange gesucht. Mit eehnsflchtig geöffneten Lippen 
scblCirfc ich den Duft der sich mir nahenden Herrin ein — mit Ix benden T.ippen will 
ich imtcr Ihrer Peitsche den goldigen Nektar trinkeja, wenn die Herrin dem Sklaven 
den herrlichen SchoB öffnet — 

. 0, allengDüdlglte Gebieterint Wie soll ick OMine Begierden alle Ihnen schildern? 

Soll ich Ihnen satren, daß ich mir die TTorrin ersehne, die ihre rhantnsie spiflen l.^'.Ot, 
die ihren Leibsklavcn zu ihrer Wollust abrichtet? — Die ilun den Stempel seiner 
LdbeigensehafI einbrennt in raffiniert sehwQler Stunde f Ich weiB, hmilehate 
Herrin, es gibt Amazonen, die ihrem Tier die Zügel anlegen und fest die Kandare an- 
setzen. Wenn sie ihm dann sich auf den glänzenden Pocken schwinffen und die 
Sporen cmdrücken in die Schenkel, damit er zur höchsten Enllaltung seiner Talente 
angeepomt wird wer wird grOBerm GenuB haben: er, der Sklave, der da tdnen 
Leib und seine Seele der hohen Gchictprin versebrieben — oder sie, die Gebieieiüi, 
der er sich nur naht auf d»^n Knien lic'ejid? — 

Gnädigste Herrini Darf der Sklave untertänigst einen Vorschlag machen? — 
Ganz aüeinatehend wohnt er im Gartenhaus 1 Treppe. Eines Nachmittags, Tielleicht 

Sonnabend von 3 T^hr ab, erscheint die Herrin bei ihm. Auf zweimaliges Klingeln 
wird er nur öffnen imd sofort in sein Zimmer (links) gehen. Will die Herrin, daß 
er nackend auf seinem Chaiselongue liege — gut Er wird genau so sein bereit, 
wie Herrin das befiehlt. Er wird nicht und nicht sprechen Herrin mag 

ja, wenn sie nicht will, daß dem Sklavenaiüre ihr Gesicht wcze'vA nv< rde, ira Korridor 
eine Gesichtsmaske anlegen. Jedenfalls schwöre ich, daß Herrin absolut imgemert 
bei ihrem Sklaven ist 

■ • ' Wie -die Herrin ihren Sklaven vorzufinden gewillt ist, welches Programm sie 
festsetzt far diese Probestunde, das mag die Gebieterin besUmroen, der Skhure wird 



V. Kapitel: Der Metafraiiisniiis 



265 



stumm gehorchen. — Der SonD&benanarhirrfWw. wflrde .^nir passen. Die jgeiuuie Zdt 
bestimmt Herrin noch in ihrer Gnade. — 

Allergnädigste Herrin I In einem besonderen Kuv^ sende ich meine Adresse zu 
Ihrer Otiientier)ia8. 

Nun fafb idi der hohen« gnidigin GeUeledD treaezgdMnsr SU 

Nadisehrift: Ich weiB« es sind die Männer dir nur 

' '■ Ein SpielzeuR für müßige Stunden, 

■ • Ich weiß es, und liann doch nimmermehr 
Von meiner Liebe gesunden. 
'Ich sehnte so innig, du würdest mein Hers, 

Pas heiß für dich geschlagen, ' 

. , In einem filt-ji; rnrnrndour 
, T&ndelnd am Arme tragen. 

Kollege Bloch überließ mar das fcdgeade Scbreibeii' eines 
puerilen Met&tropisten : ■ - 

Werte Damet Auf der Reise befindlich (ich wohne in naher thür. Residenz), 
lese ich Ihr Inserat und wage eine offene Offerte 'Diskretion gegen Diskretion; Ver- 
trauen gegen Vertrauen I Ich bin allerdings bereits 57 Jaht« alt (Junggeselle), aber 
«Mqnd, girofi, stattlich, mit ^llem Eaarwuehs, solid, lebensfroh, ohne feden Aidiai«.*» 

Als staatlicher Sekretär habe ich gutes, zu Pension und Witwengeld berechtigendes 

Einkommen, dabei etwas Yerm5?cn, Leben «vcrsicherunf?. Sonach suche ich kein 
Geld, sondern einzig eine wohlwollende, dabei aber energische Frau. 

, Nur eins mufl ich erfaittm, und von Ihrer YonirteilBloBiidceit eihoKe ich um 
' so mdir BerOdsiefatiguns, als davon alles Fernere abh&ngt: Ich habe mieh einst 

an einer Frau schwer versündigt und heilig gelobt, nur eine ältere Dame zu 
l^eiraien, die gewillt ist, mich bei der ersten Begegnung hart und ohne jede Nachsicht 
zu bestrafen. Ich- nniB alsbald su Ihnen kommen und Urnen volle -100 Stunden 

(4 Tage und 4 Stunden) in wcibHcher Kleidung als Magd bei unbedingtem Gehor?am 
dienen, d. h., ich muß alle — auch die gröbsten — Hausarbeiten verrichten 
(Scheuem, Spillen, Waschen, Zimmerreinigen, Ktlchendienst, dann Nähen, Stricken), 
so daß ich von früh bis abends tätig zu sein habe. GezOditigt werde ich niit Rohr- 
stock und Rute, und im Falle eines Ungehorsams gibt es langen Arrest in einem 
finsteren Räume bei völligem Fasten. Als gewöhnlicher Aufenthalt wird mir eine denk- 
bar anfache &mmer mit Hsdi, Stuhl und bescheidenem Lager angewiesen. Als 
Nahrung erhalte ich während der ganzen Strafzeit neben Wasser nur täglich dreimal 
warmen Kinderbrei, ein wenig lauwarme Milch Bm einem Fläschchen mit Gummi- 
Pfropfen, einem sog. Lulschcr. Weiter gibt es absolut nichts. Ehe ich nach jVblauf 
dtt sieht zu verkürzenden oder zu unteibreehenden Strafzeit, in der idi „Du" genannt 
werde, während ich „gnädige Frau" sagen muß, meine Kleider zurückerhalte, habe 
ich schriftliches Heiratsversprechen abzugeben. Wenn Sie in der Sache einverstanden 
sind, folgen sofort aUe EhuEolheiten, so daS ich wohl am IMenstag vomittag 10 Dfar 
die Strafe antreten und solche sonach Samstag nachmittag 2 Uhr beendigen kann. 
Dann wSre alles gut und ich darf Ihnen versichern, daß Sie einen treusorgenden, folg- 
samen Mann erlialten, der sich langst nach einer trauten Häuslichkeit sehnt. 

Ich betone noch, daß ich fOr Stodc, Rvts^ Fesseln (zum Binden beim Züchtigen 

und Essengebon), sowlo — w< nn Sic solebSi selbst nicht besitzen — weiße Haube 
sorgen kann. Dagegen mtiDten Sie die Frauenkleidung, als Hemd, Hose, Korsett, 
Unterröcke, Kleid und Pantoffel bereitlegen, auch ein Fläsdichen beschaffen. Auslagen 
werden vergtltet. Ich sehe Ihrer schnellsten Naduicht entgegen (Icdgt Unt«nehrilt)u 

Nachschrift: VerfiUen Sie Ober einen fingeren, ▼erschlieflhonn. Raum (Keller 
oder dertfeicben)? D. 0. ' . 



, 2«: 



V. Kapitel: Dar MeUtroiÄsmus 



Ein weiteres Beispiel für die recht hSnfiRe Verbindung von 
Transvefititismuä mit Metatropismus g'eben die folgenden Zeilen: 

Sehr geehrte gnädige Frau i Darf ich also wirklich hoüen, eine stolze, rücksichts- 
lose Herrin und Gebieterin gefunden an haben, die Ober mieh befiehlt a]e Aber ihr 

Eigentum, das ihr gehört und mit dem sie machen kann was sie will. Ich hoffe, daß" 
ich Ihnen als Zögling oder Ihr Dienstmädchen dienen darf, daß Sie die Erziehung 
über mich übernehmen werden. Ich verspreche Ihnen, daß ich Ihnen auls Wort 
gehorchen, jeden Ihrer Befehle seboraam und untertini« matOhien werde, vie e» 
einem Dienstboten zukommt Welche Freude würde ich empfinden, wenn ich den 
Staub von Ihrem Schuhwerk, oder den Sriiim Ihres Kleides küssen dürfte 1 Wie gern» 
Wörde ich bei Ihnen aufräumen, Stiefel putzen, auslegen, überhaupt alle jene Arbeiten 
verriditen, die einem Sfenatboten sukommen. Wenn es Ihnen abw nidir naagt» 
würde ich gern Ihr kleiner Zögling sein, drsson Erziehung Sie als gestrenge Gouver- 
nante übernehmen. Sie haben dann ja ganz alleine völlige Macht über mich, können 
den Stock gebrauchen, wenn ich Ihren Anordntmgen imd Befehlen nicht unbedingt 
Folge leiste. Sie werden debeir in dw Lage sein, mir alle Ungezogenheiten aus- 
zutreiben und aadk au einem Wesen zu erriehen, daa nur tinen Wielen kennt, nin»- 
lieh den Ihren. 

Befehlen Sie also über mich. Ich verspreche Ihnen, gehorsam imd folgsam zu- 
sein. Darf ich hoffen, aebon diese Woche bei lhn«i in Dienst treten su dOifen? — 

Sie brauchen nur einp Zci* zu bestimmen, wann Sie mich in Ihrer "Wohnung erwarten. 
Ich werde Ihrer Aufforderung, zu erscheinen, bestimmt unverzüglich Folge leisten. 
Also seien Sie so gnSUiig und befehlen Sie mich möglichst schnell in Ihre Wohnung 
zur Vorstellung, 'nelldeht legen Sie Ihre schmutzige Wäsche, die ich anzuziebra 
hätte, zurecht. Ihre getragene Wäsche und abgetragenen Kleider von Ihnen zu tragen, 
würde mich sehr reizen. Gebrauchen Sie auch bitte kein freundliches Wort mir 
gegenüber, sondern treten Sie gleich von Tomherdn zielbewafil mir gegentiber aitf. 
Sie sind ja die Gebieterin und ich Ihre T'ntergebene, Ihr willenloses Eigentum. Wenn 
Sie diese Zeilen beantworten, befehlen Sie auch schon bitte in Ihrem ersten Brief an 
mich, und gebrauchen sie die Anrede „Du", während ich es natürUch niemals wagen 
wflrde, die gleiche Anrede Oman gegenflber zu gebrauchen. Wann darf ieh mich 
msiner Hmin voiafellen? Ihnen dia Stiefet kflasend, in Demut Ihr (Unterschrift) 

Ist in den bisherigen Briefen b^ouders der Fuß- und Schnh- 
fetischismiis vertreten, so enthält der folgende Brief die etwas 
seltenere Kombinatian von Metatropismus mit Gesäßfetisehisrniis: 

Hochverehrte, allergnädigste Dame) Gnädigste bitte ich tiefuntertänigst und ganz 
gehorsamst um Yerzdhunff, da0 ich Knecht es wage, an Sie, hohe Dame, zu sdureiben. 

Gestern, Sonnabend nachmittag, vor 4 Uhr, sah ich Gnädigste auf dem Balkon 
Ibr-rr Wohni?i;/ in weißer Tni'.lr nnd brnuncm Kleide. Der AnbUck Ihrer imposanten, 
majestätischen Erscheinuau hat mich zu ihrem willenlosen Sklaven gemacht Über- 
wtltigend wsr aber Ihr Anblü^, als Gnädigste sich ndt Diren hochgdsieteoden Bftndai» 
das braune Kleid hinten, an Ihrem ehrfurchlgebi-tm-l, n, stolzen Gesäße zusrimmm- 
zogen und rafften, und hochhoben, so daß Ihre stolzüppigon Hüften und Ihr großmäch- 
tiges, strenges, energisches Gesäß in seinen majestätischen Konturen und Linien m 
aufr^oidster Weise zu erkennen imren, und als Gnädigste Iluwn angebetetsn Ober- 
körper über das Geländer des Balkons nach vom, nach der Kirche, wo eine Hochzeit 
war, beugten, xmd Ihr strenges, ehrfurchtgebietendes, wahrhaft majestätisches, impo- 
sanfes GestS nach hinten - henrasstreekten, da spannte sieh Ihr braunes Kleid noch 
melir, und der Anblick Ihres unbedin -t n K i lavergehorsam anbefehlenden Oesftfias 
war sinnberauschend. Wie wxurde ich auf der Strafe von Sphnsucht ergriffen vor 
Ihrem strengen, aUergnädigsten Gesäße in tiefster linechtseligkeit und Unterwürfigkeit 
niederzuknien, und hocSidaaselhe voll Ehifiueht und tiefsten Rsapdia als gehorsamster 



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V. Kapitel: Oer Metatropisraus 267 



untertänigster Diener, Knecht und Sklave in tiefster Andae^t.zu küssen. Sollten 
«OeriDttete gestrenge Henfn und Gebleleriik nir, Ihrem imter^IfaBefi abgnindtief- 

stehenden Knechte, wegen dieses Schreibens ißmm, so bitte ich allergehorsarost und 
tiefuntprtänigsf um harte Bestrafung und erbarmungslose Züchtigung. För )ede Back- 
pfeife werde ich die allergnädigste Hand demütigst ktlasen, tür jeden Fufitritt Ihren 
anir^ieteteii, enenisdien Fufi htSncBsch leeken, und ich werde stolz sein, wenn aUer- 
prldißste Herrin hoch Sich auf mich setzen und ich ctcm strengen Gesäße mdner 
hochgebietenden Despotin als lebendrr Sitz dienen darfl Gnädigste können mich 
zu den alleremiedrigendsten Diensten benutzen, aufs verächtlichste behandeln, mich 
in undettUrnnter Weise kneehten und hölmisdi dsmaügen als wOtenloses Werzeur 
Huer ilhtmphierenden, blendenden Schönheit Auf allen Vieren — als der Gnädigsten 
Hund — werde ich hinter Ihnen, hohe stolze Dame, kriechen, wenn Sie, strenge Ge 
bieterin, hoch Sich Ihr Kleid an Ihrem majestätischen Gesäße von beiden Seiten zu- 
sainmenratfto und stols In Ihren Zhnmem tmd auf dem Balkon promenieren, mkd in 
tiefster Sklaverei werde ich emporblicken voll Ehrfurcht zu Ihrem hochmütigen xmiSt 
herr^chsOchügem Gesäße, hochweichem ich als mcinpm H^rrn und Gebiete^ un- 
bedingten Gehorsam und tiefste Ehrfurcht schuldig bin, stets auls unter- 
wflifigate SU jedem INenste bereit, imter der Herrschaft Vbrer Peitschet 

Gnädigste werden in mir einen treuestergebenen, suverlässigen Dieiier 
haben, der seine Herrin auf Händen tragen wird, wenn er noch so sehr als Canaille 
behandelt wird, denn ich bin mir dessen voll und ganz bewußt, wie tief, wie 
abgnmdtief ich wüm Ihnen, GnSdigste, stehe, daB Gnädigste ein höheres Wesen, eine 
erhabene voniellllie Dame sind, vor hochwelcber hunderte Sklaven und Sklavinnen iDk 
Staube liegen, der Despotin und Tyrannin auf Gnade und Ungnade ergeben. WoHen 
gestrenge Gebieterin aliergnädigst Ihrem Sklaven strengstens befehlen und schreiben 
im briUegenden Kuvert, ob ich zum Besuche und zur Hiddigung kommeii daiL Ii» 
tiefster Knechtschaft, in Ihren Fesseln Ihren stolzen Fuß und Ihr aristokratisches er« 
habenea Gesäfi voU JBhrfuicht küssend, Ihr Sklave." 

Als Gegenstück zu diesen Sklavenbricfen mögen nun einige 
Schreiben von metatropischen Frauen folgen. 

In einer groSen Berliner* Tageszeitung erschien folgende An- 
zeige einer Metatropistin: 

„Adam wo bist Du? 

Weib, hochgebildet, daseinsfreudig, voll sprühenden Temperaments und unbezwing- 
lieber Lebensitraft, sucht zwecks Ehe in regem Oedankenaustausch denjenigen zu 
finden, der gleich ihr für a^ln^ Schöne itt Kuost und Leben envfibogtidi ist und viel 
liraft, Licht und Sozme braucht." 

Unter den anf dieee Anzeige eingebenden Briefen befand ^h 
einer folgenden Inhalfe: 

Gnädigste Herrin 1 leb las Ibra Anzeiga^ Vielleicht UBt inich in Ihnen das 

Schicksal die so lang gesuchte Herrin finden. Nehmen Sie mich zum Spielzeug 
Ihrer unbezwinglichen Lebenskraft. Vielleicht bin ich Ihnen ein 
passender Zeitvertreib. Sie können mit mir tun und machen vns Sie wellen. Ja 
niedrii^ und gemeiner Sie mich vom ersten Augenblicke an behandeln, desto anhäng- 
licb'^r werde ich sein, und in Treue imd Ergebenheit einem jeden Ihrer Befehle nach- 
kommen. Es ist selbstverständlich, dafi ich von dem Augenblicke an, da ich meinen 
SUavendienst bei Ihnen antrete, fOr Sie sorgen werde, daB ich nur noch fttr Sie aibette. 
In Ihrem Handidn sollen Sie völlig frei sein, Sie können verkehren, mit wem Sie 
wollen, lieben, ^en Sie wollen. Auf mich brauchen Sie keine Rücksicht zu nehmen f 
Keine Diskretion, kern Mitleid mir gegenOberl Ich fahle mich nur wohl, wenn ich 



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268 



V, Kapitel: Der Metatropismus 



ndner . menschlichen Würde entkleidet bin. Sie können nieh gebnucben, wosu Si» 
wollen, mich gelxrauchen lassen, von wem Sie wollen. 
Jn demdÜcer Eifebenheit harre ich Ihres Befehles. 

Ihr gehorsamster Sklave (Name). 

Die Antwort der Herrin lautete wie fol^: 

Sklave! Es lie«?t etwas in Deinem Briefe, das ein auf dem Grunde meiner Seele 
ruhendes GeiOlil aus dem Dämmern aufpeitscht. Es reckt sich, dehnt sich und lechzt 

nach Bhitir Die PUifheikatse ist in mir enrachtt Auf denn! Ein toUes Spiel 

soll boginnen. Ich werde Deine Herrin sein und Du wirst crzitforn vor mir in Furcht 
und Reben. Nicht meine Schönheit zwingt Dich vor mir in die Knie — denn ich bin 
nicht scliüii — nein, dieses Dunkle, Geheime, das in mir schlief, wird Diefa msd^ 
zwingen in den Staub, dafi ich meinen Fuß auf Deinen Nacken setze. Dich hinndune- 
als mein Eigon*iim üb^^r d:^ ■ ich verfügen kann nach meinem Willen, meiner Lust 
Heine Zälme werden Dir das Zeichen in Dön Fleisch eingraben, das gleich einem 
Sebandmale Dich su meinen wiD^osen Sklaven macht. 

Du willst großmütig sein und mich in meiner Freiheit nicht beschi^nken? Elender 
Narr I Als ob ich Fesseln duldete ! D u gehst in Ketten, ich aber bin frei in meinem 
Handein, Tun und tAssen, ohne daß Du je danach zu fragen iiättest Mitleid? Das 
kennt nicht. Dir gegenCiber niehtn Denn der Kann, der sieh so tief vor dem Weibe 
demütigt, sich seinen Fußtritten aussetzt, verdient kein Mitleid, der ist mir so ver- 
ächtlich, daP ich ihm ins Gesicht '^r^ninn rnorhte, daß mein FiiR 'iber ihn hinweg 
sclureitet wie über ein ekles Gewürm, Dali mich vor seiner Kähe, seine Berührung 
okslte, wir» er nicht ein Sklave, der redittos ist und noch unter dem Tleüe stdit. 
Wehe Dir, wenn mich je Dein Blick anders anschauen sollte, als in hündischster 
Unterwürfigkeit! Die Peitsche soll Dich dann daran erinnern, was Ihi mir bist 

Du sollst mir noch heute gegenfll»ertTeten I Punkt 2 Uhr erwarte ich Dich am 
Bahnhof Zoo. Ein Erkennungszeichen braucbst Du nicbt Dein -sklavischer* Instinkt 
muB Dir sagen, dafi die Henin naht 

Ein nicht minder dokumentarischer Brief derselben Herrin an 
einen anderen 'ihrer Verehrer lantet: ' 

Sage, mein stolzer LOwe, war es nkht eine berauschend schöne Stunde, als Du 

in Demut und sklavischem riebor?am zu m<'inen Füßen lagst? Du, der Du wähntest 
ein Löwe zu sein und über das Pantherkätzlein zu herrsclten, neiptest filternd und 
bebend die Knie und küßtest mit widerstrebenden Lippen die Gerte, die Deinen 
Körper traf, als Du mir den Gehorsam weif/ertest ! 0, wie mußte ich über Dich 
Schwächling lachen !I Mo ist Deine Macht? Weißt Du noch, wie Du im Fieber un- 
gestillter Jucidenschaft flüstertest: Sei mein Kätzlein, sei em Uebes K&tzlein? Nun, 
gefftlU Dir dies Kfttzlein, das so grausam Iflstem mit IMr armen Maus zu spielen 
weiß? Erinnerst Du Dich noch, wie ich ausgestreckt auf dem Diwan lag, eingehüllt 
in den weichen fließenden Stoff, der'sich dem Gliederspiel so wohl anschmiegte, und 
Dich zwang, zu spielen, wundersame Weisen zu spielen, indes ich mich niederl)eugte 
za dem Weibe meiner Wahl und seine sich mir öffnenden Lippen mit verzehrender 
Inbrunst küCle? 0 I.öwe, wie da Deine Augen glühten! Wie Deine Hände zuckten 
in nervöser (Jual und dennoch spielen mußten, weil ich's befahl. Melodien, die das 
Blut aufpeitschten und ein Märchen aus lüOt i^iacht schufen. Wie kam es, daß auf 
einmal die Saite Deiner Geige sprangT Wie ksb Dir, um Dich noch tiefer in dm 
Staub zu beugen, befahl, das Lager mir zu richten und Du trehorchtesl, zähneknirschend, 
o Löwe, das war ein stolzer Anblick!! Habe ich Dich endüch gezähmt imd unter 
mein Jwsh. tezwungen? Du machtest es mir schwer, aber um so tiefer werde ich Dich 
verwanden, um so mehr sollst Du die Pranken ,J)eine>'* Fantheritatze Ifliilen. 

Morgen, Löwe, wirst Du zu mir kommen und zum Tanze aufspielen, wie ich es 
Dir befehle. Träume inzwischen davon und denk an die Stunde, da Du den Fu£ 
kflfitflst Ddper Herrin. 



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% 

V. Kapitel: Der MeiatroidsiiMis 



269 



An vmcn dritten Liebhaber schrieb diese metatropische Frau: 

Es ist gestern das letzte Mal gewesen, daß Du in dem Tone, wie Du es vragtest, 
zu mir gesprochen hast. Ein weiteres Mal lasse ich es mir van Dir mcbt bieten. Ver* 
giSi Dtt M ganz, mr Du bist, und was Da mir gegenUber fOr Bko» Rolle spiebtt Wi« 
Du schon so oft zu rnp^nnn Füßen gelegen und meinen Fuß in Deinem Nacken gefühlt 
hast? Vielleicht zeigt sogar noch Dein Körper die roten Streifen, die meine Gerte ihm 
gezogen, oder die Male, die meine Zähne ihm eingepreßt haben. Und wenn Du dies 
alles nur für Spiel hinnahmst, so will ich Dir seisen, vis bitter ernst es mir war. 
Du selbst hast für alles, was folgt, die Verantwortung zu tragen. Noch habe ich an 
loich gehalten, mir in meinem Handeln eine Fessel angelt Du zerbncfast sie mit 
Deiner Widersetzlidikeit, machst nüch frei, so fird, dafi das, was nur wie ehi Funke 
gHmmte, zimi verzehrenden und Tsmiohtenden Brande wird. Ihld dieses Feuer wird 
über Dich hinweggehen» Dich ▼eiseagen und veiiirennen. Du selbst hast es nicht 
anders gewollt 

If^ne liebe sollte Dir Deine SUaTenfessebi mit Rosen umwinden; Du warst 
wir Skitmn und Weib zugleich. Nun sollst Du nur noch das erstere sein, bis die 
Stunde kommt, in der Du Dir durch treues, demütiges Dienen ein gütiges, liebendes 
Wort Deiner Herrin verdient hast. Mit jedem mir zu Gebote stehenden Mittel werde 
ich jetzt Deinen Widerstand brechen, und iedes Übertreten meines Gebotes, jede 
Achtungsverletzung, jeder Widerstand und Ungehorsam findet seine unnachsichtige 
Strafe. Du bist durch Schrift und Wort an mich gebunden, das bedenke wohl, und 
in meiner Macht liegt es, Dich, wenn ich will, preiszugeben. 

Beugst Du Dich willig mefaier Hemehaft, dtoist Du mir ohne Widersetzlichkeit, 
so werde ich nie ungerecht sein. Aber wagst Du es auch nur noch einmal, Dich auf- 
zulehnen, wie bisher, dann zerbreche ich Dich unbarmherzig. Dann nützt Dir auch 
Deine körperliche Kraft nichts, denn gefesselt und gebunden mußt Du, und wenn Du 
Dich aufblumst Tor Schmers, doch meine Strafe, die idi ttber Dich yeihftnge, tmflenit 
Und wenn Du wochenlang die Spuren so einer Züchtigung auf Deinem Leibe trägst, 
so soll es mir nur zu Tim so c^röDcT-n- Lust gereieh^n ^rh erwarte Dich heute abend 
unter allen Umständen in meiner Wohnung, wo Du mir verschiedene Dienste 
ZU leisten hasL 

Der Vertrag, • von dem in diesem Schreiben die Bede ist, hat 
folgenden Wortlaut: 

Ich bekenne mich liiennit, daß ich mich für alle Zeiten meiner Freiheit, meines 
WoDens beg^e, um in Donut und Gehorsam meiner gnädigen Herrin zu dienen. DaB 

ich hinnehmen werde, was mir von ihrer Hand kommt, Strafe, Qual, Liebkosung und 

Ghick. Völlig gebe ich mich ihr zu eigen. Sie kann mich schlagen, verschenken, ver- 
kaufen, ich gehöre ihr als ihr Geschöpf, tlber das sie zu bestimmen und zu verfügen hat 

Noeh einige wenige andere „Hrrrinnenbriefe** meiner Samm- 
lung mdgen die überaus seltsame Psychologie dieser herrschsüch- 
tigen Frauen illustrieren: 

a) Elender Sklave I Wie konntest Du es wagen, meinen Befehlen zu trotzen? 
Ich gebot Dir seinerzeit, mich in Deiner Wohnung zu erwarten. Ich kam vergebens. 
Wärest Du mir danach begegnet, die Peitsche hätte ich Dir zu kosten gegeben, daß 
Du em fOr allemal gifabtt hattest, daß euie Herrin Ober Dur steht, die kein Mit^ 
leid kennt. 

Du gehörst mir von dem Tage an, da sich unsere Wege kreuzten, und wenn 
ieb Dir scheinbar noch Freihdt ließ, noch nichl nadi Deiner Dienstbarkeit Beg^ 
trug, 80 war es, weil es nicht in meine Pläne pißte. Von heute an aber hast Du, 

seiest Du, wo Du seist, Dfinpn Dienst anzutreten. Meinen Wünschen und Befehlen 
hast Du unverzüglich Folge zu leisten, die Strafen, die ich ühw Deine Widersetzlich- 



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270 V. iUpitel: Der Metairopismus 

teil verhftnca, WiHwinnhmen, ta. dulden, da0 mein Paß Uber Dich tünwesschreitet wie 
Ober ein Nichts. Ein willenloees Werkzeug hast Du zu seini Gnade, überreiche 
Onade ist es, wenn Du den Staub von meinen FQfien küssen darfst. Mir und meinem 
Geliebten hast Du zu dienen, die niedrigsten Dienste zu verrichten. Ein Gewand, 
wie ich et Dir Torschreibe, wirst Du Dir beeohaffen und in ihm Deiner Dienstbarkeil 
Bldikoniinen. 

Zu welcher Stunde, welchem Tage es auch sei, mögest Du hier oder in Hamborg 
weilen, Du hast zu gehorchen und unverzüglich zu kommen, sowie mein Befehl Dkh 
■erreicht 

Der Hund, der in Unterwürfigkeit dem Menschen anhängt, wird ein KAnif an 
Freiheit Dir Regenflber sein. Du hast völlig Dich mir unterzuordnen, und ie niedriger 
ich Dich, mein Freund oder n cinG G&ste Dich behandeln werden, je daniüjarer liasi 
Du zu sein. Die geringste tJl>ertretuiig strafe ich unnachsichtlich l Also hftte Dich, 
Ddne Herein xa r^sen, oder ütr mil einem andnen als unterwflififen Blicke zv 
iiegegnenl 

Vielleicht schenke ich Dich m'-'inpm npliphten der als das scliönsto Weib, das 
ich gesehen, neben mir lebt, zum Spielzeug. Dann hast Du ihm genau so zu getioicbeA, 
-den Staub von seinen Schuhen zu küssen, wie mir. Deiner Herrin. 

VoanWorte Dich umgehend über Deine unbotmäßige Handlung, mich Ober 
Deine Abreise im Unwissenden geboten zu haben. Die Peitsche wird Dich dafOr 
treffen, sobaM Du vor mir sl list. Ich rate Dir also in Deinrm rifrcncn Inferes^o /u 
Völliger Unterwüriigkeit. Denke nicht, da Du in Hamburg weilest, Du seiest meinem 
Maditbereielie wtftolien. leb werde IKdi «midien m. ieder Zeil, lolMld ieh wiO und 
Dir eine farchOwre Benin seinl 

b) Bärl Gehorsam gelobst Du und flehst die hohe Hernn an, sie möge Dich 
erniedrigen und knedilen, Dich zum willenloeen Werkzeuge, zum Tier emiedrig«Al 
0, darum hättest Du niehl zu bitten braudien, denn als ich Dich das erste Mal sah, 
da wußte ich bereits, wozu Du mir dienen solltest Und wenn Du Dich geweigert 
hättest, meinen Wünschen, die Dir Befehl sein müssen, nachzukommen, so hätte ich 
Dich wider Danen WQlen dazu gezwungen. Brei! und mldatig ist Ddne Gestell^ 
und Dein Tritt wuchtet und zeigt Kraft I Ich sehe Dich vor mir, in dem Pelze des 
Bär'^n die Kette um den Hals gelc^, und fürwahr, Du bist ein stattliches Tier! Ah, 
und \ue zahm Du mir den Zucker von der Hand frißt, und wie sich wohlig Dein 
Pell strftufat, wenn die Band der Herrin Dich krault, aber wie Du auch mitteptt rt» 
ihrem IV.'icke und Dich scheu in Dicli vc-kriechst, um ihrem Zorne zu entgehen, wie 
Du Dich mühst, mit Anmut Dich nach den Klangen dos Dudclsacks zu wiegen und 
zu tanzen zu unserer Belustigung, wenn ich Dir zuschaue. Lud wie Du versuchst, 
zu brummen und Dich dem Rhythmus der Melodei anzupassen! 0 BIr, Du witsl mn 
'Geschöpf werden, mit dem ich Ehre einlegen kann. Du wirst da sein, v^rinr und 
wie ich es befehle. Des Nachts wirst Du zu Füßen meiner Lagerstatt, mit der Kette 
.an dem Hosten angebunden, ruhen, und die Träume Deiner Herrin bewachen. Ein 
treuer Wichter wirst Du sein und keiner wird es wagen, mir zu nahen, solange Du 
Wache hältst. Schau, der wilden Hjördls diente auch ein Bar in Treuen, und setzte 
sein Leben ein für seine Herrin. So will ich auch, daß Du mir dienst Daß Du den 
Fttfi leeksl, der In Unmut nach Dir tritt, wenn Du mir listig bist, dsB Du Dich nieder- 
läßt zur Erde, wenn mich gelüsten sollte, auf dnem lebendigen Bärenfell zu ruhen. 
Mein bist Du Bär, von der Stunde an, da l>a mein Baus betrittst und nichts soll 
Dich aus meiner Macht beireien. 

c) Willenloses Geschöpf! Ich erwarte Dich moigen nachmittag 4 Uhr, um Deine 
ungelenken Hände mit aller notwendigen Strenge zu lehren, Nadel und Faden zu 
handhaben. Ich rate Dir, stelle Dich nicht zu ungeschickt an, denn meine Hand 
-wandert nidil Isnmi auf ihre Weise Dir die nOliie CMuneidigktit beiaubringen. 



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271 



d) Großes, unerzogenes Kindl Es ist gut, daß Du selbst einsiehst, wie sehr J)\i 
der fahrenden und erziehenden Hand bedarfst. Ich werde von diesem Augenblicke an 
Deine Bnielniiiv in mefne Hend nehrnm und unter meiner Rute wfaat Du verlenien« 

zu widersprechen, trotzig aufzubegehren und mit Unlust Deine Arbeiten 7'i f^rledigen. 
Merke Dir: so wie Du Dich beträgst, so werde ich Dich behandeln. Unnachsichtlich 
iMaArafe idi die crertngste Ünncfatsamkeit mit dem Stock. 

e) Du Wachs in meiner Bandl Du wagst es, einen eigenen Willen zu haben ? 
Warte, idi werde Dir zeigen, dnB ich Dich kneten und formen kann, wenn iefa wiU. 

Ich befehle Dich noch heute abend in meine "Wohnung. Da wirst Du sehen, wie Dein 
Wille zerbricht. Und wenn Du mich am Morgen verläßt, wirst Du sanft und geduldig 
wie ein Lamm sein. 

Wie fast überall im LiebfiALebeii, gehen auch anf dem Gebiete 
dee MetatiopkmiiB die Grenzen des Physiologischea und Patho- 

lopripchen nnmerklich ineinander über. SicLerlich werden "wir es 
nicht für pathologisch halten, wenn eine 50jahrige Dame einen 
20jährigen Jüngling heiraten möchte; weniger physiologisch er- 
scheint es schon, wenn ein Mann von der Geliebten anstatt Gegen- 
liebe Schläge begehrt, und noch weniger, wenn er in einen Keller 
eingesperrt sn werden wfinaeht. ünd doch handelt es sieh hier um 
ErBeheinnngsformen, die in Ihren leisten Wnrseln znsammoa- 
hfioigen und auf dem gleichen Boden erwaehain sind. Immer wieder 
■aber erfüllt es uns mit Verwxmderung, daß an einer Naturerschei- 
iiTing, wie es das menschliche Gcschleehtisleben ist, die Natur- 
forschung so lange achtlos vorübergehen konnte, nicht etwa weil 
man von dem Gebiete mit Groethe sagen kann: „Wo mau es packt, 
<la ist es iutereäsani", sondern weil es uns den Schlüssel gibt für das 
Verständnis so vieler Vorgange im Sein des einzelnen nnd der 
Ctosamtheit. 



Digiii^cu by G(.)0^1c 



Namenregister 



Abel 85. 

Aheira Zephte ^ 
Ahlfeld 86. 92. 
Arnaud 31. 

Auchenhirth Friedr. v., 232. 

Bauhin, Caspar, 75. 
Benda SIL m 
Benkert 18L 
Biedel ZQ. , 
Binet 216. 
Blair Bell m 

Bloch, l^&n, i2. 101 m m 211 2ßL 

Blondel 252. 

Body, N. 0., iL 

Bouchard 112. 

Brandes 100. 

Buchawe, Otto v., 

Bücke 112. 

Bucurra 115. 118. 225. 
Burchard, Emst, 25. 

Carlyle ^ ■ ' 

Cannenion 119. 

Carpenler 2Q£. 

Ch6reau 95. 

Chopin 2^ 

de Courchamps 170. 

Cröquy, Marcpiise de, 120. 

Dalton m 
Descartes 22Z 

EUis, 1Q7. 119. 12i. m 
d'Eon, Chevalier, Ißd 
Eulenburg, Albert, 230. 233, 

Pibiger, Joh., Ifi. 22. 
FUtau, S., 119. 
Forel 21L 212. 
Franquö OL 

Freud, Sigm., Iii 122. 21fi. 



Freund ^ 

Friedenlhal ^ 

Friedreich QL ' ' . 

OarrS 85. 

Goethe 125» ' 
Goldscheider 1^ 
Goltz 92. 

Grießmann 105. 182. 
Grillparzer ISß. 
Groß ai 

Gudcrnatsch fiß. • 
Gunkel, Heinr., 23. 

Halban 12. äL 

Havelock-EUis 102. 119. 12i. 1S2. 

Häckel 222. 

Hepar 95, 

Heilborn 102. 

Heliogabalus 113. 

Heymann, Arnold, 2L 

Hirschfeld, Immanuel, 67. 

Hirschfeld, Magnus, 62. lül 102. 

Hodann 21 51 

Hofmann, Ed., 8^. 

Hoppe, Tafel VII. 

Howells UIL ' 

Humboldt HL 

Ibsen 22L 

Xallmann 103. 
Kammerer 81 
Kaplan, Paul, 29. 
Kertbeny 
Klebs 25, Tfif. 
V. KSlliker OL 
Koerber 123. 
Kräpelin 21fi. 

Krafft-Ebing 94. 102. 117, m 130 f. 
lB2ff. IST, 192. 204. 21Ü. 222f. 282 f. 
258. 



Namenregister. 



273 



Langer US. * 

Leppmann, Tafel IV. 
V. Levetzow 12&. 

Levy-Dorn 83. » 
Leydig & 

lichtenstein, Ulrieh 2BL 

Lingard 12. 
Lipschütz, Alex., 1£SL 
Lode 

Mantegazza IQZ. 

Märzbach 23*. 2ia. 
Marchand IZ. 

Martial llfl. m 2ia 2ii. 
Masini 112^ 
Mathieu, Laurent, 8SL 
Maura, Virginia, 83. 
Mayer, M., 92. 
Meckel 121, 
Mies 12L 
Möbius 12a. 

MoU, Elisabeth Wilhehn, 23. 
Moll, A., 182. 212. 
Mühsam m 
Müller, Joh., 8a 
Müllerheim, Rob., ^ 
Musset, Alfr. de, 252. 

Kagel 92. 
Mcke laß. 

V. Neugebauer 12 t Sß. 22f. 22. 

Oesterlen ÖL 
Orth, J., 89. 

Persius IBÜ. 

Photakis 86. 
Pick, L., 72. 80 ff. 

Poliklet Qi. , 

Quetelet 112. 

T. Recklinghausen M. 
Betzius, Gust, 12L 
Reuter 88. 
T. Römer 216. 
Rothe 115. 
Rousseau, J. J., 259. 
Roux, Wilh., Iflß. 
Rani 22&. 



I V. Bacher-Masoch 23Ü. 
! Sade, Marouis de, 2ßiL 
; Sal6n, Emst, SB. 88. 
: Sand, George, m 252. 
I Schaudin 3. , 
I Schickele 82. 
I Schiller 23a 

Schleiermacher 25L 

Schneidemahl 110. 

Schrenck-Notzing 182. 2Q7. ^ 

Seelig 55. 62. 

Seneca 12£L 

Seyifart 2iL 

Sharp, William, 120. 

Shutfeld, H. W., 82. 

Siegenbeck van Heukelom 29. 

Sittewald, Philander v., 242. 

V. Skanzoni 84. * 

Stabel 43. 

Steinach 6. 16. Sa 26. llffif. 216. 
Stekel Iii. 212. 
Slrindberg 226. 

Tandler 8L 
Tamowsky 192. 2(B. 
Taruffi 13. 
I Thoinot, L., S3. 

I Todds m , . . 

Topinard 12L 
I Tuigenieff 123. 

Uffreduzzi 85. 

Ulrichs, K. HL 182. 2Ö2. 211 ff. 
Yenelle 82. 

Vestphali, Felicitas v., 112. 

Virchow, Rudolph, 12. 25. 7a ^ 05. 102. 

Waldeyer SL IDSf. 

Wcininger, Otto, 169. 

Weißenberg, Rieh., IL 43. ; 

Westphal, Carl, 18L Iflfi. 202. 

Whitman, Walt, Hfl. 

Wilhehn 74. 

Wilson, Albert, 75. 

Wulffen m 2i9. 258. 

de Wyzewa 119 

Ziegler 86. 

• Zondek, M., 32. 
Zuckerkandl 24. 



Ift 



Sachregister 



Abfall vom Weibe 1^ 
Acne pustulosa 115. 
Addi30ü8che Krankheit 112, 122. 
Adenoma tubuläre testiculare OTarii (ovo- 

testis) 82 ff. 
AgeressionsinTersion 180. 
Ailoith 117. 

Aktivierte Androgynie lÖÖff. 

Algolame ^3, 
Alioiophilie 211. 
Alopecia areata 115. 
Amazonen 112. 
Amphiphilie 211. 
Ampulle der Tube i 
Anale Sexualakte 201 fL 
Andrin fi. 
Androglotüe 112. 

Androgyner Drang imd Wahn 120. 
Androgynie ffl. flStt. 

— aktivierte, hypo-metaplastische, lö5ff. 

Andromastie IVL 

Androphilie 212. 

Androsphysie IDfi. 

Androtrychie llß. 

Anhysterie 9. 

Anilinktio, Straffreiheit der» 2ßß. 
Antagonismus der Sexualhormone IQL 

Antifeminismus 1^ 
Appendix testis Morgagni 9. 
Askese, christliche, 26S. 
Aesoziationstherapie 212. 
Atmung 118. 

Atypien, psychosexuelle, 12S. 
AutoSadismus 256. 

BarthaS und -wünsch l^ff. 
Basedowsche Krankheit 122, 
Becken 108. 

Bcherrechbarkeit der Homosexualität 2Qi. 
Bildsäule des Hermaphroditen von Poli- 

klet 91. 
BisexuaUt&t IM ff. 



Bisexualitätsperiode, pubische, 186. 
Bi£kuß 2^ 

Blasenblutungen als MenstruationBädui- 
valente QL 

Blasenöffnung IL 

Blut- und BlutgefäSunterschiede der Ge- 
schlechter 12Qff. 

Blutsverwandtschaft bei Hermapbroditis- 
mus 5L. 

Briisthaß imd -wünsch 131 ff. 

CanaUs epididymidis 2, 
Chemotroplsmus 222. 
Chlorose bei umischen Jünglingen ^29. 
Corps innomind (Giraldte Organe) 9. 
Cunniünctio bei metatropischen M&nnem 

— Straflosigkeit der, 203. 

Damm 11. 

Defloration liL 226. 

Degeneration und Hermaphrodiüsmus 13L 
Descensufl (der Ovarien und Testikel) 

— ausbleibender 18. 
Differentialdiagnose zwi«:hen Herm- 
aphroditismus und Homosexualität ^ 

— zwischen Hetero-, Homo- und Bi- 
sexualität 185. 

Digitatio 2Qa 

Doppelbenennimg des Weibes IQ. 
Doppelgeschlechtigkeit 18L 

Effemination, partielle, 23CL 
Ehebruch und Metatropismus SB£L 
Ei, Ablösung des, 2. 

Eier, männliche, weibliche, hennaphrodi- 

tische, 12. 
EierstockmAnnchen (Steinach) SS. 

Eierstockshemie 8. 

Eifersucht imd Metatropismus 2ßL 

Eikern 3. 

Einschläge, somatische, 126. 



Sachregister. 



273 



Emsprengungen« genitale, 126. < 

Eiplasnm 3. 

Eizelle ^ i 

Eiaculatio praecox läQff. ! 

Ektopie, labiale, 8. ' 

Empfängnis, unbefleckte, 03. 

EmpfängnisbQgel 22!L 

Entführungssitte 227. 

EntjungferuDg lü. 22&. 

Ephebophilie 212. 

Epididymis 9, 

Epispadie HL 

Epithelkörperchen 1^ 

Epoophoron (Parovarium, EosenmtUler» 
aches Organ) 

Erotisierung des Zentralnervensystems 92- 

Experimentelle Zwitterbildimg beim Säuge- 
tier IQL 

Externe Geschlechtscbaraktere 12. 
Exzesse, sexuelle, ^2. 

Familie, die umische, 216. 
Farbenblindheit 12^ 
Femorale Sexualakte SQL 

Fetisch, masochistischer, 239. 

Fetisciiismus bei Homosexualität 212. 

Fettanaatz 112. 

Flagellantismus 242 f. 

Fümmerströmung 2. 

Folterkammern, masochistische, 241. 

Forensische Seltsamkeiten 202. 

Fossa navicularis 11. 

Frau, die metatropische, ^ff. 

Frauen als Soldaten lüSff. 

Frauen, Neigung der, zum Kriegsdienat ^ 

Frauenrechtlerin, Typus der, ^8. 

Freiheitsberaubung 846. 

Frenulum IL 

Frühreife 122. • 

Fundus uteri 2. 

Gang als motorische .\u8drucksform 110- 
Gartnerache Gänge 5. 9. 
Gehirn, GeschlechtseigentamUchkeiten des, 
1^ 

Gemütsbewegungen bei Frauen 12t. 
Genitale Einsprengungen 126. 
Genotropismus 222. 

Genus neutrum, Fall von, ^ 
Gerontophiüe 212. 2^ 
Geschlechter, Kampf der, 22& 
— Yerschiedenheit der, 2. 
Geschlechtsapparat, tubuläre Organe des, fi. 
Geschlechstbestimmung, irrtümliche, 23. 



Geachlechstdüferenzierung, Zeitpunkt der, 
IL 

GeschlechtsdrQse, Lageveränderung der, 
fi. 2. 

— Komponenten der, ü. 
Geschlechstdrüsenverpflanzung 82 ff. 
Geschlechtsentdeckung nach dem Tode 

12L 

Geschlechtsgefühl 128. 
Geschlechtsmerkmale, sekundäre, 2. 
Geschlechtstrieb fi. 

— bei Mangel an Fortpflanzungazellen Mm. 
— * der Tuberkulösen fi. 

— Indiflerenzperiode des, Ififl. 
GeschlechtsQbergänge, Einteilung der, SS. 
Geschlechtsverkehr, erster bei Mann imd 

Weib, 225 f. 
Geschiechtsvortäuschung, Strafbarkeit der, 
12L 

Geschlcchtswerk zeuge (externe, tubuläre, 
glanduläre) Z. 12. 

GeschlechtswiUe 12&, 
Geschlechtswülste Z. 

Geschlechtszugehörigkeit, Zweifel an der, 
fiÖ. 2L 

Geschwister, homosexuelle, 21ß. 
Gestik Hfl. 
Giraldös Organ fi. 

Glanduläre Geschlechtscharaktere 12. 

Glans clitoridis IL 
! Glatze llü. 
' Gonorrhöe, rektale, 202. 
I Graophilie 213. 

Graphologie HL 

Gubernaculum Hunten 2. 
I Gynandromorphie 120. 
j Gynäkomastie 112. 
j Gynäkophilie 213. 
I Gynäzin fi. 
i Gynoglottie 112. 

Gynosphysie 109. 

Gynotrichie Hü. 

Haarkleid 114. 

Halbweltdame, Typus der, 288^ 
; Handarbeiten der Transveatiten 164. 

Harnleiter, primäre, fi. 

HautausdQnstung 114. 
'. Hautreize, sexuelle, 242 f. 
I HeilungsbedQrfnis der Homosexuellen 21ä. 

Heliotropismus 23lL 
; Heredität hermaphroditischer Bildungen 13. 

Hermaphrodisie, psychische, 108 IM 

Hermaphrodisierung, künstliche, 8£L 

18* 



Hermaphroditenbüdsäule des PoUklet 9^ 
Hennapbroditen, rechtliche Stellung der, 
62. 

Hermaphroditismus 12 ff. 

— und Blutsverwandtschaft M. 

— EinteiluuRen des, TS. üüf. 

— und Gebärfähigkeit 25. 

— Benitalis, somaticus, psychicus, psy- 
choserualis 

— bei Geschwistern iS< äL 
— . Häufigkeit des, TL 

— und Homosexualität 35. 

— innersekretorisch formativer und ger- 
minal generativer, 81 ff. 

— mascul., feminin., neutral., incertus, 
vorns, falsus 25^ 

— und Militärtauglichkeit 3S. fiL 

— Vorstufen des, IS. 

Heninnenbriefe 2B&ff. 
Hilus ovarii 
Hochzeitsreise 

Hodeneierstock, mikroskopische Unter- 
suchung des, SL. 
Hodensack 12. 
Hodensacknaht (raphe) 2. 
Hörigkeit, sexuelle, 255. 
Homines neutrius generis 25. Z& 
Homoiophilie 211 f. 
Homosexualität 12a ff. 

— aktive und passive, 199. 

— und Alkohol IßS. 

— Beherrschbarkeit der, 204. 

— Diagnose der, löfiff. 

— echte, Pseudo-, m IfiS. 

— und Eifersucht 19^- 

— episodischer Charakter der, 19E. 

— erworbene, tardive, aktivierte, 187. 

— als Hermaphroditismus psychosejcua- 
Us ^ 

— hypnotische Behandlung der, 21fif. 

— und Impotentia coeundi 188. 

— und Kinderspiele 208. 

— komplizierte und unkomplizierte, 211^ 

— und ncuropathische Disposition 215.. 

— operative Behandlung der, 21K 

— xmd Schamgefühl 12& 

— stabile und labile, 2H. 

— und Traumleben ISfif. 

— und Verlobung 190. 

— und Wortzauber lüS. 
Homosexuelle Geschwister 21& 

— Stigmata 206. 
Hormone, sexuelle, 6. 
Hottentotteuschürze 2L 



Hydatide, ungestielte des Hodens (Appen- 
dix teslis Morgagni) S. 
Hymen, Sprengung des, 10. 
Hyperästhesie, sexuelle, 2^ 
Hypophyse 16, 122. ^ 
Hypoplastische Androgynie WSl 
Hypospadie IS. 

— peniscrotalis 19. 
Hysieroneurasthenie IBS. 

Impotentia coeundi und Homosexualität 

m 

Indifferenzperiode des Geschlechtstriebes 

m 

Individuum neutrius generis 25. 1^ 

Inkubismus 25L 

Innersekretorischer Anteil der Ge- 
schlechtsdrüse 6. 
Intersexuelle Konstitution ISS. 
Irrtümliche Gcschlechtsbestimmung ^ 
Isogametcn, Kopulation der, 4:. 

Jungfrau von Orleans 5L 
Juxtaposition bei Zwittern 9L 

Kampf der Geschlechter 22^ 
Kanalsystem der Geschlechtsorgane 8. 
Kastraten, Geschlechtsapparat der. Iß. 
Kehlkopf, Pubertätsentwicklung des, llfik 
Keimdrüse 6. 
Keimepithel 6 ff. 

Keimepithelwulst, Waldeyerscher, 5. 
Keimfleck 3. 
Keimzelle 2. 

— Weiterbewegung der, B. 
Kinderspiele bei Homosexuellen 206. 
Kleidung und Seelenleben 1^- 

. Klimakterium 121 f. 
KUtoris IL 

— Hypertrophie der, 12. 
Knochenbau 106. 
Körpergröße lOfi. 
Kommandostinune 119- 
Komplex, verdrängter, IM. 
Konstitution, intersexuelle, 1^ 20^ 

— ncuropathische, 205. 
Konträre Sexuaütät ISO. 
Kopfstimme 119. 
Koprolagnie 3d9. 
Korophilie 213. 

Kristalloide Bildungen der Zwischenzel- 
len ß. 

w 

Kryptorchismus 8^ 
, — Simplex, duplex 18. 



277 



Längsentwicklung, männliche, IL. 

Lajyeveränderung der Geschlechtsdrüsen 21 

Lambitus 2QL 

Lanugobehaarung 11^- 

Leistenbruch 2. 

Leistenring 7. 

Levdigsche Zelleta ß. 

Lig. rotundum 

LigationsmetÄtropismus 2iß. 

Lipowaner 113. 

Liquor folliculi 3. 

Lockmittel des Weibes 22hl 

Lokomotion der Samenzellen 

Malpighiscbe Gänge 9. 

Mann, der metatropiscbe, 232 iL 

Mannlinge 21L 

Manuelle Sexualakte 2QQff. 

Masocbismus 22Qff. 

— und Feminismus 2QL 
Masseusen und Metatropisten 
Menstruation aus dem Penis 2iL 8L 
Menstniationsäquivalente &L 
Menstrualionsverzögerung bei Urninden '209 
Metaplastische Androgynie 
Metatropischer Verkehr 242 ff. 
Metatropismus 82. 180. 2Siff. 222. 

— impersoneller, 341. 

— pueriler, 2i£L 

— transvestitischer, 2ML 

— verkappter, 26SL 

— zoomimischer, SIL 

Migräne bei »mischen JQnglingen 209. 
Milchdrüsen 116. 

Militärtauglichkeit uind Hermaphroditis- 
mus 38. 6L 

— und Transvestitismus 145. 
Mimik 110. 

Minnedienst 2BL 
MiUeid m 
Möns veneria IL 
Müllerscher Gang ^ 

— Hügel a 
Muliebriores gll 
Musculus psoas 7, 
Multerkomplex, homosexueller, 1S2. 
Mutterschaft und Transvestitismus IfiT. 

Hacbkonunenschaft und Homosexualität 

21L 

Namenstransvestitismus 1fi9. 
Nebenhoden 8. 9. 
Nebennieren Iß. 

— Tumoren der, 122. 

— Erkrankung der, (Addison) 122. 



Nervensystem, stabiles und labiles der 

Homosexuellen 21i* 
Neuro pathische Disposition und Homo- 
Sexualität 215. 

Organe, tubuläre, 8. 

Organlhcrapie bei Transvestitismus 127. 
Orale Sexualakte 2ÜQff. 
Orificium urogenitale IL 

— urethrae IL 
üsleomalacie 12^ 
Ovarien 2. 8. 
Ovotestis S2. 88. 

PädophiUe 213. 
Pankreas m 
Paradidymis 9. 

Paroorhoron Ö. 

Parovarium (Epoophoron, Rosenmüller- 
sches Organ) ^ 

Parthenophilie 213. 

Passiophilie 2^ ^ 2ßL ^ 

Pedikation 201 ff. 
, Penilincüo, Strafbarkeit der, 203. 
I Penis IL 

— Menstruation aus dem, 2L 8L 
I Perinealspalt 19. 

I Phallus, künstlicher, 202. 

Phimose 2L 
j Pikazismus 248. 

Pollutionierende Frauen 39ff. SL 

Polyglanduläres System, Funktionsstörun- 
gen des, 13. 

Polymastie 112. 
. Primordialfollikel 86. 

Projektionslrieb, Unterdrückung des ge- 
schlechtlichen, 17h. 

Pseudoarrhenie 82. 

Pseudohermaphroditismus ffif. 28. 

— femininus internus 72. 
Pseudonyme und Transvestitismus 120. 

I Pseudothelie §9. 
I Psychoscxuelle Atypien 1^ 
[ Pubertätsanämie 2ÜÜ. 
Pubertätsdrüse 3. 98 f. 

— zwittrige, 8L 

' Pubertätszellen ß. 
Pubische Bisexualitätsperiode 186. 

j Querentwicklimg, weibliche, IL 

, Raubehe 

, Rektale Gonorrhöe 2ÜL 

; RitlerUchkeit m 



278 



Sachregister. 



Röntgentheraine bei Transvestitcn 177. 
Bosenmüllersches Organ 9. 
RoB des Hektor 2i5. 

Sadismus ^ff. 
Samenstrang 8. 
Samenzelle^ Kern der, ä. 

— Anzahl der, 1. 
Saris 112. 

Schadenfreude und Meiatropismus 23t). 
Schamgeiühl, homosexuelles, 198. 
Schamhaare 11^ 
Schamlippen IL 

— Überentwicklung der kleinen, 2SL 
Schautrieb, sexueller, 2&L 
Schilddrüse i2L 
Schuhfetischisten ^9. 
Schulespielen 2i3 f. 
Schwachsinn, physiologischer, 1^ 
Schwangerschaftstransvestitiamus Ifflf. 

' Schwangerschaftszellen 122. 
Seelenleben und Kleidung lifL 
Selbstbezichtigimg 2i£if. 
Selbstmorde, homosexuelle, 215^ 
Selbstquälerei 258. 
SelbstverstOmmelung 257. 
Seltsamkeiten, forensische, 2Q2. 
Septum scroti 12. 
Servilismus 2ML 

Sexualakte der Homosexuellen 2QQff. 
Sexualhormone 6. IQL 
Sexualität, konträre, ISd 

— Nachlassen der, ISfi. 
Sexuelle Hörigkeit 
Sexus anceps 

— incertus Sü. ZL 
Sinus urogenitalis 8. 
Sklavenbriefe 24a 2i2. 250 ff. 
Skrotalspalt ISL 
Skrotaltaschen 12. 
Skrotum Z 

Soldaten als Frauen lüQff. 
Soldatenfreunde 213. 
Somatische Einschläge 12C 
Speichellecker 248. 

Spiele, weibliche, bei Transvestiten IM. 
Steinachsche Forschungen lQ2ff. 
Stiefelfetischisten 2^ 
Stigmata, homosexuelle, 2QS. 
Stimmbruch 112. 
Stinunwechsel bei Homosexuellen 
Stutzer und metatropische Frauen 2fi2. 
Sukkubismus 212. 
Supraposition bei Zwittern 91. 



Tabellen der Genitalformation lift 

— der Qeschlechtstypen lQ6fL 
Testikd 7. 

Testogan 177. 
Thelygan 132. 122. 
Thieneher Oenitaistrang 8. 
Thymusdrüse 123. 
Träume, transvestitische, 167. 
' Transgesticismus III. 

Transplantation von Keimdrflsengeweb« 
122. 

, Transyestit, Offizier als, l^ff. 
I Transvestiten, asexuelle, li5. 

— bisexuelle, liä. 

— heterosexuelle, 141. 

— homosexuelle, IM. 
Transvestitischer Schwaugerschaftsdrang 

m 

Transvestitismus 139 ff. 

— und Automonosexuaüsmus lAL 

— Behandlung ctes, 12ß. 

— und Ehefrage 122. 

— als Hermaphroditismus psychicus ES,. 

— und Militärtauglichkeit 1 

— partieller, kompletter, 12^ 
> — und Selbstmord 175. 

— und Vererbung 128. 

— und Vorname lfi9 f. 
Treppenrellex, sexueller, Iflfl. 
Triolismus 260. 

Tube 3. S. 
Tubentrichter 8. 
■ Tubuläre Geschlechtscharaktere 12. 
Tumoren der Nebennieren 122. 
Typen der Homosexuellen 21Q. 
Typus, Eonstanz anziehenden, 21 S- 

Überentwicklimg der kleinen Schamlip- 
pen 

' Umkleidxingstrieb 140. 

; Uniformliebe und Transvestitismus Ißß. 

Unterschied zwischen Mann und Weib 
i 12. 22iff. 

Uranismus l^ff. 

Uranlage der Geschlechtsorgane 5. 

Ureier 6, 

Urethralkanal 11. 

Urgeschlechtszellen 5^ 6. 
I Umieren, Wolffsche Gänge, 6. 
I ümingsehe 2QZ 

Umingtum 182 ff. 

Urogenitalverbrückung fl. 

Urolagnie 2^ 
I Ursamenzeilen fi. 



* 



Sachregister. 



279 



Uterus (duplex, didelplüs> biconüs, in 
oidifonBii) 9. 

— nidimentsrius, fofllalii^ intlBtiHg SO. 

— hypoplasie 20. 
Utriciüus masculinus 9. 

Vagina 9. 

Vas deferens 9. 

Tasft «bemslia 9l 

Verhalten nach dem Verkehr 191. 
Vericappter Metatropismua 250. 
Verkehr, metatropischer, 2^ ff. 

— Verhalten nach dem, 191. 
VakMdmigBtrieb 139 ff. 
Veriobong und Homosexualität 190. 
Verm&nnlichung (nach Steinach) 98. 
nVeneh«!** Sclmaiifinr IS. 
Verweiblichung (Steinach) 98L 
Veatibulum vaginae 11. 
Vestologie 17d. 

ViisineB intadM^ bomosexudle, 190. 



Viriliores 211. 

ViamOw MetatraDismut 261. 

Wanderung der Geschlechtsdrüsen 7. 
' Weiblinge 211. 
Wolffscher Gang a 
"Wort^aubcr bei Homosexuellen 19& 

— bei Metatropiaten 213. 

I 

ZirbeldrQse 122. 

Zona pellucida 3. 

Züchtungshygiene 17& . 
I Zublltw, metatroptociiflb 9B8. 
i Zweifel an dar GatcblechtsaiigefaöziB- 
keit 6& 

Zwischenzellen 6. 

Zwitterbildung durch wateite ffinfltlw» IE 

— experimentelle, beim Singatier, 101. 

I Zwitterdnlsen B«. 

Zwittertuiii, echtes, 62. 
I Zwittrige Pubertttsdrflfe 8L 



* 



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I 

A. Marcus & Webers Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn 



Sexualpathologie 

Ein Lehrbuch für Ärzte und Studierende 

Von 

Dn med. Magnus Hirschfeld 

SpeaaUuzt für nerväae und pqrdiische Leiden in Berlin 

ERSTER TEIL: 

Geschlechtliche Entwicklungsstörungen 

mit besonderer Berücksichtigung der Onanie 
Mit vierzehn Tafeln, einem Textbild und einer Kurve 

Preis geheftet 8 Mark 40 Pf., Seehunden 10 Mark 
Mit Teuerungszuschlag: geheftet 9 Mark 25 Pf., gebunden 11 Mark 



Inhaltsverzeichnis. 

Erstes Kapitel: Der Geschlechts- Viertes Kapitel: S xualkrisen. 

d r ii s e n a Ti 5 f a 11. Fünftes Kapitel : D i e O n a n i e (IpsationK 

Zweites Kapitel: Der Infantilismus. Sechstes Kapitel: Der Automono- 

EMttes Kapitel: Die Frühreife. i sexualismus. 

Verzeichnis der Abbildungen. 

Tald It Anfiel« und innere Sekretioa der ndnnlkhen OescblechtMiriise. 
Tafel lU Angeborener Qcschlechtedrusenaualtll (Eunucholdisniu^. 

Textbild: Hoden und Nebenhoden eines Eunuchoiden. 

Tafel III: Erworbener OeschlechtsdrOsenausfall (Kastntensanger), 

Tafel IV: Geschlechsdrüscnverlust im 20. Lebensjahre. 

Tafel V: Hodenverlust im Knege. 

Taid VI; Spftttostmi 

Tafel VII: Geschlechtsteile eines in^tilen iöyptordiistai. 
Tafel VIII: Schnitte durch kr>'ptorche Hoden. 
Tafel IX: Zisvestitismus eines psychosexuellen Infantilen. 
Tafel X: Proben aus der Bildersammlung eines infantilen Masochisten. 
Tafel XI: Proben aus der Bildersammlung eines infantilen Fetischisten und 
Exhibitionisten. 

Tafel XII: Prämature Geschlechtscntuicklung bei einem vierjähr^;^ Knaben. 
Tafel XHI : Dopi-^clgeschleclitliche Frühreife im achten Lettensjahre. 
Tafel XIV: Selbstbildnis Dürers im 13. Lebensjahre. 
Kurve über den Beginn der Onanie. 



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A, Marcus & E> Weberg Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn 



Aus/üi^e aus Besprechnngen : 

30 Jahre sind verflossen, seil Krafft-Ebings berühmte Psychopathia sexualis das 
erstenial erschien. Seither hat die Sexualwissenschaft eine enorme Bereicherung er- 
hbren, di« jenes ausgezeichnete Werk trotz Beritdsiditigung des neuen in den spä- 
teren Auflagen veralten ließ. So hat es der auf dem Gebiete der Sexaalpathologie 
rühmlichst bekannte Autor unternommen, ein neues Lehrbuch zu schreiben, dessen 
erster Teil, die geschlechtlichen Entwicklungsstörungen enthaltend, nun vorliegt . . . 
Eine Reitie ausführlicher Krankengeschichten und guter Abbildungen ergänzt das Ge- 
sagte aufs Beste. Möge das Buch das vom Autor gesetzte Ziel erreichen, den Sexuell-Patfao> 
logischen eine gerechtere und mildere Beurteilung zu sichern. 

Der praictische Arzt, 1917, H.5, S. 100. 

. . . Eine systematisdie Bearbeitung der sexndloi Stfimngen unter BerüdEricht^rung 
dieser neugefundenen Tataadien hat bis jetzt gefehlt, und diese Lflclw wird durch 

Hirschfelds Buch ausgefüllt . . . Dabei schöpft der Verfasser aus dem reidien Born 

«iner langjahriiyen praktischen Beschäftigung auf diesem Sondergcbictc der Medizin, SO 
daß er seine Ausführungen fast durchweg mit lehrreichen Fällen seiner eigenen Er- 
fahrung belegen kann. . . . 

Frankfurter Arzte-Correspondenz,* 1916/17, Nr. 20, S. 116. 

. . . Das Buch ist all denen, die sich für dieses Spezialgebiet interessieren, wohl 
zu empfehlen, besonders da H. mit zahlreichen Krankengeschichten die systematische 
Darstellung illustriert Wflrtt med. Correspondenz-Blatt, 1917, Nr. 7, S. 65. 

. . . Der bekannte Verfasser hat sich befleißigt, alles zu vermeiden, was als Mangel 
«n kühler Sadiliehkdl angesehen wttdem könnte. Trotzdem katm man rieh bei der 
Lddfire des Werkes des Eindrudis nicht erwehren, dafi die IMenschen, von denen hier 
4]ie Rede ist, doppelt leiden, nicht nur an derTHebrichtung an und für sicli, sondern 
mehr noch unter ihrer Verkennung. Schon um hier eine Besserung herbeizuführen, 
ist dem Hirsch feldschen Buche, dem eine größere Anzahl instruktiver Bildtafeln t>ei- 
gegeben sind, weiteste Verbreitung zu wünschen. 

Bayr. Ärztl. Corr. -Blatt, 1917, Nr. 2, S. 14. 

. . . Hirschfeld schöpft aus dem Leben und aus dem Vollen, sein Werk ent- 
stammt nicht der Schreibstube, sondern dem Sprechzimmer und seiner sehr umfang- 
reichen Spezialpraxis der Millionenstadt Berlin. Es beginnt mit den Ursachen und 
Folgen des Qeschlechtsdrüsenausfalls, dann folgen : Stehenbleiben auf kindlicher Ent- 
Wicklungsstufe (Infantilismus), Vorzeitige Entwicklung von Körper, Geist, Oeschlechts- 
empfinden und Geschlechtstrieb (Frühreife), Neurosen und Psychosen im Pubertäts- 
und Rückbildungsalter (genitale Evolution und Involution), zusammengefaßt als »Sexuai- 
krisen", schliefilich die Onanie und das Vcrlieblsein in die eigene PasdnUchkeit (Auto* 
monosexualismus). Die nächsten Teile sollen bringen: Störungen der Oeschlechts- 
differenzierung und die geschledlflichen Eindrucks- und Ausdrucksstörungen. Bne 
eingehende Besprechung des ganzen VC'crkcs nach Erscheinen behalte ich mir vor. 
Zum ersten Teile bemerke ich, daß dem Verfasser die Neuordnung des schwierigen 
Stoffes, seine wissenschaftliche Durchdringung und das Fernhalten von jeglichem sea- 
satiottdlen Beigesdimack durchaus gelungen ist, so daß nur der ernste Forscher der 
dunklen Seiten des Menschenlebens auf seine Kosten kommen vird. Der.Stil ist flfissig, 
die Darstellung ungemein klar. 

IC Oerster im Literar. Zentraiblatt 1917, Nr. 12. 



« 

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A. i'^larcLis & E. Webers Verlag Dr. jur. Albert Ahn in Bonn 



Moralität und Sexualität 

. Sexualethische Streifzuge im Gebiete 
der neueren Philosophie und Ethik 

Von Professor Dr. Albert Eulenburg: 

Och. Med.-Rat in Berihi 

Preis: geheftet 3.50 Mark, gebunden 4.50 Mark 
Mit Teucrui^isziischlag: geheftet 4.25 Mark, gebunden 5.45 Mark 




Gnlenbttiigf, dem vir sdion so mandie wertvolle Arbeit Aber Sondergebiele de!» 

Sexualismus verdanken, hat eine fesselnde und in mehr ali^ einer Hinsicht lehrreiche 
Untersuchung über die Stellung der modernen Philosophie zu dem wechselseitigen 
Verhiltnis der Montitat und Sexualität veröffentlicht wfar durdisdirdten mit dem 
Verfasser, der überall in kritischen Anmerkungen zu den einzelnen Systemen Stellung 
nimmt, den Zickzackweg, den die Philosophie von der engherzigen und vieltidi ein- 
seitigen Theorie Kants ab über Fichte, Schleiermacher, Schopenhauer, Lo4ze, v. Hartmaim 
und andere ältere Denker zu Nietzsche, Wundt und den allemeuesten Vertretern der 
sozialen Philosophie und Ethik zurückgel^ hat. Es gibt keine eindruclsvollere AAe* 
thode, den gewaltigen Wandel der Anschauungen, wie er sich in kaum mdn' als dnem 
Jahrhundert in den Köpfen unserer führenden Denker vollzogen hat, dem Leser zum 
Bewußtsein zu bringen, als die von Euienburg gewählte; sie darf bei der Bedeutung des 
behandelten Oe|pmt>ndes daher das Intexeaae jedes Gebildeten für sidi in An- 
sprach nehmen. KSbdadu ZtUung, 21. Jonaar m7, 

Eulenburg geht auch an den JAngsten, von dem Weltkrieg be^nstigten Bestre- 
bungen im Sinne einer enerigischen positiven Bevölkerungspolitik und Fuf^enik nicht 
vorl^. Soweit Eulenburg eigene Ansichten durchblicken län^ erweist sich sein Stand- 
punkt als durchaus vorumaand, durch politische» soziale oder rdi^öse Enghazislieii 
unbeeinflußt ABgmtiae mcdÜUnM« ZnOnäiattmig, im» Nr, 47, S, 188, 

Ditj tiefgrfindige' Arbeit des auf dem Gebiet der Sexualforschung rühmlichst be* 

kannten Verfassers verdient auch an dieser Stelle ein Wort auszeichnender Ent'ähnung,. 
obwohl die Ausfuhrungen selbst mit dem Gebiet der Kriminologie an sidi nichts zu 
tun haben. ... An dieser Stelle sei nur auf die Schrift seilest, die die vollste Auf- 
merksamkeit der für diese Gebiete sich interessierenden Forscher beansprucht, nach- 
driicklich hingewiesen. ^rcbw für Kriminologie, Bd. 67. H. 4, S. 308. 

Das Buch bietet vor allem dem Ethiker einen wertvollen und großzügigen Über- 
blick über die Bedeutung und Wandlung der sexualethischen Anschauungen. . . . 

BBchmnarkt 1916» Nr. 12» S. 19, 

. . . Wie sich die einzelnen I^ilosophen des IQ. Jahrhunderts und der Gegen- 
wart dazu stellei^ vit d dafgelcgt. Die gründliche und äußerst anregende SchrUf ist 
Rudolf Eucken gewidmet iftr Korrespondent für die Arbeit zur IMuag 

der Sittlichkeit. 1917, Nr. 2, S. 16. 

A. Eulenbuig beriditet mit ruhiger Sachlichkeit und Kritik über sexualethische 
Oedanken der letzten etwa 100 Jahre und gewinnt fOr den Standpunld des modernen« 

mecli/inisrh und sozial gebildeten Menschen damit neue Befestigungen; fttr die ganze 
Rdormbew^ung der Neuzeit hat diese Studie Bedeutung. 

Läerarucher Jahresbericht des Dürerbundes 19 It, S. JSl, 



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A, Warctts & R Webers Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn 



freundschaft und Sexualität 

. Von Dr. Placzek 

Nervenarzt in . Berlin 

Dritte, wieder ▼ernehrte Anfiage 

Ms 2.— Marie, mit Teucninsmchlag 2.20 Mark 



AauBgß mu Btsprtehangen dar zuftäm Auflagt t 

Voteser ist kein AnhSnger der Freudscfaen Lelmn, wie man nadi der Ober* 

Schrift des Büdileins vermuten könnte, im Gegenteil, er wendet sich wiederholt ziemlidi 
entschieden ^e^en deren Anwendung, insbesondere auf die Freundschaft zwischen Per- 
sonen desselben Geschlechtes. ... 

Wiener medizinische Wochenschrift, 1917, Nr. 10. 

Die sehr inter^sante Abhandlung sucht die Grenze zu ziehen zwischen der 
Pknindschaft und gewissen pathologischen Vtmuigen. Eine solche Aibeit wird not> 
wendig durch die Übertreibung von Forschungsetgebnissen dttiger Sedeniizte. . . . 
Die kleine Arbeit ist durch die Tiefgründigkeit und Genauigkeit ihrer Entscheidung* 
von unschätzbarem Wert. Täc^liche Rundschau, Berlin 1916, 20. Dez. 

Zu den interessantesten Problemen unter den mannigfachen Rätseln des mensch- 
Kchen Lebens zählen zweifellos die Wechselbeziehungen von Freundschaft und Sexu- 
nlltit. diese Bedeihnngen, bald bewußt, bald unbewußt, miteinander sidi ver- 
ketten und tiuadiend decken, wie sie sich anscheinend untrennbar miteinander ver- 
fldraidzen kOnnen, zeigt der Ixkannte Veriasaer in obiger Broschüre. 

Die Woche, 1916, H. 48. 

. . . Inhaltlich wesentlich verändert und erweitert, 'Uißerlich klar und anschaulich 
ge^^liedert, erscheint sie jetzt und wird sicherlich gleich ihrer bescheideneren Vorgängerin 
all derer Interesse wecken, die immer noch im Menschen und seiner seelischen Artung 
das lodoendste Studienobjekt finden. 

KOnigsberger Hartungsche Ztg., 1916^ 17. Nov. 

. . . da ist es ein wirkliches Verdienst, wenn eine Autorität auf diesem Gebiet 
den Versuch macht, dieses Problem cinma] wissenschaftlich zu erörtern und nachzu- 
weisen, wieviel bei überschwenglichen oder gar verfänglichen Freundschaftsbeteuerungen 
der Zeitmode auf die Rechnung zu schreiben ist. Interessant sind in dieser Hinsicht 
PlacttiB Auszüge aiis alten Stammbüchern. Büchermarkt, 1916, Nr. 12. S. 19. 

Das wichtigste 10^^ in der sehr gründlichen Arbelt behandelt »die IPIreundp 
Schaft und das Geschlechtsleben", und zwar in den Unterabteilungen: Männerfreund- 
schaft, Frauenfreundschaft, Mann\tTiblichc Freundschaft, Freundschaft und Ehe, während 
eine spezielle Beurteilung der neuerlich auch von dem Gesichtspunkt der Sexualität 
hautig angegriffenen Wandervogelbewegung gewidmet ist. . . . 

Archiv fflr Kriminologie, 1916, Bd. 67, H. 3, S. 235. 

. . . Man muB dem Verfasser dankbar sein, daß er durch Aufrollung des Rmmd- 
adnflsproblems zeigt, wohin einseitige Denkweise, die sich in wissenschaftliches Oewand 
Udde^ zum Schaden der gesamten Sexualwissenschaft führen kann. 

Wolfenbütteier Kreisbiatt. 16. Januar 1917. 



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iL Marcus & E. Webers- Verlv (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn 



e 



Die sexuelle Untreue der Frau 

Eine sozial-medizinische Studie 

von 

Universilälsprotessor Dr. E. Heinrich Kisch 

K. k. Regieningsrat 

i. Teil: Die Btiebreclierln 

Preis geheftet 4.50 M., gebunden 5.50 M. 
Mit Teuerungszuschlag: geheftet 4.95 M., gebunden 6.05 M. 

Inhalt: 

I. Die geschlechtliche Untreae der Frau : Sexueller Treubruch. — Ehebrecherische 
Präludien. - Sittliche Wertung und Strafbarkeit der Untreue im I^ufe der Zeiten. ~ 
Einfluß der Kultur. — Gesetzliche Strafbestimm ingen in der Gegenwart. 

II. Die Kausalität der Geschlechtsuntreue der Frau: Der weibliche Geschlechts- 
trieb, seine Anrdznngen und Hemmungen. — Die Aufienvdt und innere Reize. 
D«s Schwanken der Reizsr56e. — PeisönliGhl«t des fremden ManneSj seine physischen 
und Geistesqualitäten. — Anziehung durch Gegensätzlichkeit, Abwechslung und Eitel- 
keit, — Die iMacht der Gelej^enheit. — Steijjening der Reizungen durrh Kultur- und 
Gesellschaftsverhältnisse. — Beeinflussung und Hemmung der Willenskratt und weib- 
liche Tugend. — Abhängigkeit von bestimmten Vorgängen im Genitale des Weibes. 

III. PUnomene des wefUichen Ehebrvchs: Geringere Entwicklung des sexuellen 
Triebes l)eini Weibe. — Unterschiede zwischen weiblichem und männlicliem Geschlechts- 
triebe. — Anatomische, physiologische und psychologische Differenzierung. — Seelische 
Liebe und Geschlechtsakt — Ehebruch oder Treue. — Verschiedene Typen der ehe- 
brecherischen Frauen. 

IV. Der Mnttertypus und die khidfriMt Friit: Der mütteriiche Typus In der 
Ehe. ~ Das rdne Weib. — Die deutsche Hansfrau. — Beständigkeit ui der Treue. — 
Die Führung des Gatten. — Der Ehebrach durdi Verschulden des Gatien. — Die 
kinderlose Frau. 

V. Die degenerierte Frau und der Ehebruch: Ererbte tind erworbene Entartung 
der Frau. — Die Ehelüge der Dekadentin. — Die Eliebrecheriijnen der Plutokratie. 
— Das dämonisdie Wdb. — Der Messalinentypus und seine Fathologie. 

VI. Die Wrtlvermuidtsdiaft ab MoHt gesehlediUichcr Untran: Die wunvep» 

standene' Frau 'und ihre Affinität zum fremden Manne. — Die Ooethesdie Wahlver- 
wandtschaft. — Amt'imivrii,. i,nd nhysiologischc Motivierung in der Genitalsphäre. 

VII. Die emaniipierte Krau und ihre Untreue: Die in der Liebe frei W-Uilende, 
■ — Die im Berufe stehende Frau ohne Geschlechtsbetonung. ~ Die geiuak i rau. — 
Ehe unter Kollege. — Die kokette Frau. 

VIII. Schiaßwort und Rfickblidr: Die Gegenwartsverhältnisse als gflnsdger Nähr- 
boden der ehelichen Untreue der Frau. — Ein sittlicher Umschwung durch den Krieg 
und seine Folgen, eine mächtige Weckung des Treusinnes zu erwarten. 



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A> Marcus & E. Webers Verlag (Dr. jur Albert Ahn) in Bonn 



.... Häufige Beziebunsen auf die dnschlägige moderne Literatur bdeben die 
Darstellung, die für den Ant und Soziologen gleidies Interesse bield und als ernste 

Arbeit gevccrtet sein will, die den hohen Wert der Frauentreue für das Glück der 
Ehe und den Aufsti^ der Rasse einschätzt und preist 'Büchermarlct 1917. 

.... Alles in allem: Ein gutes Buch mit reiner Tendenz. 

Neue Generation 1917. 

.... Mit Recht kann man hier wirklich von einem Buche reden*, Wie es auf 
diesem Gebiete in der Weltliteratur bisher nicht seinesgleichen hat. 

Deutsche Mütterzeitung 1917. 

Mag man mit dem Verfasser auch ijber manchen Gedankengang und Leitsatz 
rechten können, das Buch als Ganzes bietet eine Fülle von Wissensbereichung, und 
diese ist den Aizten ganz besonders zu wünschen, die, durch ihrra Beruf mehr als 
andere Mensdien gezwungen, p^diische Eigenarten zu verstehen leider noch immer 
den gewichtigsten Faktor im Erdendasein, die Sexualität, allzuwenig kennen. Hier 
kann und soll Kisch's Buch beiehrend wirken. Medizinische Klinik 1917. 



iL Teil: Das ieUe Weib 

Pnas geheftet 5.40 M., gebunden 7.- M. 
Mit Teuerungszuadtlag gdieftet S.95 M., gebunden 7.70 M. 

Inhalt: 

I. Die Prostitution des feilen Weibes: Begriffsbestimmung der Prostitution. — 
Das charakteristische Merkmal der Bezahlung und der stetigen Untreue. — Verschiedene- 
Arten der Prostitution in alter und neuer Zeit — Bezidiungen von Ehe und Prosti- 
tution. — Stnfreditlidie Bestimmungen gegen prostituierte Frauenzimmer. 

II. Die Prostitntion als soziales Obel: Die verschiedene Schichtung der Prosti- 
tuierten. — Die Negation jeder Kontinuität zwischen Mann und Weib. — Mangel an 
Persönlichkeit und sittlicher Defekt. — Das aggressive Element und die Lügenhaftigkeit 
im Charakter der Prostituierten. — Die wachsende Verbreitung des Übels mit dem 
Fortschreiten der Zivilisation. 

III. Die KansaHttt der PnstHiitioB: Dem gesteigerten weiblichen Oescblechls- 
triebe und sexuellen Variatipnsbedflrfen entspringende Motive. — Veranlagung zum 

Dirnentum. — Die materielle Not als treibender Motor. — Nationalökonomische Be- 
gründung in der Bcnifshcschäftigung des Weibes und Gclegenheitsursachen. — Alkohol- 
genuß als Förderer. — Verlassene Frauenzimmer der Prostitntion verfallen. — Behin- 
derung der Verheiratung durch auuere VerluUnisse. — Freie Lieoe als Übergangs- 
sladium der Prostitution. — Altruistische Motive. 

IV. Dit „VerUHais» der jmgcn Uote: Die zeitiich eingeschränlcte geschlecht- 
liche Verbindung eüies jungen Menschenpaares. — Die BeMedignng des seelisdien 

Empfindens und leiblichen Bedüriens des Geschlechtstriebes außerhalb des Bandes der 
Ehe. — Die Pariser Grisette und das Wiener süße Mädel. — Das Probeheiraten au£ 
dem L.ande. 

liftrlMliaag «UhI» Sdte4 



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X, Marcus & B. Webers Verli^ (Dr. jur. Albert Ahn) In Bonn 



V. mi r me nnd KmkiUBe: Die Mlireaae auf der obersten Rmgslufe der Piro- 
flütution. — Tfiefaeit, Eitelkeit und Genußsucht als Motiv; hohe Anspräche auf Geld, 

gesellschaftliche Stellung und Einfluß als Attribute. — Die Mätressen Wirtschaft im 
Altertume, am Mofe der Könige von Frankreich sowie deutscher Pörsten im acht- 
zehnten Jahrhundert, und in der Gegenwart. — Das Kontingent der Schauspielerinnen 
ttod Slflgeriniwii zn den Kurtisuien. — Der bfirg^iche Konkubiiiat ~ Die Hdb- 
jungfhitien. 

VI. Die MfeatBche wai SliiftcMliiiw: Das Dinteittum ab jj^tmeiiadiiniif des 

Weibes und Entrechtung seines Körpers. — Charaktereigenschaften der Dirne. — Die 
Streitfrage der Bekämpfung, ob durch Bordellinstitution oder Abolition. — Dis Bordell- 
wesen in seinem Einflüsse auf die öffentliche Gesundheit und Sittlichkeit. — Die 
Tendenz des Abolitionismus und die Einrichtungen in den großen Städten. 

VII. Rückblick nnd Schlußwort: Verhütung und Bekämpfung der Prostitution. 



p\er Verfasaer zeichnet sdiarf die in der Oegenwart so fiberaus nichtige und vcr- 

derbliche Erscheinungsform des feilen Weibes und sucht das Wesen der Prosti- 
tution zu analysieren, die Kausalität dieses geschlechtlichen Verbrechens ZU erforschen 

und die Bekämpf un^,» cicses sozialen l'be!s zu fördern. 



Zeitechrift für Sexualwissenschaft 

Internationales Zentralblatt 
für die Biologie, Psychologie, Pathologie und 
Soziologie des Sexuallebens 

Begründet von 

Prof. Dr. A. Eulenbur^; und Dr. Iwan Bloch 

in Beriin in Berlin 

Unter Mitarbeit von Fachgelehrten herausgegeben von 

Dn Iwan Bloch 

in BerUn 

Die in Monatsheften erscheinende Zeitschrift, welche im April 1918 ihren 5. Jahrgang 
begann, hat sich zur Aufgabe gesetzt, der Forschung auf dem Gebiete der ge- 
samten Sexualwissenschaft in streng wissenschaftlicher horm zu dienen und 
dieses Wissensgebiet als ein organisches Ganzes in biologisi 1 i , psychologischer, patho- 
logischer und soziologischer Beziehung dem «issenschaftlicben VerstSndnis aUseitif 
zu erschließen. 

Freis für den Jahrgang von 12 monatlich erscheinenden Heften 16 M. 

Die vollständig vorliegenden Bände I, II, III und IV sind gebunden zum Preise von 

)e IM Mark zu bedelien. 

Ausführliche Prospekte und Probehefte der Zeitschrift, die am besten über den Inhalt 
orientteien, liefern auf Wunsch alle Buchhandlungen u. der Verlag, die auch Abonnemente 

entgegennehmen. 



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A. Marcus & E. Webers Verlag; (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn 



Die moderne Behandlung 

der Gonorrhöe beim Manne 

Von 

Professor Dr. Asch 

in Straßburg (Eis.) 

Mit 25 Abbildungen im Text 

Preis geheftet 2.60 Mark, gebunden 3.20 Mark 
Mit Teuerungszuschlag: geheftet 3.15 Mark, gebunden 3.85 Mark 

Mfinchener medizinische Wochenschrift: . . . Die angenehme Art der Darstellung 
und die besondere Berücksichtigung gerade der neuesten Behandlungsmethoden werden 
dem kleinen Leitfulen sidierlicli unter den Praktikern Einging verschaffen. 

Die Behandlung der 
Haut- und Geschlechtskrankheiten 

(SOBd«raruu aus air .Jhirapie u den BODOsr univirtUUsUlBilm, L WBmti 

Von 

Prof. Dr. Erich Hoffmann 

Direktor der HautUinik in Bonn 

Pttis geheftet 3^ Mark, gebunden 5.- Mark 
Mit Teueningszusdilag: geheftet 3.95 Mark, gebunden 5.50 Mark 

Vorwort 

Kaum auf einem Gebiete der .Medizin sind im Laufe der letzten Jahre so viele ■ 
wichtige Fortschritte, besonders in den Behandlungsmethoden, gemacht worden, als auf 
dem der Haut- und Geschlechtskrankheiten. Wie die Einfüiirung der Licht- und 
Röntgenstrahlen die Therapie der Hautkrankheiten wesentlich gefördert und neue Möglich- 
keiten eröffnet hat, so ist durch die Entdeckung des $alvarsaiis die Behandlung der 
Syphilis völlig umgestaltet und die abortive Heilung dieser chronischen Krankheit 
durch eine oder wenige kräftige kombinierte Kuren in vielen Fällen erreichbar gemacht 
worden. Es ist daher verständlich, wenn der praktische Arzt sich auf diesen Oebfelen 
gegenwärtig nur schwer zurechtfindet und nach einem kurzen und doch alles Wesent- 
Lche enthjütenden Wegweiser sucht, der Altbewährtes und Neuerrungenes in über- 
siditlidier und letchtverst9ndlicher Weise zusammenhißt. Aus diesem Onindc habe 
ich mich entschlossen, dem \X'u:ir c!ir einiger Facligenosscn zu folgen und diese ur- 
sprünglich nur für meine Hörer bestimmten Ausführungen in Form eines eigenen 
BOdileins erscheinen zu lassen. Möge es vielen Ärzten ein zuverlässiger Rabber 
werden und auch der Versuch, neben den üblichen fremdsprachlichen Krankbeitsnamen 
ioirze deutsche Benennungen einzuführen, trcundiicbe Aufnahme finden. 

Bonn, im September 1917. Erich Hoff mann. 



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A. Marcus & E. Webers Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn 

Lehrbuch 

der forensischen Psychiatrie 

Von 

Proi Dr. A. H. Hühner 

Oberarzt der P^diiatrischoi und NervenkUnik in Bonn 

Preis geheftet 26.- Mark, gebunden 28.- Mark 
Mit Teueningszusdilag: geheftet 31.50 Mark, gebunden 33.90 Mark 

^Mut bloß die MedLdner im ttUgemclnen und die Psydiiater insbesondere, 
sondern audi die Jtjristen — Richter sowohl wie Staatsanwälte und A+sanv öltf — , 
femer audi Vcrv.'ültunqs'neamte und nnmentlidi auch Leiter von Heilanstalten, 
Vorsteher von ätroiaastaiten, sowie überhaupt alle, die an der £rkenntnis und 
FesteteUuag tob Gelsteakroakheiten ein Interene lubett, werden aiw dem gcista 
▼oUeo, ungemon inholisreidieik Werke Belehrung und für ihre Pnuda donemden 
Hutpeu sdifirfem Wrldldier Gchciflicr Kihtgßnk Dr. jur. Romeo. 

^ " Die Anadiflffung des Bi^diea Irann d^ Geriditsotst ebenso wie dem Psydii» 
"^äter warm empfohlen werden. Oeh. llled.-RBt Prof» Pnppc-KSnlgplMCC t Pr, 

Zdbdirift fSr Psychiatrie: . . . Das Hübnersche Budi bringt tn>$ seiner Stärke nur 
Notwendiges und Wissenswertes und dies in Uurer und yerstfindUdier Form. 
Die illustrierenden Beispiele aus der Prozls sind knapp, kurz und treffend» 
die Gesetsesporogroplien und ihre Erläuterungen redit voUstondig. 

Berliner Uin. Wochenschrift von 20l IV. 1914: ... In der Tot dfirfite es koom eine 
einzige Rechtsfrage an den Psychiater geben, die das Hübnersche BndiniehA 

beantwortet . . . Ein erschöpfendes Namen ^ und Sachregister schliel^en das 
Hübnersche Buch, dem Referent den wo}]] vcrclicTitcn Frfolg herzlich wunscht- 
Das Buch ist ein treifliches J^iachschiagebuch auch für den erfahrenen Sach^ 
yerstSudigen, und kann ungleich für dos seihwlerlge GeHet der forensisdien 
Psyehiottie auf dos beste ▼orbereiten. 

I 

Deutsdie medizinische Wochenschrift 1914, Nr. 9: . . . Den vielen beamteten Ärzten, 
wie mondiem Praktiker, der hfiufig mit fbrensisdispsydiiatrisdien Fragen bos 
fisißt wird, ist dos Bttdi sidier als sur Zmt bestes Lehr^ und Nadisdilageweilc 
SU empfehlen. 

Archiv fir Pqpdilalrle: . . . Dos reldie Moteriol, weldies dem Verfasser sur Vera 

itigung gestanden hat, ist gesdiidit verwendet worden. Die Darstellung er» 

freut durA Klarheit und Prüqnan7. Das Lehrbuch in seiner Vollständigkeit 
bildet einen guten Ratgeber für alle in das Bereidi der forensisdien Psydiiotri« 
fallenden Fragen. 



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tANE MEDICAL I.IBRARY 



To a\ iiiil hiie. this hovk slioiiM In ri tnriu d on 
Ol lict\;re thc ilatc last stainpctl ikIow. 



C671 






H66 


Hirechfeld.M. 


48170 


1917 


Sexueü. Pathologie 




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